Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011]

Oliver Werner

Mitteldeutscher Handelsverein


Mit der Gründung des bayerisch-württembergischen und des preußisch-hessen-darmstädtischen Zollvereins im Januar bzw. Februar 1828 gerieten die nord- und mitteldeutschen Staaten in eine prekäre Lage. Während Kurhessen und Hannover aufgrund ihrer strategischen Lage von den neu entstandenen Vereinen umworben wurden, mussten Länder wie Sachsen, Hessen-Nassau oder die freien Städte Bremen und Frankfurt befürchten, durch territorialen Einschluss handelspolitisch erpressbar zu werden. Bereits im Februar 1828 gab es daher verschiedene Initiativen zur Bildung eines dritten Vereins. Am 26. März einigten sich Sachsen und die größten thüringischen Herzogtümer in der Punktation von Oberschöna darauf, „keinem auswärtigen Zollsystem beizutreten“ und einen Handelsverein zu bilden, der seinen Mitgliedern „gegenseitig einen möglichst freien und ausgebreiteten Handel“ verschaffen sollte. [1] In der Folge traten Kurhessen, Hessen-Nassau, Frankfurt, Hannover und weitere thüringische Staaten der Absichtserklärung bei, die am 21. Mai 1828 in der Frankfurter Deklaration bekräftigt und konkretisiert wurde. Dieser Vereinbarung schlossen sich bis zum Sommer die übrigen thüringischen Staaten sowie Braunschweig, Oldenburg, Hessen-Homburg und Bremen an.

Ab dem 22. August 1828 verhandelten die Vertreter von insgesamt 18 deutschen Staaten in Kassel über die Bildung eines Handelsvereins. Schnell zeigten sich die Grenzen eines gemeinsamen Vorgehens. Zwar waren alle Beteiligten bereit, dem Verzicht auf einen Beitritt zum preußisch-hessischen oder süddeutschen Zollverein auf mehrere Jahre zuzustimmen, aber die genaue Ausgestaltung der gegenseitigen Handelserleichterungen und der Umfang der an den Verein abzutretenden Kompetenzen blieben umstritten. Folglich einigten sich die beteiligten Staaten am 24. September nur auf einen Minimalkonsens, der mit der Vereinbarung, „ohne ausdrückliche Beistimmung des ganzen Vereins“ dürften Mitglieder „mit keinem auswärtigen, in dem Vereine nicht begriffenen Staate in einen Zoll- oder Mautverband“ treten, [2] erkennbar antipreußische Züge trug. Auch wenn einzelne Mitglieder separate Sonderverträge vereinbarten, um die Handelsbeziehungen untereinander zu vertiefen, kam man in Fragen gemeinsamer Zolltarife und des Straßenbaus (zur Umgehung fremder Territorien) über Absichtserklärungen nicht hinaus.

Die Bildung des Handelsvereins wirkte sich hingegen deutlich auf die föderale Entwicklung Deutschlands aus. Zum ersten Mal seit 1815 war es Klein- und Mittelstaaten gelungen, die eigenen Interessen gegenüber den Vormächten des Deutschen Bundes zur Geltung zu bringen. Hervorzuheben ist dabei gerade die Eigenständigkeit der handelnden Akteure: Obwohl die Bildung des Handelsvereins in Wien, Paris und London als Eindämmung der preußischen Zollexpansion wohlwollend aufgenommen wurde, ist ein entscheidender Einfluss europäischer Mächte auf den Gründungsprozess nicht nachzuweisen.

Die Regierungen von Preußen und Bayern erkannten frühzeitig die neue Qualität des Handelsvereins und arbeiteten in regelmäßigen Konsultationen ihre handelspolitischen Gemeinsamkeiten heraus. Bereits am 27. Mai 1829 wurde zwischen dem bayerisch-württembergischen und dem preußisch-hessen-darmstädtischen Zollverein ein umfassender Handelsvertrag vereinbart, der eine schrittweise Angleichung der Tarife vorsah und den späteren Zusammenschluss zu einem einheitlichen Zollgebiet anstrebte. Diese rasche Einigung war die wichtigste Voraussetzung für die Gründung des Deutschen Zollvereins und wäre ohne den Mitteldeutschen Handelsverein langwieriger verlaufen.

Zeitgleich hatte die preußische Regierung – die sich beharrlich weigerte, den Handelsverein als Ansprechpartner zu akzeptieren – begonnen, mit einzelnen thüringischen Mitgliedsstaaten über den Bau von Chausseen zu verhandeln, um einen zollfreien Warenverkehr zu ermöglichen. Anfang Juli 1829 schloss Preußen mit Sachsen-Meiningen und Sachsen-Coburg-Gotha entsprechende Verträge ab, sodass der Handelsverein den Warenverkehr zwischen beiden Zollvereinen nicht mehr blockieren konnte.

Damit waren die Vertreter der mitteldeutschen Staaten, die sich seit Juni 1829 wieder in Kassel versammelt hatten, gezwungen, neue Gemeinsamkeiten zu finden. Trotz einiger Ansätze für die Vereinheitlichung von Maßen, Währungen und Gewichten war aber angesichts des gescheiterten Ziels der zollpolitischen Eindämmung Preußens keine gemeinsame Handelspolitik mehr möglich. Der am 11. Oktober 1829 unterzeichnete Kasseler Supplementarvertrag enthielt daher neben der formalen Verlängerung des Handelsvereins nur noch Ausnahmeregelungen, mit denen die Verbindlichkeit der Vereinbarungen untergraben wurde.

Im Grunde war der Mitteldeutsche Handelsverein als Vertragswerk nicht mehr funktionsfähig, wurde aber von einigen Regierungen weiter als diplomatische Drohkulisse eingesetzt. Während die norddeutschen Staaten unter Führung Hannovers eine moderate Abgrenzung von Preußen anstrebten, wollte insbesondere Sachsen den handelspolitischen Druck auf Berlin beibehalten, um seine Verhandlungsposition für einen späteren Beitritt zum sich formierenden Zollverein zu stärken. Nur so ist zu erklären, dass die Dresdner Regierung noch 1831/32 eine Bundesklage Hannovers gegen Kurhessen wegen dessen Beitritt zum preußischen Zollverein unterstützte, obwohl sie bereits geheime Beitrittsverhandlungen in Berlin führte.

Auch die britische Regierung hatte die Bundesklage anfangs unterstützt, um in einem letzten Versuch die preußische Dominanz der deutschen Handelspolitik zu verhindern. Je länger die Klage im Bundestag verschleppt wurde, desto stärker gewöhnte sich London an die Aussicht eines – wirtschaftlich durchaus vielversprechenden – Zollvereins in Deutschland. Demgegenüber hoffte die französische Regierung noch lange auf eine Verhinderung des Zollvereins, war aber nicht bereit, etwa durch Zollvergünstigungen den Mitteldeutschen Handelsverein wirtschaftlich zu stützen. Die österreichische Regierung schließlich sah zwar die Gefahr von „einem Bund im Bunde“ (Metternich) [3], konnte sich aber gleichfalls nicht für eine offene Begünstigung des Handelsvereins entscheiden.

So blieb der Mitteldeutsche Handelsverein Episode und seine wirtschaftlichen Resultate waren „im Grunde recht dürftig“. [4] Indes sollte seine Bedeutung als Katalysator in der deutschen Zolleinigung nicht unterschätzt werden, da er Preußen und Bayern zu einem raschen Übereinkommen bewegte und zugleich wirtschaftlich aufsteigenden Staaten wie Sachsen eine selbstbewusste Verhandlungsposition ermöglichte.

Literatur:

Hahn, Hans-Werner: Geschichte des Deutschen Zollvereins, Göttingen 1984.

Kiesewetter, Hubert: Die Industrialisierung Sachsens. Ein regional-vergleichendes Erklärungsmodell, Stuttgart 2007.

Oncken, Hermann / F. E. M. Saemisch (Hrsg.), Vorgeschichte und Begründung des Deutschen Zollvereins. Akten der Staaten des Deutschen Bundes und der europäischen Mächte, 3 Bde., Berlin 1934.

Anmerkungen

  • [1]

    Hermann Oncken / F. E. M. Saemisch (Hrsg.), Vorgeschichte und Begründung des Deutschen Zollvereins. Akten der Staaten des Deutschen Bundes und der europäischen Mächte, Bd. II, Berlin 1934, S. 369 (Dok. 461).

  • [2]

    Oncken / Vorgeschichte, Bd. II, S. 500 (Dok. 532, Art. 4).

  • [3]

    Oncken / Vorgeschichte, Bd. III, S. 164 (Dok. 633).

  • [4]

    Hans-Werner Hahn, Geschichte des Deutschen Zollvereins, Göttingen 1984, S. 50.

Empfohlene Zitierweise

Werner, Oliver: Mitteldeutscher Handelsverein. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4h/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 11.02.2011

Zuletzt geändert: 14.02.2011


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail