a) Lutherfeiern

3a. Lutherfeiern

 

Zu dem hier präsentierten Überblick über die Tradition der Lutherfeiern sollen zu einem späteren Zeitpunkt noch Materialien nachgereicht werden.

1517 – 1555

In diesem Zeitabschnitt kann natürlich noch nicht von einer Festtagstradition um die Person Martin Luther gesprochen werden, da sich zum Einen die Reformation gerade zu konsolidieren begann und sich noch keine geeigneten bzw. wiederkehrenden Daten für Jubelfeste jährten, zum Anderen war in dieser „heißen“ Phase der Entstehung noch an keine Jubiläen zu denken.

Abgesehen davon zeichnete sich die junge, gerade entstehende, protestantische Kirche dadurch aus, dass sie für eine drastische Kürzung der Feier- und Festtage eintrat, da es sich hierbei hauptsächlich um Heiligenfeste handelte. Apostel- und Marienfeste fielen dieser Festtagsreduktion jedoch nicht zum Opfer. Auch ist während der Reformation ein Auseinandertreten von Fest und Feier zu beobachten. Genauer gesagt wurde „das Wort“ vom Ritus des Gottesdienstes getrennt.

Auch wenn in diesem kurzen Abschnitt noch keine öffentlichen Gedenkfeiern abgehalten wurden, so ist sehr wohl bekannt, dass Martin Luther selbst am 1. November 1527 zusammen mit seinen Freunden im Lutherhaus des Beginns der Reformation gedachte. Stefan Laube vermutet hierin sogar „[…] die Keimzelle der runden Jahrestage […] aus der dann seit dem 17. Jahrhundert die öffentlichkeitswirksamen Massenveranstaltungen hervorgehen sollten.“

1555 – 1800

Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war, gleich wie die erste, noch nicht von Gedenktagen und Feiern geprägt. Auch wenn des Todestages Luthers schon 1583 gedacht wurde, so wurde erst 1617 der Grundstein für künftige Jubiläen gelegt, als die Professoren der Universität Wittenberg an den Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen herantraten und ihn um Erlaubnis baten, den Thesenanschlag und damit das Wirken Martin Luthers auf der Universität in einem kleinen, elitären Kreis zu würdigen.

Der Kurfürst weitete jedoch aus politischen Gründen die Feier auf sein ganzes Herrschaftsgebiet aus, um sich einerseits damit vom katholischen Lager abzugrenzen und andererseits um so, durch den historischen Standort, der theologisch gedeutet wurde, in seinem Land die Identität zu stärken und sich als Schutzmacht des Luthertums zu legitimieren. Der Erfolg des Festes führte dazu, dass 1630 der Confessio Augustana (CA) gedacht wurde. Die Feiern, die die Person Luther mit den Reformationsjubiläen des Thesenanschlages und der CA eng miteinander verknüpften, dienten der Obrigkeit als Repräsentationsfeste und waren auch dementsprechend von überdeutlicher Präsenz und Kontrolle der Fürsten, aber auch von Lobreden etc. für diese geprägt.

Durch die erfolgreichen „Feierlichkeiten“ kam es im 17. Jahrhundert zu einer Zunahme an Feiern, die auch zusehends auf die Person Luther konzentriert waren. So standen 1646 sein Todestag (18.2.) im Mittelpunkt sowie sein Geburtstag im Jahr 1683. 1667 wurde der 31. Oktober als Reformationstag festgesetzt und in den folgenden Jahren immer am Sonntag davor bzw. danach begangen. In diesem hundert Jahr Rhythmus wird auch der CA und dem Thesenanschlag gedacht, wiederum eng verbunden mit Luther. Der Großteil der Feiern stand aber immer schwierigen Kriegszeiten gegenüber und einer nach wie vor apokalyptischen Weltsicht, die sich dementsprechend auf die Feiern auswirkte. Die Reformation, die als heilsgeschichtlicher Prozess gesehen wurde, stellte während den Feiern die Leiden der Menschen in den Mittelpunkt. Das Erlebnis der gemeinsamen Erinnerungsfeier sorgte für Gemeinsamkeit und verband die unterschiedlichen Regionen. Diese Gemeinsamkeit wurde auch durch eine Vernetzung der verschiedenen Jubiläen erzielt, die nun im Abstand von 25, 50, 100, 125 und 150 Jahren gefeiert wurden und mehrere Zeitebenen schufen. Diesen Festen fehlte aber noch der Bezug auf künftige Feste, außerdem glichen sie theologischen Kirchenfesten, obwohl sie eines historischen und nicht theologischen Ereignisses gedachten. Dennoch wurde die Reformation durch eine Sakralisierung legitimiert.

Die Lutherfeiern im 18. Jahrhundert glichen denen vom vorhergegangen im Sinne der Personifizierung Luthers. Er wurde bei Predigten und Bildern nach wie vor als standhafter Vertreter der Werte und Autorität der Gesellschaft dargestellt. Auch die Abhaltung der Feiern war nach wie vor auf die Kirche begrenzt, womit zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass die Reformation noch nicht beendet sei, was auch entschieden zur Zurückhaltung bei den Festen beitrug.

Durch die Wiederholung der Jubiläen kam es zu einer zunehmenden Qualität selbiger und nun wurde auch als Zeichen der Beständigkeit die Erinnerungen von vergangen Feiern rekapituliert und auch auf die Zukunft verwiesen. Dieses positivere Weltbild, das im Gegensatz zum apokalyptischen steht, brachte auch durch die Aufklärung eine neue Sicht der Geschichte und so wurde Luther nun als Revolutionär dargestellt. Nun wurde nicht mehr die Rückkehr zum Alten sondern der Aufbruch in ein neues Zeitalter gefeiert. Die Person Luther rückte nun in den Vordergrund und dominierte das 19. Jahrhundert.

1800 – 1870

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand die Reformation selbst im Zeichen der Festkultur. Die Jubiläen waren strikt gehalten und Ort des Geschehens war die Kirche. Die Festverordnungen schlossen jegliche Spontaneität aus.

Zwischen 1817 und 1830 erfreuten sich allgemeine Kinderfeste zunehmender Beliebtheit. Es wurde auf Wiesen mit Musik gespielt und auch die Ess- und Trinkkultur gab sich freizügiger. Diese Feste signalisierten zum ersten Mal die Liberalisierung des öffentlichen Festcharakters, was sich in den Festen um Luther später zeigen sollte. Eine der wichtigsten Feiern zur Person Luther fand in Worms 1868 statt, als zum Jubiläum Luthers eine Statue enthüllt werden sollte. Dieses Enthüllungsfest markiert eine Wende in der Festkultur.

Das Fest fand unter dem freien Himmel und nicht in einer Kirche statt und weitete den Öffentlichkeitscharakter der reformatorischen Feste auf die ganze Stadt aus. Das Fest verstand sich als eine Kommunalfeier, anstatt einer Kirchenfeier der Obrigkeit. Die Festansprache wurde nicht auf Lateinisch, sondern auf Deutsch abgehalten, da die Emotion des Zuschauers gefragt war. Mit Hilfe moderner Mittel wie Dampfboot und Eisenbahn konnten außerdem etwa 100.000 Besucher das Fest in Worms besuchen.

Diese Feste zwischen 1868 und 1883 wurden als „deutsche evangelische Volksfeste“ oder „deutsche Nationalfeste“ angekündigt und die Betonung eines deutschen Luthers war zu jener Zeit der Nationalstaatenbildung wichtig. Diese Bedeutung der öffentlichen und nationalen Festkultur entwickelte sich bis zum Lutherfest 1883.

1870 – 1960

Zum 400 Jährigen Geburtstag von Luther wurde das Jahr 1883 als das Lutherjahr gefeiert. Das Zusammenspiel zwischen Nationalismus und Reformation fand damals seinen Höhepunkt. Man sah Luther als eine deutsche Symbolfigur und die Reformation als eine deutsche Revolution gegen die klerikale Obrigkeit und Rom selbst. In „Lutherstätten“ wie Wittenberg, Erfurt, Eisleben und Eisenach wurden Feiern abgehalten und Orte, in denen Luther geweilt hatte, bekamen Museen und Denkmäler. 1883 wurde auch das Archiv für Reformationsgeschichte gegründet.

1939 wurde der 450. Geburtstag von Luther gefeiert und stand im Zeichen des Nationalsozialismus. Der Gedenkfeier wurde der Titel „Mit Luther und Hitler, für Glaube und Rasse“ aufgetragen. Die Bewegung der „Deutschen Christen“ ging soweit zu behaupten, dass erst mit den Nationalsozialisten es möglich gewesen wäre, Luthers nationale und rassische Sendungen zum Abschluss zu bringen.

Am Vorabend von Luthers 455. Geburtstag fand die Reichskristallnacht statt und die Nazis verwiesen auf Luthers antisemitischen Bemerkungen, um die Stimmung der „deutschen“ Reformation auch auf symbolischer Ebene zusätzlich zu unterstreichen.

Literaturhinweise:

Wolfgang Behringer/ Benedikt Kranemann/ Martin Petzoldt et al.: „Fest“, In: Friedrich Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd.3, Stuttgart 2006.

Gerald Chaix: Die Reformation, In: Etienne Francois, Hagen Schulze, Deutsche Erinnerungsorte II, München 2001, S. 9-27.

Johannes Burkhardt: Reformations- und Lutherfeiern. Die Verbürgerlichung der reformatorischen Jubiläumskultur, In: Dieter Düding, Peter Friedemann, Paul Münch (Hg.), Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum ersten Weltkrieg, Hamburg 1988, S. 212-236.

Stefan Laube: Inszenierte Jubelgeschichten um das Lutherhaus in Wittenberg. In: Winfried Müller (Hg.), Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004, S. 101-116.

Wolfgang Flügel: Zeitkonstrukte im Reformationsjubiläum. In: Winfried Müller (Hg.), Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus (=Geschichte. Forschung und Wissenschaft 3, Münster 2004) S. 77-99.

Verfasser: Daniel Pryjda / Christopher Jaklin 

 

Empfohlene Zitierweise

Lutherfeiern. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/11f/

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Erstellt: 23.07.2007

Zuletzt geändert: 26.11.2008


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