Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011]

Martin Munke

Krakauer Aufstand


Nach den „Teilungen Polens“ von 1772, 1793 und 1795 durch die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich existierte kein eigenständiger polnischer Staat mehr. Ein Gebilde wie das „Königreich Polen“ stand unter dem Protektorat Russlands. Die auf dem Gebiet des ehemaligen Polen-Litauen ausbrechenden Erhebungen wie der „Novemberaufstand“ von 1830/31 waren von der revolutionären Atmosphäre ihrer Zeit beeinflusst. Sie hatten in erster Linie eine Wiedererrichtung des polnischen Staates zum Ziel. In Krakau und Galizien verband sich diese Stimmung mit sozialen Spannungen zwischen Bauern und Grundherren. Dies kulminierte zum Aufstand von 1846.

Obwohl es von einem aus Repräsentanten der Teilungsmächte bestehenden Kabinett regiert wurde, genoss Krakau als „Republik“ eine gewisse Autonomie. Viele Anhänger des „Novemberaufstands“ suchten hier Zuflucht. Nach 1830/31 entstand eine Reihe konspirativer Gesellschaften. Eine von diesen geplante landesweite Erhebung wurde durch die Verhaftung wichtiger Protagonisten verhindert. Der Versuch österreichischer Truppen, Krakau am 18. Februar 1846 zu besetzen, löste in der Stadt dennoch den offenen Aufstand aus. Es wurde eine „Nationalregierung“ gebildet, die in einem „Manifest an die polnische Nation“ zu einer allgemeinen Erhebung gegen die Teilungsmächte aufrief; die „deutsche Nation“ wurde zur Solidarisierung aufgefordert. Trotz der Zusicherung sozialer Maßnahmen – die Aufständischen forderten eine Landreform und die Aufhebung der Ständeprivilegien – konnten nur Teile der Bevölkerung für eine Beteiligung gewonnen werden. Die bäuerlichen Bewohner des Umlands unternahmen, befördert durch österreichische Agitation, eine eigene Erhebung gegen den „Aufstand der Herren“. Nach einer Niederlage der Aufständischen gegen österreichisches Militär und dem Tod eines der wichtigsten Anführer, des Publizisten Edward Dembowski (1822-1846) am 26./27. Februar marschierten russische Truppen in Krakau ein und beendeten die Erhebung. Die Stadt verlor ihren Sonderstatus und wurde im November 1846 als Großherzogtum Krakau in das österreichische Königreich Galizien annektiert. Die bäuerlichen Unruhen wurden ebenfalls niedergeschlagen. Sie hatten in West- und Mittelgalizien mehr als 1000 Todesopfer gefordert, über 400 Güter wurden geplündert und teilweise zerstört.

Organisatorische und ideelle Unterstützung erfuhr die Aufstandsbewegung durch führende Vertreter des polnischen politischen Exils. Nach 1830/31 hatte sich mit den geflüchteten Führern des „Novemberaufstands“ ein großer Teil der polnischen intellektuellen und politischen Elite nach Westeuropa verlagert. Dort stand sie in engem Kontakt mit den revolutionären Bewegungen anderer Nationen, um die polnische Nationalidee sowie den Kampf für einen unabhängigen polnischen Staat fortzuführen. Die Konzepte allerdings, wie die Unabhängigkeit zu erreichen sei, gingen weit auseinander.

Zwei Strömungen kristallisierten sich als führend heraus. Die als „Rote“ bekannten Mitglieder der „Polnischen Demokratischen Gesellschaft“ rekrutierten ihre Anhänger hauptsächlich unter verarmten Landadligen, Bürgern, Handwerkern und Studenten. Sie verfolgten die Wiedererrichtung eines unabhängigen polnischen Staates im Zuge einer allgemeinen europäischen Revolution und die Schaffung einer ständelosen Gesellschaft. Letztere Forderung wurde verbunden mit der Frage der Grund- und Bodenverteilung an die Bauern, wie sie auch im Krakauer Aufstand verfolgt wurde. Diese Ziele wurden auf der Grundlage eines „Großen Manifests“ propagiert und sollten – falls nötig – auch durch den Einsatz von Gewalt erreicht werden. Die geplante Verbindung von Landadel und Bauerntum scheiterte allerdings zunächst mit dem Aufstand von 1846.

Die „Weißen“ des „Bunds der nationalen Einheit“ vertraten unter Führung des Fürsten Adam Czartoryski (1770-1861) die Interessen der polnischen Aristokraten und Großgrundbesitzer. Sie planten die Wiederherstellung Polens durch die Unterstützung westeuropäischer Staaten wie England und Frankreich unter Beibehaltung der Beschlüsse des Wiener Kongresses. Die soziale Frage wurde von ihnen programmatisch kaum verfolgt. 1846 wurden einige Anführer des Aufstands von galizischen Adligen bei den österreichischen und preußischen Behörden angezeigt, was zum Scheitern der Erhebung beitrug. Innerhalb der Teilungsgebiete wurde darüber hinaus der Emigration das Scheitern des Aufstands angelastet – ihre Bedeutung im Kampf um die nationale Unabhängigkeit ging somit zurück.

Trotz seiner kurzen Dauer fand der Aufstand internationalen Widerhall. Die Verbindung nationaler und sozialer Zielsetzungen wurde von der politischen Publizistik positiv hervorgehoben. Deutsche Sozialrevolutionäre wie der Lyriker Georg Herwegh (1817-1875) kritisierten die „deutsche Gleichgültigkeit“ gegenüber Polen und riefen zu einer Unterstützung des Freiheitskampfes auf. Insgesamt jedoch war das publizistische Echo zurückhaltender als noch 1830/31. Die eigenen zeitgenössischen Ereignisse standen im Vordergrund und die Enttäuschung über das Scheitern der Erhebung sollte überwiegen.

Gleichwohl wurde die polnische Frage 1848 im Zuge des „Völkerfrühlings“ wiederbelebt. Die deutsche „Märzrevolution“ schien die Möglichkeit zu eröffnen, durch einen gemeinsamen Kampf gegen Russland zur gleichen Zeit ein vereintes Deutschland und ein freies Polen zu erreichen. Polnische Emigranten unterstützten die Revolution in Berlin und auch wenn die ersten Hoffnungen nicht erfüllt wurden, entfalteten die Ereignisse von 1846 hier ihre Relevanz. Die Krakauer Solidaritätsaufrufe wurden wieder aufgegriffen und die 1848 erfolgten Zugeständnisse an die Bauern können als eine Reaktion auf den Krakauer Aufstand und als Bemühen gedeutet werden, ein erneutes „galizisches Blutbad“ zu verhindern.

Literatur:

Buszko, Józef: Ein wenig bekannter polnischer Aufstand. Der Krakauer Aufstand des Jahres 1846. In: Kircher, Hartmut (Hrsg.): Literatur und Politik in der Heine-Zeit. Die 48er Revolution in Texten zwischen Vormärz und Nachmärz, Köln 1998, S. 137-147.

Gerber, Thomas: Der Krakauer Aufstand von 1846 in der deutschen Lyrik. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Potsdam 35 (1991), H. 3, S. 229-232.

Gill, Arnon: Die Polnische Revolution 1846. Zwischen nationalem Befreiungskampf des Landadels und antifeudaler Bauernerhebung, München / Wien 1974.

Gill, Arnon: Freiheitskämpfe der Polen im 19. Jahrhundert. Erhebungen – Aufstände – Revolutionen, Frankfurt (Main) u.a. 1997.

Kosellek, Gerhard: Krakauer Aufstand und Vormärz in der zeitgenössischen deutschen Prosa. In: Ders.: Reformen, Revolutionen und Reisen. Deutsche Polenliteratur, Wiesbaden 2000, S. 345-383.

Der „Krakauer Aufstand“ 1846, in: Kaser, Karl / Prochazka, Martin (Hrsg.): Selbstbild und Fremdbilder der Völker des östlichen Europa, Klagenfurt 2006, S. 301-306.

Empfohlene Zitierweise

Munke, Martin: Krakauer Aufstand. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4j/

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Erstellt: 11.02.2011

Zuletzt geändert: 14.02.2011


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