Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2010]

Romy Zschoche

Frankfurter Wachensturm


Der Frankfurter Wachensturm war der Überfall ca. 40 bis 50 Aufständischer auf die Hauptwache und die Konstablerwache in Frankfurt am Main. Die meist Intellektuellen, Studenten und Kaufleute versuchten, eine allgemeine Revolution auszulösen, scheiterten aber, da sie keine Unterstützung durch die Bevölkerung erhielten. Die Revolutionäre flohen ins Ausland oder wurden verhaftet und verurteilt. Kontrovers diskutiert ist die Frage, ob der Wachensturm nur ein schlecht organisierter Versuch einiger Weniger oder doch der Keim einer wirklichen Revolution war. Fraglich ist daher auch, inwiefern Zeit und Ort strategisch klug gewählt und die allgemeine Lage und Stimmung richtig gedeutet worden waren.

Die historische Forschung brachte unzählige Meinungen zum Wachensturm in Frankfurt hervor. Cornelia Förster vertritt die These, dass die Frankfurter Filiale des Preßvereins den Umsturzversuch vorbereitet auch die Verantwortung dafür getragen hätte. Nachforschungen zeigten allerdings auf, dass sich die Ziele zwar mit denen des Preßvereins deckten, die Vorgehensweise aber nicht mit der Vereinskonzeption übereinstimmte. Die Mitwirkung des Preßvereins äußerte sich vielmehr in der Mitwisserschaft und privaten Teilnahme einzelner Mitglieder, wie zum Beispiel Dr. Gustav Bunsen.

Hans-Ulrich Wehler und Wolfram Siemann vertreten ähnliche Ansichten zum Frankfurter Wachensturm: Wehler spricht von einem „Studentenstreich“ und einer „Attacke einiger idealistisch-radikaler Brauseköpfe“, Siemann von einer „dilettantisch anmutenden Vorbereitung und Durchführung und Mangel an revolutionärem Verstand“. Dass die Wachenstürmer das revolutionäre Potential überschätzt hatten, verdeutlicht die Tatsache, dass sie niemanden überzeugen konnten, sich zu beteiligen. Nach Helmut Bock ist die Sichtweise einer dilettantisch anmutenden Vorbereitung allerdings zu relativieren. Wegen der damaligen Verhältnisse und unter dem Druck, alles geheim zu halten, hatten sich die Revolutionäre wochenlang vorbereitet; ein Kontakt war fast ausschließlich über Briefe möglich. Daher ist nicht zu verachten, was und wie sie geplant hatten.

Thomas Nipperdey und Cornelia Förster sind zudem überzeugt, dass Frankfurt nicht die richtige Stadt, da nicht das Zentrum der Macht gewesen sei. In Frankfurt lebten vor allem Kaufleute und Akademiker, von welchen kein revolutionärer Umsturz zu erwarten gewesen wäre. Bessere Orte wären Berlin oder Wien als die wirklichen politischen Zentren gewesen. Ein Beweis dafür ist, dass die Revolution von 1848 jeweils in Berlin und Wien ausbrach. Nach Bock war der Frankfurter Wachensturm eine Durchgangsstufe der damaligen revolutionären Bewegung wie das Wartburgfest 1817, das Attentat auf Kotzebue 1819 und das Hambacher Fest 1832. Diese Ereignisse hätten die Zeit wesentlich mitbestimmt und führten letztendlich zur Revolution von 1848.

Sympathisierten große Teile der Bevölkerung mit dem Frankfurter Wachensturm, hatten aber zu große Angst vor Repressalien um aktiv daran teilzunehmen? Viele Menschen in Frankfurt gewährten den Revolutionären Unterschlupf auf ihrer Flucht oder wussten etwas zu dem Vorfall. Direkt nahm aber niemand von ihnen am Wachensturm teil. Zum einen mag das an der Bevölkerungsstruktur gelegen haben, zum anderen an den befürchteten Folgen, zumal es vielen Menschen in Frankfurt besser als in anderen Städten ging. Wurde der Frankfurter Wachensturm durch die späte Uhrzeit und das schlechte Wetter benachteiligt? Abgesehen davon, dass Frankfurt wahrscheinlich der falsche Ort war, wurde das Ereignis durch Regen und den Zeitpunkt von 22 Uhr nicht begünstigt. Um diese Uhrzeit und wegen des Regens befanden sich verhältnismäßig wenig Menschen auf den Straßen. Das verminderte bereits die Masse an potentiellen Mitstreitern. Andererseits ist zu konstatieren: Wenn das revolutionäre Potential groß genug gewesen wäre, hätten diese Faktoren keine Rolle spielen dürfen. Bei einer optisch größeren Masse hätten sich darüber hinaus eventuell Einige getraut mitzumachen, da sie dann in der sichereren Masse untergegangen wären. Diese Möglichkeit gab es aber nicht, weshalb die Angst vor Repressalien die Bevölkerung davon abhielt, sich zu beteiligen.

Literatur:

Bock, Helmut: Revolution – ohne Volk? Frankfurter Wachensturm. In: Ders. / Renate Plöse (Hrsg.): Aufbruch in die Bürgerwelt. Lebensbilder aus Vormärz und Biedermeier. 1. Aufl., Münster 1994.

Förster, Cornelia: Der Preß- und Vaterlandsverein von 1832/33. Sozialstruktur und Organisationsformen der bürgerlichen Bewegung in der Zeit des Hambacher Festes. (=Trierer Historische Forschungen Bd. 3) Trier 1982.

Hardtwig, Wolfgang: Vormärz. Der monarchische Staat und das Bürgertum. (= Deutsche Geschichte der neuesten Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart) München 1985.

Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. II: Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850. 3., wesentl. überarb. Aufl. Stuttgart. 1988.

Husung, Hans-Gerhard: Protest und Repression im Vormärz. (=Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 54) Göttingen. 1983.

Kassandrus, N.B.: Die Entlarvung der reactionairen Umtriebe vom Wiener Kongress bis zum Frankfurter Wachensturm. Aspekte zu einer Verteidigung der liberal-demokratischen Bewegung. Giessen 1987.

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. München 1994.

Siemann, Wolfram. Vom Staatenbund zum Nationalstaat. Deutschland 1806-1871. (= Neue Deutsche Geschichte Bd. 7). München. 1995.

Empfohlene Zitierweise

Zschoche, Romy: Frankfurter Wachensturm. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2010], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4c/

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Erstellt: 31.01.2011

Zuletzt geändert: 14.02.2011


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