Regionale Hexenverfolgung

  / historicum.net / Themen / Hexenforschung / Themen/Texte / Regionale Hexenverfolgung

Rita Voltmer

In Wittlich des zauberei lasters hingericht. Überlegungen zu den Hexenverfolgungen im Wittlicher Land während des 16. und 17. Jahrhunderts [1]

in: Jahrbuch für Kreis Bernkastel-Wittlich 2004, S. 122-130.

[S. 122] Glaubt man Wilhelm von Bernkastel, dem Berichterstatter der Eberhardsklausener Marienwunder, dann sollen sich im Jahr 1516 in der Stadt Wittlich merkwürdige Dinge ereignet haben: Die Enkelin des stellvertretenden kurfürstlichen Amtmannes wurde plötzlich und ohne Vorwarnung von einer unheimlichen Krankheit befallen, die das Mädchen unter Qualen toben und schreien ließ. Nach Meinung seiner Großeltern konnte es sich bei diesen Anfällen nur um die schrecklichen Folgen von Hexerei handeln. Nicht zufällig wurde gerade dieses Kind derart gepeinigt, denn sein Großvater hatte kurz zuvor in der Stadt vier Frauen als Hexen verbrennen lassen. Daraufhin ereichten ihn dunkle Drohungen, es werde ihm bald sehr schlecht ergehen. Kein Zweifel, hier mussten die heimlichen Mitverschworenen der hingerichteten Hexen am Werk sein, die aus purer Rache die Enkelin des Hexenrichters mit Schmerzen heimsuchten. Hilfe bei solchen, von Menschenhand allein nicht zu heilenden Krankheiten konnte nur die wundertätige Madonna von Eberhardsklausen bringen. Und tatsächlich erwirkten die eindringlichen Gebete der Mönche eine Gesundung des Kindes. Nach Wilhelm von Bernkastel waren die Ereignisse in der Stadt Wittlich jedoch keine Einzelfälle, vielmehr sei es spätestens seit 1497 auch im Wittlicher Land, in Hetzerath, Rivenich, Esch, Wengerohr, Salmrohr, Hontheim und in der Stadt selbst immer wieder zu derart unheimlichen Geschehnissen gekommen. Da wurden Menschen plötzlich von entsetzlichen Schmerzen befallen, deren Ursachen von außen am Körper nicht zu erkennen waren. Nach dem wundertätigen Eingreifen der Madonna aber spuckten die Geheilten Knochenteile, Nägel, Nadeln, Haarbüschel und sonstige unappetitliche Dinge aus. Andere schienen vom bösen Geist besessen, litten unter Wahnvorstellungen und benahmen sich wie Verrückte. Auch in diesen Fällen musste die Muttergottes von Klausen helfen. Erst die Lektüre des gerade frisch gedruckten Hexenhammers (1487) aus der Feder des Dominikaners Heinrich Institoris sowie anderer dämonologischer Schriften erzeugte in dem Klausener Chronisten die vermeintliche Gewissheit, dass hier die geheime Sekte der Hexen am Werk sein musste. Diese neuen Erklärungen für Krankheiten und Seuchen gab er bereitwillig an die vielen Pilger weiter, die nach Eberhardsklausen wallfahrteten, und schrieb sie in seinen Mirakelberichten nieder. Hier verarbeitete Wilhelm auch Kenntnisse aus ersten Hexenprozessen, die zu dieser Zeit in der Umgebung stattfanden.

Damit hatte das Wittlicher Land nicht nur Anteil an der ersten größeren Verfolgung zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Raum zwischen Maas, Mosel und Rhein, auch die nachfolgenden Phasen schwerer Hexenpaniken, von denen der europäische Westen in unterschiedlicher Stärke nach 1570 erfasst wurde, lassen sich im weiteren Wittlicher Land feststellen. Das Amt Wittlich gehörte zu den größten kurtrierischen Ämtern und wurde gemeinsam mit dem später einverleibten Amt Udenesch und der teilweise unter luxemburgischer Lehnshoheit stehenden Herrschaft Bruch verwaltet. Bei Wittlich lag die zwischen Kurtrier und Manderscheid-Kail geteilte Herrschaft Lüxem. Das ebenfalls benachbarte Hochgericht Minderlittgen mit den Orten Großlittgen, Karl, Musweiler und Hupperath wurde von Kurtrier, dem Stift St. Paulin, Manderscheid-Kail und Sponheim gemeinsam verwaltet. Die nahe Herrschaft Dreis zählte zur Abtei Echternach, wenngleich das Dorf Dreis Reichsfreiheit beanspruchte. Insgesamt bot damit das weitere Wittlicher Land ein Bild herrschaftlicher Vielfältigkeit. Wie eine erste Erfassung zeigt, kam es besonders in den Orten der Herrschaften bzw. Hochgerichte Bruch, Dreis, Lüxem und Minderlittgen zu massiveren Verfolgungen. Auch die im Amt Wittlich bzw. Udenesch liegenden [S. 123] Ortschaften Esch, Krames, Sehlem, Salmrohr und Platten wurden von den Hexenjagden erfasst. Bislang konnten allein in den genannten Herrschaften und Orten über 70, zum Teil gut dokumentierte Hexenprozesse mit meist tödlichem Ausgang festgestellt werden. Eine weitaus höhere Zahl von Verfahren muss jedoch angenommen werden, zumal Hunderte Seiten von Prozessakten aus Meerfeld, Bettenfeld, Eisenschmitt und Kail sowie anderes relevantes Quellenmaterial aus dem Bereich des benachbarten kurtrierischen Amtes Manderscheid, der Manderscheider Grafschaften und dem Herzogtum Luxemburg, in denen Hinweise enthalten sind, noch nicht ausgewertet werden konnten.

Schon jetzt kann man aber davon ausgehen, dass die Hinrichtungen am Galgenplatz bei Wittlich zahlreich gewesen sein müssen, denn viele der von Hochgerichten der Umgegend ausgesprochenen Urteile wurden hier vollstreckt. Aus der Stadt Wittlich kamen auch die Notare, die an den Hexenprozessen als Schreiber und Gutachter beteiligt waren, wie zum Beispiel Bernhard und Leonhard Beier, Peter Esch sowie Nikolaus Weich. Wichtige Treffpunkte und Nachrichtenbörsen waren daneben die Wittlicher Wirtshäuser "Zum Bären" und "Zum Ritter". Hier warteten Zeugen und Ankläger auf die Verhandlungstermine, aus den Garküchen wurde die Gefangenenkost geliefert und nach vollzogener Hinrichtung traf sich hier das Gerichtspersonal zum abschließenden Gelage.

Gleichwohl scheinen in der Stadt insgesamt weniger Prozesse geführt worden zu sein als im Umland. Dafür sprechen zumindest einige Indizien. So residierten die Trierer Kurfürsten schon immer gern in ihrem Wittlicher Schloss. Auch der extrem hexengläubige Johann VII. von Schönenberg weilte oft in Wittlich. Hierher flüchtete er sich nicht nur vor den wiederholten Seuchen, die in Trier und Pfalzel ausbrachen, sondern offenbar auch in panischer Angst vor den Hexen, die angeblich den Trierer Hofstaat und die dortige Residenz unterwandert hatten. Gerade die Jesuiten und Weihbischof Petrus Binsfeld - übrigens 1580 im Wittlicher Schloss zum Priester geweiht - schürten als geistige Brandstifter in ihren Predigten und Traktaten die Hexenfurcht in der Stadt Trier und trieben Bewohner und Obrigkeit zu immer neuen Prozessen. Diese verfolgungsauslösenden Faktoren fehlten in Wittlich. Gleichwohl waren auch die Einwohner von Stadt und Land Wittlich tief im Hexenglauben ihrer Zeit gefangen. Doch wie gerieten unschuldige Menschen in den Verdacht, Teufelsdiener zu sein? Wer brachte sie vor Gericht, wie liefen die konkreten Verfahren ab? Diese Fragen sollen anhand der folgenden Beispiele aus dem Wittlicher Land erläutert werden. Viele Hexereianklagen waren eindeutig getragen von Neid, Missgunst und Hass; alte Feindschaften, Streitereien und soziale Konflikte wurden mit ihrer Hilfe ausgetragen. Und zu Beleidigungen jeder Art kam es schnell in einer Gesellschaft, in der latente Aggressivität, Streit, Gewaltbereitschaft und Tätlichkeiten an der Tagesordnung waren. Jemanden als Zauberer, als Hexe zu bezichtigten galt dabei als schlimmste Diffamierung. Verdächtige Personen konnten mit diesen öffentlichen "Beschreiungen", die nicht selten von Handgreiflichkeiten begleitet waren, ins "üble Gerücht" gebracht werden. Damit galt die persönliche Ehre als aufs Höchste verletzt und dies verlangte Aktivitäten zu ihrer Wiederherstellung. Denn wenn man nicht auf eine unter Zeugen gemachte Beleidigung reagierte, so galt dies als Nachweis eines schlechten Gewissens, als ein Schuldeingeständnis. In den Hexenprozessakten steht deshalb immer der Vorwurf, man habe nichts gegen eine Hexereibeschuldigung unternommen, unter den ersten Anklagepunkten. Es war also geboten, den Beleidiger zur Rücknahme der Scheltworte zu bewegen. Als Vermittlungsinstanz gab es in jedem Dorf sogenannte Beschickmänner oder Sühneleute, welche die Aussöhnung bei Streitigkeiten aller Art in die Wege leiten sollten. Eine andere Möglichkeit war es, vor dem lokalen Gericht eine Klage wegen Beleidigung und verletzter Ehre zu führen.

Wie eng alltäglicher, oft zwischen Nachbarn und nächsten Verwandten geführter Streit und Hexereiverdacht miteinander verknüpft waren, zeigt ein Fall aus Karl, wo im Jahr 1570 Jakob Contzen und Theis Scholtes miteinander in einen Streit und nachfolgend in eine handfeste Prügelei gerieten. Dies galt als absichtliche Störung des Dorffriedens, die gerügt und bestraft werden musste. Ein außergerichtliches Schiedsverfahren kam in Gang, in dessen Verlauf zwei Beschickmänner die beiden Streithähne wieder miteinander versöhnten, beiden aber auch eine Geldstrafe aufbürdeten. Damit war nun aber die Ehefrau des Jakob, Maria Contzen, [S. 124] nicht einverstanden. Auf offener Gasse überschüttete sie beide Beschickmänner, Peter Thelen und Peter Leinenweber aus Karl, mit wütenden Beschimpfungen und drohte ihnen, dass sie diesen in ihren Augen ungerechten Urteilsspruch noch büßen müssten. Ihre Drohung wurde konkret: Beim nächsten Heumachen solle alles Unglück in ihre Pferde fahren!

Trotz dieser unheilvollen Worte machten sich die beiden Männer noch am gleichen Tag gemeinsam mit einem Gespann zur Heuernte auf, und - ohne Vorwarnung, so die spätere Zeugenaussage - seien plötzlich beide Pferde zusammengebrochen und wenige Tage später verendet! An diesem Unglück konnte wahrlich nur Maria Contzen und ihr unheiliger Fluch die Schuld tragen. Außerdem galt sie schon längere Zeit als verdächtig, erinnerten sich doch die älteren Dorfgenossen noch gut daran, dass bereits ihre Großmutter unter Zaubereiverdacht aus Karl geflohen und nie mehr nach Hause zurückgekehrt war. So kam es zu einer öffentlichen "Beschreiung", als Peter Thelen und sein Schwager Peter Leineweber auf der Gasse und unter Zeugen Maria als Zauberin beschimpften und ihr vorwarfen, die Pferde mit Hexerei getötet zu haben. Jetzt hieß es für Maria, schnell zu handeln.

Um weiteres Geschwätz zu vermeiden und vielleicht auch, weil sie an die Macht ihrer Flüche glaubte, beging Maria bei ihrem Versuch, das üble Gerücht zum Schweigen zu bringen, einen schwerwiegenden Fehler: Sie bot den Geschädigten Geld für die toten Pferde an, wenn sie von weiteren öffentlichen Beschuldigungen Abstand nehmen würden. Das kam aber einem indirekten Schuldeingeständnis gleich, und beide verweigerten die Annahme jeder Wiedergutmachung. Nachdem dadurch der Weg einer außergerichtlichen Einigung versperrt war, und um einer möglichen Anklage wegen Hexerei zuvorzukommen, strengte Marias Ehemann Jakob beim Ortsschultheißen ein Rügeverfahren wegen Verleumdung und Beleidigung an. Seine beiden Kontrahenten aber versuchten von Anfang an, das einfache Verfahren wegen Beleidigung und verletzter Ehre in einen Hexenprozess zu wenden. Zum Beweis dafür, dass ihre Beschimpfungen nicht ehrverletzend, sondern die reine Wahrheit gewesen seien und Maria tatsächlich als üble Zauberin zu gelten habe, setzten sie ihr Leben und ihre gesamte Habe als Bürgschaft ein. Sollte auch das dem Gericht nicht ausreichen, waren sie bereit, sich gemeinsam mit Maria einer Art "Kampffolter" zu unterziehen, was quasi einem Gottesurteil gleichgekommen wäre. Das nachfolgende Verfahren durchwanderte alle Instanzen vom Schultheißen über die vier Zender des Hochgerichts Minderlittgen bis nach Wittlich vor das kurfürstliche Gericht. Maria hatte Glück. Der Wittlicher Amtmann Christoph von Elz erklärte sie nach mehreren Wochen Haft im städtischen Gefängnisturm für unschuldig und bürdete den beiden Verleumdern die horrenden Prozesskosten auf. Dagegen klagten Peter Thelen und Peter Leinenweber sogar vor dem Reichskammergericht in Speyer. Hier wurde dieser interessante Fall auch umfänglich dokumentiert. Festzuhalten bleibt, dass Maria Contzen für dieses Mal einem Hexereiverfahren entging.

Unerklärliche Krankheitsfälle bei Mensch und Tier, verknüpft mit Streitigkeiten brachten auch Theis Drauden aus Karl in den Verdacht der Hexerei. Immer wenn er im Stall eines seiner Nachbarn erschien, erkrankte auf mysteriöse Weise ein Pferd oder eine Kuh tödlich. Allerdings scheint Theis auch ein überaus neugieriger Störenfried gewesen zu sein, der immer dann seinen Nachbarn einen Besuch abstattete, wenn wieder einmal ein Stück Vieh hinfällig war und er sich schadenfroh nach dessen Befinden erkundigen konnte. Das Fass zum Überlaufen brachte ein anderer Vorfall: Am Fastnachtsdienstag 1588 saßen einige Dorfgenossen mit ihren Frauen beim Wein zusammen; es blieb jedoch wie üblich nicht beim friedlichen Feiern, vielmehr geriet Theis Drauden mit seinem Gegenüber Hans Schottel aneinander und machte ihm die drohende Prophezeiung, Hans und seine Frau würden keine nächste Fastnacht mehr gemeinsam erleben. Zwei Tage später wollte Hans sein Pferd besteigen, um aufs Feld zu reiten. Doch von Schwindelanfällen gepackt, fiel er immer wieder auf der einen Seite herunter, kaum dass er auf der anderen Seite aufgestiegen war. Krank musste er sich ins Bett legen und man fürchtete um sein Leben. Zu allem Überfluss besuchte Theis Drauden ihn nicht nur am Krankenbett, sondern lupfte auch die Laken, um sich den Schaden aus der Nähe zu betrachten. Nach seiner Zeugenaussage geriet Hans Schottel ob solcher Zudringlichkeit in Panik und rief laut nach seiner Frau. Doch als die ihrem [S. 125] Mann zur Hilfe eilte, war Theis Drauden schon auf geheimnisvolle Weise verschwunden.

Ein solcher nachbarschaftlicher Krankenbesuch konnte immer gefährlich werden für jemanden, der ohnehin in Hexereiverdacht stand, glaubte man doch, dass nur diejenige Person die Krankheit wieder wegschaffen könnte, die sie zuvor durch Zauberei hervorgerufen hatte. Wurde die Kranke nach einem solchen Besuch gesund, bestätigte sich der Hexereiverdacht. Verschlimmerte sich der Zustand des Kranken, starb er gar, geschah genau dasselbe: Der Besucher oder die Besucherin musste ihn mit einem weiteren Zauber vergiftet haben! Theis Drauden war im Übrigen von niemand anderem als dem schon bekannten Jakob Contzen wegen Hexerei verklagt worden. Ihm sollte er ein Pferd durch Zauberei getötet haben. Der Ausgang dieses Verfahrens ist noch unbekannt.

Nicht nur Verstöße gegen den Dorffrieden und Streitlust, auch Vergehen gegen die von Pfarrer und Sendgericht überwachte Sitte und Moral endeten nicht selten in einer Hexereibezichtigung. Ein Schneider aus Rivenich wurde 1604 seiner Umgebung mehr und mehr verdächtig, weil er - wie es hieß - eine Kuh lieber als seine eigene Frau hatte und mit dem Tier ein stelzenbeiniges Monster, halb Kalb, halb Mensch gezeugt haben sollte. Auch der Meier Christmann aus Dreis gestand 1631, vor der Ehe mehrfach sodomitische Beziehungen zu Kühen, Pferden und Eseln unterhalten zu haben. Der Vorwurf der Sodomie, welche als gotteslästerliches Delikt mit dem Tode bestraft wurde, galt überdies als Indiz für Hexerei. Beide Männer wurden deshalb ebenfalls unter Hexereianklage gestellt und hingerichtet. Im Übrigen hatte man auch der schon erwähnten Maria Contzen nachgesagt, eine leichtfertige Frau zu sein, die bereits vor der Ehe mit anderen Männer zu eng bekannt gewesen sei. Immerhin hatte sie zwei uneheliche Kinder von einem Knecht aus Dierdorf. In Platten gerieten um 1629 sogar die Ehefrauen der dörflichen Amtsträger in den Verdacht, Hexen und Teufelshuren zu sein. Angeblich sollten sich die späteren Meiers-, Zenders- und Schultheißenfrauen schon als junge Mädchen dem Teufel hingegeben haben. Verständlicherweise gerieten ihre Ehemänner nun in Unruhe und wollten wissen, neben wem sie schlafen müßten. War einmal ein Mitglied der Familie als Hexe oder Hexenmeister hingerichtet, fiel der Verdacht schnell auf die verbliebenen Angehörigen. Theis Schmidts aus Lüxem geriet 1598 nicht nur in Verdacht, weil er sich durch das Benutzen falscher Kornmaße bei seinen Dorfgenossen unbeliebt gemacht hatte, sondern auch, weil seine Frau Merg bereits vier Jahre zuvor hingerichtet worden war. Es kann nahezu als durchgängiges Muster gelten, dass die Ehepartner von Hingerichteten wenig später ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landeten, so zum Beispiel auch geschehen bei Brixius, Weber aus Dreis (hingerichtet 1579) und seiner Witwe Eva (hingerichtet 1591) oder bei Hans Schumacher aus Hupperath und seiner Frau Hilla, die beide 1590 sterben mussten. Auch die Nachkommen vermeintlicher Hexen und Hexenmeister lebten in der Gefahr, verdächtigt, angeklagt und hingerichtet zu werden. Unter der monströsen Bedrohung des Hexereiverdachts blieb deshalb schon aus Selbstschutz kaum eine andere Wahl, als sich möglichst rasch von seinen diffamierten Angehörigen zu distanzieren. Eine Ausnahme bildete das Verhalten der Familienangehörigen von Merg Schmitz aus Minderlittgen: Sie gewährten 1588 der flüchtigen Frau Schutz und verbargen sie in einem Geheimversteck. Als die Zender auf der Suche nach ihr ins Haus eindrangen und es mit geradezu kriminalistischem Gespür durchstöberten, versuchten Ehemann und Tochter der Gesuchten - letztlich erfolglos -, die Häscher abzulenken und zu täuschen. Nicht selten brachten sich Menschen geradezu leichtfertig selbst in Verdacht. Dazu gehörten zum einen die tagtäglichen Drohungen, Verwünschungen und Streitigkeiten. Andererseits scheinen sich die Dorfgenossen bei jeder Gelegenheit über das brisante Thema der Hexen und ihr vermeintliches Treiben unterhalten zu haben. Die Hexengläubigkeit führte überdies dazu, jedes Missgeschick, erst recht jedes Unwetter, auf Zauberei zurückzuführen. Als Ludwig Heck an einem Nachmittag Anfang Juli 1629 am Haus des Schumachers Gerlach in Platten vorbeikam, warnte er ihn vor einem aufziehenden Gewitter und riet ihm, seine Tür mit einem Kreuz zu zeichnen, dann könne das Unwetter ihm keinen Schaden antun. Gerlach befiel sogleich die Angst, seine eigene Frau könne vielleicht eine der teuflischen Wettermacherinnen sein, doch Ludwig konnte ihn beruhigen: Es seien zwar noch einige Weiber im Dorf, die dringend als Hexen verbrannt werden müssten, doch Gerlachs [S. 126] Frau gehöre nicht dazu.

Überhaupt prahlte Ludwig gern mit seinem vorgeblichen Wissen um Verdächtige - allerdings immer ohne Namen zu nennen - und deutete bei jeder passenden Gelegenheit an, es gäbe in Platten eine Frau, die sich in der Kirche besonders fromm verhalte, in Wirklichkeit aber eine Hexe sei. Und wenn die Obrigkeit das alles wüsste, dann könnte sie einen ganzen Wall mit Galgen und Hinrichtungsstätten zieren. Umschlagplatz für solches Gerede waren vor allem Gasthäuser und Tavernen, in denen die Männer ohne Zweifel viele Stunden bei ausgiebigem Trinken verbrachten. Bei einer dieser Gelegenheiten im Wittlicher Wirtshaus "Zum Ritter" behauptete Ludwig, man habe ihm in der Pfalz das Horoskop gestellt und danach werde er bald verbrannt. Auch solle man alle Kalender und Almanache vernichten, denn dort würden die Tage mit voraussichtlich schlechtem Wetter angezeigt und dies gebe den Hexen wichtige Hinweise für ihr Treiben. Und als Krönung behauptete Ludwig, er sei im Wald dreimal dem Teufel begegnet, zweimal in Gestalt eines Fuhrmanns, einmal in der eines Kaufmanns. Auf Nachfrage seiner Trinkkumpane, woran er denn den üblen Gesellen erkannt haben wollte, gab Ludwig eine einfache Antwort: Der Teufel habe einen so infernalischen Furz getan, wie ihm noch nie einer unter die Nase gekommen sei. Die Nachbarn berichteten auch, Ludwig sei einmal von einer Kneipentour aus Wittlich nach Hause zurückgekehrt, habe dabei mit einem Unsichtbaren an seiner Seite geredet und davon gefaselt, wenn er durch die Zähne pfeife, dann geschähe nichts, wenn er aber durch die gespitzten Lippen pfeife, dann komme der Teufel. Es kann kaum wundern, dass gegen Ludwig im Jahr 1629 ein Hexereiverfahren in Gang kam, zumal er auch die Frau des Wittlicher Amtmannes bei der Zehntabgabe betrogen hatte. Der Verdacht gegen ihn wurde noch gestützt durch die Tatsache, dass er bereits einmal vor einem drohenden Verfahren aus Dreis in die Pfalz gezogen war und auch jetzt wieder plante, seinen Wohnsitz von Platten nach Trier zu verlegen.

An diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass die Bezichtigungen nicht nur aus naiver Hexenfurcht vorgebracht wurden. Viele der Anschuldigungen scheinen sich gegen eben jene Personen gerichtet zu haben, die man aus ganz anderen Gründen loswerden wollte und von deren oft tödlich endender Diffamierung man sich einen, wenn auch manchmal nur kleinen Vorteil versprach. Von der bloßen Zaubereibezichtigung bis zur gerichtlichen Anklage wegen Hexerei bedurfte es dann oft nur noch weniger Schritte. So wie der konkrete Hexereiverdacht, so entstand auch der dringende Wunsch, die übeltäterischen Hexen aus der eigenen Mitte auszurotten, in den dörflichen und städtischen Gemeinschaften selbst. In einigen Fällen kam es sogar zu illegaler Lynchjustiz. Meistens sind Hexenprozesse jedoch als rechtsgültige Verfahren vor ordentlichen Gerichten geführt worden. So bombardierte die Gemeinde von Dreis den Echternacher Abt zwischen 1588 und 1634 in regelmäßiger Folge mit Schreiben, in denen sie ihn darüber informierten, dass sie auf eigene Kosten Verfahren gegen vermeintliche Hexen und Hexenmeister zu führen beabsichtigten und zur Durchführung der notwendigen Folterverhöre und Hinrichtungen den Echternacher Scharfrichter benötigte. In anderen Ortschaften wie z. B. in der Herrschaft Bruch, in Platten, in Minderlittgen und in der Stadt Wittlich bildeten sich Hexenausschüsse, die den Gerüchten über angebliche Hexen nachgingen, Schadensfälle und Indizien sammelten und die verdächtigen Personen schließlich im Namen der Gemeinden vor den jeweiligen weltlichen Gerichten anklagten. Daneben konnte ein Geschädigter als Privatkläger gegen eine bestimmte Person vor Gericht ziehen. Dies war zum Beispiel 1581 der Fall, als Hans Groß die Anna Heesen aus Hupperath vor den Hochgerichtszendern von Minderlittgen wegen Hexerei verklagte. Angeblich hatte sie ihm zwei Pferde mit einem Zaubertrank getötet. Ursprünglich aber waren die beiden Nachbarn wegen Fallobst miteinander in Streit geraten (siehe auch Beitrag auf Seite 131).

Amtleute und Schultheißen wurden auch direkt angesprochen und gebeten, gegen bestimmte der Zauberei verdächtigte Personen vorzugehen. Als Merg Schmitz aus Minderlittgen im Gefängnis zu Wittlich saß und bereits auf ihre Verhandlung wartete, erhielt der zuständige Amtmann noch Besuch von einer ihrer Verwandten, die den Beamten eindringlich bat, Merg auf keinen Fall wieder freizulassen, denn sie sei eine ganz gefährliche Hexe, die bereits ihre Mutter mit Zauberei umgebracht habe. Entscheidend blieb, ob Amtmann oder Schultheiß bereit waren, die Hexereiklagen anzunehmen und den Gerichtsapparat in Gang zu setzen. [S. 127] Wenn das damit befasste Gericht die Klagepunkte, die beigebrachten Zeugenaussagen und andere Indizien für ausreichend hielt, forderte man in der Regel beim Trierer Hochgericht ein Rechtsgutachten darüber an, wie mit der beklagten Person weiter zu verfahren sei. Nach Verhaftung und Anklage leiteten der Richter und meist zwei der Schöffen die Verhöre, in Minderlittgen wurde die Verhandlung von den vier Hochgerichtszendern geführt. Nicht selten fanden Zeugenverhöre und die Befragung der Angeklagten in den Hinterstuben von Wirtshäusern statt, so zum Beispiel in Esch und Salmrohr. Von einer Geheimhaltung der Verfahren, wie es die Gesetze vorschrieben, konnte keine Rede sein. Der Inhalt der Verhöre, Denunziationen, belastende Aussagen und die Folterpraxis waren daher schnell allgemein bekannt.

Es war üblich, angeklagte Personen zuerst mit bereits überführten, kurz vor der Hinrichtung stehenden vermeintlichen Hexen zu konfrontieren. Bei diesen Gegenüberstellungen kam es nicht selten zu dramatischen Szenen. So konfrontierte man 1604 im Gericht Dreis die noch ihre Unschuld beteuernde Appolonia Contges mit ihrer Nachbarin Sun Gelen, die bereits ein umfassendes Hexereigeständinis abgelegt hatte. Sun, wohl geistig und körperlich durch die Folter gebrochen und nur noch auf einen schnellen Tod hoffend, redete der von ihr Beschuldigten ins Gewissen, endlich ihre vermeintlich begangenen Hexereiverbrechen zu gestehen: Liebe Appolonia, wir müßen thun, wie Christen-Leut, bekenn dein sünden, so wirstu ein kind des ewigen lebens sein. Eine Verurteilung war grundsätzlich nur nach einem abgelegten Geständnis möglich. Deshalb blieb das Hexereiverfahren - wie andere Strafverfahren - darauf ausgelegt, dem Delinquenten, der Delinquentin ein umfassendes Bekenntnis abzuzwingen. Wurde dies nicht freiwillig abgelegt, durfte die Folter als legales Mittel eingesetzt werden, um die 'Halsstarrigkeit' des Verdächtigen zu brechen. Wer jedoch die Folter ungeständig überstanden hatte, musste als unschuldig freigelassen werden. Da das Hexereiverbrechen als crimen exceptum, als Ausnahmeverbrechen gewertet wurde, das alle Mittel im Kampf gegen die Hexen erlaubte, kam es zu schlimmsten Exzessen, um das notwendige Geständnis zu erreichen. Das erste, so genannte gütliche Verhör fand noch ohne die Anwendung direkter Gewalt statt. Dabei wurde der angeklagten Person die Klageschrift Punkt für Punkt vorgelesen; zu jedem Vorwurf musste sie Stellung nehmen. Obwohl viele der Betroffenen schon vor ihrem Prozess im bösen Gerücht gestanden hatten, erfuhren sie oft erst jetzt konkret, welche ungeheuren Taten und Verbrechen man ihnen nachsagte, welche angeblichen Schadenzauber und Verhexungen sie in Teufels Namen angestellt haben sollten. Blieben die angeklagten Personen ungeständig, begann man mit der peinlichen Befragung, dem Verhör unter der Folter, nachdem man ihnen zunächst die Marterinstrumente gezeigt hatte. Dabei wurden Frauen und Männer oft erst durch einen Priester exorziert und mit Weihwasser besprengt, sodann vom Henker entkleidet. Man rasierte und durchsuchte sie am ganzen Körper, schnitt ihnen die Nägel bis aufs Fleisch und kleidetet sie in ein neues Hemd aus grobem Leinen; denn man befürchtete, die Hexen könnten teuflische Amulette zum Schutz vor Folterqualen in ihren Haaren und anderen Körperöffnungen bei sich tragen. Übliche Tortur war das Aufziehen mit nach hinten verschränkten Armen an einem Seil oder über eine Leiter. Dabei konnten verschärfend Gewichte an die Zehen gehängt werden. Zum Einsatz kamen auch Daumen- und Beinschrauben sowie Rutenschläge. Ließ sich auch damit kein Geständnis erreichen, so blieb der Erfindungsgabe der Henker keine Grenze gesetzt. Art, Dauer und Wiederholung der Folter waren nicht geregelt. Nur wenige hielten diesen Qualen auch psychisch stand, die meisten legten schon bald das geforderte Geständnis ab. Die absichtlich schlechten Haftbedingungen in kalten, nassen, dunklen Löchern voller Ungeziefer und Ratten, oft angekettet und in Eisen geschmiedet, ohne hygienische oder medizinische Versorgung nach den schweren Folterungen, trugen ein Übriges dazu bei, standhaftere Angeklagte zu demoralisieren und ihren Willen zu brechen. Daran beteiligten sich auch die Gefängniswärter, welche die Inhaftierten nach Gutdünken drangsalieren konnten. Theis Schmidts aus Lüxem legte 1598 nach mehreren Tagen Haft, jedoch noch ungefoltert, nur deshalb ein Geständnis ab, weil er die Schikanen seines Wärters nicht mehr ertragen konnte. Wenn möglich versuchten die Inhaftierten, sich aus ihren Gefängnissen zu befreien und zu flüchten. Merg Schmitz hatte man 1590 in Min-[S. 128]derlittgen im Gefängnis angeschmiedet, doch war die Frau so schwach, dass die beiden Wärter ihr bei der Verrichtung ihrer Notdurft helfen mussten. Angesichts dessen erließ man ihr die Fesseln, ein Umstand, den sie nachts sogleich zur Flucht nutzten wollte. Doch konnten die Wärter sie schnell wieder auf der Straße einholen, denn sie hatte sich kaum ein paar Meter weit schleppen können. Theis Schmidts aus Lüxem hatte 1598 vorläufig etwas mehr Glück. Nachdem er ein Geständnis abgelegt hatte, ließ man ihn erst einmal in Ruhe, und diese Zeit benutzte er, um die Eisenstäbe vor seinem Fenster herauszubrechen und zu fliehen. Auch Peter Schneider aus Rivenich konnte sich 1604 durch einen todesmutigen Sprung von einer hohen Mauer seinem Gefängnis entziehen. Doch auch die beiden Männer kamen nicht allzu weit. Man fing sie nach wenigen Tagen wieder ein. Allerdings hatten sie mit ihren Gefängnisausbrüchen den belastenden Indizien ein entscheidendes hinzugefügt, galt der Fluchtversuch doch grundsätzlich als Schuldeingeständnis. Zudem bewiesen die näheren Umstände der Ausbrüche scheinbar den Zaubereiverdacht, denn wie hätte Theis die Eisenstäbe auseinanderbiegen oder Peter den tiefen Sprung überleben können, ohne die Hilfe des Teufels?

Die Gefangenen waren meist nicht völlig von ihrer Umwelt abgeschottet. So konnte die alte Meiers von Hupperath, die 1590 in Wittlich im Turm unter Zaubereiverdacht gefangen saß, durch die Tür ihres Kerkers mit ihren Verwandten sprechen und eine weitere Frau vor einer drohenden Verhaftung warnen. Diese Warnung wurde allerdings der genannten Frau zum Verhängnis, denn wen würde eine Hexe wohl warnen wollen, wenn nicht ihre Komplizin?

In den erzwungenen Geständnissen mussten die Beklagten Verbrechen bekennen, die sie niemals begangen hatten. So gestand der Weber Brixius aus Dreis 1579, er habe mit Hilfe vergifteten Weins einige Teilnehmer von Fastnachts- und Hochzeitsfeiern im Namen des Teufels umgebracht. Stefans Michel aus Krames berichtete 1587 von einer großen Hexenversammlung auf der Hetzerather Heide, die von vielen Reichen aus Trier besucht worden sei. Doch habe der Teufel nicht gewollt, dass der Wein verdorben werde, damit auch weiterhin betrunkene Männer ihre Weiber schlagen würden. Gewalttätiges erzählte auch Theis aus Lüxem vom angeblichen Hexensabbat, wo er sich mit seinem Kumpan Endres heftig mit hölzernen Knüppeln geprügelt haben wollte. Auf die Frage des Gerichts, warum man keine Spur dieser Schläge an ihm erkennen könne, antwortete Theis, man habe sich stets mit dem Spruch abends wundt morgens gesundt geheilt. Neben dem eigentlichen Hexereidelikt mussten auch die Namen von angeblichen Komplizen genannt werden, welche die Angeklagten auf dem Hexensabbat gesehen haben sollten. Auf diese Weise kamen lange Listen von angeblichen Komplizen, so genannte Besagungen, zusammen. Auch in den Wittlicher Hexenprozessen spielten solche Besagungen eine wichtige Rolle als zusätzliche oder auslösende Indizien für neue Hexereiverfahren. So waren nahezu alle Personen, die Anna Heesen aus Hupperath 1581 in ihren Verhören der Zauberei bezichtigt hatte, bereits 1590 ebenfalls hingerichtet. Deshalb gerieten auch einige Einwohner der Stadt Wittlich in Zaubereiverdacht; denn sie wurden als vermeintliche Komplizen in den Hexereiverfahren aus Lüxem oder Minderlittgen genannt. Manchmal bewiesen jedoch die Angeklagten trotz unmenschlicher Tortur Widerstandskraft. So beließ es Meier Christmann aus Dreis 1631 bei einer einzigen Besagung, weil er darauf beharrte, das teuflische Werk sei stets Betrug und die Gestalten, die er auf dem Hexensabbat gesehen hatte, könnten auch reine Vorgaukeleien gewesen sein. Auch habe er aus Mitleid mit seinen Nachbarn seine Zauberschmier lediglich an seinem eigenen Geflügel ausprobiert und damit über die Jahre mindestens 50 Hühner umgebracht.

Nach abgelegtem Geständnis befand das Gericht über das Urteil. In der Regel lautete es auf "Tod durch Verbrennen". Gnadenhalber erdrosselte man manchmal die Verurteilten, bevor der Scheiterhaufen angezündet wurde. Besonders "Widerspenstige" dagegen, die womöglich lange der Folter standgehalten oder gar ihr Geständnis mehrmals widerrufen hatten, wurden nicht selten lebend verbrannt. Auch im Wittlicher Land baute man besondere Verbrennungshütten, in denen die Verurteilten, oft gemeinsam mit zwei oder drei anderen Leidensgenossen, durch das Feuer hingerichtet wurden. Sehr selten ist eine andere Hinrichtungsart für vermeintliche Hexen, über die im Jahr 1588 anlässlich eines Dreiser Prozesses der Kröver [S. 129] Pfarrer Johann detailliert berichtete: Das Lebendbegraben. Demnach hatte man Appolonia Hillen aus Dreis, Mutter mehrerer kleiner Kinder, wegen vermeintlicher Hexerei verurteilt. Der am Gerichtsverfahren beteiligte Rentmeister von Kail bat angesichts ihrer Jugend um Gnade für die Frau, die jedoch nicht gewährt wurde. Vor den versammelten Dorfgenossen und dem Gerichtspersonal führte man die Verurteilte mit einem Wagen heran. Bei der Gerichtssäule mitten im Ort warteten schon der Scharfrichter und zwei Geistliche auf sie. Der Henker hob die gefesselte Appolonia vom Wagen und setzte sie auf einen Stein, wo sie erste Instruktionen durch die Geistlichen erhielt. Alsdann wurde sie vom Henker mit dem Rücken gegen die Gerichtssäule gesetzt und man las ihr die einzelnen Anklagepunkte vor, deren Inhalt sie bestätigen und ihr Geständnis wiederholen musste. Unter der Linde, dem Gerichtsbaum, versammelten sich danach die Schöffen, man sprach das bereits gefasste Todesurteil aus, der Schultheiß brach den Gerichtsstab über der Angeklagten. Danach machte sich die ganze Versammlung auf den Weg zum so genannten Echsenbüel, dem Galgenplatz, wo bereits zuvor der Scharfrichter ein tiefes Grab ausgehoben hatte. Vor dem Ortspfarrer legte die Angeklagte auf den Knien ihre Beichte ab, während der Henker einige Dornenbüsche sowie Rasenstücke zum offenen Grab trug und die eigentliche Urteilsvollstreckung vorbereitete. Nachdem die gesamte [S. 130] Gemeinde noch einige Fürbitten für die Verurteilte gebetet hatte, führte der Scharfrichter Appolonia zum Grab, stellte sie hinein und entkleidete sie. Offensichtlich hatte aber selbst der Henker Mitleid mit der jungen Frau, er bat den Schultheißen von Echternach um die Gnade, die Delinquentin vorher erdrosseln zu dürfen. Dies wurde gewährt und vom Scharfrichter mithilfe einer Schnur durchgeführt. Auf die Tote wurden zuerst die Dornenbüsche gelegt, dann das Grab zugeschaufelt und mit Rasenstücken bedeckt.

Alle Dorfgenossen, besonders aber die Mitglieder der Gemeindeversammlung waren verpflichtet, solchen und ähnlichen Hinrichtungen beizuwohnen. Nicht selten schlossen dabei die Bauern einen engen Ring um den Scheiterhaufen. Es war nicht geraten, ohne guten Grund und ohne offizielle Entschuldigung diesem Schauspiel fernzubleiben; dies konnte als berechtigte Furcht vor einer Besagung ausgelegt werden; denn vor der Hinrichtung wurde das Geständnis der Verurteilten sowie die Liste ihrer angeblichen Komplizen verlesen. Dabei konnte mancher unter den Zuschauern jetzt öffentlich als Hexer bezichtigt, quasi enttarnt werden. Über die verlesenen Bekentnisse fanden aber auch die darin enthaltenen detaillierten Beschreibungen des Hexensabbats und des Schadenzauber Eingang in die Gedankenwelt der Umstehenden.

Nicht nur während, auch vor einer Hinrichtung behielten sich die Dorfgenossen sorgfältig im Auge. Allzu große Neugier an den Geschehnissen auf dem Galgenplatz verbot sich allerdings. Vor einer Hinrichtung in Salmrohr musste der Büttel eine Frau mit Gewalt verjagen, nachdem sie mehrmals versucht hatte, die Hinrichtungsstätte zu erklettern, um einen Blick in die bereits aufgebaute Verbrennungshütte zu werfen. Unglücklicherweise hatte der Henker wenig später erstaunliche Schwierigkeiten, das Feuer zu entzünden und die in der Hütte angebundenen Verurteilten hinzurichten. Wütend behauptete er, es habe sich zuvor eine Hexe daran zu schaffen gemacht, um zu verhindern, dass ihre Komplizinnen verbrannt werden konnten. Der Büttel, ein Mann aus Sehlem, zeigte auf die in der Menge stehende Frau, die zuvor soviel Interesse an der Hütte gezeigt hatte. Wenig später begegnete er ihr durch Zufall wieder auf einer Hochzeit und beschimpfte sie in aller Öffentlichkeit: Du Zeuberß lebstu noch, du soltß langh verbrandt sein. Ich will dich baldtt schlagen, du lose Zeuberß. Der Verdacht, verstärkt noch durch ihr Schweigen angesichts dieser Scheltworte, blieb an ihr hängen, sie wurde wenig später verhaftet, angeklagt und 1588 als Hexe verbrannt.

An den öffentlich verlesenen Bezichtigungen waren aber auch die Hexenausschüsse interessiert, wurden doch hier die Namen neuer Verdächtiger geliefert. So ging 1588 eigens eine Abordnung von Föhrener Gemeindemitgliedern nach Dreis, um den dortigen Hinrichtungen - vermutlich auch dem Lebendbegraben - beizuwohnen und so zu erfahren, ob hier möglicherweise Personen aus Föhren beschuldigt würden. Angesichts der großen Reisetätigkeit, die Hexenausschüsse, Henker, Schöffen und Zeugen, aber auch Beschuldigte auf der Flucht vor Prozessen entfalteten, kann es nicht wundern, dass lokale Hexenverfolgungen schnell bekannt und verbunden wurden mit anderen Verfolgungsgebieten. Auch deshalb stehen die Hexenjagden im Wittlicher Land, von denen hier nur einen kleiner Ausschnitt geboten werden konnte, keineswegs isoliert, sondern in engem Zusammenhang mit den Verfolgungen in den angrenzenden Regionen der Eifel und an der Mosel.

 

Anmerkungen

[1] Der Beitrag ist eine überarbeitete Version des Vortrages, gehalten bei der Buchpräsentation von "Hexenprozesse und Gerichtspraxis", hg. v. Herbert Eiden und Rita Voltmer, Trier 2002, am 8. August 2002 in Wittlich, Kultur- und Tagungsstätte Synagoge. - Die hier in einer ersten Auswahl genannten Hexereiverfahren im Wittlicher Land werden von der Autorin gemeinsam mit anderen einschlägigen Akten für eine kommentierte Quellenedition vorbereitet, vgl. dort auch die archivalischen Nachweise. - Erste Hinweise zu Hexereiverfahren im Wittlicher Land finden sich in:

Urkunden betreffen die Zauberer-Inquisition in dem alten Luxemburgischen. Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Luxemburg 1833.

Klaus PETRY: Zur Zeit der Hexenverfolgungen in den kurtrierischen Landen. Opfer des Hexenwahns aus Hupperath und Minderlittgen vor 400 Jahren, in: Jahrbuch für den Kreis Bernkastel-Wittlich 1989, S. 312-322.

Walter RUMMEL: Gutenberg, der Teufel und die Muttergottes von Eberhardsklausen. Erste Hexenverfolgung im Trierer Land, in: Andreas BLAUERT (Hg.): Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen, Frankfurt a.M. 1990, S.91-117.

Johannes DILLINGER: "Böse Leute". Hexenverfolgungen in Schwäbisch-Österreich und Kurtrier im Vergleich, Trier 1999, S. 191f. 200f., 310, 315, 323 u. 385.

Rita VOLTMER: Monopole, Ausschüsse, Formalparteien: Vorbereitung, Finanzierung und Manipulation von Hexenprozessen durch private Klagekonsortien, in: Herbert EIDEN / Rita VOLTMER (Hg.): Hexenprozesse und Gerichtspraxis, Trier 2002, S. 5-67, hier S. 18-21.

Klaus PETRY: Die Geschichte der Stadt vom 14. Jahrhundert bis zum Jahr 1815, Wittlich 2002, S. 62- 66.

Völlig unzureichend ist der Abschnitt: Hexenverfolgungen im Wittlicher Raum im 16./17. Jahrhundert, in: Unterrichtsmaterialien zur Geschichte der Stadt Wittlich. Geschichte Sekundarstufe I. (Pädagogisches Zentrum Rheinland-Pfalz, Bad Kreuznach, PZ-Information 7/99), Bad Kreuznach 1999, S. 34-48.

 

Empfohlene Zitierweise

Voltmer, Rita: In Wittlich des zauberei lasters hingericht. Überlegungen zu den Hexenverfolgungen im Wittlicher Land während des 16. und 17. Jahrhunderts, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/7ozyi/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 23.01.2006

Zuletzt geändert: 23.01.2006


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail