Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011]

Elisabeth Bösl

Junges Deutschland

 

Nach der Julirevolution 1830 in Frankreich wurde in liberal gesinnten Kreisen das Bedürfnis nach einer geistigen, politischen und sozialen Neuorientierung wach, dem die Schriftsteller des sogenannten Jungen Deutschlands Rechnung trugen. In den 1830er Jahren lassen sich also zwischen verschiedenen deutschen Autoren gemeinsame Tendenzen beobachten: Ihre Thematik ist aktuell auf das Zeitgeschehen bezogen, sie kämpfen für die Ideale eines gebildeten und fortschrittsorientierten Bürgertums, ihre Ausdrucksweise ist unmittelbar und sie wünschen nicht nur engen Kontakt mit dem Leser, sondern wollen ihn darüber hinaus weltanschaulich beeinflussen.

Diese Tendenzen erregten natürlich Anstoß bei der Obrigkeit, weswegen die Frankfurter Bundesversammlung im Dezember 1835 ein Verbot gegen diese Literaten und ihre Verleger aussprach und auch die Lektüre ihrer Schriften sanktioniert wurde. Dieses Verbot fasst eine Gruppe von Autoren unter dem Begriff „Junges Deutschland“ zusammen. Dieser Terminus darf keineswegs im Sinne einer literarischen Schule oder Gruppe verstanden werden. Ludolf Wienbarg brachte den Ausdruck 1834 erstmals an die Öffentlichkeit, aber das „Junge Deutschland“ tauchte als Begriff in Briefen seiner Hauptvertreter immer wieder auf und ist in Anlehnung an revolutionäre Vereinigungen außerhalb Deutschlands – etwas das Junge Frankreich oder das Junge Italien – zu verstehen. [1]

Die Autoren sahen sich selbst allerdings nie als Schule im eigentlichen Wortsinn, obgleich sich, wie bereits erwähnt, bei allen eine liberalfortschrittliche Gesinnung feststellen lässt. Zum Jungen Deutschland werden einige wenige Autoren der Zeit gezählt, da es sich bei dieser Erscheinung keineswegs um eine breite Volksbewegung handelte. Zu den namentlich von der Bundesversammlung genannten Autoren gehören Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt. [2] Trotz der gemeinsamen Tendenzen kann man aus den Schriften keinen gemeinsamen Standpunkt, kein gemeinsames Zentrum oder gar ein festes Programm ableiten. Vielmehr sieht man, dass die Spannweite zwischen den einzelnen Positionen und Meinungen teilweise sehr groß ist.

Da ihnen die zentralen Ideen und die Gemeinsamkeiten ihres Kampfes gegen die Obrigkeit beinahe die Geschlossenheit einer Partei verliehen, war man anfangs versucht, die Jungdeutschen zu vereinigen: So redigierte Heinrich Laube 1833/34 die Zeitschrift Zeitung für die elegante Welt, die unter seiner Regie zu einem bedeutenden Organ für das Junge Deutschland wurde. Jedoch waren die Autoren des Jungen Deutschland zu sehr darauf bedacht, ihren eigenen Willen und die eigene Persönlichkeit zu Geltung zu bringen, als dass eine Einheit tatsächlich hätte gestiftet werden können. Zu den Vorbildern des Jungen Deutschland gehören neben Heinrich Heine und Ludwig Börne auch historische Personen, allen voran Martin Luther. Er ist jedoch nur der erste in einer langen Reihe von Vorbildern, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie mehr Geistesfreiheit forderten und dadurch in Konflikt mit der Obrigkeit gerieten.

Im Hinblick auf die Literatur setzten sich die Jungdeutschen stark mit der Romantik auseinander, die sie überwinden wollten. Sie bevorzugten kurze Prosaformen wie Novellen, Briefe und Reiseberichte. Es findet auch eine Hinwendung zum Drama statt, angeregt von Christian Dietrich Grabbe und Georg Büchner, doch diese neuen Dramen sprengen die gängige Dramenform von innen her und werden zu Tendenzstücken. Inspiriert von Heinrich Heine erschienen auch Sammlungen von Gedankenlyrik mit politischem Bezug. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Autoren begannen, mit den vorhandenen Formen zu spielen, was ihrer Literatur den Charakter eines Experiments verlieh. Das zentrale künstlerische Problem ist die literarische Eroberung des Alltags und die Darstellung der Wirklichkeit und des Lebens, ein Ziel, das sich später auch Realisten und Naturalisten setzen. Das zeigt sich auch im Stil der Jungdeutschen, der sehr salopp ist, die künstlerische Gestaltung meidet und teilweise bewusst gegen grammatikalische Regeln verstößt. Besonders deutlich wird dieser Stil in der Lyrik Heinrich Heines.

Heine wird zwar im Urteil der Bundesversammlung namentlich genannt und zählt zu den Vorbildern der jungdeutschen Bewegung, wird aber literaturhistorisch nicht dem Jungen Deutschland zugeordnet, sondern der Spätromantik. [3] Dass Heine die jungdeutschen Autoren mit seinen Werken beeinflusste, steht jedoch außer Frage. Seine Geisteshaltung allgemein und auch die in seinen Texten zum Ausdruck kommende Ästhetik machte auf die Schriftsteller der Zeit großen Eindruck, rief aber auch viel Kritik hervor. Er distanzierte sich 1853 von dem Verbot insofern, als er sich selbst nicht wegen eines Revolutions- oder politischen Umsturzversuchs verurteilt sah, sondern aufgrund des Stils, in dem er und andere Autoren zu dieser Zeit geschrieben hatten. Diese Beurteilung zeigt auch ganz deutlich die Grenze zwischen dem Jungen Deutschland und den Literaten des Vormärz: Während es ersteren vornehmlich darum ging, frei schreiben zu dürfen, wollten letztere tatsächlich politisch aktiv werden. Das Junge Deutschland strebte keine politische, sondern eine in erster Linie literarische Revolution an. [4]

Irrtümlicherweise wird Georg Büchner dem Jungen Deutschland zugerechnet. Er verfasste zusammen mit Ludwig Weidig den Hessischen Landboten, eine Schrift, die historisch sehr hoch bewertet wird. Der Hessische Landbote war weit im Deutschen Bund verbreitet und nimmt auch eine exponierte Stellung bei einigen Hochverratsprozessen dieser Zeit ein. Es ist schwer, aus dieser Schrift Büchners politische Position abzuleiten, weil man nicht eindeutig sagen kann, was von Büchner, und was von Weidig geschrieben wurde. Sicher ist jedoch, daß sich Georg Büchner vom Jungen Deutschland distanzierte. So heißt es in einem Brief an seine Eltern vom Januar 1836:

„Übrigens gehöre ich für meine Person keineswegs zu dem sogenannten Jungen Deutschland, der literarischen Partei Gutzkow’s und Heine’s. Nur ein völliges Mißkennen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse konnte die Leute glauben machen, daß durch die Tagesliteratur eine völlige Umgestaltung unserer religiösen und gesellschaftlichen Ideen möglich sei.“ [5]

In den 1840er Jahren war schnell klar, dass sich das Junge Deutschland selbst überlebt hatte. Als 1842 das Urteil gegen die Jungdeutschen in Preußen aufgehoben wird, begannen die Autoren, sich in der Öffentlichkeit stärker gegenseitig anzugreifen, was auch die zwischen ihnen herrschenden Differenzen deutlicher zum Ausdruck brachte. Die Autoren waren zu alt geworden, als dass sie sich noch zu den Jungdeutschen hätten zählen dürfen, eine Tatsache, die sie selbst auch feststellten und artikulierten. Zudem kam eine neue Generation von jungen Literaten auf, die man dann (literarischen) Vormärz nannte.

Literatur:

Kohlschmidt, Werner (Hg.): Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1. Berlin 21958. S. 781-797.

Koopmann, Helmut (Hg.): Das Junge Deutschland. Eine Einführung. Darmstadt 1993.

Poschmann, Henri (Hg.): Georg Büchner. Schriften – Briefe – Dokumente. Frankfurt am Main 1999.

Žmegač, Viktor (Hg.): Kleine Geschichte der Deutschen Literatur. Berlin 51997.

Anmerkungen

  • [1]

    Žmegač, Viktor (Hg.): Kleine Geschichte der Deutschen Literatur. Berlin 51997, S. 195f.

  • [2]

    Verbot der Schriften des »Jungen Deutschland«, 31. Sitzung der Bundesversammlung vom 10. Dezember 1835, http://www.heinrich-heine-denkmal.de/dokumente/beschluss.shtml (11.02.2011).

  • [3]

    Žmegač: Kleine Geschichte. S. 194.

  • [4]

    Ebd., S. 13.

  • [5]

    Poschmann, Henri (Hg.): Georg Büchner. Schriften – Briefe – Dokumente. Frankfurt am Main 1999, S. 423.

Empfohlene Zitierweise

Bösl, Elisabeth: Junges Deutschland. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4g/

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Erstellt: 11.02.2011

Zuletzt geändert: 14.02.2011


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