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Unkraut unter dem Weizen. Humanismus, Toleranz und Hexenverfolgung im Rheinland und in den Niederlanden.

Fachtagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AHIK), 28. Februar - 2. März 2002 in Stuttgart-Hohenheim:

Tagungsbericht von Renate Klinnert und Elisabeth Biesel

Tagungsleitung: Dieter R. Bauer (Stuttgart)

Dr. Thomas Becker (Bonn)

Prof. Dr. Sönke Lorenz (Tübingen)

Dr. Jürgen M. Schmidt (Tübingen)

Dr. Hans de Waardt (Amsterdam)

 

Vortragsübersicht:

Dr. Thomas Becker (Bonn) / Dr. Hans de Waardt (Amsterdam), Einführende Überlegungen.

Dr. Hans de Waardt (Amsterdam), Hexen, Heilkunst und Humanismus. Johan Wier, ein humanistischer Spiritualist des 16. Jahrhunderts.

Peter Arnold Heuser (Bonn), Humanistische Jurisprudenz und Hexenjustiz.

Dr. Erika Münster-Schröer (Ratingen), Hexenprozesse in Jülich-Kleve-Berg. Strafverfolgung, Kirchenreform und Humanismus im 16. Jahrhundert.

Dr. Rita Voltmer (Trier), Gelehrte Kritik, offener Widerstand und zögernde Eindämmung. Cornelius Loos, Heinrich Gaderius, Nicolaus Cusanus und die Hexenverfolgungen im Trierer und Luxemburger Land (16.-17. Jh.).

Lou Gils (Schoten) / Monika Triest (Antwerpen), Witches and tolerance in the Netherlands. A proposition with illustrations.

Dr. Thomas Becker (Bonn), Reformationsversuch und Hexereiverdacht. Rheinische Hexenverfolgung als Element konfessioneller Stabilisierung.

Anita Raith (Stuttgart), Hexenbilder im Film. Über die Problematik, die Geschichte der Hexenverfolgung zu verfilmen (mit Filmbeispielen).

Susanne Pletsch (Bonn), Das Bild der Hexe in der rheinischen Bevölkerung des 17. Jahrhunderts.

Schlussdiskussion: Humanismus, Toleranz und Hexenverfolgung im Rheinland und in den Niederlanden.

AKIH-Internes: Informationen - Anregungen – Planungen

 

Nach der informellen Runde am 28. Februar und der musikalisch von Dr. Linda Maria Koldau gestalteten Laudes am Morgen des 1. März eröffnete Dieter R. Bauer die Tagung mit der Begrüßung der etwa 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bauer dankte Dr. Hans de Waardt und Dr. Thomas Becker für die Planung und Gestaltung der Tagung. Anschließend wurde auf eine Programmänderung hingewiesen. Da der von Dr. Klaus Graf (Freiburg i. Breisgau) angekündigte Vortrag Hexenforschung im Internet aus dienstlichen Gründen entfallen müsse, könne mehr Zeit für die Schlussdiskussion gewonnen werden.

Dr. Thomas Becker (Bonn) und Dr. Hans de Waardt (Amsterdam) versuchten mit Einführenden Überlegungen die thematische Ausrichtung der Tagung einzugrenzen. Becker las das Gleichnis "Vom Unkraut unter dem Weizen" (Mt. 13, 24-30) vor. De Waardt wies darauf hin, dass dieses Gleichnis seit dem 3. Jahrhundert als Plädoyer für Toleranz zitiert werde. Um mit dem eher modernen Begriff der Toleranz arbeiten zu können, müsse dieser nach seinen verschiedenen Bedeutungsinhalten differenziert werden. De Waardt unterschied einmal Toleranz aus der Sicht des Objektes (jemandem wird geduldet) und zum zweiten aus der Sicht des Subjektes (jemand gewährt Duldung). Die moderne Bedeutung des Begriffs geht darüber hinaus. Sie beinhaltet nicht nur die Duldung anderer Meinungen und Weltanschauungen, sondern auch die Überlegung, dass diese durchaus auch richtige Aspekte beinhalten können und daher als gleichberechtigt zu behandeln sind. Im Rheinland und in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts hätten sowohl die zweite als auch die dritte Definition von Toleranz nebeneinander bestanden. Da die Späthumanisten vor allem in den Niederlanden bereits auf die moderne Definition des Begriffs zurückgegriffen hätten, hätten sie allen Konfessionen einen gewissen Wahrheitsgehalt zugestanden. Da damit die Notwendigkeit, ein Feindbild zu konstruieren, entfallen sei, sei auch der Raum, der dem Teufel innerhalb des eigenen Weltbildes eingeräumt wurde, kleiner geworden. Aufgabe der Tagung sei es, die Entwicklung des Toleranzbegriffs in Zusammenhang mit den von niederrheinischen und niederländischen Späthumanisten entwickelten Auffassungen näher zu beleuchten und nach Auswirkungen auf die Hexenverfolgungen zu suchen.

Im ersten Vortrag befasste sich Dr. Hans de Waardt (Amsterdam) mit Hexen, Heilkunst und Humanismus. Johan Wier, ein humanistischer Spiritualist des 16. Jahrhunderts. Den ersten Teil seines Vortrages widmete de Waardt der Entmythologisierung der Person Johann Weyers/Johan Wiers. So habe dieser z.B. nie einen Doktorgrad in Medizin erworben. Im Mittelpunkt des Vortrages stand das intellektuelle Klima, das Weyer zur Zeit der Abfassung der De prestigiis beeinflusste. Überraschende Einblicke ergaben sich durch die Heranziehung der Korrespondenz von Johann Weyer, wobei vor allem der Briefwechsel mit seinem Bruder Matthias, einem radikalen Spiritualisten im Mittelpunkt stand. Aus diesem Briefwechsel geht hervor, dass Johann Weyer vermutlich am klevischen Hof Kontakte zur spiritualistischen Sekte "Das Haus der Liebe" aufgenommen hatte. Aus Johann Weyers Korrespondenz lassen sich auch Kontakte zu anderen Spiritualisten folgern. In seinem Buch "De prestigiis" verbreitete Johann Weyer aber keine tpyischen spiritualisten Ideen, um der Zielsetzung des Buches, der Reinigung der medizinischen Wissenschaft von abergläubischen Vorstellungen, nicht zu schaden. Nach de Waardt stellten die mystischen Spiritualisten den intellektuellen Nährboden für die Gegner der Hexenverfolgungen bereit. Dabei bildete gerade die von den Späthumanisten geforderte Toleranz gegenüber anderen Konfessionen einen zentralen Bestandteil der Vorstellungen der Spiritualisten, mit deren Gedankengut sich Johann Weyer auseinandersetzte.

In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass Köln neben Leiden, Antwerpen, Basel und London ebenfalls ein wichtiges Zentrum der Spiritualisten war, was auch erklärt, dass Köln Druckort der deutschen Ausgabe von "De prestigiis" war. Die weitere Diskussion kreiste um die Frage, inwieweit Weyers Entlastungsstrategie für die Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden, auf geschlechtsspezifische Vorstellungen bei den Spiritualisten oder auf antikes Kaiserrecht (Ignorantia) zurückgeführt werden kann.

In seinem Vortrag Humanistische Jurisprudenz und Hexenjustiz beschäftigte sich Peter Arnold Heuser (Bonn) zuerst mit der Feststellung, dass der Forschungsstand zur späten Entwicklung des Renaissance-Humanismus, der das gesamte 16. Jahrhundert prägte, noch immer unzureichend sei. Zudem müsse der Begriff "Späthumanismus" geklärt werden. Im Bereich der Jurisprudenz stünden im 16. Jahrhundert humanistische und scholastische Strömungen neben- und gegeneinander. Besonders die humanistische Jurisprudenz des mos gallicus, die im 16. Jahrhundert v.a. an französischen Universitäten gelehrt und verbreitet wurde - das Zentrum der Reformbewegung befand sich in Bourges -, habe auch in den Niederlanden und am Niederrhein große Auswirkungen gehabt, da in dieser Zeit zunehmend gelehrte Juristen an der Strafpraxis beteiligt wurden. In der humanistischen Jurisprudenz wurde die mittelalterliche, scholastische Jurisprudenz zurückgedrängt, die scholastischen Rechtstexte unterlagen der Quellenkritik und wurden an den römischen Rechtstexten gemessen. Der Bruch mit der Autoritätengläubigkeit und die Stärkung der Kritikfähigkeit habe auch vor dem Delikt der Hexerei nicht haltgemacht. Dabei sei das Kumulativdelikt wieder in Einzeldelikte aufgelöst worden, wobei die Kritik sich vor allem auf den Hexenflug und den Hexensabbat konzentrierte. Die kritische Haltung gegenüber dem Hexensabbat hatte beachtliche prozesspraktische Folgen, da Besagungen ihren Indiziencharakter vorloren und Besagungsprozesse obsolet wurden. Da aber die römischen Rechtstexte zum Schadenszauber und zur Wahrsagerei durchaus berücksichtigt wurden, kann innerhalb der humanistischen Jurisprudenz des 16. Jahrhunderts keine Überwindung des Hexereideliktes insgesamt festgestellt werden. Die Teilkritik am Kumulativdelikt der Hexerei behinderte den Besagungsprozess und führte über einen längeren Zeitraum hinweg zur Entkriminalisierung des Hexereideliktes. Vor allem im Parlament von Paris, wo in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine starke Rezeption der Bourges-Schule erfolgte, kann man diesen Prozess der Entkriminalisierung von der Teilkritik am Hexensabbat und dem Besagungsprozess bis zur starken Skepsis gegenüber den anderen Elementen des Kumulativdeliktes beobachten. Auch für Kurköln kann Heuser belegen, dass die humanistischen Jurisprudenz rezipiert wurde. So habe die kurkölnische Juristenelite, die zum großen Teil an französischen Rechtsschulen und in Leuven ausgebildet worden war, bis zum Generationswechsel um 1600 Kritik an der Sabbatlehre und dem Besagungsprozess geübt, die Schadenszaubervorwürfe aber ernst genommen. Für die Hexenforschung könne sich ein integrativer Ansatz, der den Elitediskurs unter Gelehrten und dessen praktische Auswirkungen auf die Prozesspraxis untersucht, als fruchtbar erweisen.

In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass für einige der bereits aufgearbeiteten Regionen (z.B. Kurpfalz) durchaus Wechselwirkungen zwischen humanistisch ausgerichteten Juristen und geringer Verfolgungstätigkeit konstatiert werden können.

Dr. Erika Münster-Schröer (Ratingen) beschäftigte sich mit Hexenprozesse in Jülich-Kleve-Berg. Strafverfolgung, Kirchenreform und Humanismus im 16. Jahrhundert. Münster-Schröer forderte, die in der älteren Forschung vertretene Auffassung, dass es in den vereinigten Herzogtümern kaum Hexenverfolgungen gegeben habe und die tolerante Haltung der Landesregierung auf den Einfluss Johann Weyers zurückzuführen sei, zu korrigieren und zu differenzieren. Im Herzogtum Jülich kam es zu einer frühen, größeren Verfolgung von Hexen, vor allem in der Zeit von 1510 bis 1530, wobei mindestens 55 Frauen und 1 Mann hingerichtet wurden. Gleichzeitig wurde auch hart gegen Lutheraner und Täufer vorgegangen. Zwar habe es humanistisch ausgebildete Räte am Düsseldorfer Hof gegeben, die auch erasmianisches Gedankengut vertraten und durchaus auch Einfluss auf die Ausarbeitung von Kirchenordnungen und Visitationen ausübten, dennoch habe im politischen Handeln immer die Sorge um die Stabilität des Territoriums im Vordergrund gestanden. So lasse sich auch das harte Vorgehen gegen die Täufer und möglichen Aufruhr erklären, denn die mögliche Auflösung der Glaubenseinheit habe immer auch die Existenz der vereinigten Herzogtümer in Frage gestellt. Münster-Schröer kommt zu dem Schluss, die via media als dritter Weg zur Bewahrung von konfessioneller Vielfalt sei in Jülich-Kleve-Berg niemals politisches Ziel gewesen.
Die Diskussion wurde aus Zeitgründen auf die Abschlussdiskussion vertagt.

Dr. Rita Voltmer (Trier) stellte in den Mittelpunkt ihres Vortrages Gelehrte Kritik, offener Widerstand und zögernde Eindämmung. Cornelius Loos, Heinrich Gaderius, Nicolas Cusanus und die Hexenverfolgungen im Trierer und Luxemburger Land (16.-17. Jahrhundert) drei katholische Theologen bzw. Priester als Repräsentanten des unterschiedlichen Umgangs mit der Hexenlehre innerhalb des katholischen Lagers vor. Beachtung fand dabei besonders, ob und in welcher Form in der verfolgungskritischen Argumentation auf das einschlägige "Unkraut unter dem Weizen"-Gleichnis zurückgegriffen wurde. Alle drei Vertreter waren mit den schweren Hexenverfolgungen im Trierer, Eifeler und Luxemburger Land in Kontakt gekommen. Bei Cornelius Loos, der in Löwen studiert hatte, lassen sich anhand der in De vera et falsa magia vertretenen Kritik am Hexenglauben und den Verfolgungen möglicherweise die Wirkung erasmianischer Ideen feststellen, jeodch folgte Loos in seiner rigorosen Ablehnung des Protestantismus ganz sicher nicht den Spuren erasmianischen Reformkatholizismus. Für ihn stellte der Hexenglaube ebenso wie die neuen Religionen Werkzeuge des Bösen dar. Vermutlich war Loos während seines Studiums in Löwen mit den Lehren des Humanisten Michael Bajus in Kontakt gekommen. Auch Loos löste sich in der De vera et falsa magia von postpatristischen scholastischen Tradition und ließ als Autoritäten nur mehr Bibel und Kirchenväter gelten. Er verneinte den Wahrheitsgehalt von Besagungen und wandte sich vehement gegen den Einsatz der Folter. Obwohl Loos die Schrift Weyers kannte, vermied er in seiner Argumentation den Hinweis auf das Gleichnis "Vom Unkraut unter dem Weizen", vermutlich weil er fürchtete, damit in die Nähe der protestantischen Kritik an den Hexenverfolgungen gerückt zu werden. Mit der Begründung, die Verbreitung der Schrift von Loos könne eine neue Spaltung der Kirche hervorrufen, wurde Loos in Trier zum Widerruf gezwungen.

Auch der aus einer wohlhabenden Familie stammende Gaderius, der in dem luxemburgischen Dorf Elter als Pfarrer fungierte, hatte in Löwen ein Theologiestudium abgeschloßen. Im Jahre 1616 gelang es Gaderius, sich in einem Verleumdungsprozess von Hexereibeschuldigungen zu reinigen, die der Amtmann Britt gegen ihn erhoben hatte. Als Verteidigungsstrategie unterstellte Gaderius ihm schwere Verfahrensfehler und Rechtsbrüche in den zahlreichen, von Britt durchgeführten Hexenprozessen. Aufgrund der Zeugenaussagen lässt sich rekonstruieren, dass Gaderius die Predigt zum Gleichnis "Vom Unkraut unter dem Weizen" genutzt hatte, um die Gläubigen zur Vorsicht vor übereilten Hexereibeschuldigungen und Zeugenaussagen zu mahnen. Gerade diese Predigt hatte offenbar seinem Gegner veranlasst, Gaderius protestantische Neigungen zu unterstellen und ihn als Beschützer der Hexen und Hexenkönig zu diffamieren. Auch Gaderius mag durch sein Studium in Löwen zu einer verfolgungskritischen Sicht gekommen zu sein.

Der in Kues geborene Nicolaus Cusanus war zur Zeit der großen Hexenverfolgungen in der Reichsabtei St. Maximin als Lehrer tätig. Nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden 1601 wurde er 1604 vom Trierer Erzbischof zum Volksmissionar für Luxemburg und Trier ernannt. Seine auf der Basis seiner Tätigkeit als Missionar und Visitator verfasste "Christliche Zuchtschul" wurde zu einem Bestseller. In seinem Werk lassen sich keine Zweifel an Teufelspakt, -buhlschaft, Hexensabbat, Hexenflug oder Schadenzauber ausmachen, allerdings äußerte Cusanus starke Kritik an den Hexereiverfahren, wobei die Entstehung von Hexereibeschuldigungen, Besagungen und die Anwendung der Folter im Mittelpunkt standen. Dem reumütigen Sünder solle - auch bei Zauberei - die Rückkehr in den Schoß der Kirche ermöglicht werden, denn Gott sei mächtiger als der Teufel. Ausdrücklich stützte sich Cusanus in dieser mäßigenden Haltung ausgerechnet auf den Verfolgungsbefürworter Peter Binsfeld, nicht auf das einschlägige Gleichnis. Die von Cusanus nur vorsichtig geäußerte Kritik spiegelt einen verfolgungskritischen Diskurs innerhalb des Jesuitenordens wider; nur wenige später machte sein Ordensbruder Adam Tanner das Gleichnis "Vom Unkraut unter dem Weizen" für die katholische Seite wieder zitierfähig.

In der Diskussion wurde noch einmal ausführlich auf die außergewöhnlichen Umstände der Verfolgungen im Trierer und Luxemburger Land eingegangen, wo das Hexenstereotyp mit der Hinrichtung von wohlhabenden Frauen und Männern aus den dörflichen und städtischen Führungsschichten schon zu Beginn der Hexenjagden durchbrochen wurde. Außergewöhnlich waren auch die Hexereibeschuldigung gegen hohe Mitglieder des Klerus. Dabei wurde die Rolle des päpstlichen Nuntius Frangipani betont, der vielleicht vom Trierer Weihbischof und Dämonologen Binsfeld über die Schrift des Cornelius Loos und die Trierer Vorgänge unterrichtet worden war. Die Kurie befürchtete überdies, innerhalb des Trierer Domkapitels säßen Hexenmeister und angesichts der Hinfälligkeit des amtierenden Erzbischofs bestünde so die Gefahr, daß Teufelsdiener einen der ihren auf den freiwerdenen Bischofsstuhl wählten.

Monika Triest (Antwerpen) und Lou Gils (Schoten) beschäftigten sich in ihrem Beitrag Witches and tolerance in the Netherlands. A proposition with illustrations mit der Macht der Bilder. Ausgehend von der These, die südlichen Niederlande seien in der ersten Häfte des 16. Jahrhunderts aufgrund ihres spezifischen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umfeldes toleranter als andere europäische Regionen gewesen, sollte anhand von Bildmaterial, in der Hauptsache von illustrierten Flugblättern, überprüft werden, ob sich diese tolerante Haltung auch in der Bildsprache niedergeschlagen habe. Dabei gingen die Referenten in ihren theoretischen Überlegungen davon aus, dass die Möglichkeit, politische und religiöse Konflikte mit Ironie und Sarkasmus darzustellen, einen Lösungsmechanismus für diese Konflikte beeinhalte, und dass in einem toleranten kulturellen Klima potentielle Konflikte gewaltfreier ausgetragen werden könnten. Bei ihrer Suche nach auf Bildmaterial dargestellter Toleranz machten die Referenten eine Vielzahl von zeitgenössischen Illustrationen zu Hexerei, Teufelsdarstellungen usw. aus, die allerdings zum Teil in das Programm der Bildpolemik der Protestanten gegen die katholische Kirche und das Papsttum gehören. Einen besonderen Stellenwert nahmen illustrierte Flugblätter ein, da hier die Illustration z.T. variabel genutzt und mit einem neuen Text kombiniert werden konnten. Entgegen ihren Erwartungen kamen Triest und Gils zu dem Schluss, dass, obwohl etwa der Drucker Plantijn auch verbotene Flugblätter gedruckt habe, für die Niederlande keine größere Toleranz auf dem zeitgenössischen Bildmaterial zu finden war als anderswo.
Die Diskussion kreiste um die Frage der Interpretation von Bildern. Es wurde darauf hingewiesen, dass gerade Flugblätter nur zusammen mit dem zugehörigen Text gesehen werden können. Es sei durchaus legitim, in der Bildsprache nach Toleranz und Ironie zu suchen, sofern dies nach kunstgeschichtlichen Methoden erfolge, allerdings müsse die Funktion der Bilder, die weit über die reine Illustration hinausgehe, stärker berücksichtigt werden.

Dr. Thomas Becker (Bonn) befasste sich in seinem Vortrag Reformationsversuch und Hexereiverdacht. Rheinische Hexenverfolgung als Element konfessioneller Stabilisierung mit Kurköln im 16. und 17. Jahrhundert. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sei in Kurköln keine direkte Einwirkung der erasmianischen via media-Theologie spürbar gewesen. Allerdings habe Erzbischof Hermann von Wied sich ab 1536 um eine religionspolitische Einigung auf Reichsebene bemüht. Nach deren Scheitern holte Hermann von Wied Martin Butzer und Philipp Melanchthon nach Bonn, um eine neue kurkölnische Kirchenreform auszuarbeiten. Als der Erzbischof 1543 die Kirchenordnung, die weit über eine Kirchenreform hinausging, den Landständen vorlegte, machte er diese nicht als Landesrecht verbindlich. Durch Überzeugungsarbeit gelang es ihm, einige Mitglieder der Ständeversammlung für die rheinische Reformation zu gewinnen. Die Folge war ein tolerantes Nebeneinander der verschiedenen Konfessionen im Kurstaat, die durch den Sieg des Kaisers im Schmalkaldischen Krieg 1547 beendet wurde. Aber auch im Umgang mit den Täufern, die in den 1560er Jahren vor allem in der Kölnischen Bucht beachtliche Missionierungserfolge aufzuweisen hatten, und den Calvinisten zeichnete sich bis in die 1570er Jahre ein eher tolerantes Nebeneinander der unterschiedlichen Konfessionen ab. Erst mit der sich verfestigenden Konfessionalisierung kam es auch vor Ort immer häufiger zu Konflikten. Becker spricht von der "rheinischen" Lösung der Religionskonflikte: Solange das Recht der Katholiken nicht geschmälert wurde, ließ man die Anhänger der übrigen Konfessionen in Frieden. Kam es zu religiösen Konflikten, dann wurden diejenigen, die auf ihrer "Ketzerei" beharrten, ausgewiesen. Erst der Sieg der katholischen Partei im Kölner Bistumskrieg 1587 setzte dem konfessionellen Nebeneinander ein Ende.

Zu den Hexenverfolgungen in Kurköln von 1628 bis 1632 ergibt sich nach Becker nur ein indirekter Zusammenhang. Es handele sich eindeutig nicht um verkappte Verfolgungen von Protestanten. Allerdings seien von den Hexenverfolgungen in der Hauptsache die Orte betroffen gewesen, in denen die Reformation im 16. Jahrhundert hatte Fuß fassen können. Dies gelte mit Ausnahme von Neuss für Bonn, Andernach, Kempten, Linz sowie für die kleinen Landstädtchen und Dörfer um Bonn. Im Niederstift habe es fast keine Hexenverfolgungen gegeben, hier hätten auch keine konfessionellen Auseinandersetzungen stattgefunden. Als mögliche Erklärung vermutete Becker, dass die Loyalitätsbrüche durch versteckte Anhänger der Reformation, die zuerst unentdeckt in den Orten gelebt hatten, im kollektiven Gedächtnis geblieben waren und ein Misstrauen gegenüber möglichen Verschwörern schürten.

Die Diskussion kreiste weiter um die von Becker aufgestellte These, wobei erörtert wurde, ob die anfänglich geübte Toleranz in Religionsangelegenheiten auf die Überzeugung, dass auch andere Konfessionen eine Existenzberechtigung hätten, oder eher auf eine gleichgültige Haltung in Bezug auf Religionsfragen in der Bevölkerung zurückzuführen sei. Dabei spielte auch die Frage der Verfolgungsbegehren von unten und die Rolle der Hexenkommissare, die in der Regel auf Anfrage tätig wurden, eine Rolle.

Am Abend präsentierte Anita Raith (Stuttgart) Hexenbilder im Film. Über die Problematik, die Geschichte der Hexenverfolgung zu verfilmen (mit Filmbeispielen). Die Aufbereitung von Geschichte in Film und Fernsehen geschehe meist nicht durch Historiker, sondern durch Filmemacher, wobei Historiker durchaus als wissenschaftliche Berater und Interviewpartner tätig werden. Dies war bei allen fünf ausgewählten Filmbeispielen, die jeweils 15 min. gezeigt wurden, der Fall. Die Beispiele sollten einen kleinen Überblick über die Entwicklung der Auseinandersetzung mit den Hexenverfolgungen im Film bieten. Bereits 1905 beschäftigte sich ein Kurzfilm (In the days of Witchcraft) mit dem Phänomen der Hexerei. Der erste gezeigte Ausschnitt stammte aus dem schwedischen Film Häxan (Die Hexen), einem 1922 entstandenen Stummfilm in drei Teilen, der 1969 für das Fernsehen aufbereitet wurde. Dieser expressionistische Film ist eine Mischform aus Spiel- und Dokumentarfilm, der vor allem wegen seinen düster burlesken Visionen die Zuschauer fesselte. Der gezeigte Ausschnitt handelte u.a. vom "liebestollen Mönch", der durch die Einnahme eines Zaubertranks alle Hemmungen fallen lässt. Der zweite gezeigte Film war die 1969 in der CSSR entstandene Romanverfilmung Hexenjagd, die auf den Gerichtsprotokollen der letzten Hexenverfolgungen in Böhmen basiert. Der Ausschnitt zeigte, wie eine magische Praxis (Hostiendiebstahl) in eine Hexereibeschuldigung mündete. Hier wurde bewußt das Genre des Spielfilms eingesetzt, um starke Gefühle nacherlebbar zu machen. In den folgenden Beispielen wurde von den Filmemachern ein stärkeres Gewicht auf die analytischen Elemente gelegt. Im dritten Filmbeispiel, dem Dokumentarspiel Der Hexenprozess der Kepplermutter, der 1990 nach den Prozessakten entstand, ist eine akribische historische Rekonstruktion des Prozessgeschehens beabsichtigt. Beim gezeigten Ausschnitt handelte es sich um die zweite Szene, eine Gerichtsszene, die im August 1620 in Leonberg spielt. Beim vierten Fallbeispiel Die Hexenjäger von Trier wurde Dokumentarmaterial mit Spielszenen und Interviews mit Fachhistorikern (Prof. Dr. F. Irsigler, Dr. Rita Voltmer) gemischt. Ein konkretes Fallbeispiel (Christ Meyer aus Riol) und der Besuch von Heinrich Institoris in Ediger-Eller dienten als Aufhänger. Der im Jahr 2000 entstandene Unterrichtsfilm Hexenwahn und Hexenprozesse, der ab dem 6. Schuljahr gezeigt werden kann, enthielt Bilddokumente, die nicht immer richtig zugeordnet waren, und Spielfilmszenen (Film über Friedrich Spee und Katharina Henot). Anhand der Spielszenen sollte für die Schülerinnen und Schülern nachvollziehbar gemacht werden, wie eine junge Frau (Katharina Henot aus Köln) in den Verdacht der Hexerei geriet und wie gefährlich die Kritik an den Hexenverfolgungen für die Kritiker werden konnte (Friedrich Spee). Diesem didaktischen Anspruch konnte der Film allerdings kaum gerecht werden. In der Abschlussdiskussion wurde gefordert, einen neuen Unterrichtsfilm, der dem neuen Forschungsstand entspreche, zu erstellen.
Im zweiten Teil der Tagung, der wie in jedem Jahr der Präsentation neuerer Forschungsarbeiten vorbehalten war, stellte Susanne Pletsch (Bonn) Das Bild der Hexe in der rheinischen Bevölkerung des 17. Jahrhunderts aus volkskundlicher Sicht vor. Pletschs Interesse gilt nicht den bereits gut erforschten Hexereiverfahren, sondern den gelehrten und volksnahen Vorstellungen von Hexen und dem Teufel. Dabei wurden insgesamt 45 Hexenprozesse zugrundegelegt, die in den 1630er Jahren im rheinischen Raum als einem Kulturraum (ohne Berücksichtigung der territorialen Grenzen) geführt wurden. Zuerst wurden das in den Geständnissen entworfene Teufelsbild, dann das Bild der Hexen in den Blick genommen und jeweils mit den im Hexenhammer vertretenen Vorstellungen verglichen. Pletsch kam zu dem Ergebnis, dass die rheinische Hexe "mildere Züge" trage und die von ihr verübten Verbrechen geringfügiger waren als beim von Institoris im Hexenhammer entworfenen Bild der Hexe. Im Bereich der Sabbatbeschreibungen wichen die von den Angeklagten entworfenen Vorstellungen am meisten von der dämonologischen Lehre ab. Pletsch konstatierte, dass es in den Rheinlanden keine einheitliche Vorstellung vom Hexenflug gegeben habe. Die angeblichen Hexen hätten lediglich regionale Tanzplätze aufgesucht, die sich in Köln in Gebäuden befunden hätten. Die Zahl der Teilnehmer am Hexentanz variierte, eine soziale Hierarchie war auch beim Hexentanz erkennbar. Angeführt wurde die Gesellschaft von den Prinzipalen oder Königen. Beim in den Rheinlanden beschriebenen Hexensabbat gab es kein Homagium an den Teufelsbock, orgiastische Szenen und schwarze Messen fehlten. Die Beschreibungen des Hexentanzes ähnelten mehr dörflichen Festen wie etwa den Holzfahrtagen. Explizite dämonologische Vorstellungen wurden in den Geständnissen nicht thematisiert.

In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass die Verhörsituation berücksichtigt werden muss. Die Frage, welche Elemente ohne Folter oder unter der Tortur gestanden wurden, oder ob mit Hilfe einer Interrogatoria bestimmte Elemente des Hexenglaubens abgefragt wurden, muss auch bei der Analyse von Vorstellungswelten berücksichtigt werden. Um sich den volksnahen Erzähltraditionen zu nähern, müßten unter Umständen neben Verhörprotokollen auch andere Quellen wie etwa Sagen herangezogen werden.

Die Abschlussdiskussion wurde durch eine von Renate Klinnert (Düsseldorf) vorgestellte Zusammenfassung der sich aus den Vorträgen zu Humanismus, Toleranz und Hexenverfolgung im Rheinland und in den Niederlanden ergebenden großen thematischen Linien eingeleitet. Dabei wurde der auf der Tagung untersuchte Raum als niederrheinischer Kulturraum verstanden, da die einzelnen Territorien durch enge wirtschaftliche, politische und kulturelle Kontakte miteinander verbunden waren. Gerade in diesem Gebiet sei in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts späthumanistisches Gedankengut weit verbreitet gewesen. In den einzelnen Vorträgen wurden immer wieder Netzwerke von Personen, die sich gegenseitig unterstützten, sich theoretische austauschten und familiäre Verbindungen eingingen, ausfindig gemacht. Dabei ist einmal das von Erasmus selbst noch aufgebaute Netzwerk seine Freunde und Schüler zu nennen, dann verschiedene humanistisch geprägte Netzwerke wie das der Spiritualisten, der Juristen, die der Rechtsschule von Bourges nahestanden, das der Hofärzte, der humanistisch gesinnten Drucker und nicht zuletzt von Hexenverfolgungsgegnern. Bei der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Toleranz zeigte sich, dass der moderne Begriffsinhalt im 16. Jahrhundert noch nicht voll greift und der Toleranzbegriff daher erst einmal für diese Zeit definiert werden muß. Für die Auseinandersetzung um Toleranz im Umgang mit dem Hexenwesen wurde das Gleichnis "Vom Unkraut unter dem Weizen" wichtig, das sich nach Weyers Auslegung als problematisch für die katholische Seite erweisen sollte. Die Frage, ob die humanistische Forderung nach Toleranz tatsächlich Auswirkungen auf die Hexenverfolgungspraxis und den Umgang mit den Täufern und anderen Konfessionen gehabt habe, wurde kontrovers diskutiert.

Unter dem Punkt AHIK-Internes wurde über den Stand der Publikationen des AHIK berichtet und die Planung der zukünftigen Tagungen in Angriff genommen:

1. Im Laufe des Jahres sollen drei Bände der Reihe erscheinen (Geschlecht, Magie und Hexenverfolgung; Dämonische Besessenheit; Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, eine Neuauflage des Karlsruher Ausstellungskataologes)

2. Tagungen

- Herbsttagung vom 3.-6. Oktober 2002 in Weingarten: Staatsbildung und Hexenprozeß, organisiert von Dr. Johannes Dillinger / Dr. Jürgen M. Schmidt

- 27.02.-01.03.2003 Hohenheim: Berichte aus dem DFG-Projekt zu Juristenfakultäten, Bericht über afrikanische Hexerei, Bericht über Wirkung von Drogen

Vorschläge für künftige Tagungen:

- a. Interdisziplinäre Analyse von Geständnissen, magischen Vorstellungen, Alltagsrealität, Realien in den Prozessen, Abwehrmechanismen gegen Hexerei

- organisiert von Prof. Dr. Heide Dienst

- b. Theologische Konzepte von Hexerei, Umgang mit den Hexenverfolgungen

- c. Sexualisierungen im Hexenhammer, Kriminalisierung von Sexualität

- d. Hexenproben

- e. Werwölfe, Tierverwandlungen und Alltagsmagie, organisiert von Dr. Willem de Blécourt und Prof. Dr. Wolfgang Schild

3. Internet (Dr. Jürgen M. Schmidt)

- unter www.hexenforschung.de wird demnächst die von Dr. Klaus Graf neugestaltete Homepage der Mailingliste Hexenforschung und des AHIK zu erreichen sein

- von dort aus können dann auch die Homepages des AHIK, des SFN und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart erreicht werden

- Hinweis auf die Mailingliste Hexenforschung und das Archiv der Liste, in dem jetzt auch eine Stichwortsuche möglich ist

 

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth/Klinnert, Renate: Unkraut unter dem Weizen. Humanismus, Toleranz und Hexenverfolgung im Rheinland und in den Niederlanden. Fachtagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AHIK), 28. Februar - 2. März 2002 in Stuttgart-Hohenheim, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/e7zxt/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 20.01.2006

Zuletzt geändert: 20.01.2006


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