Spätmittelalterliche Frömmigkeit

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3 Spätmittelalterliche Frömmigkeit

 

Die vorreformatorische Zeit war eine Zeit gesteigerter Frömmigkeitsbedürfnisse, die sich in den vielfältigsten Erscheinungsformen manifestierten - zum Beispiel in Wallfahrten, im Reliquienkult, im Wunderglauben und auch der Heiligen- oder Marienverehrung. Zudem kam es zu einem Aufschwung des Stiftungswesens, welches auch mit einem Anstieg der kirchlichen Bautätigkeit einherging und, wie sich z.B. für England im Detail nachvollziehen lässt, noch die Kirchenlandschaft unserer Gegenwart prägt.

Die Zeit um 1500 ist durch eine intensive „Repräsentationsfrömmigkeit“ (Leppin) gekennzeichnet. Mit diesem Begriff wird die Überzeugung der Menschen bezeichnet, dass ihre Welt von vielfältigen Formen der Präsenz Gottes erfüllt ist, die dessen gnädige Zuwendung ermöglichen. Dieser Gedanke stand unter anderem hinter der Verehrung von Reliquien, der zentralen Bedeutung der Verehrung des eucharistischen Sakraments, aber auch hinter der Bedeutung von Bildern. Wichtige Reliquien oder als heilig geltende Bilder, wie die Schöne Maria in Regensburg, lösten gewaltige Pilgerströme aus. Das Wallfahren verweist zugleich auf einen weiteren, frömmigkeitsgeschichtlich wichtigen Aspekt – auf die von der Forschung als veräußerte Frömmigkeit bezeichneten Frömmigkeitspraktiken, im konkreten Fall: den Ablass. Gegen diese Veräußerlichung des Bußwesens artikulierte sich schon im Spätmittelalter Kritik. So etwa setzten die Mystiker der Buße in äußerlichen Übungen, den durch den Glauben im Innern neu begründeten Menschen entgegen.

Mit dem wachsenden Stellenwert, der den Laien in den kirchlich wie nicht-kirchlich gebundenen Frömmigkeitspraktiken zuwuchs, bzw. von ihnen beansprucht wurde, verband sich eine radikale Infragestellung der priesterlichen Macht zur Heilsvermittlung: Wo Christus dem Glaubenden unmittelbar begegnen konnte, war nicht mehr recht deutlich, wozu eigentlich noch Sakramente gespendet werden mussten. Es erübrigte sich die Notwendigkeit, zum Priester zu gehen und vor ihm zu beichten. Die Laien begannen sich selbst um die Fragen ihres Heils zu kümmern. Der Anstieg der Lesefähigkeit war eine wichtige Entwicklung, da sich die Laien, besonders in Städten nun selbst über religiöse Fragen informieren konnten. Des Weiteren kam es vor allem durch die ansteigende Bedeutung der Predigt zu mehreren Berührungspunkten zwischen Laien und Klerikern.

Literatur:

Arnold Angenendt, Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter, München 2003.

Berndt Hamm und Thomas Lentes, Hg., Spätmittelalterliche Frömmigkeit zwischen Ideal und Praxis (= Spätmittelalter und Reformation, Neue Reihe; 15) Tübingen 2001.

Berndt Hamm, Frömmigkeit als Gegenstand theologiegeschichtlicher Forschung. Methodisch-historische Überlegungen am Beispiel von Spätmittelalter und Reformation, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche (ZThK); 74, Tübingen 1977, 464-497.

Volker Leppin, Das Zeitalter der Reformation, Darmstadt 2009,18-35.

Klaus Schreiner, Hg., Laienfrömmigkeit im späten Mittelalter. Formen, Funktionen, politisch-soziale Zusammenhänge (= Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien; 20) München 1992.

 

Anja Grabuschnig 

Empfohlene Zitierweise

Grabuschnig, Anja: Spätmittelalterliche Frömmigkeit, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/2ux/

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Erstellt: 05.06.2012

Zuletzt geändert: 05.06.2012


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