Sachbegriffe

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Tribunal des Dix oder die Dix Justiciers und die Cinq Enquéreurs

Toul, Bistum (Toul)

Elisabeth Biesel

13.12.99

Im Jahre 1254 richtete nach mehreren Aufständen der Bürgerschaft gegen den Stadtherrn Bischof Gilles de Sorcy (1253-1271) zehn paraiges ein. Zudem ernannte er in jeder paraiges einen Pair , der den Maire bei der Einhaltung der Polizeiordnungen unterstützen sollte. Die Einteilung in paraiges wurde 1285 von der in zehn Bannières abgelöst, die die Stadt Toul in zehn Stadtviertel unterteilte. Fortan hatten die zehn Bannerets , aus denen sich das Gremium der zehn Justiciers entwickelte, die Polizeigewalt in den einzelnen Vierteln inne. Um Auseinandersetzungen mit den Zünften zu vermeiden, wurde das Gremium der fünf Enquéreurs geschaffen, dessen Mitglieder sich aus den Zünften rekrutierten. Die Pflege der weltlichen Strafrechtsprozesse fiel in der Zeit der großen Hexenverfolgung völlig in die Kompetenz des Gerichtes der zehn Justiciers , des Tribunal des Dix. Alle Untersuchungen von Delikten, die nicht mit Körperstrafen oder Verbannung zu ahnden waren, wurden von den fünf Enquéreurs durchgeführt.

Das Amtsjahr dauerte jeweils ein Jahr. Die Vorschlagsliste für den Bischof wurde von den alten zehn Justiciers und fünf Enquéreurs gemeinsam mit dem Procureur général de la cité de Toul und dem Sekretär aufgestellt. Der Bischof wählte die zehn Justiciers und fünf Enquéreurs aus, die in seiner Anwesenheit vereidigt wurden. Von den zehn Justiciers amtierte immer abwechselnd einer für sechs Wochen als Maître des Dix . Die Gerichtsverhandlungen vor den zehn Justiciers fanden im 16. Jahrhundert in jeder Woche montags, mittwochs und freitags statt; die Verfahren montags und freitags waren öffentlich. Daneben gab es noch summarische Schnellverfahren, die der Maître des Dix durchführte. In diesen wurden Angelegenheiten von geringer Bedeutung gerichtet, die meist durch Eid geklärt wurden. Die von den zehn Justiciers ausgeübte Gerichtsbarkeit umfaßte zivile und strafrechtliche Klagen, hinzu kamen auch Beleidigungsklagen und Klagen über die Störung der öffentlichen Ordnung. In schwierigen Fällen wurden die Akten der Prozesse nach Saint-Mihiel, Vitry, Bar, an die Universität von Pont-à-Mousson oder gar bis nach Besançon versandt. Im 17. Jahrhundert führten die zehn Justiciers bei strafrechtlichen Verfahren den gesamten Prozeß durch, die Voruntersuchung, die Verhöre, die Zeugenvorladung und -konfrontation, und sie veranlaßten die Folterung, wenn diese ihnen erforderlich schien.

Die Aufgabe der fünf Enquéreurs bestand darin, alle Rechtsübertretungen und Mißbräuche aufzuspüren, die sich in der Stadt ereigneten. Außerdem hatten sie die Sauberkeit der Straßen zu überwachen. Sie eröffneten die Gerichtsverfahren bei Beleidigungsklagen, bei Exzessen und Schlägereien, ebenso in allen Strafprozessen, sofern diese nicht unter die Hochgerichtsbarkeit fielen.

Die jeweils amtierenden fünf Enquéreurs führten während ihrer Amtszeit ein "Livre" fort, in den sie die ihnen wichtig erscheinenden Ereignisse, z.T. sogar in Gedichtform oder mit Zeichnungen geschmückt, eintrugen; der Besuch des französischen Königs, Truppenbewegungen in der Stadt und deren Umland, Unwetter, spektakuläre Verbrechen und Gerichtsverfahren, die Vaterschaft eines Mitgliedes, die neugewählten Mitglieder der verschiedenen städtischen Institutionen sowie kuriose Begebenheiten aller Art folgen in nicht immer chronologischer Anordnung aufeinander. Der "Livre" wird zur Zeit im Museum in Toul aufbewahrt. Zusammen mit dem seit 1569 im Auftrag der zehn Justiciers geführten Strafprozeßregister (A.C. Toul FF 8), das Nachträge bis zurück in das Jahr 1524 enthält und in dem alle Urteile in Strafverfahren sowie deren Vollstreckung verzeichnet werden sollten, ergibt sich ein lebendiges, wenn auch bei weitem nicht vollständiges Bild der Kriminalitätsgeschichte der Stadt.

Literatur

Jean-Paul AUBE: Le livre des enquéreurs de Toul. In: Études touloises 41, 1986, S. 17-40.

Elisabeth BIESEL: Hexerei und andere Verbrechen. Gerichtspraxis in Toul. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 5) Trier 1999, (im Druck).

Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997.

Elisabeth BIESEL: "Son corps ars, bruslé et reduict en cendres". Die Hexenverfolgung in Toul als Versuch innerstädtischer Konfliktlösung. In: Les Cahiers Lorrains , No 1, 1999, S. 9-30.

Albert Denis: La sorcellerie à Toul aux XVIe et XVIIe siècles. Nancy 1888.

Henri LEPAGE: Archives de Toul. Inventaire et documents. Nancy 1858.

Henri LEPAGE: Le livre des Enquéreurs de la cité de Toul. In: Bulletins de la Société d'Archéolgie lorraine 8, 1858, S. 177-247.

Mémoires de Jean du Pasquier, procureur syndic de la cité de Toul. Toul 1878.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Pasquier, Jean du von Elisabeth Biesel

Toul, Bistum (Toul) - Gerichtspraxis von Elisabeth Biesel

Toul, Bistum (Toul) - Hexenverfolgungen von Elisabeth Biesel

Procureur général de la cité de Toul oder der städtische Prokurator von Elisabeth Biesel

 

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Tribunal des Dix (Toul). Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/44zup/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006


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