Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011]

Martin Munke

Weberaufstand


Große Teile der Bevölkerung des Deutschen Bundes litten in den Jahrzehnten vor 1848/49 unter einer Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Ein starkes Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Umwälzungen führten zu Armut und Hungersnöten, die sich nicht selten in Erhebungen und Aufständen entluden. Das wohl am stärksten thematisierte Ereignis dieser Art war der schlesische Weberaufstand von 1844.

Die allgemeine Krise der deutschen Textilindustrie in den 1830er und 1840er Jahren wirkte sich in Schlesien besonders schwer aus. Trotz sinkender Nachfrage und internationaler Konkurrenz drängten immer mehr Menschen in das heimische Leinen- und Baumwollgewerbe. Verschärft wurde die Situation durch das Verhalten eines Teils der großen Verleger, die das Lohnniveau der in Heimarbeit tätigen Weber massiv absenkten. Im Eulengebirge, einer der am dichtesten besiedelten Regionen Schlesiens, eskalierte die Situation. Am 4. und 5. Juni stürmten Protestzüge aus bis zu 1000 Baumwollwebern den Besitz mehrerer Verleger von besonders schlechtem Ruf in den Ortschaften Peterswaldau (Pieszyce) und Langenbielau (Bielawa). Als „fair“ bekannte benachbarte Konkurrenten wurden hingegen verschont. Andere konnten die Aufständischen durch die Verteilung von Geld und Lebensmitteln beruhigen. Die überforderte örtliche Polizei griff nicht ein. Bei einer Auseinandersetzung mit preußischem Militär kamen am 5. Juni elf Menschen ums Leben, mehr als zwanzig wurden verletzt. In den folgenden Tagen wurden über 100 Aufständische festgenommen. Gegen mehr als 80 von ihnen ergingen Haft- und Prügelstrafen. Das Breslauer Oberlandesgericht erwirkte jedoch in den meisten Fällen eine vorzeitige Begnadigung. Die letzten Verurteilten wurden im Zuge der revolutionären Ereignisse im März 1848 amnestiert.

Von anderen sozialen Unruhen seiner Zeit unterschied sich der Weberaufstand im Wesentlichen durch das reichhaltige publizistische Echo. Konflikte dieser Art waren in Schlesien nichts Ungewöhnliches – vor allem gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte es wiederholt größere Erhebungen gegeben. So waren bei einem Aufstand im März und April 1793 fast 40 Menschen getötet worden. Auch außerhalb der Region lassen sich ähnliche Ereignisse finden, etwa der Protest der Krefelder Seidenweber 1828. Die Erhebung von 1844 geschah aus ähnlichen Motiven – wie etwa dem Protest gegen Lohnkürzungen –, wurde aber breiter rezipiert. Zwar versuchte das preußische Innenministerium, die Kommentierung der Ereignisse zu unterdrücken. Die Zensur der schlesischen Zeitungen jedoch bewirkte eine Ausweitung der Berichterstattung auf andere preußische und deutsche Regionen. Es entwickelte sich eine regierungskritische Zeitungsdebatte, die länger als ein Jahr anhielt. Erstmals fand eine solch intensive öffentliche Auseinandersetzung über soziale Probleme statt.

Über die Diskussion in der Presse hinaus wurde die Erinnerung an den Weberaufstand besonders in der Literatur und der Malerei tradiert. Werke wie Heinrich Heines (1797-1856) Gedicht „Die schlesischen Weber“, die verschiedenen Fassungen von Carl Wilhelm Hübners (1814-1879) gleichnamigen Gemälde oder Gerhart Hauptmanns (1862-1946) Drama „Die Weber“ trugen zur Mythisierung des Geschehens bei. Dabei entwickelten sich bereits im 19. Jahrhundert konkurrierende Interpretationsstränge: ein frühsozialistischer und ein bürgerlich-liberaler. Beide wurden jeweils durch den Einfluss neuer Geschehnisse beeinflusst. Die erste „Welle“ gerade von literarischen Bearbeitungen erschien während der revolutionären Ereignisse bis 1849. Eine Wiederbelebung erfolgte in den 1880er und 1890er Jahren unter dem Eindruck der fortschreitenden Industrialisierung, des Erstarkens der Arbeiterbewegung und der Auseinandersetzungen um das „Sozialistengesetz“. Diese soziale Polarisierung der Erinnerung an den 1844er Aufstand war gesellschaftlich sowohl zur inneren Festigung als auch zur äußeren Abgrenzung von sozialen Gruppen nutzbar. Sie wurde nach 1945 durch eine staatliche Polarisierung abgelöst. Die DDR verfolgte in der Interpretation des Aufstands eine Anknüpfung an das eigene Arbeiterbild. Die Debatte in der Bundesrepublik bemühte sich zunächst um Abgrenzung zum sozialistischen Lager, später ist eine zunehmende Spaltung zwischen dem öffentlichen und dem wissenschaftlichen Diskurs feststellbar.

Den verschiedenen Interpretationssträngen entsprechend wurden dabei jeweils unterschiedliche Motive als Ursache des Weberaufstands herangezogen. Bereits von den Zeitgenossen wurde die Erhebung den Hungerrevolten der Zeit zugerechnet. Allerdings hatten keine Hungerfaktoren wie steigende Preise oder eine Missernte den Aufstand ausgelöst. Auch gab keiner der Verhafteten „Hunger“ als Motiv an. Und schließlich litten die örtlichen Seidenweber laut zeitgenössischen Berichten unter weit schlechteren Bedingungen – an der Erhebung waren sie allerdings nicht beteiligt. Die sozialistische Traditionslinie sah den Weberaufstand als einen Ausdruck des Klassenkampfes. Zum ersten Mal sei hier das deutsche Proletariat der „kapitalistischen Ausbeuterklasse“ entschieden entgegengetreten. Diese Interpretation vernachlässigt jedoch die Tatsache, dass sich die 1844er Erhebung nur gegen einen Teil der Verleger richtete, nicht gegen diese als solche oder gar die örtliche Obrigkeit. Im Umfeld der gewerkschaftlichen und studentischen Bewegung ab den späten 1960er Jahren wurde der Weberaufstand als Maschinensturm im Sinne der englischen „Ludditen“ des frühen 19. Jahrhunderts gedeutet. Zwar ist der jeweilige Kampf gegen eine Verschlechterung der Lebensbedingungen vergleichbar. Allerdings richtete sich der schlesische Aufstand primär gegen die Verleger und deren Methoden, nicht gegen die noch kaum mechanisierten Produktionsmittel.

Mit Christina von Hodenberg lässt sich der Weberaufstand daher als „typisch frühindustrielle Arbeiterunruhe mit lokalem Horizont“ bezeichnen. Die Baumwollweber kämpften für eine Verbesserung ihrer konkreten Arbeitsbedingungen – ein revolutionärer Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse lag ihnen fern.

Literatur:

Büttner, Wolfgang: Der Weberaufstand in Schlesien 1844. In: Reinalter, Helmut (Hrsg.): Demokratische und soziale Protestbewegungen in Mitteleuropa 1815-1848/49, Frankfurt (Main) 1986, S. 202-229.

Hodenberg, Christina von: Aufstand der Weber. Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos, Bonn 1997.

Hodenberg, Christina von: Mit dem Rotstift gegen die soziale Frage. Die preußische Pressezensur und der schlesische Weberaufstand 1844. In: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte N.F. 9 (1999), S. 91-122.

Kroneberg, Lutz / Schloesser, Rolf (Hrsg.): Weber-Revolte 1844. Der schlesische Weberaufstand im Spiegel der zeitgenössischen Publizistik und Literatur. Mit einem Geleitwort von Bernt Engelmann, Köln 1979.

Notz, Gisela: Warum der Weberaufstand kein Weberinnenaufstand war. Über die Nachhaltigkeit eines gewerkschaftlichen Vorurteils aus den 1840er-Jahren. In: Bitzegeio, Ursula / Kruke, Anja / Woyke, Meik (Hrsg.): Solidargemeinschaft und Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert. Beiträge zu Gewerkschaften, Nationalismus und Geschichtspolitik, Bonn 2009, S. 97-117.

Waldmann, Heinrich: Unruhen unter den schlesischen Webern 1793-1844, Halle (Saale), Univ., Diss., 1990.

Empfohlene Zitierweise

Munke, Martin: Weberaufstand. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4u/

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Erstellt: 14.02.2011

Zuletzt geändert: 17.02.2011


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