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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [06.03.2013]

Karl H. Schneider

Bauernbefreiung


Bis Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich die Masse der bäuerlichen Bevölkerung in Abhängigkeiten von Grund-, Zehnt- oder Eigentumsherren. Sie mussten für die Nutzung des Hofes und des bewirtschafteten Landes Abgaben entrichten oder Dienste leisten, waren keine Eigentümer, sondern hatten nur Nutzungsrechte. Viele waren zudem persönlich unfrei. Verallgemeinernd sprechen wir von feudalen Abhängigkeiten. Galten diese Bedingungen für nahezu alle Bauern, so waren die regionalen Ausformungen sehr unterschiedlich. Grundsätzlich waren im Osten Deutschlands die Bedingungen schlechter, hier dominierte die Gutsherrschaft. Es gab es aber auch hier, wie sonst im westlichen Deutschland, Bauern mit „besseren“ Besitzrechten, weniger Dienstpflichten und geringeren Abgaben („Grundherrschaft“).

Seit dem späten 18. Jahrhundert geriet dies System, dem der Adel seine ökonomische, politische und gesellschaftliche Vorrangstellung verdankte, in zunehmende Kritik. Erste vorsichtige Reformen wurden begonnen. In Frankreich dagegen wurde zwischen 1789 und 1793 das Feudalsystem radikal abgeschafft. Weniger radikal waren die Veränderungen in Deutschland in der französischen Zeit zwischen 1806 und 1813. Immerhin wurde in den von Frankreich direkt kontrollierten oder mit ihm verbündeten westdeutschen Staaten die Leibeigenschaft (Eigenbehörigkeit) aufgehoben und zuweilen auch die Möglichkeit zur Ablösung der übrigen feudalen Pflichten geschaffen. In Preußen wurde durch das Oktoberedikt 1807 formal die gesamte Feudalordnung beendet, hier sollten fortan weder ständische Schranken noch persönliche Unfreiheit bestehen.

Die entscheidende Frage war, wie mit den Rechten der Feudalherren an „ihrem“ Land und den bisherigen Abgaben und Diensten der Bauern zu verfahren sei, denn die bisherigen Inhaber des Landes sollten nicht wie in Frankreich entschädigungslos enteignet werden. In den ostelbischen preußischen Gebieten setzte man in der Folgezeit zunächst auf Landabtretungen, in den westdeutschen Gebieten auf Geldzahlungen.

Nach 1813/15 verliefen die Entwicklungen im Westen und im Osten Deutschlands unterschiedlich. In Preußen wurden die Reformen formal fortgesetzt, jedoch konnten die Gutsherren durchsetzen, dass die Zahl der freien Bauern vorerst begrenzt blieb. Im Westen dagegen passierte zunächst nichts. Im Königreich Hannover wurden gar alle Reformen der französischen Zeit gestrichen.

Einen Durchbruch brachte die Revolution von 1830. Im Anschluss an die französische Julirevolution gab es in vielen deutschen Staaten Unruhen und Protestaktionen. Sie ebneten den Weg für neue politische Repräsentationsmöglichkeiten und bessere Agrarreformgesetze in den südwestdeutschen Staaten, den hessischen Territorien, in Sachsen und Hannover.

Allen Regelungen war gemeinsam, dass die Bauern für die Befreiung bezahlen mussten; der technische Begriff lautete „Ablösungen“. Die Bauern hatten so viel Kapital aufzubringen, dass der Zinsertrag davon dem Wert der bisherigen Leistungen entsprach. Bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 4 % bedeutete das die Zahlung des 25-fachen Jahreswerts der Leistungen. Das waren gewaltige Summen, die die meisten Höfe überforderten. Staatliche Kreditkassen mussten durch günstige, langfristige Kredite Hilfe leisten, was aber auch zu langfristiger Verschuldung führte.

Im Südwesten dagegen waren die 1830er Jahre nur für einen Teil der Bauern erfolgreich. In den sog. Standesherrschaften, ehemals, vor 1806, selbständige Territorien und nun in die neuen Mittelstaaten integrierte Gebilde, konnten die Herrschaftsträger zunächst gerichtlich Ablösungsgesetze verhindern. Das hatte zur Folge, dass sich in Württemberg nach 1836 direkte Untertanen des Königs aus der Grundherrschaft freikaufen konnten, während standesherrlichen Untertanen im selben Territorium eben dieses verwehrt blieb.

Der sich in den Standesherrschaften anstauende Ärger entlud sich im Frühjahr 1848 in heftigen Unruhen. Zum ersten Mal seit 1525 gingen im Südwesten Bauern in großer Zahl auf die Straße, plünderten Amtshäuser und bedrohten Beamte. Unruhen gab es auch vereinzelt im Norden. Die verbreiteten ländlichen Proteste sorgten dafür, dass in allen deutschen Territorien die Agrarreformen zugunsten der Bauern vorangetrieben wurden. Die Gesetze wurden überarbeitet, die Leistungen an die Feudalherren stark reduziert bzw. durch staatliche Zahlungen kompensiert. Oft waren schon im Sommer 1848 die bäuerlichen Forderungen erfüllt, so dass diese als Unterstützer der weiteren politischen Revolution ausfielen. Dennoch bildete selbst die Revolution nicht den vollständigen Abschluss der Reformen; die Umsetzung zog sich teilweise noch über Jahrzehnte, teilweise bis in das 20. Jahrhundert hin. Die entscheidenden gesetzlichen Regelungen waren aber bis auf wenige Ausnahmen um 1850 abgeschlossen.

Neben der Bauernbefreiung im engeren Sinn gab es weitere Reformen, wie die Aufhebung der genossenschaftlich genutzten Gemeinweiden oder die Zusammenlegung der kleinparzelligen Felder zu größeren Einheiten (Verkoppelungen). Diese Reformen setzten gleichfalls im 18. Jahrhundert ein und zogen sich über Jahrzehnte hin. Speziell in der Anfangszeit belasteten sie die große Zahl der ländlichen Unterschichten. Da Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen bis 1850 vorrangig im nördlichen Deutschland betrieben wurden, gab es hier 1848 weniger Konflikte mit den Grundherren, sondern zwischen Bauern und unterbäuerlicher Bevölkerung.

Hinsichtlich der Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen gab es ein erkennbares Nord-Süd-Gefälle. In manchen westdeutschen Gebieten blieben die alten Feldstrukturen teilweise bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen.

Der Begriff der „Bauernbefreiung“ wurde erst 1887 von Georg Friedrich Knapp geprägt, dem wir nicht nur die erste systematische Untersuchung des Reformprozesses in Preußen verdanken, sondern der in der preußischen Bauernbefreiung die Ursache für ein ländliches Proletariat sah, weil durch die Landabtretungen viele Bauern kein eigenes Land mehr hatten; diese Annahme wurde von der Forschung recht früh korrigiert - Tagelöhner gab es schon vor den Reformen. Dagegen wird der Begriff der "Bauernbefreiung", den Knapp erst geprägt hatte, bis heute verwendet.

Literatur:

Dipper, Christof: Bauernbefreiung in Deutschland, Stuttgart [u.a.] 1980 (Urban-Taschenbücher ; 298).

Harnisch, Hartmut: Kapitalistische Agrarreform und industrielle Revolution : agrarhistorische Untersuchungen über das ostelbische Preußen zwischen Spätfeudalismus und bürgerlich-demokratischer Revolution von 1848/49 unter besonderer Berücksichtigung der Provinz Brandenburg, Weimar 1984.

Hippel, Wolfgang von: Die Bauernbefreiung im Königreich Württemberg. Bd. 1: Darstellung. Bd. 2: Quellen., Boppard a.Rh 1977 (Forschungen zur deutschen Sozialgeschichte).

Knapp, Georg Friedrich: Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Theilen Preußens. Theil 2: Die Regulierung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse von 1706 bis 1857 nach den Akten, Leipzig 1887.

Schneider, Karl H.: Geschichte der Bauernbefreiung, Stuttgart 2010.

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Karl H.: Bauernbefreiung. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [06.03.2013], hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/237z46/

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Erstellt: 27.02.2013

Zuletzt geändert: 13.03.2013


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