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Tagungsbericht: Grenzüberschreitungen – Magieglaube und Hexenverfolgung als Kulturtransfer

Nikolas Schröder

3. November 2010

Unter dem Titel „Grenzüberschreitungen – Magieglaube und Hexenverfolgung als Kulturtransfer“ fand unter der Leitung von Prof. Dr. Gudrun Gersmann (Deutsches Historisches Institut Paris), Dr. Jürgen-Michael Schmidt (Universität Tübingen) und Dr. Katrin Moeller (Universität Halle – Wittenberg) vom 19. – 21. Mai 2010 in Paris eine Konferenz statt, die neue Perspektiven der Hexenforschung diskutierte. Schwerpunkte bildeten dabei Konzeptionen des Magieglaubens und Transferleistungen in räumlicher und wissensgeschichtlicher Perspektive.

Den einführenden Vortrag hielt CHARLES ZIKA unter dem Titel „Bilder der Hexe von Endor im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert“. Zika untersucht den signifikanten Wechsel der visuellen Repräsentation anhand der Hexe von Endor, mit ihren Grenzüberschreitungen zwischen Leben und Tod sowie Gegenwart und Zukunft. Er weist dabei nach, wie sich das Bild der Hexe von Endor zu einem allgemeinen visuellen Medium entwickelte und die Figur über die limitierten Grenzen der Bibel heraushob. Das Überqueren der biblischen Grenze beeinflusste maßgeblich europäische Künstler, die mit den Darstellungen der Hexe von Endor einen generellen visuellen Code für die Repräsentation von Hexerei kreierten. Der Teufelspakt und das Brauen von Tränken definieren dabei nicht mehr Zauberei, sondern werden durch das Modell der Hexe von Endor ersetzt, welche die Geister und den Tod durch Anrufung beschwört. Zika untersuchte außerdem die politischen und intellektuellen Hintergründe, die für die gesellschaftliche Akzeptanz des neuen visuellen Codes unabdingbar waren, auch über räumliche, linguistische und konfessionelle Grenzen hinaus.

KATRIN MOELLER leitete in das Thema zur „Laien- und Gelehrtenkultur“ oder Dämonologie der Subjekte ein. Dabei schlägt Moeller eine Korrektur, Erweiterung und Differenzierung der Gegenstandsbestimmung der Hexenforschung vor. Ziel sollte es sein, von der Konzentration auf den elaborierten Hexereibegriff zu einem weiteren Magiebegriff und Erklärungsansatz zu kommen. Es geht Moeller vor allem um die unterschiedlichen Konzeptionen des Magieglaubens, deren dynamische Elemente zudem nicht zwangsläufig einem festen Kanon folgen mussten. Weiterhin machte sie aufmerksam, dass die Hexenverfolger Magieprotagonisten waren, deren Sichtweise – repräsentiert in den weitgehend zur Verfügung stehenden Quellen –, ein Extrem des Meinungsbildungsprozesses repräsentierten. Insgesamt schlägt Moeller vor, subjektorientierte Konzeptionen von Magie in den Mittelpunkt zu rücken und Subkosmen zu analysieren, um so Dynamik von räumlichen, begrifflichen und sozialen Transformationsprozessen sichtbarer zu machen.

Diesen Ansatz greift JÜRGEN MICHAEL SCHMIDT anhand von räumlichen Transfers auf. Er betonte, dass sich die Konferenz besonders den Grenzüberschreitungen im Sinne von Rezeptionsströmen und Netzwerken widmen wolle. Dabei könnte der identifizierte, soziale Raum von ähnlichen Magiekonzeptionen und seine Überschreitung zur Präzisierung unseres Wissens über die Reichweite des Magieglaubens dienen. Vergleichende Studien im Sinn der bisher üblichen Regional- und Mikrostudien finden hier weiterhin Platz, müssen sich aber zwangsläufig einer thematischen wie inhaltlichen Neufassung von Forschungskonzeptionen stellen.
Kritisch beschreibt Schmidt die mangelnden Untersuchungen zu Glaubens- und Magievorstellungen jenseits von Hexenprozessen, die oft nur unzureichend oder gar nicht durchgeführt werden, wodurch der Hexenprozess kaum mit Magievorstellungen in Verbindung gesetzt werde. Ebenso kritisch sieht Schmidt die eigenen Grenzvorstellungen mit der die Forscher Hexereidelikte in moderne geographische Grenzen verorten, daher fordert Schmidt gezielte Regionale- und Mikrostudien mit unterschiedlichen thematischen Zugriffen, deren Ergebnisse ein Gesamtbild vermitteln und perspektivisch nicht nur ein Element der Hexenforschung untersuchen.

MICHAEL D. BAILEY untersuchte die wissensgeschichtliche Übertragung der Superstitionskritik anhand von Traktaten im spätmittelalterlichen Alten Reich unter dem Titel „Von Politik zur Seelsorge“. Bailey argumentiert, dass diese Traktate in Verbindung zu früheren, am französischen Hof aufkommenden Traktaten des späten 14. Jahrhunderts standen. Die Superstitionskritik zielte vor allem im höfischen Kontext auf elitäre Praktiken der Astrologie und gelehrten Magie. Im 15. Jahrhundert lässt sich hier ein Transformationsprozess konstatieren: Ehemals elitäre Praktiken wichen jetzt einer breiteren Palette von volksmagischen Praktiken wie Besprechungen, Heilungsriten und Weissagungen. Diese Entwicklung bilden neue Zielrichtungen der kirchlichen Kritik auf magische Praktiken ab, da Traktate nun sowohl auf die Instruktion des Gemeindeklerus als auch der Laien zielten, um auf die Gefahren der Magiepraxis als Unglauben aufmerksam zu machen.

Das baskische Hexenwesen wurde durch IRIS GAREIS untersucht, die neue Archivmaterialien zur Hexenpanik von Zurgarramurdi auswertete. Nach der Verurteilung und Hinrichtung einer größeren Anzahl von Hexen im französischen Baskenland, brach unter den spanischen Basken eine regelrechte Hexenpanik aus. Gareis untersucht zum einen die Rolle der Hexenverfolgung bei der Entstehung grenzüberschreitender stereotyper Vorstellungen über das baskischen Hexenwesen, zum anderen die Verflechtungen und gegenseitigen Beeinflussungen gelehrter und populärer Diskurse über die baskischen Hexen. Das in diesen Austauschprozessen entstandene Hexenbild wurde in zahlreichen zeitgenössischen Publikationen weiterverbreitet.

Darauf folgte ein Vergleich des deutsch- und französischsprachigen Lothringen von WILLIAM MONTER der die kulturellen Unterschiede und Transfers über Hexenvorstellungen untersuchte. Ausgehen kann Monter dabei von der lückenlosen Prozessüberlieferung, die besonders aus den frankophonen – und mittlerweile bereits besser erschlossenen – Gebieten überliefert sind. Die Hexenverfolgung der Region lässt sich zudem mit den Wahrnehmungen und Interpretationen des lokal ansässigen Dämonologen Nicolas Remy kontrastieren, der in viele Hexenprozesse eingebunden war. Anhand von Fiskalakten konzentriert sich Monter sich auf die Kulturgeschichte dieser Projektionen. Anhand der „Demonolatry“ identifiziert er dabei spezifisch deutsche Elemente des Verfolgungsparadigmas. Dazu entwirft er das „McDonalds-Paradigma“. Aufbauend auf einem Grundmenü, das sich im französischen und deutschen Lothringen nachweisen lässt, entwickelten sich signifikante regional verschiedene Varianten, die Imaginationsformen adaptierten und so unterschiedliche Interpretationsweisen des Hexenthemas in den beiden Sprachgebieten hervorbrachte.

Im gleichen geographischen Kontext, aber mit unterschiedlichem Ansatz und differenzierter Methodik untersuchte MARYSE SIMON anhand der reichhaltigen Archivmaterialien den Hexen – und Magieglauben in Lothringen. Dabei sieht Simon schon in der Variation der Bezeichnung für Häretiker die Grundlage für eine vielschichtige und mehrdeutige Glaubensvorstellung, die sich auch im Hexenverbrechen äußert. Daher untersucht Simon die verschiedenen Begriffe, die Magietaten bezeichnen und stellt dabei fest, dass diese meist die Praktiken oder die Akteure selbst bezeichnen. Auf diese Weise kennzeichnet Simon die Vielfalt der Magiekonzeptionen, die sich aus dem unterschiedlichen sozialen Status der Akteure, ihrer Herkunft aus verschiedenen Lebenswelten und lokalen Gesellschaften ergeben. Linguistische Analysen bieten so eine Rekonstruktionsmöglichkeit zur inhaltlichen Bestimmung von Magie und Hexerei die durch unterschiedliche Kulturtransfers und Einflüsse in differenzierten Ideen und Vorstellungen münden.

GEORG MODESTIN stellte die weltlichen Hexereiverfahren anhand der Westschweiz im 15.- und 16. Jahrhundert dar. Die weltlichen Prozesse belegen, dass die klerikalen Vorstellungen durch öffentliche Predigten, weltliche Beisitzer und „herrschaftliches Nachspiel“ zum neu aufgekommenen Hexereidelikt durchaus in die weltliche Sphäre dringen konnten. Wie bei Monter sind die zentralen Quellen für Modestin Finanzakten. Vereinzelt erhaltene Quellen legen die Vermutung nahe, dass die weltlichen Herrschaftsinhaber ihre Gerichtsrechte dadurch demonstrierten, dass sie die von den kirchlichen Glaubensrichtern verurteilten Hexer und Hexen einem zweiten, weltlichen Verfahren unterwarfen, das jedoch die häretischen Qualifikationen der Angeklagten vom Inquisitor übernahmen.

Die weltlichen Hexereiverfahren werden ebenso von MANFRED TSCHAIKNER untersucht. Tschaikner beschreibt die Bedeutung der Verfolgung von so genannten landschädlichen Leuten für die Übernahme des gelehrten Hexenstereotyps durch die regionalen Gerichte an Alpenrhein und Bodensee. Im Gefolge der damals geführten Prozesse mussten unter der Folter erzielte Geständnisse bald allgemein als ausreichende Grundlagen der Urteilsfindung akzeptiert werden. Durch die Öffnung gegenüber modernen Prinzipien der Verobjektierung wie den sachlichen Beweisen und Geständnissen der Angeklagten versuchte die regionale Führungsschicht vergeblich den Nachweis dafür zu erbringen, dass neue gerichtliche Strategien den Schutz der vitalen gesellschaftlichen Interessen auf eine vermeintlich viel gründlichere Art ermöglichten.

LIONEL OBADIA erforschte anhand von ethnografischen Quellen – zwischen 1990 und 2000 zusammengetragen – die nepalesische Hexerei. Im Zentrum steht dabei eine vergleichende Analyse der Deutung von Hexerei in verschiedenen Kulturen. Hexerei manifestiert sich zumeist durch den gerichtlichen Prozess. Im Kontext des Alltags existiert dagegen ein sehr heterogenes und vielschichtiges Geflecht von Deutungen, welches nicht ausschließlich auf magische Projektionen rekurriert. Die nördliche Bergregion Nepals lässt sich als multikulturelles und -religiöses Mosaik bezeichnen. Außerdem ist die Region in eine vielschichtige Geographie der kulturellen Verschiedenheit eingebettet, hervorgerufen durch westlichen Orientalismus und lokale weltanschauliche Systeme. Erklärung und Erscheinung von Hexerei unterscheidet sich von anderen Formen magischer Imagination bspw. des Schamanismus. Letzterer wirkt als Hexenfinder und gilt als Entscheidungsinstanz über die Einordnung von weißer und schwarzer Magie. Der „Bhoksi“ (Hexer) ergibt sich in einem klassischen Attributionsprozess von sozial ungleichen Streitpartnern. Die religiöse Deutung von Hexerei ermöglicht darüber Konfliktaustragung über soziale fest gefügte Grenzen (Geschlecht, Ethnie, Sozialstruktur) hinweg. Sie macht damit Unverfügbares verfügbar.

TILMANN WALTER eröffnete den zweiten Teil der Konferenz unter dem Sektionstitel „Laien- und Gelehrtenkultur oder Dämonologien der Subjekte“ und analysierte Einstellungen zu Zauberei und Hexerei hauptsächlich anhand von Briefen des medizinischen Diskurses. Springender Punkt bei der dort allfällig zu beobachtenden Abgrenzung von „schwarzer“ Magie war das von den Theologen unterstellte Bündnis der Hexen mit dem Teufel. Anhand der Ärztekorrespondenzen lässt sich zeigen, dass das Wissen von volkstümlichen „Empirikern“, „Wurzelschneidern“ oder der sprichwörtlichen alten Weiber den Gelehrten vielfach als Basis ihrer Behandlungen und Abhandlungen diente. Grund dafür war, dass den Ärzten exklusive Verfahren der Produktion von Wissen über die Natur nicht oder nur ansatzweise zur Verfügung standen. Auf der Suche nach solchen Geheimnissen – Arcana oder Mysteria – fand sich ein breites Wissensrepertoire zwischen natürlicher Magie bis hin zum Okkulten, aus dem sich die Mediziner bedienten. Dieser Rückgriff blieb allerdings nicht unbestritten, wie Hexereibezichtigungen untereinander zeigen. Ebenso deutlich werden daran die sozialen Grenzen, mit denen sich Ärzte von wenig gelehrten Laien abgrenzten. Umgekehrt mussten Ärzte aber auch den Erfolg von Quereinsteigern – etwa an fürstlichen Höfen – zur Kenntnis nehmen.

ULRIKE KRAMPL analysierte auf der Grundlage von Pariser Polizeiakten des 18. Jahrhunderts den Handlungsablauf magischer Praktiken und deren Verortung in Raum und Zeit des städtischen Lebens. Die induktive und prozessorientierte Vorgehensweise machte deutlich, dass magisches Handeln unterschiedliche Momente und Tätigkeiten umfasste, Alltagsgeselligkeit, ökonomische Gebaren der Zeit und andere durchaus vernünftige Überlegungen konstitutiv mit einbezog; das heißt, dass Magie nicht ausschließlich auf eine Glaubenshaltung reduziert werden kann. Vielmehr kann von einem vielgestalten Prozess gesprochen werden, der weniger auf eine Mentalität, ein magisches Weltbild, ein kohärentes Denksystem oder eine (Volks-)Kultur Rückschlüsse gibt, als auf Momente des Glaubens und Zweifelns unterschiedlicher «Intensität». Diese Überlegungen sollen die den Individuen und Gruppen inhärenten Unterschiede unterstreichen, das heißt "kulturelle Dissonanzen" als ebenso konstitutiv für Soziales zu verstehen wie seine strukturellen Bedingungen.

Unter dem Titel "Meetings on the Outside" untersuchte WILLEM DE BLECOURT den Hexensabbat im Hexereidiskurs. Im Gegensatz zum populären Bild der Hexe, die mit dem Besen fliegt und sich auf Bergen versammelt, liefern historische Quellen ein weitaus differenzierteres Bild. Hexenzusammenkünfte fanden überall statt, im Falle einer großen Versammlung lassen sich dabei nicht nur Besen, sondern alle möglichen anderen Dinge und Kreaturen als Transportmittel nachweisen. Besonders findige Teilnehmer einer solchen Versammlung, beanspruchten sogar an einer Hexenversammlung in einem Berg teilgenommen zu haben. Diese verschiedenen Bilder stellt De Blecourt gegenüber und untersucht die Beziehungen dieser untereinander. Im Weiteren wurde das Zusammenspiel von dämonologischen Konstrukten, volkstümlichen Ansichten, regionalen Besonderheiten und unterschiedlichen Hexendiskursen analysiert.

EDWARD BEVER untersucht das Wechselverhältnis zwischen gelehrten und populären Vorstellungen über Magie und ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Er konstatiert ein eklatantes Auseinanderfallen zwischen alltäglicher Magienutzung und Verfolgung, die sich nicht gradlinig mit sozialen Trägerschaften verbinden lässt. Im historischen Längsschnitt von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts lassen sich Transferprozesse anhand von juristischen Protokollen des Herzogtums Württemberg auf die sich ändernden Anschauungen und Einstellungen der Akteure analysieren. Einerseits werden die Eingeständnisse der Beschuldigten immer genauer, die zitierten satanischen Beschwörungsformeln – und damit das Wissen über Hexerei – immer komplexer. Andererseits wächst die Skepsis der Elitenkultur gegenüber den Geständnissen. Der praktizierte Hexenprozess war zugleich Sender und Empfänger dämonologischen Wissens. Im Aushandlungsprozess der Akteure überwog jedoch die Rezeption magischen Wissens durch die Alltagskultur.

JONATHAN SCHÜZ analysiert in seinem Beitrag „Johann Fischarts Dämonomanie als geographischer Kulturtransfer“ den deutschen Text in Abgrenzung zum französischen Original „De la démonomanie des sorciers“ von Jean Bodin (1580). Zentral ist dabei die Frage nach den Mechanismen und Strategien, die zu einer Übertragung des Textes in ein neues Wissenssystem dienen. Dabei lassen sich gegenläufige Strategien ermitteln, die einerseits zur Identifizierung der Hexenfigur mit den eigenen kulturellen Deutungsmustern führen, andererseits zu Verfremdungen. Die intensive Kontextualisierung des deutschen Textes in den konfessionspolemischen Diskurs, erweist sich als eine Form der kreativen Aneignung des Bodinschen Textverständnisses.

Beim opus magnum, den „Sechs Büchern magischer Untersuchungen“, des flämisch-spanischen Jesuiten Martin Delrio handelt es sich um eine Schrift, die von JAN MACHIELSEN untersucht wurde und die zu den prominenten Stimmen der Hexenverfolgungsbefürwortern gehörte. Machielsen interpretiert die „Disquisitiones“ als eine Sammlung von Belegen die mit ihren vielen verschiedenen Exempla aus unterschiedlichen Diskursen einen Universalitätsanspruch des Hexenglaubens zu entfalten versucht. Die Brechungen zwischen verschiedenen Zeitebenen und Argumentationszusammenhängen kann Delrio jedoch nicht auflösen. Er stellt daher den Hexenglauben als transnationales Deutungsphänomen über lokale Imaginationsformen und schafft so eine Identifikationsangebot, das lokale Skepsis bzw. Abweichung mit Modernitätsansprüchen zu überwinden versucht.

MARKUS MEUMANN widmete sich der Disputation des halleschen Rechtsprofessors Christian Thomasius „De crimine magiae“, indem er eine präzise Kontextualisierung der Schrift in die intensiven hallischen Debatten um den Teufelsglauben skizzierte. Der Diskurs um „De crimine magiae“ führte Thomasius zu einer dezidiert paracelsistisch-naturphilosophischen Argumentation, die er noch 20 Jahre später verteidigte. Dazu diente etwa eine Übersetzung von Websters „Displaying of Witchcraft“ sowie zweier weiterer, nunmehr allerdings zeitgenössischer englischer Abhandlungen zum Hexen- und Geisterglauben aus den 1720er Jahren. Meumanns Ziel ist es, die bislang kaum beachtete Lancierung dieser englischen Debattenbeiträge in der deutschsprachigen Öffentlichkeit und ihre Rezeption verständlich zu machen, wozu es einer umfassenden Berücksichtigung der betreffenden Schriften in einem doppelten zeitlichen Rückgriff bedarf, auf die deutschen Debatten um „De crimine magiae“ um 1700 einerseits und auf die englischen Debattenkontexte der Restaurationszeit und des beginnenden 18. Jahrhunderts andererseits. Insgesamt lässt sich Thomasius Position keinesfalls auf die einfache Opposition von Gegnern und Befürwortern der Hexenverfolgung reduzieren.

Mit dem Titel Teufel, Geister und Dämonen weist RENKO GEFFARTH anhand des ersten und des zweiten „Teufelsstreits“ ab 1759 beziehungsweise 1772 nach, dass die Argumente für und wider die Möglichkeit dämonischer Besessenheit, für und wider die irdische Macht des Teufels nicht immer allein der aufklärerischen Aberglaubenskritik verpflichtet waren, sondern bei Kritikern und Befürwortern gleichermaßen weiterhin magischen Vorstellungen existierten. Die Frage nach der Möglichkeit des Teufelspaktes begleitete die Debatten um Kontaktmöglichkeiten zu Geistern und den populärer werdenden Geisterglauben seit den 1770er Jahren. Beide Themenfelder zeigen damit deutlich die Persistenz magischen Denkens in und nach „der Aufklärung“, sowohl in gelehrten Auseinandersetzungen als auch im vorbereiteten Glauben an die Besessenheit oder Geistererscheinungen.

Empfohlene Zitierweise

Schröder, Nikolas: Tagungsbericht: Grenzüberschreitungen – Magieglaube und Hexenverfolgung als Kulturtransfer, Paris 2010, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/e7zxq/

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Erstellt: 05.11.2010

Zuletzt geändert: 05.11.2010


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