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Die Raeteis des Simon Lemnius

 

Simon Lemm-Mardagant nannte sich nach Humanistensitte Simon Lemnius Emporicus. Er stammte aus dem Münstertal und wurde Anfang des 16. Jahrhunderts geboren. Sein Weg führte ihn nach München, Ingolstadt und Wittenberg, wo er mehrere Jahre an der Hochschule studierte. Er geriet in heftigsten Konflikt mit Luther, floh aus Wittenberg und kehrte schließlich in die Heimat zurück. In Chur war er als Lehrer tätig, außerdem als Dichter und als Übersetzer antiker Texte. Sein Hauptwerk war das "Bellum Suevicum 1499 gestum" das er nicht mehr veröffentlichen konnte, weil er vorher, nämlich am 7.12. 1550, an der Pest starb.

Als Quelle scheint sich Lemnius hauptsächlich auf einen schweizerischen Kriegsbericht zu stützen. Das Epos wurde dann im 16. Jahrhundert mehrfach abgeschrieben und diente auch selbst als Quelle. Es blieb jedoch lange Zeit ungedruckt; erst 1874 wurde es in lateinischer Sprache und 1882 in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Raeteis" von Placidus Plattner in Chur veröffentlicht.

Obwohl das Epos den ganzen Schwabenkrieg behandelt, bietet die folgende Textauswahl nur einige signifikante Abschnitte aus den ersten zwei Büchern über die Anfangszeit des Krieges. In ihnen kommt insbesondere der Haß der "Schwaben" auf die Bündner und ihr Spott sowie - anläßlich des Kampfes um Maienfeld und die Luziensteig - die feige Flucht der "Schwaben" und die Tapferkeit der Bündner zum Ausdruck. Abschließend folgt noch der Epilog.

 

Drusi valle modos fecit, cecinitque pudenda
Voce super Raetis immitia verba juventus
Foedera deridens nostra, Helvetiosque recentes,
Mugitusque viris turpes ante ostia tollunt. 
Hic caedes fiunt, et stricto vulnera ferro
Ante foras Racti praestabant ense feroci.
Non id Campestres, non id vetuere Tiroles.

 

Lieder ersannen sich indessen im Drusustale die Jugend, 
Welche sie sang mit greulicher Stimme und schimpflichen Worten, 
Höhnend die rätischen Bünde zumal und den Bund mit den Schweizern
Stiess sie ein wüstes Gebrüll aus vor den Gemächern der Männer.
Rasch entspinnt sich der Kampf, mit gezückten Schwertern entstürzen
Grimmig die Männer den Zimmern und hauen sie blutig zusammen. 
Feldkirch hindert es nicht, noch hinderten dies die Tiroler. 
 

 

Hostilesque duces Majae de turribus altis 
Prospiciunt una saevis Cunneccius armis, 
Prantois, morsusque canis latratibus ingens
Joses, it ipse virum ductor tunc Sencus, et alter 
Prantoides Niccus, Raeteia signa videntes
Approperare, fugae subito dare terga parantes
Cornipedes frenant celeres, dominaque recepta
Prantoidae, Drusi vallem Campumque vetustum
Contendunt cursu, qua proxima littora Rheni.
Atque una dominae vestis colloque monile
Baccatum, pallam signis auroque ferebant,
Quodque infra geritur croceo velamen achanto.
Heu scelus, hic linquunt captas sine Marte cohortes, 
Et Brigantina simul huc ducta agmina silva, 
Estionesque viros desertos littore Raeti.
Incusantque duces saevos. Cunneccius illis
Incensusque odiis, idem quoque mente superbus: 
Huc ego vos duxi perituros ense Raeten
Respondens vehitur cristis crudelior altis,
Hic tunc Estiones; et qui Prantoides arvis
Adducti fuerant, exspectant funera Martis, 
Paene tamen capti domina et cum veste phalangi
Raeteae fuerant fugientes monte trementes.

 

Hoch von den Türmen der Maja nun schauten die feindlichen Führer.
Hans von Königseck in dem glänzenden Schmucke der Rüstung, 
Johann von Hundtpis auch, mit dem Rachen des Hundes im Wappen;
Hauptmann war er im Felde, und Schenk und Niklaus von Brandis.
Als sie die rätischen Banner gewahrten, da schwangen sie hastig
Sich auf die Pferde und sprengten in rasender Eile nach Feldkirch
Immer dem Rheine entlang; Katharinen, Sigmunds Gemahlin, 
Rettend im Halsgeschmeide, dem golddurchwirkten Gewande
Und mit dem unteren Rocke von safranfarbiger Seide, 
Liessen die eigene Mannschaft sie feige und schmählich im Stiche, 
Sowie die Männer vom Bregenzerwald und die Truppen vom Arlberg.
Einsam liessen sie letztere steh'n an der rätischen Grenze.
Gegen die grausamen Führer erhoben die Männer Beschwerde.
Königseck, in wilder Erregung hochfahrenden Geistes,
Gab die verhöhnende Antwort: "Hierher führt' ich Euch alle
In das Verderben, das euch nun die rätischen Schwerter bereiten".
Und es erwarten die Krieger aus Vorarlberg und die Scharen,
Ludwigs von Brandis die Lose des Todes im Kampfe.
Wenig jedoch hat gefehlt, so wurden die zitternden Herren
Samt der Gemahlin Sigmunds mit dem golddurchwirkten Gewande
Keck auf der eiligen Flucht von dem rätischen Haufe ergriffen.
 

 

Jam stricta attingunt acie Raetea pubes
Luciaden Clivum, cum sic Balconus in armis, 
Qui Caroletus erat, patriis opulentus in arvis, 
Cum propiore nives videt adventare per altas
Hostes sic gressu nubem velut; arma resultans, 
Hostis adest, rapite arma, viri, clamatque capitque.
Circumstant aliqui juvenes, quibus ille per hostes
Contulit hic sese furiata mente trucidans
Instantes. Hoc exemplo tunc tota caterva
Mota ruens sequitur, longisque hastilibus instat.
Incurrunt rabidi juvenes, quatiuntque frementes
Sarissas armis fortes, sonat inde citato
Agmen agens hostem passu, ruptaque per hostem
Ceu meliore via, telorum nimbus ab alto
Inclinat sese, dudum fruticeta rubescunt
Sanguine, tunc sese in silvam vertere manipli
Drusiades, Clivoque fugae descendere cursu
Cernuntur, canae rapiuntur Marte cohortes.
Insonuere jugis silvae tum tympana celsis, 
Insequiturque manus fugientes comminus armis.
Fertur acerba cohors incussis incita telis, 
Effusique ruunt inopino turbine Raeti.
Plenior ut fractis excurrit milibus amnis, 
Qui ruit e celsis furiosior impetu vasto
Vallibus. Inque fuga perierunt funere mersi
Bis quattuor curva praestanti corpore silva
Drusiades, quales consurgunt montibus altae
Pinus agricolis caesae jacuere ruina.
At tum bis centum verterunt terga fugaces.
Qualis ad apertum clivis sublimibus arvum
Caprarum grex et baculo pastore sequenti
Et cane fulmineo tergum terrente pavore
Innumera turba properat sub frondibus altis, 
Et nubes sursum nigranti pulvere tendit.

 

Und schon erreichte die rätische Schar in geschlossenen Reihen
Rüstig den Luziensteig, als der drohenden Wolke vergleichbar
Nun durch den Schnee des Gebirgs mit beschleunigtem Schritte die Feinde
Nahten und Karl von Hohenbalken zuerst sie erblickte. 
Stürmisch sprang er empor: "Zu den Waffen, der Feind ist im Anzug.
Auf und ergreifet die Waffen, ihr Männer!" Er rief's und ergriff sie. 
Einige Jünglinge standen bei ihm, hinweg von denselben
Stürmt er in rasender Kampflust unter die Feinde und mordet
Die ihm begegnen, dem Beispiel folgen die andern und stürzen
Wuchtig mit langen Halbarden den nahenden Feinden entgegen.
Tobenden Anlauf nahmen die Jünglinge, stark in den Waffen!
Schwertergeklirr und der Schritte Gedröhn verfolget die Feinde.
Bricht durch die Reihen sich Bahn, von der Höhe ergiesst sich ein Hagel
Scharfer Geschosse, es röten die Büsche bereits sich vom Blute.
Endlich nun wenden die feindlichen Rotten sich gegen den Wald hin.
Bergab eilen sie dann in beschleunigter Flucht vor den Bündnern,
Die sie mit Kampfesbegierde verfolgen, es dröhnen die Trommeln 
Zwischen den waldigen Gipfeln, gewaltiger drängen die Scharen,
Von den Geschossen gereizt, nach den Fersen des flüchtigen Feindes.
Ähnlich der Windsbraut rasen die Bündner hinab von dem Passe, 
Also ergiesst sich ein Wildbach über gebrochene Dämme
Aus den erhöhteren Tälern herunter mit dumpfen Getöse. 
Acht Walgauer von stattlichem Wuchse erlagen im Walde
Nun auf der Flucht dem Todesgeschick, hochragenden Tannen,
Auf dem Gebirge von Bauern gefällt, in dem Sturze vergleichbar, 
Aber es hatten zweihundert Männer zur Flucht sich gewendet.
Gleichwie die Herde der Ziegen, vom Stock des eilenden Hirten 
Und dem Gebelfer des treibenden Hundes geschreckt, von den Hügeln
Ängstlich sich drängt in die offenen Felder, so eilten die Scharen
Unter den ragenden Bäumen des Waldes hinunter, und Wolken
Schwärzenden Pulverdampfes erhoben sich hoch in die Lüfte. 

 

 

Hostes innumeri jacuerunt vulnere caesi, 
Oreque mordentes putres convicia glebas
Quamvis extremo morituri crimene laeti
Dicunt, saevo omnes et diro nomine Raetos
Inclamant, hic et fictis mugitibus auras
Discutiunt; illis abscindunt labra bipenni
Latratu, dignas et lento funere poenas
Sumentes Raeti linquuntque cadavera campis
Viva parum luctu, spirantiaque ore venena.

 

Zahllos lagen die Feinde umher an erlittenen Wunden, 
Während im Sterben ihr Mund die gelockerten Schollen durchwühlte.
Stiess er Beschimpfungen aus; des letzten Verbrechens sich freuend,
Riefen den Bündern die Sterbenden greuliche Namen entgegen.
Wildes Gebrülle erfüllte die Lüfte; es schnitten der Sieger 
Hellebarden vom kläffenden Munde die zitternden Lippen; 
Strenge den Frevel bestrafend und langsamem Tode sie weihend, 
Liessen geringen Erbarmens sie dann die verstümmelten Leiber, 
Deren Mund noch Gift ausspie, auf dem Felde zurück. 
 

 

O patria, o divum domus, et Raeteia tellus
Inclyta Marte, tuas misi per saecula laudes, 
Quae tibi florebunt, donec nascentur in orbe
Solis equi celeres, versuque et carmine grandi
Nomen inextinctum feci, famamque decusque 
Adjeci patriae; per me laudabitur aetas. 

 

O Vaterland, o Wohnung der Göttlichen und du kriegsberühmtes rätisches Land, für Jahrhunderte habe ich dein Lob gesungen, das dauern wird, solange sich über die Erde die schnellen Sonnenrosse erheben. Durch die Verse und das grosse Gedicht habe ich meinen Namen unsterblich gemacht und habe dem Vaterland Ruhm und Ehre gemehrt; durch mich wird meine Zeit gelobt.

 

Die einleitenden Bemerkungen, Text und Übersetzung (nach P. Plattner; Epilog nach W. Ganß) wurden zusammengestellt aus: W. Ganß, Die Raeteis des S. Lemnius (Ein Epos über den Schwabenkrieg), in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 55 (1955), S. 25-53

Bearbeitung: Günter Werner 

 

Empfohlene Zitierweise

Lemnius, Simon: Die Raeteis des Simon Lemnius, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6kz66/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 24.03.2006

Zuletzt geändert: 24.03.2006


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