Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011]

Markus Beek

Göttinger Sieben


Am 5. Juli 1837 hob der gerade inthronisierte König Ernst August I. von Hannover die seit 1833 gültige Verfassung auf. Auf diesen Beschluss reagierten sieben Professoren der Universität Göttingen mit einem Protestschreiben, das sie am 18. November 1837 an das Universitätskuratorium in Hannover richteten. In diesem Schreiben bekundeten die Hochschullehrer, dass sie sich durch ihren geleisteten Eid weiterhin an die Verfassung aus dem Jahr 1833 gebunden fühlten und leisteten somit offenen Widerstand gegen deren Aufhebung. Ernst August reagierte auf die Unmutsbekundung der Gelehrten, die auch rasch an die breite Öffentlichkeit gelangte, mit einer harten Entscheidung und entließ sie im Dezember 1837 aus dem Staatsdienst. Über die Aufhebung der hannoveranischen Verfassung und die Entlassung der Göttinger Sieben zeigten sich zwar große Teile der deutschen und europäischen Presse empört, jedoch unterblieb ein politisches Aufbegehren der Bevölkerung gegen die Entscheidungen des Monarchen. Die sieben aus ihrem Amt enthobenen Professoren der Universität Göttingen waren im Einzelnen der Staatsrechtler Wilhelm Eduard Albrecht, der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann, der Orientalist Heinrich Ewald, der Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus, die Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm und der Physiker Wilhelm Eduard Weber.

Wenn man die Protestation der Göttinger Sieben auf einen historischen Kern reduzieren will, dann kann man das Vorgehen der Professoren als einen „Protest gegen monarchisches Handeln“ (M. Saage-Maaß) eingrenzen. Zu äußerst unterschiedlichen Bewertungen und Urteilen über die Tat der Göttinger Sieben gegen den „monarchischen Staatsstreich“ (Th. Nipperdey) kam es in zahlreichen Nachbetrachtungen. Der Protest der Göttinger Sieben fand somit zahlreiche Deutungen, die in den Kontext ihrer jeweiligen Entstehungszeit einzuordnen sind. So deutete man das Handeln der Göttinger Sieben als Ungehorsam gegen die Staatsgewalt, als Anfang einer sich bildenden Meinungsfreiheit in Deutschland oder verstand darunter den Beginn einer Verantwortungsgesellschaft, die sich einzig dem Staatsgrundgesetz oder einer Verfassung zu verantworten hatte, und nicht einem Monarchen. Des weiterem kann die Protestation der Göttinger Sieben als ein Akt zivilen Ungehorsams bewertet werden, in deren Tradition sich später die Gruppe der Göttinger 18 sah, die sich gegen die angestrebte Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland in den 1950er Jahren auflehnte. Es gibt aber auch die Deutung von Klaus von See, der die Protestation als einen Akt von sieben sturen und uneinsichtigen Männern einschätzt. Der überwiegende Teil der am Protest beteiligten Professoren war nach Meinung von Sees weder juristisch noch politisch am Verfassungskonflikt interessiert, sondern verstrickte sich mehr oder weniger unbeabsichtigt in die politische Aktion gegen den Monarchen.

Wie man die Tat der Göttinger Sieben auch im Nachhinein bewerten mag, für die Zeit des Vormärz war der Protest ein wichtiges Ereignis, weil er zum einen die politische Autorität der Gelehrten in Deutschland mitbegründete. Zum anderen stärkte der Protest das Bewusstsein, dass eine Verfassung und das Gesetz eines Landes geachtet werden mussten und auch ein Monarch sich nicht mehr über Recht und Ordnung hinwegsetzen durfte. Vor allem das liberale Bürgertum, dessen Hauptvertreter die Gelehrten waren, empfand sich mehr an Gesetz und Verfassung gebunden, und nicht mehr so stark einem Monarchen gegenüber verpflichtet. Mit dem Protest der Göttinger Sieben bildete sich zudem eine verstärkte liberale Öffentlichkeit in Deutschland heraus, die eine wesentliche Voraussetzung der Revolution im Jahr 1848 war.

Weiterhin ist das Ereignis im Königreich Hannover auch im Kontext der politischen Entwicklung in Europa zu betrachten. Im Gegensatz zu Ernst August hielt sich die seit 1837 regierende englische Königin Viktoria an die Verfassung und regierte sehr erfolgreich. Auch die Auswirkungen der Juli Revolution im Jahr 1830 in Frankreich verdeutlichen für Westeuropa, dass sich das Streben nach Volkssouveränität und Grundrechten nicht mehr eindämmen ließ und der Verfassungsstaat sich politisch durchsetzte. Weil es im westlichen Europa zu einer Festigung des Konstitutionalismus kam, verteidigte die öffentliche Meinung die Tat der Göttinger Sieben und verurteilte das Vorgehen Ernst Augusts.

Widerstand mit friedlichen Mitteln gegen eine willkürliche Staatsgewalt, wie ihn die Göttinger Sieben praktizierten, bleibt bis in die Gegenwart ein aktuelles Thema. Henry David Thoreau schrieb bereits 1848 seinen Essay „Civil Disobedience“, in dem er die Bürger zum Ungehorsam gegen den Gesetzgeber verpflichtet sieht, wenn dieser ungerecht oder unmoralisch handelt. Der Staat hat weiterhin jeden Einzelnen mit Respekt zu behandeln, da sich alle seine Macht und Autorität von ihm herleitet. Und wenn Regierungen ihre Kritiker verfolgen, dann sind die Bürger eines Staates dazu aufgefordert, sie vor ihnen zu schützen. Tatsächlich unterstützten Teile der Bevölkerung die sieben Hochschullehrer und sicherten durch Spenden ihren Lebensunterhalt, nachdem sie ihre Ämter in Göttingen niederlegen mussten.

Literatur:

Hardtwig, Wolfgang; Hinze, Helmut: Die „Göttinger Sieben“ (1837), in: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung Bd. 7: Vom Deutschen Bund zum Kaiserreich 1815-1871, Stuttgart 1997, S. 107-111.

Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. II: Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850. 3. wesentl. überarb. Aufl., Stuttgart 1988, S. 96-106.

Saage-Maaß, Miriam: Die Göttinger Sieben – demokratische Vorkämpfer oder nationale Helden? Zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur in der Rezeption des Hannoverschen Verfassungskonfliktes, Göttingen 2007.

See, Klaus von: Die Göttinger Sieben. Kritik einer Legende. 3. erw. Aufl., Heidelberg 2000.

Internetangebote:

Historische Dokumente und umfassende Literaturhinweise siehe: http://www.goettinger-sieben.info. Website zur Ausstellung des Städtischen Museums Göttingen „Göttinger Sieben. Ernst August und der Skandal von 1837“.

Empfohlene Zitierweise

Beek, Markus: Goettinger Sieben. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4d/

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Erstellt: 31.01.2011

Zuletzt geändert: 14.02.2011


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