19. Jahrhundert

Friedrich Nietzsche ( 1844-1900 )

 

"Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen: aber es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet."

Aus: Zweite Unzeitgemäße Betrachtung, Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, Leipzig 1874, Neudruck Zürich, S. 5.

 

 

Stimmen der Forschung

"While the majority of intellectuals remained full of hope in the positive forces of sience and progress in the midst of a profound shift in the western World, a small group of scholars comprehended the vast potential of such a shattering of tradition. Jacob Burckhardt spoke for those who had visions of catastrophic consequences while Friedrich Nietzsche celebrated the chance to revolutionize human life."

Ernst Breisach: Historiography. Ancient, Medieval, and Modern, Chicago 1983, S. 304.

 

"Was in Nietzsche widerspruchsvoll beieinnander lag, hat sich auf verschiedene Persönlichkeiten und Gruppierungen verteilt: Nietzsches hohe Selbsteinschätzung wird akzeptiert oder verworfen, sein Aristokratismus wird zum Banner der einen, und den anderen gilt Nietzsches vornehmlich als der Befreier von den Banden der Moral und der Konvention; seine ,Kulturkritik' wird übernommen; seine Preisung des ,Lebens' nimmt die Gestalt eines Neuheidentums oder des Ästhetizismus an; er dient als Wegbahner neuer Synthesen, etwa von Aristokratismus und Sozialismus; man betrachtet ihn als den Gründer einer sozialdarwinischtischen Ethik oder als Verteidiger des Irrationalen gegen die todbringenden Tendenzen des szientistischen Rationalismus. In all diesen Wirkungen und Gegenwirkungen vollzieht sich ein beträchtlicher Teil der Geistesgeschichte zwischen 1890 und 1914."

Ernst Nolte in: Nietzsche und der Nietzscheanismus, Frankfurt a. M. 1990, S. 267f.

 

"Der Gedanke, daß die Geschichte zu Ende sei, ist seit Burckhardt und Nietzsche mit der Verzweiflung über die Entwicklung der moderne Kultur und Gesellschaft verknüpft. Was Nietzsche, Burckhardt, aber z.B. auch Dostojewski an der europäischen Welt ihrer Zeit störte, waren weniger die Ausbrüche von Gewalt als vielmehr die rapide Bewegung zu dem, was sie als Vulgarisierung der Werte empfanden, die für sie die Kultur der westlichen Welt verkörperten."

Georg G. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert, Göttingen 1993, S. 97f.

 

"Nietzsche's first argument against religions in general, and against Christianity in particular, relied on history. He argued that historical method and historical criticism of texts had rendered invalid the mythical presuppositions without which religions cannot survive. [...] It may be objected that in his publications of the early 1970, Nietzsches obviously did not favor historical criticism, but, on the contrary, rejected it as a 'disease' of his time. Against the allrelativizing power of history, he seemed at this time to affirm 'suprahistorical powers,' among them religion, and even Christianity."

Jörg Salaquarda in: Bernd Magnus/Kathleen M. Higgins (Eds.): The Cambridge companion to Nietzsche, Nietzsche and the Judaeo Christian Tradition, Cambridge 1996, S. 99-100.

 

"Er versuchte, Philosophie so zu praktizieren, wie er es bei der Historie für richtig hielt: eher im Dienste des Lebens, als um akademische Gelehrte hervorzubringen. Seine zwieschlächtigen Absichten hätten seine philosophische Reputation fast ruiniert, schließlich sind die Philosophen seit seiner Zeit fast nur akademische Philosophen gewesen, die einem Kodex wissenschaftlicher Darstellung entsprechend ausgebildet waren, welchem Nietzsche wiederum nicht zu folgen vermochte; wir hingegen können in ihm ein Vorbild dafür erkennen, wie man Philosophie betreiben kann, wenn man an der Universität ernst genommen werden und gleichzeitig im Leben etwas bewirken möchte."

Arthur C. Danto: Nietzsche als Philosoph, München 1998, S. 307.

 

"Friedrich Nietzsche's innovative blend of philology and philosophy with cultural history drove modern European society and its leading thinkers into a crisis of modernity. [...] Nietzsche contended that scientism (or historicist positivism) had overpowered the creative, spontaneous forces of history within us. Building on Arthur Schopenhauer`s denunciation of history as a science, Nietzsche demanded of historians a greater sense of moral responsibility and intellectual cultivation."

David A. Meier in: Kelly Boyd, (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. II, London/Chicago 1999, S. 874.

 

"Auch Historiker haben sich (selbst in allerneuesten Untersuchungen) daran mitschuldig gemacht, das Erbe Nietzsches auf entweder reaktionäre oder progressive Aspekte zu reduzieren. Auch sie haben (mit zuweilen durchaus beschränkten Konstruktionen) Nietzsche und den Nietzscheanismus in den Dienst interessengeleiteter historischer Thesen gezwängt. [.] Daß sich Nietzsche gegenüber so vielen gegensätzlichen Tendenzen und Interessen als kongenial erwies und daß sein Werk die Fähigkeit bezeugt, neue Reaktionen ohne Ende hervorzurufen, ist zurückzuführen auf eine wichtige Eigenheit seiner nachhegelianischen Denkens und seiner Methode: die Ablehnung des Systematisierer und der Systeme sowie die Entschlossenheit, Probleme unter einer Vielzahl von Perspektiven zu betrachten."

Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults, Stuttgart/Weimar 2000, S. 5-8.

 

"His doctrines have deeply influenced a number of postmodernist writers, including Foucault who has adapted much of Nietzsche' s account of truth and power for is own purposes. [...] In fact Nietzsche holds that our entire set of beliefs is a projection that we make, and that what items we think there exist are merely fictional constructs of our own making. The agents of construction are sometimes individuals, but they can also be groups through which the 'will to power' operates as an important drive. Mannheim is in part right when he claims that Nietzsche was one of the two founders of the sociology of 'knowledge', the other being Marx. But unlike Marx, Nietzsche's explanations of our beliefs are psychological, or psychosocial."

Robert Nola: Rescuing Reason. A Critique of Anti-Rationalist Views of Science and Knowledge, Auckland 2003, S. 7.

 

Biografie

15.10.1844

Geboren in Röcken bei Leipzig als Sohn von Carl Ludwig Nietzsche (Pastor) und Franziska, geb. Oeh ler

1864-1868

Studium der Theologie und Klassischen Philosophie in Bonn und Leipzig

1865

Mitglied im Philologischen Verein, dort erste wissenschaftliche Arbeiten

1867-1868

Unterbrechung des Studiums, Militärdienst, danach Rückkehr an die Universität Leipzig, Bekanntschaft mit Richard Wagner

1869

Auf Empfehlung seines Lehrers Friedrich Wilhelm Ritschl Ruf als außerordentlicher Professor für Klassische Philologie nach Basel, nachträgliche Promotion auf Grundlage mehrerer bereits geleisteter Arbeiten, Bekanntschaft mit Jakob Burckhardt

1870

Ordentlicher Professor in Basel, freiwilliger Sanitätsdienst im Deutsch-Französischen Krieg

1876

Nietzsche in Bayreuth, allmähliche Loslösung von Richard Wagner, Italienreise

1878

Nietzsche wird wegen Krankheit von einem Teil seiner Lehrtätigkeit befreit, mehrere Kuraufenthalte.

1879

Verschlimmerung des Zustandes, Entlassung aus dem Universitätsdienst, Beginn des Wanderlebens

1882

Reisen und Kuren in Italien und in der Schweiz, Bekanntschaft mit Lou Andreas Salomé

1886-88

Psychische Erkrankung

1889

Zusammenbruch in Turin, auf Veranlassung seines Freundes Franz Overbeck zunächst in einer Klinik in Basel, danach in die Universitäts-Nervenklinik in Jena

1890

Entlassung aus der Klinik, Umzug nach Naumburg, Vormundschaft durch seine Mutter

1894

Gründung des Nietzsche-Archives durch seine Schwester

1897

Tod der Mutter, Umzug nach Weimar zur Schwester

25.08.1900

Gestorben in Weimar

 

Werke (Auswahl)

1872

Die Geburt der Tragödie oder Griechenthum und Pessimismus, Leipzig 1872 (Frankfurt 2000)

1873

Erste Unzeitgemäße Betrachtung,  David Strauss, Der Bekenner und der Schriftsteller, Leipzig 1873

1874

Zweite Unzeitgemäße Betrachtung, Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, Leipzig 1874 (Zürich 1994)

1874

Dritte Unzeitgemäße Betrachtung, Schopenhauer als Erzieher, Leipzig 1874

1876

Vierte Unzeitgemäße Betrachtung, Richard Wagner in Bayreuth, Leipzig 1876

1878/1879

Menschliches, Allzumenschliches, ein Buch für freie Geister, 3 Bde., Chemnitz 1878/1879 (Frankfurt 2000)

1881

Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile, Chemnitz 1881 (Berlin 1971)

1882

Die fröhliche Wissenschaft, Chemnitz 1882 (Stuttgart 2000)

1883/1884

Also sprach Zarathustra, Ein Buch für Alle und Keinen, 3 Bde., Chemnitz 1883/1884, Bd. IV Leipzig 1885 (Leipzig 2000)

1886

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, Leipzig 1886 (München 1999)

1887

Zur Genealogie der Moral, Eine Streitschrift, Leipzig 1887 (München 1999)

1888

Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem, Leipzig 1888 München 1999)

1889

Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert, Leipzig 1889 (Frankfurt a. M. 2000)

1889

Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen, Leipzig 1889 (München 1999)

1894

Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christenthums, Leipzig 1894 (Frankfurt a. M. 2001)

1901

Der Wille zur Macht, Leipzig 1901 (Frankfurt a. M. 1992)

1908

Ecco homo. Wie man wird, was man ist, Leipzig 1908 (Frankfurt 2000)

1997

Sämtliche Werke, CD-ROM, Historisch-kritische Ausgabe. München 1997

1999

Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli, Mazziono Montiari, 15 Bde, München 1999

 

Sekundärliteratur

Arcella, Luciano: Friedrich Nietzsche oltre l'Occidente, Roma 2002.

Aschheim, Steven E.: The Nietzsche Legacy in Germany 1890-1990, Berkeley 1992.

Brose, Karl: Studien zur Geschichtsphilosophie Nietzsches und Hegels, Frankfurt a. M. 1978.

Danto, Arthur Coleman: Nietzsche als Philosoph, München 1998.

Den Ouden, Bernard: Essays on reason, will, creativity, and time. Studies in the Philosophy of Friedrich Nietzsche , Washington 1982.

Di Chiara, Alessandro: Friedrich Nietzsche, 1900-2000. Atti del convegno internazionale di filosofia, Rapallo, 14-16 settembre 2000, Genova 2000.

Figal, Günther: Nietzsche. Eine philosophische Einführung. Ditzingen 1999.

Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, Reinbek bei Hamburg 2000.

Gehlhaar, Sabine S. (Hg.): Friedrich Nietzsche (1844-1900). Beiträge zur Nietzsche-Forschung anlässlich des Jubiläumsjahres, Cuxhaven 1995.

Harth, Dietrich: Kritik der Geschichte im Namen des Lebens. Zur Aktualität von Herders und Nietzsches geschichtstheoretischen Schriften, in: Archiv für Kulturgeschichte 68 (1986), S. 407-456.

Heidegger, Martin: Nietzsche 1 und 2, Stuttgart 1998.

Heller, Erich: The Importance of Nietzsche: Ten Essays, Chicago 1988.

Hoyer, Timo: Nietzsche und die Pädagogik: Werk, Biographie und Rezeption, Würzburg 2002.

Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche, Biographie, 3 Bde., München 1978/1979.

Lanfranconi, Aldo: Nietzsches historische Philosophie, Stuttgart 2000.

Löwith, Karl: Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts, Hamburg 1995.

Martin, Alfred von: Burckhardt und Nietzsche philosophieren über Geschichte, Krefeld 1948.

Maurer, Reinhart: Nietzsche und das Ende der Geschichte, in: Thomas Nipperdey/Anselm Doering-Manteuffel/Hans-Ulrich Thamer (Hgg.): Weltbürgerkrieg der Ideologien. Antworten an Ernst Nolte. Festschrift zum 70. Geburtstag, Berlin 1993, S. 421-439.

Meier, David A.: Nietzsche, Friedrich. German historical philosopher, in: Kelly Boyd, (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. II, London/Chicago 1999, S. 874-875.

Megill, Allan: Historicizing Nietzsche? Paradoxes and Lessons of a Hard Case, in: Journal of Modern History 68 (1996), S. 114-152.

Meyer, Katrin: Ästhetik der Historie, Friedrich Nietzsches "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", Würzburg 1998. Nietzsche et l´histoire , contributions présentées au colloque scientifique international sur la "Seconde Intempestive" de Nietzsche , organisé en janvier 1999 par la Faculté d'Etudes Germaniques de l'Université de Paris-Sorbonne-Paris IV, hg. vom Institut d´Etudes Germaniques, Paris 2000.

Nigg, Walter: Friedrich Nietzsche. Zürich 2000.

Oliver, Kelly/Marilyn Pearsall (Eds.): Feminist interpretations of Friedrich Nietzsche, University Park 1998.

Pasley, Malcom (Ed.): Nietzsche: Imagery and Thought: A Collection of Essays, Berkeley 1978.

Safranski, Rüdiger: Nietzsche. Biographie seines Denkens, München 2000.

Safranski, Rüdiger (Hg.): Nietzsche für Zeitgenossen: "Wo immer ich gehe, folgt mir ein Hund namens Ego." München u.a. 2002

Solomon, Robert C. (Ed.): Nietzsche. A Collection of Critical Essays, Notre Dame (IN) 1980.

Thiele, Leslie P.: Friedrich Nietzsche and the Politics of the Soul. A Study of heroic Individualism, Princeton 1990.

Troeltsch, Ernst: Der historische Entwicklungsbegriff in der modernen Geistes- und Lebensphilosophie. Lotze, von Hartmann, Eucken, Nietzsche, Dilthey, in: HZ 122 (1920), S. 377-453.

Vaihinger, Hans: Nietzsche als Philosoph, Eine Einführung in die Philosophie Friedrich Nietzsches, Norderstedt 2002.

Vattimo, Gianni: Friedrich Nietzsche. Stuttgart 2000. Weimarer Nietzsche-Bibliographie, hg. von der Stiftung Weimarer Klassik, 6 Bde. Primärliteratur, Stuttgart 1867-1998.

 

Links

a) Quellen

 

Werke

http://www.friedrichnietzsche.de/index.php?REM_sessid=&action=11

Werke im Volltext zu erhalten. Nachteil: Anmeldung erforderlich.
Anbieter: Virtusens Verlag

 

Auswahl

http://www.virtusens.de/walther/

Ausgewählte Werke in Volltext.
Anbieter: Virtusens Verlag

 

Auswahl

http://gutenberg.spiegel.de/autor/443

Deutschlands größtes Literaturarchiv im Internet enthält neben einer Kurzbiografie Nietzsches zahlreiche Werke in elektronischer Form.
Anbieter: Hille Partner GbR, in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Der Spiegel"

 

b) Sekundärinformationen

 

Portal

http://www.friedrichnietzsche.de/

Internetangebot rund um Friedrich Nietzsche mit Biografie, Informationen zu seinem Nachlass und Links.
Anbieter: Virtusens Verlag

 

Nietzsche Gesellschaft

http://www.nietzsche-gesellschaft.de

Hompepage der Nietzsche Gesellschaft, die rund um Leben und Werk Friedrich Nietzsches forscht.
Anbieter: Nietzsche Gesellschaft e. V.

 

Lebenslauf

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/NietzscheFriedrich/

Tabellarischer Lebenslauf von Friedrich Nietzsche.
Anbieter: Deutsches Historisches Museum, Berlin

 

Ausstellung

http://www.uni-leipzig.de/archiv/logo_siegel_main/nietzsche/nietzsche.htm

Begleithomepage zur Ausstellung der Universität Leipzig zum 100. Todestag von Friedrich Nietzsche.
Anbieter: Universität Leipzig

 

Biografie

http://www.bautz.de/bbkl/n/nietzsche_f_w.shtml

Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich
Anbieter: Verlag Traugott Bautz

 

Lexikonartikel

http://www.ndb.badw-muenchen.de/NDB_Musterartikel_Nietzsche.htm

Artikel über Friedrich Nietzsche aus der Neuen Deutschen Biografie.
Anbieter: Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

 

Lebenslauf

http://plato.stanford.edu/entries/nietzsche/

Informationen über Leben und Werk Friedrich Nietzsches in englischer Sprache.
Anbieter: Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford University , USA

 

Friedrich Nietzsche Society

http://www.fns.org.uk

Homepage der Friedrich Nietzsche Society mit Informationen über Konferenzen und Veröffentlichungen.
Anbieter: Duncan Large, Friedrich Nietzsche Society

 

Florian Kiuntke, Roland Diedenhofer 

17.10.2003

 



Erstellt: 03.03.2006

Zuletzt geändert: 02.08.2013


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