V. Briefe der Pompadour

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V. Die Briefe der Madame de Pompadour - von Veronika Diem

3. Fälschungen

3.1 Ausgaben von gefälschten Briefen

1772 wurden erstmals gefälschte Briefe der Madame de Pompadour veröffentlicht. Die in London durch François Barbé de Marbois verlegte Sammlung erfreute sich so großer Beliebtheit, dass bald darauf eine zweite, umfangreichere Ausgabe folgte. Diese Briefsammlung wurde bis zur heutigen Zeit immer wieder übersetzt und herausgegeben und diente auch als Quelle für viele Schriften zum Leben der Madame de Pompadour.

In deutscher Sprache veröffentlichte zuletzt Hans Pleschinski 1999 eine Sammlung von Briefen der Madame de Pompadour neu, ohne wissenschaftlichen Apparat und ohne auf etwaig gefälschte Briefe besonders einzugehen. Er verbindet im Ersten Teil seines Buches die gefälschten Briefe mit biografischen Zwischentexten zu einem Porträt der Madame de Pompadour. [5]

Unter dem Kapitel "Privates und Geschäftliches an Verwandte und enge Freunde" übersetzt Pleschinski dann einen Großteil der originalen Briefe, die bei Malassis 1878 veröffentlicht worden waren. [6]

3.2 Zweck der gefälschten Briefe


Abb. 1

Die exponierte Stellung der Madame de Pompadour am französischen Hof machte sie zu einem beliebten Ziel von hofkritischen Texten und verunglimpfenden Schriften zu ihrer Person. Madame de Pompadour war hier weniger als Einzelperson Opfer der Kritik, vielmehr diente sie den Kritikern als Projektionsfläche für das gesamte absolutistische System.

Dafür gab es verschiedene Mittel: neben direkten spöttischen Texten und falschen Erinnerungen kursierten deshalb auch gefälschte Ausgaben von Briefen der Mätresse. Diese dienten dazu, eine bestimmte, hoffeindliche, politische Position zu vertreten und in dieser Form die strenge Zensur zu umgehen. Durch eine überzogene Darstellung des Lebens am Hof wurden so bürgerliche Werte, die dem höfischen Fehlverhalten gegenübergestellt wurden, transportiert. Diese Werke erfreuten sich oft großer Beliebtheit, sodass sich ihre Veröffentlichung auch finanziell bezahlt machte.

3.3 Form und Stil der gefälschten Briefe

Im Vergleich zu den originalen Briefen der Madame de Pompadour sind diese Briefe oft sehr lang: sie füllen meist mehr als eine Seite. Auch wirken sie bezüglich der Themen sehr geschlossen, sodass man relativ leicht bestimmte Zusammenhänge entnehmen kann, ohne etwaige empfangene Briefe kennen zu müssen.

Auch die Themen, die in den Briefen behandelt wurden, unterstreichen allzu deutlich das hintergründige Ansinnen der Herausgeber. So wurden Hofinterna, Intrigen und persönliche Kritik für sämtliche Adressaten offen dargelegt. Was der anfangs ausgeführten "Öffentlichkeit" der Briefe völlig widerspricht. Ebenso entsprach die Ausführlichkeit der Darstellung dieser Themen nicht dem üblichen Briefstil der Zeit.

3.4 Adressaten der gefälschten Briefe

Eine Liste der Empfänger der angeblichen Briefe der Madame de Pompadour würde ein unüberschaubares Bild abgeben. Die Briefe waren an Adressaten verschiedensten Standes gerichtet, sogar an Konkurrenten und politische Feinde.

3.5 Inhalt der gefälschten Briefe

Die gefälschten Briefe sprechen viele Themen sehr ausführlich und in einer ungewöhnlichen Offenheit an. In den Briefen finden sich viele lehrhafte Passagen wieder. Politische Ansichten und hofkritische Meinungen wurden offen dargelegt und sehr oft ist von Langeweile die Rede, wie auch am Anfang des Briefes an die Duchesse de Duras:

(1748)

"Sie fragen mich, was ich tue, Madame la Duchesse. Ich langweile mich und ich liebe Sie wie immer. Närrisch stellte ich mir einst vor, der Hof wäre der Ort des Lachens und der Freude; es ist eher jener der Tränen, zumindest meiner. Ich habe sie heute aus Empörung vergossen, als ich meine Freunde, jene, denen ich mit aller Kraft gedient habe, sich gegen mich verschwören sah. Das wird mich indes nicht daran hindern, Gutes zu tun, gemäß dem Philosophenwort: Gib den Hunden zu fressen, selbst wenn sie dich beißen.

Ich bereue dennoch, zum Aufstieg einer gewissen Person beigetragen zu haben, die zu beidem unfähig ist, dem König gut zu dienen und dankbar zu sein; aber damals kannte ich den Betreffenden nicht.
Sie haben sicherlich von jenem Chamillard gehört, den Ludwig XIV. zum Kriegsminister machte, weil er gut Billard spielte. Ich habe in etwa das Gleiche für diesen Mann getan; er hatte einzig das Verdienst, unterhaltsam zu sein, und jetzt ist er Staatssekretär.

Es gibt einen großen Missstand in sämtlichen Regierungen: jedes Mitglied der Verwaltung sollte für immer auf demselben Posten bleiben, ohne Aufstiegshoffnung: anders lässt sich von ihm weder Gerechtigkeit noch Aufmerksamkeit erhoffen. Er kann die Pflichten des Amts, das er anstrebt, nicht erfüllen, weil er es noch nicht hat; die Obliegenheiten dessen, das er innehat, gleichfalls nicht, weil er es aufgeben möchte. Der Mann, um den es geht, bestätigt meine Anmerkung.

Man erwartet hier die Herzogin von Parma, und ich hoffe, dass ihre Gegenwart Heiterkeit an den Hof zurückbringen wird, wo nur mit gespitzten Lippen gelacht wird. Der König sagte mir gestern: Ich habe viele Schmeichler, doch keine Freunde. Das ist das Unglück der Fürsten; man betet sie an, aber selten liebt man sie.

Der junge Graf war da, um mir für das Regiment, das er bekommen hat, zu danken; es stimmt, dass ich ein Wort für ihn eingelegt habe, doch mehr noch hat sein eigenes Verdienst für ihn gesprochen, er erzählte von schönen Taten wie ein Mann, der sie auch bewerkstelligen kann. Ich werde Sie vielleicht nächste Woche bei der schönen Comtesse treffen, die mich zu einem kleinen Fest eingeladen hat: es wird das Fest der Freundschaft und folglich sehr angenehm sein. Adieu, meine teure Herzogin; ich küsse Ihre schönen Hände." [7]

Solche ausführlichen und offenherzigen Aussagen stehen im Widerspruch zum damaligen Stil.
Auch wurde am Beispiel der Madame de Pompadour durchexerziert, wohin weibliches Machtstreben führen wird. So schrieb sie angeblich an ihre Schwägerin, die Comtesse de Baschi:


Abb. 2

(1762?/1763?)
"Traurig, niedergeschlagen, in düsterer Stimmung bin ich gestern aus Fontainebleau zurückgekehrt: Ihnen zu schreiben tut mir am wohlsten. Vor Ihnen habe ich nichts zu verbergen, meine zärtliche Freundin: ich weiß indes nicht, ob Sie meine vertrauensvollen Worte mit derselben Freude empfangen, wie ich sie zu Papier bringe: doch um mein Herz ein wenig zu erleichtern, muss ich es tun. Das ist also das Leben der Großen! Ihr Trachten geht nur in die Zukunft und ihr Glück besteht nur aus Hoffen: es gibt kein Glück im Ehrgeiz. Ich bin nur mehr melancholisch, oft ohne Ursache. Die Freundschaftsbeweise des Königs, die Aufmerksamkeiten der Höflinge, die Anhänglichkeit meiner Bediensteten und die Treue einer kleinen Zahl von Freunden; so viele Gründe, die mich beglücken sollten, berühren mich nicht mehr. Einst hatte ich im Sinn, die Frau des Königs zu werden, und schmeichelte mir, dass der beste der Fürsten mir doch zukommen lassen könnte, womit sein Vorfahr eine fünfzigjährige Witwe ausgezeichnet hatte. Dieser vortreffliche Plan hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: die große Dame und der kleine Normand lebten noch. Das sind, meine schöne Comtesse, die Chimären, die lange dieses schwache Herz erfreut haben, das jetzt fast nur noch Sie liebt. Was mir einst gefiel, gefällt mir nicht mehr. Ich habe mein Haus in Paris prächtig möblieren lassen: nun denn! Es hat mir zwei Tage lang gefallen. Bellevue ist bezaubernd und nur ich kann es nicht ertragen. Barmherzige Menschen tragen mir täglich Geschichten und Abenteuer aus Paris zu: sie glauben, ich höre zu: doch wenn sie fertig sind, frage ich nach, was gerade erzählt wurde. Mit einem Wort, ich lebe nicht mehr, ich bin vor der Zeit tot. Alle verbünden sich, um mir das Leben zu verbittern. Man lastet mir das Elend allerorten an, schlechte Vorhaben des Kabinetts, die Misserfolge im Krieg und die Triumphe unserer Feinde. Alles soll ich verkauft haben, über alles bestimmen, alles lenken. Kürzlich fand sich ein braver Greis beim Diner des Königs ein, näherte sich ihm und bat darum, er möchte ihn doch bitte der Madame de Pompadour empfehlen. Alle Welt lachte über die Einfalt dieses armen Manns: aber ich, ich lachte nicht. Ein anderer überreichte vor nicht langer Zeit dem Rat eine wunderbare Denkschrift zur Geldbeschaffung, ohne das Volk zu belasten: sein Plan war, mich zu ersuchen, dem König hundert Millionen zu leihen. Man lacht noch immer über diesen schönen Plan, aber ich, ich lachte nicht. Dieser Hass und die allgemeine Hetze im Volk treffen mich sehr: mein Leben ist ein fortwährender Tod. Kein Zweifel, ich sollte mich vom Hof zurückziehen: aber ich bin schwach und weder kann ich ihn ertragen, noch ihn verlassen. Ich neide Ihnen, meine zärtliche Freundin, Ihr Glück.
Adieu, beklagen Sie mich und spenden Sie mir, wenn es denn geht, etwas Trost." [8]

Auch sollten die Briefe verdeutlichen, wie das Beispiel oben zeigt, dass Madame de Pompadour durch ihren schlechten Einfluss Frankreich ins Verderben gestürzt hat und deshalb von der bürgerlichen Öffentlichkeit angefeindet wurde. Sie diese Erkenntnis in einem Brief äußern zu lassen, widerspricht allen im ersten Teil veranschaulichten Ausführungen.

Vergleicht man nun die Beispiele der Briefe des ersten Teils mit den Beispielen der gefälschten Briefe, wird deutlich, dass sowohl aufgrund des Stils und der Länge der Briefe als auch aufgrund der vorkommenden Themen eine Madame de Pompadour als Verfasserin nicht in Frage kommt.

Die gefälschten Briefe konnten lediglich als Mittel zur Darstellung dienen, um bürgerliche Werte im Spiegel der höfischen Welt als erstrebenswert zu unterstreichen und höfische Missstände zu entlarven.

 

[5] Hans Pleschinski: Ich werde niemals vergessen, Sie zärtlich zu lieben, Madame de Pompadour Briefe, München / Wien 1999, 5-353.

[6] Hans Pleschinski: Ich werde niemals vergessen, Sie zärtlich zu lieben, Madame de Pompadour Briefe, München / Wien 1999, 354-417.

[7] Hans Pleschinski: Ich werde niemals vergessen, Sie zärtlich zu lieben, Madame de Pompadour Briefe, München / Wien 1999, 69/70.

[8] Hans Pleschinski: Ich werde niemals vergessen, Sie zärtlich zu lieben, Madame de Pompadour Briefe, München / Wien 1999, 331/332.

 

Empfohlene Zitierweise

Diehm, Veronika: 3. Fälschungen. Aus: Madame de Pompadour - Die Briefe der Madame de Pompadour, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/5uzde/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 16.03.2006

Zuletzt geändert: 16.03.2006


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