Regionale Hexenverfolgung

  / historicum.net / Themen / Hexenforschung / Themen/Texte / Regionale Hexenverfolgung

Manfred Tschaikner

"Wie die Leut´ bös miteinander sind ..." - Hexen in der Herrschaft Blumenegg im 17. Jahrhundert

aus: 200 Jahre Blumenegg bei Österreich - Beiträge zur Regionalgeschichte. Hg. v. Manfred Tschaikner, Bludenz 2004 (= Bludenzer Geschichtsblätter Heft 72-74), S. 185-201.

 

Einleitung

Schon in den ältesten erhaltenen Geständnissen bei Vorarlberger Hexenprozessen, jenen aus dem Bregenzerwald von der Mitte des 16. Jahrhunderts, gab ein Angeklagter zu Protokoll, an einer Art von Hexentreffen auf der Winterstaude hätten auch Frauen "aus dem Sonnentag", also aus dem Großen Walsertal, teilgenommen.[1] Im Gegensatz zu diesem frühen Zeugnis findet sich später kein Hinweis auf gerichtliche Hexenverfolgungen in der Herrschaft Blumenegg. Diese bildete somit das einzige größere Territorium in Vorarlberg, in dem keine Hexenprozesse stattfanden.

Dennoch bedingte die Hexereivorstellung auch in Blumenegg zahlreiche Schwierigkeiten, von denen wohl nur die schwerwiegendsten Niederschlag in den obrigkeitlichen Aufzeichnungen fanden. Auf diesen Umstand bezieht sich das Titelzitat, das aus einem St. Gerolder Injurienverfahren des Jahres 1630 stammt. Außergerichtliche Hexenverfolgungen fanden übrigens noch lange nach dem 17. Jahrhundert statt. Die folgende Untersuchung beschränkt sich jedoch auf diesen Zeitraum.

Hexenprozesse

Die Herrschaft Blumenegg zählte in der Frühen Neuzeit bekanntlich nicht zu den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg, sondern war wie die Grafschaft Hohenems und der Reichshof Lustenau reichsunmittelbar. Die Propstei St. Gerold löste sich daraus erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts und verfügte seit 1718 als eine völlig selbständige Herrschaft auch über die Hochgerichtsbarkeit. Landesherren von Blumenegg waren im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Grafen von Sulz. Sie ließen dieses Territorium bis 1602 gemeinsam mit der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg, danach bis zum Verkauf an das Reichsstift Weingarten 1613/14 getrennt davon verwalten.

Am Ende des 16. Jahrhunderts wurden nicht nur die österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg, sondern auch Vaduz und Schellenberg vom damaligen Höhepunkt der europäischen Hexenverfolgungen erfasst. In den letztgenannten Territorien führten die Amtleute der Grafen von Sulz etliche Hexenprozesse. Aus Blumenegg hingegen ist nichts davon bekannt. Dass dies höchstwahrscheinlich nicht an einer mangelnden Quellenüberlieferung lag, belegt ein Verzeichnis von Blumenegger Amtsschriften aus der sulzischen Zeit. In Blumenegg scheint es tatsächlich zu keinen Hexenprozessen gekommen zu sein.[2]

Der erste und einzige Bezug zum Hexenwesen vor dem Übergang an Weingarten findet sich im Blumenegger Landsbrauch von 1609, der - wie im vorangehenden Beitrag Karl Heinz Burmeisters ausgeführt - von einem schwäbischen Juristen ausgearbeitet wurde. Darin galt als ein Grund für eine Enterbung "zum Vierdten, wan ein Kindt oder Enichle mit Zauberey oder Hexenwerckh umgienge".[3] Von dieser Möglichkeit wird in Blumenegg wohl nie Gebrauch gemacht worden sein.

Aus der Zeit nach dem Übergang Blumeneggs an Weingarten liegt eine umfangreiche archivalische Hinterlassenschaft vor. Sie zählt zu den dichtesten Überlieferungen des 17. und 18. Jahrhunderts in Vorarlberg. In den zahlreichen Gerichts- und Verhörprotokollen aus dieser Zeit finden sich aber weiterhin keine Hinweise auf Hexenprozesse. Auch das im Hauptstaatsarchiv Stuttgart liegende Quellenmaterial aus Weingarten mit Bezug auf Blumenegg enthält keine entsprechenden Unterlagen.[4]

Hexereiinjurien

Oft enthalten Gerichtsverfahren, die der Hexerei bezichtigte Personen gegen ihre Verleumder anstrengten (Injurienverfahren), Bezüge auf vorangegangene Hexenprozesse, und zwar zumeist im Sinn einer Legitimierung der Anschuldigungen. Dass in den Blumenegger Gerichtsbüchern solche traditionellen Anknüpfungsmöglichkeiten der Hexenverfolger fehlen, bildet ebenfalls ein starkes Indiz, dass hier keine Hexenprozesse stattfanden. Selbst die Hexereiinjurien erscheinen in Blumenegg im Vergleich zu anderen Regionen schwach ausgeprägt.

Im ersten belegten Fall aus Bludesch (1616) verklagte eine Frau ihre Nachbarin, von der sie sich zu Recht des Schadenzaubers bezichtigt fühlte. Sie sollte bei deren Ehemann Impotenz verursacht und einen "Widerwillen" zwischen den Eheleuten erzeugt haben. Dass auch behauptet wurde, die Klägerin habe den entsprechenden Zauber von ihrer Mutter gelernt, ließ sich nicht nachweisen. Aus dem Urteil des Gerichts wird nicht klar, ob man die Unterstellung eines Schadenzaubers grundsätzlich oder nur im speziellen Fall auf den Zorn und den Unverstand der Geschädigten zurückführte.

Ein Gerichtsverfahren vierzehn Jahre später, 1630, lässt keinen Zweifel darüber offen, dass damals an die Realität von Zauberei geglaubt wurde, und zwar nicht nur von den vermeintlich davon Betroffenen. Der Propst von St. Gerold ging sogar so weit zu behaupten, der magisch zugefügte Schaden könne nur mehr beseitigt werden, wenn das ganze Haus, wo er stattgefunden hatte, verbrannt würde. Ein schließlich auf Anregung des Propstes mit dem Unglück befasster Kapuziner riet aber zu einer praktischeren geistlichen Prozedur, die anhand der vorhandenen Unterlagen nicht mehr klar rekonstruierbar ist. Auf alle Fälle wurde das "gelegte" Malefizium im Haus gesucht und identifiziert. Die Kapuziner sprachen in diesem Zusammenhang von "Verhexung".[5] In der Folge hatte sich das Gericht mit den Vorgängen zu befassen, denn eine Frau wehrte sich vernünftiger Weise gegen die damit verbundene indirekte Bezichtigung ihrer Person und ihrer Familie. Die Unterstellungen hatten bereits dazu geführt, dass ein Lehrverhältnis ihrer Tochter gelöst wurde. Zu einer Anklage wegen Hexerei kam es auch in diesem Fall nicht. Vielmehr bestätigten die Hauptbetroffenen des Unglücks, dass sie von den Verdächtigten nichts Unehrliches wüssten.

Die nächsten Hexen- und Unholdenbeschimpfungen aus Sonntag und Damüls (1637), aus Ludesch (1638) und neuerlich aus Sonntag (1639) bildeten retorsive Bezichtigungen. Diese bezweckten die Wiederherstellung der eigenen Ehre durch die Schmälerung jener des Gegners. Außer der Aggressionsabfuhr dienten sie vornehmlich dazu, einen Kontrahenten durch die Eskalation des Konflikts vor Gericht zu zwingen, um dort eine Klärung zu erzielen.[6] Im Volk nannte man Retorsionen "verantwortungsweise" Bezichtigungen im Sinn von "antworten", was etymologisch so viel wie "gegenreden" bedeutet.

In Blumenegg kam es nur einmal im Jahr 1649 zu einer offensiven Bezichtigung einer Frau als Hexe. Diese sollte auch nicht nur in einem bestimmten Fall, sondern - durch Wetterzauber - allgemein schädlich gewirkt haben. Gemeint war Barbara Vonblonin aus Ludesch. Ihr Verleumder, Jörg Purtscher, der sich gleichzeitig auch gegenüber den Vertretern der lokalen Obrigkeit als renitent erwiesen hatte, bedauerte vor Gericht seine Verleumdung und wurde dafür bestraft. Als Anwalt der Vonblonin wirkte damals übrigens der Blumenegger Landammann Adam Purtscher.

1662 erfolgte die Bezichtigung einer Frau als Hexe auf Grund einer (unterstellten?) Missgeburt. Auch dieser Vorfall führte zu keinen weiteren gerichtlichen Erhebungen. Noch bis ins 18. Jahrhundert beschäftigten sich übrigens Gelehrte mit dem - nach damaliger Auffassung - wissenschaftlichen Problem, ob missgestaltete Kinder vom Teufel nur unterschoben oder selbst mit Menschenfrauen gezeugt worden seien.[7]

Beim letzten angeführten Blumenegger Fall aus dem Jahr 1682 handelte es sich nur mehr um ein obrigkeitliches Verhör im Gefolge einer Auseinandersetzung zwischen Bludescher Bauern und ihrem Pfarrer über die Effektivität der geistlichen Ungezieferbekämpfung. Dabei hatte der Pfarrherr einen Dorfbewohner, der zu verschiedenen Heilzwecken magische Segenssprüche anwandte, in die Nähe der Hexerei gerückt. Die Angelegenheit erschien dem Gericht jedoch nicht weiter verfolgenswert.

Bevor die einzelnen Fälle im Folgenden näher vorgestellt werden, muss kurz die mehrfach erwähnte rechtliche Institution der "Tröstung" oder des "Trösters" erklärt werden. Beide Begriffe verwendete man im Sinn von "Sicherheit" und "Bürgschaft".[8] Die Sicherheitsleistung (Kaution) war eine in der Frühen Neuzeit allgemein ausgebildete Rechtseinrichtung, die "eine in bestimmten Fällen zur Sicherung eines bestimmen Verhaltens zu erbringende Leistung" darstellte und im Zusammenhang mit privatrechtlichen Sicherungen wie Pfand, Einlager, Geisel, Arrest oder Schuldhaft stand.[9] Bei den Prozesssicherheiten traten zwar allgemein die dinglichen Sicherheiten wie das Pfand stärker in den Vordergrund, ohne aber die Bürgschaft zu verdrängen. "Der Beschuldigte hatte P[rozesssicherheit] zu stellen, daß er nicht nur einmal, sondern in allen Stadien des Verfahrens vor Gericht erscheinen werde, Kläger und Beklagte hatten P[rozesssicherheit] (oder Kautionen) zu stellen, daß sie sich dem Urteilsspruch unterwerfen und das Urteil erfüllen werden usw."[10]

Liebeszauber in Bludesch - 1616

Am 4. August trat in Bludesch im Haus des Landammanns Mathias Schmid das Gastgericht zusammen. Als unparteiischen Richter wählte es den alten Landammann Adam Borg. Weitere Urteilssprecher waren der erwähnte Amtsammann, der St. Gerolder Gerichtsschreiber Os(ch)wald Garnutsch, der alte Untervogt Martin Mösle, Klaus Vonplon, Michael Berchtold und Mathias Melk.

Zunächst ließ Anna Zerlauthin, die Ehefrau Adam Wehingers, im Beisein des Ehemannes durch ihren "Vogt" (Anwalt) Martin Gaßner die Klage vorbringen, das sie neben und bej deß Christian Pfefferkhornen eheweib Anna Purtscherin nachpeürlich gewonet, zu einandern zur stubeten gangen und jeder zeit guete nachpeürinen gewesen. Das habe sich aber geändert, als sie von der Purtscherin bei anderen Leuten so sehr verleumdet worden sei, dass sie es wegen ires gueten namens nicht mehr dulden konnte. Als sie unlängst bei einer bestreiche [11] aneinander geraten seien, habe die Purtscherin erklärt, das irem mann nit recht als zuvor seye. Dabei ließ sie verlauten, als wan sie irem mann etwas ursach darzu gethan solte haben. Außerdem habe die Purtscherin erklärt, sie solle solliches von irer muotter gelernet haben. Die Zerlauthin verlangte nun vom Gericht, dass ihre Ehre wieder hergestellt würde.

Die Beklagte bestätigte, dass sie viele Jahre freundlich und nachbarlich nebeneinander gehaust hätten. Bis ungevahr vor 1 oder 2 jarn hero seye deß Wechingers weib feir und werchtag früe und spat, ja fileicht mehr als sich gebüret oder iro wol angestanden, zu inen khomen. Und wan er Pfefferkhorn etwas bezechter weis haimb khomen, habe er sie angriffen, sovil, daß iro beclageten solches lenger zu gedulden nit wol möglich. Deshalb habe die Purtscherin ihre Nachbarin eines Tages gebeten, sie welle hinfüro mehrers in irem haus verbleiben. Daraufhin habe sich diese aber noch mehr aufgebuzet und zu inen khomen. Den Grund dafür konnte (oder wollte) die Purtscherin nicht angeben. Schließlich habe sogar Christian Pfefferkorn selbst die Nachbarin gebeten, sie möge künftig mehrers in irem haus bleiben, es möchte etwas bösers daraus ervolgen. Es geb einen widerwillen under seinem weib und ime. An der erwähnten bestreiche habe die Beklagte gar nicht teilgenommen. Erst später seien sie zwei Frauen besuchen gekommen und hätten mehr über die Vorfälle wissen wollen. Was sie diesen erzählt habe, könne man ja von ihnen selbst vernehmen. Jedenfalls habe sie die Zerlauthin nicht gescholten, außer das sie einen unwillen zwüschen inen gemacht, das sie destoweniger ruohe gehabt.

Die Klägerin stellte in Abrede, dass sie Uneinigkeit verursacht habe. Wenn sie auch schon zuvor ainmal gefelt habe, verfüge sie doch jetzt über einen eigenen Ehemann, mit dem sie sich gebührlich verhalten wolle. Außerdem sei sie von der Purtscherin selbst in ihr Haus geladen worden. Als sie nach den Vorfällen jemanden trostung halben zu ihr geschickt habe, hätte die Purtscherin geantwortet, was sie gesagt habe, tue sie weiterhin.

Die Beklagte betonte daraufhin neuerlich, dass sie nur erklärt habe, die Zerlauthin hätte zwischen ihr und ihrem Ehemann uneinigkhait oder widerwillen gemacht, sonsten habe sie iro nichts ungebürlichs nachgeredt noch sie gescholten. Dass sie ihre Gegnerin, wie diese behauptete, zur stubeten geladen habe, sei nicht wahr.

Daraufhin wurden Zeugenverhöre notwendig. Als Erster gab Hans Christoph Tschol zu Protokoll, dass ihn die Zerlauthin vor einem Jahr, als er noch zusammen mit Heinrich Schneider Dorfgeschworener war, in der erwähnten Angelegenheit zur Purtscherin geschickt hatte. Als er diese umb trostung ansprach, habe sie sich geweigert: sie vertröste nit auf dißmal, man soll sie auf Pluomenegg füren, sie vermöge es nit an irem guet. Als man ihr vorhielt, dass sie verpflichtet sei, Tröstung zu geben, habe sie sich abermals geweigert und erklärt, Anna sei öfters in ir hauß khomen under liecht und mit irem mann alda mit angreiffen gehandlt, das iro, so darneben geseßen, nit mehr leidenlich gewesen. Außerdem sei ihr Mann dann auch nicht mehr gewesen wie davor. Dan wan er zu nacht zu iro khomen und ehelichen pflichten gemeß mit iro zu handln begere, fange er an zu schwizen und khönne nichts außrichten. Sie vermaine darumb, dise habs ime angethan, aber irer muotter hab sie nit gedacht. Daraufhin habe schließlich der Mann an Stelle der Frau die Tröstung geleistet, wobei es verblieben sei.

Als nächste Zeugin gab Agnes Pfefferkornin zu Protokoll, dass sie, Barbara Pfefferkornin und die Purtscherin einmal bei ihrem Haus zusammengekommen seien und Letztere gesagt habe: Was ist daß für ein lachter, wie ist daß ein breckhin,[12] wie hat sie einen zwitracht gemacht zwüschen mir und meinem mann, und sie hats meinem man angethan, daß wir khain ruehe beieinander haben. Als die Pfefferkornin dazu meinte, sie kahn nichts, wo mügs sie es gelernt haben, habe sie zur Antwort bekommen, die alt, der teüfel sags aber.

Barbara Pfefferkornin wollte nur gehört haben, dass die Zerlauthin seit langer Zeit Zwietracht in die Ehe der Purtscherin gebracht habe. Den Rest ihrer Aussagen habe sie sich nicht gemerkt, denn sie habe geschneballet. Kaspar Purtscher erklärte, als er einmal von der Purtscherin zusammen mit anderen Mitgeschworenen Tröstung begehrte, habe diese erklärt, sie wolle das nicht tun, sondern mit dem leib abbüeßen. Sie habe auch in ziemlich frechen Worten die von ihrer Gegnerin gestiftete Unruhe dargelegt, aber keine Scheltworte benützt. Das Gericht fällte daraufhin folgendes Urteil: Anna Purtscherin musste entweder selbst oder durch einen Anwalt öffentlich erklären, was sie gegen Anna Zerlauthin geredt haben solle, seye solliches anderer gestalt nit als aus großem zorn und unverstandt beschechen, wiße auch anders von iro nichts als liebs und guets. Die Zerlauthin sollte sich künftig jeder Zeit eingezogen, erbar und wol verhalten, damit sie den leüthen so wol in reden als anderem nit mehrere ursach gebe. Christian Pfefferkorn musste sich in seinem Haushalt um mehr ehrbaren Fleiß und Ernst bemühen. Damit war der Streit offiziell beigelegt. Seiner sollte künftig kein Teil mehr im bösen gedenken. Dem Landesherrn blieb eine weitere Strafe vorbehalten. Während jede Partei die eigenen Kosten selbst zu tragen hatte, musste die Zeche für das Gericht in Landammann Schmids Haus die beklagte Partei zu zwei Dritteln und die klagende zu einem Drittel erstatten.[13]

"Böse Sachen" in St. Gerold - 1630

Am 13. Mai 1630 verklagten Ulrich Hartmann und seine Ehefrau Margreth Geischin die Katharina Mathin, welche ihrer Tochter das Nähen hätte beibringen sollen. Kurz nach Beginn der "Lehre" musste diese jedoch widerumb von iro genomen werden. Dabei hatte die Mathin der Mutter gegenüber sich verlauthen laßen, es sey die ursach, das sie nit ein ehrlichs oder redlichs weib seye. Auch Kaspar Dietrich, Hans Pfeifer, Gabriel Müller und Gerold Vinzenz hätten sie als "nicht redliches Weib" bezeichnet.

Die Beklagte erklärte zunächst, dass sie kainer magt mehr bedörffen, darumb sie solche nit mehr wellen haben. Von der Geischin und ihrer Tochter wisse sie ganz nichts unehrlichs. Die erwähnten Männer gaben ebenfalls zu Protokoll, sie könnten sich nicht vorstellen, wessen sie beklagt würden, wißen auch nichts ungrads, das sie wider sie clegere geredt haben.

Die Kläger verlangten daraufhin aber, dass alle Beklagten unter Eid erklärten, dass sie nichts Ungebührliches und Ehrverletzliches gesagt hätten. Falls dies doch der Fall sei, sollten sie es darlegen und widerrufen sowie sämtliche Kosten für das Gerichtsverfahren abstatten.

Daraufhin gab die beklagte Mathin an, sie wisse nicht, dass sie diesbezüglich etwas von der Klägerin habe verlauten lassen. Kaspar Dietrich hingegen erklärte, er habe zu Ulrich Hartmann gesagt, er glaube, was Geroldt Vincenz hab, habe er von seinem weib (Ulrichs Ehefrau). Hans Pfeifer wollte auf diese Aussage entgegnet haben, das ist nit leidenlich. Gabriel Müller gab an, er habe Ulrich Hartmann gesagt, das die weiber zu kriegen miteinander komen. Wenn man seiner Frau übels nachreden wolle, sei es ein laide red.

Anschließend wurden die Beklagten getrennt verhört.

Katharina Mathin erklärte dabei, vor vier Jahren hätte sie die Tochter der Kläger nähen lehren sollen. Da sei ihr Bruder Florin Math zu ihr gekommen und habe gemeint, wan du daß medlein behaltest, so verlierst du kunden, dan man sagt nichts guots von iro, der muotter. Daraufhin habe sie das Mädchen nicht mehr behalten wollen. Als dessen Mutter den Grund dafür zu erfahren begehrte, habe sie ihr erklärt, die leüth sagen, du seyest nit guot. Sie selbst allerdings wisse nichts Unrechtes von der Frau.

Kaspar Dietrich gab zu Protokoll, sie hätten an einem Dienstag geheut, als Ulrich Hartmann meinte, wie die leüth bös miteinander seyen, der Geroldt Vincenz maine, waz er habe, daß habe er von seinem weib. Das bestätigte Dietrich, obwohl er von Vinzenz nichts gehört haben und selbst auch nichts Unrechtes von Hartmanns Frau wissen wollte.

Hans Pfeifer erklärte, Ulrich Hartmann habe ihm geklagt, Dietrich habe ime geschmecht (geschmäht, beschimpft). Da habe er geantwortet, das ist nit leidenlich. Von der Klägerin wisse er ebenfalls nur Liebes und Gutes.

Gabriel Müller schließlich führte an, das er auf deß Ulrichs weib nicht könne bekhennen, aber vil und großer unfahl sey ime zugestanden und im hauß böse sachen funden, wiße aber nit, von wem es kome. Auf Ulrich Hartmanns Aussagen habe er erwidert, es were guot, die sach wer beßer.

Gerold Vinzenz gab an, als ihm im Haus ein Unglück zugestanden sey, habe er überall Hilfe gesucht. Dabei habe ihm der eine dies, der andere jenes geraten. Nachdem er die Köchin des Klosters St. Gerold auf die Krankheit seines Kindes angesprochen hatte, sei diese in Lindau zum doctor gangen und habe etwas arzney von ime gebracht. Der Arzt habe als Ursache der Krankheit des Kindes diagnostiziert, die crafft sei ime genomen. Nach der Einnahme der Medikamente habe sich dessen Zustand etwas gebessert, schließlich jedoch wieder verschlimmert. Da habe der Propst Christof Hartmann - der von 1614 bis 1637 amtierte und aus Frauenfeld stammte[14] - zu ihm gesagt, es werd nit beßer, bis er dhauß verbrenn, und hab inne zu Capuciner geschickht, der ime gerathen, er hab malefiz im haus, er soll suochen. Als er dies tat, fand er wirklich etwas ungrads. Daraufhin habe der Kapuziner ihn etwas vom balbierer [Wundarzt, Chirurg] laßen nemen, das solle er benedicieren lassen. Nachdem vier Wochen verstrichen waren und das buoch komen war, bat er den Herrn Propst, ihm das vom Kapuziner Empfohlene zu benedizieren. Danach sei es dem Kind besser gegangen. Die herrn capuciner haben gesagt, es sey verhexet worden. Er aber wiße nichts von inen. Gemeint waren damit Margreth Geischin und ihre Tochter. Nur einmal seien sie zu seinem Haus gekommen, da habe seine Frau die beiden gewaltsam vertrieben. Er könne von ihnen aber nichts Unehrliches behaupten.

Das Gericht erließ schließlich folgenden beschaidt: Da man den Klägern im Grunde nichts Ehrenrühriges vorwerfen konnte und Kaspar Dietrich nach eigenen Angaben ohne Grund etwas zuvil geredt habe, sollte er solches wider zu sich ziehen und die Ehre der Kläger gewahrt blieben.[15]

Hexen- und Unholdenbeschimpfung in Sonntag und Damüls - 1637

Am 12. Februar 1637 klagte Michael Rinderer von Sonntag im Rahmen eines extra ordinari Verhörs, dass er von den beiden Schwestern Regina und Maria Wilhelmin aus Damüls bezichtigt worden sei, er habe ihnen zusammen mit Christian Engstler, Michaels Sohn, Käse gestohlen. Als Rinderer die Frauen mit trostung vorgenommen habe, hätten sie ihn mit Jos Schwarzmann aus Sonntag vertrösst. Rinderer war davor aber zu den Wilhelminnen in den Stall gekommen und teilte ihnen mit, dass er am Vorabend in der abentstubnete ihre Bezichtigung vernommen habe. Jetzt habe er ihnen etwas antwörth. Nachdem sie seine Verdächtigung bestätigt hatten, erklärte er ihnen gegenüber, er halte sy für hexen und unholden. Daraufhin musste er ihnen Friedrich Schwarzmann aus Sonntag als Tröster stellen.

Bei der auf den 16. Februar verschobenen Gerichtsverhandlung nahm Rinderer den Tröster der Wilhelminnen vor und verlangte von ihm, er solle disen ehrverlezlichen bezicht beweisen oder aber ain widerruoff thuon. Dieser ließ seine principalen antworten, die daraufhin die Vorfälle schilderten und betonten, sie seien mehrers von ime Rinderer gescholten worden. Sie verlangten nun an den gestelten trösster Friderich Schwarzman auch ain widerruoff.

Michael Rinderer samt seinem tröster erklärte jedoch, seine Hexereibezichtigung sei nur verantwurttungs weiß geschehen. Schließlich gestanden die Wilhelminnen und ihr Tröster den Fehler ein, verlangten jedoch eine Zurücknahme der Hexereibezichtigung. Das Gericht entschied den Fall dahingehend, dass die Frauen dem Kläger einen öffentlichen Widerruf leisten und die Gerichtskosten tragen mussten. Von einem Widerruf des Klägers war keine Rede.[16]

Die verirrte Henne in Ludesch - 1638

Während in Ludesch die Pest grassierte, hielt sich Ambrosi Gaßner samt seiner Ehefrau am Ludescherberg auf. Als er sich von dort aus eines Tages um sein Hauswesen im Dorf kümmern wollte, habe ihn Hans Schlichtig, Bartlis Sohn, gewarnt, er solle es nicht betreten, denn es sei unsauber, weilen sein brueder Andras wein darauß gehollet. Da dieser an der Pest erkrankt war, sah Ambrosi von seinem Vorhaben ab. Als er aber später wieder zu seinem Haus kam, fand er die Ehefrau Schlichtigs in seiner Tenne vor, die ja angeblich "unsauber" war. Schlichtig und seine Frau erklärten, dass sie sich dorthin begeben hätten, weil ihnen ain henna dahin entrunnen sei. Nach über einem Jahr habe sich diese Vermutung auch bestätigt. Davor aber habe Gaßners Frau die Nachbarin gescholten, wann sy rede, das ir henna dahero, so rede sy wie huor und hexen.

Die verhörten Zeugen bestätigten diese Vorfälle. Bascha Poniger bezeugte auch eine weitere rüde Begegnung der Nachbarn. Als Gaßner die Nachbarin einmal aufforderte, Äpfel aufzuheben, habe diese geantwortet: steckh die öpfel ins ...

Das Gericht verurteilte schließlich beide Frauen zu gleichen Strafen. Auch Hans Schlichtig wurde eine solche wegen außgoßner reden in Aussicht gestellt. Die Kosten für das Gerichtsverfahren hatten beide Parteien selbst abzustatten.[17]

Hexen und Hexenmeister in Sonntag - 1639

Im Gefolge einer Diebstahlsverdächtigung kam es zu einem erbittert geführten Streit zwischen Georg Maurer aus Bludenz und dem Bestohlenen Hans Geser zu Sonntag. Dabei hatte Maurer mit schelmb, dieb, mörder, hexen und hexenmaister grobe scheltwortt gebraucht. Sie sollen allerdings "verantwortungsweise" gemeint gewesen sein. Da es aber nicht bei diesen Worten geblieben, sondern trotz einer Vertröstung ganz freffentlich auch zu schweren körperlichen Auseinandersetzungen gekommen war, musste Maurer einen öffentlichen Widerruf leisten. H. burgermaister und rhat der statt Bludenz zu ehren und erhaltung guetter nachbarschafft halber hatte er auch seine Gegner um Verzeihung zu bitten und zu erklären, dass er nichts von ihnen wisse als von ehrlichen redlichen leüthen, seye in voller unsinniger weiß beschehen. Die Ehre Maurers sollte ebenfalls als unangetastet gelten.

Wie erwähnt hatte Geser seinen Widerpart im Zuge dieses Konfliktes umb vertrösstung angeredt, so mit Friderich Schwarzmann vertrösst. Dennoch hatte Maurer aber seinen Gegner über trosstung geschlagen. Deshalb verlangte Friedrich Schwarzmann nun am Ende des Gerichtsverfahrens noch von dem Bludenzer, er solle ime auch ain trösster geben, schadloß zu halten. Stattdessen versicherte dieser unter Eid, er wolle sich jederzeit auf Begehren der Obrigkeit wieder stellen.[18]

Die Wetterzauberin von Ludesch - 1649

Am 7. Mai 1649 brachte Barbara Vonblonin im Rahmen eines außerordentlichen Verhörs im Schloss Blumenegg durch den Landammann Adam Purtscher die Klage vor, dass Jörg Purtscher, Ulrichs Sohn, aus Ludesch ihre Ehre schwer angegriffen habe, indem er sie ain unholdt gescholten. Diese Anschuldigung solle er beweisen oder aber ihr einen öffentlichen Widerruf leisten. Da der Beklagte sich an keine Bescheltung erinnern wollte und erklärte, er wisse von der Klägerin nichts als Gutes, ließ diese Christian Vabun als Zeugen aussagen.

Dieser gab zu Protokoll, als er mit Jörg Purtscher nach Rotenbrunnen[19] geschickt worden sei, um Treuchel (hölzerne Wasserleitungen) zu bohren, habe es geregnet. Darauf er Purtscher gesagt, obige Barbara Vablonin [!]seye ain hex und mahe disen regen etc., und andere der gleichen schelt wort mehr, so er wider seinen vatter sel. ausgossen. Item habe er gesagt, wan obige Vablonin höwe, seye alzeit guot wetter, dargegen wan ander leüth höwen, regne es gemainlich.

Gleichzeitig beklagten sich auch die Gerichts- und Dorfgeschworenen von Ludesch samt dem Waibel, dass ihnen Jörg Purtscher, als sie Anlagegeld einzogen, ehrenrührerische Worte angehenkht habe, wofür sie aber vertröstet worden seien. Dasselbe habe sich ereignet, als man ihm die Pfänder schätzen wollte. Purtscher bat um Verzeihung und erklärte, wenn er ungebührliche Worte gebraucht habe, sei dies aus Unverstand geschehen.

Die Obrigkeit entschied, dass Jörg Purtscher wegen vilveltig verüebten schmach: und scheltworten hiemit in ainer gnädigen herrschafft bürgerliche gefänkhnuss erkhent sein solle. Dann werde mit ihm weiter nach dem Recht verfahren. Den Beschimpften hatte er einen Widerruf zu leisten.[20]

Ein Walsertaler "Wechselbalg" - 1662

Beim gewöhnlichen Herbstzeitgericht am 22. November 1662 in Felix Bertschens "Wirtsbehausung" zu Raggal brachten Thomas Martin und Ursula Burtscherin vor, dass Lena Bicklin von Martins Ehefrau herumerzählt habe, sie sey ein hex oder unhold, dan sie hab ein khind geboren, das hab geißfüeß und gaschin [21] auf dem kopf gehabt, die hab er Thoma dem kind wegg geschlagen und die ohren abgehawen, er hett es sonsten nit dörffen für die leüth thragen.[22] Der Fall scheint in der Folge außergerichtlich geregelt worden zu sein, jedenfalls finden sich in den Gerichtsaufzeichnungen keine weiteren Unterlagen dazu.

Der krumme Hexenfinger eines Bludescher Segners - 1682

Am 9. September 1682 wurde Andre Pertschler aus Bludesch zu einem Verhör durch den Statthalter Pater Prior Gottfried Reding, den weingartnerischen Statthalter, den Landschreiber Andre Paur, den Landammann Martin Tschann und den Gerichtsammann Franz Schwarzmann in das Thüringer Amtshaus geladen. Er sollte dabei erklären, was er zu Mariä Himmelfahrt (15. August) in Adam Melks Haus mit dem Bludescher Pfarrer Mag. Martin Häusle - der dort von 1651 bis 1702 wirkte[23] - wegen des Ungeziefers[24] und irgendwelcher Segen zu diskutieren hatte.

Pertschler berichtete zunächst von der Auseinandersetzung verschiedener Bludescher Bauern mit ihrem Pfarrer wegen der geplanten Vertreibung der Engerlinge durch einen geistlichen Fachmann. Ihm wäre es dabei ja recht gewesen, wenn man solche enger vertreiben kundt.[25] Bezüglich der Segen habe er dem Pfarrer gestanden, dass er drei solche anwende: einen, mit dem er die Gelbsucht kuriere, den anderen, um das bluet zuestellen (stillen), und den dritten, um das "Schweinen" zu heilen[26]. Diese Krankheitsbezeichnung leitete sich vom mittelhochdeutschen swînen ab, was so viel wie "abnehmen, dahinschwinden, bes. krankhaft schwinden, abmagern, welken; bewusstlos werden, in ohnmacht fallen" bedeutet.[27] Wegen der magischen Heilpraktiken war Pertschler schließlich mit dem Pfarrer in einen ernstlichen discurs gerathen, weil dieser zu ihm gesagt habe, wan er mit seinen seegen sovihl richten könne, warumb er seinen krumen hexenfinger nit auch selbsten curiert habe, sondern zum Landammann Schneider habe gehen müssen, um ihn verarzten zu lassen.[28]

Pertschler war sich wegen der Anwendung der Segen keiner Schuld bewußt. Er brauche verhoffendtlich lauther guet: und zueläßliche worth. Wann sie nit recht sein solten, wolte er sie underlassen. Das Gericht übertrug die Entscheidung darüber Pertschlers Beichtvater und hielt es für unnötig, den Wortlaut der Segen zu protokollieren[29].

Blumenegger und die auswärtigen Hexenverfolgungen

Nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch außerhalb derselben wurden einzelne Blumenegger gerichtlich mit dem Hexenwesen konfrontiert, und zwar sowohl aktiv als auch passiv.

So verbreitete der Thüringer Färber Jakob Wiedemann im Sommer 1666, dass die Mutter Andreas Schneiders von Bludenz zu Bregenz in der hexen keichen [= Gefängnis] gelegen und so gar darinen gestorben und verdorben sei. Jakob war ein Bruder des Bludenzer Färbers Georg Wiedemann, der mit dem erwähnten Schneider verfeindet war. Vor dem Bludenzer Gericht berief sich der Thüringer auf eine entsprechende Aussage deß Conrat Frizen tochter von Bregenz, die jedoch nicht überprüft wurde. Jakob musste seine Bezichtigung widerrufen, eine Strafe bezahlen und Kostenersatz leisten.[30]

Weniger glimpflich verlief die Verstrickung der Familie Hans Müllers aus Thüringen in das Hexenwesen. In ihrer neuen Heimat, im Ebnit, stand sie alzeit in starckhem verdacht, dass sie Blumenegg auf Grund ihres Rufes als Hexenleute verlassen habe. Im Jahr 1650 trug dies mit dazu bei, dass eine Tochter Hans Müllers - die damals etwa 40-jährige Witwe Kaspar Walsers in der Reute, Anna Müllerin - in Hohenems als Hexe verbrannt wurde.[31]

Schluss

In der Herrschaft Blumenegg sind bislang keine Hexenprozesse nachweisbar. Das schließt nicht aus, dass möglicherweise doch solche geführt wurden. Auf alle Fälle scheint die Verfolgungsintensität der Region bemerkenswert gering geblieben zu sein.

Ein Grund dafür könnte darin gesucht werden, dass die bewährten traditionellen Umgangsweisen mit magisch erlebten Bedrohungen in Blumenegg weniger erschüttert wurden als bei den Bewohnern der Nachbargebiete. Die Herrschaft in der Mitte Vorarlbergs bildete jedoch keinen autarken, abgeschlossenen Raum mit außergewöhnlichen wirtschaftlichen oder sozialen Bedingungen: Blumenegg umfasste vielmehr Teile des Walgaus, die sich kaum von dessen österreichischer Nachbarschaft unterschieden. Im Westen und Norden, also im Tal und im Gebirge, stieß es zudem an die Gerichte Jagdberg[32] und Damüls, die wie Blumenegg von Hexenprozessen verschont blieben.

Dieselben Einwände wie gegen die These von einer ungewöhnlich intakten magischen Kultur gelten für die Vorstellung, dass der Zugehörigkeit Blumeneggs zum Reichsstift Weingarten mit seinem auch Hexen abwehrenden Heilig-Blut-Kult eine entscheidende Rolle zukam. Selbst wenn die schwache Ausprägung der Hexenverfolgungen in den österreichischen Territorien der Region um Weingarten (Landvogtei Schwaben) in der Literatur maßgeblich auf dieses stark propagierte kirchliche Magieangebot zurückgeführt werden,[33] bestehen für Blumenegg keine Hinweise darauf, dass diese geistliche Alternative zu den Hexenverfolgungen in der Bevölkerung stärker verbreitet gewesen wäre als in den Nachbargebieten. Konkrete Zeugnisse der Heilig-Blut-Verehrung in Blumenegg stammen erst aus dem 18. Jahrhundert.[34] Von einer intensiveren Nutzung entsprechender Heiltümer ist nichts bekannt.

Auch mit der absolutistischen Regierungsweise des geistlichen Landesherrn lässt sich die Besonderheit Blumeneggs bei den Hexenprozessen nicht erklären, denn aus der Zeit der Grafen von Sulz, die im ausgehenden 16. Jahrhundert - wie erwähnt - sehr wohl etliche Hexenprozesse in der eng mit Blumenegg verbundenen Grafschaft Vaduz führten, sind ebenfalls keine entsprechenden Bestrebungen aus dem Walgau und dem Großen Walsertal bekannt.

Zweifellos war der Umstand, dass in Blumenegg keine Hexenprozesse stattfanden, durch mehrere Faktoren bedingt. Diese in ihrer angemessenen Bedeutung zu erfassen muss künftigen Forschungen vorbehalten bleiben.

Anmerkungen

[1] Manfred Tschaikner, "... haben das ganz Land wellen verderben" - Die Ausrottung der Bregenzerwälder Hexen-Gesellschaften um die Mitte des 16. Jahrhunderts. In: Denz, Hermann; Tschaikner, Manfred: Alltagsmagie, Hexenglaube und Naturheilkunde im Bregenzer Wald. Ein Begleitbuch zur Ausstellung "Göttin - Hexe - Heilerin. Zu einer Kulturgeschichte weiblicher Magie". Frauenmuseum Hittisau (Juni - Oktober 2004). Innsbruck 2004 (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft Sonderheft 117), S. 151-190, hier S. 169.

[2] "Summarischer Extract uß den vorhandenen Missiven so zur zeit der herrn graven von Sulz inhabung der herrschaft Bluemenegg hinc inde gewixlet[!] worden" (bis etwa 1601): Vorarlberger Landesarchiv, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 160, fol. 327a-338b.

[3] Josef Grabherr, Der Blumenegger Landsbrauch. In: Jahres-Bericht des Vorarlberger Museums-Vereines 37 (1898), S. 98-135, hier S. 127.

[4] Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Findbücher der Bestände B 515, B 522, B 522K u. B 522M: schriftliche Mitteilung v. Hrn. Grützmacher vom 9.7.2004.

[5] Zur verfolgungsfördernden Rolle der Kapuziner vgl. z. B. Manfred Tschaikner, Hexenverfolgungen in Hohenems einschließlich des Reichshofs Lustenau sowie der österreichischen Herrschaften Feldkirch und Neuburg unter hohenemsischen Pfandherren und Vögten. Konstanz 2004 (= Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs 5), S. 195; Ursula Brunold-Bigler, Hungerschlaf und Schlagensuppe. Historischer Alltag in alpinen Sagen. Bern-Stuttgart-Wien 1997, S. 224.

[6] Rainer Walz, Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der Frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe. Paderborn 1993 (= Forschungen zur Regionalgeschichte 9), S. 431.

[7] Gertrud Piaschewski, Wechselbalg. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hg. v. Hanns Bächtold-Stäubli u. Eduard Hoffmann-Krayer. Bd. 9. Berlin-New York 1987, Sp. 835-864, hier Sp. 862.

[8] Jacob u. Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. Bd. 11, München 1991, Sp. 965 u. 1053.

[9] Gerhard Köbler, Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte. München 1997, S. 539.

[10] Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. Hg. v. Adalbert Erler u. Ekkehard Kaufmann. Bd. 4. Berlin 1999, Sp. 66-67 u. 1659.

[11] Dabei handelte es sich um die anscheinend unter Teilnahme der Dorfgenossen vorgenommene Übergabe des "Besthauptes", des besten Tieres im Stall, nach dem Tod eines Leibeigenen an den Leibherrn.

[12] Hündin: Vorarlbergisches Wörterbuch mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein. Bearb. v. Leo Jutz. Bd. 1. Wien 1960, Sp. 427.

[13] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 2, fol. 29b-32b.

[14] Josef Grabherr, Die reichsfreie Herrschaft St. Gerold. Beitrag zur Landes- und Cultur-Geschichte Vorarlbergs. In: Jahres-Bericht des Vorarlberger Museums-Vereines 36 (1897), S. 17-100, hier S. 62-63.

[15] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 4, S. 293-297.

[16] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 5, fol. 126b, 127b-128b u. 146a.

[17] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 5, fol. 34a-35a.

[18] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 6, fol. 68b-70b.

[19] Vgl. dazu Eugen Dobler, Bad Rotenbrunnen im Großen Walsertal. In: Blumenegg 1804-1979. Festschrift zum 175. Jahrestag der Vereinigung mit Österreich. Hg. v. d. Gemeinden Blumeneggs. Thüringen 1979, S. 93-95.

[20] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 7, S. 171-172.

[21] Eine Art von Überbeinen, also Hörner: Schwäbisches Wörterbuch. Bearb. v. Hermann Fischer. Tübingen 1920, Sp. 852.

[22] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 3, fol. 19b.

[23] Andreas Ulmer, Topographisch-historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg. Bd. 6. Dekanat Sonnenberg Tl. 1. Dornbirn 1937, S. 422 f.

[24] Vgl. dazu auch Guntram Jussel, Dorfbuch Bludesch von den Rätoromanen zur II. Republik. Geschichte und Gegenwart einer Walgaugemeinde. Bludesch 1994, S. 221.

[25] Zu den entsprechenden Unternehmungen in der Stadt Bludenz vgl. Manfred Tschaikner, Bludenz im Barockzeitalter (1550-1730). In: Geschichte der Stadt Bludenz. Von der Urzeit bis zum Beginn des 10. Jahrhunderts. Hg. v. dems. Sigmaringen 1996, S. 161-280, hier S. 206 f.

[26] Die Bewohner der Vorarlberger Walsersiedlungen befestigten als Heilzauber gegen "´s Schwina" ein kleines Bündel mit Holz von sieben verschiedenen Bäumen an den erkrankten Tieren: Karl Ilg, Die Walser in Vorarlberg. Tl. 2. Ihr Wesen; Sitte und Brauch und Kräfte der Erhaltung ihrer Gemeinschaft. Dornbirn 1956 (= Schriften zu Vorarlberger Landeskunde 6), S. 91 f.

[27] Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 34. Aufl. Stuttgart 1976, S. 223.

[28] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 8, fol. 258b.

[29] VLA, Reichsherrschaft Blumenegg, Hs. u. Cod. 8, fol. 258a b.

[30] Vorarlberger Landesarchiv, Stadtarchiv Bludenz 86/6, fol. 51a b; vgl. Manfred Tschaikner, Magie und Hexerei im südlichen Vorarlberg zu Beginn der Neuzeit. Konstanz 1997, S. 175-176.

[31] Tschaikner (wie Anm. 5), S. 120-121, 138-144 u. 160.

[32] Vgl. zu Jagdberg Manfred Tschaikner, "Die halbe Gemeinde besteht aus Hexen und Hexenmeistern ... ". Hexereiinjurien aus Feldkirch und den umliegenden Gerichten im 17. Jahrhundert. In: Das Recht im kulturgeschichtlichen Wandel. Festschrift für Karl Heinz Burmeister zur Emeritierung. Hg. v. Bernd Marquardt u. Alois Niederstätter. Konstanz 2002, S. 427-468, hier S. 461-465.

[33] Johannes Dillinger, "Böse Leute". Hexenverfolgungen in Schwäbisch-Österreich und Kurtrier im Vergleich. Trier 1999 (= Trierer Hexenprozesse. Quellen und Darstellungen 5), S. 161-168.

[34] Rudolf Fesseler, Herrschaft Blumenegg. In: 900 Jahre Heilig-Blut-Verehrung in Weingarten 1094-1994. Festschrift zum Heilig-Blut-Jubiläum am 12. März 1994. Tl. 1. Hg. v. Norbert Kruse u. Hans Ulrich Rudolf. Sigmaringen 1994, S. 325-330, hier S. 327-328.

 

Empfohlene Zitierweise

Tschaikner, Manfred: "Wie die Leut´ bös miteinander sind ..." - Hexen in der Herrschaft Blumenegg im 17. Jahrhundert, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/7ozyd/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 25.01.2006

Zuletzt geändert: 25.01.2006


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail