Lexikon

Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.12.2010]

Harald Lönnecker

Burschenschaft


Die ab 1814/15 gegründete Burschenschaft wurzelte in einer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnenden studentischen Reformbewegung. Auslöser wurde der 1813 beginnende Freiheitskrieg gegen Napoleon. Die Burschenschaft stand unter dem Einfluß von Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte, war geprägt durch eine idealistische Volkstumslehre, christliche Erweckung und patriotische Freiheitsliebe. Diese antinapoleonische Nationalbewegung deutscher Studenten war politische Jugendbewegung – die erste in Europa – und die erste gesamtnationale Organisation des deutschen Bürgertums, deren schwarz-rot-goldene Farben zu den deutschen wurden, die 1817 mit dem Wartburgfest die erste gesamtdeutsche Feier ausrichtete – wo mit den „Beschlüssen des 18. Oktober“ erstmals in Deutschland Grund- und Freiheitsrechte formuliert wurden – und die mit rund 3.000 Mitgliedern 1818/19 etwa ein Drittel der Studentenschaft des Deutschen Bundes umfaßte.

Die zur nationalen Militanz neigende Burschenschaft, zu einem Gutteil hervorgegangen aus dem Lützowschen Freikorps, setzte ihr nationales Engagement in neue soziale Lebensformen um, die das Studentenleben von Grund auf reformierten. Aber nicht nur das: Die Studenten begriffen die Freiheitskriege gegen Napoleon als einen Zusammenhang von innerer Reform, innenpolitischem Freiheitsprogramm und Sieg über die Fremdherrschaft. Nationale Einheit und Freiheit wurden propagiert, Mannhaftigkeit und Kampfbereitschaft für das deutsche Vaterland.

Dem Wartburgfest 1817, der Gründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft 1818 als Verband der örtlichen Burschenschaften und der Ermordung August von Kotzebues durch den Erlanger, Tübinger und Jenaer Burschenschafter Karl Ludwig Sand folgten die Karlsbader Beschlüsse und die Unterdrückung der Burschenschaft. Sie wurde zu einer sich mehr und mehr radikalisierenden Bewegung an den deutschen Hochschulen, die bald mehr, bald weniger offiziell bestand. War in der Urburschenschaft neben der Sicherung des Volkstums nach außen die „Erziehung zum christlichen Studenten“ für den Innenbereich bestimmend gewesen und der Zusammenhang von Wartburg, Luther und Reformation 1817 mehr als deutlich geworden, so ließ der Frankfurter Burschentag 1831 die Forderung nach „christlich-deutscher Ausbildung“ zu Gunsten einer zunehmenden Politisierung endgültig fallen. Der Stuttgarter Burschentag faßte im Dezember 1832 einen Beschluß zur Tolerierung und Förderung revolutionärer Gewalt zum Zweck der Überwindung der inneren Zersplitterung Deutschlands. Das mündete in die Beteiligung am Hambacher Fest und am Preß- und Vaterlandsverein – der erste Versuch einer politischen Partei in Deutschland – sowie in den Frankfurter Wachensturm vom 3./4. April 1833, an dem vor allem Heidelberger, Erlanger, Würzburger und Münchner Burschenschafter beteiligt waren, und löste eine neue Welle der Verfolgungen durch die eigens eingerichtete Bundeszentralbehörde in Frankfurt a. M. bis in die vierziger Jahre hinein aus, die der älteren burschenschaftlichen Bewegung das Rückgrat brach und den Aufstieg neuer bzw. den Wiederaufstieg älterer Korporationstypen ermöglichte.

Der Einfluß der Burschenschaft auf das nationale Bewußtsein der Deutschen, die Herausbildung des Einheits- und Freiheitswillen, ist sehr hoch zu veranschlagen, vielfach haben die Burschenschaften es erst geschaffen: viele der führenden Liberalen und Demokraten des Vormärz’ und weit darüber hinaus waren Burschenschafter. Für viele Studenten war die Mitgliedschaft zudem ein konstitutives Merkmal ihrer Persönlichkeit, das nicht überschätzt, keinesfalls aber unterschätzt werden sollte.

In der Revolution von 1848/49 spielte die Burschenschaft noch einmal eine wichtige Rolle. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entpolitisierte sie sich zumindest äußerlich und näherte sich bei aller gegenteiligen Rhetorik immer mehr dem traditionellen, vor allem von den jüngeren Landsmannschaften bzw. Corps repräsentierten Korporationstypus mit eher gesellschaftlich-sozialem Schwerpunkt an, der nach 1850 und endgültig nach der Reichsgründung 1871 bestimmend wurde. Zur organisatorischen Verfestigung und zunehmenden Institutionalisierung durch Bildung von die generationelle Verklammerung, erzieherische und ökonomische Kontinuität sichernden Altherrenverbänden und Hausbau kam eine neue Qualität als soziale Formation, die das Leben eines Großteils der Studenten prägte und wesentlich zur Herausbildung eines besonderen, zwischen Antiliberalismus und Nationalliberalismus changierenden Habitus des deutschen Akademikers beitrug (Lisa F. Zwicker).

Literatur:

Asmus, Helmut: Burschenschaften, in: Helmut Reinalter (Hrsg.): Lexikon zu Demokratie und Liberalismus 1750-1848/49. Frankfurt am Main 1993, S. 48-52.

Dvorak, Helge: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Bd. I: Politiker, Teilbd. 1-6, Heidelberg 1996-2005 [ein Nachtragsband erscheint voraussichtlich 2010, anschließend Bd II: Wissenschaftler und Künstler];

Hardtwig, Wolfgang: Protestformen und Organisationsstrukturen der deutschen Burschenschaft 1815-1833, in: Helmut Reinalter (Hrsg.): Demokratische und soziale Protestbewegungen in Mitteleuropa 1815-1848/49 (=Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 629). Frankfurt am Main 1986, S. 37-76.

Heer, Georg: Geschichte der Deutschen Burschenschaft, Bd. 2: Die Demagogenzeit 1820-1833 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 10), Heidelberg 1927, 2. Aufl. 1965, Bd. 3: Die Zeit des Progresses 1833-1859 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 11), Heidelberg 1929, Bd. 4: Die Burschenschaft in der Zeit der Vorbereitung des zweiten Reiches, im zweiten Reich und im Weltkrieg. Von 1859 bis 1919 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 16), Heidelberg 1939, 2. Aufl. 1977;

Lönnecker, Harald: Unzufriedenheit mit den bestehenden Regierungen unter dem Volke zu verbreiten“. Politische Lieder der Burschenschaften aus der Zeit zwischen 1820 und 1850, in: Matter, Max/Grosch, Nils (Hrsg.): Lied und populäre Kultur. Song and Popular Culture (Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg i. Br., 48/2003), Münster/New York/München/Berlin 2004, S. 85-131;

Lönnecker, Harald: Studenten und Gesellschaft, Studenten in der Gesellschaft – Versuch eines Überblicks seit Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Schwinges, Rainer Christoph (Hrsg.): Universität im öffentlichen Raum (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 10), Basel 2008, S. 387-438;Lönnecker, Harald: Zwischen Völkerschlacht und Erstem Weltkrieg – Verbindungen und Vereine an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert, Koblenz 2008;

Lönnecker, Harald: „Das Thema war und blieb ohne Parallel-Erscheinung in der deutschen Geschichtsforschung“. Die Burschenschaftliche Historische Kommission (BHK) und die Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V. (GfbG) (1898/1909-2009). Eine Personen-, Institutions- und Wissenschaftsgeschichte (Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, 18), Heidelberg 2009 [dort die ältere Literatur];

Lönnecker, Harald: Von der Urburschenschaft bis zum Ende des Deutschen Bundes (1815-1866) – Eine historiographische Würdigung der zeitgenössischen Arbeiten, in: Oldenhage, Klaus (Hrsg.): 200 Jahre burschenschaftliche Geschichtsforschung – 100 Jahre GfbG – Bilanz und Würdigung. Feier des 100-jährigen Bestehens der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V. (GfbG) am 3. und 4. Oktober 2009 in Heidelberg. Vorträge des Kolloquiums (Jahresgabe der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V. (GfbG) 2009), Koblenz 2009, S. 21-37;

Thomann, Björn: Die Rolle der Burschenschaften in Jena, Bonn und Breslau in der Revolution 1848/49, in: Cerwinka, Günter/Kaupp, Peter/Lönnecker, Harald/Oldenhage, Klaus (Hrsg.): 200 Jahre burschenschaftliche Geschichte. Von Friedrich Ludwig Jahn zum Linzer Burschenschafterturm. Ausgewählte Darstellungen und Quellen (Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, 16), Heidelberg 2008, S. 312-401;

Wentzcke, Paul: Geschichte der Deutschen Burschenschaft, Bd. 1: Vor- und Frühzeit bis zu den Karlsbader Beschlüssen (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 6), Heidelberg 1919, 2. Aufl. 1965.

Zwicker, Lisa F.: Duelling Students in a Slowly Democratizing Germany: Conflict, Masculinity, and Politics within German Student Life, 1890-1914 (Society, Politics, and Culture in Germany), New York [im Druck].

Archivalien:

Bundesarchiv, Koblenz, DB 9 (Deutsche Burschenschaft/Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V.).

Empfohlene Zitierweise

Lönnecker, Harald: Burschenschaft. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.12.2010], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z4a/

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Erstellt: 31.01.2011

Zuletzt geändert: 17.02.2011


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