Sachbegriffe

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Hexenverfolgung und Psychoanalyse

Günter Jerouschek

10.03.00

Sigmund Freud

Das Interesse, das Freud dem historischen Phänomen der Hexerei und der Hexenverfolgung entgegenbrachte, reicht bis zu den Anfängen der Psychoanalyse zurück. Ausgelöst wurde das Interesse durch seinen Studienaufenthalt in Frankreich bei dem berühmten Arzt Charcot, der damals führenden Kapazität auf dem Gebiet der hysterischen Erkrankungen. Die Hysterie bildete seinerzeit die prominenteste Erscheinungsform psychopathologischer Syndrome. Für Charcot war das moderne Krankheitsbild mit den überlieferten Erscheinungsformen von Besessenheit und Hexerei identisch, und auch Freud verfolgte diesen Ansatz in einem Lexikonartikel und einem Zeitschriftenbeitrag von 1892.

Zu einer vertiefteren Beschäftigung kam es während der Jahre 1896 und 1897, als Freud auf die analen Manifestationen im menschlichen Seelenleben stieß. Im Rahmen dieses Studiums der 'Drekkologie', wie er sein Interessensgebiet in griechischen Lettern umschrieb, führte ihn die Lektüre des Hexenhammers auf die Spur einer uralten Teufelsreligion, die im Kult der Hexen überdauert habe. Im Vergleich der Aussagen seiner hysterischen Patientinnen und Patienten mit den Geständnissen der Hexen fand er die Identifizierung der Hysterie mit der mittelalterlichen Besessenheit bestätigt, wobei die Gleichsetzung von Besessenheit und Hexerei aus heutiger Sicht nicht mehr angängig erscheint.

Freud glaubte, mit der damals von ihm entwickelten Traumatheorie, der zufolge die Hysterie Folge einer frühkindlich erlittenen Traumatisierung zumeist sexueller Natur war, auch für die Phänomene der Hexerei und Besessenheit eine Erklärung gefunden zu haben. Die 'strenge Therapie' der Hexenrichter verstand sich danach vor dem Hintergrund eines Wiederholungszwangs, dem die Inquisitoren unterlagen, indem sie in einer Art Rollentausch die frühkindliche Opferposition später als Täter ausagierten. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß Freud angesichts der Widerspenstigkeit seiner damaligen Patienten zutiefst irritiert und verärgert war, was in das nachsichtige Verständnis, das er den Verfolgern entgegenbrachte, mit eingeflossen sein dürfte.

Später ist Freud von der Traumatheorie in ihrer strengen Form abgerückt. In modifizierter Form behält sie aber nach wie vor, vor allem im Bereich der Psychotraumatologie, ihre Gültigkeit. In der Folge identifizierte sich Freud mehr mit Verfolgungskritikern, und 1907 erklärte er Johann Weyers Buch 'De praestigiis daemonum' zu den wichtigsten Büchern der Menschheitsgeschichte. Johann Weyer stand Freud insofern nahe, als Weyers fiktionale Deutung der Hexereivorstellungen deren intrapsychisch-phantasmatische Natur betonte. Freud kam mit dem Hexenthema noch ein weiteres Mal in Berührung, als er 1923 seinen Aufsatz 'Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert' veröffentlichte. Freud deutete hier, ausgehend von dem nunmehr entdeckten Ödipuskomplex, die Teufelsneurose eines Malers als Reaktion auf den Tod des Vaters. Die Deutung bleibt aber mit Rücksicht auf die Befunde in den von Freud benutzten Quellen zweifelhaft.

Die Freud-Schule

Den wichtigsten Beitrag zum Hexenthema hat unter den Freudschülern Ernest Jones verfaßt, der 1912 seine Studie über den Alptraum und seine Beziehung zum mittelalterlichen Aberglauben vorlegte. Für einen psychoanalytischen Erklärungszugang bot sich namentlich das Sabbatszenario an, das mit rationalen Mitteln kaum zu erhellen war. Auch Jones' Erklärungsversuch setzte am Ödipuskomplex als kardinaler Kategorie an. Nach Jones imponiert der Ketzerkonvent - und damit auch der hiervon entlehnte Hexensabbat - als negativ-ödipale Inszenierung. Hierzu veranlaßte ihn das deutlich anal-sexuelle Gepräge der vorgeblichen Ketzerkonvente. Im Gegensatz zum 'normalen' Ödipuskomplex, bei dem der Bub in Opposition zum Vater geht, um die Mutter als Liebesobjekt zu verteidigen, vermeidet die negativ-ödipale Lösung das kastrationsbedrohte Aufbegehren durch den Versuch, sich dem Vater als feminin-homosexueller Partner anzudienen. Diese Deutung stößt aber auf die Schwierigkeit, daß der Teufel auf dem Hexensabbat nicht lediglich als homosexuell, sondern als bisexuell in Erscheinung tritt. Jones' Versuch, im späteren Hexenstereotyp die verdrängten sexuellen Wünsche des kleinen Mädchens zu identifizieren, wirkt hingegen einseitig-bemüht.

Moderne Ansätze zu einer psychoanalytischen Hexenforschung

Schon bei einer oberflächlichen Sichtung psychoanalytisch inspirierter Beiträge zur Hexenforschung fällt auf, daß etwa Autoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum weit weniger Berührungsängste psychoanalytischen Erklärungsansätzen gegenüber aufweisen als die deutschsprachige Hexenforschung mit ihrem sozialgeschichtlichen Primat. So hat Norman Cohn 1975 das Sabbatszenario unter Zuhilfenahme von Erklärungsmodellen der in England prominenten psychoanalytischen Schule Melanie Kleins zu deuten gesucht, und Keith Thomas machte 1971 hinter den Zaubereianschuldigungen in England projektive Mechanismen aus. Edward Bever postulierte 1983 für die allfälligen 'angehexten' Krankheiten eine psychosomatische Genese. Einen gewichtigen Beitrag zur Rezeption psychoanalytischer Deutungsansätze auch in der deutschsprachigen Hexenforschung leistete Lyndal Roper in den 90er Jahren, die ebenfalls auf kleinianisches Gedankengut rekurrierte. Angesichts der Begrenztheit des sozialgeschichtlichen Erklärungspotentials plädieren mittlerweile auch von der Sozialgeschichte herkommende Hexenforscher wie Wolfgang Behringer für die Einbeziehung psychoanalytischer Erkenntnisse in die Hexenforschung.

Verfolger- und Opferperspektive

In der modernen Hexenforschung lassen sich zwei unterschiedliche Sichtweisen ausmachen, von denen aus die Hexenverfolgungen in den Blick genommen werden. Einmal kann dies von der Verfolgerseite her unternommen werden, um deren Anteil an dem Verfolgungspanorama quasi 'von oben' zu durchleuchten. Zum anderen kann die Klientel der Verfolgungsopfer ins Visier genommen werden, um den 'viktimologischen' Anteil am Zustandekommen der Hexenverfolgung zu akzentuieren. Spiegelt sich hierin in etwa die allgemeine historiographische Differenzierung in 'Geschichtsschreibung von oben' vs. 'Geschichtsschreibung von unten' wider, so zeigen aber gerade historiographische Feldstudien zu einzelnen konkreten Verfolgungen, daß obrigkeitliche und unterschichtliche Initiativen mit freilich je unterschiedlicher Gewichtigung beim Zustandekommen einer Verfolgung zusammenspielten. Für die Betonung dieses Zusammenspiels besteht um so mehr Anlaß, als sich in den letzten Jahren der unterschichtliche Anteil in den Vordergrund gerückt sieht.

Verfolgerperspektive

Angesichts des Umstandes, daß ein überproportional hoher Anteil an Verfolgungsopfern auf das Konto einzelner professioneller Hexenverfolger geht, hat 1998 W. Behringer die - bislang völlig unzureichende - Erforschung der Verfolgermentalität zu einem der großen Desiderate der Hexenforschung erklärt. Seine Anregung, hierfür das von der Frankfurter Schule entwickelte Konzept des 'autoritären Charakters' bzw. ihres im amerikanischen Exil weiterentwickelten Konzepts der 'authoritarian personality' fruchtbar zu machen, verspricht durchaus weiterführende Erkenntnisse. Erste Ansätze hierzu finden sich bei Jerouschek 1992, wobei sich die Einbeziehung in einen erweiterten Forschungskontext zur Historisierung des analen Charakters bzw. der Herausbildung der Analität als zivilisationsstiftendes Element seit dem Mittelalter anbieten würde.

Opferperspektive und vermittelnde Ansätze

Hartmut Weber hat 1996 in einer Untersuchung über sogenannte Kinderhexenprozesse plausibel machen können, daß bei einem signifikanten Anteil der wegen Hexerei verfolgten Kinder frühkindliche sexuelle Mißbrauchstraumata angenommen werden können. Die hieraus resultierende Destruktivität, was die psychische Formation anbelangt, vermag zu erklären, weshalb die Kinder später in Hexenprozesse involviert wurden. Dasselbe Muster läßt sich auch für Prozesse nachweisen, in denen Kinder als Denunzianten zur Verurteilung und Hinrichtung Verwandter beitrugen. Auch die von Bever vertretene These, die als 'angehext' gewähnten Krankheiten seien psychosomatischer Natur, läßt sich an etlichen Beispielen belegen, in denen eine konversionshysterische Symptomatik naheliegt. Wenn Evelyn Heinemann 1986 die Hysteriehypothese damit verneinen will, daß die Hysterie aus psychoanalytischer Sicht eine 'reife', d.h. lebensgeschichtlich erst in der späteren Kindheit in der ödipalen Phase erworbene Psychopathologie darstelle, so dürfte dieses 'Reifheitspostulat' für die psychoanalytische Krankheitslehre mittlerweile obsolet sein. Auch Heinemanns Hauptthese, für den Hexenwahn seien die frühkindlichen Deprivationen infolge des Ammenwesens maßgeblich, sah sich durchgreifender historiographischer Kritik ausgesetzt. Insbesondere wurde darauf verwiesen, daß das Ammenwesen europaweit auch in Regionen verbreitet war, die von Hexenverfolgungen verschont geblieben waren oder in denen nur eine geringe Verfolgungsintensität zu verzeichnen war.

Lyndal Roper hat in einer eindringlichen Detailstudie den ödipalen Kontext der Selbstbezichtigung und Selbstvernichtung eines pubertierenden Mädchens nachgezeichnet, das sich in einen Hexenprozeß verstrickte. Ihr zufolge kreisten die Hexereianschuldigungen wesentlich um den Bereich des Kindbetts mit unbewußten Ängsten um Brust, Milch und Ernährung und speisten sich damit aus Phantasien aus der Mutter-Kind-Beziehung. Allerdings konzentrierte sich Roper auf ihren Augsburger Quellenfundus, der eine Stadt betraf, deren Obrigkeit keine absonderlichen Verfolgungsaktivitäten an den Tag legte. Die Befunde lassen sich deshalb nicht verallgemeinern. Die Akzentuierung von Frauenkonflikten und allgemein die Ausblendung des inquisitorischen 'Verfolgungswahns' wurden von Kimmerle 1998 nachhaltig und i.E. überzeugend kritisiert.

Ausblick

Für die sogenannte Hexenforschung ist die Einbeziehung psychoanalytischer Erkenntnisse ein vordringliches Desiderat. Von hier aus könnten sich auf längere Sicht auch Impulse ergeben, die Psychohistorie als Teildisziplin der allgemeinen Historiographie zu etablieren.

Literatur

G. Jerouschek, Hexenangst und Hexenverfolgung. Zu Traumatisierung und Kriminalisierung in der frühen Neuzeit, in: Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse, Band 19, Würzburg 2000, G. Fischer, W. Mauser, C. Pietzcker, O. Gutjahr (Hg.).

G. Kimmerle, Hysterie und Hexerei, in: G. Kimmerle (Hg.), Hysterisierungen, Tübingen 1998, S. 77-182.

 

Empfohlene Zitierweise

Jerouscheck, Günter: Hexenverfolgung und Psychoanalyse. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/44zt6/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006


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