Forschungsberichte

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Hexereiverfahren und höhere Rechtsprechung. Der Einfluss übergeordneter Gerichtsinstanzen und Spruchbehörden (Dikasterien) auf Verlauf und Ende frühneuzeitlicher Hexereiverfahren.

Internationale Fachtagung vom 27. Februar bis 01. März 2003 in Stuttgart-Hohenheim. Tagungsbericht und Bilanz [1]

Tagungsbericht von Rita Voltmer

 

Leitung:

Dieter R. BAUER (Stuttgart)

Prof. Dr. Sönke LORENZ (Tübingen)

Dr. Rita VOLTMER (Trier)

Veranstalter:

Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Arbeitskreis interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH)

VW-Schwerpunktprojekt Recht und Verhalten in der Hexenverfolgung (Universitäten Tübingen / Bielefeld)

Durch die Stiftung Stadt Wittlich geförderten Projekt Herrschaft, Gericht, Alltag. Hexenverfolgung und Kriminaljustiz im Wittlicher Land und in den angrenzenden Eifel- und Moselregionen (15.-18. Jahrhundert) (Universität Trier)

Ziele:

Vorstellung von Ergebnissen aus den genannten Projekten und aus dem zum 31. Dezember 2002 abgeschlossenen, von der DFG geförderten Teilprojekt "Zauberei- und Hexenprozesse im Rhein-Maas-Mosel-Raum, 15.-17. Jahrhundert" (Universität Trier) unter besonderer Berücksichtigung rechtsgeschichtlicher Fragestellungen (28. Februar 2003).

Präsentation von Forschungs- und Publikationsvorhaben zu den europäischen Hexenjagden (01. März 2003)

Vortragsübersicht:

Prof. Sönke Lorenz (Tübingen) Aktenversendung und Hexereiverfahren

Marianne Sauter (Tübingen) Folter und Hexenprozess I: Die Spruchpraxis der Tübinger Juristenfakultäten im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert

Robert Zagolla (Berlin) Folter und Hexenprozess II: Die Spruchpraxis der Rostocker Juristenfakultäten im 17. Jahrhundert

Katrin Moeller (Halle) Durch Verfolgung zur erkenntnis ...? Protestantische Konfessionalisierungspolitik als Voraussetzung intensiver Hexenverfolgungen und ihrer Beendigung am Beispiel der Justizkanzlei Güstrow

Alexander Dannenberg (Berlin) "Den Lebenden zur Mahnung ..." Ein Werkstattbericht über die aktuelle Aktensichtung an der Juristischen Fakultät Greifswald zur Spruchpraxis im 17./18. Jahrhundert

Dr. Rita Voltmer (Trier) "Zur erhaltung landtfurstlicher autorithet". Der Einfluss übergeordneter Gerichtsinstanzen auf Verlauf und Ende der Hexenverfolgungen im Rhein-Maas-Mosel-Raum (16.-17. Jahrhundert)

Boris Fuge (Luxemburg) Vom Injurienverfahren zum Strafprozess wegen Hexerei. Die Verteidigungsstrategie des Johann Schweistal vor der obersten Gerichtsinstanz der Spanischen Niederlande (Grand Conseil de Malines), 1591-1609

Prof. Dr. Wolfgang Schild (Bielefeld) Hexerei als juristisches Thema

Constanze Störk (Tübingen) Hexenverfolgungen in der Reichsabtei Marchal 1586-1757

Dr. Rainer Decker (Paderborn) Päpste und Hexen. Die Quellen im Archiv des Heiligen Offiziums in Rom

Laura Stokes (Tübingen) Verbannung der Hexe. Stadtfrieden und Zaubereidelikt in Basel, Luzern und Nürnberg, 1430-1530

Dr. Manfred Tschaikner Neue Forschungen zu den Hexenverfolgungen in St. Gallen und Vorarlberg

Dr. Klaus Graf (Koblenz) Mailingliste Hexenforschung

 

Die Tagung mit den Vorträgen:

Von seiten der Rechtshistorie ist mehrfach an die Adresse der sozial-, gender- und regionalgeschichtlich orientierten Hexenforschung appelliert worden, Gerichtsnormen, Rechtsalltag, Verfahrensweg und Instanzenzug stärker in den Blick zu nehmen, [2] eine Forderung die bezüglich der Hexereiverfahren vor dem Reichskammergericht und vor dem Reichshofrat zumindest teilweise erfüllt wurde. [3]

Gleichzeitig ist geradezu ein Paradigmenwechsel in der neueren Hexenforschung festzustellen, griffen doch bereits die vom Trierer Projekt Zauberei- und Hexenprozesse im Rhein-Maas-Mosel-Raum veranstalteten Tagungen Hexenprozesse und Gerichtspraxis [4] (1999) und Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis [5] (2001) sowie die von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart durchgeführte Studientagung Staatsbildung und Hexenprozess [6] rechtsgeschichtliche Fragestellungen im Kontext von Territorialisierung und frühmoderner Staatlichkeit auf.

Immerhin hatte Brian P. Levack bereits 1987 betont, dass es in den Händen der übergeordneten, landesherrlichen bzw. staatlichen Gerichtsinstanzen gelegen habe, Hexenprozesse zu verhindern bzw. zu fördern. [7] Die Fragestellung der aktuellen Tagung Hexereiverfahren und höhere Rechtsprechung reihte sich demnach ein in den Diskurs der neueren Hexenforschung.

Als Spezialist für Aktenversendung und Hexenprozess gleichermaßen lieferte Prof. Sönke Lorenz (Tübingen) in seinem Vortrag eine Zwischenbilanz der Forschungen zum ausgesprochen heterogenen Rechtsinstitut der Aktenversendung, [8] dessen Ausbildung er im folgenden Folgenden kurz erläuterte: Zum einen beruhte die frühneuzeitliche Aktenversendung auf dem altdeutschen Brauch des Ratsuchens an einem Schöffenstuhl oder an einem Oberhof. Bei diesem anfangs noch mündlich, ab dem 14. Jahrhundert zunehmend schriftlich geführten Rechtszug wurde den ratfragenden Gerichtspersonen eine kurze Rechtsbelehrung erteilt, meist ohne eine juristische Begründung. Zum anderen stützte sich das Rechtsinstitut der Aktenversendung auf die im italienischen Rechtsleben gebräuchlichen, sogenannten Consilien, d.h. in Latein abgefasste, auf kanonisch-römischem Recht fußende Rechtsgutachten zu konkreten oder allgemein formulierten Fällen, ausgefertigt von ausgebildeten Rechtsgelehrten im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit. Allerdings bezogen sich diese Rechtsauskünfte kaum auf Strafverfahren. In den Territorien und Städten des Reiches verbanden sich parallel zur Rezeption des römischen Rechts die beiden Traditionsstränge miteinander und bildeten allmählich das Institut der Aktenversendung heraus. Ungelehrte Schöffen- bzw. Schöppenstühle wurden immer stärker zugunsten der mit gelehrten Juristen besetzten oberen Gerichtshöfe sowie Rechtsfakultäten abgedrängt. Durch die 1530/32 publizierte Carolina erhielt das Institut der Aktenversendung eine neue Bedeutung, sollte doch mithilfe dieses Instruments die festgestellte Korrumpierung der Rechtsprechung in Deutschland abgestellt werden. In den Artikeln 50 und 219 legte die Carolina fest, dassdass die lokalen, ungelehrten Schöffengremien und Urteiler in Zukunft bei mit Juristen besetzten Oberhöfen und Spruchfakultäten Ratsuchen sollten. Nun bezog sich die Aktenversendung ausdrücklich auch auf Strafverfahren. In den kommenden Jahrhunderten wurde das Institut der Aktenversendung in Territorien und Städte verbindlich etabliert und blieb bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhalten. Gleichzeitig mit der stärker werdenden Kontrolle über die ungelehrten Laienrichter ermöglichte die Aktenversendung ebenfalls Ergänzungen des römischen Rechts. Gerade im Hinblick auf die Hexenverfolgung sollte die Auslegung und Fortbildung der Gesetze, die das Delikt der Zauberei betrafen, große Bedeutung gewinnen. Letztendlich - so Lorenz - habe das Institut der Aktenversendung und damit die Kontrolle der lokalen Hexenverfolgungen vielen Menschen das Leben gerettet. Der Referent betonte darüber hinaus auch den wirtschaftlichen Aspekt der Aktenversendung, tat sich doch hier ein neuer Markt für ausgebildete Juristen auf. So habe die Juristenfakultät in Rinteln ihre harte Haltung in Hexereifragen wohl nicht zuletzt auch mit Blick auf ihre Kundschaft, die ratsuchenden lokalen Gerichte, ausgebildet. Immer wieder sei es in diesem Kontext auch zu manipulierten Akten, zu Fälschungen, gekommen.
In einem knappen Forschungsüberblick resümierte Lorenz die bislang vorliegenden Arbeiten zum Thema Aktenversendung und Hexereiverfahren, [9] nicht ohne dezidiert darauf hinzuweisen, dass bei weitem noch nicht alle Aspekte dieses vielschichtigen Rechtsinstituts vor dem Hintergrund der großen Hexenverfolgungen beleuchtet worden seien, geschweige denn, dass alle relevanten Aktenbestände erforscht und analysiert seien.

Der nachfolgende Vortrag von Anita Raith (Stuttgart) ... damit kein Missgriff und niemand unrecht geschehe ... Die württembergische Regierung und der Hexenprozess musste wegen Krankheit leider entfallen.

Im folgenden Folgenden wurden Ergebnisse aus dem VW-Schwerpunktprojekt Recht und Verhalten in der Hexenverfolgung präsentiert. In den Mittelpunkt ihres Vortrages Folter und Hexenprozess I: Die Spruchpraxis der Tübinger Juristenfakultäten im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert stellte Marianne Sauter (Tübingen) die Überprüfung der verbreiteten These, in Hexenprozessen habe die Folter eine Sonderrolle gespielt. Grundsätzlich galt in der Frühen Neuzeit die Peinliche Frage als rechtlich zugelassenes Beweismittel und als fester, reglementierter Bestandteil im Strafprozess. Mehrere Voraussetzungen mussten erfüllt sein, damit die Tortur rechtmäßig vorgenommen werden konnte: Ein corpus delicti, das mit einer schweren Leib- oder aber mit der Todesstrafe geahndet wurde, hatte festzustehen, für die Schuldvermutung mussten ausreichende Indizien vorliegen, deren Stärke den Grad der Folter bestimmten. Die Einholung eines Konsiliums bei der Tübingen Juristenfakultät war zwar nicht Pflicht, wurde aber dringend angeraten und auch allgemein angewandt. Aufgrund des relativ strengen Instanzenzuges im Herzogtum war eine Umsetzung der von Tübingen verfassten Urteile in die Praxis auch trotz der fehlenden Verbindlichkeit der Konsilien sehr wahrscheinlich. Für den Untersuchungszeitraum von 1602 bis 1719 wertete Frau Sauter 2521 Belehrungen in Strafverfahren aus. Dabei verglich sie Gutachten zu Hexenprozessen mit solchen zu anderen Strafprozessen und untersuchte die Häufigkeit der angeordneten Folteranwendung. Um statistische Ungenauigkeiten zu verhindern, wurden nicht die Belehrungen selbst ausgewertet, sondern die darin enthaltenen Urteile, deren Zahl mit 3336 wesentlich höher ist als die der Belehrungen. So istsind zum einen öfters sowohl ein Zwischen- als auch ein Endurteil in einer Belehrung enthalten, zum anderen betraf nicht selten eine Belehrung mehrere angeklagte Personen und enthielt deshalb für jeden einzelnen ein Urteil. Um Doppelungen in der Auswertung zu vermeiden, wurde, sofern ein Delinquent verschiedener Delikte beschuldigt wurde, ein Leitdelikt ausgewählt. Die detaillierte Auswertung der Tübinger Spruchtätigkeit zeigte, dass das Hexereiverbrechen innerhalb der einzelnen Deliktgruppen mit 8,57 % nach Tötungs- und Sittlichkeitsdelikten, Diebstahl und Kindsmord nur an fünfter Stelle rangierte. Bei einer Betrachtung der Häufigkeit der Deliktgruppen bei den Zwischenurteilen, in denen zumeist über die Folteranwendung entschieden wurde, stand das Hexereidelikt mit 17,15 % jedoch überrepräsentativ nach den Tötungsdelikten an zweiter Stelle. Noch deutlicher wird dieser Befund, wenn der Anteil der Zwischenurteile an der Gesamtzahl der Urteile bei den jeweiligen Deliktgruppen betrachtet wird. Hier nahm die Hexerei mit 45,45 % den Spitzenplatz ein. Demnach war die Hälfte aller Urteile in Hexenprozessen Zwischenurteile. Frau Sauter betonte, dass diese gestiegene Nachfrage nach Interlokuten bei Hexenprozessen, die auf eine Sonderrolle hinzuweisen schien, grundsätzlich noch nichts über die Haltung der Tübinger Juristen in dieser Frage aussagte. Bei der Analyse der einzelnen Interlokute ließ sich herausarbeiten, dass beim Hexereidelikt im Vergleich zu Tötungsdelikten, Diebstahl und Kindsmord der Anteil der Folterinterlokute (Interlokute, in denen auf wirkliche Flter erkannt wurde) an den Zwischenurteilen mit 23,1 % weit unter dem Durchschnitt (34,3 %) und insgesamt an letzter Stelle stand, während der Anteil der Territionsinterlokute mit 20,7 % etwas über dem Durchschnitt (17,2 %) lag. Bezeichnenderweise rangierte das Hexereidelikt mit 33,1 % bei denjenigen Interlokuten, in denen eine Folterung ausdrücklich abgelehnt wurde, weit über dem Durchschnitt (23, 6 %) an erster Stelle. Als Fazit konnte Frau Sauter festhalten, dass, auch wenn die Nachfrage nach Zwischenurteilen bei Hexenprozessen deutlich höher lag als bei anderen Strafprozessen, die Zahlen doch die vorsichtige Haltung der Tübinger Juristen in der Frage der Folteranwendung bei Hexereiverfahren zeigen. Von der Befürwortung eines Schnellverfahrens und damit einer exzessiveren Folteranwendung beim Hexereidelikt kann keine Rede sein.

Robert Zagolla (Berlin) vertiefte in seinem Vortrag Folter und Hexenprozess II: Die Spruchpraxis der Rostocker Juristenfakultäten im 17. Jahrhundert die Fragestellung, ob tatsächlich von grundsätzlich anderen Verfahrensregeln im Hexenprozess, insbesondere in Bezug auf die Folteranwendung, auszugehen sei. Dabei stellte er nicht das "Idealbild" eines in der juristisch-dämonologischen Literatur entwickelten, genormten Hexereiverfahrens in den Mittelpunkt, sondern die Anwendung dieser Normen in der Gerichtspraxis. Wie bereits Marianne Sauter bezog auch Robert Zagolla die gesamte Strafrechtssprechung in seine Untersuchung mit ein und analysierte Rostocker Rechtsbelehrungen aus drei Stichprobenzeiträumen (SS 1595 bis WS 1609/10, SS 1645 bis WS 1659/60 und SS 1685 bis WS 1699/1700). Insgesamt konnten damit gut 3.200 Belehrungen, ungefähr ein Drittel aller im 17. Jahrhundert erteilten Strafrechtsgutachten, ausgewertet werden. Die Rostocker Juristenfakultät erteilte Belehrungen an Gerichte im ganzen norddeutschen Raum. Mehr als drei Viertel der Konsulenten stammten aus den Herzogtümern Mecklenburg, Pommern, Holstein und dem Kurfürstentum Brandenburg. Was den von der Rostocker Fakultät vorgeschriebenen Verfahrensablauf angeht, ergaben sich keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Hexenprozessen und anderen Strafverfahren. Grundlage von Folterinterlokuten war regelmäßig der Indizienapparat der Carolina. An die Gültigkeit solcher Indizien wurden hohe Anforderungen gestellt, wie sich an der unterdurchschnittlichen Folterrate in den Rostocker Hexensprüchen ablesen lässt. Auch dass die Quote der Folterinterlokute in Hexereiverfahren fast immer weit unter dem Durchschnitt (und stets unter den entsprechenden Werten für Kindsmord und Diebstahl) lag, zeigt, welchen heilsamen Einfluss die unparteiische Überprüfung der Indizien durch übergeordnete Gerichtsinstanzen im Hexenprozess haben konnte. Ein Sonderverfahren im Hexenprozess wurde von der Rostocker Juristenfakultät im 17. Jahrhundert weder angewandt noch akzeptiert. Gleicwohl stellte Zagolla fest, dass es zwischen Rechtswissenschaft und Gerichtspraxis erhebliche Divergenzen gab. So blieb die Fakultät stets auf den Willen und die Fähigkeit der Konsulenten zur korrekten Verfahrensführung angewiesen. Eine bewusste Verzerrung von Tatsachen in den Berichten oder gar eine Verfälschung der Verhörprotokolle blieb mangels konkreter Kontrollmöglichkeiten stets im Bereich des Möglichen. Immerhin traten Verfahrensmängel bei der gerichtlichen Ahndung sämtlicher Verbrechen auf. Die Verletzung von Verfahrensvorschriften durch Amts-, Stadt- und Patrimonialgerichte scheint der allgemein verbreiteten Tendenz zu einer vereinfachten und formlosen Verfahrensführung im Kriminalprozess entsprochen und zugleich auf der unzureichenden Kenntnis verfahrensrechtlicher Regeln beruht zu haben. Die Folter war offenbar nicht nur die ‚Seele des Hexenprozesses', sondern auch die Seele des frühneuzeitlichen Strafprozesses überhaupt. Die Rostocker Juristenfakultät verfügte jedenfalls zu Beginn und auch noch gegen Ende des Jahrhunderts in fast 60 % aller Ermittlungsverfahren eine Folterung oder Territion des Angeklagten. Die ungemindert hohe Bedeutung, die die Folter noch am Ende des 17. Jahrhunderts in der Rostocker und Tübinger Spruchpraxis hatte, deutet übrigens auch darauf hin, dass die von zeitgenössischen Hexenprozessgegnern vehement vorgetragene Kritik an diesem Prozessinstitut keine besondere Rolle für dessen Diskreditierung und spätere Abschaffung gespielt haben kann. Während die Zahl der Hexenprozesse nämlich gegen Null tendierte, wurde gegen andere Delinquenten unvermindert häufig die Folter verhängt.

Den Auswirkungen einer dezidiert protestantischen Interpretation des Hexereiverbrechens, ging Katrin Moeller (Halle) in ihrem Vortrag Durch Verfolgung zur erkenntnis ...? Protestantische Konfessionalisierungspolitik als Voraussetzung intensiver Hexenverfolgungen und ihrer Beendigung am Beispiel der Justizkanzlei Güstrow nach. Im Zuge des Neuaufbaus des Kirchenwesens nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelte die Güstrower Regierung eine regelrechte Kampagne zur Ausrottung von Magie und sogenanntem Aberglauben, die zu einer erheblichen Forcierung der Hexenverfolgung in Mecklenburg-Güstrow um 1660 führten. Jede Form von volksmagischen Handlungen wurde entsprechend der lutherischen Vorstellungen als Magie definiert und unter Hexereianklage gestellt. Weitgehende Inquisitionsbemühungen durch die Pastoren sollten magisches Volkswissen vor Ort aufdecken und Möglichkeiten zum strafenden bzw. erzieherischen Eingreifen gewährleisten. Denunziationen und Anklagen aus der Bevölkerung wurden jedoch weitgehend ablehnend beurteilt, da der Einzelne die Ursache seines Unglücks nicht in einer Malefizperson, sondern in Gott zu erblicken hatte. Stattdessen unterlagen bevorzugt Besagungen einer akribischen Nachverfolgung und Untersuchung durch die lokalen Gerichtsorgane. Anhand einzelner Elemente des Hexenbegriffes konnte Katrin Moeller den jeweiligen Indizienwert für die Güstrower Kanzlei und ihre Auswirkungen in der Praxis aufzeigen. Korrekturmaßnahmen der Güstrower Beamten führten schnell zu entsprechenden Veränderungen im Verfahrensalltag, bestimmte Elemente des Hexenglaubens wurden in Verhörsituationen nicht mehr thematisiert (z. B. Werwolfzauber, Drachenflug). Gleichzeitig führte die Unterdrückung des Verfolgungsbegehrens aus Teilen der Bevölkerung und die umfassenden landesherrlichen Inquisitionsbemühungen zu einer stark gebremsten Bereitschaft der Gemeinden, die obrigkeitlichen Verfolgungsbemühungen zu unterstützen. Aus Furcht vor Eingriffen in alte Herrschaftsrechte fanden sich auch kaum Adlige bereit, an der Kampagne zur Hexenverflgung mitzuwirken. Dem Bemühen um Vernichtung des Hexenwesens standen die neu entwickelten prozessualen Anforderungen an den Beweis der Hexerei entgegen. Diese wurden nicht einer erhöhten Verfolgungsbereitschaft angepasst. Im Gegensatz dazu wurde eine zentrale Kontrolle der Verfahren etabliert, die Verteidigung der Angeklagten allmählich zum Prozess-Standard erhoben und eine ausführliche Korrespondenz mit den meinungsführenden ostelbischen Universitäten gepflegt. Die sehr kritische Haltung der Kanzleijuristen mündete in den meisten Fällen in einem mehrjährigen Verweilen der Angeklagten in Haft, da die Indizien zur Verurteilung nicht ausreichend erschienen. Die direkte Berührung mit den Hexenprozessen führte insbesondere bei der Güstrower Geistlichkeit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Prozessen. Sie forderte daher ab den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts mehrfach den Verzicht auf die Nutzung von Besagungen als Ursprung von Verdächtigungen. Die Erkenntnis der Güstrower Beamten speiste sich aus den praktischen Erfahrungen mit den katastrophalen Folgen der früheren Prozesswellen und dem menschlichen Elend, dass daraus entstand. Ihre Argumentation stützte sich auf die Auffassung, dass Aussagen von Hexen als trügerische Einflüsterungen des Satans anzusehen seien. Mittels der radikalen protestantischen Aberglaubenskritik wurden nun schrittweise die - jetzt superstitiös verdächtigen - dämonologischen Bestandteile des Hexereibegriffs (Sabbat, Hexenflug, Teufelsbuhlschaft) verworfen, damit man nicht weiterhin: magiam per magiam erforsche. Um 1680 setzte die Güstrower Regierung eine Sonderkommission (judicium delegatum) zur Überwachung und Einstellung der Hexenprozesse ein. Diese Spruchinstanz fand damit in ihrer konfessionell verengten Auslegung des Hexereibegriffes als erste mecklenburgische Instanz nicht nur prozessuale Möglichkeiten zur Einstellung der Verfahren, sondern sie überwand als eine der wenigen Instanzen überhaupt tatsächlich den Hexenglauben.

Alexander Dannenberg (Berlin) informierte in "Den Lebenden zur Mahnung ..." Ein Werkstattbericht über die aktuelle Aktensichtung an der Juristischen Fakultät Greifswald zur Spruchpraxis im17./18. Jahrhundert über den Stand seines Promotionsvorhabens und erläuterte einleitend die archivalische Überlieferungslage. Vor dem 2. Weltkrieg war das preußische Staatsarchiv in Stettin mit Abstand das größte und bedeutendste Archiv in Pommern, einige tausend Urkunden und ca. 7.000 laufende Meter Handschriften sowie Akten wurden hier aufbewahrt. Darunter befanden sich auch jene für die Erforschung der Hexenverfolgungen in Mecklenburg und Pommern so eminent wichtigen Spruchakten der Juristischen Fakultät Greifswald (seit 1583). Kriegswirren, Umlagerungen zum Schutz vor Bombenangriffen und unsachgemäße Aufbewahrung führten zu insgesamt 20 % Verlust des Gesamtbestandes. Im Rahmen eines Archivalienaustausches kamen die Spruchakten erst 1965/66 wieder zurück nach Greifswald und werden heute dort unter der Bezeichnung "Stettiner Bestände" mit einer laufenden Nummerierung geführt. Dieser bedeutende Bestand erfuhr eine erste wissenschaftliche Untersuchung durch die Dissertation von Sönke Lorenz, der die Spruchakten für den Zeitraum von 1582 bis 1630 analysierte. [10] In Fortsetzung dieser Arbeit steht nun die Auswertung der Akten für den Zeitraum zwischen 1631 und 1720 im Mittelpunkt des Dissertationsvorhabens von Herrn Dannenberg, der insgesamt aus ca. 3.800 Akten rund 756 Rechtsbelehrungen in Hexereisachen ermitteln konnte. Die Sichtung und Erschließung dieses Bestandes ist mittlerweile durchgeführt. Herr Dannenberg konnte bereits ein ca. 400seitiges Konvolut mit Transkriptionen vorlegen. In einem zweiten Schritt soll nun der Wandel der Spruchpraxis des Greifswalder Juristenkollegs bis zum Ende der Hexereiverfahren in den 1720er Jahren untersucht werden. Ein Vergleich mit der Entwicklung an anderen Juristenfakultäten, beispielsweise in Rostock oder Güstrow, wird ebenfalls angestrebt. Damit soll erstmalig ein Einblick in Norm und Praxis der Hexereiverfahren in der Großregion Mecklenburg / Pommern möglich werden, die mit bislang 4.000 namentlich bekannten angeklagten Personen ohne Zweifel ein Zentrum frühneuzeitlicher Hexenverfolgungen gewesen ist.

In ihrem Vortrag "Zur erhaltung landtfurstlicher autorithet". Der Einfluss übergeordneter Gerichtsinstanzen auf Verlauf und Ende der Hexenverfolgungen im Rhein-Maas-Mosel-Raum (16.-17. Jahrhundert) stellte Dr. Rita Voltmer (Trier) das Rechtsinstitut der Aktenversendung als Mittel herrschaftlicher Raumdurchdringung vor. Dabei spielten im Gegensatz zu den vorangegangenen Vorträgen nicht Juristenfakultäten eine Rolle, sondern vielmehr Regierungsgremien auf landesherrlich-staatlicher Ebene. Immerhin bildete der absolute Besitz der Jurisdiktionsgewalt beim Ausbau frühmoderner Staatlichkeit eine unverzichtbare Komponente. Diesem Anspruch standen jedoch gerade im herrschaftlich stark fragmentierten Rhein-Maas-Mosel-Raum die sich ausbildenden geschlossenen Verfolgungsmilieus in kleinadligen und geistlichen Mikroherrschaften sowie in lokalen Gerichtseinheiten gegenüber, um deren Aufbrechung eine auf Rechtsdurchsetzung und Vereinheitlichung zielende Territorialherrschaft bemüht sein musste. Anhand der Entwicklung im Herzogtum Luxemburg, das als Provinz zu den Habsburgisch-Spanischen Niederlanden zählte und in dem sich die Strafjustiz nicht nach der Carolina, sondern nach obrigkeitlichen Kriminalordnungen richtete, konnte Rita Voltmer zeigen, wie sich die Zentralregierung in Brüssel und besonders der Provinzialrat als oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde in Luxemburg zwischen 1563 und 1629 mit zahlreichen Ordonnanzen und Kriminalordnungen bemühten, am römischen Recht orientierte Verfahrensnormen (Schriftlichkeit, Voruntersuchung, Aktenversendung, obrigkeitliche Kontrolle der Notare und Gerichtsschreiber etc.) in den einzelnen Hochgerichten und Amtsbezirken durchzusetzen und so die Hexereiverfahren zu kontrollieren. Die Anwendung der Rechtsnormen im Verfahrensalltag konnte der Provinzialrat stets durch den Rückfluss eingereichter Supplikationen und Bittschriften von seiten der Verfolgungsopfer überprüfen. Trotz einem höheren Grad an Kontrolle endeten die Hexereiverfahren in Luxemburg erst mit der französischen Besetzung 1684, hatten doch weder die Zentral- noch die Provinzregierung jemals die Einstellung, sondern lediglich die Durchführung der Hexereiverfahren nach landesfürstlichen Vorgaben angestrebt. Vergleichbar mit der Entwicklung im Herzogtum Luxemburg war diejenige im Herzogtum Lothringen. Auch dort intensivierten die Landesherren ihren Einfluss auf die selbständigen Hochgerichte durch den Zwang zum Instanzenzug und zur Aktenversendung. Dabei hatte auch der lothringische Herzog nicht die Absicht, Hexenverfolgungen zu unterbinden, sondern es ging ihm ganz eindeutig darum, durch die Kontrolle der Hexenprozesse die Rechtsprechung zu vereinheitlichen, die gesamte hochgerichtliche Jurisdiktion zu zentralisieren und damit die landeshoheitliche Obrigkeit zu stärken. In beiden Herzogtümern bedingte die Kontrolle der massenhaften Hexenverfolgungen eine Bürokratisierung und Rationalisierung der gesamten Strafjustiz. Im Territorium der Reichsabtei St. Maximin bei Trier bildete sich dagegen ein durch keine übergeordnete Prärogative durchbrochenes Verfolgungsmilieu heraus. Dies erklärt auch die ausnehmend schweren Hexenjagden zwischen 1586 und 1596, denen nahezu ein Fünftel der Bevölkerung in St. Maximin zum Opfer fielen. In Kurtrier scheint das Ende der ersten Verfolgungswelle gegen 1596 durch Kurfürst Johann VII. von Schönenberg selbst eingeleitet worden zu sein, der deutlich die Partei einiger Verfolgungsopfer ergriff und die Oberhöfe in Trier und Koblenz an ihre Pflicht zur Wahrung landeshoheitlicher Rechtsnormen gemahnte.

Boris Fuge (Luxemburg) befasste sich in seinem Vortrag Vom Injurienverfahren zum Strafprozess wegen Hexerei. Die Verteidigungsstrategie des Johann Schweistal vor der obersten Gerichtsinstanz der Spanischen Niederlande (Grand Conseil de Malines), 1591-1609 mit der ausgesprochen gut dokumentierten Injurienklage des wohlhabenden Bitburger Schöffen Johann Schweistal, die in letzter Instanz vor dem Großen Rat von Mecheln endete und dort in ein Kriminalverfahren wegen Hexerei gewandelt wurde. Herr Fuge erläuterte, wie der Bitburger Schöffe von seinen persönlichen Feinden und Schuldnern, darunter der Bitburger Propst und Herr zu Hamm, Gerhard von der Horst, sowie der Graf von Manderscheid-Kail, durch manipulierte Besagungen in Verdacht gebracht wurde und welche verschlungenen Wege das Injurienverfahren seit 1591 nahm, zu dem parallel ein von Schweistal gegen seinen Widersachen von der Horst angestrengtes Verfahren wegen Amtsmissbrauch lief. Beide Verfahren endeten schließlich vor dem Grand Conseil de Malines. Die Wende zu Ungunsten Johann Schweistals brachte ausgerechnet das Endurteil im Prozess wegen Amtsmissbrauchs gegen von der Horst: Schweistals Klage wurde abgewiesen und gleichzeitig geurteilt, dass ab sofort der Generalprokurator in Kriminalsachen gegen Schweistal wegen Hexerei vorgehen sollte. Im August 1606 legte man eine Anklageschrift mit 106 Artikeln gegen ihn vor. Daraufhin reichte Schweistal im Dezember 1606 beim Großen Rat seine réponse samt Beweisstücken ein. In Form von 1018 Artikeln auf ca. 400 Seiten versuchte das Dokument, die Hexereivorwürfe zu entkräften und die Unschuld des Angeklagten zu beweisen. Dies geschah zunächst in Form allgemeiner Unschuldsargumente und mündete dann in einer generellen Kritik am Hexen-Ausschusswesen sowie an der Folterpraxis. Verwiesen wurde außerdem auf die illegalen Verfahrensweisen und auf die verdeckten Motivationen der Gegner Schweistals. Schon zu Beginn zog die Schrift zur Stützung einzelner Argumente Zitate aus der gelehrten italienischen Rechtsliteratur des Mittelalters und der frühen Neuzeit heran (insgesamt ca. 70 verschiedene Autoren). Daneben wurde stellenweise auch die "klassische" dämonologische Literatur bemüht: der Canon episcopi, Bodins Démonomanie, der Malleus maleficarum sowie Delrio und Rémy. Der größte Teil der réponse (ca. zwei Drittel) setzte sich mit den Anklagepunkten des Generalprokurators auseinander; insbesondere wurden die einzelnen Besagungen gegen Schweistal detailliert miteinander verglichen und die inhärenten Widersprüche in den Geständnissen aufgedeckt. 1609 reißt die Prozeßdokumentation zum Fall Schweistal ab, wahrscheinlich wurde er nicht als Hexenmeister, sondern als Verleumder (gegen von der Horst) verurteilt. Insgesamt scheint der Grand Conseil de Malines in Hexereifällen zu keiner eindeutigen Stellungnahme gekommen zu sein. Als oberste Gerichtsinstanz hatte er lediglich die prozeßrechtliche prozessrechtliche Seite des Verfahrens (Fristen, Form der Eingabe) zu beurteilen. Schwierigkeiten bereitete offensichtliche die Bewertung der Besagung als allein verdachtsleitendes Indiz. Im Falle des Grand Conseil kann deshalb von keiner maßgeblichen Einflussnahme der höchsten (süd-)niederländischen Gerichtsbarkeit auf lokale Hexenverfolgungen gesprochen werden.

Im Abendvortrag Hexerei als juristisches Thema erörterte Prof. Dr. Wolfgang Schild (Bielefeld), welchen Einfluss juristisches Denken auf die Konstruktion relevanten Aktenmaterials genommen hat, wie sich überdies die Wandlung des Hexereidelikts vom konkreten Schadensvorwurf hin zur Gesinnungstat der Gotteslästerung und des Teufelspaktes auf die Gestaltung der in den Akten enthaltenen "Geschichtserzählungen" ausgewirkt hat und welche Konsequenzen eine historische Quellenkritik daraus zu ziehen habe. Bereits einleitend forderte Schild einen sorgfältigen Umgang mit Zeugen- und Folterverhören, verwies aber gleichzeitig auf die bereits in der historischen Forschung diskutierten Interpretationsprobleme bei Ego-Dokumenten und Verhörprotokollen. [11] Ergänzend erläuterte Schild, dass es Juristen gemäß ihrer Ausbildung und ihrer Aufgabe in den Verfahren generell nicht darum gegangen sei, Vergangenheit nachzuerzählen, vielmehr hätte die aufbereitete Darstellung eines stattgefundenen Sachverhalts und seine Umdeutung in einen Tatbestand im Mittelpunkt gestanden, letztlich mit dem Ziel, dieses Problem argumentativ zu lösen und Gerechtigkeit zu erlangen. Deshalb konzentrierte sich die in den Akten anzutreffende "Geschichtserzählung" auf das juristisch Wesentliche. Sie war ein Konstrukt, das Opfer und Täter ihre jeweilige Rolle zuschreiben sowie Verfahren, Urteil und die daran beteiligten Gerichtsinstanzen legitimierten solltesollten. Die im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts sich wandelnde inhaltliche Definition des Hexereideliktes spiegelt sich auch in den "Geschichtserzählungen" wider. So "erzählen" die Akten anfangs von einem durch Zauber durchgeführten, konkreten Schaden, das Hexereidelikt wurde gleichwertig anderen Delikten wie Diebstahl, Sachbeschädigung, Tötung mit den üblichen Strafen (Schadensersatz, Lebensentzug, Ausweisung) bestraft. Verstärkt unterstellte man aber den Hexereiverdächtigten den Plan zukünftiger Schädigungen, damit wurde ihr böser Wille - ähnlich wie bei Hochverrätern und heutigen Terroristen - zum Straftatbestand. Nicht mehr die Vergeltung einer konkreten Straftat, sondern der Schutz des Gemeinwesens vor beabsichtigten, aber noch nicht durchgeführten Schädigungen rückte in den Vordergrund. Die Behandlung des Hexereidelikts blieb nicht mehr nur eine Angelegenheit der Strafjustiz, sondern fiel jetzt in die Zuständigkeit der policey. Bezogen auf die Bestimmungen der Carolina betonte Schild, dass sich die Deliktbeschreibung von einem konkreten Schadenzauber zu einem Schadenzauber wandelte, in dessen Mittelpunkt die verräterische, böse Gesinnung des Täters stand. Diese Veränderung lasse sich auch an den "Geschichtserzählungen" feststellen: Wurde der reine Schadenzauber verfolgt, enthalten die Akten auf der Grundlage der Indizienlehre der Carolina auch Hinweise auf die Beweisfindung und ihre Ergebnisse. Außerdem lag in der Vergleichbarkeit mit früheren, anerkannten Verfahren zusätzliche Legitimation, was den "Geschichtserzählungen" zunehmend einheitliche Formen und Inhalte verlieh. Dadurch entstand ein durch die juristische Praxis geschaffenes, einheitliches Bild der Schadenszauberei, das über die "historische Wirklichkeit" jedoch nur sehr wenig aussagen kann. Die "Geschichtserzählungen" wurden stereotyp, dienten nur mehr der Illustration des gesetzlichen Straftatbestandes, unter den der Fall subsumiert wurde. Einen weiteren Wandel erfuhren die "Geschichtserzählungen", als nicht mehr nur der konkrete Schaden, sondern die Gesinnung der Schadenszauberer bestraft werden sollte. Barg die Verdachtsgenese schon immense Schwierigkeiten (immerhin agierten Hexen bekanntlich verdeckt und unerkannt), stellte sich die Beweisführung hier noch komplizierter dar angesichts eines immateriellen, sinnlich nicht wahrnehmbaren Schadens. Die daraus resultierende Beweisnot konnte nur durch das Geständnis des Angeklagten aufgehoben werden. Zunehmend wurde die "Geschichtserzählung" außerdem bemüht, mögliche Indizien für die persönliche Bosheit der verdächtigten Person herauszustellen. Von einer Tatgeschichte (des verübten Schadens) entwickelte sich die "Geschichtserzählung" zu einer Tätergeschichte (des übelgesinnten Zauberers / der übelgesinnten Zauberin), beide jedoch in gleicher Weise juristisch konstruiert. Auch im Hinblick auf die Anwendung der Carolina erscheint dieser Wandel von Bedeutung, ist für die Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. die Zauberei eigentlich von sekundärer Bedeutung. Durch neue Regelungen (ausgehend von den Kursächsischen Konstitutionen), durch Kommentatoren, durch Gutachter, durch Gerichtspraxis wurde sie oft überholt. Hier stand zunehmend die Zauberei im Sinne der Gotteslästerung und des Teufelspaktes im Mittelpunkt. Für diese neuen Normen erschien die potentielle Gefährlichkeit der Teufelsdiener als primär strafwürdig, auch deshalb wurde eine neue Folterlehre entwickelt, um an das gerade bei Tätern, deren Schuld primär im bösen Willen gesucht wurde, so wichtige eigene Geständnis zu kommen. Insgesamt plädierte Schild dafür, bei der historischen Interpretation von Prozessakten jene Spezifika juristischen Denkens und den konstruierten Charakter dieser und verwandter Quellen stärker zu beachten.

Zusammenfassend konzentrierten sich die Diskussionen im Anschluss an die Vorträge auf vier Hauptpunkte: [12]

1. Das Institut der Aktenversendung war ein überaus heterogenes Rechtsmittel; eine stärkere Klassifizierung nach potentiell unterschiedlicher Handhabung und Intention an Juristenfakultäten, Justizkanzleien und übergeordneten Gerichtsinstanzen scheint geboten, auch unter Einbeziehung jener Regionen, die sich verfahrensrechtlich zwar nicht nach der Carolina, wohl aber nach dem römischen Recht richteten.

2. Die Verpflichtung zur Aktenversendung konnte sich als probates Mittel zentralistischer Raumdurchdringung beim Ausbau frühmoderner Staatlichkeit erweisen.

3. Bei Bewertung und Analyse des bei übergeordneten Gerichtsinstanzen und Dikasterien eingehenden Aktenmaterials sowie der jeweils erteilten Rechtsgutachten und -belehrungen bleibt zu beachten, dass die Juristen dieser Behörden in der Regel nicht über den materiellrechtlichen Hintergrund der Hexereiverfahren, sondern lediglich über den korrekt durchgeführten Prozessformalismus zu entscheiden hatten. Zur Debatte stand dabei nicht der Hexenglaube oder die Rechtmäßigkeit der Verfolgung per se. Gleichwohl hatten die Juristen übergeordneter Spruchbehörden und Instanzen stets die Möglichkeit, die ihnen vorgelegten Akten eher verfolgungsfördernd oder eher verfolgungsbremsend zu beurteilen. Insgesamt führte die verstärkte Kontrolle der Verfahren zu einer Verlängerung der Prozessdauer, zum Aufbrechen lokaler Verfolgungsherde und verhalf manchem Delinquenten zum Überleben.

4. Die "juristisch konstruierte", Zuschreibungen, Wertungen, legitimierende Umdeutungen und auch bewusste Fälschungen enthaltenden Akten von Erst- und Zweitinstanzen müssen eine sorgfältige, quellenkritische Bearbeitung erfahren.

5. Wie in den meisten Vorträgen angesprochen und gefordert, müssen Hexenforschung, Rechtsgeschichte und Historische Kriminalitätsforschung den Blick stärker auf mögliche Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge zwischen Hexereiverfahren und übriger Kriminaljustiz lenken. Diesem Sichtwechsel tragen nicht nur die bereits abgehaltenen Tagungen (s. oben), sondern auch das Projekt der Stiftung Stadt Wittlich (s. oben) Rechnung. Auch in neueren, einschlägigen Publikationen findet bereits stillschweigend eine stärkere Zusammenführung von Hexen- und Kriminalitätsforschung statt. [13] Diese Impulse aufgreifend, beabsichtigt die nächste, von Klaus Graf und Gerd Schwerhoff (26. bis 28. Februar 2004) in Stuttgart-Hohenheim veranstaltete Tagung, eine intensivere Verknüpfung der beiden dort ansässigen Arbeitskreise (zur Interdisziplinären Hexenforschung und zur Kriminalitätsgeschichte der Vormoderne).

In der zweiten Sektion der Tagung Aus der Forschung (01. März) stellte Constanze Störk (Tübingen) in ihrem Vortrag Hexenverfolgungen in der Reichsabtei Marchal 1586-1757 Ergebnisse ihrer kurz vor dem Abschluss stehenden Magisterarbeit vor: Während der Marchtaler Hexenjagden wurden im Laufe von 170 Jahren mindestens 60 Todesurteile vollstreckt, drei Prozesswellen sind feststellbar (1586 bis 1596, 1627/1628 und 1745 bis 1757). Beinahe ein Drittel der verfolgten Frauen - vor allem während der ersten und letzten Prozesswelle - stammten aus dem Dorf Alleshausen, das sich durch einen relativ hohen Eigenbesitzanteil der Bauern und eine besondere Rechtsstellung von anderen Dörfern der Herrschaft deutlich abhob. Aufgrund dessen bildetetbildete sich hier ein kontinuierlicher Krisenherd innerhalb der Klosterherrschaft heraus, Verdachtsmomente gegen vermeintliche Zauberinnen / Zauberer nahmen oft in Alleshausen ihren Anfang. Die erste Verfahrenswelle der Klosterherrschaft war zugleich auch die intensivste. Allein in den ersten beiden Jahren 1586/87 starben in Kettenprozessen über 30 Frauen und zwei Männer. Verfolgungsimpulse kamen dabei zunächst aus der Bevölkerung Alleshausens, forcierend wirkte im weiteren Verlauf der Marchtaler Vogt Bernhard Bitterlin, unter dessen Amtszeit Marchtal eine Verdichtung und Umsetzung ‚rechtsstaatlicher' Macht und juristischer Durchsetzungsfähigkeit verzeichnete. Dagegen zeigte die geistliche Landesherrschaft in Person des Abtes Konrad Frei (1571-1591) keinen expliziten Verfolgungswillen, tolerierte jedoch die Verfolgungen. Erst unter Abt Johannes Riedgasser (1591-1600) zeigten sich mäßigende Tendenzen. Für die Jahre 1627 und 1628 lassen sich fünf Hexenprozesse rekonstruieren, die Quellenlage für diesen Zeitraum ist allerdings schlecht. In den folgenden 100 Jahren erlebte Marchtal eine verfolgungsfreie Phase unter Abt Konrad Kneer (1637-1660). Die Distributoren von Verdächtigungen wurden nach der Herrschaftsordnung aus dem Jahr 1578 jetzt mit Geld- und Turmstrafen belegt. Zwischen den Jahren 1745 bis 1757 ereignete sich auf dem Klostergebiet eine letzte Prozesswelle mit sechs Todesurteilen und einem Sterbefall im Kerker, vier Frauen entkamen einem tödlichen Schuldspruch. Diese letzte Prozesswelle basierte vor allem auf einem intensiven Verfolgungsbegehren von seiten der Dorfelite. Verdächtigt wurde zunächst eine alleinstehende Heilerin und Bettlerin, die nicht in die dörfliche Ordnung integriert schien. Der juristische Gutachter Sebastian Josef Wunibald von Settelin aus Biberach sprach die Frau zunächst frei, verurteilte sie und ihre Tochter allerdings eindreiviertel Jahre später aufgrund massiven Drucks aus Alleshausen zum Tode. Vier weiteren Frauen wurde in der Folge der Prozess gemacht. Nachdem sich gegen Ende der 1750er Jahre ein Personalwechsel und auch ein Gesinnungswandel in der Dorfelite Alleshausens vollzogen hatte, wurden die Schadensfälle im Dorf neu gedeutet. Die ehemals verfolgungsforcierende Kraft wirkte nun hemmend auf die Verdächtigungen. Die Skepsis der Dorfelite, aber auch der Gutachter und Richter in Marchtal überwog. Für sämtliche Verfolgungsperioden, sowie für die verfolgungsfreie Phase zwischen 1629 und 1745 sind Analogien in der Nachbarherrschaft Dürmentingen-Bussen feststellbar.

Dr. Rainer Decker (Paderborn) stellte unter dem Titel Päpste und Hexen. Die Quellen im Archiv des Heiligen Offiziums in Rom neue, gerade auf dem Buchmarkt erschienene Ergebnisse seiner Forschungen vor. Als erstes gab Decker einen kurzen Einblick in die aktuelle Archivsituation: So enthält das Archiv der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre neben Dokumenten der ehemaligen Kongregation für den Index der verbotenen Bücher unter anderem die Archivalien des 1542 gegründeten Heiligen Offiziums. Diese Bestände (zuzüglich des Archivs der Inquisitionsbehörde in Siena) sind seit 1998 der Forschung offiziell zugänglich. Trotz erheblicher Verluste in napoleonischer Zeit sind die noch vorhandenen Dokumente hervorragend geeignet, die Archivalien der über Mittel- und Norditalien verstreuten lokalen Inquisitionstribunale zu ergänzen. Seit ca. 1560 sind die in Latein abgefassten "Decreta", die Protokolle des Heiligen Offiziums, der oft unter Vorsitz des Papstes abgehaltenen donnerstäglichen Sitzung sowie der vorbereitenden Zusammenkunft der Kardinal-Inquisitoren am Mittwoch, vollständig erhalten. Jeder Jahresband besteht aus mehreren hundert Seiten im Folioformat, die in den meisten Fällen schon von den damaligen Schreibern durch Register erschlossen wurden. Bei Zweifelsfragen oder in wichtigen Fällen ließen sich Papst und Kardinäle die Prozessakten schicken und bestimmten dann das weitere Verfahren, bis hin zu den Strafen, wobei aber nur selten auf Hinrichtung erkannt wurde. In einem zweiten Abschnitt berichtete Decker unter Einbeziehung der übrigen Kriminaljustiz über die Hinrichtungszahlen in Rom. Sie erreichten im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit 625 (bei ca. 1000.000 Einwohnern) einen Spitzenwert, der dann schnell in den folgenden 50 Jahren auf 170-230 und im 18. Jahrhundert auf 20-40 pro Dezennium zurückging. Die vom Heiligen Offizium ausgesprochenen Todesurteile machten davon nur einen kleinen Teil aus (Höhepunkt: 30 zwischen 1561-1570). Die beiden letzten von der Inquisition in Rom verhängten Todesurteile 1711 bzw. 1761 betrafen Betrüger, die sich als Priester ausgegeben und als solche scheinbar die Sakramente gespendet hatten. Hexenprozesse im klassischen Sinne gab es in Rom nicht, jedoch wurde real praktizierte Magie verfolgt. Die von Männern, insbesondere Priestern ausgeübte gelehrte Magie (Nekromantie, Dämonenbeschwörung) wurde dabei härter geahndet, als die vielfach von Frauen betriebenen volkstümlichen Formen von Liebes- und Abwehrzauber. Eine magische Verschwörung, deren Ziel die Ermordung des Papstes mit Hilfe zauberischer Praktiken war, endete 1635 mit der Hinrichtung der drei Haupttäter. In einem dritten Abschnitt legte Decker anhand eines Beispieles aus den Jahren 1593/94 dar, dass Päpste und Kardinäle der Vorstellung von Hexenflug und Sabbat relativ skeptisch gegenüberstanden. So drohte in der süditalienischen Bischofsstadt Bitonto die vermeintliche teuflische Besessenheit mehrerer Frauen in eine allgemeine Hexenverfolgung umzuschlagen. Zwei Personen starben in Untersuchungshaft, eine weitere verunglückte tödlich bei einem Fluchtversuch. Die Wende kam durch das Eingreifen des Heiligen Offiziums, die nach Überführung der Besessenen und der von ihnen Beschuldigten nach Rom und nach einer päpstlich angeordneten Untersuchung in einer Bestrafung des Bischofs und seines Archidiakons endete. Beide wurden suspendiert und aus Bitonto verwiesen. Außerdem durften sie nicht mehr als Richter an kirchlichen Strafprozessen mitwirken sowie - im Fall des Archidiakons - Exorzismen durchführen und die Beichte abhalten. 1601 konnten beide zwar nach Bitonto zurückkehren und erhielten ihre Ämter zurück, die übrigen Bestimmungen blieben aber in Kraft. Einer der beteiligten Konsultoren, Dr. Giulio Monterenzi, verfasste im Auftrag seiner Vorgesetzten eine allgemeinen Ordnung zur Führung derartiger Prozesse. Sie ging einige Jahrzehnte später in die berühmte, 1625 zum ersten Mal gedruckte Hexenprozeßinstruktion der römischen Inquisition ein. Mit ihrer Skepsis gegenüber der Vorstellung vom Hexensabbat und den "Geständnissen" von Besessenen sowie mit der Betonung der Verteidigungsrechte der Angeklagten bewahrte sie Italien vor dem Übergreifen des nördlich der Alpen grassierenden Verfolgungseifers.

Über ihr Dissertationsvorhaben zu frühen Zauberei- und Hexenprozessen berichtete Laura Stokes (Tübingen) in ihrem Vortrag Verbannung der Hexe. Stadtfrieden und Zaubereidelikt in Basel, Luzern und Nürnberg, 1430-1530. So konnte sie trotz schwieriger Quellenlage feststellen, dass sich die inhaltliche Definition des Zaubereideliktes während des späten 15. Jahrhunderts in Basel, Luzern und Nürnberg langsam veränderte. Dabei entwickelte sich aus den mittelalterlichen Wurzeln die frühneuzeitliche Vorstellung vom Hexereiverbrechen mit seinem verschwörerischen und diabolischen Charakter. Sichtbar wurde dieser Bedeutungswandel anhand der Deliktstrafe, wobei allmählich der Feuertod die mittelalterliche Strafe der Verbannung ersetzte. Umgekehrt kann die gewandelte Deliktstrafe als ein Indiz für eine gewandelte Auffassung von Zauberei gelten. So wurde im Basel des frühen 15. Jahrhunderts Zauberei in der Regel mit Verbannung geahndet. Zuerst um 1444 kann Verbrennung als Strafe nachgewiesen werden, jedoch anfänglich nur im Umland von Basel. Erst später hat man in der Stadt diese Strafe für Zauberei übernommen, die sich allerdings im frühen 16. Jahrhundert bereits durchgesetzt hatte. Anhand von Beispielen aus Luzern konnte Frau Stokes zeigen, wie die zuerst als Verleumdung aufgefassten Klagen über Zauberei zunehmend ernst genommen wurden und man der Zauberei nun den Charakter verschwörerischer Hexerei zuschrieb. Noch um 1400 betrachtete man Zaubereianklagen als Verleumdung, ein Jahrhundert später nahm man sie sehr ernst und die Angeklagten wurden oft zum Feuertod verurteilt. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lassen sich bereits Fälle nachweisen, in denen die Verteidigung gegen Zaubereianklagen unternommen wurdenwurde, eben weil solche Anklagen inzwischen schon tödlich enden konnten. Auch wurden in diesem Zeitraum Vorstellungen von der gemeinsam mit anderen ausgeübten und von einer Lehrmeisterin vermittelten Magie entwickelt. Im Nürnberg des 15. Jahrhunderts waren die gewöhnlichen Strafen für das Zaubereidelikt neben der Verbannung auch verschiedene Leibesstrafen und rituell-demonstrative Strafen. So mussten zwei 'überführte' Zauberinnen während des Strafvollzuges eine 'Teufelsmitra' tragen. In allen drei Städten konnte ein enger Zusammenhang zwischen dem Todesurteil und dem gerichtlichen Vorwurf der Teufelsverehrung festgestellt werden, wobei schon ein Jahrhundert zuvor die Vorstellung entwickelt worden war, dass der Teufel bei der Ausübung der Zauberei anwesend sei.

Im letzten Vortrag der Tagung berichtete Dr. Manfred Tschaikner über Neue Forschungen zu den Hexenverfolgungen in St. Gallen und Vorarlberg. Im ersten Abschnitt ging der Forschungsbericht auf die Frage ein, wie es dazu kam, dass die Obrigkeit der reformierten Handelsstadt St. Gallen, die der gelehrten Hexenvorstellung traditionell ablehnend gegenüberstand, Hexerei für Einbildung hielt und nicht als materiellrechtlichen Tatbestand akzeptierte, trotzdem sich dem Trend der Zeit anpasste und wenigstens in drei Fällen doch Hexenprozesse führte. Immerhin kam auch aus der Bevölkerung der Ruf nach Verfolgungen. Der Prozess gegen eine Frau, die freiwillig eine Reise in das Reich der Toten gestanden hatte, erhielt dabei große Bedeutung. Dieses Verfahren bewirkte allerdings nur ein kurzfristiges Abgehen von der kritischen Haltung des Stadtrates gegenüber Hexereivorstellungen und -prozessen. Tschaikner erläuterte die wenigen Hexereiverfahren der Stadt St. Gallen vor dem Hintergrund, dass sich St. Gallen vor allen Dingen auf die Verfolgung sogenannter landschädlicher Leute und Mordbrenner konzentrierte. Hier kam es immerhin zu 34 Hinrichtungen. Im zweiten Abschnitt stellte Tschaikner dann kurz einige Besonderheiten der Hexenverfolgungen im Bregenzerwald (ca. 1550) vor. In diesen frühen Vorarlberger Hexenprozessprotokollen finden sich seltene Ausführungen über Wölfe und Wolfsreiterinnen sowie Angaben zu einer "Gesellschaft", die sich angeblich in rituellen Kämpfen und Tänzen mit Hanfstängeln maß, eine eindeutige Parallele zu den norditalienischen "Benandanti". Der dritte und letzte Abschnitt des Vortrags befasste sich mit dem Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einem größeren Territorialkomplex und einem damit zusammenhängenden früheren Ende der Hexenverfolgungen. Dabei zeigte sich, dass das beinahe idealtypische Modell des Prättigaus vor und nach der Loslösung von der österreichischen Oberherrschaft nicht ohne weiteres auf andere Regionen übertragen werden kann. Zwischen dem hohenemsischen Territorialkomplex und den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg etwa stellten sich die Verhältnisse komplizierter dar, hier gab es eine Vielzahl von abgestuften Herrschaftseinheiten sowie Rechtssystemen und Instanzenzügen. Dies wiederum bedingte mindestens drei Möglichkeiten, Hexereiverfahren zu führen.

Abschließend berichtete Dr. Klaus Graf (Koblenz) über die Mailingliste Hexenforschung, wobei er die Mitglieder eindringlich zur Mit- und Zuarbeit aufrief. Unter dem Punkt AKIH-Internes wiesen Dieter R. BAUER und Prof. Dr. Sönke LORENZ u.a. auf vor dem Abschluss stehende Publikationen der Reihe Hexenforschung hin, des weiteren wurden die anstehenden Tagungen angekündigt, darunter die Frühjahrstagung des AKIH 2004 (s. oben) sowie die Studientagung in Weingarten 2005, die - von Prof. Dr. Wolfgang BEHRINGER (York) organisiert - sich mit Verlauf und Ende der Hexenverfolgungen in katholischen Territorien befassen wird.

Anmerkungen

[1] Der Bericht versteht sich nicht nur als reines Veranstaltungsprotokoll, sondern auch als knappen Einstieg in die Thematik. - Zur Erstellung des Berichts konnten Zusammenfassungen und Manuskripte der Vortragenden genutzt werden, dafür sei allen herzlich gedankt.

jöö

[2] Vgl. z. B. die Ausführungen bei Günter JEROUSCHEK, Die Hexenverfolgungen als Problem der Rechtsgeschichte. Anmerkungen zu neueren Veröffentlichungen aus dem Bereich der Hexenforschung. In: Zeitschrift für neuere Rechtsgeschichte 15, 1993, S. 202-226; Peter OESTMANN, Hexenprozesse am Reichskammergericht. Köln u.a. 1997, S. 1-10; Günter JEROUSCHEK, Forschungsbericht: Hexenverfolgung. In: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 111, 1999, S. 504-517.

[3] Vgl. OESTMANN (wie Anm. 2) sowie Britta GEHM, Die Hexenverfolgungen im Hochstift Bamberg und das Eingreifen des Reichshofrates zu ihrer Beendigung. Hildesheim 2000. - Hinzuweisen ist hier selbstverständlich auch auf die zahlreichen Arbeiten von Winfried TRUSEN, Wolfgang SCHILD und Günter JEROUSCHEK.

[4] Vgl. Anne KIERSPEL / Tino SCHMITT, Hexenprozesse und Gerichtspraxis, Tagung vom 25.-27. Februar 1999 in Wittlich. In: Spee-Jahrbuch 1999, S. 155-167. - Die Beiträge wurden veröffentlicht in: Hexenprozesse und Gerichtspraxis, hg. v. Herbert EIDEN und Rita VOLTMER. Trier 2002 (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 6).

[5] Vgl. Alison ROWLANDS / Rita VOLTMER, The Persecution of Witches and the Practice of Lordship ('Hexenverfolgung und Herschaftspraxis') Wittlich, Germany, 11-13 October 2001 (Conference Report). In: German History 20, 2002, S. 221-224; Rita VOLTMER, Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis. Internationale Tagung vom 11. bis 13. Oktober 2001 in Wittlich (Tagungsbericht). In: Spee-Jahrbuch 9, 2002, S. 158-168. - Die Beiträge werden 2003 in einem gleichnamigen Band, hg. v. Rita VOLTMER und Gudrun GERSMANN, in der Reihe "Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen" publiziert.

[6] Die Beiträge werden 2003 in einem gleichnamigen Tagungsband, hg. v. Johannes DILLINGER und Jürgen-Michael SCHMIDT, in der Reihe "Hexenforschung" publiziert.

[7] Brian P. LEVACK, Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgung in Europa. 2. Aufl. München 1999, S. 96-101 (Org. 1987).

[8] Vgl. beispielsweise Sönke LORENZ, Aktenversendung und Hexenprozesse. Dargestellt am Beispiel der Juristenfakultäten Rostock und Greifswald (1570/82-1630). Bd. I [Darstellung] Frankfurt a. M. 1982; Bd. II/1 Quellen: Die Hexenprozesse in den Rostocker Spruchakten von 1570 bis 1630. Bd. II/2 Quellen: Die Hexenprozesse in den Greifswalder Spruchakten von 1582 bis 1630. Franfurt a. M. 1983; DERS., Die Rechtsgutachten von Johann Fichard in Sachen Hexenprozeß. In: Hexenverfolgung. Beiträge zur Forschung - unter besonderer Berücksichtigung des südwestdeutschen Raumes, hg. v. Sönke LORENZ und Dieter R. BAUER, Würzburg 1995, S. 203-240; Sönke LORENZ: Die Rechtsauskunftstätigkeit der Tübinger Juristenfakultät in Hexenprozessen (ca. 1552-1602). In: ebd., S. 241-320; DERS., Die letzten Hexenprozesse in den Spruchakten der Juristenfakultäten. Versuch einer Beschreibung. In: Das Ende der Hexenverfolgungen, hg. v. DERS. und Dieter R. BAUER, Stuttgart 1995, S. 227-247; Sönke LORENZ, Zur Spruchpraxis der Juristenfakultät Mainz in Hexenprozessen. Ein Beitrag zur Geschichte von Jurisprudenz und Hexenverfolgung. In: Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, hg. v. Gunther FRANZ und Franz IRSIGLER, 2. Aufl. Trier 1996, S. 73-87.

[9] Zu nennen sind zu den Rechtsfakultäten in Tübingen, Helmstedt, Rinteln, Marburg und Gießen: Gerhard SCHORMANN, Hexenverfolgungen in Schaumburg. In: Niedersächsisches Jahrbuch 45, 1973, S. 145-169; DERS., Strafrechtspflege in Braunschweig-Wolfenbüttel 1569-1633. In: Braunschweigisches Jahrbuch 55, 1974, S. 90-112; DERS., Aus der Frühzeit der Rintelner Juristenfakultät. Bückeburg 1977; DERS., Hexenprozesse in Nordwestdeutschland. Hildesheim 1977. Zur Ingolstädter Fakultät: Wolfgang BEHRINGER, Glaube, Verfolgung, Vermarktung. 2. durchges. Aufl. München 2000. Zur medizinischen Fakultät der Universität Helmstedt: Claudia KAUERTZ, Wissenschaft und Hexenglaube. Die Diskussion des Zauber- und Hexenwesens an der Universität Helmstedt (1576-1626). Bielefeld 2001. Zur Juristenfakultät Rostock sowie den Justizkanzleien in Schwerin und Güstrow die kurz vor der Publikation stehende Dissertation von Katrin MOELLER zu Hexenverfolgungen in Mecklenburg. Zu den Schöppenstühlen in Jena, Coburg und Leipzig die ebenfalls kurz vor der Publikation stehende Dissertation von Ronald FÜSSEL zu den Hexenverfolgungen in Thüringen sowie zu den Juristenfakultäten in Leipzig und Wittenberg Manfred WILDE, Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. Köln u.a. 2003.

[10] Vgl. Anm. 8.

[11] Quellenkritische Überlegungen zur Interpretation von Ego-Dokumenten und Verhörprotokollen liefern beispielsweise: Wolfgang BEHRINGER, Gegenreformation als Generationenkonflikt oder: Verhörsprotokolle und andere administrative Quellen zur Mentalitätsgeschichte. In: Ego-Dokumente: Annäherung an den Menschen in der Geschichte, hg. v. Winfried SCHULZE. Berlin 1996, S. 275-293; Helga SCHNABEL-SCHÜLE, Ego-Dokumente im frühneuzeitlichen Strafprozeß. In: ebd., S. 295-317; Martin SCHEUTZ, solle Gott die ehre geben. Wertung von Aussagen vor Gericht in Kriminal- und Magieprozessen in Niederösterreich während des 18. Jahhrunderts. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis (wie Anm. 4), S. 395-422; Wahrheit, Wissen, Erinnerung. Zeugenverhörprotokolle als Quellen für soziale Wissensbestände in der Frühen Neuzeit, hg. v. Ralf-Peter FUCHS und Winfried SCHULZE. Münster u.a. 2003. - Mit den Aussagen in Hexenprozessakten und verwandten Quellen setzen sich u.a. quellenkritisch auseinander: OESTMANN (wie Anm. 2), S. 524f.; Rita VOLTMER, Hochgerichte und Hexenprozesse. Zur herrschaftlich-politischen Instrumentalisierung von Hexenverfolgungen. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis (wie Anm. 4), S. 475-525, bes. S. 488f.; Georg MODESTIN, Alice hinter den Spiegeln oder von den Schwierigkeiten, über Hexerei zu sprechen. Eine Einführung. In: Hexen, Herren und Richter. Die Verfolgung von Hexern und Hexen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz am Ende des Mittelalters, hg. v. Georg MODESTIN und Kathrin UTZ TREMP. Schweizerische Zeitschrift für Geschichte / Revue Suisse d'Histoire / Rivista storica svizzera 52/2, 2002, S. 105-108; Franz IRSIGLER, Information oder Fiktion. Vom Lesen zwischen den Zeilen. In: Alltagsleben und Magie in Hexenprozessen, hg. v. Rita VOLTMER und Günter GEHL. Weimar 2003, S. 9-19.

[12] Da die Schlußdiskussion aus Zeitgründen entfallen mußte, erlaubt sich die Berichterstatterin an dieser Stelle, die Ergebnisse der im Anschluß an die Vorträge stattgefundenen Diskussionen zusammenzufassen.

[13] "Zauberei bzw. Hexerei [stellt] eine wichtige Form von Kriminalität im frühneuzeitlichen Europa dar..."; Gerd SCHWERHOFF, Aktenkundig und gerichtsnotorisch. Einführung in die Historische Kriminalitätsforschung. Tübingen 1999, S. 20, Anm. 6. In Sammelbänden zur Kriminalitätsgeschichte finden sich durchaus Beiträge zur Hexenforschung bzw. umgekehrt; vgl. beispielsweise Gudrun GERSMANN, Konflikte, Krisen, Provokationen im Fürstbistum Münster. Kriminalgerichtsbarkeit im Spannungsfeld zwischen adeliger und landesherrlicher Justiz. In: Kriminalitätsforschung. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne, hg. v. Andreas BLAUERT und Gerd SCHWERHOFF. Konstanz 2000, S. 423-446; Erika MÜNSTER-SCHRÖER, "Grave gegen Düren". Zaubereianklage und Schöffenurteil, Feme und Reichskammergericht im frühen 16. Jahrhundert. In: ebd., S. 405-422; Rita VOLTMER / Walter RUMMEL, Die Verfolgung eigener Interessen durch Untertanen, Funktionäre und Herrschaften bei den Hexenjagden neim Hexenverfolgungen im Raum Maas-Rhein-Maas-Mosel-Raum In: Unrecht und Recht. Kriminalität und Gesellschaft im Wandel, 1500-2000. Gemeinsame Landesausstellung der rheinland-pfälzischen und saarländischen Archive. Wissenschaftlicher Begleitband, hg. v. Heinz-Günther BORCK unter Mitarbeit von Beate Dorfey. Koblenz 2002, S. 297-339; Gerd SCHWERHOFF, Strafjustiz und Grechtigkeit in historischer Perspektive - das Beispiel der Hexenprozesse. In: Justiz und Gerechtigkeit. Historische Beiträge (16.-19. Jahrhundert, hg. v. Andrea GRIESEBNER, Martin SCHEUTZ und Herwig WEIGL. Innsbruck u.a. 2002, S. 33-40; Elisabeth BIESEL, Hexerei und andere Verbrechen. Gerichtspraxis in der Stadt Toul um 1570-1630. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis (wie Anm. 4), S. 123-170; Ulrich SEIBERT, Gerichtsverfassung und Gerichtspraxis im Fürstbistum Lüttich. Rahmenbedingungen und Verlauf der Hexenverfolgungen unter Ernst und Ferdinand von Bayern (1581-1650). In: ebd., S. 253-277; SCHEUTZ (wie Anm. 11), VOLTMER (wie Anm. 11). - Angeregt von Klaus Graf, wurde eine thematische Annäherung von Hexen- und Kriminalitätsforschung auch in der Mailingliste zur Erforschung der Geschichte der Hexenverfolgungen diskutiert.

 

 

Empfohlene Zitierweise

Voltmer, Rita: Hexereiverfahren und höhere Rechtsprechung. Der Einfluss übergeordneter Gerichtsinstanzen und Spruchbehörden (Dikasterien) auf Verlauf und Ende frühneuzeitlicher Hexereiverfahren. Internationale Fachtagung vom 27. Februar bis 01. März 2003 in Stuttgart-Hohenheim. Tagungsbericht und Bilanz, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/e7zxp/

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Erstellt: 20.01.2006

Zuletzt geändert: 16.05.2006


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