Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [26.09.2011]

Markus Beek

Vormärz


Der Terminus ›Vormärz‹ dient der Geschichtswissenschaft als historisches Ordnungsschema und impliziert charakteristische Merkmale der Epoche, die vor der Märzrevolution stattfand. Während das Ende der Epoche somit feststeht, werden häufig entweder der gesamte Zeitabschnitt zwischen 1815 und 1848 oder die auf die Julirevolution von 1830 folgende Zeit als Vormärz bezeichnet. Eher selten sind Versuche, den Vormärz auf die Jahre nach dem Regierungsantritt des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. 1840 und der damit verbundenen ›Neuen Ära‹ zu beschränken. Man kommt somit nicht umhin, mit der Wahl des Epochenzeitraumes bereits eine bestimmte Perspektive zu präjudizieren. Es ist zu fragen, ob Ereignisse und Strukturen bereits seit 1815, 1830 oder doch erst seit 1840 auf die Revolution von 1848 hinführten.

Die Forschung wies mittlerweile nach, dass es durchaus zu vorsichtigen Reformen im Vormärz kam, die sich jedoch als zu zaghaft erwiesen hätten, um den festgesetzten Ordnungsrahmen der Bewahrung des Status quo zu überschreiten. Infolge dieser Nichterfüllung der Ansprüche insbesondere des Bürgertums bauten sich politische Spannungen innerhalb der Gesellschaft auf, die sich schließlich in der Märzrevolution von 1848 entluden. Zwar war die Revolution nicht das logische Produkt eines teleologischen Geschichtsverlaufs, das aufgrund der herrschenden politischen und sozioökonomischen Verhältnisse planmäßig hervorgerufen worden wäre; aber ihre Ursachen sind im Vormärz zu suchen. Es gibt zwar Thesen, dass mit der ›unbeabsichtigten Revolution‹ sogar „eine Implosion der überkommenen Staatsordnung auf dem europäischen Kontinent“ (W. J. Mommsen) stattgefunden hätte. Allerdings handelte es sich bei den revolutionären Ereignissen von 1848/49 kaum um eine schlagartige Zertrümmerung der alten Staatenordnungen nach einem rund 30jährigen Stillstand, sondern um einen politischen Prozess. Dieter Langewiesche beschreibt mit Vormärz die sich zwischen 1815 und 1848 verschärfende Auseinandersetzung zwischen den „Kräften der Bewegung und denen der Verteidigung“ und bezeichnet dies als das „Signum der Epoche“. Die politische Lage zwischen diesen beiden Kräften wäre einem Duell gleichgekommen; einem Konflikt um weitergehende Rechte und Freiheiten, um die Einschränkung der vermeintlich gottgewollten Ordnung und eine gleichzeitige Beschneidung der Rechte ihrer Repräsentanten auf Erden. Die relative Stabilität des politischen Systems in diesem Kräfteduell nach 1815 ist der Tatsache zu verdanken, dass sich bei den regierenden Kräfte ein „Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Höheren und [ein] Stolz auf die Zugehörigkeit zu ihnen“ etablierte. Weiter führt Norbert Elias aus, dass die „Solidarität mit der eigenen Gruppe und das Empfinden des menschlichen Besserseins, also der Überlegenheit über die anderen“ eine Differenzierung und Distanzierung zwischen den gesellschaftlichen Schichten und Ständen mit sich gebracht habe.

Bevor es aber zu den revolutionären Ereignissen in Europa 1848 kam, rangen gesellschaftliche Gruppierungen intensiv um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheiten. Das verkrustete Staatenordnungssystem des Wiener Kongresses geriet in diesem Kampf an seine Entwicklungsgrenze, indem es keine weitreichenden Reformen umzusetzen imstande war. Es existierten demnach keine ausreichenden Weiterentwicklungsmöglichkeiten innerhalb dieses immobilen politischen Systems, welche die Revolution hätten verhindern können. Dies ging einher mit „vielen Revolutionen“ (A. Geisthövel) in Wirtschaft und Gesellschaft, die im Zeitraum des Vormärz einsetzten: Vor allem die sich entwickelnde Presse brachte das alte Herrschaftsgefüge ins Wanken und hatte maßgeblichen Anteil an der Politisierung der Gesellschaft. Thomas Nipperdey konstatiert, dass mit der massiven Ausweitung des Pressewesens eine ›Leserevolution‹ stattgefunden habe. Denn das Leitmedium Zeitung erreichte einen immer größeren Teil der Bürger, der sich über Politik informieren, ein eigenes Urteil bilden und sich aktiv in die entstehende politische Öffentlichkeit einbringen konnte. Die Gesellschaft geriet in Bewegung infolge des immer größeren Wissens, über das sie durch Zeitungen und Büchern verfügte. Einen nicht nur zeitlichen, sondern auch strukturellen Zusammenhang erkennt Hans-Ulrich Wehler in den 1840er Jahren zwischen der industriellen Revolution und den politischen Umwälzungen und beschreibt dies in seinem Modell der «Deutschen Doppelrevolution 1845/49». Er datiert den entscheidenden Wirtschaftsaufschwung in Deutschland auf das Jahr 1845, das den politischen Umbrüchen von 1849 unmittelbar voranging. Allerdings kritisierten einige Historiker an Wehlers Zäsursetzung der Doppelrevolution, dass sie willkürlich konstruiert sei und nicht den historischen Tatsachen entspräche. Während vertikale Mobilität im Sinne sozialen Aufstiegs erst später einsetzte, sorgte der einsetzende Eisenbahnbau in den deutschen Ländern für horizontale Mobilität in räumlicher Hinsicht. Dies wurde zu einem entscheidenden Leitsektor der Industrialisierung und trug zum wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands maßgeblich bei.

Die Literaturwissenschaft beschreibt mit ›Vormärz‹ die politischen Literaten der Jahre 1830 bis 1850, die sich durch das Ziel der politischen Agitation zum einen zur unmittelbar vorangehenden Epoche des Biedermeier sowie zum anderen zu den gleichzeitig aktiven Literaten des Jungen Deutschlands abgrenzten. Ähnliche Debatten wie mit dem Epochenbegriff des ›Vormärz‹ sind mit dem Terminus ›Nachmärz‹ verbunden, welcher Prozesse impliziert, welche nach der Märzrevolution stattfanden und von dieser wegführten.

Zur vertiefenden Einführung:

Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20 Jahrhundert, hrsg. v. Michael Schröter. Frankfurt am Main 31990.

Geisthövel, Alexa: Restauration und Vormärz 1815-1847, Paderborn 2008.

Hardtwig, Wolfgang: Vormärz. Der monarchische Staat und das Bürgertum. 4., aktual. Aufl. München 1998.

Langewiesche, Dieter: Europa zwischen Restauration und Revolution 1815-1849. München 52007.

Mommsen, Wolfgang J.: 1848. Die ungewollte Revolution. Die revolutionären Bewegungen in Europa 1830-1849, Frankfurt am Main 1998.

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. Sonderausg. München 1998.

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen «Deutschen Doppelrevolution» 1815-1845/49. München 42005.

Empfohlene Zitierweise

Beek, Markus: Vormärz. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte von 1815 bis 1848 [26.09.2011], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4s/

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Erstellt: 08.08.2011

Zuletzt geändert: 26.09.2011


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