20. Jahrhundert

Marc Bloch ( 1886-1944 )

 

"Mit einem Wort: hören wir auf, in alle Ewigkeit von Nationalgeschichte zu Nationalgeschichte zu plaudern, ohne uns zu verstehen. Ein Dialog unter Schwerhörigen, von denen jeder völlig verkehrt auf die Fragen des anderen antwortet, ist ein alter Kunstgriff der Komödie, dazu angetan, ein aufgeschlossenes Publikum zu erheitern; eine empfehlenswerte intellektuelle Übung ist es nicht."

Für eine vergleichende Geschichtsbetrachtung der europäischen Gesellschaften, in: Matthias Middell/Steffen Sammler (Hgg.): Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten 1929-1992, Leipzig 1994, S. 121-167, hier: S. 159 (zuerst: Pour une histoire comparée des sociétés européennes, in: Revue de synthèse historique 1928)

 

Stimmen der Forschung

"Of few historians can be said that the quality of their lives and convictions has had almost as great an influence and appeal as their historical writings. But Marc Bloch is one such."

R. R. Davis in: John Cannon u.a. (Hgg.): The Blackwell Dictionary of Historians, Oxford 1988, S. 44

 

"Together with Febvre, Bloch is the founder of the French ,New history' and one of the most influential historians of this century."

Lucien Boia in: ders. (Hg.): Great Historians of the Modern Age, New York u.a. 1991, S. 223

 

"Ungeachtet weitreichender Vorschläge zur theoretischen Neufassung von Geschichte als Sozialwissenschaft waren Febvre und Bloch doch zuallererst praktisch arbeitende Historiker, lehnten Geschichtsphilosophie à l'allemande und die Reduktion der historischen Arbeit auf geschichtsphilosophische Annahmen rundweg ab. Sie gestalteten die Annales auch nicht vorrangig zu einem Blatt programmatischer Debatten, sondern zu einem Experimentierfeld der neuen Geschichtsauffassung - weit geöffnet für Neues, bisher nicht Erprobtes; weit geöffnet auch gegenüber dem Ausland."

Matthias Middell in: ders./Steffen Sammler (Hgg.): Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten 1929-1992, Leipzig 1994, S. 9

 

"Marc Bloch hat der internationalen Geschichtswissenschaft unter vielem anderen das Vermächtnis einer vergleichenden Geschichte der europäischen Gesellschaften hinterlassen. Seine Forderung, die er vor genau siebzig Jahren auf dem Historikerkongreß in Oslo programmatisch begründete, ist bis heute unerfüllt geblieben."

Michael Borgolte in: Peter Schöttler (Hg.): Marc Bloch. Historiker und Widerstandskämpfer, Frankfurt/Main/New York 1999, S. 171

 

"In Frankreich hingegen wurden nach 1918, und zwar wesentlich durch Marc Bloch, die neuen Ansätze zum Ferment eine Nouvelle Histoire, welche bezeichnenderweise in Deutschland noch nach 1945 der Ablehnung verfiel und gegen die noch bis in unsere Tage von prominenten deutschen Historikern seltsame und recht wenig begründete Kritik geäußert wurde."

Otto Gerhard Oexle in: Peter Schöttler (Hg.): Marc Bloch. Historiker und Widerstandskämpfer, Frankfurt/Main/ New York 1999, S. 122

 

"Marc Bloch, so scheint mir, besaß einen außerordentlich geschärften Sinn für das Problem, das die Gegenwart oder, wenn Sie wollen, die Aktualiät für den Historiker darstellt. Er hat dieses Problem als eine der größten Herausforderungen für den Historiker erkannt und angenommen. Diese Erkenntnis und die praktischen, epistemologischen und literarischen Konsequenzen, die der Historiker aus ihr gezogen hat, verdienen Beachtung: In einem Werk, das nicht arm ist an großen Einsichten und Leistungen, demjenigen Marc Blochs, gehören sie zu den bemerkenswertesten."

Ulrich Raulff in: Peter Schöttler (Hg.): Marc Bloch. Historiker und Widerstandskämpfer, Frankfurt/Main/ New York 1999, S. 196

 

"Lu par des historiens dans ce cadre de leur exercice professionel, Marc Bloch reste longtemps un contemporain; à ce titre, les médiévistes prennent à parti ses interprétations sur la société féodale, sur la nature du servage, sur les modalités des transformations des IXe, Xe et XIe siècles selon les formes classiques du débat sur les précédents historiographiques. Le contenu historique, qu'il s'agisse des analyses techniques, des interprétations d'ensemble ou de la démarche, retient l'attention des spécialistes. L'intérêt pour ses apports en histoire économique ne connaît pas la même fortune, dans une domaine qui justifia pourtant son élection à la Sorbonne."

Olivier Dumoulin: Marc Bloch, Paris 2000, S. 129

 

"Erstaunlich bleibt, wie früh Bloch Traditionen seines Faches in Frage gestellt hat: Denn die Forderung nach einer vergleichenden Geschichtswissenschaft bedeutet ja nicht weniger, als das Fach aus seinen nationalen Bezügen zu lösen. Das fiel Bloch freilich um so leichter, als er nie dem Primat der politischen Geschichte folgte, sondern sich viel mehr für wirtschaftliche, soziale und religiöse Prozesse interessierte, die überhaupt erst einen breiten Zugang zu den Lebenswelten der Vergangenheit öffnen. Heute ist dies den Historikern eine Selbstverständlichkeit - dass der Primat der Nationalgeschichte allerdings noch immer gilt, bestätigt der Blick in jedes beliebige Vorlesungsverzeichnis."

Tobias Heyl in: Süddeutsche Zeitung, 29.01.2001

 

"Unbestrittenes Hauptwerk Blochs ist ,Die Feudalgesellschaft' von 1939/40. In diesem Klassiker der Geschichtsschreibung wird das ,feudum', das mittelalterliche Lehenswesen, nicht nur in seinen rechtlichen Dimensionen, sondern in seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung erklärt. In einer europäisch-komparatistischen Perspektive zeigt Bloch auf, wie sich die feudale Welt als eine Gesellschaft von Gruppen und Klassen herausbildete. Er untersucht neben den wirtschaftlichen Grundlagen die Verwandtschaftsstrukturen, das geistige Klima, die Art des Fühlens und Denkens und die kollektive Erinnerung."

Urs Hafner in: Neue Züricher Zeitung, 25.7.2001

 

"Bloch setzte mit Lucien Febvre die Erneuerung der Geschichtswissenschaft in Frankreich in der Zeit zwischen den Weltkriegen ins Werk. Er zeichnete sich dabei besonders durch seine Bemühungen aus, die ,Strukturen' zum vorrangigen Gegenstand der historischen Forschung zu machen, und durch seine Intention, die Entwicklung einer vergleichenden Geschichtswissenschaft zu fördern."

Jean-Marie Moeglin in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hgg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2002, S. 29.

Biografie

06.07.1886

Geboren in Lyon als Sohn von Gustave Bloch, Professor für Alte Geschichte, und Sara Bloch, geb. Ebstein

1896-1903

Lycée Louis-le-Grand in Paris, Abitur mit Auszeichnung

1904-1908

Aufnahme des Studiums an der École Normale Supérieure in Paris

1905-1906

Wehrdienst in Fontainebleau

1908

,Agrégation' für Geschichte und Erdkunde

1908-1909

Stipendiat des Außenministeriums, Forschungsaufenthalte in Leipzig und Berlin

1909-1912

Stipendiat der Fondation Thiers

1912-1914

Lehrer für Geschichte und Erdkunde in Montpellier und Amiens

1914-1918

Frontsoldat im I. Weltkrieg

1919

Lehrauftrag für mittelalterliche Geschichte an der Universität Straßburg

 

Heirat mit Simonne Vidal (sechs Kinder)

1920

"Rois et serfs", Habilitation Paris

1921

Außerordentlicher Professor in Straßburg

1927-1936

Ordinarius für Geschichte an der Universität Straßburg

1929

Gründung der "Annales d'histoire économique et sociale" (mit Lucien Febvre)

1936-1937

Dozent, dann außerordentlicher Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Sorbonne

1938

Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte

1939-1940

Bloch wird eingezogen und nimmt an den Kämpfen in Nordfrankreich teil

1940-1942

Wechselnde Lehrtätigkeit im nicht besetzten Teil Frankreichs (Clermont-Ferrand und Montpellier)

1943

Amtsenthebung, Anschluss an die Résistance

16.06.1944

Von der Gestapo bei Saint-Didier-de-Formans (bei Lyon) erschossen

 

Werke (Auswahl)

1913

L'Île de France. Les pays autour de Paris, (Les Regions de la France, Nr. IX) Paris 1913

1920

Rois et serfs, un chapitre d'histoire capétienne, Paris 1920

1924

Les rois thaumaturges. Étude sur le caractère surnaturel attribué à puissance royale, particulièrement en France et en Angleterre, Paris 1924 (dt. Die wundertätigen Könige, München 1998)

1931

Les caractères originaux de l'histoire rurale française, Oslo 1931

1939-1940

La société féodale, 2 Bde., Paris 1939-1940 (dt. Die Feudalgesellschaft; Frankfurt/Main 1982):
Bd. 1: La formation des liens de dépendance, 1939
Bd. 2: Les classes et le gouvernement des hommes, 1940

1946

L'étrange défaite, Paris 1946 (dt. Die seltsame Niederlage: Frankreich 1940. Der Historiker als Zeuge, Frankfurt/Main 1992)

1949

Apologie pour l'histoire ou Métier d'historien, Turin 1949 (dt. Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers, Stuttgart 1980)

1954

Esquisse d'une histoire monétaire de l'Europe (Vorwort von Lucien Febvre, Nachwort von Fernand Braudel), Paris 1954

1960

Seigneurie française et manoir anglais (mit einem Vorwort von Georges Duby), Paris 1960

1963

Mélanges historiques, 2 Bde., Paris 1963 (Bibliographie)

1964

La France sous la derniers Capétiens 1223-1328 (mit einem Vorwort von Fernand Braudel), Paris 1964

1978

L'individualisme agraire dans la France du XVIIIe siècle, Brionne 1978

1994

Bertrand Müller (Hg.): Marc Bloch, Lucien Febvre et les Annales d'histoire économique et sociale. Correspondance, Bd. I, 1928-1933, Paris 1994

1995

Histoire et historiens, Paris 1995

1997

Ecrits de guerre (1914-1918), Paris 1997

2000

Peter Schöttler (Hg.): Marc Bloch: Aus der Werkstatt des Historikers. Zur Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Frankfurt/Main, New York 2000

2001

Jacqueline Pluet-Despatin (Hg.): Briefe an Henri Berr 1924-1943. Mein Buch ,Die Feudalgesellschaft' (Vorwort von Bronislaw Geremek und Otto G. Oexle), Stuttgart 2001

 

Sekundärliteratur

Atsma, Hartmut/André Burguière (Hgg.): Marc Bloch aujourd'hui. Histoire comparée et sciences sociales, Paris 1990

Bloch, Etienne: Marc Bloch 1886-1944. Une biographie impossible - An Biography Impossible, Limoges 1997 (zweisprachig)

Boia, Lucien: Art. "Bloch, Marc", in: ders. (Hg.): Great Historians of the Modern Age, New York u.a. 1991, S. 221-223

Born, Karl Erich: Neue Wege der Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Frankreich. Die Historikergruppe der "Annales", in Saeculum 15, 1964, S. 298-309

Burke, Peter: Offene Geschichte. Die Schule der ,Annales', Berlin 1991 Cahiers Marc Bloch, Paris 1994ff.

Davis, R. R.: Marc Bloch, in: History 52, 1967, S. 265-86

Ders.: Art. "Bloch, Marc", in: John Cannon u.a. (Hgg.): The Blackwell Dictionary of Historians, Oxford 1988, S. 44f.

Deyon, Pierre/Jean-Claude Richez/Léon Strauss (Hgg.): Marc Bloch, l'historien et la cité, Straßburg 1997

Dumoulin, Olivier: Marc Bloch, Paris 2000

Erbe, Michael: Zur neueren französischen Sozialgeschichtsforschung. Die Gruppe um die ,Annales', Darmstadt 1978

Fink, Carole: Marc Bloch. A Life in History, Cambridge 1989

Friedman, Susan W.: Marc Bloch, Sociology and Geography. Encountering Changing Disciplines, Cambridge 1996

Mastrogregori, Massimo: Il genio dello storico. Le considerazioni sulla storia di Marc Bloch e Lucien Febvre e la tradizione metodologica francese, Rom 1987

Moeglin, Jean-Marie: Art. "Bloch, Marc", in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hgg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2002², S. 28f.

Perrin, Charles-Edmond: L'ovre historique de Marc Bloch, in: Revue Historique 199, Paris 1948, S. 161-188

Raulff, Ulrich: Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch, Frankfurt/Main 1995

Schöttler, Peter (Hg.): Marc Bloch. Historiker und Widerstandskämpfer, Frankfurt/Main/ New York 1999

Ders.: Rationalisierter Fanatismus, archaische Mentalitäten. Marc Bloch und Lucien Febvre als Kritiker des nationalsozialistischen Deutschland, in: Werktstatt Geschichte, 5, 1996, Heft 14, S. 5-21

 

Links

a) Quellen

 

Rezension

http://agora.qc.ca/documents/herbert_george_wells--une_nouvelle_histoire_universelle_par_marc_bloch

"Une nouvelle histoire universelle: H.G. Wells, historien", in: La Revue de Paris, 15.08.1922, Rezension über "Esquisse de l'histoire universelle" von Herbert George Wells
Anbieter: L'Encyclopédie de L'Agora

 

b) Sekundärinformationen

 

Kurzbiografie

http://www.cmb.hu-berlin.d e /cmbde/presentation/index1.html

Kurzbiografie mit Werkverzeichnis
Anbieter: Centre Marc Bloch, Berlin

 

Rezension

http://www.france-mail-forum.d e /fmf24/bib/24hafner.html

Urs Hafner: Über die Schulter geblickt. Der Historiker Marc Bloch in Aufsätzen und Briefen, in: Neue Züricher Zeitung, 25.7.2001, über: Peter Schöttler (Hg.): Marc Bloch: Aus der Werkstatt des Historikers. Zur Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Frankfurt/Main, New York 2000; Jacqueline Pluet-Despatin (Hg.): Briefe an Henri Berr 1924-1943. Mein Buch ,Die Feudalgesellschaft', Stuttgart 2001
Anbieter: France-Mail-Forum, Universität Bremen

 

Rezension

http://www.france-mail – forum.de/fmf22/bib/22bloch.html

Tobias Heyl: Atelier Geschichte, in: Süddeutsche Zeitung, 29.01.2001, über: Peter Schöttler (Hg.): Marc Bloch: Aus der Werkstatt des Historikers. Zur Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Frankfurt/Main, New York 2000
Anbieter: France-Mail-Forum, Universität Bremen

 

Rezension

http://www.neue-politische-literatur.tu-darmstadt.de/index.php?id=1452

Thomas Werner über: Ulrich Raulff: Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch, Frankfurt/Main 1995
Anbieter: Technische Universität Darmstadt

 

Carl-Josef Virnich 

15.12.2003

 



Erstellt: 09.03.2006

Zuletzt geändert: 25.07.2013


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