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Hans Rütsch, Fähnrich von Freiburg i. Br., berichtet über die Übergabe der Stadt Thiengen an die Schweizer (April 1499)

Aussage des Fähnrich von Freiburg i. Br., Hans Rütsch, über Vorgänge in Thiengen vor und bei der Übergabe der Stadt an die Schweizer, 15. - 18. April 1499

Montag 15. April: Beratung der Hauptleute, was beim Anrücken der Schweizer zu thun sei. Sie überlassen die Entscheidung dem Hauptmann Dietrich von Blumeneck; sie schicken nach Waldshut um Hülfe; unterdessen kommen 200 Knechte. Dienstag 16. April: Des Dietrich von Blumeneck zaghaftes Benehmen wird getadelt. Gerücht, derselbe wolle abziehen aus der Stadt, wie Graf Rudof von Sulz gethan. Mittwoch 17. April: Dietrich von Blumeneck trifft Anstalten zum Abzug mit der Mannschaft. Er und sein Schreiber ziehen ab; die übrigen bleiben, Hans von Baldeck wird ihr Hauptmann. Der Kirchherr von Thiengen sucht bei den Schweizern um einen Waffenstillstand und um Übergabeverhandlungen nach. Die Schweizer erklären sich nur unter Ausschliessung der Edelleute dazu bereit. Donnerstag 18. April: Endlich treten sie in Unterhandlungen ein. die Beauftragten der Besatzung erbieten sich zur Übergabe der Stadt und bitten, ihnen den Abzug mit ihrer Habe zu gestatten. Von den Schweizern gestellte Übergabsbedingungen: Sie besetzen die Stadt und lassen die Leute schwören. Rütsch bittet seine Herren von Freiburg um Nachsicht.

Hans Rútschen des fendrichs sag, als vff donrstag vor Geory (April 18) im (14)99 jar Diengen den Schwitzern ward vffgeben: Vff mentag zu nacht nach Tiburtii (April 15) hat herr Dietrich von Bluomnegk nach den hauptlúten vnd fendrichen geschickt in der Diessenhoferin hus vnd also geredt: "Hie sint wir, hie müssent wir bliben"; ihm kem botschafft, die Schwitzer kement mitt grossen huffen. Vnd fraget juncker Ludwigen vom Fúrst mit denen worten: "Wie wellent wir der sach thuon?" Da sprach er: "Fragent minen fendrich!" Dagegen redt Hans Rútsch: "Wollent ir den wagen fúr die ross spannen? Ich raut nit vor minem hauptmann, aber nach sim raut will ich rauten, was mich guot bedunckt." Vnd als man nit wolt nachlassen, dann Hans Rútsch müsse vor rauten, da sprach Hans Rútsch: "Ich bin har geschickt von wegen miner herren von Friburg als ein fendrich; demnach so wil ich thuon, was eim fromen zuostat, vnd wo ich hin bescheiden wúrd, vnd was mich min hauptmann heist, das will ich vollbringen." Demnach fraget her Dietrich den Judenbräter, was er riet. Antwurt der Judenbräter: "Gnädiger herr, ir wissent, wie dieser fleck zuo behalten ist; wir habent kein mel, vnd mag man vns das wasser nemen, wen man wil." Vnd endlich gieng der rautschlag darvff, das mans her Dietrich als dem obersten hauptmann heim satzt. Vff das ward botschaft gen Waltzhuot zuo juncker Ruodolffen von Bluomenegk vnd andere hauptlúten geordnet, namlich der waldprobst vom Wald vnd der fendrich von Núwenburg, ob man inen wölt zuo hilf komen, angesehen den mangel, den sie hatten etc. Vnd ehe dieselb botschafft harwider komen, do ist dar komen juncker Frantz von Rockenbach vnd juncker Hans von Fúrst mit zweihundert knechten. Vnd was die botschafft geschafft hab, sie Hans Rútschen nit wissent, vnd ist nit daby gesin.

Vff zinstag (April 16) hat juncker Ludwig vnd Hans vom Fúrst, Hans von Baden, Mathis von Renchen vnd Hans Rútsch in der herberg zimbiss gessen; in dem ist ein reisiger knecht komen vnd redt: "Herr Dietrich vnd etlich mehr schickent ir hab vnd ross zum thor vs, wollent ir nit auch pferd hinweg schicken?" Vff das schwuor der von Baden vnd sprach: "Wo ich blib, da müssent mine ross auch bliben!" In dem, als der knecht hinus kam, nahm der von Baden ein rollibatzen vs seinr bússen, warf den vff den tisch; das was zuo halbem imbiss, vnd gieng von ihnen, nit wiss er, wohin. Demnach kam aber ein botschafft vber ihren tisch, die Schwitzer zúgent daher mit macht. Da wistend sy vff mit dem fenli an die wehr vnd iederman an die muren, da ieder hin geordnet was. Das währet biss zuo nacht. Da schickt herr Dietrich nach allen hauptlúten vnd fendrichen in der Diessenhofferin hus; vnd als sy by einander warent, da fiel herr Dietrich ihm selbs in das hor vnd redt mit weinenden augen: "Nun muoss gott erbarmen, dass ich muoss eine schantliche sache thuon; dann mich langt an, eür ein teil wöllent vber die muren vsfallen." Vnd also sach ie einer den andern an vnd insonderheit vff Fridlin Becken, der fryen knecht hauptmann. Vff das redt Fridlin Beck: "Gnediger herr, wie sint ihr so gar erschrocken; hant ein guot hertz, wir wöllent all das best thuon vnd vnser leben daran spanen vnd mnit wichen vnd thuon als die fromen." Demnach hant die gemeinen hauptlút all in der gestalt her Dietrich zuogeseit. Vff das redt herr Dietrich: "Ich wil thuon als ein frommer ritter, vnd wölt gott, daz ich der böst wär, so wölten wir ein sach thuon, davon man sagen müsst." Vnd als ein red entsprang, der graff von Sultz wär vs der stadt hinweg, das mengem schwer was, ward herr Dietrich gefragt, in was gestalt das beschehen wär. Antwort herr Dietrich: "Er hats mit raut gethan." Ist dem Rútschen nit wissen, wer dem graffen sollichs gerathen hab. Demnach hat man raut gehabt, vnd was also beschlossen oder gerauten ist worden, das thät man dem Rútschen nit zuo wissen.

Vff das in derselben nacht ist juncker Ludwig komen zum Rútschen an die wehr vnd hat zuo im gesprochen: "Woltestu verschwigen sin, ich welt dir etwas sagen."Vnd vff des Rútschen zuosagen sprach juncker Ludwig, her Dietrich wölt abziehen. Vff das fürt man vnser búchsen von der wehr vff den platz. Sollichs bleib anston by zweien stunden. Kam juncker Ludwig widerumb zem Rútschen vnd sprach: "Hans, es ist nút darus worden, man wil bliben." Demnach bleib der Rútsch mit sim fenli an der muren; vnd wenn es im guot beducht, so gieng er dieselb nacht zuo den knechten an die muren vnd muntert die.

Item am mitwoch (April 17) an morgen gegen tag sprach Rútsch zuo juncker Ludwigen, als er by drien nächten gewachet hat vnd sorgfeltig gewesen was: "Lieber juncker, leget vch an vwer ruoh, damit ir dester rüwiger werden in vwerm haupt; vnd wölt sich etwas begeben, so will ich vch das zitlich genuog zuo wissen thuon." Vnd als es tag, ward, da schickt herr Dietrich den Schätzli vnd sin gesellen zem Rútschen an die muren, er sölt ziehen mit sim fenli mit den knechten stil vnd heimlich vff den platz von der wehr. Vnd als Rútsch in gehorsame vff den platz kam, da stuonden die andern fenli all in der ordnung vff dem platz. In dem reit herr Dietrich vnd sin schriber daher vnd fúr vnd fúr. In dem sicht Rútsch das thor offnen vnd herr Dietrich vnd sin schriber vssin riten vnd die knecht all hinach. Vnd als sie fúr das thor kement, ward die ordnung zerbrochen, vnd ein geruof: "Wenden wider die stadt!" In dem kerten sie sie sich vmb vnd ylten der stadt zuo. Vnd als sie wider in die stadt komen, kam Hans von Baldeck zum Rútschen vnd sprach: "Zúch bald vff die wehr vnd thuond als fromm lút, wir wölent by einander bliben als die frommen. Wir hand ein andern hauptmann gemacht, juncker Hansen von Baldeck, der wil by vns sterben vnd genesen vnd lieb vnd leid by vns liden."

Vnd als die knecht mit geschútz vff der muren sind geängstiget worden, da ist ein friden geruofft durch den kilchherren. Wer ihm das bevolhen heb, ist dem Rútschen verborgen. Da ist verbotten worden bym eid, nit zuo schiessen, weder hinus noch harin. Vnd also im friden hant die Schwitzer mit iren búchsen hinzuo gerust. In dem ist der pfaff an eim seil vber die muren vsgelassen, die Schwitzer zuo bitten, die wunden knecht vffzelesen vff beid pathyen, so vmbkomen warent. In dem warb er vmb ein friden vnd in der sach zuo dedingen, ob etwas mittels möcht in dem funden werden. Vff das bracht der pfaff die antwort in die stadt: Ihm wär fúrgehalten, dass sie dorlich thäten, das ein frome landschaft sich in der stadt finden liess vnd sich also liessen verführen. Dann sie hätten alle brieff, so ihnen wärent zuogesent von ihren herren; vnd wölten nútz in der sach lassen handlen, die edlen wärent denn nit daby. Als nun sollichs im raut vom pfaffen gemeldet ward vnd die edlen das hörten, traten sie vs vnd bathen, dass man sie nit ansäch vnd wie mans machte, dass numen die fromen knecht darvon käment. Nachdem als die edlen vstreten warent, ward erkannt, dass Polley von Rischach, juncker Ludwig vnd Frantz von Rockenbach widerumb solten in treten, dann ihren keiner wolt rauten, die dry, ihre hauptlút, werent dann zuogegen. Demnach ward von hauptlúten vnd fendrich im raut beschlossen, den Schwitzern fúrzehalten: sie sölten vier ordnen, dessglichen wölten sie auch thun, ob etwas mittels möcht troffen werden. Sollich ihre erste antwort ward den Schwitzern geben durch den pfaffen vber die muren vs.

Demnach vff donrstag (April 18) vor tag brachten die Schwitzer die antwort: Die gemeinen Eidgenossen hätten sich vnterredt, wir sölten das best thuon vnd vns halten wie fromm lút, das wölten sie auch thuon; dann sie wölten von keiner richtung hören sagen. Vff das redt der schultheiss in der statt gegen dem, der solliche antwort bracht: "Lieben herren, das ist ein fremds, dass ihr von keiner richtung wöllen hören sagen. Wir hätten gehofft, ihr thäten als fromm nachburen vnd guot gúner vnd liessent etwas mittels suochen; möchte denn etwas funden werden, das beschech in gottes namen; möcht dann dasselb nit sin, so thet man aber, wie sich gebúrte." Vff das gab derselb antwort: "Wolan lieben frúnd, ich wils widerumb hinter sich bringen vnd vch in einer stund vff vwer anmuottung ein antwort geben." Also kam er neher denn in einer stund vnd redt also: "Ihr söllent glauben zusagen, friden zuo halten, nit zuo schiessen, zuo werfen, noch anders, das vnwillen brächt." Vff das kam juncker Ludwig zem Rútschen an die wehr vnd bat ihn, das er losen wölt, wie die richtung genacht wúrd, so wölt er ihm das fänly versehen, vnd sprach: "Hilf dass die richtung gemacht werd vnd sich nit an mich, noch an kein edelmann vnd lass mich an dem ort vertreten." Vff das ist Rútsch gangen, als einer der sim hauptmann wolt gehorsam sin, zem Oberthor mit andern, die zuo der sach bescheiden warent. Wer aber die andern zuo der richtung bescheiden hat, ist dem Rútschen nit wissen(d). Vnd also ward der kilchherr zem ersten an eim seil vber die muren vsgelassen, darnach der schultheiss, Judenbreter, waldprobst, Fridlin Beck vnd Rútsch am letzten.

Demnach als sie zuo den Schwitzern komen sint, da haten sie ihren raut vmbstanden mit spiessen, vnd fieng einer vnter ihnen an also zuo reden: "Sagent, was lit vch an; das geben vns zuo erkennen." Da antwort der Judenbreter: "Lieben herren von Eidgenossen, wir sint her geleit, diese stadt der kunglichen majestat zuo behuoten. In dem ist vns zuogefallen, dass vnserer hauptmann von vns komen ist vnd wir kein hauptmann habent. Vnd als wir vch sehent in einer sollichen macht, so sint wir bericht, nit mit vch zuo fechten, vnd stand also hie, vch die stadt, wie sie an vns kommen ist, zuo vbergeben vnd vns mit vnser hab lassent abziehen, wie wir versampt by einander sint in der stadt." Vnd er redte das von der herren von Friburg wegen vnd der landschafft vnd sprach: "Fendtich von Friburg, wiltu etwas widter dazuo reden?" Antwort er: "Ich weiss nút darzuo reden."

Vff das redt der waldprobst: "Lieben herren, der graff vnd der hauptmann sint von vns komen, vnd ich bin also hie mit den minen, nit mit vch zuo fechten, sonder vch auch die stadt zuo vbergeben, wie die an vns komen ist, dass ir vns lassent mit vnser hab abziehen; dann ich bin by zehen wochen hie vnd im feld gelegen mit minem grossen schaden."
Also hat Fridlin Beck auch gebeten, ihn mit den sinen abzuoziehen mit der hab.

Also hat der pfaff vnd der schultheiss gebetten, sie in der stadt by dem ihren bliben zuo lassen, wie von alter herkomen. Das wölten sy vmb sie verdienen.

Vff das hant die Schwitzer sie gefraget, woher sie sigent vnd mit welcher macht. Da hant sie geantwort: "Von Friburg, von Núwemburg von Brisach vnd von der landschafft." Vff das fieng ein alter eberer mann an zuo reden: Er het offt gehört, dass fromm lút in der genannten landschafft weren; dass müsten sie auch geniessen; vnd sie hetten thorlich thon, dass sie bliben werent so lang in der onmechtigen stadt, vnd sich nit gehalten hetten nach dem schriben ihrer herren; dann sie hetten all ihr brieff, die ihnen zuogesant weren.

Nach dem sint die Schwitzer in iren rat getreten vnd by einer stund geraut. In dem habent sie ein grossen lermen geschlagen vnd die sach also beschlossen vnd die richtung vff die meinung gemacht: Sie wöllent das schloss vnd die stadt vfnemen nach ihrem gefallen vnd die burger in der stadt setzen nach ihrem verdienen vnd die juden fry vorus haben; vnd die andern, so in der stadt sigent, lassen abziehen mit einem stebly ohn die hab, vnd wöllent zwentzig vs dem huffen, wer ihnen lieb, gefangen nehmen vnd die fänlin in der stadt vnversehrt, wie die jetz weren, ihnen zuo vberantworten.
In dem thäten sich der pfaff, der Judenbreter vnd der schultheiss zuosamen, die ding hinter sich zu bringen. Als die Schwitzer das vermerktent, sprachent sie: "Entweder jehent ja oder nein, ob ihr gern wöllent; wir wöllent kein vnterred hören; dann es ist vnsern vnterthanen nit lieb, dass wirs vffnehmen."

Demnach hats der Judenbreter ihnen dargeschlagen, darnach der waldprobst, der pfaff, schultheiss vs der stadt, Fridlin Beck vnd Rútsch zuom letzten.

Demnach sint sie widerumb in die stadt zogen worden vnd habent ihren verwandten verkúndt, wie sollichs abgeredt sig.
Sollichs hat Rútsch juncker Ludwigen auch zuo wissen thon vnd das fenlin zuo sinen handen genommen vnd das behalten bis vff die zit, dass ers hat müssen vberantworten. 

Nach dem habent die Schwitzer ein huffen in die stadt thon, ehe sie haruss geloffen sint, vnd habent ie zwen in einer ordnung geführt durch ihr herren vnd habent berüfft den Wald besonders vff ein ort vnd ihnen den eid geben, in was form ist dem Rútschen vnd andern verborgen. Darnach hant sie genommen juncker Hansen von Baldeck vnd was zuo ihm gehört, vnd hinweg geführt.

Darnach hat man genomen die städt vnd die von der landschafft vnd den eid geben, so lang der krieg wär, nit wider sie ze thuond.

Vff das bitt er flissenklich, ihn gnedenklich zuo bedenken vnd ihm die ding in das best zuo keren. Dann ob er etwas vnrechts gehandelt hät, das sig vs thorheit beschehen. Er sig auch zweimal nit in ihrem rat gewesen; geschriften vnd anders, so man ihnen zuogesent hab, nit gehört; er hab sich geflissen, junckern Ludwigen gehorsam ze sin, in hoffnung, min herren lassen ihn dess geniessen. Dann hätt ers so witt betrachtet, als siderher, er wöl eh sin leben haben verlohren, eh er das fänlin wölt vberantswort haben.

 Actum vff Philippi vnd Jacobi (Mai 1) anno 99

(Abgedruckt von H. Schreiber in Mones Bad. Archiv I, Seite 105ff. nach dem Original im Stadt-Archiv zu Freiburg. Aber das Original ist nach einer gefälligen Mitteilung des dortigen Archivars Dr. Albert seit der Benützung durch Schreiber (1826) verschollen.)

Vorlage:

Christian Roder, Regesten und Akten zur Geschichte des Schweizerkrieges 1499, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 24 (1900), S. 71-182, hier S. 126-132

Empfohlene Zitierweise

Rütsch, Hans: Hans Rütsch, Fähnrich von Freiburg i. Br., berichtet über die Übergabe der Stadt Thiengen an die Schweizer (April 1499), in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6kz68/

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Erstellt: 31.01.2006

Zuletzt geändert: 31.01.2006


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