Quelle 1

3.a Reliquienkult

 

Abbildung

I. Formale Analyse

Titel

Dye zaigung des hochlobwirdi= // gen hailigthumbs der Stifft // kirchen aller hailigen zu // wittenburg

Verfasser

Cranach, Lucas der Ältere - Illustrationen

Druckjahr

1509

Druckort

Wittenberg

Drucker

[Symphorian Reinhart] aus Straßburg, tätig 1509-1527 in Wittenberg

Umfang

Eigene Paginierung [90] Bl.
Zählung laut VD 16: [44] Bl.
Maße in mm: Platte 125x118, Blatt: 195x129

Provenienz

Bayerische Staatsbibliothek München (Sigel: 12), Rar.99 und Res. 4 H.eccl. 851

Nachweise in VD 16

Z 250 [Wittenberg : Reinhart, Symphorian, 1509]

Titelillustration

Ja

Illustration im Text

Ja, 119

II. Inhaltliche Analyse

Sprachliche Form

Prosa

Entstehungskontext

Friedrich der Weise sammelte Reliquien und stellte diese regelmäßig, am Montag nach dem zweiten Sonntag nach Ostern und an hohen Festtagen, in der Wittenberger Schlosskirche aus. Diese Reliquiensammlung wurde durch das Wittenberger Heiltumsbuch erschlossen. Davon gab es zwei unterschiedliche Ausgaben. In einem ersten Druck wurden 108 Holzschnitte abgebildet, davon 105 Reliquiengefäße. Im selben Jahr waren es in der darauffolgenden Ausgabe bereits 117 Reliquiare. Die Sammlung dürfte sich kurzfristig vergrößert haben und umgeordnet worden sein. Die erste Ausgabe verschwand vollständig, wahrscheinlich wurde sie zurückgezogen und vernichtet. (Vgl. Livia Cárdenas, S. 7-8) Die Reliquiensammlung Friedrich des Weisen wurde eingeschmolzen und existiert, bis auf das Elisabethglas und ein Stück des blauen Samts vom Mantel Mariens, nicht mehr.

Inhaltsangabe und Struktur des Textes

Die Heiltumssammlung Friedrich des Weisen ist einerseits Zeugnis seiner Frömmigkeit und andererseits Ausdruck seines Prestiges.

Den Rahmen des Wittenberger Heiltumsbuches wird von Kurfürst Friedrich dem Weisen und seinen landesherrlichen Intentionen vorgegeben. Bereits das Titelbild, der einzige Kupferstich dieses Werkes, stellt nicht, wie für Heiltumsbücher üblich, die Kirche oder den heiligen Kirchenpatron dar, sondern Friedrich selbst und dessen mitregierenden Bruder Johann (den Beständigen). Die Wittenberger Schloßkirche wird erst an zweiter Stelle und als Holzschnitt dargestellt. Am Ende des Buches ist das landesherrliche, sächsische Wappen abgebildet.

Dem Hauptteil wird eine kurze Einleitung vorausgeschickt. Der Hauptteil selbst ist nach 8 Gängen geordnet, die nach der Hierarchie der Heiligen gelistet sind. Auf einer Seite werden jeweils ein bis drei Holzschnitte nebeneinander gestellt, die die Reliquiare darstellen. Jeder Holzschnitt ist eigens gerahmt und erhält somit zusätzliche bildhafte Qualität. Die Abbildungen werden durch Wörter näher erläutert. Die Texte bezeichnen und betonen, die Kostbarkeit der für die Reliquiare, verwendeten Metalle und Edelsteine.

Einleitung (Bl. aii recto, ohne Foliierung, S. 2-5)

Im Einleitungstext nimmt Friedrich direkten Bezug auf einen bedeutenden Vorfahren, der die herausgehobene Stellung des Hauses Wettin in der Vergangenheit verankert. Dort wird berichtet, dass Herzog Rudolf I., Friedrichs Vorgänger in der sächsischen Herrschaft um die Mitte des 14. Jahrhunderts, für seine Waffendienste vom französischen König Philipp VI. eine Dornenreliquie erhalten hat:

„Ayns heiligen dorns der yn der heiligen Chron und unserm herrn und erloeser sein gebenedeuts haubt schmerzlich verwunt / mit eynem gulden bilde ains koenigs / zu sambt eyner beschriben hystorien. die man Jerlich do von singt / erlangt und verdient / hat.“ (aii recto, ohne Foliirerung, S. 2)

Dadurch geht Friedrich zugleich auf den Erwerb der bedeutendsten Reliquie und somit auch auf den Ursprung der Sammlung ein.

Friedrich der Weise verzichtet in der Einleitung jedoch auf fromme Formeln und stellt sich als Kunstmäzen und Sammler vor. Es gibt keine Anweisungen für den Ablauf der Reliquienweisung. Statt dessen versucht sich Friedrich, als Fürst, mit der restlichen Glaubensgemeinschaft zu identifizieren , indem er sein eigenes Empfinden der Sündhaftigkeit, das ihn mit allen anderen Menschen gemein macht, hervorhebt:

„auch das hailigthum in dieser kirchen in merglicher anzal befunden / zu unser furbitt und gnad zuerwerben geursacht Und alle Cristglaubige menschen zu aplas und ausleschung yrer sunde Auch zuerlangung ewiger seligkeit gereyzt und bewegt werden moegen.“ (aiii recto, S. 4)

Hauptteil (ohne Foliierung, S. 6-90)

Im Hauptteil werden die einzelnen Reliquiare vorgestellt. Über jeder Seite steht die Angabe des jeweiligen Ganges. Die aufgelisteten Gänge sind nach der Hierarchie der Heiligen geordnet, welche eine thematisch-inhaltliche Steigerung zu ihrem Ende hin erfahren.

In den ersten beiden Gängen befinden sich die Reliquien heiliger Jungfrauen und Witwen, im dritten Gang die der Beichtiger, d.h. der Bekenner des christlichen Glaubens, im vierten und fünften Gang die Reliquien der heiligen Märtyrer, im sechsten Gang sind die Gebeine der Evangelisten und Apostel versammelt, im siebten Gang befinden sich überwiegend Christusreliquien sowie Reliquien von Heiligen, die mit Christus in mittelbarer und unmittelbarer Beziehung stehen, wie Berührungsreliquien von Propheten und Patriarchen (hier werden auch Reliquien göttlicher Wunder aus alttestamentarischer Zeit aufgeführt) und im achten Gang sind Passionsreliquien angeordnet. (Vgl. Livia Cárdenas, S. 45)

Drei nähere Bildbeschreibungen

Titelbild

Die beiden Brüder, Friedrich der Weise und Johann werden halbfigurig wiedergegeben. Dem Porträt des Kurfürsten wird mehr Gewicht verliehen. Friedrich nimmt mehr Raum ein und befindet sich auf der rechten, der „bevorzugten“ Seite. Johann steht hinter ihm und wirkt stärker an den Rand gedrängt. Die beiden Wappen befinden sich jeweils links und rechts vom Bogen. Das Kurwappen mit den gekreuzten Schwertern befindet sich auf der linken und das Wappen des Herzogtums Sachsen auf der rechten Seite. Friedrich der Weise trägt einen Pelzkragen und eine kostbare Haube, Johann hingegen offenes Haar und modisch geschlitzte Ärmel. Friedrich lässt sich ebenso als religiöser Landesherr abbilden. Er hält einen Rosenkranz in den Händen und sein Blick schweift leicht nach oben. (Vgl. Livia Cárdenas, S. 33-36)

„Ein silbern vbergult Bildt eins konigs ein klein monstran? in ? handt“

„Ein Dorn der dem herren jhesu sein heyliges haupt verwundt hat“ (ohne Foliierung, S. 87)

Die Dornenreliquie stellte eine der kostbarsten Reliquien dar und war in einer kleinen Monstranz eingeschlossen, die auf der inneren linken Handfläche einer vergoldeten Statuette, die den König mit Krone und Lilienstab darstellte, stand.

Ein Oelbergk

Diese Objekt fällt, in der Fülle der wiedergegebenen Reliquiare auf, da es einer vollkommenen anderen Bildgattung entstammt. Es ist hier kein eindeutiges Reliquiar wiedergegeben. Cranach platziert einen bildhaften Holzschnitt, der aus einer Passionsfolge stammen könnte. Es wird die Einsamkeit Christi im Garten Gethsemane thematisiert, sein Flehen zu Gott in äußerster Andacht. Es gibt keine Erklärung warum Cranach im siebenten Gang diesen Holzschnitt auswählte, obwohl dies bewusst geschehen sein durfte. Die Haltung Christi, auf diesem Bild, sollte den Betrachtern dieses Buches ein Modell sein, da diese Station des Kreuzweges dafür geeignet ist, den Gläubigen „imitatio“ und compassio“ zu ermöglichen. (Vgl. Sabine Heiser, Andenken, Andachtspraxis und Medienstrategie, in: Andreas Tacke, Hg., „Ich armer sundiger mensch“. Heiligen- und Reliquienkult am Übergang zum konfessionellen Zeitalter (= Schriftenreihe der Stiftung Moritzburg; Bd. 2) Halle 2004, 233-234.

Literaturhinweise

Arnold Angenendt, Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München 1994.

Livia Cárdenas, Friedrich der Weise und das Wittenberger Heiltumsbuch. Mediale Repräsentation zwischen Mittelalter und Neuzeit, Berlin 2002.

Andreas Tacke, Hg., „Ich armer sundiger mensch“. Heiligen- und Reliquienkult am Übergang zum konfessionellen Zeitalter (= Schriftenreihe der Stiftung Moritzburg; Bd. 2) Halle 2004.

Lucas Cranach, Wittenberger Heiltumsbuch, Faksimile- Neudruck der Ausgabe Wittenberg 1509, Unterschneidheim 1969.

Bemerkungen

Auf dem Kupferstich erscheint die Jahreszahl 1510. Offenbar wurde das Buch erst 1510 mit dem Kupferstich vervollständig, während es bereits 1509 gedruckt worden war.

Auf Lucas Cranachs Mitwirkung wird auf dem Titelblatt durch das Wappen einer geflügelten Schlange hingewiesen.

 

Anja Grabuschnig 

Empfohlene Zitierweise

Grabuschnig, Anja: Reliquienkult Quelle 1, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2vh/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 06.06.2012

Zuletzt geändert: 06.06.2012


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