Rezeption

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Barbara Schier

Hexenwahn und Hexenverfolgung

Rezeption und politische Zurichtung eines kulturwissenschaftlichen Themas im Dritten Reich [*]

[Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1990, S. 43-115]

Einleitung

Hexen- und Zaubereivorstellungen waren seit jeher in zahlreichen Kulturen verbreitet, sie waren "Bestandteil derjenigen Weltanschauung, welche der Menschheit durch ihre Religion vermittelt worden ist".[1] Der Begriff "Hexe" ist ein aus verschiedensten Quellen gespeister Sammelbegriff,[2] der unterschiedliche Vorstellungen umfaßt, welche getrennt voneinander unter den orientalischen und den europäischen Kulturvölkern vorhanden waren. Hexen wurden in den jeweiligen Kulturen entweder geduldet, benutzt, oder aber gefürchtet, isoliert, verfolgt und auch getötet, aber erst seit dem ausgehenden Mittelalter an der Schwelle zur Neuzeit, und nur in bestimmten Regionen Mitteleuropas, wurden sie Opfer von Massenverfolgungen und Massentötungen, nachdem man ihnen vorher den 'Prozeß' gemacht hatte.[3]

1. Unterschiedliche Hexenwahn-Interpretationen als zeittypisches Phänomen

1.1 Popularisierung des Themas

Es gibt eine Fülle von Literatur über Hexen und Hexenprozesse,[4] hervorragende kulturhistorische und juristische Werke, aber auch eine Vielzahl unseriöser Publikationen.[5] In neuerer Zeit hat die Zahl der Veröffentlichungen drastisch zugenommen, Hexen und Hexenverfolgung ist gängiges Modethema geworden, vor allem auch dadurch, daß die neue Frauenbewegung es zu einem ihrer favorisierten Themen gemacht hat. Zeitschriften berichten immer erneut über Hexen früher und heute, in der "Club-Zwei"-Diskussion des Österreichischen Fernsehens ORF wurde das Thema schon dreimal variiert, wobei Vertreter(-innen) der Hexenforschung ebenso wie moderne Hexen und Zauberer zu Wort kamen. Es fällt auf, daß verschiedene Gruppierungen von Hexenvorstellungen im Sinne des o.g. Sammelbegriffs häufig vermischt werden - das Phänomen wird spektakulär begriffen -, weshalb Erika Wisselinck, Frauenforscherin und Journalistin, ihren Zugang zum Thema präzisiert: "Ich spreche nie von Hexen, sondern von den als Hexen verfolgten Frauen".[6] Ein weiteres Beispiel für die Popularität des Themas ist die Tatsache, daß Sammeleditionen bekannter historischer Schriften vom Versandbuchhandel "jetzt besonders preiswert!" angeboten werden.[7] Von den zahlreichen Hexenausstellungen sei besonders die erste größere erwähnt, vom Hamburger Museum für Völkerkunde 1979 veranstaltet, mit dem Titel "Hexen".[8] Sie setzte Zeichen und "wirkte meinungsbildend", einmal, weil sie in zahlreichen Städten gezeigt wurde, zum anderen, weil die Tafeln der Ausstellung an kleinere Ausstellungen, alternative oder Frauenbuchhandlungen ausgeliehen wurden.[9] Im Juli 1987 zeigte man in Saarbrücken die Ausstellung "Hexenwelten. Magie und Imagination vom 16.-20. Jahrhundert"; sie war als Wanderausstellung konzipiert; der Sozialhistoriker Richard van Dülmen gab den Katalog dazu heraus. Schließlich wurde im gleichen Jahr die große Steirische Landesausstellung "Hexen und Zauberer. Die große Verfolgung - ein europäisches Phänomen in der Steiermark" auf der Riegersburg veranstaltet; wegen des ungewöhnlichen Besucherandrangs ist sie zur Dauerausstellung erklärt worden. Über die großen Hexenausstellungen gehen die Meinungen auseinander. Einerseits sind sie Spiegel eines breiten Publikumsinteresses, was wiederum Anstoß für die Forschung sein kann, andererseits sind sie Spektakel. Publikumswirksame Gruseleffekte, besenreitende Hexen-Püppchen für das Besucherkind, 'Hexenschnitzel' und 'Zauberteller' im dazugehörigen Restaurant (in der Steiermark) machen sie als Ziel eines Familienausflugs attraktiv. Die begleitenden Kataloge bzw. die darin enthaltenen Aufsätze sind um sachliche Aufklärung bemüht; häufig besser als die Ausstellungen selbst, zeigen sie das breite Spektrum der Hexenforschung.[10]

1.2 Lage der Forschung

Noch 1977 schrieb der Historiker Gerhard Schormann: "Für Historiker an deutschen Universitäten sind Hexenprozesse bis heute kein Gegenstand intensiver Forschung."[11] Hexenforschung wird aber gegenwärtig zunehmend auch an deutschen Universitäten betrieben.[12] Seit dem Forschungsüberblick von Schormann aus dem Jahre 1977 fehlt bis heute eine neuere Gesamtübersicht.[13] Unter dem Titel "Die Hexen der Neuzeit. Studien zur Sozialgeschichte eines kulturellen Deutungsmusters" gab Claudia Honegger 1978 Auszüge aus einigen wichtigen deutschen, englischen und französischen Publikationen (letztere in Übersetzungen) heraus. Sie beabsichtigte mit der Auswahl einen Überblick über die bisherigen ideengeschichtlichen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Deutungsversuche innerhalb der Hexenforschung und stellt bei allen "mit Ausnahme der[45]letzten - von einer Frau vorgelegten -"[14] fest, daß sie "die Geschichte der großen Verfolgungen" verzerren "durch ihre obstinate Weigerung, die Hexen zuallererst als Frauen wahrzunehmen".[15] Trotz dieser Einschränkung, die Honegger als Vertreterin der neuen Frauenbewegung ausweist, sind die Auszüge aus den Arbeiten von sieben verschiedenen Hexenforschern, die Vergleiche ermöglichen, überaus informativ, zumal Honegger eine Theorie kultureller Deutungsmuster voranstellt und bei den Strukturwandlungen der mittelalterlichen Gesellschaft die gesellschaftliche Rolle der Frauen betont - ein neuer frauenspezifischer Forschungsansatz.

Die Art und Weise, wie Hexenforschung betrieben wird, welche Interpretationen wann und von wem erstellt wurden, beschäftigt auch andere Hexenforscher.
Der Sozialhistoriker Richard van Dülmen und der Historiker Gerhard Schormann gruppieren die bisherigen Interpretationsversuche nach Deutungsinhalten. Van Dülmen nennt drei Gruppen, wovon die älteste "das nächtliche Treiben" (der Hexen) als " Wahngebilde" ausweist, in das "volkstümlicher Aberglaube einging, das aber dominant von den Theologen beider Konfessionen produziert worden sei".[16] Joseph Hansen[17] sei der wichtigste Vertreter dieser Interpretationsrichtung. Die zweite Interpretation "sieht im Hexensabbat Reste heidnischer Kulte, die durch die Hexenverfolgung vernichtet wurden". Hauptvertreterin dieser Deutung sei Margaret Murray[18], differenzierter Carlo Ginzburg[19], interessant, aber problematisch Hans Peter Duerr.[20]

Schormann ordnet dieser Gruppe, die er "Archaische Kulte" überschreibt, außer Margaret Murray und Carlo Ginzburg noch Gerald B. Gardner[21] und Werner und Annemarie Leibbrand zu,[22] und, "stellvertretend für viele", die wie die genannten Autoren unzulässige "weitreichende Verallgemeinerungen" vornahmen, Will-Erich Peuckert,[23] der von "Weiberschwärmen" schreibt, deren "orgiastisches Treiben unter den Händen der Scholastik zur Lehre von der Teufelsbuhlschaft wurde."[24] Der nach van Dülmen dritte Interpretationsansatz sieht im Sabbat "den Ort einer Verschwörung von Frauen gegen Ordnung und Vernunft".[25] Teufelskult sei der "Protest gegen die patriarchalische Gesellschaft" gewesen. Vertreter sind bei ihm Jules Michelet,[26] Ines Brenner und Gisela Morgenthal.[27] Schormanns dritte Gruppierung ist mit "Feldzug gegen das weibliche Geschlecht" überschrieben (sämtliche Hervorhebungen von B.S.). Er ordnet dieser Gruppe den Autor Nikolaus Paulus[28] zu, der sich mit der Rolle der Frau in der Geschichte des Hexenwahns beschäftigte und die kulturkampfgeprägten Argumente protestantischer Autoren, am Hexenwahn sei die "weiberfeindliche" Haltung "mittelalterlicher Theologen und Mönche" schuld,[29] zu widerlegen versucht.[30] Der Engländer Keith Thomas[31] ist der Ansicht, die alten Frauen hätten eine Bevölkerungsgruppe verkörpert, "die im Gefolge sozialer Umwälzungen" eine Belastung darstellte; William Monter[32] dagegen meint, daß sich die Verfolgungen vor allem gegen allein lebende Frauen richteten, "those who lived apart from the direct male control of husbands or fathers".[33] Die Veröffentlichungen der neuen Frauenbewegung nennt Schormann unergiebig, weil die Verfasserinnen sich weigerten, Akten zu lesen,[34] Claudia Honegger wolle das Thema Hexenverfolgung zudem noch vor "archivarischer Geschichtsschreibung" retten.[35]

Schormann nennt noch zwei weitere Gruppen von Erklärungsversuchen: Sozialdisziplinierung und Instrument der Glaubenskämpfe. Den Autor R. A. Horsley[36] ordnet er der ersten Gruppe zu, dessen Titelfrage: "Who Were the Witches?" beantwortet werde mit der Feststellung: "wise women". Die Unterdrückung der "Heilpraktikerinnen" sei "einer der ersten Kämpfe in der langen Geschichte männlicher Unterdrückung heilkundiger Frauen", daran sei maßgeblich die neue europäische Ärzteschaft beteiligt gewesen.[37] Es habe tatsächlich - nach Schormann - ein Vorgehen gegen Segnerei, Beschwörungen und dergleichen heilkundliche Maßnahmen gegeben, das berechtige aber nicht zu unzulässigen Verallgemeinerungen, "zu einer Aussage über die Hexenprozesse schlechthin".[38] Das gelte auch für die These der Hebammenverfolgung, wobei er Gabriele Becker[39] anführt. Robert Muchembled[40] verfechte die These der "Hexenprozesse als Instrument der Zerstörung einer ländlichen Volkskultur"; absolutistische Herrschaft und militanter Konfessionalismus hätten eine Kultur unter der christlichen Oberfläche zu bekämpfen versucht - das Ergebnis dieses Kampfes seien angepaßte, manipulierbare Menschen.[41]
Zusammenfassend schreibt Schorman, daß Hexenprozesse zwar als Instrument der Sozialdisziplinierung verwendbar seien, "aber ob und wie sie im Alten Reich dazu verwendet wurden, ist nicht bekannt".[42]

Die These, daß Hexenverfolgung Instrument der Glaubenskämpfe gewesen sei, vertreten nach[46]Schormann die Autoren Soldan[43] (Hexen und Protestantismus sollten ausgerottet werden!) und H. R. Trevor-Roper:[44] fast jeder "örtlich begrenzte Ausbruch von Hexenwahn" sei "auf die Aggression einer Religion auf die andere zurückzuführen".[45] F. Heinz[46] greift diese These in seiner Dissertation auf, H. Lehmann[47] schließt sich dem an, Schormann widerlegt die Theorie weitgehend und verweist auf die "grundsätzliche Übereinstimmung der Konfessionen im Kampf gegen die Hexen", räumt allerdings ein, daß in der Zeit verschärfter konfessioneller Auseinandersetzungen im letzten Viertel des 16. Jhs. und in der ersten Hälfte des 17. Jhs. "die Verfolgung der 'Hexen' als einer besonderen Art von Ketzern" begünstigt gewesen sei.[48] Auch wenn die These "Instrument der Glaubenskämpfe" mit frühabsolutistischen Bestrebungen verknüpft wird, so sei auch diese Interpretation problematisch.[49]

Schormann wendet sich vor allem gegen Generalisierungen. Empirisch überprüfbar seien immer nur Teilbereiche, die Steuermechanismen für Krisen und Aggressionen seien selten bekannt. Die weitere Forschung habe noch zahlreiche Fragen zu beantworten. Die Antworten seien mit Sicherheit "denjenigen zu 'rationalistisch', [...] die in archaischen Kulten, Geheimbünden oder weiblichen Widerstandsbewegungen die Erklärung suchen."[50] Als überholt gilt der Ansatz amerikanischer Psychiatrie-Historiker, "bei Hexen habe es sich in der Hauptsache um psychiatrische Fälle gehandelt"; G. Zilboorg vertrat diese Ansicht 1935, in Deutschland O. Snell bereits 1891.[51] Nicht unerwähnt bleiben soll der bevölkerungsstatistische Ansatz des Sozialwissenschaftlers G. Heinsohn und des Wirtschaftswissenschaftlers O. Steiger "Die Vernichtung der weisen Frauen". Bei den Historikern stieß das Buch auf scharfe Kritik.[52] Hexenverfolgung als "systematisches Kalkül zur Ausrottung des weiblichen Wissens über Geburtenkontrolle" zu interpretieren, zeuge von "pseudowissenschaftlicher Machart" und täusche "über die fehlende Quellenkenntnis der Autoren" und ihre völlig unhaltbaren Vorstellungen von "politischer Manipulierbarkeit der gesamten Elementarstrukturen der frühen Neuzeit" hinweg. Von einer Pressekampagne zum "feministischen Kultbuch hochgejubelt",[53] "erlebte das Buch als Paperback mindestens fünf Auflagen und hegt mittlerweile als ergänztes Taschenbuch in zweiter Auflage vor",[54] obgleich sich inzwischen auch Historikerinnen kritisch damit auseinandersetzten.[55] Als zeittypische Interpretation fand und findet das Buch bei einem feministisch engagierten Laienpublikum begeisterte Aufnahme. Die von Schormann und van Dülmen vorgenommenen Interpretationsgruppierungen geben nur einen ungefähren Überblick über die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten. "Derzeitige Interessen konzentrieren sich" hauptsächlich - nach van Dülmen - "auf die soziokulturellen Ursachen der Hexenverfolgung und die soziale Funktion des Hexenwahns".[56]

Beim Vergleich gegenwärtiger Forschungsansätze mit denen des 19. Jhs. erscheint mir ein Sekundäraspekt interessant: Die einzelnen Deutungsversuche des spätmittelalterlichen Hexenwahns sind zeittypisch, d.h. sie spiegeln Auffassungen der Zeit ihrer Entstehung wider, Geschichtsauffassungen dieser Zeit, politische und philosophische Grundhaltungen, die nicht nur mit der Person des sie publizierenden Autors zu erklären sind, sondern darüber hinausweisen und gesellschaftspolitische Relevanz erhalten. Die Werke zweier Historiker der älteren deutschen Hexenforschung sind bis heute wichtigste und umfangreichste Quellen- und Datensammlung: Wilhelm Gottlieb Soldans "Geschichte der Hexenprozesse" 1843, (später bearbeitet von H. Heppe und M. Bauer) und Joseph Hansens "Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter und die Entstehung der großen Hexenverfolgung" 1900.[57] Beide Autoren interpretieren Hexenwahn aus einer "vehement antiklerikalen"[58] Position bei gleichzeitiger Hinwendung zum einfachen Volke, was sie als Vertreter einer Kulturgeschichtsschreibung ausweist, die seit der Revolution 1848 zunehmend von der auf "Haupt- und Staatsaktionen"[59] ausgerichteten deutschen Geschichtswissenschaft verdrängt wurde.[60]

Der französische Schriftsteller Jules Michelet,[61] Vertreter der "romantischen Historiographie", der sich in seinem Buch "Die Hexe" 1863 dem "schweigenden und unterdrückten Volke zuwandte",[62] ist von den Ereignissen der Französischen Revolution sicherlich nicht unberührt geblieben, wenn er schreibt: "Die Inquisition kam gerade recht, um das Land zu terrorisieren, die Rebellengeister zu brechen, als Hexenmeister heute diejenigen zu verbrennen, die morgen vielleicht Aufrührer geworden wären; [...]".[63] Vielleicht gäbe es auch für die von der Engländerin Margaret Murray 1921 vorgelegte Theorie eines Hexenkultes als alte vorchristliche Religion in Westeuropa eine auf die zwanziger Jahre bezogene und die weibliche Autorenschaft berücksichtigen-[47]de Erklärung. Dem soll hier nicht weiter nachgegangen werden.

Auffällig ist, daß zwischen den genannten Veröffentlichungen des 19. Jhs. bzw. der Jahrhundertwende und der Flut der Veröffentlichungen seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts eine deutliche Lücke klafft. Die Titel in den dreißiger und vierziger Jahren sind spärlich, Erika Wisselinck[64] nennt sie ideologisiert und belegt das mit einem Titel von Mathilde Ludendorff: Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen.[65] Schormann verweist auf ein interessantes Phänomen zur Hexenforschung: Im Dritten Reich wurde durch Heinrich Himmler, Reichsführer SS, der "die größte, nicht kriegsbedingte Massentötung in Deutschland"[66] geleitet hat, die Einrichtung eines Hexen-Sonderkommandos veranlaßt, das eine ausgedehnte Materialsammlung aus Quellen und Literatur über Hexenprozesse zusammenstellte; das Archiv befindet sich heute in Polen. Diese Information und die vorausgegangene Überlegung waren mir Anlaß, mich mit der Interpretation des Themas im Dritten Reich zu befassen, ein Gebiet, das bisher offensichtlich noch weitgehend unbearbeitet ist, und worüber keine Sekundärliteratur zu finden war.

2. Fragestellung und Vorgehensweise[67]

Bei der Betrachtung der einschlägigen Literatur zum Thema fallen zwei Dinge auf: Die Mehrzahl der Veröffentlichungen - es sind Monographien verschiedensten Umfangs - datieren aus der Zeit von 1930-1937, und ihre Autoren, Herausgeber bzw. Verleger stehen in verschiedenen weltanschaulichen Lagern, als da sind: die völkisch-nordische Bewegung, Rosenberg nahestehend (Adolf Klein Verlag Leipzig als Herausgeber der Zeitschrift "Nordische Stimmen" und der Schriftenreihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken") und die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland, sowie einige katholische Verlage. Die Autoren sind in der Mehrzahl Wissenschaftler: Volkskundler, Nordisten, Religionswissenschaftler, Juristen, aber auch Frauen aus rechtsgerichteten deutsch-völkischen Bewegungen. Durch Querverweise und Fußnoten (insbesondere beim 'Schrifttum' der nordischen Bewegung) wird man auf ein Ereignis hingewiesen, das der Interpretation von Hexenwesen und Zauberei einen besonderen Akzent verliehen haben muß: den sogenannten Streit um Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts"[68] als Teil des Weltanschauungskampfes[69] der frühen dreißiger Jahre. Es wird von der Annahme ausgegangen, daß das Thema Hexenwahn/Hexenverfolgung für den Weltanschauungskampf, den die Nationalsozialisten zu einer ihrer Aufgaben gemacht hatten, von Bedeutung gewesen sei. So wie die meisten Gesamtdarstellungen zum Thema Hexen (Soldan ausgenommen) vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg "mehr oder weniger vom Kulturkampf und seinen Ausläufern geprägt" wurden,[70] so kann angenommen werden, daß der neuerliche Kulturkampf (im Dritten Reich) sich wiederum dieses Themas bedienen würde. Es ergeben sich folgende Fragestellungen:

1. Welche Rolle spielte das Thema Hexenwahn/Hexenverfolgung in der Weltanschauungsauseinandersetzung im Dritten Reich?

2. Wer waren die Autoren, die sich dem Thema zuwandten? Stand eine politische Institution hinter ihnen, in deren Sinne sie bewußt arbeiteten?

3. Gab es Gemeinsamkeiten bei den Autoren, die Grund und Anlaß gewesen sein könnten, das Thema Hexenwahn zu interpretieren?

4. Werden durch Argumentationsgemeinsamkeiten bzw. -differenzen politische Absichten erkennbar?

5. Welche Erwartungen und praktischen Folgen waren mit der Interpretation und politischen Zurichtung dieses Themas verbunden?

Aufgrund der Problemstellung - Verknüpfung der Hexenwahninterpretationen mit dem Weltanschauungskampf - ergab sich die Notwendigkeit der Quellensichtung unter diesen beiden Gesichtspunkten. Wegen der schon erwähnten Hinweise auf den "Mythus-Streit" in den Monographien wurde die Literatur zum Weltanschauungskampf durchgesehen: einmal, um die Relevanz der Hexenwahn-Thematik dort festzustellen, zum anderen, um den Weltanschauungskampf an sich, seine Breitenwirkung, Dauer, Konsequenz beurteilen zu können. Wichtigste Arbeit dazu war mir die Dissertation von Raimund Baumgärtner "Weltanschauungskampf im Dritten Reich", weil sie die Auseinandersetzung Alfred Rosenbergs mit den Kirchen und speziell die Wirkungen des "Mythus des 20. Jahrhunderts" thematisiert. Reinhard Bollmus' Arbeit "Das Amt Rosenberg und seine Gegner" wurde vergleichend herangezogen, zumal er in der Beurteilung der Wirkungen des "Mythus" zu anderen Ergebnissen kommt als Baumgärtner. Das Thema Hexenwahn wird von Baumgärtner explizit bei Rosenberg und in der katholischen Ge-[48]genschrift zum "Mythus" dargestellt, bei Bollmus ist es nicht direkt angesprochen, wohl aber wird Rosenbergs Quelle für die Hexenwahn-Interpretation kritisch beleuchtet. Im Münchner Institut für Zeitgeschichte fand sich unter der Rubrik "Kirchenkampf" einiges zum Thema, desgleichen in der Bibliothek der evangelischen Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte der Universität München; hier gab es einen beträchtlichen Stock "grauen Schrifttums" zum Kirchenkampf, außerdem kirchliche Zeitschriften aus der Zeit, zu denen es im entsprechenden Schrifttum der Nationalsozialisten Querverweise gab.

Hinweise von Zeitzeugen - "Hexen" sei für die Nazis kein Thema gewesen, das hätten eher die neuheidnischen Bewegungen abgehandelt - und die Tatsache, daß maßgebliche Monographien aus Publikationsorganen der nordischen Bewegung stammen, waren Anlaß, Zeitungen und Zeitschriften der Deutschen Glaubensbewegung und der völkisch-nordischen Bewegung durchzusehen. Hier fanden sich die wichtigsten Beiträge zu Hexenwahn und Hexenverfolgung, so daß diese Zeitschriften und die Schriftenreihe zur Materialbasis der vorliegenden Untersuchung wurden und die vorangegangene Fragestellung entscheidend beeinflußten.

Bernhard Kummer, Schriftleiter der Zeitschrift "Nordische Stimmen" und Herausgeber der schon erwähnten Schriftenreihe, hatte offensichtlich eine besondere Affinität zum Thema Hexenwahn. Er gab drei Monographien heraus, ohne allerdings selbst eine größere Publikation beizusteuern. Seine diversen Zeitschriftenartikel wurden auf Bezüge zur Thematik durchgesehen. Dabei wurde eine Wissenschaftskontroverse zwischen ihm und dem Germanisten Otto Höfler entdeckt, die sich zwar vordergründig mit Männerbünden und einem unterschiedlichen Germanenbild befaßt, aber weitgehend (von Kummers Seite aus) über die Hexenproblematik abgehandelt wird. Höflers "hexenbekämpfende Männerbünde" - in germanischer Frühzeit angesiedelt - sind nicht mehr ins Rosenbergsche Kirchenkampfschema einzuordnen. Der Frankfurter Germanist Klaus von See gibt in zwei Aufsätzen aus den Jahren 1983 und 1984 wertvolle wissenschaftsgeschichtliche Hinweise zur Klärung auch dieses Phänomens.

Im März 1988 veranstaltete die Katholische Akademie der Diözese Rottenburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH) eine Tagung in Stuttgart-Hohenheim mit dem Thema "Himmlers Hexenkartothek - das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung". Sie befaßte sich mit den schon erwähnten Archivbeständen des Himmlerschen Sonderkommandos H. Aufgrund der auf der Tagung vorgestellten Forschungsarbeiten einiger Historiker ergab sich die Möglichkeit, Fotokopien theoretischer Arbeiten zum Thema aus eben dieser Kartothek (die das Bundesarchiv auf Mikrofilmen abgelichtet erwarb) in Koblenz zu bestellen. Während die bisher angesprochenen Quellen sich auf Rosenbergs Kirchenkampf beziehen, lassen sich aus letzteren Quellen die Auffassungen wichtiger Dienststellen unter Himmler ablesen. Ergänzende Literatur dazu, auch Dokumentenauszüge, bietet Josef Ackermann: Heinrich Himmler als Ideologe, Göttingen 1970. Aus dem Berlin Document Center wurde Material über einen Mitarbeiter des SS-Ahnenerbes und Autor eines Hexenwahn-Aufsatzes bezogen, außerdem wurden in der Zeitschrift des SS-Ahnenerbes "Germanien" Artikel zum Thema gefunden, die eine spezielle, von Rosenberg abweichende Darstellung bieten. Schließlich überließen mir Freunde Zeitschriften-Originale aus den dreißiger Jahren, in denen das Thema zu parteiamtlichen Schulungszwecken abgehandelt war. Im Hinblick auf die Themenstellung wurde eine strikte Reduzierung der Quellen angestrebt; es werden nur die Schriften einbezogen, aus denen die Absicht einer politischen Zurichtung ablesbar wird, mit dem Schwerpunkt Hexenwahn vor dem Hintergrund der Weltanschauungsdebatte, wobei es keine Rolle spielt, ob die Autoren von einer defensiven oder offensiven Position aus argumentieren, oder sich auf die Position vorurteilsfreier Wissenschaft zurückzuziehen vorgeben. Die zahlreichen Regionalstudien,[71] die in dieser Zeit veröffentlicht wurden, werden nicht berücksichtigt. Für Aussagen zur Rezeption des Themas allgemein sind sie sicherlich von Bedeutung, ihre Einbeziehung würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Die Eingrenzung des Themas auf den Zusammenhang mit Weltanschauungskampf ist durch die Materiallage gerechtfertigt. Die ausgewählten Monographien werden relativ breit und beschreibend dargestellt. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, anhand der von den Verfassern benutzten Argumentationsmuster, der Wortwahl und sich wiederholender Schwerpunkte die Charakteristika einer Themeninterpretation in der Zeit des Dritten Reiches vor dem speziellen zeitgeschichtlichen Hintergrund zu erkennen. Übergeordnete Zusammenhänge, mögliche Erwartungen der Autoren und[49]letztlich die Folgen einer Entwicklung, in die auch Interpreten eines kulturwissenschaftlichen Themas aktiv eingriffen, soll das Schlußkapitel zeigen. Die Monographien wurden nach dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung geordnet.

I. Hexenwahn und Weltanschauungskampf

1. Die Wurzeln des Hexenwahns und der Hexenverfolgung - eine Kontroverse zwischen Alfred Rosenberg und der katholischen Kirche

Alfred Rosenberg greift im kirchengeschichtlichen Teil seines Buches "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" (Erstausgabe 1930) u.a. das Thema "Hexenwahn und Hexenverfolgung" auf und vertritt eine eigenwillige Auffassung von deren Wurzeln. Nachdem der "Mythus" aufgrund seiner weltanschaulichen Grundhaltung zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzungen wurde - wobei insbesondere die katholische Kirche mit ihren "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts" (1934) Zeichen setzte -, werden gerade die kirchengeschichtlichen Angaben des "Mythus" "als dessen Kernstück"[72] besonders sorgfältig geprüft und widerlegt. Die Verfasser der "Studien" vertreten eine grundsätzlich andere Auffassung von den Ursprüngen des Hexenwahns als Rosenberg. In zahlreiche Schriften von kirchlicher Seite wie auch von Seiten der Rosenberg-Anhänger, die das Thema in den dreißiger Jahren explizit behandelten, ging die Debatte mit ein. Ein Thema wurde politisiert, erhielt eine Brisanz, die nur aus den politischen Positionen zweier weltanschaulicher Gegner - Rosenberg und die katholische Kirche - zu erklären ist. Konträre Auffassungen über die Ursprünge des Hexenwahns gab es - wie angemerkt - schon häufig; auch Jacob Grimm und Soldan/Heppe hatten unterschiedliche Erklärungen für die Herkunft des Wahns und Polemiken wurden im Wissenschaftsbereich ebenfalls schon ausgetragen.[73] Jetzt aber waren neue Akzente gesetzt, weil eine wissenschaftliche Kontroverse in eine grundlegende Weltanschauungsauseinandersetzung hineingenommen und damit auf eine politische Ebene gehoben wurde, und das wiederum ist in der Person und Stellung Rosenbergs begründet. Die Monographien zum Thema, die in der fraglichen Zeit entstanden, nehmen zwangsläufig Partei für die eine oder andere Auffassung.

Nachdem die Frage nach den Ursprüngen des Hexenwahns, obwohl ungeklärt, heute für die Forschung nicht mehr relevant ist, können die Interpretationsergebnisse Rosenbergs sowie die der Verfasser der "Studien" und aller weiteren Autoren jener Zeit weder verifiziert noch falsifiziert werden. Das Hauptinteresse dieser Arbeit ist ein zeitgeschichtliches: weniger das Quellenmaterial, auf das sich die einzelnen stützen, als vielmehr die Rolle, die die Arbeiten und ihre Verfasser innerhalb des zeitpolitischen Milieus spielten, ist Gegenstand des Interesses.

Die Person Rosenberg, sein Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" und die dadurch ausgelöste Weltanschauungskontroverse sind der zeitpolitische Hintergrund, in den die Hexenwahn-Diskussion als kleiner Teilbereich weitgespannter Auseinandersetzungen eingebettet ist. Dieser Hintergrund soll vorab dargestellt werden. Eine stichpunktartige biographische Übersicht über Rosenbergs politischen Werdegang, sein "Mythus" in Relation zu dessen Auswirkungen und eine Reihung von Ereignissen in dichter zeitlicher Abfolge vom Juli 1933 bis Oktober 1934 geben ein Zeitbild von der Entstehung des Weltanschauungskampfes, auf das hier nicht verzichtet werden kann. Erst durch Kenntnis des politischen Umfeldes können die Hexenwahn-Interpretationen die ihnen gebührende Bewertung erfahren; abstrahiert davon ist ihr wissenschaftlicher Wert durchaus umstritten. Weil sie aber Aufschlüsse über die Zeit ihrer Entstehung geben, kulturelle wie politische, indem die Autoren die Gegenwartsbezüge deutlich ansprechen, ist ihre Untersuchung angezeigt. Andererseits geben auch die Interpretationen in ihrem Kontext (Verlag, Art der Publikation) Aufschlüsse über Autoren und ihre Intentionen. Ein kleiner kulturwissenschaftlicher Randbereich - Hexenforschung - erhält damit Indikator-Funktion und aufgrund dessen Bedeutung.

Es wird von der These ausgegangen, daß Rosenbergs "Mythus" das Thema Hexenwahn aktualisierte. Deshalb soll über die Beziehung von Inhalt und Wirkung des "Mythus" vorab einiges zur Klärung gesagt werden, zumal die Meinungen darüber sehr geteilt waren. Lange Zeit galt der "Mythus" als das Buch, das niemand gelesen hatte. Bollmus, dessen verdienstvolles Werk "Das Amt Rosenberg und seine Gegner" 1970 erschien, hält die Auflagenhöhe des "Mythus" keineswegs für ein Indiz tatsächlicher Leserschaft, "das Buch fand vornehmlich als repräsentatives Geschenk bei Staats- und Parteifeiern Verwendung", für "Leute wie Hitler und die meisten NSDAP-Funktionäre wäre es 'zu schwer verständlich geschrieben'",[74] außerdem sei[50]es "vor der Machtergreifung von wissenschaftlicher Seite nicht diskutiert und nur in antisemitischen Fachkreisen besprochen "worden".[75] Daraus, und aus der Tatsache, daß während des Nürnberger Prozesses die meisten der dort angeklagten Parteiführer und Minister zugaben, das Werk nicht gelesen zu haben, schlußfolgert Bollmus, daß es wohl nur Rosenberg für einen "Jahrhunderterfolg" hielt.[76] Die neueren Forschungen dagegen - und hier ist vor allem der schon erwähnte Raimund Baumgärtner zu nennen und der sich stark auf ihn beziehende evangelische Theologe Klaus Scholder - kommen zu der Auffassung, daß die Wirkungen des "Mythus" auf die kleineren und mittleren Funktionäre der Partei und der Organisationen, auf Lehrer und Beamte, auf "die Gruppen, die das System am nachhaltigsten trugen",[77] ein ganz erheblicher gewesen sei.

Die Inhalte des "Mythus" - nach Baumgärtner "die unverhüllte Kampfansage an christliche Überzeugungen", die erkennbar mache, "daß die politische Organisation nur Teil einer Bewegung war, die die Veränderung der kulturellen und geistigen Landschaft als Zukunftsplan auf ihre Fahnen geschrieben hatte",[78] die letztlich von den Kirchen als drohende Veränderung auch bestehender religiöser Strukturen begriffen wurde - diese Inhalte bleiben ungefährlich, wenn das Buch keine Leser findet. Die Kirchen sind aber offensichtlich davon ausgegangen, daß durch die Verbreitung des "Mythus", durch die Schulungen in vielen Bereichen, die Inhalte gefährlich werden könnten. Der entstehende Weltanschauungskampf ist das Ergebnis von Erwartungen und Befürchtungen, die mit dem Rosenbergschen "Mythus" verbunden waren.

2. Alfred Rosenberg und "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" (1930)

Alfred Rosenberg, geboren 1893 in Reval, (hingerichtet 1946 in Nürnberg), Studium der Architektur in Riga und Moskau, seit 1918 in Deutschland, trat kurz nach Hitler der DAP (Vorläuferin der NSDAP) bei und wurde, nachdem er sich durch antisemitische Publikationen einen Namen gemacht hatte, 1921 Chefredakteur des "Völkischen Beobachters" (seit 1938 Herausgeber). Als Teilnehmer am Hitler-Putsch (9.11.1923) gehörte er zum engen Kreis der "Männer der ersten Stunde" und versuchte sich in der Folgezeit als "Chefideologe der Partei" zu profilieren.[79] Seit 1930 nationalsozialistischer Abgeordneter, seit 1933 Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Außenpolitischen Amtes, wird Rosenberg 1934 zum 'Überwacher der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP' ernannt. 1941 macht ihn Hitler zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete.[80] In all seinen Funktionen gerät Rosenberg in Rivalität zu anderen Parteiinstitutionen oder Personen; er war "in all seinen Rollen eine typische Figur im Kompetenzgestrüpp der von Hitler absichtsvoll gepflegten 'Polykratie' des Dritten Reiches".[81] Im Jahre 1930 veröffentlichte Rosenberg sein Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit",[82] eine dickleibige, schwer lesbare Auseinandersetzung mit dem Christentum als einem "römisch-syrisch-jüdisch-alpinen Mythus des Chaotischen, Gebrochenen und Zersetzten",[83] dem er den neuen Mythus des Blutes gegenüberstellt als Ansatz einer neuen Religion. Das grundlegende Dogma des Buches ist von Gobineau und Chamberlain abgeleitet: die Ideologie der Rassenseele und eine Geschichtsbetrachtung, "wonach alle Kämpfe der Vergangenheit und der Zukunft Auseinandersetzungen zwischen Blut und Blut und Rasse und Rasse sind".[84] Seit dem Mittelalter stünden sich zwei Mächte gegenüber: das die "physische und geistige Unterwerfung" fordernde Papsttum und das "Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit und Nation" vertretende germanische Volkstum. Mit dem "Mythus des 20. Jahrhunderts" beabsichtigte Rosenberg eine Festigung der ideologischen Front in den Reihen der NSDAP und proklamierte die Revolution der Weltanschauung von unten her.[85]

2.1 Die Auswirkungen des "Mythus"

Der "Mythus" war, wie Hitlers "Mein Kampf", Lehr- und Prüfungsprogramm der Adolf-Hitler-Schulen, der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, sämtlicher Schulungseinrichtungen der Partei und lag in Büchereien und Organisationen aus. Er wurde in Schulungskursen erläutert und in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt und rezensiert.[86] Weil andere ideologische Schriften zur Zeit des Aufstiegs der NSDAP fehlten, wurde er neben Hitlers "Mein Kampf" zur 'zweiten Bibel' der Bewegung hochstilisiert.[87] Die jungen Führer und Führerinnen der NSDAP, der Hitlerjugend, des Arbeitsdienstes und der Frauenschaft sahen in Rosenberg "den Interpreten und Künder ihres Glaubens", den "strahlenden Helden ihrer Welt-[51]anschauung".[88] Und noch eine andere Gruppe, die eine neue deutsch-völkische Religion propagierte, sah im "Mythus" eine Zusammenfassung ihrer Glaubensinhalte: die deutschgläubige Bewegung.[89] Sie hoffte durch ihr Bekenntnis zu Rosenberg auf Anerkennung als "gleichberechtigte dritte Konfession neben Protestanten und Katholiken".[90] Vor 1933 "ein Bündel hoffnungslos zerstrittener Gruppen und Vereine",[91] hatte sich aus deren Mehrheit 1933 die "Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung" konstituiert, angeführt von dem Tübinger Religionswissenschaftler Wilhelm Hauer und dem nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Graf Ernst zu Reventlow.[92] Ein Zitat von Kurt Hütten, der die Deutsche Glaubensbewegung[93] und ihre Geschichte aus protestantischer Sicht 1935 schildert, macht deutlich, welche Rolle Rosenbergs "Mythus" für die Deutsche Glaubensbewegung offensichtlich spielte:

"Es gibt zahlenmäßig nicht erfaßbare Schichten in unserem Volk, die zwar den Kirchen äußerlich noch angehören, aber in Wirklichkeit bewußt oder unbewußt unter dem bestimmenden Einfluß des Deutschglaubens stehen. Hier ist vor allem auf Rosenbergs 'Mythus des 20. Jahrhunderts' hinzuweisen, der eine ungeheure Massenwirkung ausübt. Das Buch dient weithin in den Gliederungen der NSDAP als Schulungsgrundlage. In unzähligen Zeitungsaufsätzen und Vorträgen werden die in ihm niedergelegten Gedanken ausgemünzt und weiterverbreitet. Insbesondere in der Jugend hat das Buch begeisterte Zustimmung gefunden. Die großen, mit überzeugender Eindringlichkeit durchgeführten Linien, das Pathos und die Farbigkeit der Darstellung, die Anziehungskraft der Gedanken, bestechende Formulierungen, eine umfassende Schau und eine unwiderlegbare wissenschaftliche Beweisführung mögen dazu beigetragen haben, daß dieses Buch geradezu die Bibel der deutschgläubigen Bewegung geworden ist."[94]

2.2 Der Kirchenkampf

Am 20.7.1933 wurde das zwischen dem Heiligen Stuhl und der Reichsregierung beschlossene Reichskonkordat unterzeichnet. Das Konkordat verschaffte dem Hitler-Regime einen immensen außen- und innenpolitischen Prestigegewinn, sicherte andererseits den Katholiken die Freiheit ihres Bekenntnisses und die öffentliche Ausübung der katholischen Religion zu. Zugeständnisse von kirchlicher Seite waren: die Bischofsernennung erst nach Unbedenklichkeitserklärung durch den Reichsstatthalter[95] und die Preisgabe der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen des deutschen Katholizismus (Selbstauflösung des Zentrums und der Bayrischen Volkspartei).[96] Angesichts der fortschreitenden totalitären Gleichschaltungsbestrebungen des Regimes versuchte der Vatikan dem drohenden Kirchenkampf durch das Konkordat zu begegnen,[97] einseitige Verstöße gegen das Konkordat von seiten der Nazis, vor allem aber die verstärkte propagandistische Aktivität zur Verbreitung der Inhalte des "Mythus", verschärften dagegen den Kirchenkampf.

Erste wichtige Markierung der beginnenden Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem "Mythus" und mit den 'neuheidnischen' Bewegungen (wozu auch die DG gehörte) waren die Adventspredigten des Münchner Erzbischofs, Michael Kardinal von Faulhaber, gehalten im Dezember 1933 in St. Michael, München, danach veröffentlicht.[98] (Die Adventspredigten werden in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Germanentum und Hexenverfolgung häufig zitiert). Im darauffolgenden Januar 1934 kamen auf einer Tagung der neugegründeten "Gesellschaft für germanische Ur- und Vorgeschichte" in Berlin fast alle wichtigen Vertreter der DG zu Wort: der Leipziger Philosoph Ernst Bergmann, der Tübinger Indologe Wilhelm Hauer, der niederländische Vor- und Frühgeschichtler Hermann Wirth und dessen Schüler Johannes von Leers.[99] Katholische Beobachter der Tagung sprachen ihr "'Bedeutung von weitesten Ausmaßen'" zu, "über tausend Personen hätten ständig teilgenommen".[100] Am 31.1.1934 wurde Alfred Rosenberg (auf Vorschlag des Stabsleiters der Politischen Organisation, Dr. Robert Ley) mit der Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der Partei und aller gleichgeschalteter Verbände sowie des Amtes 'Kraft durch Freude' beauftragt. Das Interesse an Rosenbergs "Mythus" stieg danach sprunghaft an. Die Kirchen waren aufs höchste beunruhigt, mußten sie doch fürchten, "daß der 'Mythus' - entgegen seinem vom Verfasser behaupteten persönlichen Charakter (Hervorhebung B.S.) - in Zukunft offiziell zur Grundlage der gesamten weltanschaulichen Schulung der Partei werden würde",[101] und daß die DG ihre Hoffnung auf Anerkennung als dritte Konfession erfüllt bekäme, gemäß "Mythus"-Zitat: "Die Sehnsucht, der nordischen Rassenseele im Zeichen des Volksmythus ihre Form als Deutsche Kirche zu geben, das ist mit die größte Aufgabe des Jahrhunderts".[102] Heute weiß man - vor allem aufgrund der Arbeiten von Bollmus - daß diese Befürchtungen zu Unrecht bestanden und Rosenberg seine Ernennung eher einer zufälligen, kurzzeitigen innerparteilichen Interessenkonstellation verdankte[103] und "zu keiner Zeit eindeutig bestimmtes Weisungsrecht in weltanschaulichen Fragen" besaß.[104]

[52]Wie ernst die katholische Kirche die Situation einschätzte, geht aus der versuchten Intervention des Kardinals Schulte bei Hitler in bezug auf Rosenberg und vor allem den "Mythus" hervor. Schulte protokollierte die Unterredung vom 7.2.1934 (unvollständig erhalten), woraus hervorgeht, daß sich Hitler vom "Mythus" distanzierte, sich aber andererseits zu Rosenberg als "unserem Parteidogmatiker" bekannte.[105] Schultes Briefbericht an den Vatikan benutzte den Ausdruck "Umschwung";[106] er hat sich offensichtlich mit dem vatikanischen Schritt gekreuzt, denn am selben Tag, dem 7.2.1934, setzte der Vatikan den "Mythus" auf den Index librorum prohibitorum,[107] die seit dem 16. Jh. bestehende Liste verbotener Bücher, zusammen mit dem Buch des Leipziger Philosophen Ernst Bergman "Deutsche Nationalkirche" (1933). Das Heilige Offizium hat dazu - entgegen seiner Gewohnheit - eine Begründung der Entscheidung veröffentlicht und erklärt, daß beide Verfasser die Fundamente christlicher Religion leugneten und die Einführung einer neuen Religion forderten.[108] Matthes Ziegler, Volkskundler und Chef des Amtes für weltanschauliche Information im Amt Rosenberg, schreibt in den Nationalsozialistischen Monatsheften (NSMH) dazu:

"(...) Die feierliche Verdammung dieses Buches ["Mythus"] war trotz aller Beteuerungen nicht in erster Linie eine Schutzmaßnahme gegen irgendeine Privatarbeit, sondern die formelle und symbolische Kampfansage an die nationalsozialistische Weltanschauung, zu deren Treuhänder und Wächter Alfred Rosenberg im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Revolution ernannt worden war. Diese Indizierung gab gleichzeitig die praktische Handhabe, um unter dem Vorwand einer Glaubensverteidigung gegen den Privatmann Alfred Rosenberg auf allen Gebieten der Kultur die Geschütze in Stellung bringen zu können, die gar bald das Vernichtungsfeuer gegen die Grundfesten der nationalsozialistischen Weltanschauung überhaupt aus allen Kalibern eröffnen sollten."[109]

Die kirchliche Öffentlichkeit wurde auf die "Mythus"-Auseinandersetzung, die nun verstärkt einsetzt, nicht "durch das Bischofskollektiv", sondern "durch die Oberhirten im einzelnen" aufmerksam gemacht.[110] Nachdem die "Flut antikirchlicher, antichristlicher Propaganda" immer mehr angestiegen war, antworteten jetzt die Kirchen.[111] Sie begriffen den "Mythus" und seinen Anspruch, Weltanschauung sein zu wollen, als "Übergriff auf ihr ureigenes Territorium", lehnten das Rassemoment in Verbindung mit Religion und Sittlichkeit als Irrlehre ab und bezeichneten die 'Religion des Blutes' als unüberbrückbaren Widerspruch zum christlichen Glauben.[112]
Unter dem Stichwort 'Neuheidentum' begann eine Rosenberg-Debatte auf den Bischofskonferenzen, der eine massive Kampagne in Form von Vorträgen, Exerzitien, Artikeln in Kirchenblättern und von der Kanzel herab gegen die "Irrlehre des 'Mythus'" folgte.[113]

Eine der wichtigsten und meist beachteten Auseinandersetzungen mit dem "Mythus" aber bot die Schrift "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts", 1934 als Beilage des "Kirchlichen Anzeigers" für die Erzdiözese Köln herausgegeben. Nach dem Kriege gab einer der Verfasser, Wilhelm Neuss, Professor für Kirchen- und Kulturgeschichte, über die Entstehung der Schrift Auskunft. Durch die NS-Pflichtschulungskurse an der Bonner Universität, denen Rosenbergs "Mythus" zugrundelag, wurde Neuss erst im Sommer 1933 auf das Buch aufmerksam und erkannte, daß hier ein "systematischer Versuch der Aufpeitschung nationalen Sinnes durch gewissenlose Fälschung und Verdrehung" vorlag, daß die "Unwissenschaftlichkeit des Buches" dringend einer Widerlegung, vor allem aus kirchenhistorischer Sicht, bedurfte.[114] Seine Intervention bei der Kölner Kurie führte im März 1934 zur Gründung der "Abwehrstelle gegen nationalsozialistische, antichristliche Propaganda" unter Leitung von Josef Teusch, Kaplan von St. Kolumba.[115] Die Abwehrstelle sammelte systematisch antichristliches NS-Schrifttum; kleinere Schriften, gegen die NS-Propaganda gerichtet, wurden verfaßt und durch kirchliche Buchstände oder an den Kirchentüren verteilt. Neuss schätzt die Zahl der von der Abwehrstelle verbreiteten Broschüren auf ca. 17 Millionen.[116] Mit Abstand wichtigste Arbeit der Abwehrstelle aber war die schon erwähnte Publikation "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts". Neuss hatte als Autoren Freunde aus dem Kreis der Bonner Theologen, "Spezialisten verschiedener Disziplinen", gewinnen können. Man beschloß, aus berechtigter Angst vor Beschlagnahmung, die "Studien" den unter Konkordatsschutz stehenden "Kirchlichen Anzeigern" der verschiedenen Diözesen beizugeben und auf Namensnennung der Autoren, wegen zu befürchtender Repressalien, zu verzichten.[117] Neuss selbst verfaßte den kirchengeschichtlichen Teil der "Studien", mithin auch die Widerlegung Rosenbergscher Theorien zum Hexenwahn. Es gelang den Herausgebern in letzter Minute, nachdem Kardinal Schulte Bedenken gegen das Unternehmen angemeldet hatte, Clemens August Graf von Galen (den 'Löwen von Münster') für die Schirmherrschaft zu gewinnen. Der Verlag J. P. Bachern in Köln übernahm den Druck, Vorausbestellungen sicherten die Grundauflage von 15.000 Exemplaren,[53]Paralleldrucke in Würzburg, München, Berlin und Breslau kamen hinzu.[118]

Die erste Ausgabe der "Studien" erfolgte im Oktober 1934, im Dezember desselben Jahres wurde eine verbesserte Auflage herausgegeben. Als Rosenberg 1935 auf die "Studien" mit seiner "Dunkelmänner"-Schrift antwortete, wurde ein um einen Epilog erweiterter Nachdruck gestartet.[119] Die "Studien" sind wissenschaftlich abgefaßt, mit Anmerkungen und einem Personen- und Sachregister versehen. Sie fassen das bei Rosenberg verstreut Gesagte systematisch zusammen und widerlegen es.[120] Neuss sagt über die "Studien", sie seien "1934 und 1935 vielleicht das gelesenste Buch in Deutschland"[121] gewesen und die "wichtigste Aktion des breitangelegten systematischen Widerstands der Kölner Abwehrstelle gegen die Überfremdung deutschen Geistes durch nationalsozialistisches Gedankengut".[122] Matthes Ziegler schreibt in den NSMH:

"Die 'Studien' sind ohne Zweifel weitaus die umfassendst angelegte und geschickteste sämtlicher Gegenschriften gegen den 'Mythus' und haben, da sie mit der Anmaßung strenger Wissenschaftlichkeit geschrieben sind, in gewissen Kreisen ihre Wirkung nicht verfehlt. Es sind dieselben Kreise, die das Phantom einer falschverstandenen objektiven und sogenannten voraussetzungslosen Wissenschaft zwar stur gegen den Nationalsozialismus verteidigen, die sich jedoch bedenkenlos und instinktlos, heute wie ehedem, in das geistige Schlepptau konfessioneller Interessenpolitik nehmen lassen."[123]

Im kirchengeschichtlichen Teil des "Mythus" spielt der Hexenwahn eine nicht unerhebliche Rolle; weil Quellen und Darstellung gleichermaßen fragwürdig sind, bietet sich für Neuss eine willkommene Gelegenheit, Rosenberg gerade hier gründlich zu widerlegen.

3. Hexenwahn in Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts"

Rosenberg bezieht sich in seiner Darstellung und Erklärung von Hexenwahn auf das Buch des Historikers Albert Grünwedel "Tusca" (Leipzig 1922) und stellt eine Verbindung zwischen dem römischen Papsttum und den Etruskern her. Der Papst sei der "unmittelbare Nachfolger des etruskischen Haruspex"[124] und habe kultische Praktiken, die Verbindung zum späteren Hexenwesen erkennen ließen, von daher übernommen. Die Etrusker hätten den griechischen Sonnenmythos aufgenommen, aus dem die tuskischen Priester asiatische Magie gemacht hätten: "Hexenwesen, verbunden mit Päderastie, Selbstbegattung, Knabenmord, magische Aneignung der Kraft des Gemordeten durch den Priestermörder [...]".[125] Ein rituell gemordeter Knabe sei zum Böckchen geworden. "Hier ist der Ursprung des gehörnten Phantoms einerseits, des bockköpfigen Teufels andererseits, dessen Auftreten in der Hexenliteratur bis zu den Volkssagen hinab bisher völlig rätselhaft war."[126] "Hexen konnten Jünglinge für Geld zu dieser Hingabe veranlassen, um dann in Flammen zum Himmel zu steigen, ein neues Zeugnis für die Urheimat des Hexenwahns und des Satanismus auf europäischem Boden."[127] Der magischen Zauberei und einer gewalttätigen Priesterschaft setzten die Römer - nach Rosenberg - ihr hartes römisches Recht entgegen, ihren großartigen römischen Senat; mit dem Schwert säuberten sie Italien von den Etruskern, aber den Haruspex und die Auguren konnte Rom nicht überwinden.[128]

"Der Haruspex siegte, der römische Papst erhob sich als sein unmittelbarer Nachfolger, während die Tempelherrschaft, das Kardinalskollegium, eine Mischung von Priestertum der Etrusko-Syro-Vorderasiaten und der Juden mit dem nordischen Senat darstellt. Auf diesen etruskischen Haruspex geht dann auch 'unsere' mittelalterliche Weltanschauung zurück, jener furchtbare Zauberglaube, jener Hexenwahn, dem Millionen des Abendlandes zum Opfer gefallen sind, der auch durchaus nicht mit dem 'Hexenhammer' ausgestorben ist, sondern in der kirchlichen Literatur von heute noch lustig weiterlebt, jeden Tag bereit, offen hervorzubrechen; jener Spuk, der die nordisch-gotischen Kathedralen verunstaltet und über eine natürliche Groteske weit hinausgeht."[129]

An anderer Stelle vergleicht Rosenberg den römischen Papst "mit dem Medizinmann als dämonische Figur",

"[...] dessen Gebet Regen bringt oder verkündet, dessen Fluch tötet, der mit Gott (oder den Göttern) einen Vertrag geschlossen hat, und ihn (oder sie) zu allem zwingen oder doch beeinflussen kann durch zauberhafte Gebräuche. Der Medizinmann als dämonische Figur kann selbständiges Denken seiner Anhänger ebensowenig brauchen wie ehrbewußtes Handeln. Er muß folgerichtig, um seine Stellung zu sichern, das eine wie das andere mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszuschalten bemüht sein. Er muß alle allzu menschlichen Ängste und hysterischen Anlagen großzüchten; er muß Hexenwahn und Dämonenzauber predigen; er muß mit Index, Feuer und Schwert alles Forschen unterbinden, das zu anderen Ergebnissen führen kann, oder gar zur Befreiung vom dem ganzen, vom Medizinmann gelehrten Weltbild. Den Versuch schildern, die zauberhaft dämonische Weltauffassung des Medizinmannes weltpolitisch durchzusetzen, heißt römische Dogmen- und Kirchengeschichte schreiben."[130]

Rosenberg bezeichnet an anderer Stelle das Christentum als typisch für das "rasselose, wüste Rom", dem es mit seiner Sünden- und Gnadenlehre entgegenkäme.[131] "Sündengefühl als notwendige Begleiterscheinung physischer Bastardisierung"[132] sei weder den alten Indern noch den Germanen des Tacitus bekannt gewesen. Zwei Welten hätten das 'mittelalterliche Herz des nordisch bedingten Men-[54]sehen' zerrissen: "[...] die vorderasiatisch schreckhafte, von der Kirche gezüchtete Vorstellung der grausamen Unterwelt" und die Sehnsucht, "frei, grad und gesund" zu sein. "Nur soweit er frei ist, kann der Germane schöpferisch sein und nur wo der Hexenwahn nicht herrschte, entstanden Zentren europäischer Kultur."[133] "Lehrkonzile, Inquisition und Scheiterhaufen zwecks Seelenvernichtung einzuführen, blieb der Kirche in ihrer paulinisch-augustinischen Form vorbehalten. Die klassisch-nordische Antike kannte derlei nicht, und die germanische Welt hat sich gleichfalls stets gegen dieses syrische Wesen empört."[134]

4. Hexen- und Teufelswahn in den katholischen "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts" (1934)

Ziel der "Studien" war es, das von Rosenberg entworfene Geschichtsbild im Sinne der katholischen Kirche zu korrigieren. Als Teil seines Kapitels "Das christliche Altertum", setzt sich Neuss, als der Verfasser des kirchengeschichtlichen Teils, über acht Seiten mit dem Rosenbergschen Bild von Hexenglauben und Teufelswahn auseinander. Er zitiert ausführlich aus dem "Mythus", da seine katholische Leserschaft das indizierte Buch nicht lesen durfte und widerlegt Rosenbergs Behauptungen. Albert Grünwedels Buch "Tusca", das Rosenberg seiner Theorie des europäischen Hexenwahns weitgehend zugrunde legte, weist Neuss als "fixe Idee" des "sonst sehr geschätzten Autors" aus, als "peinlichen Irrtum, den die Wissenschaft aus Rücksicht auf den Verfasser bisher totschwieg". "Die scheußlichen sexuellen Perversitäten, die er [Grünwedel] festgestellt zu haben glaubt, finden sich daher nicht bei den Etruskern, sondern sind leider das Ergebnis seiner Einbildungen."[135] Gustav Herbig habe in einem Aufsatz für die Sitzungsberichte der Münchener Akademie der Wissenschaften die absolute Unwissenschaftlichkeit des Grünwedelschen Aufsatzes im einzelnen aufgedeckt, bestätigt von dem Berliner Orientalisten Wilhelm Schubart. Niemand habe sich bisher rühmen können, das Rätsel der etruskischen Sprache gelöst zu haben, dennoch stütze sich Rosenberg auf die "Irrtümer eines von fixen Ideen Getäuschten, der einen Herd der Unsittlichkeit und Gemeinheit in Italien entdeckt zu haben sich einbildete", und findet so "eine rassische Unterlage für alle beliebigen, nun mehr kühn als etruskisch, etruskisch-syrisch, asiatisch, phönizisch usw. bezeichneten Scheußlichkeiten, die im Papsttum und in der katholischen Kirche aus der rassischen Weiterentwicklung" fortdauern sollen.[136]

"Den Etruskern wird von R. auch die Einführung des Hexenwahns in die Schuhe geschoben, weil sich so die Anheftung auch dieser Schuld an das Papsttum leichter machen läßt, das diesen etruskischen Wahn in das Mittelalter verpflanzt habe. Das Germanentum sei von sich aus frei von ihm gewesen. Wie ist die Wirklichkeit? Der Glaube an Hexen war im Orient und im Abendlande, insbesondere auch bei den Kelten und den alten Germanen verbreitet."[137]

Neuss verweist auf das 'Edictum Rothari' (Rothar, langobard. König 637-652), worin die Tötung von Hexen verboten wird und mit Geldstrafen, je nach dem Stande des Töters, belegt wird, "weil 'ein Christ nicht glauben dürfe, daß es Hexen gebe, und daß ein Weib einen Menschen lebendig verschlingen könne', was also von den heidnischen Langobarden offensichtlich geglaubt wurde (Mon.Germ. Leg.IV, ed. Pertz, p. 87)", und auf die "Capitulatio de partibus Saxoniae" Karls d. Gr., die anordnet, daß, falls jemand glauben solle, daß ein Mann oder eine Frau eine Hexe (striga) sei und Menschen fresse, und deshalb die vermeintliche Hexe selbst verbrennt und ihr Fleisch ißt, des Todes schuldig sei (Mon.Germ.Leg. II,I, 1, p. 68). Der Verfasser der "Studien" folgert daraus, daß bei den Sachsen nicht nur der Hexenglaube lebendig gewesen sei, sondern daß man die Hexen auch verbrannt und ihr gebratenes Fleisch verzehrt habe.[138] "Die Kirche hat gegen den Hexenwahn zunächst mit lobenswertem Eifer gekämpft. [...] Im sogen. Canon episcopi, einem fränkischen Synodalstatut des 9. Jahrhunderts", wurden die Priester gemahnt, "gegen den von den Weibern selbst verbreiteten Wahn", "nächtlicherweise [...] zum Dienste der heidnischen Göttin Diana", auf bestimmten Tieren reitend auszufahren, aufzutreten.[139] Neuss bezieht sich auf Lily Weiser-Aall, wenn er schreibt, daß es noch im 19. Jh. in Schweden Frauen gegeben habe, "die sich als Hexen ausgaben und auf dem Bocksberg gewesen sein wollten".

"Mit Recht macht Weiser-Aall, der [!] von diesem schwedischen Wahn berichtet in seinem großen Artikel über die Hexen im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. III (1930) Sp. 1827-1920, darauf aufmerksam, daß gerade die Geschichte des Hexenglaubens bei den nordischen Völkern, wo er auf keine Weise etwa aus römischer Ansteckung erklärt werden kann, zeigt, wie sehr der Hexenglaube in der germanischen Tradition selbst Zuhause ist. Auch das Verbrennen der Hexen ist altgermanische Sitte, nicht anders eben als die Unschädlichmachung des weiblichen und auch des männlichen Zauberers, dessen Machenschaften man fürchtet [...]."

Der folgende Absatz soll in ganzer Länge übernommen werden, weil sich die Kritiker der "Stu-[55]dien" gerade auf diese Formulierungen immer wieder beziehen:

"Die Männer der Kirche haben leider nach und nach vor dem Glauben an die Hexen kapituliert, vor allem in den deutschen Ländern, bis schließlich die deutschen Inquisitoren Jacob Sprenger und Heinrich Institoris 1484 sogar von Papst Innozenz VIII. die erbetene Anerkennung ihrer Zuständigkeit in ihrem Vorgehen gegen die vermeintliche schlimme Tätigkeit der Hexen erlangten und den schmählichen Hexenhammer verfaßten. Der Hexenwahn ist also nicht von Etrurien oder Rom nach Deutschland gekommen, sondern leider altgermanisches Volksgut, das nicht standhaft genug von der Kirche bekämpft worden ist. Daher ist der Wahn auch am schlimmsten in Deutschland nach der Glaubenstrennung aufgeblüht, Luther, Zwingli, Calvin haben ihm in gleicher Weise gehuldigt; auch das protestantische England, die skandinavischen Reiche und die protestantischen Einwandererstaaten Nordamerikas haben eine scharfe Hexenverfolgung getrieben, während man in Rom zwar die ganz allgemein gewordene Überzeugung von der Möglichkeit des Teufelsbündnisses der Hexen und seiner Benutzung zu schädigenden Taten nicht abgelehnt, sie aber in Theorie und Praxis immerhin nur mit einer unverkennbaren Vorsicht zugelassen hat. Deshalb auch nur ganz wenige Hexenprozesse in Rom und ihr völliges Aufhören dort im 17. Jahrhundert, während in Deutschland der unselige Wahn noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts seine Opfer forderte."[140]

Und zur Rolle der Dämonen, die von der Gegenseite (den Rosenberg und der Germanenkunde verpflichteten Autoren) wesentlich anders dargestellt wurde, schreibt Neuss:

"Die biblische Lehre von den gefallenen Engeln, den bösen Geistern, ist in der ganzen antiken Welt mit den vorchristlichen populären Vorstellungen von den Dämonen zusammengetroffen. Einem Geschlechte, das für so viele Krankheiten und Naturkatastrophen nicht die natürliche Erklärung hatte wie wir, war der Glaube an die Wirksamkeit der Dämonen etwas ganz selbstverständliches geworden. Weil er aber so ganz allgemein und selbstverständlich war, konnte es gar nicht anders kommen, als daß er noch lange fortlebte und mit der christlichen Lehre von sündig gewordenen reinen Geistern sich in mannigfacher Weise verband und diese Lehre oft genug in schlimmster Weise vergröberte oder ganz entstellte. Nicht das Christentum hat die Furcht vor den Dämonen geschaffen, sondern diese Furcht war da."[141]

Mit dem Hexenglauben habe sich auch ein bedauerlicher Glaube an Teufelsspuk breitgemacht, aber die Geschichte des Aberglaubens bei germanischen und nichtgermanischen Völkern zeige, "daß die Diener der Kirche ganz außerhalb der Geistesart ihrer Zeit hätten stehen müssen, wenn sie von allen Spukängsten hätten frei sein sollen".[142]

5. Alfred Millers und Alfred Rosenbergs Gegenschriften zu den "Studien" (1935)

Rosenberg war von den "Studien" und vor allem dem Vorwurf der Unrichtigkeit und Unwissenschaftlichkeit des "Mythus" so überrascht, daß er sich "Rat bei anderen holen mußte".[143] Er wandte sich an den Germanisten und Schriftsteller Alfred Miller, den Herausgeber der völkischen Zeitschrift "Flammenzeichen", bekannt als "Verfasser von Schriften nicht nur gegen Juden, sondern vor allem gegen den Katholizismus".[144] Rosenberg bat ihn unter Hinweis auf dessen "ausgedehntes Archiv" um eine Gegendarstellung. Miller meldete Bedenken an, meinte, daß gerade gegen den kirchengeschichtlichen Teil der "Studien" "nicht viel zu machen" sei, willigte aber dennoch ein, weil Rosenberg ihm als Gegenleistung eine größere Auflage der zu erstellenden Schrift versprach.[145] In Rosenbergs Tagebuchaufzeichnungen vom 26.12.1934 liest es sich etwas anders:

"Mein 'Mythus' hat jetzt 250.000 Stück Auflage, ein Jahrhunderterfolg. Rom hat deshalb alle Kräfte mobilisiert und die 'Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts' herausgegeben, um mich wissenschaftlich zu erledigen. Geschrieben mit bekannten Tricks, im Grunde frech und fadenscheinig. Ich habe bereits 60 Seiten Entgegnung diktiert. Baeumler[146] will in den Weihnachtsferien auch eine Broschüre schreiben, Miller in Celle ebenfalls. Erster von historischer Höhe, der zweite hauptsächlich über das heute bereits als germanisch bezeichnete Hexenwesen."[147]

Der letzte Halbsatz Rosenbergs erweckt den Eindruck, als habe er von den seit Jacob Grimm existierenden zwei Auffassungen über den Ursprung des Hexenwahns nichts gewußt und halte das "als germanisch bezeichnete Hexenwesen" für eine Erfindung seiner weltanschaulichen Gegner. 1935 erschien im Verlag Theodor Fritsch, Leipzig, Millers Broschüre "'Wissenschaft' im Dienste der Dunkelmänner". Sie enthält ein größeres Kapitel über Hexenwahn (26 Seiten bei einer Gesamtseitenzahl von 165). Obgleich Rosenberg verpflichtet, übernimmt Miller in seinem Hexenkapitel nicht die Etrusker-These Rosenbergs. Einleitend beklagt Miller unter Verweis auf Kardinal Faulhaber, daß diejenigen, die die untrennbare Einheit von Deutschtum und Christentum betonen, es sich offensichtlich zum Vorsatz gemacht haben, die vorgeschichtliche und die geschichtliche Vergangenheit des Germanentums mit vielen "recht dunklen Schatten zu zeichnen".[148] Das gelte auch für die Verfasser der "Studien", die den Hexenwahn "als altgermanisches Volksgut", von der Kirche nicht standhaft genug bekämpft, darstellen. Niemand bestreite in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit die Vorstellung von Unholdinnen bei den Germanen, aber die römische Kirche habe "diesem Glauben verstärkte Nahrung, neuen Auftrieb gegeben", ja sie habe für einen noch viel schlimmeren Hexenwahn den Boden bereitet,[149] weil sie die Götter der Heiden dämonisierte. Sie gestand ihnen damit, "anstatt ihre Bedeutung zu verneinen, Da-[56]seinswirklichkeit, ja sogar eine gewisse Bedeutung zu". Die verlangte Abschwörung erhielte den Glauben an die, die man beseitigen wollte, wach;[150] die in den Bußbüchern aufgeführten zauberischen Praktiken befestigten den Glauben an die Realität von Hexerei und Zauberei. Der "nach Osten weisende Ursprung des Wahns" wird mit Hansens "Zauberwahn" belegt,[151] der romanische Ursprung mit Paul Herrmann.[152] Die Geringachtung der Frau und die durch die Kirchenväter (Augustinus) verbreitete Lehre der Möglichkeit fleischlichen Verkehrs von Frauen mit Dämonen, Faunen und Silvanen[153] habe ein übriges getan, um den Teufelsglauben zu stärken; schließlich habe die Umwandlung heidnischer Bräuche in christliche die Menschen zusätzlich verängstigt, "da man das Reich und die Macht der heidnischen und christlichen Dämonen vertauschte. Die Folge davon waren die berüchtigten Hexenprozesse."[154] Ein Heidentum, entstanden als Mischung widerstreitender Elemente, nicht mehr identisch mit dem germanischen Heidentum, entartet durch eingeschleppte orientalische Einflüsse, wäre von der katholischen Kirche vergeblich bekämpft worden, "weil sie selber Trägerin der Mischung und Entartung war".[155] Die schlimmste Scheußlichkeit der Kulturgeschichte, der schlimmste Irrwahn, dem "nicht nur die Menschheit, sondern eine Religion und Kirche jahrhundertelang ergeben waren", läge begründet "in der Tragik der Überfremdung germanischen Wesens. Keine ernste Geschichtsschreibung einer späteren Zeit wird Rom je von dieser Schuld freisprechen können."[156] Miller beschließt das Kapitel mit einem Hansen-Zitat, das der christlichen Kirche die Schuld zuweist an der vollständigen Entgleisung menschlichen Geistes, die zur hartnäckigen und grausamen Massenverfolgung angeblicher Hexen führte.[157]

Im selben Jahr wie Miller veröffentlichte Rosenberg seine Schrift "An die Dunkelmänner unserer Zeit. Eine Antwort auf die Angriffe gegen den 'Mythus des 20. Jahrhunderts'".[158] Sie erschien ebenfalls im Hoheneichen Verlag, erreichte bis zum Jahre 1941 33 Auflagen und war offensichtlich von den Anhängern Rosenbergs sehnlichst erwartet worden. Matthes Ziegler schrieb in den NSMH eine Vorankündigung unter der Überschrift "Rosenberg antwortet!". Er beschreibt die Situation vor Erscheinen der "Dunkelmänner"-Schrift folgendermaßen:

"Und die römische Presse ging in ihrer einfältigen Dreistigkeit bereits soweit, Alfred Rosenberg wohlwollend vorzuschlagen, sein Buch [gemeint ist der "Mythus"] doch wenigsten aus dem Handel zu ziehen, nachdem sich bereits die ganze Welt in seiner Beurteilung einig sei. Aber trotz dieser 'Siegesstimmung' ließ sich doch die große Enttäuschung nicht verbergen über den tatsächlichen Mißerfolg der ganzen Aktion. Rosenbergs Werk geht in immer neuen Auflagen durch das Land und hat heute schon viele Millionen in seinen Bann geschlagen, und die Wirkung der 'Studien' ist verpufft und befindet sich in jähem Abklingen. Auf allen Gegnern aber lastet die quälende Frage: Was wird Rosenberg tun? Warum wehrt er sich nicht? Warum setzt er nicht seine Machtmittel ein? Warum geht er nicht vor gegen einzelne Todesmutige, denen die unsichtbare Märtyrerkrone bereits auf dem Haupte leuchtet? Und warum antwortet er nicht?"'[59]

Im Kapitel "Der römische Hexenwahn" greift Rosenberg gleich zu Anfang seine Behauptung aus dem "Mythus" wieder auf, daß das ganze Zauberwesen von der Gründung der römischen Kirche bis in die Gegenwart hineinreiche und so lange bestehen bleiben würde, wie die römische Kirche selbst besteht, denn sie herrsche nicht durch Einsicht, Vernunft und Ergebung in das Naturgeschehen, sondern durch "Aufpeitschung aller Einbildungskräfte", durch "hypnotisierende Einwirkung von der Wiege bis zum Grabe" auf die Angstzustände des Menschen.

Als "eine Höhe der Anmaßungen der sogenannten 'Studien'" bezeichnet Rosenberg "die dreiste Behauptung, das ganze Hexenwesen sei eigentlich im germanischen Charakter begründet".[160] Allein schon anhand des umfangreichen Werkes des Jesuiten Graf Paul von Hoensbroech (1852-1923)[161] "Der Jesuitenorden" könne man das widerlegen. Hoensbroech habe den sogenannten germanischen Hexenwahn als eine durch den Jesuitenorden planmäßig durch Jahrhunderte großgezüchtete Erscheinung dargestellt. Die anonymen Verfasser der "Studien" würden ihn als davongelaufenen Jesuiten sicherlich der Unwissenschaftlichkeit zeihen, behauptet Rosenberg. Andere jesuitische Autoren erbrächten den Beweis für die erbarmungslose Brutalität, mit der die katholische Kirche vorgegangen sei, selbst wenn sie dabei ganze Landstriche entvölkert habe.[162]

"Es wird die Aufgabe einer wirklich deutschen Geschichtsforschung sein, einmal festzustellen, wieviel Mütter des deutschen Volkes die jesuitischen Inquisitoren und der jesuitisch-römische Hexenwahn dahingerafft haben, da selbst die Jesuiten feststellen mußten, daß ganze Dörfer Bayerns, dort wo sie wirkten, entvölkert wurden!"[163]

Die Jesuiten Paul Laymann, Jeremias Drexel und Georg Gaar werden von Rosenberg zitiert, weil sie die Hexenverfolgung auf das alttestamentarische Gebot beziehen: "die Zauberer sollst du nicht leben lassen"; Fazit: "[...] das Alte Testament als Kron- und Urzeuge für das Recht der Hexenverfol-[57]gung und die unfehlbaren Päpste als Schirmherren der Ausrottung des germanischen Menschentums". Das Suchen nach "kosmischer Gesetzlichkeit" über "symbolhafte Darstellung" sei "stets das Kennzeichen des nordischen Menschen gewesen, sei es als forschender Grieche, sei es als forschender Europäer". Die "zauberhafte Magie des Morgenlandes und Afrikas" stehe dieser Auffassung "schnurstracks entgegen" und alles, "was mit Ablässen, Fegfeuer, Gebet, Hexenwahn und Zauberdingen zu tun hat, [sei] eine unmittelbare Fortführung orientalischen Denkens".[164] Für die Beendigung des Hexenwahns bietet Rosenberg folgende Erklärung an:

"Wenn später die Protestanten noch lange dem Hexenwahn folgten, so ist das nicht etwa eine Entlastung für die römische Kirche, sondern zeigt, wie sehr eine jahrtausendelang herrschende Dämonie, gestützt auf politische Gewaltherrschaft, die Seelen der Menschen vergiften konnte. Schon nach kurzer Zeit aber, nach Abwerfen der fremden Herrschaft, rührte sich in ganz Europa das Denken und Forschen, und je mehr dieser urgermanische Forschungsdrang sich durchsetzen konnte, um so mehr verschwand die blutige Spur der Hexenjahrhunderte, und immer mehr zurückgedrängt wurde dieser infernalische Versuch, der Verkrüpplung und Ängstigung der Seele der Europäer."[165]

Dämonenlos sei das Hildebrandslied, das Nibelungenlied, das Gudrunslied, aber je mehr sich das dämonengläubige Papsttum festigte, um so stärker seien die Auswirkungen des Alten Testaments, des Etruskertums und des römischen Völkerchaos. Die Jahrhunderte zwischen 1300 und 1750 seien gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung einer Hexen und Ketzer mordenden Dämonie mit der Naturforschung, Kunstgestaltung und arteigenen Lebensweise der europäischen Völker.[166] Aus einem Aufsatz, erschienen in der Zeitschrift "Bücherkunde"[167] (Hausblatt des Amtes Rosenberg), zitiert Rosenberg über drei Seiten. Die "Studien" werden dort als obskures Pamphlet bezeichnet. Die von den "deutschen Fachgelehrten" versuchte Erklärung für den Ursprung des Hexenwahns sei unmöglich, da nach der "auch heutigentags von Rom durchaus anerkannten Lehre" eine Frau nur zur Hexe würde, wenn "sie sich dem Teufel leibhaftig und körperlich vermählt", der Teufel aber sei "als unentbehrliches Requisit der Erbsünde" erst durch das Christentum eingeführt worden.

"[...] unsere Altvorderen [waren] in geschlechtlicher Beziehung viel zu sauber, dachten viel zu hoch von ihren Frauen und Töchtern, als daß so perverse Gemeinheiten in ihren Hirnen hätten Raum finden können, wie sie die christliche Hexenlehre nun leider enthält".[168]

Der gleiche (anonyme) Autor fragt an anderer Stelle: "Ist denn der schmähliche 'Hexenhammer' auf den Index der von Rom verbotenen Bücher gesetzt worden, auf dem doch Rosenbergs 'Mythus' steht?"[169] Abschließend zitiert Rosenberg aus dem Buch des katholischen Historikers Theodor Steinbüchel "Christliches Mittelalter", Leipzig 1935, der Augustin und Thomas von Aquin anlastet, den Verkehr der Gottessöhne mit den Menschentöchtern (Gen. 6.4) nicht auf die Engel bezogen, und somit ein Motiv geschaffen zu haben, das dem Dämonen- und Hexenglauben ihrer Zeit entgegenkam.[170]

"Was in dem Hexenglauben von Kirche und Staat bis weit über das Mittelalter hinaus der Frau angetan worden ist, ist kein Ruhmestitel der Kirchen- und Weltgeschichte. Es ist geeignet aller romantischen Verklärung der mittelalterlichen Welt zu steuern. Es beweist evident, wie die Kultureinheit des Mittelalters vom alten Aberglauben in Verbindung mit christlichem Teufelsglauben gefährdet war."

Rosenberg schreibt abschließend:

"Die anonymen Verfasser der 'Studien' hätten den aussichtslosen Kampf für eine aussichtslose Sache nicht beginnen sollen. Den Afrikaner Augustinus wird wohl auch der verwegenste 'Historiker' nicht als germanisch hinzustellen wagen, und er ist also Hauptzeuge für das ganze Hexen- und Teufelswesen des Mittelalters in Verbindung auch mit altetruskischen Vorstellungen."[171]

II. Monographien zum Thema Hexenwahn in der Folge der Rosenbergschen Kontroverse mit der Kirche

1. Hexenwahn-Interpretationen von deutschvölkischen Frauen

1.1 Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen. Zwei Aufsätze von Dr. Mathilde Ludendorff und W. v. d. Cammer (1934)

Rosenberg erhielt bei der Thematisierung der historischen Hexenverfolgung und des Hexenwahns unerwartete Schützenhilfe aus einer Ecke, von wo er es weder gewünscht noch erwartet hatte, von Frauen aus rechtsgerichteten deutsch-völkischen Bewegungen.

Eine der ersten Monographien zum Thema nach 1933 gab Dr. Mathilde Ludendorff (1877-1966) bereits im Jahre 1934 heraus, wohl weniger als Zugeständnis an Rosenberg als 'in eigener Sache'. Der Titel signalisiert starke Ideologisierung, befaßt sich aber vorrangig beschreibend mit Fallbeispielen. Die Schrift wird deshalb im Rahmen dieser Arbeit nur zusammenfassend einbezogen, wobei versucht wird, die ideologischen Elemente zu extrahieren. Mathilde Ludendorff war zusammen mit ihrem Mann, General Erich Ludendorff, Haupt einer Bewegung, die als die "zahlenmäßig wohl größte völ-[58]kische Organisation"[172] bezeichnet werden kann. (Der Ludendorffsche 'Tannenbergbund' galt als politisch orientiert, das 'Deutschvolk' als weltanschaulich-religiös.[173]) Als Autorin zahlreicher Schriften weltanschaulichen Inhalts und obskurer polemischer Schriften, "in denen sie okkulte Mächte für den Tod großer Deutscher verantwortlich macht",[174] war sie im Dritten Reich bereits umstritten.[175]

Mathilde Ludendorffs Schrift zur Hexenthematik trägt den Titel "Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen" (17 Seiten). Sie besteht aus zwei Aufsätzen, einem von W. v. d. Cammer (Pseudonym von Walter Löhde) "Hexenwahn und Hexenprozeß", und einem von ihr selbst verfaßten, "Hexenmarterung durch protestantische Geistliche".[176] Während der Aufsatz Cammers unter Anführung von Beispielen den Kampf beider christlicher Kirchen im Bündnis mit der Wissenschaft "gegen das geheime Reich des Satans" darstellt[177] und für Überwindung von "vernunftwidrigen Wunder und Glaubenslehren", Astrologie, Okkultismus und Geisterseherei in der Gegenwart votiert, ist Mathilde Ludendorffs Aufsatz deutlich kirchen-kampforientiert.

M. Ludendorff betont die Aktualität von Hexenglauben, weil Hexen- und Teufelsaberglaube für Priester aller christlichen Konfessionen nach wie vor verbindlich sei, nach den Aufforderungen der Bibel: "Die Zauberer sollst du umbringen." Unter Bezugnahme auf die antisemitische Zeitschrift "Der Hammer"[178] behauptet Ludendorff, "daß viele Aussprüche von kirchlicher Seite [...] bezeugen, daß 'leider' nur heute das Foltern und Verbrennen vermeintlicher Hexen und Zauberer erschwert, aber an sich eine recht heilsame Sache und höchste Gerechtigkeit" sei.[179] Anhand eines Fallbeispiels von 1617-1619 - das der Bürgermeistersfrau Barbara Meihin aus Neustadt-Bernburg - will Ludendorff einmal die Rolle der protestantischen Geistlichkeit beleuchten, die "an Eifer und Grausamkeit den Katholiken nicht allzusehr nachstand",[180] zum anderen betonen, daß sich die Verfolgung besonders auf die "hochwertigen Frauen" erstreckt habe, solche, die "durch einen besonderen Lebenswandel, durch außerordentliche Geistesgaben und einen überragenden Einfluß auf ihre Mitmenschen [...] ein mehr als gewöhnliches Ansehen genossen".[181] Ludendorff beschließt den Aufsatz mit dem Verweis auf ihre Werke, deren "Erkenntnisse die Tatsachen der menschlichen Seelengesetze zum ersten Male restlos deuten können", ohne Annahme von Teufelswirken. Sie warnt alle diejenigen, die das "Zeitalter des wüstesten Aberglaubens" die 'Blütezeit des deutschen Volkes' nennen, daß sie damit die "Rückkehr von Mord- und Folterrechten" ermöglichen helfen. Eine solche "Rückkehr" befürchtet Ludendorff nur von seiten beider Kirchen und plädiert für Befreiung vom Teufelsglauben der Bibel, wie vom Christentum überhaupt. Am Ende der Schrift wird für weitere Titel geworben unter der Überschrift "Schluß mit dem Teufelsaberglauben! Nie wieder Hexenwahn!" (alle Ludendorff Verlag) Die Titel verweisen auf historische Themen, mehr aber noch auf den Kulturkampf der dreißiger Jahre.[182]

1.2 Friederike Müller-Reimerdes: Der christliche Hexenwahn. Gedanken zum religiösen Freiheitskampf der deutschen Frau (1935)

Im Jahre 1935 erschien in der schon erwähnten Schriftenreihe des Leipziger Adolf Klein Verlags "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken" eine weitere Monographie zum Thema, wiederum von einer Frau verfaßt, Friederike Müller-Reimerdes: Der christliche Hexenwahn. Gedanken zum religiösen Freiheitskampf der deutschen Frau; bestehend aus drei Teilen (65 S.).[183] Über die Autorin war nichts weiter zu ermitteln, als daß sie mehrfach in der Zeitschrift "Nordische Stimmen", herausgegeben ebenfalls im Adolf Klein Verlag, publizierte.

Da die Aktivitäten der Frauen der nordischen Bewegung nicht organisatorisch, sondern nur über ihre Publikationen in der erwähnten Zeitschrift und der Schriftenreihe nachgewiesen werden können, erscheint es sinnvoll, die Intentionen des Verlags, so wie er sich selbst als Sprachrohr der nordischen Bewegung darstellt, als übergeordnet verbindlich für die dort publizierenden Autoren, mithin auch die Frauen, vorzustellen. Der "junge Verlag Adolf Klein Leipzig [...] stellt seine Werke in den Dienst des nordischen Gedankens. Allseitig bricht im deutschen Menschen, überdrüssig des Ästhetischen, des schillernden Intellektualismus und der zerfasernden Analytik das nordische Lebensgefühl hindurch". "In Arbeitsgemeinschaft mit Frauen, die auf den Anruf ihres artgebundenen Gewissens hin dem nordischen Gedanken dienen", will der Verlag "dem nordischen Schrifttum eine Heim- und Pflegestätte schaffen, um über dem wiedererwachten nordischen Gewissen und dessen Richtung zu wachen". Der deutsche Mensch entdecke, daß "die Sünde wider sein[59]arteigenes Blut und seinen arteigenen Geist die erste Ursache aller Not" sei. Durch die "Gewinnung der arteigenen Richtung sei für den Menschen die Voraussetzung für den Neubau seines Reiches und seiner Gesittung geschaffen und damit nähere sich auch der seit Bismarck nie unterbrochene Kulturkampf seinem entscheidenden Höhepunkt". "Jenseits des niederen Streits der Klassen, Parteien und Konfessionen stehend", sollen die 'Nordischen Stimmen' "den nordischen Funken, wo er auch glühen mag, zur hell brennenden Flamme entfachen" (Fußnote: "Regelmäßige Rubriken: Zum Kulturkampf - zu neuen Büchern").[184] Die Autoren sind mithin dem Dienste am "arteigenen Gewissen" und dem Kulturkampf verpflichtet, der zum Weltanschauungskampf modifiziert wurde. Bei den weiblichen Autoren spielt der Weltanschauungskampf, verbunden mit Gleichberechtigungsvorstellungen, eine entscheidende Rolle. Von einer Vermeidung des "niederen Streits der Konfessionen" kann keine Rede sein, denn die weltanschauliche Position, oftmals das Bekenntnis zur Deutschen Glaubensbewegung, wird in den Aufsätzen mit dargestellt, auch wenn sich der Herausgeber der Schriftenreihe, Bernhard Kummer, von einer Gleichsetzung von nordischer Bewegung und Deutscher Glaubensbewegung distanziert und den "nichtorganisatorischen" Charakter der ersteren betont.[185] Allen publizierenden Frauen gemeinsam ist die Beschäftigung mit den Themen germanisches Erbe, Frauengeschichte. Kaum eine läßt den Verweis auf den Frauenmassenmord durch die Inquisition aus, alle betonen die frauenfeindliche Haltung der christlichen Kirche, die bis in die Gegenwart anhalte, alle drücken ihre Hoffnungen auf Gleichberechtigung im "neuen Reich" des Nationalsozialismus aus, und keine bleibt den Hinweis auf Kummers Buch "Midgards Untergang" schuldig, für alle offensichtlich wichtigste Quelle ihres positiven Germaninnenbildes. Frieda Reimerdes (wie sie die meisten ihrer Artikel unterzeichnet) vertritt eine radikal feministische Position "auf rassischer Grundlage" und setzt sich auch mit anstehenden Weltanschauungsproblemen politischer Art couragiert auseinander. So verurteilte sie 1934 vehement das Bekenntnis des Nationalsozialismus zum "positiven Christentum" als eine für die spätere Zeit verhängnisvolle Entwicklung für die "deutsche" Revolution. Am schwersten seien davon die Frauen betroffen, und es sei ebenso beschämend wie verhängnisvoll, daß sich der größte Teil der deutschen Frauen wenig oder gar nicht mit der Geschichte ihres Geschlechts innerhalb der christlichen Kirchen beschäftigt habe, denn nur so sei es zu erklären, daß Millionen deutscher Frauen sich gleichzeitig zum Nationalsozialismus und zum positiven Christentum bekennen würden.[186] Reimerdes sah es deshalb wohl als ihre Aufgabe an, durch Darstellung eines Teils von Frauengeschichte, nämlich der Auswirkungen von Teufelsglauben und Hexenwahn auf das "religiöse Schicksal" der deutschen Frauen, aufklärerisch zu wirken und einen Kampfruf an alle nordisch bewußten Frauen daran zu knüpfen, sich aus der "Unterstellung unter ein artwidriges Sittengesetz" zu befreien.[187] Ihre Aufsätze bezeichnet Reimerdes als "hiebfeste Waffen", die neben der "heldischen Gesinnung" den deutschen Frauen bei ihrem "Freiheitskampf" helfen sollen.[188] Den Freiheitskampf begreift sie nicht nur als gegen die Kirchen gerichtet, wenn sie schreibt: "Noch erkennt kein deutsches Eherecht die bei unseren vorchristlichen Ahnen herrschende Ebenbürtigkeit der ehelichen Gemeinschaft an, und noch immer macht ein fremdes Sittengesetz, das die orientalisch-jüdische Unterbewertung der Frau anerkennt, die doppelte Moral und die Prostitution möglich."[189]

"Am haltlosesten erscheint den um ihre artgemäße Stellung kämpfenden Frauen der Hinweis, daß sie um des Gesamtwohls des deutschen Volkes willen ihre eigenen 'egoistischen' Sonderwünsche beiseite zu stellen hätten. Dieser Vorwurf kann nur von Menschen gemacht werden, die es noch nicht begreifen wollen oder können, daß eine Zurückführung deutschen Volkslebens zu seinem rassischen Wesensgrunde nur möglich ist bei germanischer Frauenwertung, bei Gleichstellung beider Geschlechter und bei einem sich ergänzenden Zusammenwirken ihrer gottgewollten Wesensverschiedenheit." [190]

Im ersten Teil ihres Aufsatzes "Über den christlichen Teufelsglauben" schildert Reimerdes den Dämonenglauben als "Erziehungsmittel dogmatisch festgelegter Priesterkirchen sämtlicher hochstehenden Religionen zur Festigung von Herrschaft". Diese "religiöse Entartung" entmündige das Volk religiös und führe zur Abhängigkeit über Verängstigung. Die Entartung sei orientalischen Ursprungs und über Israel schließlich auch in die junge christliche Kirche gelangt.[191] Bei den Germanen habe die christliche Kirche wohl Zauber- und Dämonenglauben vorgefunden, die Figur des Teufels aber sei so fremd gewesen, daß der gotische Bischof Wulfila bei seiner Bibelübersetzung kein gotisches Wort für Teufel (und auch für Sünde) zur Verfügung hatte.[192] Obgleich die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten Hexen- und Dämonenglauben als Hirngespinste bekämpft habe, hätten "Kirchenväter" schließlich den Glauben an Zaube-[60]rei und Dämonen in die Doktrin aufgenommen. Mit der Dualität von gut und böse, Gott und Satan, geht Reimerdes großzügig um, indem sie behauptet, daß eine skrupellose Priesterschaft dem Teufel, als dem Inbegriff alles Naturwidrigen und Häßlichen, eine Macht zusprach, "die Gottes Allmacht aufhob, da sie erfolgreich durchzusetzen vermochte, was Gott nicht will". Eine skrupellose Priesterschaft verteile die verängstigten Gläubigen willkürlich auf Himmel und Hölle, "als Bevollmächtigte eines Gottes, der ohne sie weder Erde noch Menschen regieren, noch sich seines teuflischen Widersachers erwehren konnte".[193] Die Frau, als "Ursacherin des Sündenfalls", hätte aufgrund der sündigen Disposition besonders zu leiden gehabt, sie wäre als potentielle Buhlerin des Teufels betrachtet worden. Besonders die deutschen Frauen, die bei ihren vorchristlichen Ahnen hohe religiöse Bewertung erfahren hätten, seien bei "der Umwertung aller ihrer artgesetzlichen Werte in tiefe seelische und sittliche Verelendung" gefallen. "Dazu kommt, daß der Teufelsglaube und der Hexenwahn in Deutschland zum Deckmantel der Gegenreformation gegen die vom Teufel angezettelte Ketzerei mißbraucht wurden."[194] "Blonde Frauen und Mütter, die Trägerinnen nordischen Rasseerbgutes wurden ausgerottet", beschämend aber sei vor allem die Tatsache,

"daß der deutsche Mann unter den Einwirkungen rassewidriger Weltanschauung sein artgemäßes Heldentum, das einst nur gleichwertige Frauen ertragen konnte, mit orientalischem Mannestum vertauscht hatte, das zu seiner Wertentfaltung den Hintergrund verachteten und erniedrigten Frauentums bedurfte! Diese völlige Entartung deutschen Mannestums machte es schließlich möglich, daß der schlimmste Schlag, der einem Todesstreiche aus blutiger Henkershand gleichkam, der deutschen Frau vom artgleichen Manne versetzt wurde, und zwar durch das fürchterliche Buch 'Der Hexenhammer', dessen Verfasser die beiden katholischen Professoren der Theologie, Jacob Sprenger und Heinrich Institutor sind."[195]

Durch Zitate aus Emil Königs "Ausgeburten des Menschenwahns im Spiegel der Hexenprozesse", Gustav Freytags "Bilder aus der Vergangenheit", Otto Siegfried Reuters "Rätsel der Edda", Bernhard Kummers "Midgards Untergang" und Johannes Scherrs "Kulturgeschichte der deutschen Frau" belegt Reimerdes die Frauenmißachtung durch die Kirche, die hohe Bewertung der Frauen in heidnischer Vorzeit und die Greuel der Frauenverfolgung durch die Inquisition. Der Behauptung Scherrs, "der Hexenglaube steht und fällt mit dem Teufelsglauben: Die letzte Hexe wird also erst mit dem Teufel sterben, d.h. nie, maßen die Dummheit und Bosheit der Menschen ewiglich währt", wird widersprochen. Der Glaube an Teufel und Hexen werde sterben, wenn das deutsche Volk nicht innerhalb der christlichen Kirchen, sondern außerhalb derselben im arteigenen Gottglauben lebt, "der dem deutschen Menschen die Selbstverantwortung aller seiner Taten, der guten wie der bösen, auferlegt und sie ohne Mittler und ohne fremde Erlösungstat den Weg zu Gott finden läßt".[196]

"Aus entschlossener Seele steigt das Gelübde auf, sich vom fremdblütigen Gottesbegriff zu lösen und sich zu einer Gotteserkenntnis zu bekennen, die germanischer Art entspricht. Die rassebewußten deutschen Frauen wollen helfen, das deutsche Volk zu einer blutseigenen Religion zu führen. Wenn diese Rettung gelungen ist, dann werden Millionen Frauenopfer nicht umsonst geschehen sein."[197]

Im dritten Teil ihres Aufsatzes, "Einwände und Widerlegungen", prangert sie die Brutalität kanonischen Rechts, christlicher Kriegsführung und immer wiederholt die brutale Verfolgung und Mißachtung der Frauen an, wobei die Betonung auf Rassegleichheit der Verfolger und der Verfolgten gelegt ist, wenn sie schreibt:

"Wer aber bedrohte denn das Christentum, als die kirchlichen Inquisitoren als amtlich beglaubigte Mörder Millionen seiner Frauen ausrottete? Die ungeheure, unausdenkbare Schuld der christlichen Kirchen ist es, Jahrhunderte hindurch mit Feuer und Schwert gegen das eigene Fleisch und Blut gewütet zu haben."[198]

Der "Mythus"-Streit über den germanischen oder nichtgermanischen Ursprung des Hexenwahns wird von Reimerdes ebenfalls aufgegriffen. Sie argumentiert vor allem mit Soldan/Heppe, daß Hexenwahn eine ausgesprochen christenheitliche Erscheinung sei und gibt zu bedenken, daß die von den Anti-Rosenberg-Schriften herangezogenen Quellen zum Beweis der germanischen Wurzeln des Hexenwahns "untaugliche Klosterurkunden" gewesen sein könnten (unter Verweis auf W. Kammeiers Schrift "Die Fälschung der deutschen Geschichte" 1935), wie auch die Anti-Rosenberg-Schriften von einer zukünftigen "gerechteren Geschichtsschreibung" einmal den Urkunden zugerechnet werden könnten, "die nichts als den Zweck verfolgen, die vorchristlichen Germanen als besonders barbarisch und daher besonders der christlichen Erlösungslehre bedürftig, hinzustellen".[199] Den Vorwurf der Anti-Rosenberg-Schriften, der Protestantismus sei der eigentliche Herd der Hexenbrände gewesen, sie seien aus der germanischen Volkseele erwachsen, beantwortet Reimerdes mit dem Verweis auf die Gegenreformation, die Ketzerei und Hexerei zu vermischen trachtete und so die junge protestantische Kirche zwang, sich mit Übereifer ebenfalls an Hexenverfolgungen zu beteiligen. Das Ende der Verfolgungen sei trotz[61]allem dem 'germanischen Protestantismus', dem 'germanischen Volkswitz', der sich über den Teufel lustig machte, und den 'beherzten germanischen Fürsten' zu danken, die eines Tages bestimmt hätten, "daß in ihrem Lande auch die Frauen in Frieden alt werden und sterben könnten!"[200] Daß die gleiche protestantische Kirche den anonymen Autoren der Anti-Rosenberg-Schriften Schützenhilfe anbiete, daß "Wittenberg sich auf den Weg nach Rom begibt", bestärkt Reimerdes in ihrer Ablehnung aller christlichen Kirchen, die als 'Männerkirchen' den Frauen höchstens "ein Armenasyl" gewähren würden, indem sie sie "fremdrassischen Sittengesetzen unterwerfen".[201] Rosenbergs "Mythus des 20.Jahrhunderts" sei allen wahrhaft deutsch fühlenden Menschen trotz wirklicher oder angedichteter Fehler dennoch lieber als sämtliche noch so geschickt formulierte Gegenschriften. Einschränkend gibt Reimerdes zu bedenken, daß es jeder deutschen Frau bei aller Wertschätzung unbenommen sei, "gegen die noch stark unter alten Vorurteilen stehenden Ansichten Rosenbergs über die Eingliederung der deutschen Frau in das Volksganze für sich Stellung zu nehmen".[202]

Reimerdes zitiert im Schlußwort Dr. Margarethe Kurlbaum-Sieber aus ihrem Brief an Adolf Hitler.[203] Weil dieses Briefzitat die Intentionen der völkischen Frauenbewegung, ihre Vergangenheitsinterpretation wie auch die Zukunftserwartungen zusammenfaßt, soll es hier in voller Länge wiedergegeben werden:

"Der jüdische Mann erdachte die Religion, die die große weibliche Schöpferkraft außerhalb jeder Anerkennung und damit in Wahrheit außerhalb jeder Wirkungsmöglichkeit über den engsten, familienhaften Kreis setzte. Für den Kosmos, für den Staat, für alle öffentliche Kultur ward die weibliche Schöpferkraft damit unwirksam, ward verbannt, verfemt. (...) Niemals ward in der Weltgeschichte ein verhängnisvollerer Schritt getan. Das Weib ward vom Anteil an aller öffentlichen Volkstumswerdung ausgeschlossen, von jedem Einfluß auf alle Geistigkeit, von jeder echten und wahren Verantwortlichkeit. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ward aufgehoben. Damit ward die Welt krank und stürzte in furchtbare Hysterie. Weihelos war fortan das Wesen der Frau, bis zuletzt sogar ihr Anteil an dem kosmischen Sein der Welt als teuflisch verleumdet wurde. Judentum hat die Frauen für unrein erklärt. Diesen Menschheitsfluch aber haben die Männer fast aller Völker aufgenommen. Es war ihnen genehm - immer neben sich die andere Hälfte der Menschheit als untergeordnet zu haben. Alle Machtmittel, auch jeder Propaganda wurden nur den Männer vorbehalten. Millionen von Frauen sind völlig ungehindert in den Hexenprozessen aufs scheußlichste hingeschlachtet worden, in jenen Aufständen hysterischen Männermachtwillens gegen das doch immer wieder aufsteigende Bewußtsein von der Priestermacht der Frau und ihrem reichen, wahren Anteil an Göttlichkeit!"[204]

Am Schluß ihres Briefes bittet die Briefschreiberin Adolf Hitler - so Reimerdes - "die deutsche Frau aus ihrer Stellung unter die Botmäßigkeit des Mannes, die niemals wurzeldeutsch ist, zu befreien, ihr die Ehre der Selbstverantwortlichkeit zurückzugeben und sie durch Gesetz in Rat und Entscheidung neben den deutschen Mann zu stellen".[205] Der deutsche Mann habe alles Artwidrige, was sein Blut- und Rasseerwachen hindern könne, hinter sich geworfen im "dritten" Reich, nur die deutsche Frau solle den Ballast veralteter Begriffe mit hinübernehmen als da sind:

- die christliche Ehe, die auf vormundschaftlicher Gewalt des Vaters über Frau und Kinder beruhe,

- den Ausschluß der Frau aus Gesetzgebung und Richteramt,

- den Verzicht auf weibliche selbstverantwortliche Mitarbeit am politischen und sozialen Neuaufbau ihres Volkes,

- die noch immer bestehende Belastung des deutschen Sittengesetzes mit der doppelten Moral und der Prostitution,

- die Unterstellung der Frau unter die mosaisch-paulinische Geschlechterordnung, die den Frauen Schweigen gebiete.

Reimerdes beschließt den Aufsatz mit einer Kampfansage: In einer Zeit des Um- und Aufbruchs, des Ringens um eine neue Weltanschauung, würden die deutsch-nordischen Frauen einen unerbittlichen Kampf um ihre Neueingliederung in das Volksleben führen, denn mit der Ebenbürtigkeit der deutschen Frau stehe und falle die rassische Wiedergeburt des deutschen Volkes.[206]

2. Interpretationen aus dem Umfeld Rosenbergs

2.1 Edmund Mudrak: Grundlagen des Hexenwahnes (1936)

Nicht nur die deutsch-völkischen Frauen sahen durch die Kontroverse zwischen Rosenberg und "Studien" eine Möglichkeit, ihre Belange zu artikulieren. Die Argumentation der "Studien" mit der Betonung der germanischen Wurzeln des Wahns und dem Bezug auf Weiser-Aalls Artikel im HDA rief zwangsläufig die Germanenkundler, die Religionswissenschaftler und die Volkskundler auf den Plan, besonders diejenigen unter ihnen, die Rosenbergs Kirchenkampf-Idee anhingen. Im Jahre 1936 erschien in der Reihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken" die Monographie von Edmund Mudrak "Grundlagen des Hexenwahnes" (78 Seiten).

[62]Edmund Mudrak (1894-1965) studierte in Wien Germanistik, Orientalistik und Vorgeschichte, war Schüler von Georg Hüsing und Dietrich Kralik,[207] wandte sich schon früh der Erzählforschung und der vergleichenden Religionswissenschaft zu und promovierte über die Wielandsage.[208] Bis 1943 wissenschaftlicher Rat des Kulturamts der Stadt Wien[209] und aktiver Mitarbeiter des Vereins für Volkskunde, erhielt er im gleichen Jahr einen Ruf an den Lehrstuhl für Volkskunde der Universität Posen, wo er Richard Wolfram vorgezogen wurde.[210] Mudrak gehörte neben Georg Hüsing, Wolfgang Schultz, Karl Haiding, Gero Zenker, Elly Starzacher und Karl von Spieß zur Wiener "Mythologischen Schule", die sich auf Anregungen des Wiener Professors für altindische Philologie und Altertumskunde, Leopold von Schroeder, bezieht[211] und einen starken Einfluß auf Rosenberg ausübte.[212] Zusammen mit Karl von Spieß gab Mudrak 1939 die Sammlung "Deutsche Märchen -Deutsche Welt" heraus, 1944 die volkstümliche Märchenauswahl "Hausbuch deutscher Märchen", in beiden Fällen Märchenbearbeitungen "wie sie [die Märchen] nach Meinung der [mythologischen] Schule ursprünglich gewesen sein müßten".[213] In der Abteilung für "Arische Weltanschauung und Volkskunde" des Amtes Rosenberg unter Leitung von Wolfgang Schultz waren für Spieß und Mudrak wichtige Fachpositionen vorgesehen.[214] Mudrak war außerdem Personalgutachter für eine "Hauptstelle Volkskunde"[215] und zusammen mit Spieß mit der Leitung einer außeruniversitären "Forschungsstelle Mythenkunde" in Wien befaßt, bevor er nach Posen ging. Die Forschungsstelle stand mit dem Amt Rosenberg bzw. der in Vorbereitung befindlichen "Hohen Schule" in Verbindung.[216]

Mudrak veröffentlichte bis 1964 insgesamt 148 Titel,[217] davon zahlreiche Aufsätze und Rezensionen. Bis 1945 publizierte er in folgenden Zeitschriften: "Bausteine zur Geschichte, Völkerkunde und Mythenkunde" (dem Hausblatt der "Mythologischen Schule", herausgegeben von Karl von Spieß), der Zeitschrift "Volkstum und Heimat", "Geist der Zeit", "Rasse", vor allem aber in den Rosenberg nahestehenden Zeitschriften "Deutsche Volkskunde", "Nationalsozialistische Monatshefte", "Bücherkunde"; außerdem "Nordische Stimmen", "Der neue Weg" und m der "Wiener Zeitschrift für Volkskunde". Sein Aufsatz "Deutsche Volkskunde - eine politische Wissenschaft", 1938 in "Geist der Zeit" und, zusammen mit einem Aufsatz von Karl von Spieß im gleichen Jahr bei Stubenrauch unter dem Sammeltitel "Deutsche Volkskunde als politische Wissenschaft" erneut veröffentlicht, hat, deutlich an Matthes Ziegler angelehnt, programmatischen Charakter für die NS-Volkskunde.

Nach 1945 arbeitete Mudrak für das "Altkatholische Jahrbuch", für die vom Verlag Stubenrauch (W. Krieg) herausgegebene Zeitschrift "Antiquariat", für die "Mitteilungen des Vereins Muttersprache", die "Wiener Sprachblätter", die "Jugendliteratur" und schließlich für "Fabula". Eine der ersten größeren Arbeiten Mudraks ist die zum Hexenwahn 1936. Bereits aus dem Vorwort wird ersichtlich, daß sich Mudrak mit den zwei Auffassungen von den Grundlagen des Hexenwahns auseinanderzusetzen beabsichtigt, wobei für ihn klar ist, daß "die aus der Fremde kommenden Antriebe", die "die Hexenverfolgung ins Werk setzten", für die "geschichtliche Wirksamkeit" entscheidend waren.[218] Nicht die "längst beantwortete Frage, wer die Hexenverfolgung verschuldet habe", sondern "wie sich derartige Dinge mit der germanischen Weltanschauung vertragen" (Hervorheb. B.S.), steht für ihn im Mittelpunkt des Interesses, wobei "die Hexenfeindschaft kultischer Geheimbünde" als nicht bewiesen zu vernachlässigen sei, zugunsten "ernstzunehmender Arbeiten", die für den germanischen Süden wie auch Norden "auf Zauber- und Hexenglauben, Menschenfresserei und Hexenverbrennung" verwiesen. Der "Wahrheitsgehalt dieser Quellen" sei zu untersuchen in Relation zur "Stellung des Germanentums zum Kulte". Otto Höflers These hexenbekämpfender Männerbünde - auf die noch einzugehen sein wird - hält Mudrak offensichtlich für nicht diskussionswürdig.[219] Zu den "ernstzunehmenden Arbeiten" zählt für ihn Weiser-Aalls Hexenaufsatz im HDA.
Die Art der "tatsächlich nachweisbaren einheimischen Bestandteile des Hexenwahns" gebe Aufschlüsse über die Wirkung, "die sich aus der Überschichtung heimischer durch fremde Vorstellungen ergibt".[220]

Außer Lily Weiser-Aalls Arbeiten, deren Quellen durch zusätzliche Titel ergänzt werden, legt Mudrak seiner Arbeit die Sammlung "Thule" zugrunde und die von Johannes Bühler herausgegebenen Bände "Deutsche Vergangenheit". Für die Anmerkungen zum Stabritt bedankt er sich bei der in Gründung befindlichen "Forschungsstelle für Religionswissenschaft und germanische Weltanschauung" in Berlin unter Leitung von Dr. B. Kummer (!).

[63]Mudrak beginnt mit einer Übersicht der Wesenszüge des Hexenwahns, als da sind: Schadenszauber, Teufelsbund, Teufelsbuhlschaft, Hexensabbat, Hexenritt und Tierverwandlung; dafür seien größtenteils Herkunft und Art der Verbreitung festgestellt, der Hexenprozeß aber ginge auf "die Vermittlung durch die Kirche zurück". Die den Ketzern zur Last gelegten Untaten habe man auf die Hexen übertragen - hinzu seien abergläubische Vorstellungen aus den "christlichen heiligen Büchern" gekommen, die "letzten Endes aus dem Oriente stammen".[221] "Kirchliche, gegen Zauber und Hexerei gerichtete Verbote" der frühen Zeit hätten "nur scheinbar auf germanische Verhältnisse" abgezielt, "in Wahrheit aber 'genau mit denen der ersten christlichen Zeit üblichen' übereingestimmt"; "angeblich im Volke vorhandene Anschauungen [seien] ihm erst in christlicher Zeit von oben her eingeimpft" worden.[222] "Gegen diese Auffassung haben sich allerdings immer zahlreicher Stimmen erhoben, die auf heimische Grundlagen des Hexenwahns hinweisen zu müssen glaubten".[223] Der Geschichte des Wortes Hexe habe Franck eine größere Untersuchung gewidmet.[224] Die Wortableitungen germ. "thunrita", dt. "zunrita" oder Hagazussa wiesen auf "Zaunreiterin" hin, die Reiterin auf dem Zaunstecken.[225]

Die in der "Edda" aufgeführten Namen, fordaetha (Übeltäterin), bölvis kona (böses Weib), spakona (Wahrsagerin) wiesen immer nur auf "bestimmte Wesensseiten der Hexe hin",[226] auch das Wort gandreith (Stabritt) sei für den Nachweis des germanischen Ursprungs der Hexe noch nicht ausreichend, zumal die Darstellung des Stabrittes auf einer protoelamischen Tafel[227] auf die Herkunft aus dem Orient verweise.[228] Ein jüngerer Bedeutungswandel des Wortes "gandr" von "Stab" zu "Zauber" sei anzunehmen.[229] Mudrak zieht nun andere Kulturen vergleichend heran, um zur These der "germanischen Ursprünge" die Gegenthese aufzustellen. Besonders früh sei Zauberei im alten Orient bezeugt, Rachepuppe und Wasserprobe seien dort bekannt gewesen, als Wesenszüge der Hexen tauchten sie im Mittelalter wieder auf, hätten aber im germanischen Recht keinen Niederschlag gefunden. Die Verflechtungen von Orient und Abendland erklärt Mudrak "mit einer Welle orientalischer Vorstellungen", die "ohne Vermittlung des Südens unmittelbar Nordeuropa und damit auch die germanische Welt erreichte, während eine andere, längst vor der Einwanderung arischer Stämme, in die Mittelmeerländer führte".[230] Diese These scheint für die damalige Zeit bedeutsam gewesen zu sein, denn sie wird von Karl Haiding in der kurzen Würdigung zu Mudraks 70. Geburtstag 1965 extra hervorgehoben.[231] Aus der zweiten Strömung orientalischer Einflüsse in den Süden erklärt Mudrak u.a. die durch die Etrusker den Kulturen der Italiker vermittelten orientalischen Vorstellungen (Eingeweideschau, mythische und kultische Vorstellungen), wozu letzten Endes auch der Zauber- und Hexenglaube gehöre (!)[232] (Hervorh. B. S.). Das Judentum sei "in seiner ganzen Geistigkeit" ebenfalls stark abhängig vom alten Orient. Im Alten wie im Neuen Testament fänden sich "zahlreiche Belege für Zauber-, Hexen- und Dämonenglaube, Wahrsagerei und Besessenheit [...]".[233]

Ausführlich beschäftigt sich Mudrak mit den Rechtsquellen, die als die "frühesten Belege für die Zauberei und den Hexengedanken im germanischen Bereiche" gelten[234] und den Verfassern der "Studien" die wichtigsten Argumente für ihre These der germanischen Ursprünge des Wahns lieferten. Rechtsquellen müßten im Zusammenhang mit ihrer "Stellung zum Volkstume" gewertet werden. Gesetzessammlungen tauchten immer dann auf, "wenn ein germanischer Stamm in den Lebensraum eines kultürlich anders gerichteten Volkes eintritt oder von einer fremdartigen Kultur überzogen wird".[235] Sogenannte Stammesrechte seien - im Gegensatz zu Volksrechten - gesetztes Recht, auf das im Falle der salischen Gesetze kirchliche Ratgeber Einfluß gehabt hätten, die natürlich daran interessiert gewesen seien, "ihre Macht zum Kampfe gegen den Unglauben" zu nutzen; Fazit: Verbote in solchen Gesetzeswerken kämen "nicht als Quellen für germanische Zustände in Betracht". Von den Sekten-Auseinandersetzungen habe die Kirche die Vorstellung übernommen, "daß den Teufeln und Dämonen eigen ist, wer nicht den rechten Glauben hat"; dazu wären die Vorstellungen über Zauber und Hexen aus der Bibel gekommen und schließlich die, "mit denen sie [die Kirche] auf romanischem Boden bekannt geworden war". Letztere führte dazu, daß man den "Glauben an menschenfressende Unholde" auf die Heiden auch in nichtromanischen Gebieten übertragen habe und so sei "der Edictus Rothari richtig zu verstehen",[236] ebenso wie die salischen Gesetze. "Gesetzestexte mit einer, aus der Antike stammenden, festen kirchlichen Überlieferung" legten den "germanischen Heiden eben das zur Last, [...] was sie [die Kirche] als heidnische römische Vorstellung kennengelernt hatte". Karls 'Capitulatio de partibus Saxoniae', "der Kronzeuge für germanisches[64]Hexenwesen und germanische Menschenfresserei",[237] fiele "in die Zeit der politischen Niederwerfung der Sachsen" und solle den "gewonnenen Sieg [...] für die Dauer sichern". "Denn aus dem Gesamtinhalte geht hervor, daß es sich um eine auf die Vernichtung der heimischen Weltanschauung abzielende, der Macht der Kirche und des Königs dienende Verfügung handelt", deren Quellenwert für die Erkenntnis altgermanischer Zustände und Anschauungen gleich Null sei.[238] Mit der "angeblich notwendigen Ausrottung so entsetzlicher Greuel" (wie der Menschenfresserei als Steigerung des Glaubens an Hexen) habe die Politik der Franken gearbeitet, "wenn es galt, einen Vorwand für das eigene Tun zu schaffen [...]". "Eine auf die Feststellung der Tatsachen gerichtete Geschichtswissenschaft" würde "solchen Quellen gegenüber allerdings besser tun, ihre Herkunft von Feindesseite zu erwägen, als ohne Prüfung der sachlichen und geistigen Voraussetzungen in ihnen die Spuren 'primitiver Reste' zu vermuten".[239] (Hervorh. B. S.)

Mudrak weist weiter auf die Diskrepanz kirchlicher Anschauung hin, die einerseits "den Glauben an Zauberei und Hexerei" (in ältesten Quellen) zu bekämpfen vorgibt, andererseits, nach der Bibel, Zauberei als Tatsache anerkennt. Das Verbotene habe "nur in der Einbildung der Geistlichkeit" existiert, sei aber "'dem Volke so intensiv einkatechisiert'" worden, daß es schließlich "'aus dem Volke wieder herausklang'".[240] Wäre ein Vorfall von Menschenfresserei bezeugt, dann hätten "fränkisch-kirchliche Berichte derartige 'barbarische Greuel' der Nachwelt überliefert", das sei aber offensichtlich unmöglich gewesen, weil sich nichts derartiges ereignet habe; Menschenfresserei also nur in den Gesetzen, nicht aber in der reichen einheimischen Überlieferung der Saga.[241] Menschenfressende Unholde würden demnach der "jüngeren, dämonologischen Fremdschichte" angehören.[242] Teufelsbuhlschaft hingegen scheine schon sehr früh für die Ostgoten belegt zu sein. Nach Jordanes' "Gesta Getarum", c. 24, habe der Gotenkönig Filimer Zauberweiber (Haliurunae) aus seinem Gebiete verbannt. Diese Weiber seien in der Einöde gesehen worden, wie sie sich mit unreinen Geistern mischten, woraus die Hunnen hervorgegangen seien.[243] Diese Berichte von Jordanes "für bare Münze zu nehmen" sei nur möglich in Unkenntnis der Vorgeschichte der Vermischung zwischen Menschen und Teufel.[244] Die Beziehung der Bewohner zweier Welten - im Bereich der germanischen Überlieferung wie auch im Märchen vielfach bezeugt - könne nicht mit Teufelsbuhlschaft in Verbindung gebracht werden. Auch da vermutet Mudrak fremdartige Einflüsse. Aus jüdischer Überlieferung führt er dazu Lilith an, die erste Frau Adams und deren Nachkommen, außerdem die Vermischung der Gottessöhne mit den Erdentöchtern (AT, Gen. 6,2), deren Nachkommenschaft "Gigante" (später mit Riesen übersetzt) ebenfalls negativ bewertet wurde, wie auch aus iranischer Überlieferung die "schädlichen" Tiernachkommen aus der Vermischung des ersten Menschenpaares Jama und Jami mit bösen Geistern. Aus Mudraks Sicht waren das offensichtlich die Vorbilder für den "Geistlichen Jordanes", der den Beweis erbringen wollte, daß die Hunnen Teufelssöhne gewesen seien.[245]

Weiter wendet Mudrak sich den Zaubervorstellungen zu, als "unbedingte Voraussetzung für den wirklichen Hexenwahn" und untersucht die Quellen des angeblich "ursprünglich germanischen Dämonenglaubens", der mit "Zauberglauben Hand in Hand geht". In der Isländersaga seien die Wiedergänger (Aptrgöngor), die wiederkehrenden Toten, bereits furchterregende Gespenster gewesen, auch das sei von altorientalischen Vorstellungen abgeleitet, denn die "arischen Völker" hätten ein freundliches Verhältnis zu ihren Toten gehabt, "denen die Heimkehr gegönnt" war. Das Julfest war Totengedenkfest, die Deutschen richteten "jetzt noch für sie zur Weihnachtszeit das Festmahl".[246] Ein Wandel der Auffassung habe bewirkt, daß der ursprünglich freundlich aufgenommene Tote nun zum "dräuenden Gespenste" wurde. Christlicher Einfluß sei auch hier "gar nicht zu verkennen", denn in der Grettissaga trete als Gespensterbanner bereits der christliche Priester auf. Die Möglichkeit einer vorchristlichen "eingewanderten fremden Schichte" wird ebenfalls eingeräumt.[247]

Für die "Edda", in der Zaubersprüche überliefert sind, nimmt Mudrak Mischung einheimischer und fremder Vorstellungen an. Die Saga, die von Krankheits- und Liebeszauber berichtet[248], von Kampfeszauber und dgl., ergreife "im Streite zwischen Heidentum und Christentum immer Partei für das Christentum", auch hier stelle der Zauber- und Hexenglaube "eine späte Schichte" dar.[249] Vernachlässigt wurden - nach Mudrak - von den Verfechtern einheimischen, germanischen Zauberglaubens die Berichte, daß Zauberer Lappen und Finnen waren oder das Zaubern bei diesen erlernt hätten; "den wesensfremden Zauberern begegnete" man mit Verachtung, den wahrsagenden Fin-[65]nenweibern ebenfalls.[250] Zusammenfassend sagt Mudrak, "daß unsere einheimischen Quellen durchaus glaubwürdig mit Nachdruck auf fremde Herkunft der Zauberei weisen, daß im übrigen zwischen Zauberei und germanischer Sittlichkeit ein unüberbrückbarer Zwiespalt klafft [...]"[251] und daß das, "was wir in unseren Quellen" über Zauberer und Hexe finden, "das Ergebnis einer allerdings auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten erfolgten Einwanderung fremdartiger Vorstellungen" sei.

Mudrak kritisiert, daß bisherige Forschung die Schichtenbildung innerhalb der altnordischen Quellen kaum beachtet habe und die notwendige, "sich geradezu aufdrängende Kritik bisher nicht geübt wurde".[252] Für die Volkskunde führt er an, daß sie wohl "Vergleiche zwischen den gegenwärtigen Sitten und Bräuchen unserer Kulturvölker und denen sogenannter Primitiver anstellt", aber die sich daraus ergebenden Fehlerquellen vernachlässige. Es ließe sich nämlich durchaus beweisen, daß sogenannte "'Urkulturen' sehr zusammengesetzte Gebilde sind, deren einzelne Bestandteile häufig aus fremdem Bereiche stammen und umbezogen und umgedeutet wurden. Andererseits wird nicht damit abgerechnet, wieviel von dem geistigen Besitze unseres heutigen Volkstumes Wandergut aus verhältnismäßig später Zeit ist."[253] (Damit wendet sich Mudrak möglicherweise gegen die stark ethnologisch ausgerichteten volkskundlichen Untersuchungen Otto Höflers.)

Waren die bisher dargestellten Charakteristika der Hexen: Schadenszauber, Menschenfresserei, Teufelsbuhlschaft "artfremde, den Germanen ursprünglich unbekannte Vorstellungen", so gelte für Hexenritt und Tierverwandlung zumindest eine "Mischung einheimischer und fremder Vorstellungen",[254] deren Wanderung und Umformung angenommen wird (Reittier und Stabritt). Am Beispiel der Walküren - ursprünglich Schicksalsbestimmerinnen im Kampfe - werde der Übergang zur Hexe in Tiergestalt deutlich. Die Zauberin Ostacia ist in Drachengestalt Helferin in der Schlacht; nach Mudrak ist dies eines der seltenen Beispiele vom Wandel der Vorstellungen: "die Gestalt der einheimischen Überlieferung [Walküre in Schwanengestalt] wird unter dem Einfluß fremdartiger Vorstellungen zur Hexe".[255] Hexenversammlungen hätten ihre ursprüngliche Entsprechung in kultischen Versammlungen mit Opferbräuchen auf dem Berge gehabt - nun "Verkehrung" des Kults durch Ketzervorstellungen; statt Anbetung "heiliger Gestalten" nun Teufelskult als kirchliche Interpretation. Hexenversammlungen seien auch im kaukasischen und iranischen Kulturbereich verbürgt.

Mudrak resümiert, daß die "Gleichstellung der Begriffe Ketzer, Heide, Zauberer", vor allem aber der Bedeutungswandel einst verehrter "Gestalten einheimischer Herkunft" in "Schadenszauber übende Hexen" die Vernichtung der einheimischen Überlieferung zum Ziele hatte.[256] Die "fremder Art verfallenen Träger der Macht" hätten sich als unfähig erwiesen, das ererbte Gedankengut in seinem Wesen zu erkennen, woraus sich eine "Vernichtung aller Werte" ergeben habe, nicht aber die "Verschmelzung zu neuen Werten". "Alles das aber, was da unterdrückt oder umgedeutet wurde, hat dem Leben des Volkes gefehlt und fehlt ihm noch."[257]

2.2 Walter Jaide: Wesen und Herkunft des mittelalterlichen Hexenwahns im Lichte der Sagaforschung (1936)

Im selben Jahr wie die Abhandlung Mudraks erschien in Kummers schon genannter Schriftenreihe eine weitere Monographie "Wesen und Herkunft des mittelalterlichen Hexenwahns im Lichte der Sagaforschung" von Walter Jaide (24 Seiten). Jaide wird in einer Rezension der Zeitschrift "Hessische Blätter für Volkskunde" 1935 als Autor der Bücher "Vom Tanz der Jungen Mannschaft" und "Deutsche Schwerttänze" ausgewiesen; er sei Mitglied des ehemaligen Bundes der "Adler und Falken" gewesen.[258] Das Buch "Deutsche Schwerttänze" rezensiert Matthes Ziegler in seinem "Leitfaden".[259] In der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität fand sich die 1937 verfaßte Dissertation von Jaide mit dem Titel "Das Wesen des Zaubers in den primitiven Kulturen und in den Island-Sagas". Aus dem der Dissertation beigefügten Lebenslauf geht hervor, daß Jaide 1911 in Berlin als Sohn eines Prokuristen geboren wurde und nach einem anfänglichen Studium der Theologie zur Psychologie, Völkerkunde und Vor- und Frühgeschichte überwechselte. In den beiden letzteren Fächern promovierte er. Als seine Lehrer nennt Jaide die Professoren und Dozenten Köhler, Krause, Kummer, Neckel und Reinerth.[260]

Im Berlin Document Center befindet sich die Personalakte Walter Jaide. Daraus geht hervor, daß Jaide während seines Studiums mit praktischer Volkstumspflege befaßt gewesen (Volksmusik, Volkstanz, Laienspiel) und in Schulungslagern der[66]Deutschen Arbeitsfront (DAF) bzw. der NS-Kulturgemeinde in leitender Funktion tätig war. Nach dem Studium war Jaide Volkstumswart bzw. Gaureferent des "Amtes Feierabend" der NS - "Kraft durch Freude" innerhalb der DAF. Seit dem 1.12.1936 gehörte Jaide der NSDAP an, war ab 1937 Assistent am Psychologischen Institut Würzburg und "während dieser Zeit Kassenverwalter der Gaudozentenbundsführung Mainfranken. Von 1939 bis zum Eintritt in die Wehrmacht 1941 arbeitete er als Personaleignungsprüfer am Arbeitsamt Hannover. Diese Tätigkeit übte er auch zeitweise bei der Luftwaffe aus. Heute leitet Walter Jaide als em. Professor für Soziologie und Psychologie die "Forschungsstelle für Jugendfragen" in Hannover, die er begründete. Er ist Verfasser zahlreicher jugendsoziologischer Schriften.[261]

Jaides Untersuchung zur Hexenthematik ist nach Motiven und Personen gegliedert, die rassischen und psychologischen Charakteristika von Sagazauber und Hexenwahn sind in Gegenüberstellung herausgearbeitet. Ausgangspunkt ist, wie bei den bisher vorgestellten Monographien, die Behauptung, "daß die einzelnen Vergehen der Hexen im alten Zauberglauben der germanischen Völker ihre Wurzeln gehabt hätten".[262] Es gebe auch "bei dem in den Sagas berichteten Zauber eine Reihe von Motiven, die wir im mittelalterlichen Hexenwahn wiederfinden", aber auch eine große Anzahl von Erscheinungen ohne mittelalterliche Entsprechung; für die "tatsächliche historische Entwicklung und über die psychologische Verwandtschaft" beider Gruppen sei damit nicht viel gesagt. Die von Religionswissenschaftlern und Volkskundlern betriebene 'Jagd nach verwandten Motiven' zeige - "als wissenschaftliche Methode benutzt" - "einen erschütternden Mangel an psychologischer Vorbildung".[263] Für den Hexenwahn stünden unanschauliche Zaubermittel und Praktiken im Vordergrund, für den Sagazauber und den Zauber der Primitiven seien die Mittel in ihrer Wirkweise begrenzt und anschaulich. Hexenwahnmotive zeigten "einen Zug ins Abstrakte, Grenzenlose, Unmeßbare, Willkürliche" - Sagazauber und der "Zauber in noch halbwegs geordneten primitiven Kulturen" ließen diesen Zug vermissen. Der 'Böse Blick' spiele dagegen im Sagazauber eine hervorragende Rolle, sei im Hexenwahn eher von "untergeordneter Bedeutung".[264] Ohne Parallele in den Sagas seien Menschenraub, Menschenfraß, Töten der Kinder im Mutterleib, Krankheitszauber, Pestverbreitung und Schadenszauber. Sexuelle Zügellosigkeit und Verkehr mit dem Teufel während des Hexensabbats seien mit dem Hexenbegriff verbunden, die Hexen hätten Impotenz bzw. Unfruchtbarkeit bewirkt. Christlich-kirchlicher Einfluß sei wohl für die Häufigkeit der Vorwürfe sexueller Vergehen der Hexen verantwortlich. Fremder Glaubenskult in Form von Teufelsverehrung, schließlich Teufelspakt als der "qualitativ bedeutendere und quantitativ umfangreichere Teil" der Hexenanklagen habe ebenfalls keine Parallele in den Sagas. "Es handelt sich im Hexenwahn zum guten Teil um einen 'wilden', schrankenlosen Zauber im Gegensatz zu dem 'natürlichen', geordneten "Zauber der Saga und der meisten primitiven Völker." Verschiedenheiten "in Struktur und Ordnung des seelischen Lebens des Einzelnen und des kulturellen der Gemeinschaft" müßten solchen Unterschieden zugrunde liegen. Der zaubernde Mensch habe - "bei normalen Verhältnissen - seine deutlichen Grenzen und begibt sich selber in Gefahr".[265] Eine Verbindung mit dem übermächtigen Teufel aber ergebe "die Möglichkeit zu schrankenloser und gefahrloser Zauberei", so daß

"die Verdächtigung auf Teufelsgemeinschaft den Volksglauben [...] schrankenlos und brutal (!) zu machen vermochte. - Das Gegenstück dazu liefert die Mächtigkeit des 'Heiligen' und seiner Reliquien. Auch dort wird ein Mensch allmächtig. Das Christentum bzw. die Kirche hat zumindest in dieser Hinsicht (!) nicht den Menschen 'entmächtigt' und 'unter Gott gestellt', sondern ihn seiner Ordnung beraubt und in Gedanken und Sitten in ein Chaos gestürzt."

Die ältesten Sagas seien "fast frei von Zaubereischilderungen" - auch in den jüngeren nehme die Zauberei einen nicht sehr bedeutenden Raum ein.[266] Jaide betont, daß es sich bei den zaubernden Personen um Menschen handle, die "keine vollwertigen Glieder der Gemeinschaft sind", Söhne von Nebenfrauen oder solche, die wegen "ihres fremdrassigen Aussehens außerhalb der Gemeinschaft stehen". "Nur in ganz wenigen Fällen sind es eigentliche Bauern."[267] Die Wiedergänger seien schon zu "Lebzeiten Absonderliche, Neidlinge, Gewalttätige, Unglücksmenschen" gewesen. Bei den zaubernden Frauen wurde ihre "Fremdrassigkeit, Landfremdheit neben ihrer verachteten oder zumindest abseitigen Stellung in der Gesellschaft" besonders hervorgehoben: "Trollweiber, Lappenweiber, Wunderliche, Ausgestoßene" auch hier.[268] Eine rassische Sonderstellung der Zaubernden erschließt Jaide aus den Beschreibungen: unzugänglich, unbeliebt, absonderlich, feige, in ihrem Aussehen ungewöhnlich - sie wurden abschätzig beurteilt.[269] Bemerkungen in älteren Sagas, daß Zauber als unchristlich galt, nur ausgeübt von Leuten mit "ge-[67]mischtem" Glauben, wurden als Zusätze christlicher Kleriker eingestuft.

Bei erwiesener Zauberei seien Strafen wie Steinigen, Ertränken, auch Verbrennen (Massenverbrennung in Norwegen) und Landesverweisung üblich gewesen. Männer und Frauen seien an Zauberei "durchaus im gleichen Maße beteiligt gewesen", bei Hexenwahn hingegen überwiege "ganz entschieden das weibliche Element", sexuelle Delikte würden überbetont, und anders als in den Sagas "können als Hexen alle Frauen und Mädchen und durchaus die vollwertigen, jungen, oft gerade die schönsten, tüchtigsten, angesehensten Glieder der Gemeinschaft verdächtigt und verurteilt werden. Dieser Unterschied ist von [...] fundamentaler Bedeutung [...]".[270]

In einer Zusammenfassung mit deutlichen Sperrdruck-Hervorhebungen betont Jaide noch einmal, daß "eine wesenhafte Verwandtschaft zwischen Saga-Zauber und Hexenwahn oder eine Herkunft des letzteren aus dem ersteren entschieden in Abrede gestellt werden" müsse.[271]

"Hexe wie Heiliger sind weder 'Rückfälle' in germanischen Volksglauben noch in die in sich geordnete Primitivität der Naturvölker, - sondern entstammen einer neuen Welt des Chaos, die zu jenen beiden in deutlichem Gegensatz steht."

Sagazauber sei eine "kümmerliche Randerscheinung in einem gesunden, in sich geschlossenen Leben", Hexenwahn ein "künstlich aufgeblähtes Gespenst auf dem schaurigen Schlachtfelde eines gigantischen Kulturkampfes" gewesen.[272] Im Schlußkapitel seiner Dissertation greift Jaide im wesentlichen die Argumente des Aufsatzes von 1936 noch einmal auf mit der deutlichen Betonung der Fremdrassigkeit der Zaubernden in Island. Er bezieht sich sicherlich auf die katholischen "Studien" - obwohl er den Fußnotenverweis schuldig bleibt - wenn er schreibt: "Jedenfalls kann man nur dort, wo man weder über das Wesen des Zaubers der Primitiven, noch über die hier erörterten Unterschiede unterrichtet ist, von einem 'leider von der Kirche übernommenen, germanischen Hexenglauben' reden."[273]

3. Eine Interpretation aus katholischer Sicht - Anton Mayer: Erdmutter und Hexe. Eine Untersuchung zur Geschichte des Hexenglaubens und zur Vorgeschichte der Hexenprozesse (1936)

Anton Mayer (1891-1982), in den dreißiger Jahren o. Professor an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Freising, später Passau, war mit Geschichte, "patristischer mittelalterlicher Sprachwissenschaft" und bayerischer Heimatpflege befaßt. Er ist Autor mehrerer heimatkundlicher und kirchenhistorischer Schriften,[274] Mitherausgeber des "Jahrbuchs für Liturgiewissenschaft" und der Schriftenreihe "Historische Forschungen und Quellen" und veröffentlichte im Jahre 1936 in der letztgenannten Schriftenreihe die Abhandlung: "Erdmutter und Hexe" (54 Seiten),[275] die deshalb Beachtung verdient, weil sie im katholischen "Lexikon für Theologie und Kirche" des Jahres 1960 noch immer als Quelle für die Begriffserklärung "Hexe und Hexenprozeß" aufgeführt ist,[276] desgleichen bei Friedrich Merzbacher "Die Hexenprozesse in Franken" im Kapitel "Der germanisch-deutsche Hexenbegriff".[277] Erzbischof Konrad Gröber nimmt Anton Mayers Arbeit (neben Schnürers Artikel aus dem "Lexikon für Theologie und Kirche", 1933) als einzige zeitgenössische Quelle ins Quellenverzeichnis zum Artikel "Hexen" in sein "Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen" von 1937 auf,[278] wohingegen Anton Mayer im Quellenverzeichnis zum Artikel Hexe/Hexen in Richard Beitls "Wörterbuch der deutschen Volkskunde" weder in der 1. Aufl. von 1936 noch in der 3. Aufl. von 1974 aufgeführt ist. Offensichtlich wurde durch Mayers Arbeit vor allem die von der Kirche vertretene These des germanischen Hexenwahn-Ursprungs nachhaltig gestützt. Anton Mayer versteht - Josef Hansen folgend - Hexerei als kulturellen Sammelbegriff, der, älter als das Christentum, von orientalischen und griechisch-römischen Einflüssen gespeist wurde, schließlich um 1480 unter Einbeziehung von Ketzereibegriff und Inquisitionstheorien eine neue Ausformung erhielt. Ihn aber interessiert vor allem die "breite volksverwurzelte germanische Grundlage" und inwieweit sich im späten Hexenbegriff und seiner geschichtlichen Auswirkung Elemente feststellen lassen, die sich auf eine frühere, germanische und vielleicht indogermanische oder vorindogermanische kultische Verehrung der Mutter Erde zurückleiten lassen.[279]

In enger Anlehnung an Lily Weiser-Aalls Artikel "Hexe" im HDA ergänzt Mayer die von ihr genannten Vertreter der Theorie, daß die späteren Hexenvorstellungen im germanischen Heidentum wurzeln, durch zahlreiche andere Autoren der gleichen Auffassung.[280] Mayer beabsichtigte mit seiner Studie "das Vorhandensein und die Verbreitung eines Glaubens an die mütterliche Erde" und ihre "mantischen und magischen Kräfte" bei den alten Völkern darzustellen und "das Nachleben dieser[68]Vorstellungen in Sitte, Brauch und Aberglauben außerhalb von Religion und Mythologie aufzudecken".[281]

"Die Gottheit der Erde und in ihrer Vertretung der Baum" solle untersucht werden in ihrer "Rolle als Verleiherin und Erhalterin besonderer Kräfte und Fähigkeiten [...] dämonischer, magischer oder mantischer Art, wie sie der spätere Hexenwahn seinen Opfern zuschrieb". Beim späteren Hexenwahn solle nach Zügen gesucht werden, die aus dem alten Aberglauben stammen könnten.[282] Beginnend mit der Darstellung außergermanischer Gottheiten und Kulte, nicht bis in die "mythologischen Systeme der Völker" zurückreichend, sondern in geschichtlicher Zeit auf den "hellenisch-italischen Kulturkreis beschränkt",[283] kommt er zu der Erkenntnis, daß "Baumkult [...] ein Vertreter, eine Abart, ein Ersatz, eine Form eines älteren lokalen Erdkultes oder des Erdkultes schlechthin" sei, der weit über den hellenisch-italischen Kulturkreis hinausreiche, aber dem Kult einer alten Muttergottheit gleiche.[284] Zwischen der "alten Erd- und Muttergottheit und der Magie, dem Zauberwesen, dem Hexentum" aber bestehe "Blutsverwandtschaft". Hekate, Verkörperung des "Magischen der Erde", in der Antike "als die Göttin der Geister und Gespenster, als die Meisterin des Zaubers und des Hexenwesens" verehrt, sei bis ins Mittelalter und die Neuzeit übernommen worden.[285] Artemis/Diana sei mit ihr verbunden "ins Mittelalter eingezogen"; zur Zeit der Missionierung hätten sich diese antiken Vorstellungen mit einem vorhandenen, "ebenfalls aus der Erdgottheit emporgewachsenen Hexenglauben" getroffen.[286] "Mantische und magische Erdverehrung bei den Germanen"[287] leitet Mayer her vom "Wort des Tacitus (Germ.2) von den 'carmina antiqua', die da preisen 'Tuistonem deum, Terra editum'[...]", beziehungsweise der Nerthus - nach Eugen Fehrle[288] "eine Göttin mütterlichen Wesens, an die der Segen des Erdbodens gebunden ist" -, und von der Verehrung der Bäume, Haine, Quellen. "Mutter Erde, konkret geworden unter den Bäumen des Waldes [...]", "die Quelle als Kind der Erde tritt nur zu der alten Anschauung vom Baum [...] noch hinzu"; "[...] auch hier die Übertragung der chtonisch-magisch-mantischen Kräfte auf den Baum".[289]

In einem größeren Kapitel sucht Mayer die magischen und mantischen Erdkräfte im Volksglauben nachzuweisen und bezieht sich dabei vor allem auf den Brauch des "Durchkriechens" und "Abstreifens"; und wieder sei es die Erde als "Repräsentantin einer Muttergottheit gewesen, die [...] dazu bestimmt war, die Krankheit zu entfernen".[290] Neugeborene legte man auf die bloße Erde,[291] "Erde aus einem Grab in die Ställe gestreut, schützt das Vieh vor Krankheit".[292] Zauberer könnten sich unsichtbar machen, indem sie auf grünen Rasen treten.[293] Es galt, die "dynamistischen Kräfte der Erdmutter, des urverbundenen Elements auszunützen, zum eigenen Vorteil, zum Vorteil oder Schaden des Nächsten oder der Gemeinschaft".[294] Das Vorherrschen des weiblichen Geschlechts bei der Hexenverfolgung erklärt Mayer aus dem "mächtigen Volksglauben".[295] Nicht "theologisch-scholastische" oder "asketische Weiberfeindschaft" habe die "Zuspitzung auf das weibliche Geschlecht"[296] verursacht, "der allgemeine, volkstümliche, scheinbar unüberwindliche und unausrottbare Glaube der Masse an die besondere Geeignetheit und Geneigtheit des weiblichen Geschlechts für das Hexenwesen" wurde von der theologischen Literatur des Mittelalters vorgefunden und "mit Hilfe der scholastischen Methode theoretisch zu begründen" versucht.[297] Die Versuche "früher theologischer und pseudotheologischer Literatur" und auch des 'Malleus', beide Geschlechter gleichermaßen einzubeziehen, sei vom Volksglauben "auf die Bahn der einseitigen Weiberfeindlichkeit gedrängt" worden.[298] Der Volksglaube habe Volkswut und Grausamkeit gegen vermutlich zaubernde Weiber provoziert. Hier führt Mayer das Beispiel der Vöttinger Hexenverbrennung von 1090 an,[299] bei der "drei arme Weiber, die als Giftmischerinnen und Verderberinnen von Menschen und Feldfrüchten verschrien waren", "der Volkswut zum Opfer fielen".[300] (Dieses Beispiel erfährt durch einen Autor des SS-Ahnenerbes noch eine besondere Interpretation.)

In der Gestalt der durch den Volksglauben provozierten Volkswut und Grausamkeit trete der "Hexenglaube über die Schwelle der Neuzeit", und dann erst sei dem Volksglauben "das Bündnis mit dem Bösen", die "Teufelsbuhlschaft" hinzugefügt worden als "neue Schicht", die sich "über eine alte [...] vorhandene hinbreitet und diese, jedoch nur scheinbar, ganz verdeckt".[301] Die "gesunkene Schwester der Seherin, der Priesterin ist die Zauberin, die Hexe" - in beiden Gestalten "Repräsentation, eine Epiphanie, ja eine Inkarnation ihrer mütterlichen Gottheit, der Allmutter, die alle magischen und mantischen Geheimnisse in ihrem Schöße birgt [...]".[302]

Im Kapitel "Vegetations- und Fruchtbarkeitszauber" kommt Mayer auf die slowenische Verehrung[69]der "Perht" zu sprechen; einerseits sei sie "Vegetationsdämon", andererseits als 'Frau Berht' oder 'Frau Holda' "Führerin der Hexen [...] und wird neben die in den mittelalterlichen Berichten immer wiederkehrende Diana und die Herodias gesetzt". Vegetations- und Fruchtbarkeitszauber ist für Mayer "verbindendes Glied" zwischen Erdgöttin und späterem Hexenwesen. Der Mai als Monat der Fruchtbarkeitsprozessionen (Westfalen), des Maibaumes, der Maifeuer, die Mensch und Tier gesund erhalten sollen, ist gleichzeitig der Monat, in dem zwei wichtige Tage des Hexenglaubens fixiert sind: der 1. Mai (Walpurgisnacht) und der Georgstag (Frühlingsanfang in slawischen Ländern), der Tag, "an dem die Hexen die größte Gewalt haben".[303] Der Tanz der Hexen am Georgstag sei ursprünglich vegetationskultisch gemeint gewesen, als Verehrung der Fruchtbarkeitsgöttin. Mayer bezieht sich auf ein Beispiel von Margaret Murray - je höher die Hexen sprangen, "desto höher sollte das Getreide wachsen".[304] Diese Verbindung werde bei Betrachtung der Hexenprozeßakten besonders offenkundig, Feld- und Früchtezauber, Liebes- und menschlicher Fruchtbarkeitszauber seien "ein Stück vom ursprünglichsten Kern des Hexenglaubens", erst später käme auch Wetterzauber hinzu. Aus dem "fördernden" wird - nach Mayer - "in später Zeit naturgemäß schädigende[r] Zauber der Hexen [...]",[305] denn "Satan als das eigentlich treibende Element des Schadenszaubers" läßt Hexen nicht mehr "aufgrund ihrer alten Erdverbundenheit", sondern "unter dämonischem Einfluß" handeln; der "alte erdkultische Glaube" gehe aber neben dem "jungen diabolischen" einher.[306] Abschließend führt Mayer für seine Theorie eines alten Erdglaubens und eines Glaubens an magische Erdkräfte die "Isolierung [der Hexen] von der Erde" an, ein Element, das sich "fast ausschließlich in der Ebene des Volksglaubens, in der Hexensage, in den landläufigen Hexenvorstellungen und in der primitiven Praxis" erhalten habe, aber auch in der "juristisch oder theologisch ausgebauten Theorie der Hexenprozesse": die Notwendigkeit "der Loslösung der Hexe von der Erde, um sie, die Hexe, ihrer magischen, zauberischen Kräfte zu berauben".[307] Mayer zitiert Sagen aus dem HDA-Artikel "Erde" von E. Fehrle,[308] die diese Theorie belegen sollen, ferner Inhaftierungsvorschriften für Hexen aus Tenglers "Layenspiegel" von 1509, die besagen, daß man Hexen "von der Erde zu heben pflegt".[309] Den 'Hexenturm', wie er im Volksmund häufig genannt worden sei (wegen der möglichst hohen Entfernung inhaftierter Hexen vom Erdboden), läßt Mayer als Hexengefängnis jedoch nur mit Einschränkung gelten; oft seien es Wehrtürme gewesen. Trotz weniger authentischer Nachrichten über die Hexentürme[310] räumt er jedoch ein, daß die "Praxis der Hexengefängnisse" dem uralten Glauben noch entgegen kam, obgleich der Glaube als Superstition einerseits verurteilt und abgelehnt,[311] anderseits die Verhaftungsmethode des Aufhebens und Wegtragens im 'Hexenhammer' anhand von Beispielen doch als "erlaubt" dargestellt wurde.[312]

Als Ergebnis seiner Untersuchung formuliert Mayer, daß ihm daran gelegen war, "innerhalb des verwickelten religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Problems, das sich allmählich um die Worte 'Hexe', 'Hexenglaube', 'Hexenwahn' zusammengeballt" habe, "jene Züge aufzufinden, [...] die einen natürlich-geschichtlichen Zusammenhang zwischen dem späteren Hexenglauben und einem alten Erdkult nahelegen".[313] Er hält den Versuch für gelungen, "durch die Erkenntnis der magisch-mantischen Züge im Glauben an die Erde und durch die Aufdeckung mehr oder weniger verborgener Einzelzüge im historisch-lebendigen Hexenglauben die gesuchte Verbindung herzustellen und das tatsächliche Vorhandensein dieser Verbindung als einen geschichtlichen Faktor in der Vorgeschichte der unseligen Hexenbrände, aber auch als Rudiment alter kultischer Gegebenheiten noch in der Spätzeit zu erweisen".[314] Obgleich sich die "von der Kirche verpönte Unterströmung des Hexenglaubens[315] [der alte Erdmutterglaube] immer stärker aus dem Naturdämonischen ins eschatologisch Dämonische" verschob "hinüber zum Teufel und seiner Bosheit und seinen Künsten" und damit aus der "theologischen Erörterung der Dinge [...] zurückgedrängt"[316] wurde, seien die Erinnerungen daran, "weder damals ganz verschwunden noch überhaupt je ganz aus dem Glauben und Aberglauben des Volkes gewichen".[317]

III. Konträre Auffassungen zweier nationalsozialistischer Wissenschaftler zum Thema Hexenwahn

 

1. Die unterschiedlichen Germanenbilder von Berhard Kummer und Otto Höfler

Der Nordist Bernhard Kummer (1897-1962) und der Germanist und Volkskundler Otto Höfler (1901-1987) vertraten ein unterschiedliches Germanenbild, das zu einer Kontroverse zwischen bei-[70]den führte und für Kummer zur Zeit des Dritten Reiches zu einem "politischen Fall" wurde.[318] Die Kontroverse ist in der Literatur gut belegt, weil die Auffassungen beider Wissenschaftler offensichtlich für die Wissenschaftsgeschichte der Germanistik und der Nordischen Philologie gleichermaßen von Wichtigkeit sind. Da Kummer außerdem als Repräsentant der nordischen Bewegung gilt, gibt auch die völkische Literatur des Dritten Reiches, ebenso wie die großangelegte Bibliographie von Armin Mohler zu den völkischen Bewegungen (1972), ausführlich Auskunft über Leben und Werk Bernhard Kummers.[319]

In seiner bei dem Nordisten Eugen Mogk und dem Religionswissenschaftler Hans Haas 1927 vorgelegten Dissertation entwirft Kummer das "Bild eines Germanen" - so die ironische aber treffende Interpretation des Frankfurter Germanisten Hermann Engster von 1986 -, "der in sicherer Geborgenheit im Schoß seines Sippenverbandes tätig schaffend seine Scholle beackert, zuhause zwischen Herd und Altar in sittlich reiner Monogamie eine lebenslängliche Schicksalsgemeinschaft mit seinem Weibe wahrt und ledig aller Priesterschaft und Dogmatik mit lebensbejahender, alles beseelender Frömmigkeit vertrauensvoll seine Götter verehrt". Die in der Wikingerzeit einbrechende "dämonisch zersetzende, individualistisch-aristokratische Odins- und Walhallreligion" ringe mit der vorhandenen Bauernreligion und führe "aufgrund ihrer destruktiven Dynamik den Untergang des seligen Midgard" herbei, "das noch wesensfremdere Christentum besorgt den ruinösen Rest".[320] Mit Anspielung auf Kummers Theorie schreibt Hans Naumann 1934: "der Gott Odin sei 'gegenwärtig das Ziel maßloser, man möchte schon sagen hochverräterischer Feindschaft', Odin sei nicht ein Symptom germanischen Verfalls', sondern der 'erste Ausdruck jenes ewigen Drängens und Fragens', das später 'in seinem Volke' so bedeutend gewirkt habe [...]".[321]

Kummer leitet sein Germanenbild aus der isländischen Saga her, während "die 'Edda' für ihn kein genuines Zeugnis germanischen Heidentums mehr ist", sondern lediglich künstlerische Dichtung.[322] Wichtig bei Kummer ist die Betonung der hohen Sittlichkeit der germanischen Frauen (wichtig auch im Themenzusammenhang!), wovon er die hohe Frauengeltung bei den Germanen ableitet. Der Germanist Klaus von See bemerkt dazu: "Die Ansicht von der hohen Sittlichkeit und besonders der hohen Stellung der Frau bei den Germanen - polemisch sowohl gegen das Christentum als auch gegen den modernen Entwicklungs- und Fortschrittsglauben gerichtet - gehört zum festen Gedankeninventar aller Völkischen, ist aber wohl eher das Erbteil bürgerlicher Moralvorstellungen des späten 19. Jahrhunderts."[323]

Ein radikal anderes Germanenbild entwirft Höfler in seinem 1934 erschienenen Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen".[324] Geheime kultische Männerbünde, ekstatisch und dämonisch, seien gesellschaftsbeherrschend gewesen und kennzeichnend für germanische Religiosität; auf Ritus und Kult dieser Männerbünde habe sich später der Mythos aufgebaut, als Reflex auf reales ursprüngliches religiöses Leben.[325] Die Männerbünde betrieben - nach Höfler - einen "heroisch-dämonischen Totenkult" als "streng verpflichtende Verbundenheit der Lebendigen mit ihren verehrten Toten".[326] Herr dieser Bünde war Wodan/Odin, "Gott des staatenbildenden Kriegertums",[327] derselbe, den Kummer für den Untergang Midgards verantwortlich macht. Die Theorie ekstatisch-dämonischer Männerbünde übernahm Höfler aus der Ethnologie, mit deutlichem Bezug auf die 1927 von Lily Weiser vorgelegte Dissertation "Altgermanische Jünglingsweihen und Männerbünde", deren Ergebnisse Höfler aktualisiert.[328] Er gibt ihr aber eine neue Deutung für die Germanen im Vergleich zu den nichtgermanischen Völkern.[329] "Die Vereinigung der wehrhaften Männer" neben der Sippe, bedeute "den Ursprung der eigentlichen staatlichen Kräfte und Gemeinschaftsformen".[330] "Die eigenste Begabung der nordischen Rasse, ihre staatenbildende Kraft, fand in den Männerbünden ihre Stätte und hat sie zu reichster Entfaltung getrieben. Sie sind zu Mächten emporgewachsen, die Tragkraft und Stoßkraft besaßen und in die Weltgeschichte eingegangen sind."[331] Trotz dieser Positivmerkmale erfuhr die Männerbund-Theorie Höflers massive Kritik aus den Reihen der Rosenberg nahestehenden Wissenschaftler wegen der von Höfler konstatierten "dämonischen Besessenheit", der "Geheimbünde".[332] Solche "völkerkundlichen Begriffe" charakterisierten Primitivkulturen und gäben der "konfessionellen Betrachtungsweise" der germanischen Frühgeschichte neue Nahrung. Nach Rosenberg seien die genannten Eigenschaften dem nordischen Wesen artfremd.[333] Am schärfsten aber wird Höfler von Bernhard Kummer angegriffen, der auf die mehrseitige Fußnote Höflers in dem genannten Buch reagiert, die sich speziell mit Kummers Germanenbild befaßt. Unter Aus-[71]schöpfung all seiner publizistischen Möglichkeiten kritisiert Kummer explizit Höflers Darstellung hexenbekämpfender Männerbünde. Daß es um mehr geht, als um unterschiedliche Wissenschaftsauffassungen, erkennt Matthes Ziegler, wenn er einen Aufsatz über die Kontroversen überschreibt: "Germanische Religionsforschung im Weltanschauungskampf".[334]

1.1 Bernhard Kummer und seine an Rosenberg orientierte Auffassung vom Hexenwahn

Kummers Biographie ist aufschlußreich im Sinne der Fragestellung dieser Arbeit, sie wird deshalb relativ ausführlich behandelt.

Bernhard Kummer, 1897 als Sohn eines Textilkaufmannes in Leipzig geboren, wurde als Abiturient im Ersten Weltkrieg eingezogen, studierte nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1920 zuerst Theologie, dann Geschichte, Germanistik und Religionsgeschichte (nach anderen Angaben auch Philosophie und Zeitungskunde).[335] Seine schon erwähnte Dissertation von 1927 erregte als Buchausgabe mit dem Titel "Midgards Untergang" (beziehungsreich anknüpfend an Spengler) großes Aufsehen und führte zu weltanschaulichen Kontroversen.[336] Die Rezensionen in volkskundlichen Fachzeitschriften wiesen auf methodische und sachliche Mängel hin,[337] positiv rezensiert wurde das Buch nach seiner zweiten Auflage im Adolf Klein Verlag (1934); zahlreiche völkische und Rosenberg nahestehende Autoren zitierten daraus. Nach ergänzenden Studien in den Jahren 1927-1930 (Geschichte, Psychologie, Französisch und nordische Sprachen) bestand Kummer das Staatsexamen für das höhere Lehramt und wurde von dem Nordisten Gustav Neckel als Assistent ins Nordische Ordinariat nach Berlin gerufen. Professor Haas verschaffte ihm die Mitarbeit am "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens", für das er insgesamt 37 Stichworte bearbeitete (wichtigste Artikel: Ehe, Frau, Weib, Geschlechtsverkehr, Hochzeit, Kind).[338] Kummer war 1929 in die NSDAP eingetreten, trat aber 1930 wieder aus.[339] Außerdem war er als einer der Führer des völkischen Nordungenkreises der Deutschen Glaubensgemeinschaft beigetreten, aus der er ebenfalls wieder ausschied, als Hauer einen einheitlichen Kurs anstrebte.[340]

Im Jahre 1930 war Bernhard Kummer Schriftleiter der Zeitschrift "Nordische Blätter" und von 1931 bis April 1938 Schriftleiter der Zeitschrift "Nordische Stimmen".

Nach der Machtergreifung wurde Kummer von Rosenberg für Schulungsabende des Außenpolitischen Amtes (AA) gewonnen. Professor Reinerth (Vor- und Frühgeschichtler) setzte ihn für Arbeiten der Forschungsgemeinschaft ein, die Hochschule für Politik "für Hunderte von Schulungsvorträgen" - so die Darstellung des völkischen Blattes "Deutscher Glaube". In Hagemayers Amt Schrifttumspflege (dem Amt Rosenberg zugehörig) oblag Kummer die Überwachung der "Büchereien der Bewegung".[341] Nach Beendigung seiner Assistententätigkeit bei Neckel war Kummer ab 1933 Dozent an der Volkshochschule von Groß-Berlin.[342] Auf die von Kummer gegründete "Arbeitsstätte für germanische Religionsgeschichte und altnordische Überlieferung" in Berlin als Auskunfts- und Beratungsstelle wurde im Zusammenhang mit Edmund Mudrak schon verwiesen.[343] Sie gab eine Schriftenreihe heraus: "Der Mensch des alten Nordens. Auswahl aus den gesamten heidnischen und frühchristlichen Überlieferungen des Nordens".[344] Die von Kummer herausgegebene Schriftenreihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken" (Heft 1, Adolf Klein Verlag Leipzig, 1933) machte er wie die genannte Zeitschrift "Nordische Stimmen" zu einem Forum der "Nordischen Bewegung".

Kummers Lehrauftrag für altnordische Sprache und Kultur sowie germanische Religionsgeschichte an die Universität Jena, im Jahre 1936, wird von der schon erwähnten Zeitschrift "Deutscher Glaube" euphorisch gewürdigt.[345] Seine Ernennung zum Ordinarius in Jena erfolgte relativ spät, erst 1942. Die Kontroverse mit Höfler, die sich zu einer Auseinandersetzung mit der SS ausweitete, hatte die Verzögerung bewirkt.[346] Nach Wehrdienst und Krieg lebte Kummer seit 1947 in Klingberg bei Pönitz in Ostholstein; eine Rückkehr ins akademische Lehramt blieb ihm verwehrt. Er unterrichtete an der Volkshochschule Lübeck und gab bis zu seinem Tode 1962 die Monatsschrift "Forschungsfragen unserer Zeit" heraus.[347] Eine, von ihm nach 1945 herausgegebene Edda-Übersetzung ist nach den Worten des Nordisten Prof. Kurt Schier "absolut unbrauchbar".[348] Noch 14 weitere Veröffentlichungen[349] bearbeiteten frühere Stoffe - "der Wissenschaftler kam auch als freier Schriftsteller nicht mehr zum Zuge".[350] Die unterschiedlichen Auffassungen von Hexenwahn und die kontroversen Diskussionen über dieses Thema nehmen in den Veröffentlichungen Kummers einen wichtigen Stellenwert ein.[351] Zwei Zeitschriftenartikel wurden ausgewählt, weil sie[72]deutlich auf das Thema bezogen sind. Eine explizite Auseinandersetzung mit der Thematik gelingt Kummer jedoch nur unzureichend, weil er polemisiert und seine Darstellung mit Angriffen gegen protestantische Wissenschaftler und kirchliche Zeitschriften verbindet, die anderer Auffassung sind. Eine andere Auffassung zu diesem Thema zu haben, wird von Kummer, gemäß seinem Kulturkampfkonzept, politisch gewertet. Bezeichnend sind die Titel einiger seiner Artikel und Aufsätze: "Priester Europas, wahrt eure heiligsten Güter!" oder "Germanenkunde im Kulturkampf" oder "Die germanischen Geheimbünde und das deutsche Pfarrerblatt".

In dem Artikel "Priester Europas, wahrt eure heiligsten Güter!"[352] zitiert Kummer die die Hexenverfolgung betreffenden Passagen der katholischen "Studien", versucht sie zu widerlegen und beklagt gleichzeitig "den Bruderdiensteifer" protestantischer Wissenschaftler, deren "Aufklärungsarbeit" von den Verfassern der "Studien" gelobt wurde. (Bruderdienst taten - nach Kummer - die Theologen bzw. Religionswissenschaftler Baetke, Dörries, Rückert, von Walter und Witte).[353] Positive Bewertung hätten die "Studien" auch "vom protestantischen deutschen Pfarrerblatt" erfahren. "Ein Lutheraner aber im deutschen Pfarrerblatt, der die Beschmutzung des deutschen und des lutherischen Namens durch den schlimmsten Schandfleck des katholischen Kirchenregimes, nämlich Inquisition und Hexenmord, nicht 'merkt' oder nicht abwehren will, weil er Angst hat vor den Neuheiden und Vertrauen zu Rom, ist uns das Verächtlichste, was wir kennen."[354] (Hervorh. B. S.) Zu der auf das 'Edictum Rothari' bezogenen Passage der "Studien" (Tötung von Hexen bei den Langobarden mit Geldstrafen belegt, weil Glaube an menschenfressende Hexen eines Christen unwürdig sei) meint Kummer, die Langobarden zur Zeit Rothars seien längst christlich gewesen, der genannte Glaube aber sei in der gesamten Mittelmeerwelt bekannt gewesen und beweise nichts für die germanisch-heidnische Auffassung. Heidnische Isländer und Norweger hätten zwar die meist land- und blutsfremden Zauberer bei nachgewiesenem Schadenszauber ertränkt oder gesteinigt, aber es fehle "die Zuspitzung auf das bei den Germanen heilig geachtete weibliche Geschlecht" und jeder Hinweis auf "menschenverschlingende Hexen". Bei Tacitus, Cäsar und Prokop seien sie "Priesterinnen, Seherinnen, Mütter", nicht aber Hexen gewesen. Auch die 'Capitulatio de partibus Saxoniae' Karls sei entstanden "inmitten längst christlicher, auf gallisch-römischer Mischzivilisation gegründeter, von orientalisch-römischem Glauben und Aberglauben reich durchsetzter Gebiete, wo man einen solchen "Glauben an Hexen als 'heidnisch' für möglich hielt". Daß ein solcher "Aberglaube der Kulturumbruchszeit altgermanisch war, oder daß die Zuspitzung auf das weibliche Geschlecht, die dann den hunderttausend deutschen Frauen den Tod der Folter und des Scheiterhaufens brachte, altgermanisch ist", sei damit nicht bewiesen. Karls Bestimmung beweise nur, daß ein "abergläubisch entarteter Rest eines Glaubens an Menschen besonderer 'Macht'" vorliege, der nichts zu tun habe mit den späteren "Wahnvorstellungen von der Übermacht des Teufels, der sich besonders des schönen Evageschlechts bemächtigt, um den 'Adam' zumal in Gestalt heiliger Männer zu verführen und die Welt zu verderben".[355] "Den alles überflutenden Wahn des Mittelalters [...] sollen wir nun als Rest germanischen Heidentums aufgrund jener zwei 'lateinischen' Belege ansprechen lernen, und das Schandwerk zweier Kleriker, den Hexenhammer, als ein Werk aus deutschem Erbgut auf unser Konto nehmen, damit die Kirche der Inquisition und des Frauenmassenmordes freigesprochen werde." Es handle sich hier um "eine gemeine Geschichtsfälschung auf Kosten unserer völkischen Ehre". Dem "zum Teil irrtümlichen Aufsatz 'Hexe' im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens", folge die "raffiniert vorbereitete letzte Brunnenvergiftung": die Autoren des "Hexenhammer" seien - nach den "Studien" - Deutsche gewesen.[356] Kummer ergänzt dazu, daß Institoris, der Hauptverfasser, "Prior am Dominikaner-Konvent von Schlettstadt gewesen sei", kein 'deutscher Richter', sondern ein Mann Roms", gegen den 1482 Haftbefehl erging wegen Unterschlagung von Ablaßgeldern.[357] Mit dem "papistischen Verbrechen" werde "Deutschland geschändet"; "Die protestantischen Rosenbergfeinde freuen sich an dieser Schändung [...]?", fragt Kummer, gegen die protestantischen Befürworter der "Studien" gerichtet.[358] Das deutsche Pfarrerblatt habe mit der Parteinahme für die "Studien" "Partei genommen gegen Deutschland".[359]

Im Anschluß an eine mit O. unterzeichnete Rezension von Gustav Neckels "Sagen aus dem germanischen Altertum", Leipzig 1935[360] setzt sich ein nicht genannter Verfasser (nach Art und Diktion ist es Kummer![361]) mit einer in Neckels Vorwort erschienenen Äußerung auseinander: "Auch die Hexensagen haben vorchristliche Wurzeln, denn der Glaube an Hexen findet sich schon in der alt-[73]nordischen Originalliteratur, deren überwiegend heidnischer Inhalt eine anerkannte Tatsache ist".[362] Der Verfasser stellt dem gegenüber, daß der Hexenglaube und die Tötung von Hexen nachweislich das späte Mittelalter viel stärker beherrscht habe als die Missionszeit, daß "eine solche Erscheinung deshalb Import sein kann".[363] Unwissenschaftlich nennt er die von Höfler und Neckel vertretene Ansicht, "die Möglichkeit einer Dämonisierung und Verdunklung unseres Volksglaubens nicht mit einzurechnen, und die große neue Geschichtsschreibung vom Norden her, die überall den selbstsicheren nordischen Menschen und seine Götter einem im Süden und Osten heimischen Aberglauben und Angstkult verfallen sieht, einfach zu ignorieren". Ein Geschichtsforscher "im rasseerwachten Deutschland" müsse "die Geschichtsauffassung Alfred Rosenbergs gelten lassen, auch wenn er nicht wie wir von der fruchtbaren Fortentwicklung derselben überzeugt" sei.[364] Der "größere Mut der Germanen im Vergleich mit ihren christlichen Nachkommen" sei nicht in Einklang zu bringen damit, "daß die Angst mittelalterlichen Teufels-, Zauber- und Hexenglaubens ein Rest germanischen Aberglaubens gewesen sein könne".[365] Die Bezeichnungen "tunrida" (Zaunreiterin) und "fordaeda" (Schädigerin) seien in der "Edda" und im alten zerstörten Heldenlied "Sigurd und Brynhild" als späte Zutaten ausgewiesen, dasselbe gelte für zwei Skaldenstrophen, die auch jünger seien als die Edda-Strophen und die Sagas. Die Sagas wüßten nichts von "fordaeda" und "tunrida".[366] Neckels Verweis auf den großen Zaubererbrand der Saga, bei dem der Sohn Harald Schönhaars, mit dem bezeichnenden Namen Erich Blutaxt, seinen Halbbruder Rögnwald, Abkömmling einer Lappin, zusammen mit 80 Zauberern in dessen eigenem Hause verbrannte, nimmt er zum Anlaß, rassische und mutmaßliche politische Hintergründe dieses Vorfalls darzulegen.[367] Wichtig aber war es ihm zu betonen (wie auch schon Reimerdes, Mudrak und Jaide dargelegt hatten), daß Hexerei als "Lappenkunst" galt; zwölfmal sei in den Sagas die Tatsache zuverlässig betont worden, daß Zauberer Finnen gewesen seien oder bei Finnen das Zaubern erlernt hätten, das den Bauern [den germanischen!] verhaßt gewesen sei. Und der politische Hintergrund: Harald, Feind der Freibauern, bezichtigt den Gegner nach Vorbild Karls "der dem Volke verhaßten Zauberei". Erich Blutaxt habe den sich auf Freibauernmacht stützenden Nebenbuhler beseitigt. Der Verfasser fragt abschließend:

"[...] was hat dieser Mord an Rögnwald, dem Abkömmling einer Lappländerin, für eine Beweiskraft dafür, daß die hunderttausend Hexenverbrennungen und Scheiterhaufen der Inquisition aus germanischer Wurzel kommen, oder daß die Hexensagen in unserem Volk, die alle noch jung sind, 'Sagen' sind aus 'germanischer Zeit'".[368]

Weil "eine so gefährliche und dem Jesuiten hochwillkommene Theorie"[369] dem weltanschaulichen Gegner nütze, müsse das Bild germanischer Wurzeln des Hexenwahns korrigiert werden. Deshalb wirft der Verfasser Neckel an anderer Stelle Ahnungslosigkeit vor, wenn er behaupte, daß 'die germanische Wurzel der mittelalterlichen Hexenprozesse nicht wohl zu bestreiten sei', weil die "moderne Mittelalterei das klerikal-papistische Verbrechen des Hexenmordes mit Hilfe dieses germanistischen Gestehens, daß es bei den Heiden auch schon gelegentlich eine Hexe gegeben hat, als Erbe germanischer Art vom Schuldkonto der Kirche abzubuchen sich beeilt".[370]

1.2 Otto Höfler und seine Auffassung von Hexen, erschlossen aus Sage und Brauchtum

Otto Höfler entstammte einer bekannten Wiener Gelehrtenfamilie. Nach dem Studium der Germanistik mit Schwerpunkt germanische Altertumskunde und Skandinavistik "in der strengen Philologenschule Rudolf Muchs"[371] promovierte er 1921. Zur 'Much-Schule', auch 'Ritualisten-' oder 'Männerbund-Schule' genannt, gehörten außer Otto Höfler auch Lily Weiser, Richard Wolfram und Robert Stumpfl.[372] Höfler erhielt 1928 einen Ruf nach Uppsala als Lektor für deutsche Sprache und habilitierte sich 1931 mit "einem aufsehenerregenden Werk über 'Kultische Geheimbünde der Germanen'",[373] das im Jahre 1934 als Band I einer geplanten zweibändigen Ausgabe veröffentlicht wurde. Höfler schloß sich - nach eigenen Angaben[374] - im Jahre 1922 der "Bewegung" an und war Mitglied der Ordnergruppe der Partei, aus der später die SA hervorging, bis zum Ende der Versammlungstätigkeit im Winter 1923/24. Der Partei gehörte er noch nicht an, hatte aber in Schweden Gelegenheit zu kulturpolitischer und wissenschaftspolitischer Betätigung.[375] Im Jahre 1934 erhielt Otto Höfler einen Ruf als Ordinarius für Germanistik und Neue deutsche Literaturgeschichte nach Kiel, verbunden mit einem Lehrauftrag für Volkskunde. In der Kandidatur für diesen Lehrstuhl setzte sich Otto Höfler gegen Bernhard Kummer durch.[376] Die Berufung nach Kiel wird in direktem Zusammenhang mit dem Erfolg des genannten Bu-[74]ches gesehen, das als eines der "besten und anregendsten der deutschen Volkskunde" von der "Oberdeutschen Zeitschrift für Volkskunde" rezensiert wurde.[377] Kummer schreibt dazu: "Auf Grund seines Werkes wurde Höfler unter Bäumlers Empfehlung Professor in Kiel."[378] Otto Höfler war im SS-Ahnenerbe Vertrauensmann für die 'Ostmark',[379] war im Sachverständigenbeirat in Walter Franks "Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands" und als "Kenner der nordischen Länder" "Mittelsmann des Reichsinstituts zur germanistischen Disziplin".[380] Als Höfler von Kiel nach München überwechseln wollte, setzte sich Walther Wüst, Chef des SS-Ahnenerbes, bei Reichserziehungsminister Rust für ihn ein, unterstützt vom Reichsführer SS Heinrich Himmler.[381] In einem Brief vom 15. Oktober 1937 hatte Wüst Himmler wissen lassen, daß die Universität München einen "gewiegten, germanistischen Sachkundler" benötige, damit die vom Reichsführer befohlene 'Erschließung des germanischen Erbes' begonnen werden könne. Höfler könne - so Wüst - "mit größtem Erfolg in die vom 'Ahnenerbe' betreute Kulturarbeit der SS eingesetzt werden" und sei "als junger Wissenschaftler auf seinem Gebiet völlig unersetzlich".[381a] (Auf den Himmler-Auftrag 'Erschließung des germanischen Erbes' wird im Kap. IV.2.2 noch gesondert eingegangen.)

Ab Wintersemester 1938/39 lehrte Höfler als Professor für germanische Philologie und Volkskunde an der Münchener Universität[382] und bewarb sich auf Drängen der Universität 1939 um die Parteimitgliedschaft, ohne jedoch dem 'Ahnenerbe' beizutreten oder aus der katholischen Kirche auszutreten.[382a]

1957 trat Höfler in Wien die Nachfolge Dietrich Kraliks an und lehrte bis zu seiner Emeritierung 1971 Ältere deutsche Sprache und Literatur. Seit 1964 war er Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Otto Höfler starb im August 1987 im 87. Lebensjahr.[383] Höflers Publikationen befassen sich vorrangig mit der Religionsgeschichte des germanischen Altertums, außerdem mit Linguistik. Während des Dritten Reiches trat er mit zwei programmatischen Aufsätzen in der renommierten "Historischen Zeitschrift" hervor: 1938 "Das germanische Kontinuitätsproblem" (Vortrag, gehalten 1937 auf dem Deutschen Historikertag) und 1940 "Volkskunde und politische Geschichte".

Höflers Hexen-Darstellung, die Kummer zum Anlaß nahm, ihn anzugreifen, findet sich in seinem Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" im Kapitel "Dämonenverfolgung". In den Sagen von der Wilden Jagd sei die Verfolgung eines oder mehrerer dämonischer weiblicher Wesen durch den Wilden Jäger ein "weitverbreitetes Motiv". Sei der weibliche Dämon erjagt, werde er vom Wilden Jäger, gleich einer tierischen Beute quer vor sich aufs Pferd geworfen. Die Sympathie der Sage gelte "in Skandinavien und in einem wesentlichen Teil Deutschlands" dem Wilden Jäger, nicht aber "der gehetzten Frau", was gegen Mannhardts Interpretation spreche, es handle sich bei dem Dämonenweib mit den am Boden schleifenden Brüsten um "eine Personifikation der ganzen Vegetation".[384] Dichter und Wissenschaftler hätten das Sagenmotiv erotisch zu deuten versucht, die Überlieferungen sprächen dagegen. "Das verfolgte Weib ist ein Dämon, sehr oft ein ausgesprochen schlimmer Dämon, und der Jäger jagt sie nicht aus Liebe oder Gier."[385] Es wird auf das völlige Zurücktreten des erotischen Moments in der Sage verwiesen. "Die Ekstase des Wütenden Heeres ist keine sexuelle, sondern eher Kampfraserei." Die fehlende Sexualität wird als Unterscheidungsmerkmal zu den Hexensagen herangezogen, wenn Höfler schreibt:

"Hier wie dort nächtliche Zusammenrottung dämonischer, unheimlicher, ja furchtbarer Wesen, ein wildes Umherschweifen, oft unter Führung eines übermenschlichen Herrschers. Aber der Unterschied ist außerordentlich. In den Sagen von den Hexensabbaten - und gewiß auch in den 'Hexenkulten', die wirklich vollzogen worden sein mögen - beherrscht zügellose Ausschweifung das Bild. Diesem Hexentaumel steht seit dem Mittelalter Satan selbst vor, aber es ist nicht wahrscheinlich, daß die zynische Schmutzigkeit diesen Hexenfesten erst durch kirchlichen Glaubenseifer zugeschrieben wurde. Der wüste Bocksgestank war gewiß immer ein Kennzeichen solcher Hexenorgien. Derlei ist den Sagen vom Wilden Heer ganz fremd, und dies ist sehr bemerkenswert. Die 'Wildheit' des Totenheeres wird ja durch so viele Sagen ausgemalt, aber Vermischungen mit dem Hexenwesen scheinen fast ganz zu fehlen. Hier steht das Kriegerische im Vordergrund [...]."[386]

Daß die Beute der Wilden Jagd ein Weib "viel öfter als ein Tier" gewesen sei, spricht - nach Höfler - für die Treue der Überlieferer, denn "die Sage [hat] im Brauchtum ein Gegenstück". Das schweizerische Posterlijagen und Streggelejagen (striga = Hexe) ist "Jagd auf ein dämonisches Wesen", nicht wie Perchtenlauf bloßer 'Bewegungsritus' - "die tobende Mannschaft ist feindlich gesinnt gegen einen schädlichen Dämon".[387] Das 'Posterli', die " 'Hauptgestalt bei der sog. 'Posterli-Jagd', [sei] ein als alte Hexe, Ziege oder Esel Vermummter, auch nur eine solche Puppe aus Stroh oder Lumpen.' "[388] Höfler kommentiert den Brauch: "Wir stehen hier offenbar vor einer alten kultischen Ein-[75]richtung: die magischen Männerbünde sind den Hexen feind und bekämpfen diese Dämoninnen."[389] An anderer Stelle betont Höfler, daß "gerade die Männerbünde - doch selbst dämonische Gebilde - es sind, denen hier dieser Schutz der Menschen gegen verderbliche Mächte obliegt", verdiene "unsere besondere Aufmerksamkeit. Für die soziologische Beurteilung der Bünde" sei das "von entscheidender Bedeutung".[390] In Gegenüberstellung zur "rationalistischen Mythenforschung",[391] die an den Anfang den Gedanken stelle (Überwindung des negativen Prinzips durch das positive), dem dann die "Allegorisierung" folge (z.B. Verfolgung des weiblichen Dämons), die wiederum als dritte Stufe eine mimische Darstellung auf Festen erfährt, erklärt Höfler, daß seiner Meinung nach am Anfang "die greifbare blutvolle [...] Kulthandlung" stehe,[392] der ein 'Sinn' innewohne, allerdings kein abstrakter, daß die abstrakte Auslegung etwas Untypisches sei, "Unechtes", während die mimische Darstellung das Sekundäre, Willkürliche sei.[393] Die Schweizer Bauernburschen würden mit ihren Dämonenverfolgungen, ähnlich vielen Naturvölkern, sicherlich nichts "mimisch 'versinnbildlichen'" wollen; "solche Riten" wollten "nicht 'darlegen', sondern wirken, sie sind nicht allegorisch, sondern magisch". Diesen magischen Ritualen "unserer Bünde" gibt Höfler den Namen "Nutz-Kulte". "Schadensabwehr und Wachstumszauber sind die wichtigsten unter ihnen."[394] Die Verfolgung und Tötung eines weiblichen "schlimmen Dämons" in der Sage als Spiegelbild kultischer Handlung weist damit - nach Höfler - auf die Schadensabwehrfunktion der Männerbünde hin, war "Nutzkult"! Vom tatsächlich betriebenen Streggelejagen kommt Höfler an anderer Stelle zum Sagenbeispiel:[395] Eine lebendige Katze als 'Streggele' gefangen, sei zum Ungeheuer angewachsen und die 'Streggele'-Jäger würden krank oder starben. Anhand dieses Beispiels u.a. will Höfler die Kontinuität einer durch Jahrhunderte fortlebenden "ungebrochenen Disposition des Menschen, dämonische Handlung und mythologische Phantasie, Kult und Glauben ineinander verfließen zu lassen [...]", beweisen. Noch im 17. Jh. hätten Schriftsteller "den Nürnberger Fastnachtsmummenschanz als Teufelswerk" bzw. "Geisterspuk" geschildert, obgleich sie hätten wissen müssen, daß es sich um Verkleidung und Spiel handelte.[396] Auch da sieht Höfler ungebrochene "Disposition zum Glauben an [...] Dämonie" - eine Behauptung, die ihm von Kummer heftige Kritik einbringen sollte.

1.3 Die Auseinandersetzung zwischen Kummer und Höfler und ihre Folgen für beide Wissenschaftler

Die schon erwähnte Fußnote in Höflers Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" und vor allem die Tatsache, daß Höfler Kummer bei der Vergabe des Kieler Lehrstuhls gerade aufgrund dieses Buches vorgezogen worden war, veranlaßte Kummer zu scharfer Kritik an den "Geheimbünden". Explizit setzt er sich in einem mehr als zwanzig Seiten umfassenden Aufsatz in einer Aufsatzsammlung mit dem Titel "Reaktion oder deutscher Fortschritt in der Geschichtswissenschaft" mit Höflers kultischen Geheimbünden auseinander.[397]

Kummer fordert eingangs, daß ein Forscher, der Aussagen über germanische Kultur machen wolle, von "ihrer Gesamtstruktur ausgehen" müsse, "nicht von Kulturerscheinungen, die er anderswo fand" und in die germanische Welt überträgt. Mit "Kulturerscheinungen 'auch' bei den Germanen" könne man alles beweisen, "Kannibalismus so gut wie die 'terroristische Ekstase' kultischer Geheimbünde als Träger der gesamten germanischen Religion".[398] Es sei aber "nicht mehr wesentlich, zu erfahren, ob etwas weltweit Menschliches 'auch' bei den Germanen vorkommt, sondern welche Rolle der germanische Geist und Kultursinn [...] dieser Einzelerscheinung einräumte. Daran erkennen wir das germanische Wesen, den germanischen Lebensstil [...]".[399] Diese Forderung sei dem "jungen Wiener Gelehrten Otto Höfler" fremd. Er habe, anstatt "heilig-germanisches Kultheiligtum" und "heiligen Herd germanischer Bauern" zu studieren, "mittelalterliche und fremdvölkische Belege" herangezogen und "Volksgemeinschaft" mit Hilfe "völkerkundlicher Werke über primitive Völker [...] auf der Suche nach einer 'Grundform der Gesellschaft'" zu beweisen versucht.[400] Gestützt auf Lily Weisers Buch "Altgermanische Jünglingsweihen und Männerbünde" (deren Aufsatz "Hexe" im HDA den "Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts" ein "zu weitgehendes Zugeständnis bzgl. eines germanischen Ansatzes zum mittelalterlichen Hexenwahn" liefere) und orientiert an Heinrich Schurtz' Werk "Altersklassen und Männerbünde" bewerte Höfler seine der deutschen Volkskunde entstammenden Hauptbelege.[401] Höfler habe einen heroisch-dämonischen Totenkult der Mannschaftsverbände als Parallelismus zu den "wilden Umzügen rasender Dämonengestalten" in den Sagen vermutet. (" 'Was jetzt Scherz und Spiel[76]ist', sei in germanischer Zeit 'von furchtbar blutigem Ernst gewesen'.")[402] Ausgehend von den mittelalterlichen Maskenzügen, den Sagen vom Wilden Heer habe Höfler ekstatisch wilde Männerbünde, maskiert als Tote und Dämonen, mit Stehlrecht, in terroristischer Besessenheit "als Mittelpunkt germanischen Lebens" angenommen.[403] Nach Höfler seien diese Männer von der verängstigten Bevölkerung aber nicht als Maskierte, sondern als tatsächliche Geister und Dämonen begriffen worden. Kummer kommentiert und zitiert Höfler:

"Das Pferde- und Menschenopfer, Altentötung u.a. werden hineingezogen, Zeugnisse sakraler Verstümmelung, kultischer Kastration, Phalluskult (212). Die geheimen, vom zitternden Volk unerkannten Totendarsteller lassen Opfertiere verschwinden (122/124) und sind regelrechte Medizinmänner, gefürchtet in ihrer grauenerregenden Wildheit'. 'Wir begreifen solche Angst vor dem Wilden Heer sehr wohl', (d.h. für uns die Angst des teufelsgläubigen mittelalterlichen Menschen vor dem heidnischen Dämon, dem verteufelten Gott und den vom Bösen geholten Seelen) 'wenn wir hören, mit welcher Furcht sich die Menschen in ihre Häuser einschlössen, an deren Türen die heulenden und brüllenden Dämonendarsteller rüttelten' (75). Wie paßt dieser 'altgermanische Kult' zu einer heldischen Rasse?[404] [...] Es ist schwer zu verstehen, daß man diese wildgewordenen Geisterspieler dann auch zur Verderbnisabwehr und zum Wachstumszauber benutzt hat, daß ihnen (was H. aus der weiblichen Jagdbeute des Wilden Jägers schließt) als 'Männerbünden' z.B. der Kampf gegen die bösen Hexen oblag (277), eine sehr interessante 'Feststellung', die nicht nur die mittelalterliche Hexenverfolgung aus germanischem Aberglauben erklärt, sondern auch das Verbrechen einer Priesterhierarchie, die der 'sündigen' Evastochter den furchtbaren Prozeß machte, entschuldigen kann als germanische Männerbundfunktion. Das Bild ist klar: Bauer und Bäuerin mit Kindern und Mägden verkrochen sich, bis der Medizinmann kam und die Hexe vertrieb. Ist das 'germanisch'?"[405]

Die Mitglieder des Bundes seien gleich auserwählten kriegerischen Toten. "'Die ihm nicht angehören, Weiber, Kinder, Knechte, Feige und Untaugliche - sie sind ohne volles Recht, sie bleiben untergeordnete Wesen' (250). Mütter und Feige!", kommentiert Kummer.

Einen für "unseren Rassestolz gefährlichen Fremdgeist" entdeckt Kummer in der Tatsache, daß - nach Höfler - zwar nicht Weiber, aber Fremde den Männerbünden mit dämonischem Ritual beitreten und "das Volk beherrschen!!" konnten.[406] Seine "in alten Quellen keineswegs belegte Erscheinung" (ekstatische Männerbünde) zeichne Höfler ins germanische Leben hinein, "unterwirft es damit jener 'magischen Weltanschauung', die Alfred Rosenberg in seinem Buch gegen 'die Dunkelmänner in unserer Zeit' als Kennzeichen des nichtgermanischen Geistes wiederum bezeichnet hat".[407] Höfler ginge von der 'primitiven' oder der mittelalterlichen, nicht aber der germanischen Seele aus; der germanische Mensch habe erst durch seine Bekehrung zwischen "Bonifatius und Hexenhammer" die "Wandlung zur magischen Weltanschauung" erfahren. "Die Tatsache der Dämonisierung des Abendlandes durch die römische Dämonenlehre" werde durch Höfler verschwiegen oder geleugnet, während "die noch beim deutschen Ketzerrichter gefundene 'Disposition' zum Geisterbann für nordisches Erbe" erklärt werde, "genau wie es die 'Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts' tun"[408].

Als rassebewußter Nationalsozialist war sich Kummer so sicher in seiner Verurteilung der "terroristischen Geheimbünde" und der "von Höfler so oft 'primitiv' genannter 'Disposition' der Germanen zur 'Dämonie'" 'daß er - gestützt auf "Rosenbergs Auffassung vom Dämonenglauben des Südens und von der 'Ekstase'" - sich zu einem Anruf an die Partei verstieg:

"Wir rufen die Partei an, der wir in ihrem Kampf gegen das Widerdeutsche, u.a. gegen 'terroristische Geheimbünde', seit vielen Jahren dienten, daß sie sich dieser Frage annehme."[409]

Höfler hingegen, unterstützt von dem politisch einflußreichen Philosophen und Pädagogen Alfred Bäumler,[410] weiß (ahnt?), daß sein Germanenbild der Frühzeit, das die "politisch staatsbildenden Kräfte" hervorkehrt, die in den "religiös kultischen und kriegerischen Phänomenen stecken",[411] Zeitbedürfnissen entgegenkommt; so jedenfalls sieht es der Frankfurter Germanist Hermann Engster, der von Höflers Theorie kultischer Männerbünde sagt, sie stehe "in einem kräftig sich verstärkenden Wechselspiel mit [seinerzeit] aktuellen Bedürfnissen".[412]

Auf Kummers Kritik an den hexenverfolgenden Männerbünden geht Höfler an keiner Stelle ein, die Rolle der Frau bei den Germanen ist kein Thema für ihn. Um so nachhaltiger belehrt er Kummer über dessen Fehleinschätzung der Wikinger[413] und des Wodankultes, über sein aus Alt-Island abgeleitetes Germanenbild allgemein. Unterstützt auch von Joseph Otto Plaßmann,[414] dem Hauptschriftleiter der Zeitschrift des SS-Ahnenerbes "Germanien", betreibt Höfler die öffentliche Auseinandersetzung mit Kummer in der genannten Zeitschrift nur über dessen Germanenbild, die Wodansverteufelung, die Dekadenzthese germanischer Spätzeit und stellt dem seine Interpretation der gleichen Zeit gegenüber.[415] Höfler nennt die Methode der Kummerschen Geschichtsschreibung "ein ziemlich tolles Stück",[416] verwahrt sich gegen die "Herabsetzung der zweitausendjährigen deutschen Geschichte" als "dekadent" und ver-[77]weist auf die möglichen Folgen für das " 'Selbstbewußtsein' des deutschen Volkes".[417] Mögen Kummers Auffassungen von den Völkischen und den Rosenberg-Anhängern akzeptiert worden sein - "auf Seiten der SS zeigte man für Kummers Ansichten [...] kein Verständnis".[418] Daß jemand wie Kummer, der aufgrund seiner publizistischen Möglichkeiten dauernd insistierte und den vom SS-Ahnenerbe protegierten Höfler herabzusetzen suchte, zum Schweigen gebracht werden mußte, zumal er sich auch unentwegt als überzeugter Nationalsozialist zu erkennen gab, liegt auf der Hand. Denn auf die großen Aufsätze von Plaßmann (unter dem Pseudonym Hugin und Munin) und Otto Höfler antwortete Kummer mit polemischen radikalen Gedichtchen in seiner Zeitschrift "Nordische Stimmen".

Kummer und Höfler trieben ihre Kontroverse bis hin zu politischen Unterstellungen: Höfler hatte angeblich Kieler Studenten gegenüber geäußert, Kummer habe noch 1932 den Führer in seinen "Nordischen Stimmen" angegriffen. Kummer hingegen versucht sich gegen die Behauptung der Schriftleitung der Zeitschrift "Germanien" zu wehren, er habe Höfler "einen ausländischen Faschisten" und "Medizinmann" genannt.[419] Das SS-Ahnenerbe aber handelte. Der "Ahnenerbe"-Präsident (und spätere Rektor der Münchener Universität, 1941-1945), Walther Wüst, sandte eine mehrseitige Denkschrift an Himmler mit der Überschrift "Das Bedenkliche und Gefährliche in der Germanenauffassung von Dr. Bernhard Kummer, besonders im Hinblick auf die SS".[420] Kummers Kritik an den Männerbünden, entstanden aus einem - wie er sagt - "nationalsozialistischen Zeitverständnis", "das wissenschaftlich dem 'Mythos' [ev. Druckfehler?] wie der gesamten Rassenkunde vereinbar" sei[421], wird von Wüst als "verdächtigende, unerhört beleidigende und heimtückische Angriffe [...] auf 'Germanien' und die SS" verstanden.[422]

Um die Tragweite einer Wissenschafts-Auseinandersetzung aufzuzeigen, die eine Politisierung erfährt, sei hier aus der Denkschrift ausführlich zitiert:

"[...]. Gerade weil straffe und wehrhafte Mannschaftsverbände die unentbehrliche Grundlage jeder politischen Machtentfaltung nach innen und nach außen sind, wurden und werden solche Verbände von allen pazifistischen, demokratischen und 'gleichmacherischen' Gruppen gehaßt. Auch in Deutschland gibt es seit längerer Zeit eine Strömung, die in etwas kurzsichtiger und einseitiger Hochschätzung des bäuerlichen Friedens solche Wehrverbände als Ruhestörer ansieht. Das ist deshalb kurzsichtig, weil auch das Bauerntum zum Tode verurteilt wäre, wenn es nicht durch Wehrverbände gegen äussere und innere politische Gegner geschützt würde [Hervorh. B. S.]. Wehrverbände sind für das Leben jedes Volkes unentbehrlich. Sollte es jenen Strömungen gelingen, die Feindseligkeit gegen die Wehrverbände etwa auch in die Reihen der SS zu tragen, so würde dies selbstverständlich nur Wasser auf die Mühle der Wehrmacht sein, denn dann wäre ja der Wehrmacht allein das Recht zugesprochen, als wehrhafter Männerbund politische Macht auszuüben. Gerade die SS ist ein Mannschaftsverband, der zur Familie und auch zum Bäuerlichen nicht im Gegensatz steht, sondern sie organisch ergänzt, indem er sie politisch überdacht und schützt. Dies ist ein wesentlicher Vorzug des nationalsozialistischen Deutschlands. Nur hier besteht neben der Armee ein solcher Männerbund. Frankreich, England usw. kennen zwar die Armee als politische Macht, aber nichts, was den NS-Wehrverbänden und besonders der SS entspräche. In Deutschland allein besteht neben der Wehrmacht der Typus des politischen Männerbundes als entscheidender innenpolitischer und auch aussenpolitischer Machtfaktor. [...] Die germanische Geschichte aber zeigt, dass es sich dabei nicht um eine willkürliche Neuerung der Revolution handelt, sondern dass ähnliche Kampfgemeinschaften bis ins germanische Altertum nachweisbar sind (was Kummer leugnet), und dass sie überall die wichtigsten und entscheidendsten politischen Machtfaktoren in unserer Geschichte seit altgermanischer Zeit gewesen sind. Es kann wissenschaftlich exakt nachgewiesen werden, (was bisher übersehen wurde), dass die Bildung dieser politischen Verbände nicht etwa von aussen, zum Beispiel von Rom zu den Germanen gekommen ist, sondern dass sie seit der ältesten Zeit der eigentliche Mittelpunkt des politischen Lebens war und dass die einzigartige, weltumspannende Ausbreitung der nordischen Rasse und insbesondere auch der Germanen gerade auf der Stosskraft und Tragkraft dieser Verbände beruht."[423]

Eine Briefnotiz des SS-Ahnenerbe-Geschäftsführers Wolfram Sievers an Wüst vom 3.11.1937 verdient in diesem Zusammenhang besondere Beachtung. Sievers schreibt, daß er "die nur für den Reichsführer SS bestimmte Darstellung über die Bedeutung der Kummerschen Auffassung für die SS [...] nach Gesprächen mit Prof. Höfler und Dr. Plaßmann entworfen" habe. Sievers bittet Wüst, falls er die Darstellung so übernehmen könne, zu unterzeichnen.[424]

Ein Strafantrag gegen Kummer durch den SS-Anwalt Deutschmann war vorbereitet, eine Einstweilige Verfügung gegen den Verlag Adolf Klein ebenfalls. Wüst schlug Himmler vor, beim Reichswissenschaftministerium ein Disziplinarverfahren gegen Kummer zu beantragen, weil das Reichsministerium seinerseits Kummer wegen der "ausfälligen Bemerkungen [...] gegen die Berufung des o. Prof. Höfler" zur Rechenschaft ziehen müsse.[425] Himmler ist offensichtlich nicht den Empfehlungen Wüsts gefolgt. Ein Brief vom 31.12.1937 (in Beantwortung eines Briefes von Kummer an Himmler, der nicht erhalten ist), unterzeichnet vom Chef des Persönlichen Stabes Reichsführer SS, Wolff, ordnet lediglich eine klärende Aussprache zwischen Wüst und Kummer an, um die "entstandenen[78]Missverständnisse zu bereinigen", und eine Aussprache zwischen Kummer und Höfler, über deren Ergebnisse in den Akten nichts belegt ist.[426] Die Kontroverse endet für Kummer mit einer Ehrenerklärung für die SS, veröffentlicht in der Zeitschrift "Germanien" im April 1938, worin er sich auf das Gespräch mit dem Präsidenten des SS-Ahnenerbes, SS-Sturmbannführer Walther Wüst bezieht. Kummer bedauert seine Angriffe auf die Zeitschrift "Germanien", "deren enge Verbundenheit mit der Schutzstaffel" ihm nicht genügend bewußt gewesen sei und beteuert, er habe weder die Schutzstaffel noch den Reichsführer SS oder die Arbeit des "Ahnenerbes" herabsetzen wollen. Gleichzeitig erklärt er, von der Schriftleitung der Zeitschrift "Nordische Stimmen" sofort zurückzutreten.[427]

Otto Höfler erfährt den Einfluß des "Ahnenerbe"-Chefs positiv, weil seinem Wunsch nach einer Professur in München durch die Intervention Wüsts bei Himmler und Rust sehr schnell entsprochen werden konnte. Höfler stand im Lager des Stärkeren, Himmler! Kummer mit seiner "Kulturkampfhaltung" gegen Rom gerichtet und fatalerweise auch noch gegen das "SS-Ahnenerbe" polemisierend, "stand im Gefolge Rosenbergs" - nach Klaus v. See - "und zusammen mit ihm gerät er [...] mehr und mehr ins politische Abseits". [428]

2. Die unterschiedlichen Rezipienten der verschiedenen Hexenauffassungen

2.1 Arbeiten des SS-Ahnenerbes zum Thema Hexenwahn

2.1.1 Hans Bauer und sein Aufsatz "Vom Hexenwahn" (o.J.)

In dem schon erwähnten Archiv des Himmlerschen Sonderkommandos H befindet sich ein undatierter Aufsatz von 22 Schreibmaschinenseiten, überschrieben "Vom Hexenwahn", unterzeichnet mit Hans Bauer, Sta. Mann. Das Typoskript trägt den Briefkopf "Das Ahnenerbe e.V.". Weil dieser Aufsatz eine deutlich von der Rosenbergschen Auffassung der Thematik abweichende Interpretation enthält, die sich der Höflerschen annähert, sei er hier vorgestellt. Veröffentlichungen des Aufsatzes waren nicht aufzufinden; von dem Autor, Hans Bauer, waren lediglich einige kleinere Beiträge in der Zeitschrift "Germanien" publiziert worden, die ihn als Volkskundler auszuweisen scheinen.[429]

Wichtig war zu erfahren, wer war Hans Bauer? War seine Auffassung vom Hexenwahn typisch für die des "SS-Ahnenerbes"? Finden sich unter den Publikationen dieser Institution Aufsätze oder andere Arbeiten, die eine ebensolche Auffassung vertreten? Wie bedeutsam ist die Interpretation von Hans Bauer für die wissenschaftspolitische Arbeit der SS?

Nachforschungen zur Person Hans Bauer im Berlin Document Center, wo sich die Bestände des, "SS-Ahnenerbes" befinden, förderten eine schmale Akte zutage, die Auskunft gibt über das Leben und die berufliche Laufbahn eines jungen angehenden Wissenschaftlers, der über die SS-Mitgliedschaft Karriere machen wollte, aber schon im Jahre 1941 an der Ostfront fiel. Sein Leben und sein beruflicher Werdegang, wie er aus Akten und Fragebögen einer SS-Institution zu erschließen ist, wird zum Zeitdokument ebenso wie die Lebensläufe etablierter Wissenschaftler.

Hans Bauer wurde 1912 in der Nähe von Kattowitz (Oberschlesien) als Sohn eines Bergassessors geboren, studierte in München, Königsberg und Breslau zuerst Medizin, später, nach Übersiedlung der Eltern nach Berlin, Philosophie, Germanistik und Geschichte. 1933 war er in Breslau der SS beigetreten. 1936 begann er eine Tätigkeit als 'wissenschaftlicher Hilfsarbeiter' im "SS-Ahnenerbe e.V." und arbeitete in der Schriftleitung der Monatsschrift "Germanien".[430] Aus einer Mitarbeiterliste der Ahnenerbe-Stiftung Verlag geht hervor, daß der ehrenamtlich arbeitende Bauer neben einer Schreibkraft einziger Mitarbeiter Joseph Otto Plaßmanns in der Schriftleitung von "Germanien" war.[431] Wegen offensichtlicher administrativer Unklarheiten stellte Bauer 1937 ein Wiederaufnahmegesuch bei der SS und wird als SS-Anwärter geführt (Glaubensbekenntnis katholisch, Ehestandsdarlehen beantragt, neben standesamtlicher evtl. kirchliche Trauung vorgesehen).[432] In den Fragebögen der Reichsschrifttumskammer, um deren Mitgliedschaft sich Bauer 1939 bewarb, werden Veröffentlichungen der Fachgebiete Germanenkunde, Volkskunde, Philosophie und Religionswissenschaft aufgeführt und die Mitarbeit bei den Zeitschriften "Germanien", "Nordland" und "Deutsche Kraftpost" ausgewiesen bei Jahresbezügen aus diesen Tätigkeiten von 78,30 RM. (In einem späteren Fragebogen der Reichsschrifttumskammer vom 25.1.1940 wird Bauer als "gottgläubig, früher katholisch" geführt).[433]

[79]Am 7.4.1938 verwendet sich J. O. Plaßmann, Hauptschriftleiter der Zeitschrift "Germanien", in einem Brief an W. Sievers[434] für Bauer, worin er um den "wissenschaftlichen Einsatz des Mitarbeiters" bittet, der bisher unentgeltlich arbeitete. Eine baldige Promotion sei deshalb vonnöten, weil der Präsident des "Ahnenerbes", Wüst, Bauer als wissenschaftliche Sonderaufgabe das Thema "Kesselhaken und Herdbrauchtum im deutschen Volkstum" gestellt habe, Teil I "Kesselhaken und Herdbrauchtum im niedersächsischen Stammesbereich". "Diese Arbeit bietet eine Grundlage für einen Abschnitt 'Holz und Herd' in dem Sammelwerke 'Wald und Baum'".[435] Bauer teilt dem Präsidenten in einem Brief vom 19.5.1938 mit, daß er "im Einvernehmen mit Prof. Spamer, Berlin" an seiner Dissertation über Kesselhaken arbeite.[436] In einem Brief von Plaßmann an Sievers, worin sich dieser wiederum für Bauer einsetzt, findet sich ein handschriftlicher Zusatz am Rande: "Wird es unter obwaltenden Umständen für zweckmäßig gehalten, bei Prof. Spamer zu promovieren? 7.6.1938 W.W." (Walther Wüst).[437] Bauer wurde promoviert, ob durch Prof. Spamer oder jemand anderen war nicht zu ermitteln. Ingeborg Weber-Kellermann, seinerzeitige Spamer-Schülerin in Berlin, schreibt mir, sie sei Bauer nie begegnet, kenne auch keine Dissertation des genannten Titels; sie erwägt allerdings eine Interpretation der Wust-Notiz dahingehend, ob es "für einen aktiven Nazi" "opportun war, bei Spamer zu promovieren [...], denn 1938 war ja der Zeitpunkt einer besonders starken Kontrolle von Spamers wissenschaftlicher Arbeit: seine Aufnahme in die Preuß. Akademie der Wissenschaften wurde damals aus politischen Gründen verhindert".[438]

Die "Ahnenerbe"-Funktionäre förderten den Nachwuchs, wenn er so vielversprechend war wie Bauer. Plaßmann setzte sich wiederholt für Forschungsbeihilfen seines Mitarbeiters ein, Sievers, der Geschäftsführer, bittet um Versetzung des Staffelmannes Hans Bauer zum Persönlichen Stab Reichsführer SS aufgrund zweijähriger Tätigkeit für die Zeitschrift "Germanien".[439] Aus den weiteren Briefen innerhalb des "SS-Ahnenerbes" geht hervor, daß Bauer an "Fehmarner Vetternbücher" gearbeitet hat und innerhalb des Forschungswerkes "Wald und Baum" außer über das schon erwähnte Thema über "Die deutschen Rennsteige"; eine germanenkundliche Tagung vom 7.-10.6.38 half er vorbereiten. Anfang 1939 wurde Bauer auf eigenen Wunsch als Referent der "Forschungsstätte für Hausmarken und Sippenzeichen" zugeteilt.

Sein Aufsatz "Vom Hexenwahn" - über den sich im "Ahnenerbe"-Akt Bauer leider nichts findet -ist wahrscheinlich vor 1939 entstanden, als Bauer noch in der Schriftleitung von "Germanien" arbeitete.[440] In einem Aktenvermerk über den Stand von Bauers wissenschaftlicher Arbeit zitiert ihn Sievers: "Er [Bauer] meint, dass auf Grund seiner wissenschaftlichen Forschungen sich sagen liesse, das Leben überhaupt nur dort wachsen könnte, wo Heimat sei".[441]

Der Akt Bauer schließt mit einer Todesanzeige des Kriegsfreiwilligen Dr. Hans Bauer, der in einem Feldlazarett im Osten am 11. Dezember 1941 seinen schweren Verletzungen erlag. Der Reichsgeschäftsführer des "Ahnenerbes" hatte dem Reichsführer SS, Persönlicher Stab, noch am 10. Dezember 1941 Bauers Auszeichnungen mitgeteilt: Verwundeten-Abzeichen und EK II.[442] Bauers Aufsatz "Vom Hexenwahn"[443] ist grob gegliedert. Teil I "Zur Vorgeschichte des Hexenwahns" hat zwei Unterpunkte: 1. Zauberei bei den Germanen und 2. Die Weiterentwicklung. Im Teil II "Die Hexenprozesse" werden Hexenverfolgung und Anklagen anhand bekannter Fakten dargelegt und ein ausführliches Fallbeispiel angehängt. Für die Fragestellung dieser Arbeit ist Teil I von Bedeutung. (Seine Quellenangaben beschränken sich auf die Autoren Höfler, Huth, Riezler und Grönbech.)

Einleitend betont Bauer die Rolle der Germanenkunde, verbunden mit Volkskunde und Religionswissenschaft für die "Erkenntnis deutschen Wesens".[444] Auf "blutmäßig germanischem Boden" habe "der Hexenwahn seine furchtbarste Ausbildung erfahren". Moderne Germanen-Forschung müsse deshalb das wissenschaftliche Bild vom Hexenwahn "überholen" und "in den Zusammenhang der Geschichte des deutschen Menschen" stellen, damit eine "breitere Öffentlichkeit", die den Hexenwahn als "düsteres Kapitel der Geschichte" bisher verdrängte, durch "Einordnung in das Gesamtbild" die "positive Seite" [!] erkenne.[445] "Hexenwahn" und "Aberglauben des finsteren Mittelalters" seien Schlagworte geworden, die "in neuester Zeit Überholungen" dahingehend erfuhren, "den durchgängigen, ursächlich verhängnisvollen Einfluß der Kirche und des Christentums grundsätzlich festzustellen und in Einzelzügen darzulegen".[446] Es werde betont

"daß in der germanischen Religion, als einer natürlichen Religion, der abergläubische Wahn keinen Raum habe. Das ist zweifellos richtig. Nicht mehr richtig ist es jedoch, weiter zu schließen, daß dann auch die Einzelzüge der Erscheinung nicht germa-[80]nischen Ursprungs sein könnten und man sich nun bemüht, jeden für sich auf die Möglichkeit einer fremdländischen Herkunft hin zu untersuchen - ein Verfahren, das nie ganz ohne Erfolg bleibt, wie die Geschichte der Germanenforschung eindringlich lehrt."[447]

Das ist ganz eindeutig gegen die an Rosenberg orientierte Germanenforschung gerichtet. Bauer plädiert für eine andere Betrachtungsweise: Auf "das Gesamtbild der Zeit und ihrer Menschen" käme es an und "auf die Bestimmung des Ortes des Einzelbestandteiles in jenem Ganzen". Vor allem aber müßten die "Entwicklungslinien der vorhergehenden Zeiten" berücksichtigt werden. Bauer: "Die einzelnen Schichten innerhalb der Erscheinung des Hexenwahns müssen genau voneinander geschieden werden, damit das, was uns in erster Linie angeht, sich klar darstellt: Art und Glaube des Volkes."[448]

Vorab sei zu klären, "was die Germanen als Zauberei gekannt und wie sie es beurteilt" hätten und "wie sich der Begriff der Zauberei [...] zu dem der Hexerei des eigentlichen Hexenwahns gewandelt" habe, denn "die Zeit des Hexenwahns" erstrecke sich vom 15. bis ins "politisch-aufklärerische revolutionäre 18. Jh.", gehöre also der Neuzeit an.[449] Im Mittelalter sei "das Germanische immer wieder mit kaum gebrochener Frische" durchgebrochen, die kriegerische Stauferzeit brachte zwar "Verlust besten Blutes" aber "Hochkultur"! Erst in der Neuzeit durch den "Bruderkampf des 30jährigen Krieges" und den "Vernichtungswahn der Hexenverfolgungen" wären "schlimmste Einbußen an völkischer Substanz" zu verzeichnen. "Der Widerstand gegen die Mächte der Entartung erlahmte mehr und mehr", heißt es abschließend und unvermittelt am Ende der Einleitung.[450] Im Kapitel "Vorgeschichte des Hexenwahns" entwickelt Bauer seine interessanteste These: Den Zusammenhang von Brauch und Gemeinschaft in Gegenüberstellung zu individualistischer Zauberei. Als Spezialist für Holz und Herd leitet Bauer seine Brauchdarstellung aus dem Notfeuerbrauch her. Die germanische Religion habe "in erster Linie aus dem Brauch, der geheiligten Handlung", gelebt, die im Mittelpunkt des Kults stehe.[451] Am Ende des vollendeten Jahres, zur Julzeit, würden alle Herdfeuer, "lebensspendender Kern der Gemeinschaft", gelöscht werden und das Wilde Heer tobe "unter Wodans Führung über die Marken"; danach würden alle Herdfeuer aus einer Flamme wieder entzündet werden. "Wirksamkeit und Weihe des Brauches" bestehe darin, "daß die ganze Gemeinschaft ohne Ausnahme diese selbe Handlung vollzieht".[452]

"Als einer der Hauptbestandteile der Zauberei und des späteren Hexenwahns tritt das Wettermachen auf." Die vielleicht beabsichtigte Wirkung auf das Wetter beim Notfeuerbrauch unterscheide sich grundsätzlich von der des "verbrecherischen Wetterzaubers", weil "der Brauch von einer Gemeinschaft vollzogen wird, während die Zauberei eigensüchtigen Zwecken dient und ihre nicht sinnbildlich sondern als selber wirkend gemeinten Handlungen von einem Einzelnen vorgenommen werden". Hinzugefügt wird, daß "Zauberinnen, Hexen und Zauberer" bereits in den ältesten germanischen Quellen vorkommen. In den Sagas seien sie als "Finnen, also Nichtgermanen bezeichnet und waren verächtlich; richteten sie aber Schaden an, waren sie Verbrecher, und wahrscheinlich ist die Strafe des Verbrennens dafür schon germanisch."[453] Mit der Einführung des Christentums habe "der Kampf gegen das Brauchtum" begonnen, denn das Christentum sei "keine Gemeinschaftsreligion", sondern nur auf einzelne fixiert. "Die germanische Sittlichkeit", bestimmt durch den Lebenskreis der Gemeinschaft, die "das Mythische und Dingliche" in sich einschließt, sei durch das Christentum zerstört, der Blick "weg vom Heil der Gesamtheit auf das Heil des Einzelnen gelenkt" worden.[454] Um eine Erklärung christlicher Hexenverfolgung aus dem germanischen Verständnis der "Unholde" herzuleiten, beginnt Bauer "die Rolle des durchaus Bösen" über Märchen-Zauberer, Hexen, böse Feen zu erklären, Menschen, denen "eine geheimnisvolle Kraft innewohnt", die "Werkzeuge der Unterwelt, der Vernichtung sind". "Mit diesen ist kein Bündnis und keine Versöhnung möglich."[455] Das von Riezler angeführte Beispiel einer frühen Hexenverbrennung[456] im Jahre 1090 in Vötting am Fuße des Weihenstephaner Berges, nennt Bauer "einen grausamen Akt der Volksjustiz"; den Frauen war vorgeworfen worden, sie seien Giftmischerinnen und Verderberinnen von Menschen und Früchten. "Das waren zweifellos Hexen im Sinne des Volksmärchens, vielmehr: man hielt sie dafür." Mit dem Begriff "unholde" sei ein zauberisches Weib, das im Walde haust, schon in der Kaiserchronik bezeichnet worden. Unholde seien im sächsischen Taufgelöbnis Genossen des Donar, Wodan, Saxnot; Unholde hätten die Hexen zur Zeit des Hexenwahns in Süddeutschland im Volksmund und bei der Justiz geheißen. Mit Unhold habe man offensichtlich "einen Menschen bezeichnet, der Verkehr mit den bösen Geistern hat und ihm zeitweise ganz verfallen ist". Es handle sich dabei möglicherweise "um ähnliche Dinge, wie sie[81]Höfler für das Wilde Heer [...] untersucht hat; daß 'abergläubische' Überlieferungen nicht nur auf Mythenelemente zurückgreifen, sondern auf tatsächliches Brauchtum". Höflers "kultisches Brauchtum" überträgt Bauer auf die Zeit des altsächsischen Taufgelöbnisses, wenn er sagt:

"Diejenigen, die z.Zt. des altsächsischen Taufgelöbnisses Verkehr mit den alten Göttern hatten, waren die noch heidnischen Germanen: diese werden also hier Unholde genannt. Die Bekehrer, die das Wort und den Begriff gewiß nicht erst zu erfinden brauchten, hofften dadurch wohl das Rechtsempfinden des Volkes auf ihre Seite zu ziehen. Hier liegt eines der Geheimnisse des Erfolges der Bekehrer, denn es war ja tatsächlich, sobald erst ein Teil des Volkes wenigstens der Form nach das Christentum angenommen hatte, der Kult der heidnisch Gebliebenen, dem strengen Rechtsempfinden der Germanen nach, der Zauberei bereits bedenklich nahe gekommen; [...]."[457]

Diese These belegt Bauer mit einem Bericht von G. v. Grönhagen aus Finnland, daß die "letzten einzelnen Anhänger des Heidentums, die dem Namen nach natürlich Christen sind, sowohl dem Empfinden des Volkes wie auch der eigenen Überzeugung nach Hexen sind", das sei bis in die Gegenwart zu beobachten.[458] Obgleich Finnen als fremdrassig galten, wird von Bauer das finnische Beispiel herangezogen, um nach dem Muster des Höflerschen Kreisschlußverfahrens aus Gegenwärtigem Vergangenes zu erschließen.

Im Hochmittelalter sei die germanische Frömmigkeit noch einmal auferstanden und habe sich in Wort (Mystik) und Werk (Kirchenkunst) manifestiert. Die Scholastik aber habe jenen mittelalterlichen Glauben, "der ein wahrer Volksglaube um so mehr war, je weniger kirchlich, ja christlich er im Grunde war, verfasert."[459] Die Scholastik habe auch, aufbauend auf den Lehren der Kirchenväter, der griechischen und arabischen Philosophie und deren "unterweltlich dämonischen Erscheinungen" Geisterlehren entwickelt, "die in der Öffentlichkeit eine verheerende Wirkung ausübten, weil ja die Autorität der Kirche hinter ihnen stand", während "die volksmäßigen Vorstellungen" von Zauberei zu dieser Zeit eine verhältnismäßig geringe Rolle gespielt hätten.[460] Der Hexenwahn habe sich "als eine gewaltige Auseinandersetzung zwischen Intellektualismus und Volksseele" erwiesen. "Aber die Waffen waren ungleich. Das Christentum war eine geistige Macht, und nur eine geistige Macht vermag es, Einzelne zu fanatisieren, während jene tiefsten Schichten des Volksglaubens nur in einer ungebrochenen Gemeinschaft zur äußeren Wirksamkeit gelangen können. In den Händen der Kirche war außerdem die politische Macht."[461]

2.1.2 Der Aufsatz von Berta Dultz in der Zeitschrift "Germanien": Der Ursprung des Hexenwahns (1937)

Berta Dultz, wie Mudrak und Jaide, Autorin des Leipziger Adolf Klein Verlages, veröffentlichte dort 1935 in der Schriftenreihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken" die Arbeit "Germanische Geschichte im Grundriß", positiv rezensiert von der Ludendorff-Zeitschrift "Am heiligen Quell deutscher Kraft" und den "Nordischen Stimmen";[462] in der gleichen Schriftenreihe publizierte sie 1937, zusammen mit Wichart Borius, "Die Geschichte der Gegenreformation in Paderborn".

Ihr siebenseitiger Aufsatz "Der Ursprung des Hexenwahns" erschien in der Zeitschrift des "SS-Ahnenerbes" "Germanien" 1937[463] und nicht in einer der Kummerschen Blätter, wohl auch, weil er von der Rosenbergschen Auffassung von Hexenwahn (und der Kummers) deutlich abweicht.[464] Dultz spricht an keiner Stelle vom Import fremder Hexenvorstellungen aus dem Orient durch das Christentum, sondern betont die selbstverständliche, gemeinschaftserhaltende Rechtsfunktion der Germanen, gegen schadenstiftende Fremde gerichtet, die durch fremdes Recht in Frage gestellt wurde. Obgleich sie die Rolle der Höflerschen Männerbünde bei der Hexenverfolgung nicht erwähnt, ist die Grundaussage identisch mit der Höflers: schadenstiftende Hexen werden von der Gemeinschaft eliminiert.

Dultz nimmt gleich zu Anfang des Aufsatzes den Vorwurf auf, "der Hexenglaube sei von den germanischen Völkern ausgebildet worden",[465] weist ihn aber zurück und sagt, daß der "Glaube an Hexen, Teufel, Dämonen, böse Geister und Besessene in der Bibel als fester Bestandteil des Christentums bezeugt ist, während er in der altgermanischen Welt völlig fehlt".[466] Daß im germanischen Altertum die Heilkunde, wie auch der schadenstiftende Umgang mit Kräutern in der Hand von Frauen gelegen habe, die als "bölviskona (um Schadenstiften wissende Frauen) und seidhkona (in der Siedkunst bewanderte Frauen)" auf natürliche Weise "ihren Mitmenschen heimlich schadeten", versucht sie anhand eines Sagabeispiels zu beweisen, der Geschichte von Thund und Björn nach Snorri. "Die Volksgemeinschaft wehrte sich gegen diese ehrlosen Übeltäterinnen, indem sie sie hart bestrafte." Die Tötung von Frauen "um solcher Neidingstaten willen", oder der "Ausschluß aus der Volksgemeinschaft" seien durch Sagas belegt, nicht aber,[82]daß man sie lebendig verbrannte. Dultz unterstreicht: "Bemerkenswert ist, daß wiederholt gesagt ist, daß diese Künste von Finnen- und Lappenweibern erlernt wurden."[467] (Den Hinweis auf die rassische Minderwertigkeit von Zauberinnen in Altgermanien läßt, außer Höfler, kein NS-Autor aus!)

Aus den Rechtssammlungen - älter als die Sagas - zitiert Dultz diverse Passagen, Giftmischerei und Zauberei betreffend, nicht ohne zu erwähnen, daß sie kein germanisches Volksrecht darstellten, sondern "zum Schutze und zur Sicherung der neuen Königs- und Kirchenherrschaft erlassen" worden waren. Im 'Pactus Legis Salicae' aus dem Jahre 511 wie auch im 'Pactus Alamannorum' seien Sühnegelder bei nachgewiesenem Schadenszauber wie auch bei bloßer Anschuldigung vorgesehen gewesen (nicht mehr Tötung wie zuvor!). Im Alamannengesetz sei aber auch Folter als Bestrafung angedroht worden. Folter - d.h. nach Dultz Stockschläge - hätte es in Germanien nicht gegeben, und die Erwähnung beweise "die fremden Einflüsse im Gesetz". Neu sei die Rechtsauffassung im Edikt des Langobardenkönigs Rothar aus dem Jahre 643. Hier würden "die Hexen nicht bestraft, sondern geschützt".[468] Dultz zitiert: "Niemand soll sich unterstehen, eine fremde Frau oder Magd als Hexe, was sie auch Maske nennen, zu töten, denn es ist nach christlichen Vorstellungen in keiner Weise zu glauben und erscheint auch nicht möglich, daß eine Frau einen lebenden Menschen innerlich aufzehren könne." (Hervorh. B. S.) Dultz interpretiert: "Im Langobardenreich werden also fremde Frauen und Mägde der Hexerei beschuldigt, [...]. Anscheinend will dieses christliche Gesetz den Langobarden verwehren, nach eigenem Recht diese Frauen zu richten."[469] Das Sachsengesetz Karls des Großen, Artikel 6 - gegen die Sitte der Heiden gerichtet, eine vermeintliche Hexe zu töten und ihr Fleisch zu essen, bei Todesandrohung -, sei wie das 'Edictum Rothari', zum Schutze der Hexe gedacht. "Auch hier soll die Hexe vor der Bestrafung durch die Heiden beschützt werden."[470] "Die Bestimmungen haben ausnahmslos zum Ziel, die germanische Weltanschauung zu zerstören und die germanische Rechtspflege und die staatlichen Einrichtungen außer Kraft zu setzen."

War die Bestrafung und Tötung von Hexen bei den Germanen - nach Dultz - gerechtfertigt im Sinne germanischer Rechtspflege, so galt das nicht für Franken, wo "unüberbietbarer Aberglaube herrschte" und man sich "meisterlich auf Giftmischerei" verstand. Dort habe man "unbequeme Leute, indem man sie der Zauberei beschuldigte, auf grausamste Weise zu Tode"[471] gequält (Hervorh. B. S.).

In einem ausführlichen Exkurs schildert Dultz die Praktiken Fredegunds, ehemals "unfreie Magd", die zur Königin und Ehefrau Chilperichs I. von Westfranken (561-584) avancierte. Sie habe persönliche und politische Feinde beseitigt, indem sie sich der Anklage der Zauberei und Giftmischerei bediente, die Angeklagten lebendig verbrennen ließ und sich ihrer Güter bemächtigte.[472] Die Franken hätten nun "die gleichen verbrecherischen Mittel, deren sie sich im eigenen Lande bedienten, auch in den unterworfenen Ländern" angewendet, mit dem Ergebnis, "daß die Sachsen diese Verbrecher nach ihren eigenen Rechtsanschauungen hinrichteten oder, wie bei den Missionaren, einfach totschlugen".[473]

Als Beweis für die germanische Herkunft des Hexenwahns und der Hexenprozesse "könnten weder die Verbrechen der 'unfreien Mag und Christin Fredegund' noch die der stark keltisch und romanisch vermischten 'christlichen Franken'" gelten. Sie seien "den germanischen Völkern erst nach ihrer Bekehrung bekannt" geworden. "Heidnische Vorstellungen und Gebräuche" der Germanen vermochte man durch Verbote nicht auszurotten, also rottete die 'Heilige Inquisition' die Menschen aus, "deren Treue nicht zu brechen war". Die Eigenschaften der "mythischen Gestalten", die man "zu Teufeln und Unholden erklärte", "wurden jetzt den Menschen angedichtet", die man als "Teufelsdiener" und als "Ketzer" verfolgte.[474] Hierzu findet sich eine Fußnote, unterzeichnet mit Pl (Hauptschriftleiter Plaßmann?), die auf den Inquisitor Konrad von Marburg verweist, bei dem man "die Vorstellungen spätmittelalterlichen Hexenwahns zuerst ausgebildet" fand. Er "wagte sich mit seinen Beschuldigungen an die größten Männer des Reiches [...]". "Wie das Volk darüber dachte, gab es eindeutig zu erkennen, als es daraufhin den sadistischen Dominikaner totschlug."[475] Die Hexenprozesse hätten die "germanischen Völker in ihrem rassischen Bestande unheilbar geschädigt, indem sie die rassisch hochwertigsten Menschen vernichteten, und sie haben bewirkt, daß der germanische Mythos in Hexen- und Teufelsgeschichten unterging. Nicht für immer [...]!", denn Nietzsche habe das prophetische Wort von der einstigen Wiedererstehung des mythischen deutschen Geistes gesprochen.[476][83]

2.2 Die protestantische Zeitschrift "Deutsches Pfarrerblatt" wertet die Auffassungen Mudraks, Jaides und Höflers

Höflers Idee hexenbekämpfender Männerbünde deckte sich offensichtlich mit dem Männerbund-Ideal des SS-Ahnenerbes und mit dessen Auffassung von Gemeinschaft. Diese Idee wurde aber auch von kirchlicher Seite positiv bewertet, weil sie die germanischen Wurzeln des Hexenwahns zu bestätigen schien. An dieser erstaunlichen Tatsache - auf die Kummer in seinen Veröffentlichungen und in seiner Auseinandersetzung mit dem SS-Ahnenerbe wohl etwas ungeschickt hinwies - störten sich offensichtlich weder die SS noch die entsprechenden kirchlichen Zeitschriften. Für diese Arbeit wurde aus den kirchlichen Publikationen zum Thema Hexen diejenige ausgewählt, die sich sowohl mit den an Rosenberg orientierten Interpretationen (Mudrak und Jaide) als auch mit Höflers Auffassung auseinandersetzt.

Die Artikelserie von Liz. Wilhelm Hartmann in der Zeitschrift "Deutsches Pfarrerblatt": Der Hexenglaube und die Hexenprozesse in neuer Beleuchtung (1938)

Wilhelm Hartmann (1902-1966) aus Burgörner bei Hettstedt im Harz war evangelischer Pfarrer und veröffentlichte mehrfach germanenkundliche Arbeiten. Obwohl er in der Zeitschrift der Deutschen Glaubensbewegung "Neues Leben" (1926) publizierte und eine seiner Monographien aus dem Jahre 1935 mit der roten Hakenkreuzrune der DG-Zeitschrift "Deutscher Glaube" versehen ist,[477] bezieht er in der dreiteiligen Artikelserie zum Hexenthema nicht die Position der "Neuheiden" Kummerscher Prägung, sondern die der "Studien", mithin der katholischen Kirche und - das ist besonders bemerkenswert - zieht Otto Höfler und seine Hexendarstellung zum Nachweis germanischer Wurzeln des Wahns mit heran.

Hartmann interessiert über die Rolle der Kirchen bei der Hexenverfolgung hinaus der Stand der Forschung. Jacob Grimm und Adolf Wuttke,[478] später Karl Weinhold, Eugen Mogk und Erik Noreen und vor allem Lily Weiser-Aall, aus deren Hexenartikel im HDA er ausführlich zitiert, hätten schon den "Hexenglauben auf das alte Germanentum" zurückgeführt.[479] Soldan, Heppe und Riezler dagegen hätten die "romanischen und orientalischen Überlieferungen" betont und "alle Versuche, die Kirchen reinzuwaschen [von der Schuld der Verfolgung], scharf abgelehnt".[480] Von den drei Veröffentlichungen zum Hexenthema in Kummers Schriftenreihe lehnt Hartmann die Besprechung der Schrift von Müller-Reimerdes als tendenziös ab, wendet sich aber ausführlich Mudrak und Jaide zu, deren Abhandlungen man "den wissenschaftlichen Charakter nicht absprechen könne". Jaide untersuche "Motive und Personen bei der Zauberei", bösen Blick, Verwandlung, Hexenritt, vermisse aber in den Sagas "das Maskenwesen". Otto Höfler aber habe den Beweis für "den heidnischen Ursprung von Maskendarstellungen" in seinem Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" erbracht. Daß - nach Jaide - im Saga-Zauber Menschenraub und Menschenfraß fehlten, ebenso wie die "geschlechtliche Zügellosigkeit und der Verkehr mit dem Teufel", beantwortet Hartmann mit der Existenz von "Menschenfresserei" im "uralten Volksmärchen" und dem Gesetzeswerk Karls des Großen (wie schon wiederholt dargestellt) im bewährten Kreisschlußverfahren. Mudrak irre, wenn er im Gesetze Karls d. Gr. "einen Kampf gegen bloß römisches Heidentum sehen will",[481] und auch die geschlechtliche Zügellosigkeit sei ja schon Freya und Odin zugeschrieben worden, und "uralt" seien auch die "Kopulationsbräuche" bei der Aussaat. Ausführlich wird zur Erhärtung der These der "geschlechtlichen Zügellosigkeit" Otto Höfler zitiert: "In den Sagen von den Hexensabbaten - und gewiß auch in den Hexenkulten, die wirklich vollzogen worden sein mögen - ..." [s. S. 74].[482] Die Gestalt der Frau Venus habe den germanischen Namen Holda getragen, sie und die Hexenfeste auf dem Hörselberg bei Eisenach seien bestimmt "urheidnisch". Der Teufel habe die germanischen Namen Valant, Volant, Wieland - der Eibenfürst - getragen, als Feuer- und Schmiedegott war er Loki verwandt und nahm sich nach der Sage Menschenfrauen zu eigen; in den Verdacht der Zauberei gerieten - nach Hartmann - außer Hebammen, Schäfern, Spielleuten vor allem die Schmiede. Das Rasse-Argument Jaides, die Zauberer seien "rassisch Fremde" gewesen, ist ebenfalls für Hartmann nicht stichhaltig. Immer schon hätten Menschen "dem unheimlichen Fremden" magische Kräfte zugetraut, zuletzt noch die evangelischen Thüringer und Ostpreußen (im Volksaberglauben) den Jesuiten. Jaides und Mudraks Darstellungen seien zurückzuweisen, vor allem die Schlußfolgerung Mudraks, daß bei Fehlen eines germanischen Zauberglaubens in den nordgermanischen Quellen diese Vorstellung nur das[84]Ergebnis von auf verschiedenen Wegen zu verschiedenen Zeiten erfolgter Einwanderung fremdartiger Vorstellungen sein könne. Das sei die gleiche Geisteshaltung wie die Kummers, der Wodan, den Gott des Zaubers, als ungermanisch hinstellen wolle, worüber Otto Höfler "ein scharfes Urteil gefällt" habe.[483]

Im Teil II des Artikels wird Höfler wiederum als Zeuge bemüht, er habe Werwolfsbünde in Kurland bis 1691 nachgewiesen, denen "zu Nutze der Schöpfung" der Kampf "gegen die bösen Zauberer oblag".[484] Die Mitglieder seien häufig, genau wie die Hexen, hingerichtet worden wegen "ihres heidnischen Charakters und der raubenden Tätigkeit, nicht aber aufgrund von Schadenszauber." Die "unbedingte Verschwiegenheit fordernden Eide" - nach Höfler - würden zwar Nachforschungen erschweren, aber Höfler habe mit seiner Methode der Sagen-Interpretation ermöglicht, "auf einen Kern wirklichen Geschehens zu stoßen". In seinem Kapitel "Dämonenverfolgung" schreibe Höfler, "daß die Hexenverfolgung schon im Mythus wurzelt. Der wilde Jäger hetzt das dämonische Weib!" Nach Hartmann sind das "wütende Heer" und die Werwolf-Vereinigungen identisch! Auch die Tage des Hexen- bzw. Werwolftreibens gäben Aufschlüsse über Zusammenhänge: am Johannistage sei Hexentreiben, am Luciatage Werwolfstreiben bezeugt, Weihnachten sei Tag des Hexen- und Werwolftreibens gewesen; nicht, wie Soldan/Heppe behaupteten, aus bloßer Antichristlichkeit da angesetzt, sondern an diesen Tagen hätten in altgermanischer Zeit Kultfeste stattgefunden. All das seien Zeichen dafür, daß der Volksglaube das ganze Mittelalter hindurch eine Rolle gespielt habe, obwohl die Kirche sich gegen das "rigorose Vorgehen des Volkes gegenüber dem Hexenwesen" ausgesprochen habe. Durch den Hexenhammer sei zwar "eine neue Situation geschaffen worden", und die Kirchen hätten insofern Schuld auf sich geladen, daß sie das unmenschliche Vorgehen gegen den Wahn nicht verhinderten.[485] Im III. Teil der Artikelserie, den Hartmann überschreibt: "Die Hexenversammlungen in den Prozeßakten und im Streit der Geister", zieht er mehrere Fall-Beispiele heran, nicht ohne immer wieder zu betonen, daß dem Werwolftreiben geheime Maskierungen zugrunde lagen und daß man mit Höfler "die Tatsache des Zustandekommens der Werwölfe und Hexen als wirklich geschehen" annehmen müsse.[486] Es seien "Geheimbünde der Hexen und Zauberer bis in spätere Zeit anzunehmen, die allerdings immer seltener wurden durch das rigorose Vorgehen sowohl als auch durch die Macht emporsteigender gesunder Aufklärung einerseits, und der mehr in das Innere der Herzen eindringenden Christianisierung andererseits".[487]

IV. Heinrich Himmlers Sonderkommando H (Hexen)

Während Rosenbergs Interesse an der Hexenverfolgung ein theoretisches war, einbezogen in seine Kirchenkampf-Debatte, hatten Himmler und die SS ein praktisches Interesse an der Problematik. Die Anhänger Rosenbergs hatten größtenteils defensiv argumentiert und sich mit den Darstellungen der katholischen "Studien" auseinandergesetzt, Himmler dagegen hatte von langer Hand eine fundierte Grundlage zur Auseinandersetzung mit den Kirchen[488] vorbereitet, indem er 1935 das sogenannte Sonderkommando H gründete mit der Auflage, Hexenprozeßakten zu sammeln und auszuwerten.

1. Die Kartei des Sonderkommandos H als Gegenstand der Forschung

Der Historiker Gerhard Schormann berichtet erstmals ausführlich über das beim Sicherheitsdienst (SD) in Berlin eingerichtete Sonderkommando H (Hexen-Sonderkommando), das auf Veranlassung Heinrich Himmlers 1935 gegründet wurde und nach 1939, als der SD im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) aufging, dort der Abt. VII, Archivamt, unterstand.[489] Schormann hatte die Archivbestände dieses Sonderkommandos im Wojewodschaftsarchiv in Poznań (Republik Polen) entdeckt, wo sie 1946 von Sława bei Głogow aus, dem Ort ihrer kriegsbedingten Auslagerung, hingelangt waren. Alle Informationen über das Kommando stammen aus den Akten dieser Archivbestände, die von polnischen Archivaren unter Leitung von Prof. Nawrocki geordnet worden waren. Keiner der ehemaligen SS-Archivmitarbeiter konnte bisher als noch lebend ermittelt werden; über die Tätigkeit des Sonderkommandos wurde offensichtlich auch anderweitig nicht publiziert. Das Sonderkommando H arbeitete in Berlin in der Wilhelmstraße 102. Es bestand vermutlich aus acht Mitarbeitern, nur drei sind mit vollem Namen ausgewiesen, von den anderen kennt man nur Initialen, mit denen sie zeichneten. Sie befaßten sich mit der Sammlung und Auswertung von Hexenpro-[85]zeßakten und erstellten in der Zeit von 1935 bis 1944 (als die Arbeit des Kommandos eingestellt und die Bestände ausgelagert wurden) eine Zentralkartei von 3.621 Mappen (nach Gerichtsbezirken geordnet), die rund 30.000 Blätter enthielten, DIN A 4-Formulare mit einem 57 Punkte umfassenden Frageschema zu jeder der Anklagen.[490] Ein Materialfundus dieses Umfanges über ein Sachgebiet, dem sich die historische Forschung gerade verstärkt zuwendet, muß die Historiker fasziniert haben. Das Bundesarchiv Koblenz erwarb die gesamten Archivbestände, die sogenannte Hexenkartoteka, auf Mikrofilm.[491]

Schormann warnt allerdings bereits aufgrund seiner Einsicht in die Akten von Poznań vor zu großen Erwartungen. Seine Stichproben ergaben lückenhafte Arbeit, Unvollständigkeit, vor allem aber eine besondere Art des Exzerpierens durch die NS-Archivbeamten aufgrund besonderer Fragestellung, bei der "das soziale Umfeld außer acht blieb".[492] Nach Schormann seien die Ergebnisse der Auswertung dürftig, vom Frageschema der Formulare her, wie auch allgemein, weil eine befriedigende Erklärung für Hexenprozesse ohne die Einbeziehung des sozialen Umfeldes nicht möglich sei; "der Weg in das soziale Umfeld führt über die Prozeßakten hinaus".[493]

In der Zwischenzeit sind mehrere Arbeiten zur Himmlerschen Hexenkartothek im Entstehen; die Historiker Walter Rummel (Trier) und Wolfgang Behringer (München)[494] stellten auf der im März 1988 veranstalteten Tagung des Arbeitskreises Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH) in Stuttgart-Hohenheim erste Ergebnisse vor. Sie bestätigen im wesentlichen Schormanns Eindruck: Die NS-Archiv-Beamten haben äußerst unzuverlässig gearbeitet. Irrtümer, Dopplungen, Verwechslungen von Material und Personen sind die Regel. Die Exzerpte der Prozeßakten auf den Fragebögen sind für Historiker nur mit äußerster Vorsicht zu verwenden. Behringer empfiehlt allen "Hexenforschern und Hexenforscherinnen sich die Kartoteka zwar anzusehen, danach die vom Sonderkommando H benutzten Quellen selbst noch einmal gründlich durchzulesen [...] und sich noch einmal auf Quellensuche zu begeben".[495] Eine Zusammenfassung der Tagungsergebnisse von Stuttgart-Hohenheim legte Dieter Harmening aus Würzburg auf der Tagung der Görresgesellschaft 1988 in Bayreuth vor. Wichtig erschien mir sein Appell an die Volkskunde, das interessante Archivmaterial des Sonderkommandos doch nicht ausschließlich den Historikern zu überlassen, die aufgrund spezifischer Fragestellungen Problembereiche der Volkskunde nicht oder nur unzureichend berücksichtigen würden. Eine Durchsicht der Archivbestände von Poznań unter volkskundlicher oder auch zeitgeschichtlicher Fragestellung brächte mit Sicherheit andere Dinge ans Licht als die, mit denen sich die Frühneuzeit-Historiker beschäftigen, deren zentrale Frage nach der Bedeutung des Materials für die Erforschung der Hexenprozesse in Deutschland ihren Themenzugang bestimmt. Ich verweise in diesem Zusammenhang beispielsweise auf die Sammlung von Zeitungsausschnitten des Sonderkommandos H[496] oder das "Spezielle Begriffsregister"[497] mit Rubriken wie: Bevölkerungsverluste, Ideenbildung, Kulturzustände, soziologische Probleme, dessen Bearbeitung laut Schormann "offensichtlich in den Anfängen steckengeblieben" sei[498], das aber m.E. Aussagen über Absichten und Ziele des Sonderkommandos zuläßt. Im Rahmen dieser Arbeit konnte eine umfangreiche Aktendurchsicht der Bestände aus Poznań nicht geleistet werden. Mit Hilfe einiger weniger Quellen - einigen ausgefüllten Fragebögen und den sogenannten "Methodischen Anweisungen zur Erstellung von 'Problemarbeiten'", einem "Fragenkatalog" und einer Zeitungsnotiz aus den fünfziger Jahren - "wird der Versuch unternommen herauszufinden, welches besondere Interesse Himmlers SS-Archivare an den Hexenprozeßakten hatten und welche Wege sie u.a. beschritten, um zu Ergebnissen zu kommen.

Es handelt sich - das muß betont werden - um einen Interpretationsversuch.

Mutmaßungen über das Zustandekommen der Karteieinträge

Es stellt sich die Frage, wie ein so ehrgeiziges Unternehmen wie diese Hexenprozeßakten-Sammlung und -Auswertung von immerhin mehr als 30.000 Prozessen technisch überhaupt zu bewältigen war. Die acht ermittelten (vermuteten) Archivmitarbeiter erreichten in acht Jahren 126 Archive, neun Bibliotheken und zwei Museen, aus denen sie interessierende Materialien entnahmen. Schormann nennt diese Zahlen eindrucksvoll und einen Beweis dafür, daß die Mitarbeiter des Archivs trotz aller jetzt feststellbaren Lückenhaftigkeit des Materials "in großem Stil recherchiert und ein umfangreiches Material zusammengebracht haben".[499] In deutlichem Gegensatz zur Fülle des Materials steht dessen Auswertung in Form der Formular-[86]eintrage. Wenn acht Archivmitarbeiter 30.000 Prozeßakten unterschiedlicher Länge auszuwerten hatten, ausgedehnte Archivreisen unternahmen und auch die Administration des Unternehmens betreuten (das geht aus den Korrespondenzen hervor), dann mußten die Ergebnisse Defizite aufweisen, selbst wenn man höchste berufliche Qualifikation voraussetzt.

In diesem Zusammenhang verdient eine Notiz in der Zeitung "Christ und Welt" vom 5.4.1951 besondere Beachtung. Im Vorwort zu einer Serie "Hexenprozesse einst und jetzt: Mutter Wolffen und der Teufel" von Herbert Blank heißt es: "Nach mehr als achtjähriger Haft erhielt der im Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen internierte Schriftsteller Herbert Blank im Jahre 1942 durch Heinrich Himmler einen Auftrag von besonderer Art. Das Geheimhaus der SS in Berlin Wilmersdorf, Emser Straße, barg in großer Anzahl von überall her zusammengetragene Hexenprozeß-Akten; ein Teil von ihnen wurde Blank zugewiesen, der jede Akte durcharbeiten und jeweils einen kurzen Auszug herstellen sollte. Anlaß und Ziel dieses Unternehmens haben sich bis heute nicht aufklären lassen.[...] Während Blank in den Malefiz-Akten dem Weg der Opfer bis zum Scheiterhaufen nachging, qualmte in etwa Hundert Meter Entfernung von seinem Arbeitsraum der Schornstein des KZ-Krematoriums.[...]"[500]

Man kann davon ausgehen, daß Herbert Blank kein Einzelfall war. Daß KZ-Häftlinge dem Sonderkommando zuarbeiteten, im Angesicht von Folterung und Tod über mittelalterliche Folterungen lesen mußten, ist ein weiteres Beispiel des kaum mehr überbietbaren Zynismus Heinrich Himmlers.

Für die Hexenkartothek und die damit verbundenen zahlreichen offenen Fragen könnte das bedeuten: Die Unzulänglichkeiten und Unrichtigkeiten der Kartei-Einträge im Vergleich mit den Originalakten fände in der sicherlich nicht ausreichenden Sachkompetenz der KZ-Häftlinge eine zusätzliche Erklärung. Aber wie qualifiziert waren die SS-Mitarbeiter des Sonderkommandos? Erich Merkel, einer der namentlich bekannten Mitarbeiter, war Lehrer und wurde direkt aus dem Schuldienst in das Sonderkommando H übernommen, schied aber bereits 1941 wieder aus.[501] Es bleibt zu fragen, wer tatsächlich die Kartei-Einträge vornahm, eine Frage, die nur durch einen noch lebenden Mitarbeiter beantwortet werden könnte. Nachforschungen nach Angehörigen des verstorbenen Herbert Blank blieben leider bisher erfolglos. Zusammenfassend kann man sagen, daß nach dieser Information - Bearbeitung von Hexenprozeß-Akten im KZ - die zeitgeschichtliche Forschung ansetzen müßte, um herauszufinden, m welchem Umfang im KZ dem Projekt zugearbeitet wurde und welche Auswirkungen das auf die Kartothek selbst gehabt hat. Die Gründe, die Himmler wohl bewegen haben könnten, das Sonderkommando H ins Leben zu rufen, bleiben für die Historiker wie auch für die Zeitgeschichtler bisher noch ungeklärt. Michael Kater[502] vermutet, daß Himmler im Hexenwesen wie im Freimaurer- und Judentum ein "Politikum höchsten Ranges" gesehen habe. Das Gründungsjahr des Sonderkommandos 1935 läßt auf mögliche Zusammenhänge mit dem Kirchenkampf schließen (2. Auflage der "Studien" - nach Neuß "1934 und 1935 vielleicht das gelesenste Buch in Deutschland").

2. Fragenkatalog und methodische Anweisungen zur Erstellung von "Problemarbeiten" für Archiv-Mitarbeiter

Es war mir möglich, in einen Teil der Poznań-Akten Einsicht zu nehmen. Korrespondenzen von Archiv-Mitarbeitern ließen erkennen, daß der Versuch des SS-Ahnenerbes, das Sonderkommando H an sich zu ziehen, erfolgreich abgewehrt wurde.[503] Gleichzeitig werden in diesem kurzen Briefwechsel die "Arbeiten des H-Sonderauftrages" und ihre Problemorientierung angesprochen, wohl auch, um dem SS-Ahnenerbe die geplante breite Abdeckung des Themas zu demonstrieren, die eine gleichzeitige Tätigkeit des SS-Ahnenerbes erübrigen würde. Folgende Themenkomplexe beabsichtigte das Sonderkommando zu bearbeiten:

1. Erforschung der rassen- und bevölkerungsgeschichtlichen Wirkungen der Hexenprozesse,

2. die wirtschaftsgeschichtlichen Folgewirkungen der Hexenprozesse,

3. die Wertung der Frau in den Hexenprozessen und schließlich

4. ein Überblick über das bisherige Schrifttum zu den Hexenprozessen.[504]

Aus den eingesehenen Akten wurde ersichtlich, daß die Erstellung sogen. "Problemarbeiten" ein offensichtlich zentrales Anliegen des Sonderkommandos gewesen sein könnte (zusätzlich zur reinen Fleißarbeit der Auswertung von Hexenprozeß-Akten in den Formularen); es ist sogar denkbar, daß die Formulare das Material hätten liefern sollen, wonach "Problemarbeiten" sich orientierten, je nachdem, ob die Fragebögen zu den Problemstellungen Antworten bereithielten. Bei den zu erstellenden Arbeiten wird noch einmal differenziert in problemgeschichtliche und landesgeschichtliche Arbeiten; das wird ersichtlich aus dem Protokoll einer Besprechung, die unter Leitung des[87]SS-Obersturmführers Dr. Spengler mit Staffelsturmmann Merkel und Staffelrottenführer Schrenck in Berlin-Zehlendorf am 3. August 1937 stattfand. Sie stand unter dem Thema: "Richtlinien für die H-Arbeit". Die einzelnen Diskussionspunkte waren folgende:

- Eine Problemarbeit über die gerichtlichen Verfahren (Hexenprozesse) wurde verworfen, eine solche Arbeit würde sich "nicht verlohnen, weil sie für den politischen Zweck der H-Arbeit nicht verwendbar sein würde".[505]

- Eine Bildreise (Fotoreise) zu den Erinnerungsstätten der Hexenverfolgung sollte solange zurückgestellt werden, bis eine "Liste der photographisch lohnenden Objekte" bereitstünde.

- Bearbeitung von Auslandsarchiven sollte "vorläufig nicht erfolgen".

- Die landesgeschichtliche Arbeit sollte von jedem Mitarbeiter über "seine Gebiete" erstellt werden (eine Arbeit). "Später wird es sich dann nötig machen, daß er [der Mitarbeiter] für die maßgeblichen Tageszeitungen in den einzelnen Städten seines Gebietes Artikelserien über die H-Verfolgung in den einzelnen Orten schreibt".[506] (Hervorh. B. S.)

- Die Aufteilung der Gebiete sollte nach einzelnen Volksarten vorgenommen werden und eine genaue Grenzaufstellung (für Mitteldeutschland) sollte gemacht werden.

- Der Ostuf.. Spengler verlangte von seinen Mitarbeitern vorab eine Rohfassung dieser Arbeiten mit Kapitelgliederung auf ca. zehn Schreibmaschinenseiten. Der Umfang der landesgeschichtlichen Arbeit sollte ca. 300 Druckseiten betragen.

- Über die Problemarbeiten "Die Folter bei den Hexenprozessen" und "Die Geschichtsfälschung in der Literatur über die H-Prozesse" ließ sich Spengler von Schrenck und Merkel berichten. (Es geht aus den Angaben nicht hervor, ob diese Arbeiten bereits vorlagen, oder aber projektiert waren.)

- Abschließend gab Spengler an alle Archiv-Bearbeiter die Weisung "bei der Ausarbeitung ihrer Arbeit stets die politische Verwendbarkeit und Schlagkraft im Auge zu behalten".[507]

Über das erste der vier o.g. Themen, hier genannt "Bevölkerungs- und rassegeschichtliche Problemarbeit", liegt ein sechsseitiger Gliederungsentwurf vor von Rudolf Levin, einem der Archiv-Mitarbeiter, datiert 14. August 1937. Er war offensichtlich als Arbeitsgrundlage für die Mitarbeiter gedacht. Außerdem fand sich ein undatierter Fragenkatalog zum gleichen Thema, der sicherlich ebenfalls als Arbeitshilfe dienen sollte, mit Fragen nach:

1. eventuell vorhandenem statistischem Material über Hexen in einer Stadt oder Landschaft,

2. Eignung dieser Landschaft, entsprechend ihrem vorhandenen Quellenmaterial zur "systematischen bevölkerungsgeschichtlichen Erforschung",

3. Angaben über "Zerstörung von Familien, Sippen, Generationen",

4. sozialer Schichtzugehörigkeit der Angeklagten,

5. Angaben über Denunziation,

6. Erfassungsmöglichkeit von Herkunft oder Stamm der Richter,

7. gegnerischer Stimmung und schließlich

8. sozialpolitischen Wirkungen.[508]

Der Gliederungsentwurf von Levin mit dem Titel "Überblick über die rassen- und bevölkerungsgeschichtliche Problemarbeit" ist eine differenziert ausgeführte Arbeit mit eindeutiger Betonung der Schwerpunkte im Hinblick auf die Problemstellung, außerdem enthält er wichtige Arbeitshinweise. Einleitend erwartet Levin eine Beschreibung von "Wegen und Zielen der Arbeit" und den "methodischen Fragen".[509] Seine drei großen Gliederungspunkte sind:

A. Ideen und Persönlichkeiten

B. Die Einwirkungen der Hexenprozesse auf das deutsche Volksleben im 16. und 17. Jahrhundert

C. Volksgeschichtliche Ergebnisse und weltanschaulich-politische Folgerungen.

Im Kapitel A "wird Anschluß gesucht zu den [vorliegenden] Arbeiten von Untersturmf. Murawski und St.-Rottenführer Richter".[510] Unter Punkt A.1: "Die Ideen der Hexenverfolgung und der Volksglaube im 15. und 16. Jh." soll auf Zaubereiprozesse bei germanischen Völkern und im Mittelalter zurückgegriffen werden. Für das 16. und 17. Jh. wird nach "der Beeinflussung des deutschen Volkslebens [...] durch Tractate, Flugschriften, Predigten und dogmatische Werke in Hinsicht auf den Hexenbegriff" gefragt. Der Weg der systematischen Hexenverfolgung durch Deutschland sei unter A.2 zu behandeln. Dazu wird das Anfertigen einer graphischen Tabelle empfohlen, "deren Ordinate die einzelnen Ortschaften und Städte, deren Coordinate die einzelnen Jahrzehnte darstellen" solle,[511] und diese Arbeit soll interpretiert werden hinsichtlich "konfessioneller und stammesmäßiger Probleme". Für die Persönlichkeiten (A.3) wird "typenmäßiges" Vorgehen empfohlen mit jeweils einem Beispiel (Landesherren und Staatsmänner, Bischöfe, außerdem Bürgermeister und Ratsherren).[512]

[88]Unter Kapitel B (das "eigentliche Zentralkapitel der Arbeit") wird vorab gesagt, daß die genaue Problemstellung erst nachdem die Ergebnisse der gesamten Aktenaufarbeitung vorliegen, vorgenommen werden könne (Hervorh. B. S.); vorerst müsse man "Arbeitshypothesen aufstellen". Als Vorbemerkung dieses Kapitels solle das "Volksleben im 15. Jahrhundert" und die "religiösen und antikirchlichen Strömungen im Volke" dargestellt werden. Bevölkerungsstatistische Aufstellungen sollten folgen, sozialpsychologische Forschungen sollten vorgenommen werden. Zur bevölkerungsstatistischen Forschung wird nachdrücklich auf Kirchenbücher verwiesen, während frühere Statistiken staatlicher und kirchlicher Behörden für unbrauchbar erklärt werden (mit Negativbeispielen).[513] Auch die Kirchenbücher seien quellenkritisch zu behandeln; auf Vollständigkeit, auf Relevanz in konfessionell gemischten Gebieten, auf ihre präzisen oder weniger präzisen Eintragungen sei zu achten. Die "historische Quellenkritik" könne bei der "praktischen Arbeit geklärt werden".

Ein "Methodischer Ansatz zur sozialpsychologischen Forschung" wird vorgeschlagen. Auf Supplikationsschriften, Korrespondenzen, Inventarverzeichnisse wird verwiesen, "die als ausgezeichnete Belege dafür gelten könnten, welches soziale Elend die Hexenprozesse in vielen Gegenden verursacht haben".[514] (Hervorh. B. S.) Die Flucht aus der Gemeinde, verursacht durch Denunziation, sei sozialpsychologisch und bevölkerungspolitisch höchst wichtig. Für die Erforschung der Einwirkungen in Einzelgebieten werden Ortschaften als Beispiele vorgeschlagen, ebenso einzelne Bistümer. Der Folgeabsatz verweist auf Vergleiche mit anderen Begründungen des Bevölkerungsausfalls (Pest, Seuchen, Kriege).

"Dieses historische Vergleichskapitel wird deshalb besonders wichtig, weil hier die Einwände, die der Gegner sicher hervorbringen wird, hier an der entscheidenden Stelle gleich ausgeschaltet werden müssen. Diese Einwände werden die historische Bedeutung der Hexenprozesse für das deutsche Volksleben im 16. und 17. Jh. dadurch herabmindern wollen, daß sie Pest, Seuchen und Truppendurchzüge im Dreißigjährigen Krieg als geschichtlich unendlich bedeutungvoller für die Bevölkerungsverluste darstellen."

Dem sei entgegenzuhalten, daß die Hexenprozesse "bewußt" vorangetrieben wurden, Seuchen u. dgl. aber "schicksalhaften Charakter" trügen, die Truppendurchzüge durch "politische Konstellationen" bedingt gewesen seien. Die Verantwortungslosigkeit bei den Förderern der Hexenprozesse sei schwer zu werten. "Bei einer genaueren historischen Darstellung werden wir deshalb die weltanschaulichen Positionen des Gegners schwer treffen können"[515] (Hervorh. B. S.). Der Großgliederungspunkt C ist als systematischer Überblick über die vorangehenden Kapitel und Fragestellungen gedacht, untergliedert in:

1. Die zerstörenden Momente in systematischer Betrachtung

2. Das Problem des Rassencharakters

3. Das Rassenproblem als Grundlage für die Geschichtswertung der Hexenprozesse.[516]

Beim Rassencharakter wird auf die Gewissenskonflikte der Angeklagten im Falle von Falschaussagen verwiesen (Furcht vor dem Fegefeuer). Da der/die Angeklagte aber gestehen müsse, was der Richter wolle, sei dadurch "eine Schwächung und Zerstörung aller inneren Werte eines Menschen" bedingt, so daß man "von einer Zerstörung der besten Charakterwerte unseres Volkes" sprechen könne.[517] Eine "Auflösung germanisch-deutscher Grundwerte" solle "vielleicht im Anschluß an Alfred Rosenberg geschildert werden", wie sie (die Grundwerte) im "Spezialfall Hexenprozesse aufgelöst worden sind".[518] "Das Rassenproblem als Grundlage für die Geschichtswertung der Hexenprozesse" sei das "historisch bedeutungsvollste", das am schwersten darstellbar sei. Die biologische Rassezugehörigkeit festzustellen sei unmöglich. Nur gelegentlich würden äußere Kennzeichen der Angeklagten in den Akten mitgeteilt. Deshalb hätten die Ausführungen zu diesem Punkt vom Charakterproblem auszugehen. (Hervorh. B. S.) Folter hätte schwerste Charakterprüfung bedeutet, "hier erweist sich der Charakter als durchaus rassebedingt". Manche Frauen und Männer hätten wirklich heroisch alle Folterqualen durchgehalten.

"Als körperlich vollkommen ruinierte Menschen sind sie doch charakterlich ungebrochen geblieben. Diese seelische Widerstandskraft, die nicht nur der körperlichen Folter, sondern auch der seelischen Folter (Interrogatoriensystem; Sorge des Vaters und der Mutter um ihre daheim gebliebenen Kinder: diese Sorge wird oft in gemeinster Weise von den Richtern zu neuen Geständnissen ausgenutzt) entgegengesetzt wird, kommt aus dem besten rassischen Erbe unseres Volkes" (Hervorh. B. S.)[519].

Das Gewissensproblem müsse ähnlich betrachtet werden. Der letzte Gliederungspunkt, Schlußbetrachtungen, wird nicht weiter kommentiert. Der Levinsche "Überblick" wie auch der "Fragenkatalog" lassen Forschungsschwerpunkte der SS-Historiker erkennen. Ausgehend von den germanischen Zauberei-Prozessen wird den "dogmatischen Ausdeutungen" des Hexenbegriffs im 16. und 17. Jh. und damit verbunden Traktaten und Flugschriften ein prägender Einfluß auf das Volksleben eingeräumt. Volksleben ist ein zentraler Begriff,[89]den Einwirkungen der Prozesse auf das Volksleben gilt die besondere Aufmerksamkeit der Historiker; einmal im Hinblick auf:

1. religiöse und antikirchliche Strömungen im Volke (auch gegnerische Stimmung)

2. bevölkerungsstatistische Fragestellungen (Bevölkerungsausfall)[520]

3. bevölkerungspolitische Probleme (soziale Verelendung durch Flucht aufgrund von Denunziation)

4. sozialpsychologische Folgen (Zerstörung von Familien, Sippen, Generationen).

Im Fragenkatalog taucht außerdem die Frage nach Schichtzugehörigkeit der Angeklagten auf, aber auch nach Herkunft und Stamm der Richter.[521] Die Ergebnisdiskussion soll volksgeschichtlich hinsichtlich der "zerstörenden Elemente" (auf Familie, Sippe, Dorf- und Stadtgemeinschaft) und weltanschaulich-politisch hinsichtlich der "Zerstörung der Charakterwerte der Angeklagten" und "Auflösung germanisch-deutscher Grundwerte" als rasse-problemorientiert vorgenommen werden.[522] Die Anweisungen zu graphischen Darstellungen der geographischen Ausbreitung der Verfolgungen komplettieren die Arbeit (Hervorh. B. S.).

2.1 Die Karteikarten (Auswertungsformulare) in Beziehung zu den "Problemarbeiten"

Das Formular bzw. der Fragebogen soll im Hinblick auf die im "Überblick" angesprochenen Forschungsschwerpunkte hier noch einmal kurz dargestellt werden. Ein DIN A4-Blatt ist in acht unterschiedlich große Rubriken eingeteilt. Insgesamt 57 Fragepunkte sind in diesen Rubriken so verteilt, daß bei einigen Fragepunkten mehr Raum zur Beantwortung bleibt als bei anderen. Das ist der Fall bei Punkt "43. Führend. H.-Bekämpfer:", "44. Stellung des Bischofs:", "45. Stellung der Orden:", "52. Beteiligte Geistliche, Orden, Inquisitoren:", oder aber "22. Stellung zur Kirche:", "25. Gefangenschaft und Folter:", "26. Geständnis:", "27. Urteil:", "28. Hinrichtung:", "31. Lit. u. Qu.angb.:". Der Fragepunkt "21. Rasse:" steht zwischen den Punkten "20. Ansehen:" und "22. Stellung zur Kirche" und hat nur knappen Raum zur Beantwortung. Die Frageformulare waren - das zeigt schon Schormann an einem Beispiel auch bei einer Fülle von Informationen in einer von ihm zitierten, 43 Blatt starken Prozeßakte, äußerst dürftig ausgefüllt,[523] oft auch fehlerhaft (wie schon oben angemerkt). Die Frage "22. Stellung zur Kirche:" ließe sich in Beziehung setzen zum Problemschwerpunkt "religiöse und antikirchliche Strömungen im Volke". Zur Beantwortung des zweiten Problemschwerpunkts "Bevölkerungsausfall", wären schon territorial determinierte quantifizierende Zusatzuntersuchungen notwendig, die Formulare bieten dazu lediglich die Punkte "28. Hinrichtung:", "29. allein:", "30. mit:" als etwaige Hinweise an (oft aber bleiben die interessierenden Fragepunkte unbeantwortet).

Der Problemschwerpunkt 3 des "Überblicks", "Soziale Verelendung durch Flucht", bleibt im Fragebogen gänzlich unberücksichtigt; Punkt 4, "Sozialpsychologische Folgen", kann nur erschlossen werden, wenn beispielsweise Kinderzahlen eingetragen sind, oder durch vergleichende Untersuchungen festgestellt würde, daß mehrere Familienmitglieder (Generationen) verurteilt wurden. Der Fragenkatalog ist für diesen Problemschwerpunkt nicht angelegt.

Die Frage nach Schichtzugehörigkeit kann aus den Fragen "18. Besitz:" und "20. Ansehen:" evtl. erschlossen werden. Die Frage nach Herkunft und Stamm des Richters hingegen ist nicht in dieser Form berücksichtigt, es gibt lediglich die Frage "49. Richter:", einzeilig zu beantworten. (Die mir vorliegenden zwei Formulare weisen lediglich einmal fünf und einmal neun Einträge von den insgesamt 57 Fragepunkten auf.)[524] Wolfgang Behringer berichtet von zusätzlichen Archiv-Exzerpten, in einer speziellen Kartei nach Archiven geordnet. Der Umfang der Exzerpte ist wiederum nicht in Beziehung zu setzen zum Umfang der vorliegenden Akten. Einige davon - beispielsweise von einem Münchener Hexenprozeß von 1615 - sind auf Hunderten von Karteikarten eingetragen; andere ausführliche Archivakten aber - so der Münchener Pappenheim-Prozeß, der auf 600 Blatt im Bayerischen Hauptstaatsarchiv einzusehen ist - werden in der Hexenkartothek nur knapp exzerpiert. Nach welchen Kriterien die Auswahl vorgenommen wurde, ist bisher nicht feststellbar. Es erscheint nach dem heutigen Wissensstand zufällig und willkürlich. Hier müßte die Forschung erneut ansetzen.

2.2 Der "politische Zweck der H-Arbeit"

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Interpretation des Frageformulars allein, auch unter Berücksichtigung der Größe der Leerräume für bestimmte "erwartete" Antworten, doch sehr vage[90]und unzuverlässig ausfallen muß. Der "Überblick" hingegen bietet wesentlich mehr Interpretationsmöglichkeiten, weil er Schwerpunkte ausführlich darlegt. Die des öfteren auftretenden Hinweise auf den "weltanschaulichen Gegner", dessen Einwände man vorausschauend mitberücksichtigen solle, um sie gleich entkräften zu können, weist auf Zielvorstellungen hin, die zwar im "Überblick" nicht eindeutig konkretisiert werden, aber den "politischen Zweck der H-Arbeit"[525] erkennen lassen, wenn man sie wiederum in Beziehung setzt zu anderen Veröffentlichungen aus der unmittelbaren Nähe Himmlers. Josef Ackermann stellt in seinem Buch "Heinrich Himmler als Ideologe" zwei Schriften aus dem Dokumentenbestand des "Persönlichen Stabes Reichsführer SS" vor, eine mit dem Titel "Herstellung des Urglaubens" (undatiert),[526] die andere ist ein Plan zur "Erschließung des germanischen Erbes", im Auftrage Himmlers vom "Pers. Stab Reichsführer SS" im Jahre 1937 verfaßt. Der erste befaßt sich mit "Maßregeln seitens des Staates in kluger Aufeinanderfolge" gegen die Kirchen gerichtet; sie reichen von der Erfassung des gesamten Kirchenbesitzes über Aufhebung von Klöstern und Klosterschulen bis zur "Unschädlichmachung von Geistlichen aller Grade mittels der dem Staate zur Verfügung stehenden Mittel".[527] Der zweite nennt zwei "Hauptaufgaben": Die Überwindung des weltanschaulichen Gegners[528] und Erschließung des germanischen Erbes, "von allen geschichtlichen Mißdeutungen befreit".[529]

Vorgeschichte, Geschichte, Volks- und Brauchtumsforschung seien deshalb für die Schutzstaffel "Aufgabengebiete von unabmeßbarer Bedeutung". Dem christlichen Mittelalter müsse die Forschung mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen, "namentlich den Nachrichten über alle Gegenbewegungen zum Christentum, [die] von unseren heutigen weltanschaulichen Erkenntnissen her in einem ungeahnten Maß die germanischen Erbströme erkennen" ließen.

"Es wird sich aus dieser Forschungsrichtung eine neue Einheit des germanischen Weltbildes, seine Kontinuität durch alle Jahrhunderte bis in die nationalsozialistische Weltanschauung hinein ergeben. Anders gesagt: der Nationalsozialismus wird von hier her seine geschichtliche Begründung erhalten, freilich in einer Umwertung fast aller Jahrhunderte und der sie tragenden Erscheinungen [...]."[530]

Die soziologischen und bevölkerungspolitischen Problemansätze, die angestrebten Vergleiche zwischen germanischen Zaubereiprozessen und den Hexenprozessen der frühen Neuzeit, die Suche nach antikirchlichen Strömungen im Volke und die Betonung des "Rassenproblems als Grundlage für die Geschichtswertung der Hexenprozesse" sind Versuche einer historischen "Umwertung" der Jahrhunderte, in denen Hexenverfolgung stattfand.

V. Rezeption des Themas Hexenwahn

1. Anregungen und offene Fragen

Nachdem im Gliederungspunkt III.2 schon einmal die Rezeption des Themas angesprochen wurde, allerdings im Hinblick auf die Modifikation der Höflerschen Auffassung durch das SS-Ahnenerbe und die gleichzeitige Indienstnahme derselben Auffassung durch eine führende protestantische Kirchenzeitschrift - soll jetzt auf die Rezeption des Hexenthemas allgemein eingegangen werden, allerdings nur anhand von Einzelbeispielen unterschiedlichster Art.

Um die tatsächliche Relevanz des Themas Hexenwahn/Hexenverfolgung im Dritten Reich beurteilen zu können, wäre eine umfangreiche Rezeptionsforschung nötig, die für diese Arbeit nicht geleistet werden konnte. Überregionale Zeitungen und Zeitschriften, möglicherweise sogar Rundfunkprogramme müßten durchgesehen werden, ob und wie häufig das Thema behandelt wurde. Bei der Auflistung von Titeln zum Thema müßte differenziert werden zwischen Regional-Studien und theoretischen Arbeiten; oftmals sind Regional-Studien in Theorie-Ansätze oder Hinweise auf Wissenschaftskontroversen oder Kirchenkampf eingebettet, sozusagen eine Mischform zwischen theoretischen Abhandlungen und Fallbeispielen. Im Zuge einer nicht systematischen Suche nach Zeitungs- und Zeitschriftenpublikationen zum Hexenthema fiel auf, daß die Veröffentlichungen, die das Wort Hexenwahn bereits im Titel trugen, auf die unterschiedlichen Auffassungen und Interpretationen von der Herkunft - germanisch oder orientalisch-römisch - in der Regel kurz eingingen. Wohl nur mit Hilfe einer quantifizierend vergleichenden Untersuchung einer angemessenen Anzahl von Zeitschriften- und Zeitungsveröffentlichungen könnte der Stellenwert ermittelt werden, den der Kirchenkampf in den Darstellungen des Hexenthemas tatsächlich hatte. Bei deutlich erkennbarem Schwerpunkt könnte eine Kategorie gebildet werden. Einer anderen Kategorie wären die Veröffentlichungen zuzuordnen, die das The-[91]ma als Teil der Frauengeschichte behandeln vor dem Hintergrund der "neuen Frauengeltung" im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Es wäre von besonderem Interesse herauszufinden, ob das Hexenthema in Frauenzeitschriften deutlich stärker repräsentiert war als in anderen Zeitschriften, ob es möglicherweise als frauenspezifisch eingestuft wurde. Zwei weitere Kategorien könnten die rein historischen Fallstudien bilden und die spektakulären Veröffentlichungen mit der Betonung von Folter und Brutalität, die es allerdings nicht nur in der NS-Zeit gab, sondern auch davor und danach. Die schon erwähnten Mischformen erschweren die Kategorisierung. Es kann dennoch aufgrund der Kenntnis zahlreicher Artikel aus heimatkundlichen Zeitschriften, aber auch aus regionalen Tages- und aus kirchlichen Zeitungen eine solche Untersuchung befürwortet werden, weil zumindest Tendenzen ablesbar werden, die Aussagen zulassen über den Stellenwert des Themas im Dritten Reich. (Bibliographien gerade der Zeitschriftenveröffentlichungen, wie die schon erwähnte von Harmening für den fränkischen Raum oder die von Sipek, überregional, wären wertvolle Hilfen für eine solche Untersuchung.)

Durch Interviews wäre in Erfahrung zu bringen, inwieweit das Thema Hexenwahn - angeregt durch Rosenbergs "Mythus" - in nationalsozialistischen Schulungen aufgegriffen wurde. "Hexenwahn" als Schulungsthema bei der HJ wird z.B. durch Hans Falkenberg, einen Kommilitonen, bezeugt. Er hat es als Pimpf selbst erlebt. Das Schulbuch sollte einbezogen werden. Eine Stichprobe eines Geschichtsbuches der 7. Klasse (Oberschulen/Gymnasien) von 1940 ergab, daß das Thema Hexenverbrennungen als Folge des "inneren Verfalls Deutschlands" nach dem Dreißigjährigen Krieg in nur zwei Sätzen abgehandelt wurde.[531] Es bleibt zu fragen: Wurde das Thema Hexenverfolgung im nationalsozialistischen Geschichtsunterricht generell vernachlässigt? Auf der von Rosenberg anläßlich des Reichsparteitages 1939 veranstalteten Ausstellung "Frau und Mutter - Lebensquell des Volkes" in Zusammenarbeit mit der Reichsfrauenführung der Deutschen Arbeitsfront und dem Rassepolitischen Amt der NSDAP war das Thema Hexenverfolgung/Hexenwahn in Texttafeln, Abbildungen und einem Originalexemplar des Hexenhammers von 1499 repräsentiert. Als ergänzendes Schrifttum wurden Mudraks und Reimerdes' Arbeiten zum Hexenwahn empfohlen. Der Katalog ist in der Bayerischen Staatsbibliothek vorhanden. Die darin enthaltenen Aufsätze geben Aufschlüsse über ein nationalsozialistisches Frauenbild, das eindeutig der aktiven kämpferischen Gefährtin des Mannes vor der leidenden Frau den Vorzug gibt.(!)[532] Es bliebe zu untersuchen, ob noch andere Ausstellungen das Hexenthema aufgegriffen haben und ob es, wie in diesem Falle, in das Thema Frauengeschichte integriert war.

Die Zeitschrift "Der Schulungsbrief" vom Hauptschulungsamt der NSDAP und DAF herausgegeben, widmet dem Thema in der Märznummer 1937 sechs Seiten, reich bebildert. Im "Rahmen des Hauptthemas 'Stellung der Frau in der deutschen Vergangenheit, und die sich ergebenden Folgerungen für unsere Zeit'" beschränkte sich die Schriftleitung "auf die Zitierung der jüngsten Forschungsergebnisse"; sie entnimmt sie den Arbeiten von Müller-Reimerdes - unter Aussparung aller kämpferisch emanzipatorischer Sentenzen - und Mudrak. Das "Thema und seine unheilvolle Bedeutung hinsichtlich des Verlustes besten deutschen Blutes" könne leicht "ein ganzes Heft der Reichsschulungsbriefe" füllen, das aber würde den oben angeführten "Rahmen sprengen".[533] Hexenwahn als Frauenthema, nur im Zusammenhang mit "Stellung der Frau in der Geschichte"? Im Hinblick auf die Aktivitäten der SS im Sonderkommando H wurde in zwei SS-Zeitschriften nach dem Thema "historischer Hexenwahn" gesucht. Die Zeitschrift "Das schwarze Korps" bringt im interessierenden Zeitraum nichts darüber. Die Zeitschrift "SS-Leitheft" bemühte sich speziell um Geschichtsschulung und bot im Rahmen dieses Programms in drei aufeinanderfolgenden Wochen "historische Aufsätze" an. Der erste von SS-Ostuf. Dr. Walter Bohm mit dem Titel "Die Vernichtung deutschen Blutes durch die Kreuzzüge, die Inquisition und den Hexenglauben der Kirche" hat drei Teile; dem letzten, "Hexenglaube", sind fünf Seiten gewidmet.[534]

Aus dem Pfarrarchiv von St. Vitus in Ellwangen wurden mir mehrere HJ-Flugblätter aus dem Jahre 1935 übersandt. Sie waren an der Tür der Sakristei der Stiftskirche angeschlagen worden: hektographierte Typoskripte mit der Großüberschrift "Deutscher wach auf!" Eines davon zitiert einen längeren Absatz des Kapitels "Der römische Hexenwahn" aus Rosenbergs Dunkelmänner-Schrift.[535] Die Flugblattaktion der HJ war kirchenkämpferisch angelegt. Der erste Absatz jedes Flugblattes beginnt mit den Sätzen:

"Das landesverräterische Zentrum erhebt wieder sein freches Haupt. [...]. Alfred Rosenberg rechnet ab mit jenen, die keine[92]5 Minuten auf der Kanzel stehen können, ohne über ihn, Hauer oder das 'Neuheidentum' zu wettern, einfach deshalb, weil sie über die Grundzüge des Glaubens nichts zu sagen wissen, rechnet ab mit jenen, die im Namen Gottes den Staat unterwühlen, deckt ohne jede Umschweife l 1/2 Jahrtausende Schwarzer Schande über Deutschland auf. Lest Alfred Rosenbergs Kampfschrift: 'An die Dunkelmänner unserer Zeit'!"

Bemerkenswert, daß das HJ-Flugblatt Rosenberg in direkte Beziehung zu Hauer und das "Neuheidentum" setzt! Es bleibt zu fragen, ob derartige Flugblattaktionen, die wiederum das Hexenthema aufgriffen, Einzelfälle waren, oder auch anderswo durchgeführt wurden.

Abschließend sei noch auf eine besondere Form der Rezeption des Hexenthemas verwiesen: In der breit angelegten volkskundlichen Diskussion zum Aberglaubensbegriff (im Gegensatz zu Volksglauben) wird das Hexenthema ebenfalls behandelt. Die Wissenschaftler Friedrich Pfister, Hans Strobel, Lutz Mackensen, Edmund Mudrak, vor allem aber Matthes Ziegler haben dazu in den dreißiger Jahren in Form von Aufsätzen, Rezensionen, aber auch in einzelnen Kapiteln größerer Veröffentlichungen interessante Interpretationen angeboten, die im Rahmen dieser Arbeit nicht vorgestellt werden können, aber Stoff für eine gesonderte Aufbereitung bieten. Kirchenkampf ist auch hier Hintergrund der Diskussion.[536] Dasselbe gilt für zwei Handbuch-Artikel: Im schon erwähnten "Handbuch religiöser Gegenwartsfragen" von 1937 wird das Thema "Hexen" über sechs Seiten ganz im Sinne der Verfasser der "Studien" abgehandelt. 1940 gab Rosenberg unter maßgeblicher Mitarbeit von Matthes Ziegler das "Handbuch der Romfrage" heraus; dem Thema "Hexenwahn" sind hier zwölf Spalten eingeräumt, Rosenbergs Auffassungen (einschließlich Etrusker-These) werden noch einmal erhärtet. Der Hinweis auf die "konfessionelle Entlastungsoffensive" hinsichtlich der "Nachrichten über Zauber- und Hexenglauben im germanischen Raum" - gemeint sind die "Studien" - zeigt, daß der Kirchenkampf um das Hexenthema auch 1940 noch aktuell war. Der Vergleich beider Handbuchartikel ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, bietet aber ebenfalls Material für eine gesonderte Abhandlung.[537]

2. Das Hexenthema, in Zeitungen und Zeitschriften der Deutschen Glaubensbewegung

 

Aufgrund der Vorannahme, daß die "neuheidnischen Bewegungen" am Hexenthema besonders interessiert gewesen seien, um sie im Kirchenkampf einzusetzen, wurden verschiedene Zeitungen und Zeitschriften der Deutschen Glaubensbewegung der Jahrgänge 1934-1937 durchgesehen. Hauers Monatsschrift "Deutscher Glaube - Zeitschrift für arteigene Lebensgestaltung, Weltanschauung und Frömmigkeit" (1934-1944), spart das Thema völlig aus.

Der "Reichswart", die alte nationalsozialistische Wochenschrift des Grafen Reventlow (später "Organ der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung", ADG, mit gleichem Herausgeber), gibt zwar Kummer wiederholt Gelegenheit, über germanische Frauengeltung zu schreiben und wirbt für seine Bücher, das Thema Hexen und Hexenprozesse erscheint aber im interessierenden Zeitraum nur dreimal: einmal als Artikel, einmal als Fortsetzungsgeschichte und einmal als Abdruck eines spanischen Zeitungsartikels von 1883. Anders die Wochenzeitung "Durchbruch. Kampfblatt für Deutschen Glauben, Rasse und Volkstum". Hier wird auf die mittelalterlichen Hexenverbrennungen und auf die Ketzerverfolgung in allen existierenden Jahrgängen eingegangen. In einer Februarnummer von 1935 handelt ein Artikel (o.V.) über "Gewinn bei der Hexenverbrennung" und, nachdem der Kampf der Kirche gegen Rosenbergs "Mythus" in einigen Nummern breit dargelegt wurde, veröffentlicht ein Dr. Werinher, sich auf die Dunkelmännerschrift Rosenbergs beziehend, einen Artikel mit dem Titel "Kommt das Mittelalter wieder?". Es werden die von der Inquisition zu Tode gemarterten Vorfahren beschworen, "die durch das Band des Blutes und der Gesinnung mit uns aufs engste verbunden sind", um vor der Zukunft zu warnen, "vor der Möglichkeit einer, wenn auch indirekten Inquisition [...] wie das Beispiel Österreich zeigt [...]!"[538] Der Artikel ist mit Abbildungen mittelalterlicher Folterungen versehen. Einige spätere Nummern werben für sogenannte "Kampfpostkarten" (mit Abbildungen), die vom Hauptwerbeamt der Deutschen Glaubensbewegung herausgegeben wurden. Es sind Holzschnitte von Folterszenen der Inquisition mit Bildunterschriften: "Der Weg zur Wahrheit?" oder "So zerbrach der deutsche Mensch!", oder "Ein Sinnbild deutschen Christentums".[539] "Das Ringen der Weltanschauungen" mündet gegen Ende 1936 in eine Aberglaubensdiskussion, wobei Zitate von Karl von Spieß, Hans Strobel und Friedrich Pfister herangezogen werden. Im Jahre 1937 wird über den "Hexenhammer. Das[93]Lehrbuch der Hexenrichter" berichtet, über "Walpurgisnacht, Maibrauchtum und Hexenglaube". Am 15. April 1937 erscheint ein Artikel im "Durchbruch", überschrieben mit "Ungesühnte Blutschuld. Ketzermorde" (o.V.), der so scharf und polemisch gegen die Kirchen gerichtet formuliert ist, daß der "Durchbruch" daraufhin von der Kirche verklagt wurde. Der Artikel gipfelt in den Worten: "Darum erheben wir im Namen der Millionen Gemordeten Anklage gegen die Kirchen, vor allem gegen die römische und fordern Sühne für die grauenhaften Verbrechen im Laufe von 12 Jahrhunderten Christentum in Deutschland".[540] Die Klageschrift der Kirche wirft dem "Durchbruch" Aufreizung der Volksmassen, Erzeugung einer Pogromstimmung und Störung des inneren Friedens vor und wird vom "Durchbruch" am 15. Juli 1937 ausführlich kommentiert. Es heißt dort: "Mord bleibt Mord und fordert Sühne" und am Schluß gesperrt gedruckt: "Wie die Revolution von 1933 kein Blut vergoß, so wird auch keinem Priester ein Haar von uns gekrümmt werden. Das heißt für uns 'Revolution', daß wir unserem Volke das Bessere bringen, und das heißt 'Sühne', daß die Kirchen aus Deutschland verschwinden."[541] Eine Hexengeschichte in Fortsetzungen, "Die Hexenbabelin" von Karl Konrad, der Bericht über einen "Protestantischen Hexenprozeß. Ein Blutbild aus Lemgo", gezeichnet mit F.M., und schließlich noch ein Nachabdruck aus einer Erfurter Zeitung, mit dem Thema "Das Hexenhaus" beschließen die Hexen-/Ketzer-Themen des Jahres 1937 im "Durchbruch". Im Jahre 1938 wird das Thema noch zweimal aufgegriffen - jeweils historische Studien - bevor die Zeitung ihr Erscheinen einstellen mußte.

Der "Durchbruch" erhöhte seine Auflage im Jahre 1935 von 4.000 auf 12.015,[542] er glaubte sich im Einverständnis mit der nationalsozialistischen Bewegung, auch was den Kirchenkampf betraf. Daß das nur bedingt der Fall war, darauf wurde im Kapitel 1.2.1 verwiesen.

Die Durchsicht der drei Zeitschriften bzw. Zeitungen kann nur als Stichprobe gelten. Die deutliche Häufung des Themas "Hexen" in der Zeitung "Durchbruch" läßt noch keine verbindliche Einschätzung der Repräsentativität des Themas für die vielfältigen Publikationen der Deutschen Glaubensbewegung und der völkischen Splittergruppen zu. Eine angemessene Anzahl dieser Publikationen auf die Relevanz der Hexenthematik zu untersuchen, wäre eine eigene Arbeit.[543]

3. Das Thema in kirchlichen Zeitschriften und im "grauen Schrifttum" der Kirchen

Aus dem breiten Spektrum kirchlicher Zeitschriften wurden nur diejenigen ausgewählt, denen Kummer Kulturkampfabsichten unterstellt hatte.[544] Nur zwei von ihnen können hier stellvertretend für andere kurz dargestellt werden. Die katholische Zeitschrift "Schönere Zukunft" veröffentlichte 1935 zwei relativ ausführliche Artikel zum "römischen Hexenwahn", einen von Univ. Prof. Oskar Herget, Wien, "Der römische Hexenwahn"[545] und einen von Dr. Pius Havemann, ebenfalls Wien, "Eine Gegenrechnung zum Kapitel 'Römischer Hexenwahn'".[546] Die Darstellung Hergets verdient im Themenzusammenhang deshalb besondere Erwähnung, weil er - ausgehend von "einer bekannten Streitschrift der Gegenwart", ohne sie zu benennen - sachlich argumentiert. Auseinandersetzung "mit den modernen Gegnern des katholischen Dogmas" sei deshalb erschwert, weil "eine gemeinsame Grundlage der Auseinandersetzung" fehle.[547] "Es stehen sich [...] diametral gegenüber kosmischer Monismus der neunordischen Weltanschauung und theistische Weltauffassung mit der Offenbarungslehre von den infolge eigener Willensentscheidung gegen Gott gestürzten geistigen Wesen". Der Hexenwahn ginge aber nicht auf die zu allen Zeiten verkündete katholische Angelogie zurück, sondern müsse noch andere Ursachen haben, über die auch Historiker "keineswegs auch nur im Wesentlichen" übereinstimmen würden. Herget argumentiert mit Hilfe umfangreicher Zitate von H. Vordemfelde,[548] der - nach Herget - eine Synthese versucht habe aus Grimms Auffassung einheimischer Wurzeln des Hexenwahns und Soldans "römischer Hypothese". Auch Soldan und Heppe, "beide keineswegs katholikenfreundlich eingestellt", hätten festgestellt, daß Dämonenfurcht seit Jahrtausenden weltweit verbreitet gewesen sei, die Furcht vor den Dämonen aber mit dem Vordringen "der Herrschaft des Kreuzes [...] aus der Welt verschwunden" sei.[549] Die Entstehung der Teufelsmanie sei nach Soldan/Heppe eine Folge der Ketzerei des 13. Jh. gewesen; mangelhafte Naturerkenntnis und Einfluß der maurischen Magie (Kreuzzüge) hätten den wie eine Massenpsychose auftretenden Hexenglauben begünstig. Die Richter, die die Prozesse führten, seien aber weltliche Juristen gewesen, und die ersten, die sich gegen die unmenschliche Hexenpsychose wandten, seien wiederum Vertreter der Kirche gewesen. Von alledem aber würde die "heutige Kritik" nichts erwähnen.

[94]Die zweite Arbeit zum Hexenwahn von Pius Havemann beschränkt sich auf Verfolgungsvergleiche - hier Hexen, dort Katholiken in England und Irland.[550] Im evangelischen "Deutschen Pfarrerblatt", das 1935 eine eigene Rubrik "Weltanschauungskämpfe der Gegenwart" eingerichtet hatte (mit Beiträgen zu völkischen Religionen, Judenfrage und Bolschewismus), wurden die katholischen "Studien" besprochen[551] und die Germanenauffassungen Kummers und Höflers einander gegenübergestellt. Die Auffassung Kummers wurde verworfen, Höflers Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" als "epochemachendes Werk" bezeichnet.[552] Auf den ausführlichen Artikel von W. Hartmann wurde im Kapitel III.2.2.1 schon eingegangen.

Eine Grobdurchsicht des sogenannten "grauen Schrifttums" der Kirchen zum Kirchenkampf in der Institutsbibliothek der evangelisch-theologischen Fakultät der LMU München, Abt. Kirchliche Zeitgeschichte, ergab zum Thema Hexen nichts Wesentliches. Es gab keine Broschüre, deren Titel auf das Thema bezogen war. Lediglich drei Schriften handeln das Thema in kurzen Kapiteln ab (Es wurden etwa 80 Broschüren durchgesehen.).

VI. Resümee und Ergebnisdiskussion

In der vorliegenden Arbeit wurde der Versuch unternommen, die politische Zurichtung eines kulturwissenschaftlichen Themas - hier Hexenwahn und Hexenverfolgung - im Dritten Reich darzustellen. Es wurden Autoren herangezogen, die im Dritten Reich zum Thema gearbeitet haben; sie wurden - soweit es die Quellen erlaubten - in ihrem Lebens- und Wirkungsbereich vorgestellt in der Hoffnung, dadurch "die Ausgangsbedingungen und die Wirkungs- und Verwertungszusammenhänge", denen sie als Interpreten dieses speziellen Themas ausgesetzt waren, zu erhellen.[553] Durch Einbeziehen des politischen Umfeldes, vor allem aber der kulturpolitischen Ereignisse, die zeitlich vor der Herausgabe der wichtigen Monographien zum Thema lagen (Rosenbergs "Mythus", dessen Auswirkungen und der dadurch aktivierte Weltanschauungskampf) wurde zu zeigen versucht, daß die Autoren um eine politische Zurichtung des von ihnen gewählten Themas bemüht waren. Nach der bisherigen Kenntnis der Ereignisse, der Quellen und der Autoren muß allerdings gesagt werden, daß es eine einseitige politische Zurichtung nicht gegeben hat, sondern daß eine Wechselwirkung

zwischen der persönlich vorgenommenen politischen Zurichtung und einer Instrumentalisierung als Fremdzugriff in fast allen Fällen vorlag. Dadurch, daß versucht wurde, die Interpretationen des Hexenthemas immer rückzubinden an die Person des Autors, seine politische Interessenlage und evtl. vorhandene organisatorische oder wissenschaftliche Engagements, Traditionen oder Ideologien konnten drei Interpretationsstränge extrahiert werden:

1. die Auffassung, daß Hexenwahn orientalisch-jüdisch-etruskischen Ursprungs sei und auf verschiedenen Wegen nach Germanien gelangte. (Vertreter sind: Kummer, Reimerdes, Mudrak, Jaide, Miller und Rosenberg.)

2. die kirchliche Auffassung, die die Wurzeln des Hexenwahns originär bei den Germanen vermutet. (Vertreter sind: Wilhelm Neuss ["Studien"], Anton Mayer, Wilhelm Hartmann.)

3. die Auffassung einer "germanisch-deutschen Kontinuität"[554] des Hexenglaubens. (Vertreter sind: Lily Weiser-Aall, Otto Höfler, Hans Bauer, Berta Dultz.)

Wie notwendig die oben genannte Rückbindung der Interpretation an den Autor und sein Umfeld ist und wie wünschenswert eine möglichst breite Kenntnis des Sachgebiets, um generalisierende Aussagen zu formulieren, zeigen zwei neuere Arbeiten zum Hexen-Thema: die Dissertationen von Inge Schock "Hexenglaube in der Gegenwart" (1978) und von Joachim Baumhauer "Johann Kruse und der neuzeitliche Hexenwahn'" (1984). Schock schreibt in einem ihrer einleitenden Kapitel im Hinblick auf "Hexenglauben" von der "germanisch-deutschen Kontinuitätssuche", die "die Brüder Grimm mythische Überreste alten germanischen Glaubens in der Überlieferung des einfachen Volkes vermuten und entdecken" ließ, und daß die "mythologische Perspektive der Kontinuitätssuche" (nach Emmerich)[555] "noch einmal eine starke Renaissance während der Zeit des Nationalsozialismus" erfahren habe. Die Abhandlung von Anton Mayer "Erdmutter und Hexe führt sie als Beispiel an, das "für andere stehen soll".[556]

Baumhauer erschließt das Thema unter der Kapitelüberschrift "Faschistische Gegner des Hexenglaubens" über die Autoren M. Ludendorff, Rosenberg, Ziegler und Mudrak und kommt zu der Auffassung, daß die von Inge Schock vertretene Meinung, "nicht ganz ohne Widerspruch" bleiben könne, denn "die nationalsozialistische Ideologie, somit auch die Volkskunde, nimmt in Wirklich-[95]keit eine Kontinuität der 'aufgeklärten' und 'wissenschaftlichen' Denkweise des 'Germanen' an, dessen Wesen angeblich Zauberei, Hexen u.a. 'artfremd' gewesen sei".[557] "Von einer 'positiven Beurteilung des Aberglaubens im 19. Jh. durch die Grimm-Schule',[558] von Schock mit der 'NS-Kontinuitätssuche' in unmittelbare Verbindung gebracht, ist bei den Nationalsozialisten nicht die Rede."[559] Auch Wolfgang Emmerichs Ausführungen dazu[560] seien kritisch zu betrachten, und die Abhandlung von Anton Mayer sei "somit nicht unbedingt typisch für die nationalsozialistische Hexenauffassung".[561] Eine gewisse Ambivalenz in der NS-Weltanschauung wird eingeräumt "gegenüber 'aufgeklärten' und 'mystischen' Handlungen" und im Hinblick auf "Verquickung von Wissenschaft und Okkultismus", und das Sonderkommando H (nach Schormann) wird erwähnt. Aufgrund der bisherigen Untersuchung und des Vergleichs der Arbeiten zum Hexenwahn im Dritten Reich können die Aussagen von Schock und Baumhauer dahingehend ergänzt werden, daß es weder nur die von Schock angenommene Form der Interpretation von Hexenglauben gegeben hat, noch allein die von Baumhauer aus den Veröffentlichungen von Rosenberg und Mudrak abgeleitete, sondern daß beide Interpretationsformen zeitgleich nebeneinander existierten. Die als Beispiel angeführte Arbeit von Anton Mayer ist im Sinne Schocks zwar typisch für die "germanisch-deutsche" Kontinuitätsauffassung, sie ist aber zugleich das Werk eines katholischen Professors einer kirchlichen Hochschule und muß auch im Hinblick auf die Weltanschauungsdebatte bewertet werden, nicht allein nach Inhalt und Erscheinungsjahr. In der vorliegenden Arbeit wurde der Weltanschauungskampf relativ breit und beschreibend dargestellt und auch die einzelnen Interpretationen des Themas ausführlich behandelt. Manches Wichtige wurde verstreut gesagt, politische Zurichtung angedeutet, deshalb soll eine abschließende Zusammenfassung unter Berücksichtigung der eingangs formulierten Fragestellungen die verschiedenen Aussagen miteinander verknüpfen.

Zu Frage 1:

Welche Rolle spielte das Thema Hexenwahn/Hexenverfolgung in der Weltanschauungsauseinandersetzung im Dritten Reich? Rosenberg, der Autor des "Mythus" hat mit seinen Interpretationen zum Hexenwahn diesem Thema zu erneuter Popularität verholfen, vor allem deshalb, weil die katholischen "Studien" Rosenbergs Darstellungen wissenschaftlich in deutlich provozierender Absicht widerlegten. Rosenbergs Darstellung ist kirchenfeindlich: das Christentum habe orientalische Hexenvorstellungen nach Germanien importiert. Er nimmt auch in der Entgegnung auf die "Studien" (der Dunkelmänner-Schrift) keine seiner Behauptungen zurück, - obgleich die Etrusker-These als haltlos decouvriert wurde - sondern versucht sie zu erhärten und betont die aktive Rolle des "nordischen" Menschen bei der Überwindung von Hexen- und Zauberglauben. (Im "Mythus" fällt auf, daß er den Ketzerverfolgungen als Verfolgung widerständiger neuer Religionsformen mehr Interesse entgegenbringt als den Hexenverfolgungen.)

Da die "Studien" genau entgegengesetzt argumentieren - hier haben die germanischen Vorfahren des "nordischen Menschen" schon ihre Hexen verbrannt - ist die Polarisierung perfekt. Rosenberg propagierte eine neue Weltanschauung mit seinem "Mythus", und eines seiner Ziele war es, durch Herabsetzen der christlichen Religion die Überlegenheit der von ihm entwickelten neuen Weltanschauung zu beweisen, die auf dem "Mythus des Blutes" gegründet war und religionsähnliche Funktionen erhalten sollte. Die "größte Aufgabe des Jahrhunderts" sei es, "der Sehnsucht der Rassenseele im Zeichen des Volksmythus ihre Form als Deutsche Kirche zu geben."[562] Rosenberg rekurriert auf die germanische Vergangenheit, wenn er die "Wiedergeburt uralter und doch ewig junger willenhafter Werte" propagiert, "die zu echten Religionsformen zu steigern [...] die Aufgabe eines späteren Genius sein wird [...]."[563] Emmerich nennt jenen "Kult des Germanentums" "unverständlich, wenn er nicht jeweils auf den - wirklichen oder eingebildeten - Gegner der deutschen Nation rückbezogen wird: im Zeitalter des Humanismus und der Reformation das römische Papsttum [...]".[564] Der Kontinuitätsmythus sei "ununterbrochen konstituiert und fixiert" worden durch die Gegenbilder Roms, des Katholizismus und (später) Frankreichs.[565] Das trifft für den "Mythus" mit Sicherheit zu. Nachdem Rosenbergs Methoden aber ins Feuer katholischer Kritik gerieten, wurde aus dem Weltanschauungmodell-Versuch massiver Kirchenkampf. Die Dunkelmänner-Schrift ist die Auseinandersetzung mit einem weltanschaulichen Gegner; an jedem einmal formulierten Argument wird festgehalten, dem Gegner sollen seine historischen Verbrechen vor Augen geführt werden, insbesondere die Vernichtung "rassisch hochwertigster Menschen".

[96]Die katholischen "Studien" waren ebenfalls kämpferisch eingestellt. In der 1935 erschienenen Neuausgabe, um einen Epilog erweitert, mokieren sie sich noch einmal nachhaltig über Rosenbergs Umgang mit den Quellen und sein Festhalten an der Etrusker-These.[566] Politische Zurichtung auch durch die Verfasser der "Studien"? Schließlich hatten sie die Aufgabe, ihren Lesern, die Rosenbergs "Mythus" nicht einsehen durften, die versuchte "Überfremdung deutschen Geistes durch nationalsozialistisches Gedankengut" - wie Neuss es nannte - vor Augen zu führen. Die "Studien" erfuhren daher auch Kritik aus dem kirchlichen Lager. Der namhafte evangelische Theologe und Kirchenhistoriker Emmanuel Hirsch, Göttingen, sagt über die "Studien": "Sie sind das, was dem echten Historiker das Peinlichste von allem ist, parteiische Tendenzhistorie als objektive Geschichtswissenschaft getarnt, das heißt, es ist gegen sie der Vorwurf innerer Unredlichkeit zu erheben [...]".[567] Der protestantische Theologe Hans Schlemmer tadelt die "kritiklose Anpreisung" dieser katholischen Polemik im Deutschen Pfarrerblatt,[568] und der protestantische Publizist Gerhard Ohlemüller spricht von dem "dreisten Versuch, den römischen Katholizismus von dem Makel der Ketzerverfolgung reinzuwaschen".[569]

Hexenwahn als Kulturkampfthema rief die bewährten Kulturkämpfer aus dem Lager der nordischen Bewegung auf den Plan; sie eilten dem bedrängten Rosenberg zu Hilfe, nicht ganz uneigennützig. Während Millers Entgegnung von Rosenberg beauftragt war, ist aus dem umfangreichen publizistischen "Werk" Kummers als des Herausgebers der drei Hexenmonographien (Reimerdes, Mudrak, Jaide) nichts von einem Auftrag Rosenbergs herauszulesen. Politisch zugerichtet aber sind alle drei Monographien, mit deutlichen Querverweisen die einen (auf "Mythus" oder "Studien"), mit versteckten Hinweisen die anderen. In einer Zeit, in der die Kontroverse zwischen Rosenberg und den Verfassern der "Studien" offensichtlich bekannt war, reichten diese Hinweise möglicherweise aus, um dem Leser zu vermitteln, wo der Autor stand, in wessen Sinne er argumentierte. Nicht zu unterschätzen ist ferner die Herausgeber-Persönlichkeit Kummer! Es ist anzunehmen, daß Kummers Kulturkampf-Engagement auch seinen Autoren hinlänglich bekannt war. Was lag näher, als in seinem Sinne eine politische Zurichtung des Hexenthemas vorzunehmen!

Zu Frage 2:

Wer waren die Autoren, die sich dem Thema zuwandten? Stand eine politische Institution hinter ihnen, in deren Sinne sie bewußt arbeiteten? Wer die Autoren waren, wurde - soweit es die Quellen erlaubten - jeder Besprechung ihrer Monographie oder ihres Beitrags vorangestellt. Die Frage nach einer hinter ihnen stehenden politischen Institution, in deren Sinne sie bewußt arbeiteten, ist nicht immer konkret zu beantworten, weil ein gleitender Prozeß im Gange war; eine neue politische Macht etablierte sich gerade, Autoren ertasteten politische Erwartungen, antworteten mit politischer Zurichtung, ihre Veröffentlichungen erfuhren Instrumentalisierung. Ein Fixpunkt war der Mythus-Streit und die dadurch erfolgte Polarisierung von Wissenschaftsauffassungen, das war Hilfe und Angebot für viele. Natürlich sind für einige Autoren, Kummer und Mudrak zum Beispiel, oder Höfler und Bauer, Aktivitäten in politischen Institutionen nachweisbar, ob im Amt Rosenberg oder im SS-Ahnenerbe. Inwieweit die Zugehörigkeit oder die Sympathisierung mit Institutionen zu einem so frühen Zeitpunkt wie Mitte der dreißiger Jahre die jeweiligen Arbeiten direkt beeinflußte, muß dahingestellt bleiben.

Zu Frage 3:

Gab es Gemeinsamkeiten bei den Autoren, die Grund und Anlaß gewesen sein könnten, das Thema Hexenwahn zu interpretieren? Eine ganz offenkundige Gemeinsamkeit bei den Autoren des ersten Interpretationsstranges ist ihr völkisches Engagement. Eine prominente Vertreterin der "Völkischen" war Mathilde Ludendorff; obgleich ihre Hexen-Publikation vor der Mythus-Kontroverse lag, argumentiert sie kirchenfeindlich, wie der Großteil der "Völkischen". Kummer war als Führer der nordischen Bewegung ein bekannter "Völkischer", (seine kurzzeitige Mitgliedschaft bei der DG wurde bereits erwähnt). Reimerdes gab sich in ihrer Hexen-Monographie als völkisch engagiert zu erkennen und bekannte sich zur deutsch-nordischen Bewegung. Für Mudrak waren völkische Aktivitäten nicht eindeutig nachzuweisen. Die Entdeckung, daß prominente Vertreter der Wiener mythologischen Schule, der ja Mudrak zuzurechnen ist, Gründungsmitglieder der völkischen "Adler und Falken" waren (Georg Hüsing und Wolfgang Schultz), war der Grund, Nachforschungen über eine evtl. Mitgliedschaft auch Mudraks anzustellen, die bisher aber noch keine Ergebnisse zeitigten.[570] Jaide war Mitglied des Bundes der "Adler und Falken", Miller veröffentlichte in Zeitschriften der DG und gab die völkische Zeitschrift "Flammenzeichen" heraus. Von[97]besonderer Wichtigkeit aber erschien die bezeichnenderweise von kirchlichen Publikationen vorgenommene Einstufung Rosenbergs in die unmittelbare Nähe der "Völkischen".[571] Die völkischen Gemeinsamkeiten der Autoren der ersten der drei Gruppierungen werden für wichtig erachtet, weil sie möglicherweise für die Art der Interpretation der Hexenthematik eine Erklärung bieten. Klaus v. See hatte - wie schon erwähnt - auf die "Ansicht von der hohen Sittlichkeit [...] und der hohen Stellung der Frau bei den Germanen" verwiesen "als festes Gedankeninventar aller Völkischen". Auch Hauer, der Führer der DG, habe in seiner "Deutschen Gottschau" behauptet, "den alten Germanen sei die Frau stets etwas Heiliges gewesen",[572] Behauptungen, die nicht ohne Widerspruch blieben. In einer Broschüre des Bundes der "Adler und Falken" von 1931 wird der Stellung der Frau ebenfalls besondere Bedeutung beigemessen. Bei den Germanen sei sie als ein höheres, ein besonders zu verehrendes Wesen angesehen worden. Das Christentum habe sie aus dieser hohen Stellung verdrängt. Ihrer völkischen Aufgabe müsse sie sich wieder bewußt werden. "Nicht die menschliche Dulderin, sondern die volkheitliche Heldin und Mutter mit jedem Blick auf ihr Kind die Frage im Herzen, 'was wird es meinem Volke sein', ist das Hochbild der deutschen Frau."[573] Es sind offensichtlich zentrale völkische Themen, die mit der Interpretation des Hexenwahns aufgegriffen wurden: die Rolle des Christentums bei "der artwidrigen religiösen Unterschätzung" der Frauen[574] und die Zurückweisung des Vorwurfs kirchlicher Autoren, die Germanen hätten schon ihre zaubernden Frauen verbrannt. Rosenberg scheint im Gegensatz zu den übrigen völkischen Autoren an der Rolle der Frau bei den Germanen weniger interessiert gewesen zu sein, ihn interessierte vornehmlich die Rolle der Kirche bei der "Ausrottung deutscher Mütter", der Widerstand gegen die Inquisition,[575] schließlich die Überwindung des Wahns durch "germanischen Forschergeist" und "arteigene Lebensweise". Die Gemeinsamkeit der zweiten Interpretationsrichtung - der kirchlichen Interpreten - ist eine deutliche Orientierung an den "Studien", auch wenn es keine eindeutigen Fußnotenverweise gibt. Auf die Rolle der Kirchen, die gegen den Volksglauben und das "rigorose Vorgehen des Volkes gegenüber dem Hexenwesen" (Hartmann) keinen Widerstand zu leisten vermochte, einen Volksglauben, der "leider altgermanisches Volksgut" sei ("Studien"), verweisen alle hier vorgestellten Autoren. Das Gesetzeswerk Karls des Großen ist wichtiges Indiz für angenommene frühe Hexenverbrennungen in Germanien ("Studien", Hartmann). Lily Weiser mit ihrem HDA-Beitrag ("Studien", Mayer, Hartmann) und Otto Höfler mit seiner Methode, von Sagen und zeitgenössischem Brauchtum auf tatsächliches kultisches Brauchtum in germanischer Frühzeit zu schließen (Hartmann), sind wichtige Kronzeugen der kirchlichen Autoren für ihre Grundauffassung einer germanischen Herkunft des Hexenwahns.[576] Eine Gemeinsamkeit der dritten Interpretationsrichtung bzw. ihrer Vertreter Höfler, Bauer, Dultz ist ihre Nähe zur Zeitschrift des SS-Ahnenerbes "Germanien" und damit wohl auch zu grundsätzlichen Auffassungen der SS gegenüber denen Rosenbergs.

Die Auffassungen Höflers und nach ihm Bauers und Dultz' sind stark gemeinschaftsbezogen und können wohl rechtlich-politisch genannt werden. Wenn Höfler für die germanischen Männerbünde Hexenbekämpfung als kultische "Schutzfunktion" annimmt ("Männerbünden obliegt der Schutz der Menschen gegen verderbliche Mächte"), so kann die Darstellung und Betonung gerade dieser Funktion politisch gewertet werden im Sinne von Schutz der Gemeinschaft durch die von ihr rekrutierten Verbände. Den Bogen zum späteren Hexenwahn schlägt Höfler nur durch den Begriff einer "Disposition zum Geisterglauben" (die bei Hexenrichtern beispielsweise festgestellt wurde), erklärt aus einer fehlenden Differenzierung zwischen Mummenschanz und Realität. Bauer und Dultz folgen Höfler in der Auffassung einer selbstverständlichen Rechtspraktik germanischer Gemeinschaften, die schadenstiftende, einzelgängerische, fremdrassige Hexen und Zauberer mit dem Tode bestraften. Den späteren Hexenwahn erklären sie als Folge der Zerstörung von herkömmlicher Gemeinschaft und Weltanschauung, Eingriffe in germanische Rechtspraktiken, Entartung und Überfremdung durch ein politisch mächtiges, intellektuell überlegenes Christentum.

Zu Frage 4:

Werden durch Argumentationsgemeinsamkeiten bzw. -differenzen politische Absichten erkennbar? Die Autoren der ersten Gruppe - nach Klaus von See: freireligiös und antirömisch-antiwelsch, von Lebensreformbewegung und Rassenkunde geprägt - stellten ihre Interpretation in den Dienst des Rosenbergschen Kulturkampfes. Die zweite Gruppe, kirchliche Autoren, argumentiert aus einer defensiven Position durchaus aggres-[98]siv. Es geht um mehr als eine Wissenschaftsauseinandersetzung über das Thema Hexen. Es gilt, Rosenberg und seine Apologeten zu widerlegen, lächerlich zu machen und damit Rosenbergs Anspruch auf die Etablierung einer neuen Weltanschauung und einer neuen Kirche zumindest in Frage zu stellen.[577] Ob die Argumentationsmethode der kirchlichen Autoren angemessen war bei einem Diskussionsgegenstand wie der Hexenverfolgung bleibt dahingestellt. Nach heutiger Auffassung erscheint es fragwürdig, den Barbarenvorwurf einer Gruppe gegenüber der Kirche zurückzugeben mit dem Vorwurf, die Germanen waren bereits die Barbaren, ihre Praktiken erhielten sich bis in die frühe Neuzeit, "von der Kirche nicht standhaft genug bekämpft".

Die dritte Gruppe, die dem SS-Ahnenerbe nahestehenden Autoren, hatte offensichtlich keine Skrupel im Umgang mit dem Barbarenvorwurf, im Gegenteil: es ist nicht barbarisch, sondern völkischer "Nutzkult", gemeinschaftserhaltend, wenn "verderbliche Mächte" von der Gemeinschaft eliminiert werden, selbstverständlich auch Hexen und Zauberer, die "selbstisch" wirken! Historische Konstrukte bieten sich an zur Legitimation bestehender oder geplanter NS-Wirklichkeit. Die übergreifende Einheitlichkeit in der Argumentation der Gruppe l und 3 in bezug auf die rassische Zugehörigkeit der Zaubernden in Altgermanien soll hier noch einmal hervorgehoben werden. Abgesehen von Rosenberg und Höfler benutzen alle Autoren (Miller, Reimerdes, Mudrak, Jaide, Kummer, Bauer und Dultz) das Argument der Fremdrassigkeit = Minderwertigkeit der Zaubernden als Entlastungsargument gegenüber den Vorwürfen der kirchlichen Autoren, wohl auch, um die nachgewiesene Tatsache von Zauberei in Germanien in ihrem Sinne zu relativieren. Die Verknüpfung von gemeinschaftsschädigenden Handlungen und Fremdrassigkeit muß als politische Zurichtung gewertet werden, die sich für eine Instrumentalisierung im Sinne der NS-Ideologie ebenfalls anbietet.

Sehr wichtig ist m.E. die paradoxe Argumentationsgemeinsamkeit zweier Gruppen, die eigentlich gegnerische sind: die der kirchlichen Autoren und die der Autoren Höfler, Bauer, Dultz (Nationalsozialisten). Beide Gruppen sind Gegner der neuheidnischen Kulturkämpfer, jede von ihnen polemisiert separat gegen jene, beide bedienen sich des Arguments, daß die heidnischen Germanen schon ihre Hexen getötet hätten. Aber gerade diese Gemeinsamkeit und Gegnerschaft wirft ein bezeichnendes Licht auf das NS-Regime, auf Wissenschaftsauffassungen, Geschichtsinterpretationen, auf das ganze "Durcheinander und Gegeneinander verschiedener Staats- und Parteiinstanzen [...] auf dem kulturpolitischen Gebiet"[578] und die uneinheitliche Weltanschauungskampf-Konzeption, die letztlich bestimmt war durch die Rivalitäten zwischen Rosenberg und Himmler. Die Gegnerschaft zweier nationalsozialistischer Gruppierungen, die der Kulturkämpfer um Rosenberg und die des SS-Ahnenerbes und mit ihm Otto Höfler, hat Anlaß gegeben, nach möglichen Wurzeln von konträren Auffassungen in bezug auf das Germanenbild zu suchen. Sie sind teilweise auf die historische Hexenauffassung zu übertragen. Klaus von See sieht Zusammenhänge zwischen dem norddeutschen Protestantismus und der Kulturkampftradition und setzt sie gegen den "katholischen Südosten", "wo es die protestantische Kulturkampf-Tradition gar nicht gibt", wohl aber die Wiener Schule Rudolf Muchs.[579] Brückner hält "weltanschauliche Differenzen zwischen den Varianten der NS-Volkskunde" für "Fortführungen von älteren Kontroversen in neuem Gewand [...] (z.B. des 'Wiener Mythologenstreits')".[580] Nur in bezug auf Kummer ist der "protestantischen" Kulturkampfhaltung - nach Klaus von See - zuzustimmen. In der Hexenwahn-Debatte aber spielt neben Kummer vor allem Mudrak eine entscheidende Rolle, und der kommt aus der Wiener mythologischen Schule, war Altkatholik[581] und als solcher gegen den päpstlichen Katholizismus eingestellt und wissenschaftlicher Gegner der Theoretiker der Ritualistenschule Rudolf Muchs, mithin auch Otto Höflers. Olaf Bockhorn hat in seinem Aufsatz "Der Kampf um die 'Ostmark'" nachgewiesen, inwieweit der "Wiener Mythologenstreit" eine Polarisierung von Wissenschaftsgruppierungen nach sich zog, indem er die Vertreter der mythologischen Schule Rosenberg zuführte und die der Much-Schule dem SS-Ahnenerbe.[582]

Zu Frage 5:

Welche Erwartungen und welche praktischen Folgen waren mit der Interpretation und politischen Zurichtung dieses Themas verbunden? Rosenberg, der eine neue Weltanschauung und mit ihr eine neue Geschichtsbetrachtung propagieren wollte, benutzte das Thema Hexenwahn als willkommene Argumentationshilfe zur Unterstützung seiner Angriffe gegen die katholische Kirche in der Hoffnung auf breites Interesse in einer Zeit des "völkischen Aufbruchs", gekennzeichnet durch christenfeindliche Bünde und Glaubensstreit. War[99]Rosenberg wirklich von den scharfen Entgegnungen auf den "Mythus" durch die katholische Kirche überrascht, die die Möglichkeit ergriff, den Autor Rosenberg und die absolute Unwissenschaftlichkeit auch seiner Hexenwahnthesen bloßzustellen, ohne deshalb Staat und Partei anzugreifen? 1934 bekannte sich Rosenberg zur "Durchsetzung unserer Weltanschauung gegen alle Gegner" als einer der wichtigen Aufgaben, die ihm Lebensinhalt bedeute.[583] Möglicherweise hat Rosenberg seine weltanschaulichen Gegner unterschätzt. Denn der sich nun entwickelnde Weltanschauungskampf, als Machtdemonstration der katholischen Kirche mit dem deutlichen "Willen zum Kollisionskurs" geführt,[584] hat dem nationalsozialistischen Regime einen Gegner gezeigt, den man gerade durch das Konkordat befriedet zu haben glaubte. Rosenberg hatte mit seinem "Mythus" eine Lawine ausgelöst, sehr zum Ärger seiner Parteifreunde und Hitlers: denn während Rosenberg sich durch sein Engagement im Weltanschauungskampf eine Ausweitung seiner Kompetenzen über die "Schulung und Erziehung der NSDAP" hinaus auf Staat und Heer erhoffte, zerstörte Hitler im März 1940 solche Hoffnungen durch die Weigerung, einen derartigen "Auftrag" zu bestätigen. Hitler wies Rosenberg auf die wiederholten Bitten Mussolinis hin, nichts gegen die Kirchen zu unternehmen. Hitler wörtlich (nach Tagebuch Rosenberg): "Eine Ernennung für Sie würde jetzt im Augenblick vor Beginn der großen Offensive wie eine Bombe einschlagen. Die Kirche hat vielleicht noch immer so etwas wie eine Hoffnung, sich fortsetzen zu können. Mit Ihrer Ernennung würde sie endgültig alle solche Hoffnungen begraben, alle Hemmungen fallen lassen." Falls die Kirche eine amtliche Enzyklika gegen das Reich erließe - so Hitler laut Rosenberg - wäre es fraglich, ob Mussolini Italien an Deutschlands Seite in den Krieg führen könne.[585]

Die These von Zentner/Bedürftig, Rosenberg sei "Hitler als Feindbild für die Theologen geeignet erschienen",[586] ist m.E. zu relativieren, denn Hitler verzichtete angesichts des Weltanschauungskampfes auf die Wahlen zur Reichskirche, betonte dagegen die absolute Vormacht des Staates gegenüber der Kirche und ließ keinen Zweifel an seiner Absicht, "die Kirchen nach dem Sieg zu vernichten".[587]

Rosenberg mußte seine Hoffnungen auf "Hohe Schule" und erweiterten Funktionsbereich auf "nach dem Kriege" verschieben, er war "ins politische Abseits geraten"[588] und das vor allem wegen der durch den "Mythus" ausgelösten Weltanschauungskämpfe.

Ins "politische Abseits" gerieten auch die "Völkischen", die in den frühen dreißiger Jahren alle Hoffnungen auf Rosenberg gesetzt hatten, auch wenn der Weltanschauungskampf ihnen die erhofften hohen Auflageziffern ihrer Veröffentlichungen brachte (Miller!).

Neuss, als einem der Verfasser der "Studien" gebührt wohl das Verdienst, die Hexenwahn-Debatte in Gang gesetzt zu haben, weil er aus dem Schütze der Anonymität heraus gerade anhand dieses Themas Rosenbergs Unkenntnis und Unwissenschaftlichkeit demonstrieren konnte. Er war sich der Gefahr bewußt, in welcher er sich befand, falls sein Inkognito gelüftet würde.[589] Er war sich aber auch der immensen Breitenwirkung der "Studien" bewußt und sah seine Hoffnungen auf Irritation seiner weltanschaulichen Gegner bestätigt.[590] Reimerdes hoffte mit ihrer Hexenwahn-Publikation in deutlich propagandistisch-agitatorischer Absicht durch die Darstellung der christlichen Greuel bei der Hexenverfolgung völkisch gesinnte Mitstreiterinnen zu motivieren, sich von der Kirche loszusagen und für die Gleichstellung der Frauen mit dem "artgleichen Manne" im "Neuen Reich" des Nationalsozialismus zu kämpfen. Sie maß Rosenbergs Hexenwahninterpretation im "Mythus" offensichtlich größere Bedeutung bei als seinen Geschlechterrollen-Darstellungen, sonst wäre ihr aufgefallen, daß der von Rosenberg den Frauen unterstellte "Mangel an typenbildender Kraft",[591] der "Fähigkeitslosigkeit", als Folge "des rein auf das Vegetative und auf das Subjektive gerichteten Wesens" ihnen lediglich die Rolle der "Blutserhaltung und Rassevermehrung" zugestand.[592] Es war für Rosenberg ein Merkmal von "staatlichem und kulturellem Untergang", wenn sich "das emanzipierte Weib erhob".[593] Mudraks Hexenwahnmonographie war seine erste größere Arbeit, mit der er sich - entsprechend seinem politischen Engagement - wissenschaftlich einzuführen gedachte. Die politische Zurichtung fällt dezent aus, läßt aber keinen Zweifel an seiner Einstellung. Das Amt Rosenberg hat seine Arbeit honoriert (zumal sie einen Anfang markierte, der ideologische Anspruch wurde in seinem weiteren Werk aufrechterhalten), ihn zur Mitarbeit an der "Forschungsstelle Mythenkunde" herangezogen und ihm Publikationsmöglichkeiten in den Zeitschriften des Amtes Rosenberg eröffnet. Ob und welche Erwartungen Jaide, als Kummer-Schüler, mit seinen beiden Publikationen verband,[100]war leider nicht zu ermitteln. Er teilte mir in einem Brief vom 9.11.1989 mit: "Die Jahre 1934 bis 1936 liegen so weit zurück, daß ich mich an Einzelheiten nicht mehr recht erinnere." Unübersehbar aber ist die durch zahlreiche Sperrdruck-Hervorhebungen gekennzeichnete politische Zurichtung auch seiner Arbeit. Anton Mayer, als katholischer Interpret, gibt durch die bereits in der Einleitung placierte 21zeilige Fußnote mit zahlreich aufgeführten Autoren, die gleich ihm die "volksverwurzelte germanische Grundlage" des Hexenwahns vertreten, zu erkennen, daß er die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Thesen zu untermauern beabsichtigt. Daß er sich dabei der Methode des Kreisschluß-Verfahrens bedient und damit die Dürftigkeit seines Quellenmaterials in bezug auf die Erdmutter-Gottheit zu verdecken sucht, war seinerzeit offensichtlich wissenschaftlich legitim und kann nicht politisch interpretiert werden.[594] Neuere Forschungen bestätigen - nach Gurjewitsch - Mayers Betonung der Rolle des Volksglaubens an Zauberei und Teufelsbund als eine Voraussetzung des Massenwahns, die Grundlagen des Hexenglaubens hätten "mit dem Christentum nichts gemein und finden sich bei den unterschiedlichsten Völkern der Welt".[595] Mayer enthält sich jeglicher Anspielung auf Rosenbergs "Mythus" oder die "Studien". Er, wie auch die anderen Autoren, die vom kirchlichen Standpunkt aus in die Hexenwahn-Debatte eingriffen, ließen äußerste Vorsicht walten, vermieden direkte politische Bezugnahmen und bewegten sich im Schutze ihrer Herausgeber, Verlage oder aus der Sicherheit ihrer Position heraus.

Kummer glaubte sich mit seiner rassisch bestimmten Geschichtsauffassung und dem Bekenntnis zum Kulturkampf in vollstem Einverständnis mit Rosenbergs Weltanschauung und übersah dabei, daß Rosenberg zwar den Kirchen die Schuld am Hexenwahn zuschrieb, aber auch die Überwindung des Wahns "durch den forschenden Germanen" hervorhob und am historischen Widerstand gegen die Kirchen interessiert war. Die Tatsache, daß auch Rosenberg sich zum kriegerischen Männerbund geäußert hat und seine "staatenbildende Kraft" hervorkehrt,[596] hätte ihn warnen sollen. So war nicht er es, der die wissenschaftliche Karriere machte, sondern sein Kontrahent Höfler, protegiert durch das SS-Ahnenerbe. Daran änderten weder Kummers wiederholte Hinweise auf seine nationalsozialistische Gesinnung, noch sein nachgewiesener Antisemitismus etwas.[597] Weder Kummers Opferrolle, noch sein verklärtes Germanenbild und seine lebensreformerischen, gegen die moderne Zivilisation gerichteten Regressionswünsche[598] dürfen über die Gefährlichkeit auch seiner Theorien, die das Gesamtwerk offenbart, hinwegtäuschen.

Höfler hatte mit seiner Männerbund-These, die nicht nur die "politisch-kriegerischen und staatsbildnerischen Möglichkeiten", sondern auch die Schutzfunktionen solcher Bünde für die Gemeinschaft herausstellte, eine für das "politische Selbstbewußtsein des Dritten Reiches [...] und den 'bündischen' Charakter ihrer Organisationen"[599] weit eher verwertbare Theorie geliefert, als sein Kontrahent Bernhard Kummer. Die männerbündischen Organisationen des Dritten Reiches wie SA, SS, Hitlerjugend, Leibstandarte Adolf Hitler bis hin zum NS-Dozentenbund erfuhren eine Legitimierung, vor allem aber - wie aus der zitierten Denkschrift Wüsts an Himmler hervorgeht - die außen- und innenpolitischen Funktionen solcher Bünde, hier der SS.

Wenn Höfler von der Hexenverfolgung durch die Männerbünde als einem "Nutzkult" spricht und gleichzeitig das SS-Ahnenerbe über die "Kontinuität" von männerbündischen Aktivitäten von germanischer Vorzeit her aufklärt, so kann zwar nicht mit Sicherheit gesagt werden, daß er vom genauen Wortlaut der von Sievers und Wüst formulierten Denkschrift Kenntnis hatte - auszuschließen ist es aber ebensowenig. Engster spricht von einer "geistesgeschichtlich-ideologischen Fieberkurve", die "in der Hitze des zunehmend ungehemmten Verabsolutierens und gewaltsamen Zurichtens steil nach oben getrieben wird" - das trifft m.E. die Situation.[600] Wenn Engster an anderer Stelle die ideologischen und praktischen Zusammenhänge anführt, aus denen Höflers "Deutung" der "ekstatischen Religiosität" "entscheidende Impulse erhält und auf die sie ihrerseits verstärkend zurückwirkt",[601] so kann, auf die Hexenthematik angewendet, diese Wechselwirkung als politische Zurichtung bei gleichzeitiger Instrumentalisierung durch das SS-Ahnenerbe interpretiert werden. Von diesem und dem einflußreichen Hochschulpolitiker Bäumler unterstützt, erfüllten sich Höflers Erwartungen hinsichtlich seiner beruflichen Karriere im Dritten Reich.[602]

Die Autoren Bauer und Dultz lieferten mit ihren Beiträgen eine deutlich vom gängigen Kulturkampfschema Rosenbergscher Prägung abweichende Darstellung von Hexenverfolgung. Der gemeinschaftserhaltende kultische Akt von Verfolgung fremdrassiger Hexen in germanischer Frühzeit[101]wird bejaht. Durch das Christentum sei dieser Kult zum selbstzerstörerischen Wahn entartet, der wertvollstes germanisches Rasseerbgut vernichtete. Artfremder Intellektualismus und Individualismus der christlichen Eroberer habe diese Entartung durch die Zerstörung von Volksgemeinschaft bewirkt. Geschichtsinterpretationen wie diese paßten ins Schema nationalsozialistischer Ideologie-Argumentation. Die Begriffe "Individualismus" und "Intellektualismus" standen im Dritten Reich für "entartet" und "zersetzend", im Kulturbereich wurden sie auf jüdische Kulturschaffende angewendet. Die Arbeiten von Bauer und Dultz lassen sich in Beziehung setzen zu den Richtlinien, die die SS zur Geschichtsschulung formuliert hatte; hier werden als "unseres Volkes Feinde" benannt die, die "artgemäße Lebensordnung des Volkes immer wieder gestört" hätten: der Jude mit den "vielfältigen Auswirkungen seines zersetzenden Geistes", die "vom jüdischen Geist getragenen Weltanschauungen des Liberalismus und Marxismus" und schließlich "die politische Kirche".[603] Mit der Markierung von Feindbildern im historischen Zusammenhang wird deren Übertragung auf die Gegenwart der dreißiger Jahre vorbereitet, und die Präventivmaßnahmen gegen die vermeintlichen "Volksfeinde" werden legitimiert. Bauer und Dultz waren sicherlich keine qualifizierten Theoretiker, die sich im Auftrage des SS-Ahnenerbes mit dem Hexen-Thema beschäftigten. Ihre Arbeiten sind von zweifelhaftem wissenschaftlichen Wert, die Argumentation stellenweise unklar, bisweilen widersprüchlich. Sie sind offensichtlich den "unteren wissenschaftlichen Rängen" zuzuordnen, von denen Kater sagt, daß sie bevorzugt im "Ahnenerbe" publizierten.[604] Bauer und Dultz schrieben, was ihre Auftraggeber von ihnen erwarteten, eine politische Zurichtung steht außer Frage.

Die Arbeiten des Himmlerschen Sonderkommandos-H waren - soweit das aus dem zitierten "Überblick" ablesbar wird - für den Weltanschauungskampf bestimmt. Die Mitarbeiter waren weisungsgebunden, die Ziele der Organisation waren markiert. Die konzipierten Arbeiten wurden weder in der vorgesehenen Weise erstellt, noch kamen sie zum beabsichtigten Einsatz. Himmlers Sonderkommando H kann man unter die zahlreichen Organisationen Himmlers einreihen, die - nach Ackermann - eine "reine Zweckwissenschaft" betrieben, von Himmler eingesetzt "als Instrumente zur Durchsetzung 'kultureller' und 'weltanschaulicher' Ziele der SS". Für das Dritte Reich wurde die Arbeit dieser Institution nicht wirksam.[605]

Zu Beginn der Arbeit wurde festgestellt, daß Hexenwahn-Interpretationen immer auch Aussagen über die Zeit ihrer Entstehung zulassen; das trifft auf eklatante Weise auch für die Interpretationen aus der Zeit des Dritten Reiches zu. Es sei den Interpreten des Themas zugestanden, Theorien zu vertreten, von deren Richtigkeit sie überzeugt waren; es wird m.E. aber auch offenkundig, daß sich die einen in ihrer Arbeit durch das politische Regime bestätigt fühlten, die anderen ihre weltanschauliche Gegnerschaft auf dem Umweg der Themen-Interpretation darlegten. Es war nicht beabsichtigt, eine moralisch wertende Personenbeurteilung vorzunehmen, die Autoren wurden in Relation zu den Ereignissen gesehen. Das Wissenschaftsverständnis aller Interpreten aber ist zu kritisieren, wenn auch zu verstehen.

Wissenschaft heute sollte sich deshalb von einem neuen, umfassenderen Wissenschaftsverständnis leiten lassen, um Ideologisierung wie die beschriebene auszuschließen:

"[...] eine Wissenschaft, die gleichzeitig sich selbst, ihre Fragen, Methoden und ihren Gegenstand als vermittelt erkennt von dem objektiven Ganzen, dem sie angehören, und die diesen Sachverhalt in ihre Reflexion hineinnimmt; eine Wissenschaft, die das Verstehen in der Überlieferung auch als ein Verstehen gegen die Überlieferung begreift [...], eine solche Wissenschaft enthielte die Voraussetzung zu umfassender Kritik und Selbstkritik in gleicher Weise und wäre fähig, Ideologien, kämen sie von außen oder entstünden sie im Inneren der Wissenschaft selbst, aus eigener Kraft zu überwinden.[606]

Anmerkungen

[*]

Geringfügig veränderte Magisterarbeit, 1989 eingereicht.

[1]

Joseph Hansen, ,Zauberwahn', Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter und die Entstehung der großen Hexenverfolgungen. München/Leipzig 1900, S. 1. (ND Aalen 1964).

[2]

Anton Mayer, Erdmutter und Hexe. Eine Untersuchung zur Geschichte des Hexenglaubens und zur Vorgeschichte der Hexenprozesse (= Historische Forschungen und Quellen. 12. Heft). München/Freising 1936. S. 9.

[3]

Hansen (wie Anm. 1), S. 8. In den Vereinigten Niederlanden endeten die Prozesse kurz nach 1600, in Frankreich gegen Mitte des 17. Jhs., in Deutschland erst um 1680. In Polen, Böhmen und Ungarn gab es noch nach 1700 Prozesse: nach Schormann (wie Anm. 5), S. 6.

[4]

Harald Sipek, Hexenprozesse. Ergebnisse und Probleme interdisziplinärer Forschung (unveröff. Skript) 1988, S. 1; allein in dt. Sprache gibt es seit 1800 ca. 10.000 Arbeiten zum Thema.

[5]

Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Deutschland. Göttingen 1981. Auf S. 5 zit. Schormann Midelfort: ,,hier habe mehr Unsinn literarischen Niederschlag gefunden, als auf jedem anderen Gebiet der Geschichte", aus: H.C.E. Midelfort, Recent Witch Hunting Research, or Where Do We Go from Here? (= The Papers of the Bibliographical Society of America 62, 1968), S. 373-420, s. S. 373.[102]

[6]

Erika Wisselinck in der Club-2-Diskussion des ORF v. 28.4.1987.

[7]

Verlagsprospekt "Der kleine Basar No. 108", Wohlthats Versand, Berlin 1988. Es werden Standardwerke wieder aufgelegt, aber auch das in der Fachkritik sehr umstrittene Buch von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, Die Vernichtung der weisen Frauen.

[8]

Der Ausstellungskatalog ist 1986 in 12. Auflage (!) erschienen.

[9]

Sipek (wie Anm. 4), S. 38, Anm. 1.

[10]

Wolfgang Behringer, Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsraison in der Frühen Neuzeit. München 1988 (1. Aufl. 1987), Anm. 1. Nach Behringer erlebte die Hexenforschung einen Aufschwung seit dem Jahre 1968, markiert durch drei Aufsätze:
- H.C.E. Midelfort (wie Anm. 5), S. 373-420.
- D. Nugent, Witchcraft Studies, 1959-1971. A. Bibliographical Survey (= Journal of Popular Culture 5, 1971), S. 711-725.
- E. W. Monter, The Historiography of European Witchcraft: Progress and Prospects (= Journal of Interdisciplinary History 2, 1972), S. 435-451.

[11]

Schormann (wie Anm. 5), S. 5.

[12]

Richard van Dülmen, Mitveranstalter der Ausstellung "Hexenwelten", 1987, Herausgeber des Katalogs zur Ausstellung und Autor des Beitrags: Imagination des Teuflischen. Nächtliche Zusammenkünfte, Hexentänze, Teufelssabbate. Frankfurt a.M. 1987, S. 94-130. R. van Dülmen ist Prof. für Neuere Geschichte in Saarbrücken.
Gerhard Schormann, Autor der Bücher: Hexenprozesse in Nordwestdeutschland. Hildesheim 1977 und: Hexenprozesse in Deutschland (wie Anm. 5), hat einen Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit in Düsseldorf. H. Lehmann, Autor der Schrift: Hexenverfolgung und Hexenprozesse im Alten Reich zwischen Reformation und Aufklärung. In: Jb. d. Inst. f. deutsche Geschichte, Tel Aviv VII, 1978, S. 13-70; und einiger anderer themenbezogener Aufsätze, lehrt in Kiel und ist Präsident des Deutschen Historischen Instituts in Washington.
Hexenforschung wird heute "von verschiedenen Disziplinen betrieben, Theologen, Juristen, Medizinern, Psychologen und Ethnologen, zuletzt besonders von den Sozialhistorikern"; nach Dieter Harmening, Superstition - "Aberglaube". In: E. Harvolk [Hg.], Wege der Volkskunde in Bayern. Ein Handbuch. München/Würzburg 1987, S. 261-292, s. S. 281. Inwieweit innerhalb der genannten Disziplinen an Universitäten Hexenforschung betrieben wurde, kann hier nicht entschieden werden. Von den Ethnologen sei aber Thomas Hauschild genannt, Mitveranstalter der Ausstellung "Hexen", 1979 in Hamburg, Mitherausgeber des Katalogs und Autor des Buches: Der alte und der neue Hexenkult. München 1987 und themenverwandter Aufsätze, z.B.: Hexen in Deutschland. In: Hans Peter Duerr (Hg.), Der Wissenschaftler und das Irrationale. Bd. l, Frankfurt 1981, S. 537-564. Er ist Assistent am Institut für Völkerkunde der Universität Köln. Die Hexenforschung ist in der universitären Volkskunde deutlich unterrepräsentiert. Dieter Harmenig, Professor am Institut für deutsche Philologie, Abt. Volkskunde, der Univ. Würzburg ist Mitglied des Arbeitskreises Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH). Im Rahmen seiner Aberglaubensforschung hat er zum Thema "Hexerei" im schon genannten Aufsatz eine umfangreiche Titelliste aus Zeitungsbeilagen, Heimatblättern, Jahrbüchern, Zeitschriften von Geschichts-, Heimat-, Naturgeschichts- und Volkskundevereinen zusammengestellt, "deren Auswertung noch zu leisten wäre". Harmening (wie oben), S. 282, 290 und 291. Die wachsende Zahl von Lehrveranstaltungen zum Thema "Hexen" an den Volkskundeinstituten der Universitäten, sowie einige volkskundliche Dissertationen (Inge Schock, Hexenglaube in der Gegenwart. Tübingen 1978, sowie Joachim Baumhauer, Johann Kruse und der "neuzeitliche Hexenwahn". Neumünster 1984) lassen hoffen, daß Hexenforschung auch für die deutsche Volkskunde zunehmend an Bedeutung gewinnt.

[13]

Eine kommentierte Bibliographie kündigte Schormann 1981 an, sie ist noch nicht erschienen (wie Anm. 5, S. 139.) Eine Bibliographie für das gesamte Römische Reich deutscher Nation hat der Mainzer Buchwissenschaftler Harald Sipek in Arbeit. Sie erscheint 1991 unter dem Titel "Hexe und Hexenverfolgung. Ein bibliographisches Handbuch. Teil 2: 1790-1989, Einen Forschungsüberblick bereitet Wolfgang Behringer für die Historische Zeitschrift vor.

[14]

Jeanne Favret, Hexenwesen und Aufklärung. In: Claudia Honegger (Hg.), Die Hexen der Neuzeit. Studien zur Sozialgeschichte eines kulturellen Deutungsmusters. Frankfurt a.M. 1987, S. 336-366.

[15]

Honegger (wie Anm. 14), Vorwort d. Hg., S. 9-19, s. S. 11.

[16]

van Dülmen (wie Anm. 12), S. 95.

[17]

Hansen, wie Anm. l und Joseph Hansen (Hg.), Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns. Bonn 1901. (ND Hildesheim 1963).

[18]

Margaret Alice Murray, The Witch Cult in Western Europe. 1921. (ND Oxford 1962, mit einem emphatischen Vorwort des renommierten Mediävisten Sir Steven Runciman), nach Schormann (wie Anm. 5), S. 103.

[19]

Carlo Ginzburg, I Benandanti. Stregoneria e culti agrari tra Cinquecento e Seicento. Torino 31979. Dt. Ausg.: Die Benandanti. Feldkulte und Hexenwesen im 16. und 17. Jh. Frankfurt a.M. 1980.

[20]

Hans Peter Duerr, Traumzeit. Über die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt a.M. 1978.

[21]

Gerald B. Gardner, Ursprung und Wirklichkeit der Hexen. Weilheim 1965.

[22]

Werner und Annemarie Leibbrand, Vorläufige Revision des historischen Hexenbegriffs. In: Wahrheit und Verkündigung. Festschrift für Michael Schmaus. Bd. l, München 1967, S. 819-850.

[23]

Will-Erich Peuckert, Geheimkulte. Heidelberg 1951, S. 262, siehe ders.: Ehe, Weiberzeit, Männerzeit, Saeterehe, Hofehe, freie Ehe. Hamburg 1955, S. 211-214. Siehe auch Schock (wie Anm. 12), S. 21 f.

[24]

Schormann (wie Anm. 12), S. 95.

[25]

van Dülmen (wie Anm. 12), S. 95 f.

[26]

Jules Michelet, Die Hexe. Leipzig 1863. (ND München 1974).

[27]

Ines Brenner und Gisela Morgenthal, Sinnlicher Widerstand während der Ketzer- und Hexenverfolgung. Materialien und Interpretationen. In: Gabriele Becker u.a. (Hg.), Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt a.M. 1977, S. 188-239.

[28]

Nikolaus Paulus, Hexenwahn und Hexenprozeß vornehmlich im 16. Jahrhundert. Freiburg i.B. 1910, Kap. XI: Die Rolle der Frau in der Geschichte des Hexenwahns, S. 195-247.

[29]

Ebd. S. 196.

[30]

Schormann (wie Anm. 5), S. 117.

[31]

Keith Thomas, Religion and the Decline of Magic. Studies in popular Beliefs in Sixteenth- and Seventeenth-Century. London 1971, 6. Aufl. 1984.

[32]

William Monter, Witchcraft in France and Switzerland. Ithaca, N.Y., 1976.[103]

[33]

Schormann (wie Anm. 5) zitiert Monter (wie Anm. 32), S. 122-124.

[34]

Schormann (wie Anm. 5), S. 119.

[35]

Schormann (wie Anm. 5) zit. auf S. 121 Honegger (wie Anm. 15), S. 11.

[36]

R.A. Horsley, Who Were the Witches? The Social Roles of the Accused in the European Witch Trials. In: Journal of Interdisciplinary History 9, 1979, S. 689-715.

[37]

Schormann (wie Anm. 5), S. 106 f.

[38]

Ebd. S. 107.

[39]

Gabriele Becker, Zum kulturellen Bild und zur realen Situation der Frau im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. In: Becker u.a. (Hg.), (wie Anm. 27), S. 79- 106.

[40]

Roben Muchembled, Culture populaire et culture des elites dans la France moderne (XVe-XVIIe siecles). Paris 1978. Dt. Übers.: Kultur des Volkes - Kultur der Eliten. Stuttgart 1982.

[41]

Schormann (wie Anm. 5), S. 109; Behringer nennt die Funktion der Hexenprozesse als Instrument der Sozialdisziplinierung überbetont bei Muchembled. (Behringer [wie Anm. 10], S. 3).

[42]

Ebd. S. 110.

[43]

[W.G.] Soldan, [H.]Heppe (Hg.), Geschichte der Hexenprozesse. 2. Bd., neu bearb. u. hg. von Max Bauer, 3. Aufl. München 1912. (ND Darmstadt 1972).

44]

H. R. Trevor-Roper, Der europäische Hexenwahn des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Ders., Religion, Reformation und sozialer Umbruch. Darmstadt 1970, S. 95-179.

[45]

Schormann (wie Anm. 5), zitiert auf S. 111 Trevor-Roper (wie Anm. 44), S. 139.

[46]

F. Heinz, Zur Geschichte der Reformation und Gegenreformation im Kurerzstift Trier, (phil. Diss. masch.) Kiel 1952.

[47]

H. Lehmann (wie Anm. 12).

[48]

Schormann (wie Anm. 5), S. 115.

[49]

Ebd. S. 116.

[50]

Ebd. S. 124.

[51]

Behringer (wie Anm. 10), S. 3, Anm. 7. (G. Zilboorg, The Medical Man and the Witch During the Renaissance. Baltimore 1935, und O. Snell, Hexenprozesse und Geistesstörungen. Psychiatrische Untersuchungen. München 1891).

[52]

van Dülmen (wie Anm. 12), S. 313, Anm. 3 und Norbert Schindler, Die Entstehung der Unbarmherzigkeit. Zur Kultur und Lebensweise der Salzburger Bettler am Ende des 17. Jahrhunderts. In: BayJbfVk 1988, S. 61-130, s. S. 89, Anm. 9.

[53]

Schindler (wie Anm. 52), S. 89, Anm. 9.

[54]

Sipek (wie Anm. 4), S. 5.

[55]

Schindler (wie Anm. 52), S. 89, Anm. 9.

[56]

van Dülmen (wie Anm. 12), S. 94.

[57]

Honegger (wie Anm. 15), S. 12. (Honegger nennt Hansens Werk "Zauberwahn" die spannendste und beste Arbeit über die Genese der Hexenverfolgung).

[58]

Ebd. S. 11; Hansen betrachtete Hexenprozesse nicht als "nationale", sondern als "christenheitliche" Erscheinung. Die Bearbeitungen durch Heppe und Bauer sind konfessionell entschärfend. (Sipek [wie Anm. 4], S. 9).

[59]

Schormann (wie Anm. 5), S. 5.

[60]

H. Dilling und J. Ryding, Kulturgeschichtsschreibung vor und nach der bürgerlichen Revolution von 1848. In: Ästhetik und Kommunikation, H 21, 1975, S. 15-32.

[61]

Zu Michelet im katholischen Herder-Lexikon von 1956: "erfaßte die Geschichte mit dichterischer Kraft aber oft beeinträchtigt durch demokratische (sic!), nationalistische und antiklerikale Haltung." Joseph Hansen ist im nämlichen Lexikon nicht erfaßt. Napoleon III. suspendierte Michelet wegen seiner liberalen Ansichten von seiner Professur am College de France, so daß er den Rest seines Lebens als Privatgelehrter verbringen mußte. (G. Mettgen, Ozeanische Dichtung - Epos vom Entstehen. In: SZ vom 7.10.1987, S. X).

[62]

Honegger (wie Anm. 15), S. 11.

[63]

Michelet (wie Anm. 26), ND München 1974, S. 121.

[64]

Erika Wisselinck, Hexen, warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist. Analyse einer Verdrängung. München 1986, S. 10.

[65]

Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen. Zwei Aufsätze von Dr. Mathilde Ludendorff und W. v.d. Cammer. München 1934.

[66]

Schormann (wie Anm. 5), S. 2.

[67]

Der hier folgende Absatz wiederholt z.T. die Ausführungen meines Vortrags auf der Tagung des AKIH in Stuttgart-Hohenheim im März 1988.

[68]

Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München 1930 (1. Aufl.).

[69]

Raimund Baumgärtner, Weltanschauungskampf im Dritten Reich. Die Auseinandersetzung der Kirchen mit Alfred Rosenberg. Mainz 1977; "Weltanschauungskampf" als Begriff ist eine Übernahme u.a. von Baumgärtner. In den zeitgenössischen Veröffentlichungen des Dritten Reiches wird von kirchlicher Seite der Begriff "Kirchenkampf" benützt, von Seiten der Nationalsozialisten vielfach das Wort "Kulturkampf" in Anlehnung an den Kulturkampf der siebziger Jahre des 19. Jh.; Kulturkampf (nach Volks-Brockhaus von 1939, S. 382): "Der Kampf des preußischen Staates (Bismarck, Kultusminister Falk) gegen die Machtansprüche der katholischen Kirche, deren parlamentarische Vorkämpferin die Zentrumspartei war. Der K. begann 1871 und führte vor allem zu den scharfen Mai-Gesetzen von 1873". - Die Schriftenreihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken" wirbt mit Kulturkampf für die Zeitschrift "Nordische Stimmen": "Wer laufend über den Stand des Kulturkampfes unterrichtet sein will, muß eine Zeitschrift seines besonderen Interesses ständig lesen: Nordische Stimmen. Zeitschrift für nordisches Wesen und Gewissen, hg. von Dr. Bernhard Kummer." (Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken. Heft 37, 1936, S. 80.) - Alle drei Begriffe werden in der Arbeit synonym verwendet.

[70]

Schormann (wie Anm. 5), S. 126.

[71]

Die Internationale volkskundliche Bibliographie veröffentlichte 1933/34 27 deutschsprachige von insgesamt 52 Titeln regionaler Hexenstudien, 1935/36 12 deutschsprachige von insgesamt 39 Titeln, 1937/38 24 deutschsprachige von insgesamt 49 Titeln.

[72]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 156.

[73]

Jacob Grimm vertrat in seiner "Deutschen Mythologie" (1835) die Ansicht, sachlich und sprachlich begründet, "daß schon das germanische Heidentum im wesentlichen dieselbe Hexenvorstellung" wie das ausgehende Mittelalter gehabt habe "mit Ausnahme des Teufelspakts und der Hexenversammlung": Jacob Grimm, Deutsche Mythologie. Bd. II., photomech. Nachdruck der 4. Ausg., Tübingen 1953, S. 887. Soldan/Heppe und Hansen (wie Anm. 1) waren dagegen der Meinung, daß "die meisten Bestandteile des Hexenglaubens" romanischen und "durch die romanische Überlieferung vermittelten orientalischen Ursprungs" seien: Lily Weiser-Aall, Hexe. In: Hanns Bächtold-Stäubli [Hg.], Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin/Leipzig 1930/31, Bd. III, Sp. 1828. Soldan/Heppe schreiben dazu, daß man soweit gegangen sei, "die Blume aller pfäffischen Mißbildungen für uralt germanisch zu erklären [...] aber Deutschland weist den Vorwurf, die Mutter dieser Geistesverirrungen zu sein, trotz der belieb-[104]ten Schlagworte Faust und Blocksberg und seiner zahllosen Teufelssagen mit gerechtem Unwillen zurück." (W.G. Soldan/H. Heppe, Geschichte der Hexenprozesse. Ungek. Fass. neu bearb. von S. Ries, Kettwig 1986, S. 13); auf die kontroversen Auffassungen des 19. Jh. - Hansen vs. Paulus -verweist Fritz Byloffin: Hexenglaube und Hexenverfolgung in den österreichischen Alpenländern. Berlin/Leipzig 1934, S. 4.

[74]

Reinhard Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Stuttgart 1970, S. 26.

[75]

Ebd. S. 22.

[76]

1937 erhielt Rosenberg den von Hitler gestifteten Nationalpreis. Goebbels in der Laudatio dazu: "Alfred Rosenberg hat in seinen Werken in hervorragendem Maße die Weltanschauung des Nationalsozialismus wissenschaftlich und intuitiv begründen und festigen geholfen." (Baumgärtner [wie Anm. 69], S. 110.)

[77]

Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. 2, o. O. 1985, S. 36.

[78]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 2.

[79]

Christian Zentner/Friedemann Bedürftig (Hg.), Das große Lexikon des Dritten Reiches. München 1985, S. 500 f.

[80]

Robert M. W. Kempner, Der Kampf gegen die Kirche. Aus unveröffentlichten Tagebüchern Alfred Rosenbergs. In: Der Monat. 1. Jg., Juli 1949, Nr. 10, S. 26-38, s. S. 27.

[81]

Zentner/Bedürftig (wie Anm. 79), S. 501.

[82]

Das Buch erschien im Verlag Hoheneichen (dem Parteiverlag angeschlossen), nachdem die Verleger Bruckmann und Lehmann, beide München, die Edition abgelehnt hatten, mit ausführlicher Begründung und dem Verweis auf drohenden Kulturkampf und Hitlers Politik, ,,es mit Rom nicht zum offenen Bruch kommen zu lassen". (!) (Baumgärtner [wie Anm. 69], S. 54 f.). Der Mythus erreichte bis Kriegsende eine Auflage von 1,08 Millionen und wurde, außer ins Japanische, während der NS-Zeit in keine Fremdsprache übersetzt: Serge Lang/ Ernst v. Schenck, Portrait eines Menschheitsverbrechers. Nach den hinterlassenen Memoiren des ehemaligen Reichsministers Alfred Rosenberg. St. Gallen 1947, S. 95; Im Vorwort sämtlicher Ausgaben bezeichnete Rosenberg seine Gedanken "als persönliche Bekenntnisse, nicht Programmpunkte der politischen Bewegung, der ich angehöre". (Baumgärtner [wie Anm. 69], S. 73.).

[83]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 260.

[84]

Wolfgang Frühwald, Deutschland, bleiche Mutter. In: H. Bienek (Hg.), Heimat. Neue Erkundungen eines alten Themas. München 1985, S. 22-39, s. S. 34.

[85]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 260.

[86]

Ebd.

[87]

Alexander v. Pechmann, Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Kräfte unserer Zeit. München 1930. In: Widerspruch. Münchener Zeitschrift für Philosophie, 7, 1987, Nr. 13: Philosophie im deutschen Faschismus, S. 70-72, s. S. 71.

[88]

Scholder (wie Anm. 77) verweist auf S. 136 auf Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 126-134. Ärzte, Ingenieure, Anwälte, Kaufleute und überdurchschnittlich viele Lehrer würden "seelische Verwandtschaft" mit Rosenberg entdecken, wie aus Rosenbergs Kollektion privater Briefe hervorgehe.

[89]

Scholder (wie Anm. 77), S. 134.

[90]

Ebd. S. 131.

[91]

Ebd. S. 130.
Kurt Hütten, Christus oder Deutschglaube? Ein Kampf um die deutsche Seele. Stuttgart 1935, S. 17, listet allein 39 in den Nachkriegsjahren entstandene deutschgläubige Bünde auf. Viele davon "waren kurzlebig und haben sich wieder aufgelöst, oder mit anderen Bünden verschmolzen, oder sind verboten und aufgelöst worden".

[92]

Thomas Hauschild verweist in seinem Aufsatz ,,Protestantische Pilger und katholische Körperschaften. Süditalien-ethnographie zwischen Imagination und Realität". In: ZfVK 82, 1986, S. 19-43, s. S. 25, auf den "bei uns fast vergessenen Religionshistoriker und Mitbegründer der ,Deutschglaubensbewegung' Hauer", der von Ernesto de Martino analysiert und streng verurteilt worden sei; Jacob Wilhelm Hauer (1881-1962), Indologe, Religionshistoriker, habilitierte sich 1917 in Tübingen für Sanskrit und Religionsgeschichte, wurde 1927 Nachfolger von R. v. Garbe in Tübingen. Er propagierte nach 1933 die "volkhaft rassische Bedingtheit von Glauben und Religion, rückte den dem Christentum feindlichen Gruppen der NSDAP sehr nahe und leistete dadurch der Durchdringung des deutschen Volkes mit NS-Gedankengut Vorschub". Von der Führung der Deutschen Glaubensbewegung traten Hauer und v. Reventlow 1935/36 zurück. (Neue deutsche Biographie. Hg. Hist. Komm. bei der Bayer. Ak. d. Wiss., 8. Bd. München 196 S. 83 f.); In der Zeitschrift "Germanien" veröffentlichte Hauer noch 1943 einen Artikel: "Über die ältesten Hakenkreuze, ihre Herkunft, ihr Sinn".

[93

Die Geschichte der Deutschen Glaubensbewegung ist verworren, gekennzeichnet durch erbitterte Kämpfe der einzelnen integrierten Splittergruppen untereinander, es gab Ein- und Austritte ganzer Gruppierungen und Wechsel in der Führung. Wichtig erscheint dennoch, daß es - wie immer wieder betont wird - Professoren waren, die die Einigungsbestrebungen der völkischen Bünde ursprünglich vorantrieben: Jacob Wilhelm Hauer (Tübingen), Ernst Bergmann (Leipzig), Arthur Drev (Karlsruhe), Georg Elling (Pforzheim). Dem Führerrat, der nach der Tagung in Eisenach am 29. und 30. Juli 1933 gebildet wurde, und der der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung (ADG), der Vorgängerinstitution, vorstand, gehörten Ernst Graf zu Reventlow, Prof. Dr. Hans F. K. Günther, Dr. Johann Leers, Prof. Hermann Wirth und Prof. Ernst Bergmann an. Eine der zahlreichen völkischen Bünde, die sich der ADG nach Eisenach anschlössen, waren die "Adler und Falken". Die ADG war nach dem Führerprinzip geordnet, in Gaue unterteilt, hatte ein Presse-, Vertrags-, Rechts- und Werbeamt, eine Führerschule und zahlreiche Stützpunkte in den Ortsgemeinden. Werbearbeit über Rundfunk, Zeitschriften und Flugblätter sollte die Ausbreitung der Bewegung unterstützen, Arbeitskreise erarbeiteten Formen kultischen Brauchtums und Richtlinien für deutsch-völkischen Religionsunterricht. Pfingsten 1934 wurde auf einer zweiten Tagung in Schwarzfeld die Deutsche Glaubensbewegung (DG) unter Hauers Führung gebildet, der Führerrat wurde aufgelöst. Vollmitglied konnte nur sein, wer "frei von jüdischem und farbigem Bluteinschlag, keinem Geheimbund angehörte und keiner anderen Glaubensgemeinschaft [Kirche]" (Hütten [wie Anm. 91], S. 18-27, s. S. 23). Einzelverbände sollten nach der Integration nicht weiterbestehen und sich auflösen - das führte zum Ausscheiden zahlreicher deutschgläubiger Bünde. Auch die "Adler und Falken" lösten sich wieder von der DG. Mit den Freireligiösen verlor die DG ca. 60.000 Mitglieder (!). Die DG antwortete darauf mit verstärkter Werbung und erreichte mit großangelegten Propagandafeldzügen und Riesenkundgebungen 1935 weit über 10 Millionen (!) Deutsche. (Höhepunkt war im April 1935 die Großkundgebung im Berliner Sportpalast.) In den einschlägigen Zeitschriften der Bewegung publizierten Jacob Wilhelm Hauer, Ernst Graf zu Reventlow, Dr. Fritz Gericke, Prof. Hans F.K. Günther, Prof. Friedrich Solgen, Dr. Herbert Grabert, Friedrich Wilhelm Prinz zur Lippe u.a.[105]Der Kampf gegen die Kirchen war ein favorisiertes Thema. (Hütten [wie Anm. 91], S. 20-27). Die DG widersprach dem Totalitätsanspruch der Nazis, so daß Schikanen (1937 die Unterdrückung der Zeitschrift "Durchbruch") und schließlich das Verbot für NSDAP-Mitglieder, Veranstaltungen der DG zu besuchen (11.11.1937), zum Niedergang der Bewegung führte. "Die Umbenennung 1938 in 'Kampfring Deutscher Glaube' und die zunehmende antichristliche Radikalisierung änderten daran nichts." (Zentner/Bedürftig [wie Anm. 79], S. 117 f.).

[94]

Hütten (wie Anm. 91), S. 26 f.

[95]

Volks-Brockhaus, Leipzig 1939, S. 564. Stichwort: Reichskonkordat.

[96]

Zentner/Bedürftig (wie Anm. 79), S. 323.

[97]

Ebd. S. 323 f.

[98]

Michael Kardinal Faulhaber: Judentum, Christentum, Germanentum. Adventspredigten gehalten in St. Michael zu München 1933. Fettgedruckt heißt es auf S. 123: "Dazu hat uns Gottes Gnade nicht vor dem russischen Heidentum bewahrt, um uns jetzt in einem germanischen Heidentum versinken zu lassen."

[99]

Die Themen reichten von "Ringen um den arteigenen Glauben" (Gauobmann Krause, Initiator der o.a. Sportpalastkundgebung) über "dogmenfreie, christentumsfreie Religion" (Bergmann) bis zu den Hauerschen Thesen vom historischen "Kampf der vorderasiatisch-semitischen mit der indogermanischen Glaubenswelt".

[100]

Scholder (wie Anm. 77), S. 134.

[101]

Ebd. S. 135.

[102]

Rosenberg (wie Anm. 68), S. 603.

[103]

Bollmus (wie Anm. 747), S. 55.

[104]

Scholder (wie Anm. 77), S. 136.

[105]

Wilhelm Corsten (Hg.), Kölner Aktenstücke zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland 1933-1945. Köln 1949, S. 19, Akte Nr. 21.

[106]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 263.

[107]

Ebd. S. 154, Anm. 82.

[108]

Scholder (wie Anm. 77) zit. auf S. 137 ein Schreiben der deutschen Botschaft beim Hl. Stuhl an das Auswärtige Amt v. 14.2.34. (BA Koblenz, R43 I/160).

[109]

Matthes Ziegler, Alfred Rosenberg antwortet! In: NS-Monatshefte. 6. Jg., April 1935, Heft 61, S. 290-297, s. S. 290.

[110]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 154.

[111]

Wilhelm Neuss, Kampf gegen den Mythus des 20. Jahrhunderts. Köln 1947, S. 9.

[112]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 263.

[113]

Ebd. S. 263 f.
Die kirchliche Zeitschrift "Germania" (75, 1935) schreibt: "Die bayerische geheime Staatspolizei hat angeordnet, daß jede Behandlung des ,Mythus des 20. Jahrhunderts' in geschlossenen oder öffentlichen Versammlungen außerhalb der Kirchen zu unterbleiben habe, da durch die Behandlung dieses Werkes eine starke Beunruhigung eingetreten sei. Gegen Zuwiderhandlungen ist mit Auflösung der Veranstaltung vorzugehen." Im Führerorgan der HJ "Wille und Macht" v. 15.11.1935 steht über Rosenberg und "Mythus": "Erst nach der Machtübernahme, als folgerichtig die nationalsozialistische Weltanschauung ihre geistigen Grundlagen ausbaute und zur Geltung brachte, trat der ,Mythus' wieder in den Vordergrund." Die politischen Gegner von einst würden nun ihre Macht zurückzuerobern versuchen; "politischer Katholizismus" und der "bekenntnisfreudige Protestantismus" würden zu den "Hauptträgern des geistigen Kampfes gegen die weltanschaulichen Gedanken Rosenbergs". Scholder sagt dazu: "[...] möglicherweise hatte Hitler nicht einmal ganz unrecht, als er behauptete, der kirchliche Kampf gegen den 'Mythus' habe das Buch erst populär gemacht." (Scholder [wie Anm. 77], S. 137).

[114]

Neuss (wie Anm. 111), S. 9.

[115]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 155 f.

[116]

Neuss (wie Anm. 111), S. 12.

[117]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 155.

[118]

Neuss (wie Anm. 111), S. 17.

[119]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 155.

[120]

Ebd.; Bollmus nennt die Methode der ,Studien' "historischen Positivismus", (wie Anm. 74, S. 258, Anm. 60).

[121]

Neuss (wie Anm. 111), S. 37.

[122]

Ebd. S. 36.

[123]

Ziegler (wie Anm. 109), S. 294.

[124]

Rosenberg (wie Anm. 68), S. 70.

[125]

Ebd. S. 67.

[126]

Ebd. S. 67 f.

[127]

Ebd. S. 68.

[128]

Ebd. S. 69.

[129]

Ebd. S. 70 f.; Rosenbergs Etruskerthese versuchte einer der Mitarbeiter am "Handbuch der Romfrage" in einem 30 Spalten langen Artikel zu erhärten. (Matthes Ziegler war einer der maßgeblichen Mitarbeiter.) "Für die ausgehende, rassisch vom Orient her stark zersetzte römische Antike bedeutete ein politisches Priestertum wie die römische Hierarchie darum keine Überraschung, weil dieses in Gestalt der etruskischen Kollegien der Haruspizes längst eingebürgert war. In der Folgezeit nahm aber das Papsttum - und dieses phänomenologisch zu erschließende Moment ist wichtiger als die Entstehungsverhältnisse - in Europa genau die gleiche Stellung ein, die vor ihm der etruskische Haruspex inne gehabt hatte." Alfred Rosenberg (Hg.), Handbuch der Romfrage. München 1940, Stichwort: Etrusker, S. 409.

[130]

Rosenberg (wie Anm. 68), S. 166 f.

[131]

Ebd. S. 72.

[132]

Ebd. S. 73.

[133]

Ebd. S. 72 f.

[134]

Ebd. S. 73.

[135]

O.V.: Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts. Amtliche Beilage zum kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Münster. Münster 1934, S. 8.

[136]

Ebd. S. 9.

[137]

Ebd. S. 10.

[138]

Ebd.

[139]

Ebd. S. 11.

[140]

Ebd.

[141]

Ebd. S. 12.

[142]

Ebd.

[143]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 70.

[144]

Ebd. S. 70.

[145]

Ebd. S. 71.

[146]

Alfred Baeumler (auch Bäumler), Pädagoge, Philosoph und maßgeblicher Hochschulpolitiker, leitete von 1934 bis zum 8.4.1941 das "Amt Wissenschaft" bei Rosenberg und war mit der Leitung des Aufbaus der "Hohen Schule" beauftragt. (Reinhard Bollmus, Zum Projekt einer nationalsozialistischen Alternativuniversität: Alfred Rosenbergs "Hohe Schule". In: Manfred Heinemann (Hg.): Erziehung und Schulung im Dritten Reich (= Veröffentlichungen der Hist. Komm. d. Dt. Ges. f. Erzieh.-Wiss., Bd. 4.2). Stuttgart 1980, S. 125-152, s. S. 144.

[147]

Hans Günther Seraphim (Hg.), Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs aus den Jahren 1934/35 und 1939/40 ( =[106]Quellensammlung zur Kulturgeschichte, Bd. 8). Göttingen 1956, S. 50.

[148]

Alfred Miller, "Wissenschaft" im Dienste der Dunkelmänner. Leipzig 1935, S. 28.

[149]

Ebd. S. 29.

[150]

Ebd. S. 33.

[151]

Ebd. S. 31.

[152]

Ebd. S. 53.

[153]

Ebd. S. 34.

[154]

Ebd. S. 41 f.

[155]

Ebd. S. 42.

[156]

Ebd. S. 53.

[157]

Ebd. S..54.

[158]

Rosenberg antwortete mit einem so unglücklich gewählten Titel, der den ,Epistolae obscurum virorum', den "Briefen von Dunkelmännern" (1515) entlehnt ist, jenen satirischen Briefen, in denen bedeutende Humanisten wie Crotus Ruheanus und Hermann von dem Busche (Freunde Ulrich von Huttens), anonym in die Reuchlin-Kampagne der Kölner Dominikaner, die sich als Juden- und Hexenjäger betätigten, erfolgreich eingriffen: Bruno Gloger u. Walter Zöller, Teufelsglaube und Hexenwahn. Leipzig 1983, S. 94.

[159]

Ziegler (wie Anm. 109), S. 295.

[160]

Alfred Rosenberg, An die Dunkelmänner unserer Zeit. München 1938, S. 56.

[161]

Hoensbroech erhält in der SS-Zeitung "Das Schwarze Korps" am 05.09.1935 eine Würdigung unter dem Titel "Exjesuit Hoensbroech - ein deutscher Kämpfer".

[162]

Rosenberg (wie Anm. 160), S. 57.

[163]

Ebd. S. 57.

[164]

Ebd. S. 59.

[165]

Ebd. S. 60.

[166]

Ebd.

[167]

o.V.: Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts. In: Bücherkunde, Monatshefte der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. 2. Jg., April 1935, 4. Folge, S. 125-132.

[168]

Rosenberg (wie Anm. 160), S. 60 f.

[169]

Ebd. S. 63.

[170]

Ebd. S. 64.

[171]

Ebd.

[172]

Armin Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch. 2. Aufl. Darmstadt 1972, S. 388.

[173]

Die Ludendorff-Bewegung "lebt heute noch in beträchtlicher Stärke weiter". (Mohler [wie Anm. 172], S. 388).

[174]

Mohler (wie Anm. 172), S. 394.

[175]

Die genannten Organisationen wurden 1933 verboten, der florierende Ludendorff Verlag 1935 zwangseingeschränkt; 1937 wurden die Verbote auf Veranlassung Hitlers zurückgenommen - ab da "Bund für Deutsche Gotterkenntnis (L)" im Vereinsregister eingetragen. Die Ludendorff-Zeitschrift "Am Heiligen Quell deutscher Kraft" durfte bis zum Kriegsbeginn erscheinen. (Mohler [wie Anm. 172], S. 390).

[176]

Der Aufsatz ist 6 Seiten lang und mit Fußnoten versehen, die u.a. auf Soldan/Heppe und Hoensbroech verweisen.

[177]

Christliche Grausamkeit (wie Anm. 65), S. 5 (hier v.d. Cammer).

[178]

Herausgeber war Theodor Fritsch; dieser ist auch der Autor des berüchtigten "Handbuchs der Judenfrage".

[179]

Christliche Grausamkeit (wie Anm. 65), S. 8 (hier Ludendorff).

[180]

Ebd. S. 9.

[181]

Ebd. S. 8.

[182]

Ebd. S. 16; E. u. M. Ludendorff, Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende; Franz Griese, Ein Priester ruft: "Los von Rom und Christi"!; Ernst Schulz, Der Trug vom Sinai; Mathilde Ludendorff, Ein Blick in die Morallehre der römischen Kirche; dies., Hinter den Kulissen des Bismarckreiches; Dr. med. W. Wendt, Die Hölle als Bestandteil der Kindererziehung; Armin Roth, Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933; Strunck, Vatikan und Kreml; A. Alckens, Inquisition Deutschland; ders., Kulturkampf; Kurt H. Holscher, Der Todeskampf der Stedinger.

[[183]

Friederike Müller-Reimerdes, Der christliche Hexenwahn. Gedanken zum religiösen Freiheitskampf der deutschen Frau (= Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken. Hg. von Bernhard Kummer), Heft 26, Leipzig 1935.

[184]

Nordische Kulturarbeit. Sonderdruck der "Nordischen Stimmen" vom 1.1.1933, S. 1.

[185]

Bernhard Kummer, Die nordische Bewegung im Glaubenskampf der Zeit. In: Nordische Stimmen, 4. Jg., Juli 1934, 7. Heft, S. 179-182, s. S. 179.

[186]

Frieda Reimerdes, Gedanken einer deutschen Frau zum Bekenntnis des Nationalsozialismus zum "positiven Christentum". In: Nordische Stimmen, 4. Jg., Mai 1934, 5. Heft, S. 113-116. "Positives Christentum": der religiöse Standpunkt der NSDAP, formuliert im Punkt 24 des Parteiprogramms.
Der Begriff diente dazu, kirchliche Klagen abzuweisen und Bedenken kirchlich geprägter Parteimitglieder zu zerstreuen; er hatte Tarnungsfunktion (Zentner/Bedürftig [wie Anm. 791 S. 452).

[187]

Müller-Reimerdes (wie Anm. 183), S. 3.

[188]

Ebd. S. 11.

[189]

Ebd. S. 9.

[190]

Ebd. S. 10.

[191]

Ebd. S. 12 f.

[192]

Ebd. S. 14.

[193]

Ebd. S. 15.

[194]

Ebd. S. 16.

[195]

Ebd. S. 17.

[196]

Ebd. S. 23.

[197]

Ebd. S. 35.

[198]

Ebd. S. 38.

[199]

Ebd. S. 45.

[200]

Ebd. S. 53.

[201]

Ebd. S. 55.

[202]

Ebd. S. 54.

[203]

Ebd. S. 61. Ergänzend s. auch: Irmgard Reichenau (Hg.), Deutsche Frauen an Adolf Hitler. Leipzig 1933, 2. erw. Auflage 1934; Sammlung von Briefen deutsch-völkischer Frauen an Adolf Hitler, worin sie ihren Erwartungen auf Gleichberechtigung im neuen Staate Ausdruck verleihen, verbunden mit einem Treuebekenntnis zum Nationalsozialismus.

[204]

Müller-Reimerdes (wie Anm. 183), S. 62.

[205]

Ebd. S. 63.

[206]

Ebd. S. 63 f.

[207]

Für diese Information danke ich Prof. Brückner, der sie vom Institut für Gegenwartsvolkskunde in Wien/Mattersburg bezog.

[208]

Karl Haiding, Edmund Mudrak, ein Siebziger. In: ÖZfVk 68, 1965, S. 85-92, s. S. 85.

[209]

Brückner (wie Anm. 207).

[210]

Olaf Bockhorn, Wiener Volkskunde 1938-1945. In: Helge Gerndt (Hg.), Volkskunde und Nationalsozialismus. Referate und Diskussionen einer Tagung der Dt. Ges. f. Vk. (= Münchner Beiträge z. Vk., Bd. 7). München 1987, S. 229-237, s. S. 234.[107]

[211]

Hannjost Lixfeld, Matthes Ziegler und die Erzählforschung des Amtes Rosenberg. In: RhJbfVk, Bd. 26, 1987, S. 37-59, s. S. 46; siehe auch Wolfgang Emmerich, Germanistische Volkstumsideologie. Genese und Kritik der Volksforschung im Dritten Reich (= Volksleben 20). Tübingen 1968, S. 202 und Olaf Bockhorn, Der Kampf um die ,Ostmark'. Ein Beitrag zur Geschichte der nationalsozialistischen Volkskunde in Österreich. In: Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945, hg. von Gernot Heiß, Siegfried Maul u.a., Wien 1989, S. 17-38, s. S. 19.

[212]

Frdl. Mitteilung von H. Lixfeld an die Verfasserin.

[213]

Leopold Schmidt, Geschichte der österreichischen Volkskunde. Wien 1951, S. 136.

[214]

Lixfeld (wie Anm. 211), S. 46.

[215]

Helmut Heiher, Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. Stuttgart 1966, S. 551 (Fußnote).

[216]

Bockhorn (wie Anm. 210), S. 234 (Fußnotenverweis auf BA NS 8/206, fol. 38; BA NS 8/264, fol. 52). Siehe auch Hannjost Lixfeld, Die deutsche Forschungsgemeinschaft und die Dachverbände der deutschen Volkskunde im Dritten Reich. In: Volkskunde und Nationalsozialismus (wie Anm. 210), S. 69-82, s. S. 76.

[217]

Gemäß einer Zusammenstellung von Margit Gröhsl in: Haiding (wie Anm. 208), S. 86-92.

[218]

Edmund Mudrak, Grundlagen des Hexenwahnes (= Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken, Heft 37), Leipzig 1936, S. 3.

[219]

Ebd.; Mudrak rezensiert Höflers Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" 1935 in der Zeitschr. "Nordische Stimmen" über vier Seiten (!) und verreißt es. Das wichtigste Kernstück der Sagen vom Wilden Jäger, die Jagd nach dem Weibe, könne man nicht - wie Höfler - aus der Hexenfeindschaft der kultischen Geheimbünde erklären. Aus dem Überlieferungsbestand von Iran bis in germanisches und keltisches Gebiet sei die Verfolgung eines, in verschiedenen Tiergestalten flüchtenden Weibes bekannt, der Verfolger war der eigene Vater (Sagenbeispiel nach Grimm: Bernerdietrich). Eine breitangelegte "sagengeschichtliche Untersuchung" hätte Höfler zeigen können, "daß die bekannten Sagen vom Wilden Jäger nur mehr ein letzter Rest einer reichhaltigen Überlieferung von gegliedertem Aufbau sind, also unmöglich in ihrer jetzigen Form, die gar nicht den ursprünglichen Bestand darstellt, eine Spiegelung eines Brauchtums sein können". (Edmund Mudrak, Kultische Geheimbünde der Germanen [Rezension]. In: Nordische Stimmen, 5. Jg., Hartung 1935, 1. Heft, S. 21-25).

[220]

Mudrak (wie Anm. 218), S. 4.

[221]

Ebd. S. 7.

[222]

Ebd., zitiert auf S. 8 Äußerungen von Siegmund Riezler, Geschichte der Hexenprozesse in Bayern. Stuttgart 1896, S. 21 u. 74; und J. Franck aus: Hansen (Hg.), Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns. Bonn 1901, S. 652 u. 655 und führt mehrere skandinavische Autoren an.

[223]

Verweis auf Weiser-Aall, HDA; Stichwort "Hexe", Sp. 1828.

[224]

J. Franck, Geschichte des Wortes Hexe. In: Hansen (wie Anm. 222), S. 614.

[225]

Mudrak (wie Anm. 218), S. 9. Siehe hierzu die Widerlegung von Otto Lauffer, Die Hexe als Zaunreiterin. In: Volkskundliche Ernte, Hugo Hepding dargebracht. Gießen 1938, S. 114-130, s. S. 119; Mudrak irre, wenn er an eine "Reiterin auf dem Zaunstecken" denke, an anderer Stelle (S. 31) habe Mudrak es richtiger getroffen, wenn er sagt: "Man könnte an den Unhold denken, der vergeblich versucht, aus seinem, in den menschlichen umzäunten Bereich einzudringen und über den Zaun zu klettern."

[226]

Mudrak (wie Anm. 218), S. 10.

[227]

Ebd. S. 64, Anm. 28; die protoelamische Tafel sei abgebildet in: Memoires de Delegation en Perse. Bd. 9, o.S.

[228]

Ebd. S. 14.

[229]

Ebd. S. 10.

[230]

Ebd. S. 12.

[231]

Haiding (wie Anm. 208), S. 85.

[232]

Mudrak (wie Anm. 218), S. 12 f.; die Anlehnung an Rosenberg ist deutlich, zumal gerade die Etrusker-These, an der Rosenberg trotz präziser Widerlegungen auch in seiner zweiten Kirchenkampf-Schrift "An die Dunkelmänner unserer Zeit" eisern festhielt, von den Verfassern der "Studien" in einem, einer späteren Auflage hinzugefügten Epilog nochmals angefochten wird. Der ",orientalische' Ursprung der Etrusker und ihre[r] angeblich maßgebende[n] Rolle für den kirchlichen Kult" sei "bis heute" unbewiesen. (Bollmus [wie Anm. 74], S. 257 f., Anm. 50).

[233]

Ebd. S. 13.

[234]

Ebd. S. 14.

[235]

Ebd. S. 15.

[236]

Ebd. S. 16.

[237]

Ebd. S. 17.

[238]

Ebd. S. 18 f.

[239]

Ebd. S. 19.

[240]

Ebd. zitiert auf S. 21 R. Ohle (o. Titel).

[241]

Ebd. S. 21.

[242]

Ebd. S. 22.

[243]

Ebd. verweist auf S. 67, Anm. 47 auf Bühler, Die Germanen der Völkerwanderung, o. O. o. J., S. 186.

[244]

Ebd. S. 23.

[245]

Ebd. S. 23 f.

[246]

Ebd. S. 27.

[247]

Ebd. S. 29.

[248]

Ebd. S. 31.

[249]

Ebd. S. 33.

[250]

Ebd. S. 43; "wesensfremd" ist Mudraks Umschreibung für "fremdrassig" = minderwertig. Aus Mudraks Rezension zu Jaides Hexenwahn-Monographie: "Ergibt sich schon aus der Kritik der Saga selbst der dringende Verdacht fremder Herkunft der Zaubereivorstellungen, so wird er zur Gewißheit durch die Untersuchung des Personenkreises, der als Träger der Zauberhandlungen in Betracht kommt. Fremdrassige und Minderwertige überwiegen hier weitaus, und die wahre Einstellung zu diesen Dingen ergibt sich aus der Verachtung, mit der man dem Zauberer begegnet." (In: Bausteine zur Geschichte, Völkerkunde und Mythenkunde. Mit "Mythologischem Anzeiger". 6. Jg., 1937/38, 6. Bd., S. 142).

[251]

Mudrak (wie Anm. 218), S. 36.

[252]

Ebd. S. 37.

[253]

Ebd. S. 37 f.

[254]

Ebd. S. 38.

[255]

Ebd. S. 41.

[256]

Ebd. S. 54.

[257]

Ebd. S. 55 und 54.

[258]

Hans v.d. Au verweist in seiner Rezension von Jaides Buch "Vom Tanz der jungen Mannschaft" auf Jaides Mitgliedschaft im Bund der "Adler und Falken". Er schreibt: "Jaide werden die Tanzformen einmal zum Ausdruck jungmannschaftlicher Haltung, sodann sind sie ihm ,ewige Sinnbilder deutscher Weltanschauung'." In: HessBllfVk Bd. XXXIV, 1935, S. 145. In seiner Rezension von Jaides Buch "Deutsche Schwerttänze" schreibt er: "Es liefert zu dem Ziele, den Schwerttanz[108]innerhalb der Männerbünde wieder zum Brauchtum aufleben zu lassen, einen dankenswerten Beitrag." In: HessBllfVk Bd. XXXIV, 1935, S. 146.

[259]

Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Volkskunde (Hg.), Deutsche Volkskunde im Schrifttum. Ein Leitfaden für die Schulungs- und Erziehungsarbeit der NSDAP. Berlin 1938, S. VI, Nr. 30. Jaide versuche, die Tänze ,,für die allgemeine Pflege umzugestalten", verkenne aber "völlig die Bedeutung, die dem Gegenspieler, dem Narren, beim Schwerttanze zufällt".

[260]

Walter Jaide, Das Wesen des Zaubers in den primitiven Kulturen und in den Islandsagas. (Phil. Diss.) Berlin 1937.

[261]

Prof. Dr. Walter Jaide ist der einzige noch lebende Zeitzeuge aus dem Kreis um Kummer.

[262]

Walter Jaide, Wesen und Herkunft des mittelalterlichen Hexenwahns im Lichte der Sagaforschung (= Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken. Heft 39). Leipzig 1936, S. 5.

[263]

Ebd. S. 6.

[264]

Ebd. S. 7.

[265]

Ebd. S. 9.

[266]

Ebd. S. 10.

[267]

Ebd. S. 11.

[268]

Ebd. S. 12.

[269]

Ebd. S. 13.

[270]

Ebd. S. 14.

[271]

Ebd. S. 15.

[272]

Ebd.

[273]

Jaide (wie Anm. 260), S. 181.

[274]

"Ein heimatliches Kinderspiel und seine Hintergründe" (1932) und "Augustinus - das Ringen einer Seele" (1933), nach Kürschner (1935); Mayer verfaßte außerdem zahlreiche Aufsätze für das "Jb. f. Lit.-Wiss. u. Archiv f. Lit.-Wiss." und war seit 1947 Mitglied der Komm. f. bay. Landesgesch. b. Bay. Ak. d. Wiss. (nach Kürschner 1980). Im BayJbfVk 1960 erschien ein Aufsatz von ihm: Der Zentaur von Gögging. S. 111-120.

[275]

Anton Mayer, Erdmutter und Hexe. Eine Untersuchung zur Geschichte des Hexenglaubens und zur Vorgeschichte der Hexenprozesse (= Historische Forschungen und Quellen. 12. Heft), München/Freising 1936.

[276]

Lexikon für Theologie und Kirche. 5. Bd. Freiburg 1960, S. 316 und 319; Friedrich Merzbacher, Die Hexenprozesse in Franken, München 1970; Der germanisch-deutsche Hexenbegriff, S. 6-9.

[277]

Merzbacher hat zur New Catholic Encyclopaedia 14, Washington 1967, den Artikel "Witchcraft" beigesteuert.

[278]

Das Handbuch setzt sich u.a. couragiert im Artikel "Geschichtliche Streitfragen" mit einigen von Rosenbergs Behauptungen im "Mythus" auseinander, ohne jedoch Rosenberg zu zitieren, sondern lediglich seine Quellenlieferanten. (Erzbischof Konrad Gröber [Hg.], Handbuch religiöser Gegenwartsfragen. Freiburg 1937, S. 202-209).

[279]

Mayer (wie Anm. 275), S. 10.

[280]

Ebd. führt außer den Autoren J. Grimm, Mogk, Noreen noch G. Schnürer, K. Meisen, K. Helm, K. Schmaltz und Jan de Vries an, mit Anmerkungen.

[281]

Mayer (wie Anm. 275), S. 35.

[282]

Ebd.

[283]

Ebd. S. 12.

[284]

Ebd. S. 15.

[285]

Ebd. S. 16.

[286]

Ebd. S. 18.

[287]

Ebd. S. 20.

[288]

Ebd. verweist auf S. 20 auf Eugen Fehrle (Hg.), Cornelius Tacitus Germania. Hg., übers. u. m. Bemerk, vers. München 1929, S. 101.

[289]

Ebd. S. 22 f.

[290]

Ebd. S. 25.

[291]

Ebd. S. 30.

[292]

Ebd. S. 31.

[293]

Ebd. verweist auf S. 25, Anm. 3 auf eine umfangreiche, noch ungedruckte Sammlung zur bayerischen Volkskunde von Oberinspektor Hans Seidlmayer, München, der er die Mitteilung entnimmt, daß noch heute im Schwarzachtal in der Oberpfalz die Hexen ausgepeitscht würden, "und damit sie nicht in die Häuser flüchten können, legt man vor jede in Freie führende Tür ein Rasenstück: das ureigenste Element soll also die Hexen an sich ziehen und bannen".

[294]

Mayer (wie Anm. 275), S. 30.

[295]

Ebd. S. 37.

[296]

Ebd. verweist auf S. 36 auf die Begriffsbildung nach Hansen (wie Anm. 222), S. 416.

[297]

Ebd. S. 36.

[298]

Ebd. S. 36 f.; Dazu verweist Mayer in den umfangreichen Anmerkungen (S. 37) auf widersprüchliche Thesen: Vordemfelde vertritt die Meinung, daß in der germanischen Religion Männern (Priestern) vor allem das Recht magischer Mantik zustand (Hans Vordemfelde, Die germanische Religion in den deutschen Volksrechten [= Religionsgesch. Vers. u. Vorarb. XVIII, 1] Gießen 1923. S. 128 f.). Helm spricht "von der ,Zaubergabe der Frau', die in den jüngeren Zeiten des germanischen Heidentums immer mehr hervorgetreten sei und die im ma. Hexenglauben eine unheimliche Neubelebung erfährt", (Karl Helm, Altgermanische Religionsgeschichte I. Heidelberg 1913, S. 285).

[299]

Nach S. Riezler (wie Anm. 222), S. 29.

[300]

Mayer (wie Anm. 275), S. 38.

[301]

Ebd. S. 40 f.

[302]

Ebd. S. 42.

[303]

Ebd. S. 44. Der Georgstag ist - anders als bei Mayer - der 23. (24.) April.

[304]

Ebd. verweist auf S. 45 auf Murray (wie Anm. 18), S. 130.

[305]

Ebd. S. 46 f.

[306]

Ebd. S. 48.

[307]

Ebd. S. 55.

[308]

HDA II. Sp. 904.

[309]

Mayer (wie Anm. 275), zit. auf S. 57 Riezler (wie Anm. 222), S. 216.

[310]

Ebd. S. 58; lediglich für Salzburg scheint dies gut belegt zu sein.

[311]

Ebd. zitiert auf S. 59 Peter Binsfeld, Tractatus de confessionibus maleficorum et sagarum. Trier 1589, S. 39.

[312]

W. Mannhart (nach Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1700-1910 nicht identisch mit Wilhelm Mannhardt) verweist in seinem Buch: Zauberglaube und Geheimwissen. Berlin 1909, S. 230, auf den 3. Teil des "Hexenhammer", den Criminalcodex, auf Frage 8 ("Wie die Hexe zur gefänglichen Haft gebracht werden solle?") und zitiert daraus "nur eine, aber geschichtlich merkwürdige Stelle: Es ist sehr rathsam und erlaubt, eine solche Gefangene, sobald man ihrer habhaft werden kann, sofort von der Erde aufzuheben, damit sie mit ihren Füßen den Erdboden nicht mehr berühren kann, denn ohne diese Vorsicht steht zu befürchten, daß sie sich durch Zauberei wieder in Freiheit setze. - Dies war die allgemeine Meinung. Der Volkssage nach wurden die angeblichen Hexen deshalb schwebend aufgehangen verbrannt".

[313]

Mayer (wie Anm. 275), S. 61.[109]

[314]

Ebd. S. 61 f.

[315]

Ebd. S. 62.

[316]

Ebd. S. 63.

[317]]

Ebd.

[318]

Klaus v. See, Das "Nordische" in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts. In: Jb. f. intern. Germanistik, Jg. XV, 1983, Heft 2, S. 8-38, s. S. 27.

[319]

Mohler (wie Anm. 172), S. 384: "Wir haben bei Kummer die Bibliographie bis zum Tode durchgeführt, um ein solches Lebenswerk in seiner Erstreckung über drei Regime zu zeigen."

[320]

Hermann Engster, Germanisten und Germanen. Germanenideologie und Theoriebildung in der deutschen Germanistik und Nordistik von den Anfängen bis 1945 in exemplarischer Darstellung (= Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik, Bd. 16). Frankfurt a.M./Bern/New York 1986, S. 76 f.
Siehe dazu auch Emmerich (wie Anm. 211), S. 197 f. Kummers Germanenbild konnte (nach Emmerich) "leicht von der nationalsozialistischen Weltanschauung übernommen werden. Die ausdrückliche Hervorhebung der Götterdämmerung, des Düsteren, Tragischen und Leidvollen entsprach dem neuen Mythos, der das Leben als Kampf sah, der auch tragisch enden konnte." Emmerichs damalige Einschätzung des Kummerschen Germanenbildes im Hinblick auf seine Verwertbarkeit im Nationalsozialismus kann nach neueren Forschungen als überholt gelten.

[321]

von See (wie Anm. 318) zitiert auf S. 29 Hans Naumann, Germanischer Schicksalsglaube (o.O.) 1934, S. 7.

[322]

Ebd. S. 27.

[323]

Ebd. S. 21, Fußnote 54.

[324]

Otto Höfler, Kultische Geheimbünde der Germanen. Bd. I, Frankfurt a.M. 1934 (nur Bd. I erschienen).

[325]

Engster (wie Anm. 320), S. 82.

[326]

Höfler (wie Anm. 324), S. VIII.

[327]

Ebd. S. 339.

[328]

Klaus v. See, Die Altnordistik im Dritten Reich. In: Bernd Henningsen u. Rainer Pelka (Hg.), Die Skandinavistik zwischen gestern und morgen. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven eines "kleinen Faches" (= Schriftenreihe der Akademie Sankelmark. NF 59, 1984), S. 39-51, s. S. 47.

[329]

Engster (wie Anm. 320), S. 85 verweist auf Höfler (wie Anm. 324), S. 345, wo Höfler eine baltische Überlieferung aus dem J. 1691 anführt; doch fehle dem dort geschilderten kultisch religiösen Mannschaftsverband "der Zug zum staatlichen Leben".

[330]

Höfler (wie Anm. 324), S. VII.

[331]

Ebd. S. 357.

[332]

Matthes Ziegler, Germanische Religionsforschung und Weltanschauungskampf. In: Nationalsozialistische Monatshefte (NSMH), Heft 78, Sept. 1936, S. 43-48.
Lutz Mackensen, Germanische Volkskunde. Vortrag zur Reichstagung der Nordischen Gesellschaft. In: Der Völkische Beobachter, Berliner Ausg. 26.6.1935; ders., Zwischen Skepsis und Legende. Kleine grundsätzliche Bücherschau zur Germanenkunde. In: Die neue Literatur, hg. von Will Vesper, Oktober 1935, S. 589-591;
E. Mudrak, Die Aufgaben der Volkskunde als einer lebendigen Wissenschaft. Deutsche Volkskunde - Eine politische Wissenschaft. In: Karl v. Spieß/Edmund Mudrak, Deutsche Volkskunde als politische Wissenschaft. Berlin 1938, S. 3-11, s. S. 7 f.
Hans Strobel, Germanisches Erbe im deutschen Brauchtum. In: Das germanische Erbe in der deutschen Volkskultur. Bearb. v. E.O. Thiele (= Deutsche Volkskunde. Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Volkskunde). München 1939, S. 112-137, s. S. 113 f.
Hans F.K. Günthers "Formen und Urgeschichte der Ehe" (München 1940) wurde von A. Haberlandt rezensiert, wobei wiederholt auf die Ablehnung der Existenz von frühgermanischen Männerbünden durch Günther verwiesen wird. Arthur Haberlandt, Germanische Weltanschauung im Lichte der Volks- und Völkerkunde. In: Wiener Z. f. VK XLIX, 1944, S. 54-59, s. S. 55 u. 58.
Auf die Kritik an Höflers "Geheimbünden" durch Friedrich v.d. Leyen im "Anzeiger für deutsches Altertum" 54, 1935, S. 153-165, und durch Friedrich Ranke, 1940 aus dem Exil (wieder abgedr. in: Friedrich Ranke, Kleinere Schriften, Bern/München 1971, S. 380-408) soll hier nicht weiter eingegangen werden, weil beide nicht wie die anderen Kritiker von nationalsozialistischer Position aus schreiben.

[333]

Ziegler (wie Anm. 332), S. 43.

[334]

Ebd.

[335]

St. v. R., Dr. Johann v. Leers und Dr. Bernhard Kummer durch Reichsminister Rust und Reichsstatthalter Sauckel auf die Thüringische Landeshochschule nach Jena berufen. In: Deutscher Glaube. Zeitschrift für arteigene Lebensgestaltung, Weltschau und Frömmigkeit, hg. von W. Hauer, Hans F.K. Günther u.a., November 1936, S. 511-513, s. S. 511.

[336]

Hans-Jürgen Lutzhöft, Der Nordische Gedanke in Deutschland 1920-1940. Stuttgart 1971; Lutzhöft stellt Kummers schriftstellerischen Erfolg von "Midgards Untergang" beim breiten Publikum neben den der Rassetheoretiker Hans F.K. Günther und Ludwig Ferdinand Clauß (S. 402). "Midgards Untergang" erschien 1972 in 5. Auflage und wird gegenwärtig als fotomech. Nachdr. vom Faksimile Verlag vertrieben.

[337]

Konrad Jarauschs Rezension zu Bernhard Kummers Buch: Midgards Untergang. Germanischer Kult und Glaube in den letzten heidnischen Jahrhunderten. Leipzig 1927. In: ZVVK 37/38, 1927/28, S. 280 f. Felix Genzmers Rezension zum gleichen Buch erschien in: HessBllfVk, Bd. XXVII, 1928, S. 217-221; das "vom Verfasser dargestellte Bild" erscheine in allem "fehlerhaft", obgleich es "vieles Richtige enthält", aber "fesselnd und anregend" sei.

[338]

Bernhard Kummer zum Gedächtnis. Sonderdruck der Zeitschrift "Forschungsfragen unserer Zeit", o.O. 1963. Hier sind unter der Rubrik: Werke/Schriften/Aufsätze (S. 85-102) auf S. 86 sämtliche von Kummer im HDA bearbeiteten Stichworte aufgeführt.

[339]

Gisela Lienau-Kummer, Lebensweg und Lebenswerk unseres Vaters. In: Kummer (wie Anm. 338), S. 6-32, s. S. 11.

[340]

Manfred Böge, Volk ringt um Gott. Deutsch-völkisches Glaubensringen: Von der Deutschkirche bis zum Tannenbergbund. Breslau 1935, S. 53.

[341]

Heiber (wie Anm. 215), S. 551.

[342]

Lutzhöft (wie Anm. 336), S. 51; siehe auch Gisela Lienau-Kummer (wie Anm. 339), S. 11.

[343]

Hans Riegelmann, Erinnerung und Dank am Grabe des Freundes. In: wie Anm. 338, S. 34-44, s. S. 41.

[344]

Mohler (wie Anm. 172), S. 282 f.

[345]

St. v. R. (wie Anm. 335), S. 511; siehe auch Lutzhöft (wie Anm. 336), S. 51.

[346]

Lienau-Kummer (wie Anm. 339), S. 12.

[347]

Lutzhöft (wie Anm. 336), S. 51.

[348]

Persönliche Mitteilung.

[349]

Mohler (wie Anm. 172), S. 383 f.

[350]

Lutzhöft (wie Anm. 336), S. 51.

[351]

Auflistung einiger Publikationen Kummers, in denen er das Thema abhandelt, siehe Barbara Schier, Hexenwahninterpre-[110]"tationen im ,Dritten Reich'. In: Dieter Bauer und Sönke Lorenz(Hg.), Himmlers Hexen-Kartothek. Tagungsdokumentation (= Quellen und Forschungen zur Europ. Ethnologie, 7). Würzburg 1989 (im Druck).

[352]

Bernhard Kummer, Priester Europas, wahrt Eure heiligsten Güter! In: Nordische Stimmen. 5. Jg., Hornung 1935, 2. Heft, S. 33-39.

[353]

Ebd. S. 33.

[354]

Ebd. S. 34.

[355]

Ebd. S. 35.

[356]

Ebd. S. 36.

[357]

Ebd. S. 37.

[358]

Ebd. S. 36.

[359]

Ebd. S. 39.

[360]

O.V.: Die mittelalterlichen Hexenverbrennungen als germanisches Erbe? Rezension zu Gustav Necket, Sagen aus dem germanischen Altertum. Leipzig 1935. In: Nordische Stimmen, 5. Jg., Nov. 1935, 11. Heft, S. 265-270.

[361]

Genierte sich Kummer, eine so scharfe Rezension eines Buches seines ehemaligen Lehrers Neckel unter seinem Namen vorzunehmen, er, der es nicht müde wurde, die Anonymität eines späteren, gegen ihn (Kummer) gerichteten Artikels in der Zeitschrift "Germanien" zu beklagen und zu kritisieren? (,,Hugin und Munin": Widersagst du dem Wodan? In: Germanien. Monatshefte für Germanenkunde zur Erkenntnis deutschen Wesens, Juni 1937, Heft 6, S. 161-168). In einer längeren Fußnote zur o.g. Rezension bedauert Kummer (als Schriftleiter) die Plagiatsvorwürfe gegen Neckel und seine Entfernung von der Berliner Universität; würde man alle Vorfälle sorgfältig untersuchen und die Assistenten befragen, "man fände Spuren der katholischen Aktion". (Anm. der Schriftleitung, Fußnote, S. 265 f.).

[362]

O.V.: wie Anm. 360. Der Verfasser zitiert Neckel aus o.g. Werk, o.S.

[363]

Ebd. S. 267.

[364]

Ebd.

[365]

Ebd., S. 268.

[366]

Ebd.

[367]

Ebd., S. 269.

[368]

Ebd., S. 270.

[369]

Ebd.

[370]

B. Kummer, Germanenkunde im Kulturkampf (= Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken. Heft 25). Leipzig 1935, S. 20 f.

[371]

Nachruf auf Otto Höfler von Helmut Birkhan, 1987, unveröff., o.S.

[372]

Schmidt (wie Anm. 213), S. 131-137. Siehe auch Emmerich (wie Anm. 211), S. 202 f.; Emmerich bezieht sich auf eine Formulierung Dieter Narrs: ,Jede der beiden [Schulen] versuchte gleichsam, seine ,Penaten' - also das Gedankengut, dem er schon immer angehangen hatte - ins Dritte Reich einzubringen und mit dem Nationalsozialismus zum Ausgleich zu bringen".

[373]

Nachruf (wie Anm. 371).

[374]

Lebenslauf Otto Höfler anl. seiner Bewerbung an der Universität München v. 15.3.1937. In: Volkskunde an der Münchner Universität 1933-1945. Zwei Studien von Eva Gilch und Carmen Schramka mit einem dokumentarischen Beitrag v. Hildegunde Prütting (= Münchner Beiträge z. Vk., Bd. 6). München 1986, S. 82 f.

[375]

Ebd. S. 82.

[376]

von See (wie Anm. 328), S. 48.

[377]

Eugen Eehrle in: Oberdeutsche ZfVk 8, 1934, S. 191 und ebd. 12, 1938, S. 64.

[378]

B. Kummer, Kultische Geheimbünde der Germanen? In: B. Kummer (Hg.), Reaktion oder deutscher Fortschritt in der Geschichtswissenschaft (= Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken, Heft 32). Leipzig 1935, S. 57-77, s. S. 77. Höflers Berufung nach Kiel ,,hängt zusammen mit einer Säuberungsaktion im Fach Germanistik: Die unliebsamen Lehrstuhlinhaber wurden auf Veranlassung des nationalsozialistischen Rektors Rittersbusch entfernt - C. Wesle nach Bonn versetzt, W. Liepe amtsenthoben und zur Emigration gezwungen - um durch die regimetreuen G. Fricke und O. Höfler ersetzt zu werden", (von See [wie Anm. 318], verweist auf S. 35 Anm. 301 auf E. Hofmann in: Gesch. d. Christ.-Albr.-Univ. Kiel, Bd. 5, Teil 2, 1969, S. 226 ff.).

[379]

Michael Kater, Das Ahnenerbe der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. Stuttgart 1974, S. 83.

[380]

Heiber (wie Anm. 215), S. 551.

[381]

Kater (wie Anm, 379), S. 138.

[381a]

Nach Dok.Nr. BA NS 19/432, zit. n. H. Birkhan; Otto Höfler - Nachruf von Helmut Birkhan. Sonderdruck aus: Almanach d. Österr. Ak. d. Wiss., 138. Jg. (1988), S. 385-406, s. S. 400.

[382]

Glich (wie Anm. 374), S. 27.

[382a]

Da seit Ende 1937 niemand mehr in die Partei aufgenommen wurde (lt. Mitteilung der Witwe Hanna Höfler an Helmut Birkhan), datierte man Höflers Parteieintritt auf 1. Mai 1937 zurück (Parteibuchnummer 5 443 928, nach BDC-Unterlagen) zit. nach Birkhan (wie Anm. 38la), S. 401.

[383]

Grabrede von H. Birkhan auf Otto Höfler 1987, unveröffentlicht.

[384]

Höfler (wie Anm. 324), S. 276.

[385]

Ebd. S. 277.

[386]

Ebd. S. 277 f. Höfler verweist in diesen Zshg. auf Margret Murray und auf die in altgermanischer Überlieferung bekannte einzelne Hexe.

[387]

Ebd. S. 278.

[388]

Ebd. S. 278 f.; Höfler zitiert Schweiz. Id. 4, S. 1801.

[389]

Ebd. S. 279.

[390]

Ebd. S. 282.

[391]

Ebd. S. 284.

[392]

Ebd. S. 285.

[393]

Ebd. S. 285 f.

[394]

Ebd. S. 286.

[395]

Ebd. S. 316; Verweis auf Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau, Bd. 1. Aarau 1856, S. 94 f.

[396]

Ebd. S. 317.

[397]

Kummer (wie Anm. 378), S. 57-77.

[398]

Ebd. S. 58 f.

[399]

Ebd. S. 59.

[400]

Ebd. S. 61.

[401]

Ebd. S. 60 f.

[402]

Ebd. S. 62.

[403]

Ebd. S. 63.

[404]

Ebd. S. 66; Zahlen in Klammern = Seitenzahlen in Höfler "Kultische Geheimbünde ..." 1934.

[405]

Ebd. S. 66; zu hexenbekämpfenden Männerbünden s. auch Kummer (wie Anm. 370), S. 21 u. ders., Die germanischen Geheimbünde und das deutsche Pfarrerblatt. In: Nordische Stimmen, 5. Jg., Heuert 1935, 7. Heft, S. 173.

[406]

Kummer (wie Anm. 378), S. 68.

[407]

Ebd. S. 70.

[408]

Ebd. S. 71; hierbei bezieht sich Kummer auf den Eintrag eines vermeintlichen Zauberspruchs - tatsächlich Maskenscherz -in das Homilienbuch eines Ketzerrichters; bei Höfler (wie Anm. 324), S. 76 erwähnt.[111]

[409]

Kummer (wie Anm. 370), S. 29.

[410]

Alfred Bäumler, Männerbund und Wissenschaft. Berlin 1934; in einem Vortrag über "Das akademische Männerhaus" (1930) nennt Bäumler "den Männerbund der Frühzeit, aus welchem der ursprüngliche Staat hervorgeht, ein Gebilde von ungeheurer Mächtigkeit und Kraft ..." (von See [wie Anm. 328], S. 48).

[411]

von See (wie Anm. 328), S. 4.

[412]

Engster (wie Anm. 320), S. 81.

[413]

Die Wikinger - von Kummer als "vornehme Abenteurer" bezeichnet - hätten immerhin ihre Reiche in Rußland, England, Irland, der Normandie und Sizilien gegründet. "Wären die Germanen so, wie sie nach Kummers Wunsch hätten sein sollen, so sähe heute Europa und die ganze Erde anders aus." (fler, Geheimbünde [wie Anm. 324], S. 336, Fußnote).

[414]

Plaßmann wird hinter dem Pseudonym Hugin und Munin (die Odinsraben) vermutet: Ulrich Hunger, Die Runenkunde im Dritten Reich. Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Ideologiegeschichte des Nationalsozialismus (= Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 277. Bd.). Frankfurt a.M. 1984, S. 423. Unter diesem Pseudonym erschien ein scharfer Artikel, gegen Kummer gerichtet, in der Zeitschrift "Germanien" (wie Anm. 361). Die Richtigkeit der Vermutung Hungers wird in einer, von Wüst verfaßten, für Himmler bestimmten Denkschrift vom 1.12.1937 "Das Bedenkliche und Gefährliche in der Germanenauffassung von Dr. Bernhard Kummer ...", Teil II: "Schilderung des Hergangs", S. 2. bestätigt (BA NS 21/763). H. Birkhan dagegen vertritt im Anhang des von ihm verfaßten Höfler-Nachrufs (wie Anm. 38la, S. 405) die Ansicht, daß das Pseudonym "Hugin und Munin" nicht das des Hauptschriftleiters der Zs. "Germanien" gewesen sei, sondern das Höflers.

[415]

Tatsächlich habe die genannte Kulturwelle (die nach Kummer den Niedergang einleitete) "von den Südgermanen" kommend, den Wodanskult, zahlreiche "Stoffe tragischer Heldendichtung" und "straffere politische Organisationsformen nach Skandinavien" gebracht. Durch das "Hochkommen neuer politischer Formen und wehrmannschaftlicher Verstraffung" sei die "Überwindung des Kleinpartikularismus" eingeleitet worden und die "Voraussetzung der weltpolitischen Bedeutung des Nordens" geschaffen worden. (Höfler, Ein Bild gesamtgermanischer Kultur. Zu Wilhelm Grönbech "Kultur und Religion der Germanen" [Hamburg 1937]. In: Germanien, Juli 1937, Heft 7, S. 193-200, s. S. 199).

[416]

Höfler (wie Anm. 324), S. 336.

[417]

Höfler (wie Anm. 415), S. 200.

[418]

Hunger (wie Anm. 414), S. 422.

[419]

Bernhard Kummer, Irrtümer um "Germanien". In: Nordische Stimmen, 7. Jg., Juli 1937, 7. Heft, S. 201/205, s. S. 202 f.

[420]

BA NS 21/763, verkürzt zit. bei Engster (wie Anm. 320), S. 88 nach Hunger (wie Anm. 414).

[421]

Kummer (wie Anm. 419), S. 203.

[422]

BA NS (wie Anm. 420).

[423[

Ebd.

[424]

Brief Sievers an Wüst v. 3.11.1937, S. 2, BA NS 21/763.

[425]

Denkschrift (wie Anm. 420), Teil II.

[426]

Brief Wolff an Kummer v. 31.12.1937, BA NS 21/763.

[427]

Bernhard Kummer, Erklärung. In: Germanien, April 1938, Heft 4, S. 144.

[428]

von See (wie Anm. 328), S. 46.

[429]

Hans Bauer
- Die 10. Tagung der Vereinigung der Freunde der germanischen Vorgeschichte. In: Germanien. Juni 1937, Heft 6, S. 184-211.
- Überlieferung im Kinderspiel. In: Germanien, Juli 1937, Heft 7, S. 218 f.
- Zur Wiederbelebung der Volkskunst. In: Germanien, Juli 1937, Heft 7, S. 211 f.
- Zur Wiederbelebung der Volkskunst. In: Germanien, Dez. 1937, Heft 12, S. 374 f.
- Nochmals das Rätsel vom Ei. In: Germanien, Sammelband 1939, S. 378-380.
- Kurzbeiträge im Ressort "Fundgrube". In: Germanien 1937: Eiszeitliche Höhlenbewohner in christlichen Gräbern. S. 63; Ein neues Zeichen der deutschen Apotheken. S. 93; Ein Bericht über die Wilde Jagd aus dem Jahre 1862. S. 192; Überlieferung im Kinderspiel. S. 218.

[430]

BDC: SS-Ahnenerbe Aktenbestand: Akt Hans Bauer; Handschriftlicher Lebenslauf Hans Bauer, o.Nr.

[431]

Ebd. S. 14.

[432]

Ebd. R. u. S.-Fragebogen der SS, o.Nr.

[433]

Ebd.; "gottgläubig" - die NS-Bezeichnung für konfessionslos.

[434]

Derselbe Sievers, der später (von 1940-1943) Leiter der volkskundlichen Kulturkommission des "Ahnenerbes" war, die Materialien zur Kultur in Südtirol erhob. Siehe dazu Peter Schwinn, Auf Germanensuche in Südtirol. Zu einer volkskundlichen Enquete des SS-Ahnenerbes. In: JbfVk N.F. 12, 1989, S. 85-98.

[435]

BDC: wie Anm. 430, Akt Hans Bauer, S. 100; Wolfgang Emmerich erwähnt das "Ahnenerbe"-Forschungswerk "Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte", das u.a. Monographien über die Eibe, den Holunder, über den Stand des Reichsförsters, der Forstknechte und des Erbförsters enthalten sollte". (Emmerich [wie Anm. 211], S. 194, zitiert nach: Mitt. d. Verb. dt. Vereine f. Vkde., Nr. 51, 1938, S. 42 f.)

[436]

Bauer an Wüst (wie Anm. 430), S. 102.

[437]

Plaßmann an Sievers v. 1.6.1938 (wie Anm. 430), S. 105.

[438]

Für die briefliche Auskunft vom 24.7.1988 danke ich Frau Prof. Weber-Kellermann.

[439]

Brief Sievers an Galke und Ullmann v. 28.5.1938 (wie Anm. 430), S. 103.

[440]

Ab 1939 wurde "Das Ahnenerbe e.V." umbenannt in "Forschungs- und Lehrgemeinschaft ,Das Ahnenerbe'". Wüst wurde Kurator, Himmler Präsident. In: Germanien, Sammelband 1939, S. 91.

[441]

Aktennotiz Sievers v. 26.1.1940 (wie Anm. 430), S. 128.

[442]

BDC (wie Anm. 430), o.S.

[443]

Hans Bauer, Vom Hexenwahn. (Typoskript) Kartoteka, Kart.Nr. 2, Film 1; S. 21-52; auch: BA NS, R 58/1566.

[444]

Die "Erkenntnis deutschen Wesens" war ein bevorzugter Terminus der SS, Teil des Zeitschriftentitels von "Germanien".

[445]

Bauer (wie Anm. 443), S. 31

[446]

Ebd.

[447]

Ebd. S. 32.

[448]

Ebd.

[449]

Ebd. S. 32 f.

[450]

Ebd. S. 33.

[451]

Ebd.

[452]

Ebd. S. 35.

[453]

Ebd.

[454]

Ebd. S. 36.

[455]

Ebd. S. 37.

[456]

Bauer zit. auf S. 38 Riezler (wie Anm. 222), S. 29.

[457]

Bauer (wie Anm. 443), S. 38.

[458]

Ebd. S. 39.[112]

[459]

Hier kommt Rosenbergs Auffassung von der "Mysthik" zum Tragen; in diesem Zusammenhang erklärt sich auch Bauers Bemerkung am Ende des Aufsatzes: "[...] das Mittelalter hatte noch Religion. Die sogenannte Neuzeit begann mit dem religiösen Wahn und endet im atheistischen und anarchistischen Wahn". (Bauer [wie Anm. 443], S. 52).

[460]

Bauer (wie Anm. 443), S. 39 f.

[461]

Ebd. S. 41.

[462]

In: Am heiligen Quell deutscher Kraft. Folge 3, am 5.5.1936; und in: Nordische Stimmen, Sept. 1935.

[463]

Berta Dultz, Der Ursprung des Hexenwahns. In: Germanien, Sept. 1937, Heft 9, S. 270-276.

[464]

Im Aufsatz sind die Gesetzes-Zitate mit Kapitel- und Seitenangaben versehen, der Bericht über Fredegund geht auf Gregor von Tours zurück (Kapitel- und Seitenangaben, aber keine präzisen Quellennachweise).

[465]

Dultz (wie Anm. 463), S. 270.

[466]

Ebd.

[467]

Ebd. S. 271.

[468]

Ebd. S. 272.

[469]

Ebd.

[470]

Ebd. S. 273.

[471]

Ebd.

[472]

Ebd. S. 272.

[473]

Ebd. S. 273.

[474]

Ebd. S. 276.

[475]

Ebd. S. 276, Fußnote.

[476]

Ebd. S. 276.

[477]

Wilhelm Hartmann, Heimdali als erster germanischer Mondgott. In: Neues Leben. Monatsschrift für deutsche Wiedergeburt, mit den Beigaben "Heiliger Frühling. Blätter deutschvölkischer Jugend" und "Amtlicher Anzeiger der Deutschgläubigen Gesellschaft". 1923; und Wilhelm Hartmann, Die germanische Gottheit des Jahres und des Lebens. Halle 1935.

[478]

Adolf Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, o. O. 1860.

[479]

Wilhelm Hartmann, Der Hexenglaube und die Hexenprozesse in neuer Beleuchtung. In: Deutsches Pfarrerblatt. 42. Jg., 1938, Nr. 3, S. 40 f., s. S. 40.

[480]

Ebd. S. 41.

[481]

Ebd.

[482]

Ebd. (Hartmann zit. Höfler [wie Anm. 324], S. 277).

[483]

Hartmann (wie Anm. 479), S. 41.

[484]

W. Hartmann, Der Hexenglaube und die Hexenprozesse in neuer Beleuchtung (II). In: Deutsches Pfarrerblatt. 42. Jg., 1938, Nr. 4, S. 54 f., s. S. 54.

[485]

Ebd.

[486]

W. Hartmann, Der Hexenglaube und die Hexenprozesse in neuer Beleuchtung (III). In: Deutsches Pfarrerblatt. 42. Jg., 1938, Nr. 5, S. 67 f., s. S. 67.

[487]

Ebd. S. 68.

[488]

Nach Einsichtnahme in einige Akten des Sonderkommandos kann diese Behauptung aufrechterhalten werden.

[489]

Schormann (wie Anm. 5), S. 8.

[490]

Jahresstatistiken mit genauen Zahlen der H-Blätter bis zum Jahre 1943 (BA NS R 58/1566, S. 54-62).

[491]

Die Akten der Kartoteka sind auch in der Außenstelle des Bundesarchivs in Frankfurt einzusehen.

[492]

Schormann (wie Anm. 5), S. 13.

[493]

Ebd. S. 15.

[494]

Wolfgang Behrmger ist außer von dem in Anm. 10 genannten Werk Autor von:
- Mit dem Feuer vom Leben zum Tod. Hexengesetzgebung in Bayern. München 1988, und Herausgeber von:
- Hexen und Hexenprozesse. München 1988.

[495]

Wolfgang Behringer, NS-Historiker und Archivbeamte im Kampf mit den Quellen: Das Beispiel der Archive Bayerns. Ungedrucktes Skript zu einem Vortrag, S. 18. Der Vortrag wird in Bauer/Lorenz (wie Anm. 351) publiziert.

[496]

Schormann (wie Anm. 5), S. 10.

[497]

Ebd. S. 10 f.

[498]

Ebd. S. 11.

[499]

Ebd. S. 136; aus den Akten der Organisation geben Spesenabrechnungen Aufschluß über mehrwöchige Archivreisen der Mitarbeiter; BA NS R 58/1043, S. l u. 20.

[500]

Herbert Blank, Schriftsteller, 1958 an den Folgen der KZ-Haft gestorben, war zusammen mit Richard Schapke, der von den Nazis ermordet wurde, engster Mitarbeiter Otto Strassers "in dem Ringen um die Gestaltung und Sinndeutung des politischen Geschehens im ersten Drittel des 20. Jhs. [...]". Er ist Autor (Pseudonym ,Weigand von Miltenberg') der Anti-Hitler-Schriften "Adolf Hitler - Wilhelm III.". Berlin 1931 und "Schleicher, Hitler? - Cromwell! Der Rhythmus, in der Geschichte." Leipzig 1932. Unter dem Pseudonym ,Karsthans' veröffentlichte er 1932 "Die Weinsberger Ostern" in der Reihe "Schriften an die Nation", Nr. 21, Oldenburg i.O. (Aus: Herbert Blank, Der Rhythmus in der Geschichte. In: Schriften für Deutschlands Erneuerung. Heft 4, München 1964, S. 2; Verlagsmitteilung). Siehe auch Mobler (wie Anm. 319), S. 460 f. Die Information über Herbert Blank in "Christ und Welt" verdanke ich dem Buchwissenschaftler Harald Sipek.

[501]

Nach masch. geschr. Lebenslauf im Anhang der 1939 (?!) in Gießen vorgelegten Dissertation mit dem Titel "Der Teufel in hessischen Hexenprozessen".

[502]

Kater (wie Anm. 379), S. 350, Anm. 387, zit. nach Schormann (wie Anm. 5), S. 8.

[503]

Persönlicher Stab Reichsführer SS und Chef des RSHA sind Absender dieser Korrespondenz, BA NS R58/1043, S. 3, und BA NS R58/1566, S. l u. 2.

[504]

BA NS R58/1043, S. 8-13.

[505]

Ebd. S. 12.

[506]

Ebd. S. 13.

[507]

Ebd.

[508]

BA NS R 58/1566, S. 3.

[509]

BA NS (wie Anm. 504), S. 8.

[510]

Ebd.

[511]

Ebd.

[512]

Ebd. S. 9.

[513]

Ebd.

[514]

Ebd. S. 10.

[515]

Ebd. S. 11.

[516]

Ebd. S. 12 f.

[517]

Ebd. S. 12.

[518]

Ebd. S. 13.

[519]

Ebd.

[520]

Ebd. S. 10.

[521]

BA NS (wie Anm. 508), S. 3.

[522]

BA NS (wie Anm. 504), S. 12.

[523]

Schormann (wie Anm. 5), S. 14.

[524]

BA NS Kartoteka: Czary 132 und 133.

[525]

BA NS (wie Anm. 504), S. 5.

[526]

BA NS 19/313, undatiert.

[527]

Josef Ackermann, Heinrich Himmler als Ideologe. Göttingen/ Zürich/Frankfurt a.M. 1970, S. 91.

[528]

In einem Gutachten zum SS-Plan "Die Erschließung des germanischen Erbes" schreibt Langsdorff an Wolffzm 24.4.1937, daß das Material geeignet sei, "auch den Gegnern empfindlich[113]ihre Arbeit zu stören", (zit. n. Hunger [wie Anm. 414], S. 416; B A NS 21/vorl. 297). Über den Zweck der Ausgrabungen von Quedlinburg sagte Himmler in einer Rede vor dem Nat.-pol. Lehrgang der Wehrmacht im Januar 1937, daß "sie im weltanschaulichen und politischen Kampf von größter Wichtigkeit sind" (zit. n. Ackermann [wie Anm. 527], S. 42). Die zahlreichen Organisationsgründungen seien aus seinem Bestreben zu erklären, "die ,arteigenen Wurzeln' aufzudecken und sie im weltanschaulichen Kampf nutzbar zu machen", (zit. n. Ackermann [wie Anm. 527], S. 43).

[529]

Ackermann (wie Anm. 527), S. 42.

[530]

Ebd. S. 253 f. (BA NS 19/320).

[531]

"Der große Krieg hatte die Quellen sittlicher Kraft des deutschen Volkes versiegen lassen. In Brand, Plünderung und Mord des letzten Jahrzehnts, in Seuchen und Hunger war das Volk verroht, verwildert, verelendet. Die Zerstörung und Verstörung des Volkes ließ den von der Kirche genährten Glauben an das Wirken böser Mächte üppig emporwuchern. Tausende Frauen endeten als Hexen auf dem Scheiterhaufen." (Walter Gehl, Geschichte. 7. Klasse. Von der deutschen Ostsiedlung bis zum Scheitern der Märzrevolution. Breslau 1940, S. 113).

[532]

Ausstellung "Frau und Mutter - Lebensquell des Volkes", Berlin 1939. Rosenberg schreibt über die Ausstellung in seinem Tagebuch am 10. Mai 1940: "Es ist jetzt wahrhaftig ein Weltanschauungskampf losgebrochen, intensiver als 1618. Unser Gegner im Vatikan weiß das. Der Kampf gegen Rom wird nach einem d.(eutschen) Siege in D.(eutschland) seinem Ende entgegengeführt. Heute erhielt ich vom S.(icherheits) D.(ienst) Hirtenbriefe einiger unserer Bischöfe: Voller Zorn über meine Ausstellung ,Frau und Mutter' mit der Behauptung, der Ausrottungskampf gegen die Kirche und Christentum gehe in aller Schärfe weiter." (Seraphim [wie Anm. 147], S. 116).

[533]

Der Hexenwahn (o.V.). In: Der Schulungsbrief. Das zentrale Monatsblatt der NSDAP und DAF (Hauptschulungsamt der NSDAP und Schulungsamt der DAF). Herausgeber: Der Reichsorganisationsleiter, IV. Jg., März 1937, 3. Folge, S. 102-107.

[534]

Die nachfolgenden Aufsätze haben "Heinrich den Löwen" und "Florian Geyer" zum Thema. (Walter Bohm, Die Vernichtung deutschen Blutes durch die Kreuzzüge, die Inquisition und den Hexenglauben der Kirche. In: SS-Leitheft 6, 2. Jg., 7. August 1936, S. 9-19).

[535]

Die Flugblattaktion zog einen Briefwechsel nach sich, an dem das Dekanat Ellwangen, der Bürgermeister und der Direktor des städtischen Gymnasiums beteiligt waren, wegen erlaubter oder unerlaubter Entfernung der angeklebten Flugblätter. Das Kultusministerium und die Politische Polizei wurden informiert. (Flugblatt-Fotokopien und zugehörige Briefwechsel aus den Jahren 1934/1935 stammen von Dr. Irmentraud Hang, Archivarin im Pfarrarchiv Ellwangen und wurden mir von Dr. Klaus Graf, Archivar in Marburg, freundlicherweise überlassen).

[536]

In seinem Aufsatz "Die Hexe als Zaunreiterin" verweist Otto Lauffer auf die neuartigen Versuche, "die Hexe von der anhaftenden Vorstellung einer ursprünglichen Unholdin zu befreien" und zitiert dazu Strobel, Ziegler und Mackensen. Die genannten Autoren verfechten diese ihre Meinung innerhalb der erwähnten Aberglaubensdiskussion. Lauffer (wie Anm. 225), S. 115 f. dazu auch: Christoph Daxelmüller, Volksfrömmigkeit. In: Grundriß der Volkskunde, hg. von R. W. Brednich. Berlin 1988, S. 329-351, und Wolfgang Brückner, Volkskunde als gläubige Wissenschaft. Zum protestantischen Aspekt der ideologischen Wurzeln deutscher Volkskultur-Konzepte. In: N.A. Bringéus u.a. (Hg.): Festschrift für Günter Wiegelmann zum 60. Geburtstag (= Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 60). Bd. 1. Münster 1988, S. 17-42.

[537]

Erzbischof Konrad Gröber (Hg.), Handbuch religiöser Gegenwartsfragen. Freiburg 1937, S. 274-281; Alfred Rosenberg (Hg.), Handbuch der Romfrage. München 1940, S. 581-587.

[538]

"Aus dem freiheitlich heldischen Geist unserer Vorfahren wollen wir die Kraft zum Kampfe gegen all das Artfremde nehmen. Der alte Feind steht wie immer im Hinterhalte. Er ist seit Jahrhunderten stets derselbe. Nur wenn wir unser Reich auf Blut und Boden gründen, wird es von Dauer sein." (Dr. Werinher, Kommt das Mittelalter wieder? In: Durchbruch, 15. Wonnemond 1935, o.S.).

[539]

Durchbruch, 21. Erntung 1935 und 3. Oktober 1935, o.S.

[540]

Durchbruch, Folge 15, 15. April 1937, o.S.

[541]

Durchbruch, Folge 28, 15. Juli 1937, o.S.

[542]

Deutscher Glaube. Monatsschrift der Deutschen Glaubensbewegung. Februar 1936, S. 104.

[543]

In der "Nordischen Zeitung. Kampfblatt der Nordisch-Heidnischen Freiheitsbewegung" wurde in der Beilage "Aus der Rüstkammer" ein umfangreicher Abdruck aus Mudraks "Grundlagen des Hexenwahnes" gefunden (4 DIN A3-Seiten!), (Nordische Zeitung. 3. Jg., September 1936, Folge 9). Im Jahre 1938 wurde über den "Hexenhammer" geschrieben. (Nordische Zeitung. 7. Jg., Februar 1938, Folge 2), im Jahre 1939 über "Mutter und Kind im Zeitalter des Hexenwahns", o.V. (Nordische Zeitung. 8. Jg., Mai 1939, Folge 5). Verleger und verantwortlich für den Inhalt der Zeitung war Adolf Klein, Verleger auch der "Nordischen Stimmen" und der Kummerschen Schriftenreihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken".

[544]

Zit. n. Kummer (wie Anm. 370), S. 47-49: Katholische Zeitschriften:
- Schönere Zukunft
- Katholisches Kirchenblatt
- Katholische Volksschriften zu Tagesfragen;
Evangelische Zeitschriften:
- Kirche im Angriff
- Deutsches Pfarrerblatt
- Sonntagsblatt
- Bruderdienst;
Kummer nennt die Zeitschrift "Schönere Zukunft" eine "Zeitschrift für den katholischen Kulturkampf". (Nordische Stimmen. 4. Jg., Mai 1935, 5. Heft, S. 113).

[545]

Oskar Herget, Der römische Hexenwahn. In: Schönere Zukunft. Zugl. Ausg. v. "Das Neue Reich". Wochenschrift für Religion und Kultus, Soziologie und Volkswirtschaft (Hauptschriftleiter Dr. Joseph Eberle), Jg. XI, 13. Oktober 1935, Nr. 2, S. 39-41.

[546]

Pius Havemann, Eine Gegenrechnung zum Kapitel "Römischer Hexenwahn". In: Schönere Zukunft. Jg. XI, 17. November 1935, Nr. 7, S. 165 f.

[547]

Herget (wie Anm. 545), S. 39.

[548]

Vordemfelde (wie Anm. 298), S. 39.

[549]

Herget (wie Anm. 545), S. 40.

[550]

Havemann zit. aus dem "englischen Blutkodex" und bezieht sich auf einen Aufsatz der Essener Kirchenzeitung (1935, Nr. 37), worin die historischen Forschungen des Protestanten Cobett ausgewertet werden und zwar nach dessen Buch "Die Geschichte der protestantischen Reform in England und Irland" (dt. Übers. 4. Aufl. Mainz 1862). Havemann versteigt sich zu der Schlußbemerkung: "Es ist heilsam, an diese blutige Ka-[114]tholikenverfolgung zu erinnern, die alles in den Schatten stellt, was ,römische' Inquisition und Hexenprozesse verschuldet haben sollen. Vielleicht gelingt es einmal, eine genaue Statistik der Opfer dieser Prozesse und der Opfer der englischen Katholikenhetze aufzustellen. Zahlen werden dann beweisen, wo die größere Verirrung und Grausamkeit zu suchen ist." (Havemann [wie Anm. 546]).

[551]

O.V., Geschichte oder Mythologie. Rosenbergs ,Mythus' im Feuer römisch fachmännischer Kritik. In: Deutsches Pfarrerblatt. 1935, Nr. 9, S. 125-128.

[552]

Georg Müller (Bethel), Schulung über germanische Frömmigkeit. Teil l u. 2. In: Deutsches Pfarrerblatt. 1935, Nr. 22, S. 325-327; und 1935, Nr. 23, S. 343 f.

[553]

Engster (wie Anm. 320), S. 96.

[554]

Hermann Bausinger, Volkskunde von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse (= Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Inst. d. Univ. Tübingen, Sonderband). Tübingen 1979, S. 78; Die Interpretationsstränge 2 und 3 nähern sich stark einander an, weil beide von den germanischen Wurzeln des Hexenwahns, mithin einer "germanischen Kontinuität" ausgehen. Eine Reduzierung auf nur zwei Stränge widerstrebt mir aufgrund der unterschiedlichen Instrumentalisierung desselben Gedankens, einmal durch die SS, zum anderen durch die Kirchen.

[555]

Emmerich (wie Anm. 211), S. 71 f.

[556]

Inge Schöck, Hexenglaube in der Gegenwart. Empirische Untersuchungen in Südwestdeutschland (= Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Inst. d. Univ. Tübingen, Bd. 45). Tübingen 1978, S. 20 f.

[557]

Joachim Friedrich Baumhauer, Johann Kruse und der "neuzeitliche Hexenwahn". Zur Situation eines norddeutschen Aufklärers und einer Glaubensvorstellung im 20. Jahrhundert untersucht anhand von Vorgängen in Dithmarschen ( = Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, 14). Neumünster 1984, S. 59.

[558]

Schöck (wie Anm. 556), S. 20.

[559]

Baumhauer (wie Anm. 557), S. 59.

[560]

Emmerich (wie Anm. 211), S. 169-177.

[561]

Baumhauer (wie Anm. 557), S. 311 f., Anm. 167.

[562]

Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. 4. Aufl., München 1932, S. 603.

[563]

Ebd. S. 590.

[564]

Wolfgang Emmerich, Zur Kritik der Volkstumsideologie. Frankfurt 1971, S. 139.

[565]

Ebd. S. 59.

[566]

O.V.: Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts. I/II. Kirchengeschichtlicher und biblischer Teil mit Epilogen. In: Kirchlicher Anzeiger für die Erzdiözese Köln. Köln 1935, S.112-117.

[567]

Emmanuel Hirsch, Wissenschaftliche Tarnung. Zu den "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts". In: Wilhelm Stapel u. Albrecht Günther (Hg.), Deutsches Volkstum. Monatsschrift für das deutsche Geistesleben. April 1935, S. 295-301, s. S. 295; das dtv-Lexikon von 1972, Bd. 8, S. 313, nennt Hirsch einen "liberalen Theologen", das schon gen. katholische Lexikon "Der große Herder", Bd. 4, Sp. 941 "einen Repräsentanten des Neuprotestantismus", Baumgärtner subsumiert ihn unter "deutschchristliche Kritik an den katholischen ,Studien'".

[568]

Baumgärtner (wie Anm. 69) zit. auf S. 258 Hans Schlemmer, Evangelische Gedanken zu Rosenbergs "Mythus". Görlitz 1935, S. 17 f.

[569]

Ebd., zit. auf S. 256 Gerhard Ohlemüller, Alfred Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" in römisch-katholischer Beleuchtung. In: W. Fahrenhorst und H.W. Beyer (Hg.), Die Wartburg. Deutsch-evangelische Monatsschrift, 34, 19353 S. 21 f.

[570]

O.V.: Bund der Adler und Falken (= Handbuch der deutschen Jugendbewegung, hg. von Karl O. Paetet). Flarchheirn 1931, S. 8; Mitglieder der "Adler und Falken" waren auch Ziegler und Strobel. Brückner nennt die "Adler und Falken" einen NS-Jugendverband (Brückner [wie Anm. 536], S. 33.), Neuere Arbeiten zu diesem völkischen Jugendbund wurden nicht gefunden. Inwieweit die "Adler und Falken" NS-Gedankengut vorbereiteten und welche prägende Wirkung der Bund auf diverse NS-Volkskundler hatte, wäre Gegenstand einer eigenen Untersuchung.

[571]

Die Einschätzung Rosenbergs durch Kurt Hütten (wie Anm. 91) wurde S. 51 schon abgehandelt. In einer von katholischen Wissenschaftlern herausgegebenen Aufsatzsammlung aus dem Jahre 1935 mit dem Titel "Die Kirche in der Zeitenwende" subsumiert der Autor des Aufsatzes "Deutscher Gottglaube" unter der Kapitelüberschrift "Völkisch-religiöse Bewegungen der Gegenwart" Alfred Rosenbergs "Deutsche Volkskirche" unter die genannten Bewegungen! Er schreibt dazu: "Es wäre ein Irrtum annehmen zu wollen, daß die völkisch-religiöse Bewegung sich erschöpfe in den beiden erwähnten organisierten Formen, in der DG und im Tannenbergbund [...]". Das "Schwergewicht" liege "bei den wenigen Männern, die mit fanatischem Willen die Grundgesetze der völkisch-religiösen Anschauungen in das Volk hineinzutragen suchen [...]. Die die Religion berührenden Ausführungen der maßgeblichen Rassetheoretiker Hans F.K. Günther und Ludwig Ferdinand Clauß [die nach Meinung des Autors zur DG gehören] liegen ganz in dieser Linie, ebenso die Bestrebungen der "Gesellschaft für germanische Vor- und Frühgeschichte", der früheren Hermann-Wirth-Gesellschaft, desgleichen des Kreises um Bernhard Kummer, vor allem aber als die treibende Kraft auch der völkisch-religiösen Bewegung in der Gegenwart die Ideen Alfred Rosenbergs. Seine Grundanschauungen unterscheiden sich in keiner Weise von denen der Deutschen Glaubensbewegung. Allein taktische Fragen trennen beide." (Erich Kleinadam, Deutscher Gottglaube. In: Erich Kleinadam u. Otto Kuß (Hg.), Die Kirche in der Zeitenwende. Paderborn 1935, S. 411-459, s. S. 455 f.; Der mit den "Völkischen" sympathisierende (nach Mohler [wie Anm. 172], S. 222) Manfred Böge, der diverse völkische Glaubensführer in Kurzmonographien vorstellt, plaziert Alfred Rosenberg zwischen Reventlow, Hauer, Wirth und Kummer. (Böge [wie Anm. 340], daselbst Alfred Rosenberg S. 33-39).

[572]

von See (wie Anm. 318), S. 21, Anm. 54.

[573]

Bund der Adler und Falken (wie Anm. 570), S. 27 u. S. 30.

[574]

Reimerdes (wie Anm. 183), S. 42.

[575]

Verweis auf den Bischof von Brixen, der die Inquisitoren Institoris und Sprenger aus seinem Sprengel verjagte; für Rosenberg Beweis dafür, daß die Hexenlehre nicht im Volke wurzelte (Rosenberg [wie Anm. 160], S. 62).

[576]

Die These der germanischen Wurzeln des Hexenwahns vertrat auch der Jesuitenpater Anton Stonner, "Germanentum - Christentum. Bilder aus der deutschen Frühzeit zur Erkenntnis deutschen Wesens". Regensburg 1934, außerdem Elisabeth Blum, "Das staatliche und kirchliche Recht des Frankenreichs in seiner Stellung zum Dämonen-, Zauber- und Hexenwesen", hg. von der Görres-Gesellschaft, Sekt. f. Rechts- und Staatswissenschaft. Paderborn 1936.

[577]

Von den zahlreichen, in Rosenbergs "Mythus" angeschnittenen Themen erfuhren andere eine weitaus nachhaltigere Widerlegung, auch eine zahlenmäßig umfangreichere, als das[115]Thema Hexenwahn. Es ist schwer zu entscheiden, ob das an der Absurdität der Etrusker-These lag, die durch die "Studien" schon ausgiebig widerlegt worden war, oder ob das Thema Unbehagen bereitete.

[578]

von See (wie Anm. 318), S. 12.

[579]

von See (wie Anm. 328), S. 46.

[580]

Gerd Schwerhoff, Himmlers Hexenkartothek. Das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung (Zusammenfassung der Tagungsreferate). In: AHF-Information, Nr. 34 v. 9.6.1988, S. 3; siehe dazu auch Bockhorn (wie Anm. 211).

[581]

"Der Altkatholizismus ist eine romfeindliche christliche Bewegung, die dem Liberalismus der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entsprang [...], die Bewegung wuchs bis 1878 an, um dann mit dem Abnehmen des Kulturkampfes wieder an Werbekraft zu verlieren." (K. Gröber [wie Anm. 537], S. 55); Rosenberg bewertete den Altkatholizismus positiv und bedauerte seinen Niedergang. (Rosenberg [wie Anm. 68], S. 573).

[582]

Bockhorn (wie Anm. 211); Haiding (Mythologische Schule) war Leiter des Inst. f. dt. Vk. in Graz (Stift Rein), eine der Außenstellen der von Rosenberg projektierten ,,Hohen Schule"; über die Aktivitäten Mudraks (und v. Spieß') für Rosenbergsche Dienststellen wurde im Kap. 11.2.1 gehandelt. Höfler (Much-Schule) hatte gute Kontakte zum SS-Ahnenerbe, Lilly Weiser-Aall war ab 1943 "Mitarbeiterin des Ahnenerbes und zwar der von Otto Huth (Straßburg) geleiteten Lehr- und Forschungsstätte für indogermanische Glaubensgeschichte". (Bockhorn [wie Anm. 210], S. 235 f., Anm. 25, Verweis auf BA NS 21/229; BA NS 21/77); Richard Wolfram war seit Herbst 1938 Abteilungsleiter der Salzburger Außenstelle Süd-Ost des Ahnenerbes. (Kater [wie Anm. 379], S. 84).

[583]

Seraphim (wie Anm. 147), S. 4.

[584]

Baumgärtner (wie Anm. 69), S. 264.

[585]

Seraphim (wie Anm. 147), S. 103.

[586]

Zentner/Bedürftig (wie Anm. 79), S. 501.

[587]

Bollmus (wie Anm. 74), S. 117 f., Anm. 71, zit. Goebbels v. 1941/42.

[588]

von See (wie Anm. 328), S. 46.

[589]

Ein als Autor Verdächtiger - der Ordinarius der Phil. Fak. an der Univ. Wien, Prof. Alois Dempf - wurde nach einer Hausdurchsuchung 1938 zwangspensioniert. (Neuss [wie Anm. 111], S. 33).

[590]

Dem Verleger der "Studien", Dr. F.C. Bachern, sei - lt. Neuss - bei einer Vernehmung im RSHA mitgeteilt worden, daß Hitler den Plan, Rosenberg zum Reichsminister für Erziehung und Kultus zu machen, nach der Lektüre der "Studien" verärgert fallengelassen habe. (Neuss [wie Anm. 111], S. 30).

[591]

Rosenberg (wie Anm. 68), S. 469.

[592]

Ebd. S. 455 f.

[593]

Ebd. S. 456.

[594]

Zur Person Anton Mayer und möglichen Intentionen für seine damalige Arbeit wurden Anfragen an seinen Sohn, den Schriftsteller Carl Amery gerichtet. Er schrieb mir am 28.12.1988, daß sein Vater - soweit er sich erinnere - mit seinen Hexenforschungen wohl keine apologetischen Absichten verfolgt habe, sich aber "wohl mit der ersten grundlegenden Arbeit von Michelet einig" wußte, die er "einmal ausdrücklich als weitgehend richtig bezeichnet" hatte. "Daß eine solche These den damaligen Machthabern nicht in den Kram passen konnte, hat ihn natürlich keineswegs gestört, im Gegenteil."

[595]

Aaron Gurjewitsch, Mittelalterliche Volkskultur. Probleme zur Forschung. Dresden 1986, S. 137 f.

[596]

"Staat und Volk sind nirgends die Folge eines gemeinsamen Gedankens von Mann und Frau gewesen, sondern das Ergebnis des auf irgendeinen Zweck zielstrebig eingestellten Männerbundes". (Rosenberg [wie Anm. 68], S. 458 f.).

[597]

In Kummer (wie Anm. 370), S. 32 f. finden sich übel diskriminierende Äußerungen gegen jüdische Germanisten-Kollegen, und sein antisemitischer Aufsatz "Die deutsche Schuld in der Jugendfrage", bezeichnenderweise in der Nachkriegsbibliographie verschwiegen, wurde in die Nationalsozialistische Bibliographie (NSB) aufgenommen, in der nur konsequent nationalsozialistische Arbeiten aus allen Bereichen zusammengefaßt waren. (Bernhard Kummer, Die deutsche Schuld in der Judenfrage. In: Der Weltkampf. 12. Jg., 1935, H. 144, S. 354-364, erscheint in der NSB 1936/37 unter der Rubrik "Aufsätze aus Zeitschriften und Sammelwerken", S. 221-223, Nr. 224).

[598]

Engster (wie Anm. 320), S. 76.

[599]

von See (wie Anm. 318), S. 12.

[600]

Engster (wie Anm. 320), S. 75.

[601]

Ebd. S. 84.

[602]

Durch Carlo Ginzburg (wie Anm. 19) u. ders., Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Berlin 1989 erfahren einige von Höflers Aussagen von 1934 eine erneute Aktualisierung, wobei in letzterem Werk (S. 177) Höflers Thesen gegliedert und zusammenfassend kritisiert werden mit Verweis auf E.A. Philippson, Die Volkskunde als Hilfswissenschaft der germanischen Religionsgeschichte. In: The Germanic Review XIII, 1938, S. 237- 251.

[603]

O.V.: Wie ist über Deutsche Geschichte zu schulen? In: SS-Leitfaden 5, 2. Jg., ausgeg. am 26. Juni 1936, S. 9-13, s. S. 11.

[604]

Kater (wie Anm. 379), S. 106.

[605]

Ackermann (wie Anm. 527) zit. auf S. 43 Enno Georg, Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS (= Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Nr. 7). Stuttgart 1963, S. 15.

[606]

Engster (wie Anm. 320), S. 98.

 

Dank

Allen Personen und Institutionen, die mich bei den Recherchen für diese Arbeit unterstützt haben, möchte ich herzlich danken. Ganz besonderer Dank geht an Prof. Dr. Helge Gerndt, der diese Untersuchung als Magisterarbeit angenommen und betreut hat, und nicht zuletzt an das Team des Instituts für Volkskunde, für dessen redaktionelle Arbeit. B.S.

 

Empfohlene Zitierweise

Schier, Barbara: Hexenwahn und Hexenverfolgung. Rezeption und politische Zurichtung eines kulturwissenschaftlichen Themas im Dritten Reich, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/7pzyn/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 17.01.2006

Zuletzt geändert: 18.01.2006


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