Roll

Christine Roll

Verborgene Informationen. Geheimhaltung in der politischen Kommunikation am frühneuzeitlichen Kaiserhof.

 

Zwei Beispiele für Chiffren und andere Formen der Tarnung brisanter Informationen.

 

Beispiel 1:

Schreiben des Adrien de Croy, Herrn von Beaurains, eines der wichtigsten Räte Kaiser Karls V., an den Kaiser [Genua, 1523 Juli 22]; eigenhändige Ausfertigung, zum Teil chiffriert, mit interlinearer Dechiffrierung durch Karls ersten Sekretär Lalemand.

HHStA Wien, Belgien PA 13/2 (alt 14), fol. 278r-v.

Beispiel für ein Korrespondenzstück der höchsten Geheimhaltungsstufe, in dem nicht nur wichtige Teile chiffriert, sondern auch die Teile in Klarschrift verschlüsselt sind. So wird z.B. der Kaiser "Antoine de Perrenin" genannt, der Herzog von Bourbon erscheint als "Claude Philippe Grillet" und Adrien de Croy selbst als "Humbert Grillet marchant". Und die Formel "mon bon compagnon" bedeutet " je suis arrive au monsr. de Bourbon" Dieser hohe Grad an Geheimhaltung erklärt sich aus dem brisanten Inhalt des vorliegenden Schreibens: Es handelt sich um den Abfall des Herzogs von Bourbon von seinem Herrn, dem französischen König, und den Abschluss eines Kriesgbündnisses zwischen dem Kaiser und Bourbon gegen den französischen König. Im heutigen Aktenzusammenhang liegt dem Brief der Chiffrenschlüssel sowie eine Liste aller Decknamen und Tarnfloskeln mit deren Auflösung bei (ebd., fol. 279r,-v; ) Auszüge)).

Die erste Zeile, Anrede und chiffrierter Text: Anoine Perrenin, mon tres cher amy ... bedeutet: Sire, je me suis trouve vers monsr. de Bourbon le tier jour de...





 

Beispiel 2:

Maria von Ungarn, kaiserliche Statthalterin in den Niederlanden, an [Karl V.], [Brüssel], 1542 Februar 28, chiffrierte Ausfertigung.

HHStA Wien, Belgien PA 32/1 (alt 40), fol. 157r-v, Rückvermerk 158v.

Als Kaufmannspost getarnter Brief eines "Emanuel Fernandez" aus Amsterdam an einen "Señor Pedro Hernandes de Vosmediano en Lisbona". Der Brief ist in französischer Sprache abgefasst und zur Gänze chiffriert. Anfang und Schluss aber sind in spanischer Klarschrift geschrieben und sollen so einen spanischsprachigen Brief vortäuschen. Als Bestimmungsort ist Lissabon angegeben, Karl hielt sich zu dieser Zeit jedoch in Valladolid auf. Dass es sich um einen Brief Marias handelt, ergibt sich aus dem Rückvermerk: "De la Royne en Flandes le dernier de febr. de 42", und dass der Brief an den Kaiser gerichtet ist, lässt sich nur daraus schließen, dass dieser Vermerk von der Hand des kaiserlichen Sekretärs Bave stammt.

Die inhaltliche Brisanz dieses Brief besteht in Folgendem: Im Frühjahr 1542 befürchtete Maria einen französischen Angriff - zu Recht, wie sich bald herausstellen sollte -, Karl aber riet von Rüstungen ab, um König Franz nicht zu provozieren. Dennoch schnitt sie in ihren Briefen immer wieder dieses Thema an, so auch in diesem chiffrierten Schreiben.




 

 



Erstellt: 29.03.2006

Zuletzt geändert: 29.03.2006


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