Sachbegriffe

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Staatsbildung und Hexenprozesse

Teresa Novy

I. Staatlichkeit

Damit von Staatlichkeit gesprochen werden kann, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein. Dazu gehören etwa ein fest abgegrenztes Staatsgebiet, überpersonale Herrschaft, ein Steuersystem, ein klar artikuliertes, auf Gleichheit beruhendes Recht, eine Form von Infrastruktur, sowie eine gewisse Legitimationsgrundlage. Staatsbildung, die Zunahme von Staatlichkeit also, darf nicht als geplanter Fortschritt, sondern muss als ein multikausales Ereignis verstanden werden.

Dass Staatlichkeit und Hexenprozesse unmittelbar zusammenhängen, macht schon die Tatsache klar, dass die großen europäischen Hexenverfolgungen des 16. bis 18. Jahrhunderts nicht von kirchlichen, sondern von weltlichen Gerichten durchgeführt wurden; so stellt Hexerei nicht nur ein theologisches sondern auch ein politisches Problem dar. Die weltliche Verfolgung von Hexerei geht also auf eine unüberwindbare Bindung des Staates an die Kirche zurück. Der Abfall des Glaubens stellte eine Art des Hochverrats dar, da die Staatsgewalt durch göttlichen Willen legitimiert wurde. Der jeweilige Herrscher wurde zum Vollstrecker Gottes Willens auf Erden und verpflichtete sich die Einhaltung Gottes Gesetzte zu garantieren. So mussten weltliche Gerichte Verstöße gegen das mosaische Gesetz ahnden. Diese Gerichte unterlagen jeweils einer eigenen territorialen Gesetzgebung, die wiederum der wirren geographischen und politischen Lage im Alten Reich ausgeliefert war.

Unabhängig von Staatsform und Gesetzeslage war es der jeweilige Staats- bzw. Verwaltungsapparat der Territorien, der Magie zum Verbrechen der Hexerei deklarierte. Gleichzeitig diente dieser Apparat durch seine Gerichte als Sanktionsgewalt und schuf durch seine Verwaltungsorgane den bürokratischen Rahmen für die Verfolgungen.

Ebenso nutze der Staat magische Glaubenssysteme, um seine Handlungsgewalt zu untermauern oder um Gegenstimmen und Abweichler zu dämonisieren. Englische oder Französische Könige etwa legitimierten ihre Macht durch das Vollbringen von Wundern oder führten Exorzismen durch. Während der europäischen Hexenverfolgung entstand eine eigene Art von eigener staatlicher Magie: Richter sollten damit geschützt werden oder Hexen zum Gestehen gebracht werden.

Als abstraktes Ordnungsprinzip taucht Staatlichkeit im Zusammenhang mit der inneren Organisation der vermuteten Hexensekten auf. Manche dieser imaginären Hexengruppen seien, laut Geständnissen, in einem Rangsystem aufgebaut, ähnlich dem einer Armee oder eines Verwaltungsapparates. Nicht selten war der denunzierte Anführer des Hexensabbat tatsächlich ein politisch einflussreicher Staatsdiener. Allerdings konnte diese Organisationsform auch umgekehrt werden; so konnte der Bürgermeister der Gemeinde auf dem Hexensabbat zum Diener seiner Bürgerschaft werden.

II. Etablierung des frühneuzeitlichen Staatsapparates

Die Durchführung von Hexenprozessen, gerade zu Beginn der Verfolgungen führte zur Ausprägung von Staatlichkeit. Doch schon das magisch-religiöse Weltbild muss als Grundlage für die Ausbildung frühneuzeitlicher Staatlichkeit angesehen werden. Als Beispiel können etwa Schweizer Städte dienen, die durch Hexenprozesse neue Herrschaftsgebiete von Adel und Landbevölkerung erlangten, oder Territorialstaaten, die durch die Einführung eines Justizapparates bei der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung, die sich eher abseits der staatlichen Macht befand, neue Autorität gewannen. Hexenverfolgungen wurden von staatlicher Seite als Krisenreaktion und Konfliktlösung angeboten und konnten durch ihre intensive Nutzung direkt in das kulturelle Leben der Dörfer eingebunden werden.

Dabei muss beachtet werden, dass Staatlichkeit nicht unabhängig von Politik aufgefasst werden darf. Die Ausprägung von Staatlichkeit darf nicht als Maßstab für die Intensität der Verfolgungen missverstanden werden. Die politischen Akteure sind maßgeblich verantwortlich für die Bewertung von Hexerei und deren Bekämpfung. So können ähnliche staatliche Strukturen in unterschiedlichen Herrschaftsgebieten abweichende Verfolgungsausmaße annehmen.

Dennoch ist zu beobachten, dass gewisse Formen und Stufen von Staatlichkeit geeignete Bedingungen für Massenverfolgungen bieten.

Verfolgungen, die auf Geheiß der jeweiligen Herrschaft geführt wurden, waren sich strukturell sehr ähnlich. Der Herrscher gründete ein Sondergremium zur ausschließlichen Verfolgung von Hexen. Diese Kommissionen bündelten die Staatlichkeit des jeweiligen Territoriums durch ihre administrativ-organisatorische Macht. Sie waren losgelöst von anderen staatlichen Organen und unterstanden ausschließlich der Aufsicht des Herrschers. Frei von Kontrollinstanzen boten sie die Möglichkeit von Massenverfolgungen ohne ausreichende rechtliche Grundlagen. So schuf der ausgeprägte Verfolgungswille eines Fürsten direkt neue staatliche Organe und dadurch Zunahme an Staatlichkeit. Die fränkischen Hochstifte Bamberg und Würzburg, die Reichsstädte Esslingen und Rottweil sowie die Verfolgungen in Salem können hierfür als Beispiele gelten. Auch adlige Gerichte besaßen ähnliche Strukturen. Sie waren der Willkür der adeligen Landesherren unterworfen und wurden nicht von Kontrollinstanzen in Schach gehalten.

Verfolgungen, die auf Betreiben der gemeinen Bevölkerung geführt wurden, basierten auf erprobten Selbstverwaltungsinstanzen. Bekannte Beispiele sind die Hexenausschüsse der Bevölkerung des Rhein-Maas-Mosel-Raums, die durch Artikulation von Verdächtigungen, Sammeln von Beweisen, Erhebungen von Anklagen und Organisation von Inhaftierung die Kompetenzen eines obrigkeitlichen Justizapparates übernahmen. Diese Gremien arbeiteten mit den lokalen Beamten zusammen und minimierten somit den Zugriff des Herrschers. So wurde die Macht des zentralisierten Staatsapparates der Territorialstaaten umgangen. Diese Form von Kommunalismus konnte v.a. in Gebieten auftreten, deren Zentralgewalt nur gering ausgeprägt war oder sich in einer politischen Krise befand; Frankreich und England während der Bürgerkriege können hier als Beispiel genannt werden.

Der administrativen Rahmen von intensiven Verfolgungen folgt also gewissen Strukturen. Sowohl die fürstlichen Sondergremien, die selbstverwalteten Organe der Untertanen als auch die adeligen Gerichte können als integrale Bestandteile des frühneuzeitlichen Staatssystems angesehen werden, die sich allerdings aus dem Staatskonzept ausgliederten und es dadurch instabilisierten. Diese Organisationen standen außerhalb der zentralstaatlichen Kontrolle; die Selbstverwaltungsinstanzen, weil sie unabhängig und durch eigenen politischen Willen der Bevölkerung entstanden waren, die Sonderkommissionen und adeligen Gerichte, weil sie durch die persönliche Involvierung des Fürsten bzw. des Adels die staatlichen Instanzen untergruben.

Sowohl die Sondergremien, die Untertanenverbände als auch die adeligen Gerichte waren einfache Justizsysteme, die keine Kontrollinstanzen oder Aufgabenverteilung kannten und somit unmittelbare und zügige Massenverfolgungen verursachen konnten. Daneben gab es Justizapparate, die durch Differenzierung und Strukturierung gekennzeichnet waren, und dadurch heftige Massenverfolgungen unmöglich machten. Hier wäre auf Württemberg zu verweisen. Ebenfalls sind in den Städten des Alten Reiches aus den selben Gründen nur wenig Hexenverfolgungen zu verzeichnen. Die verantwortlichen Stadträte waren komplizierte und untergliederte Organisationen, die durch deren lange Wege der Entscheidungsfindung heftige Verfolgungen nahezu nicht zu stande kommen ließen.

Heftige Verfolgungswellen können also als ein Zeichen von defizitärer Staatlichkeit gedeutet werden. Nichtsdestotrotz stehen die europäischen Hexenverfolgungen in engem Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen Staatsbildung; deutlich wird dies gerade in der Endphase der Hexenverfolgungen im Alten Reich.

III. Das Ende der Hexenprozesse

Sowohl die Sonder- als auch die Untertanengremien sowie die adeligen Gerichte waren langfristig betrachtet zum Scheitern verurteilt; sie sollten von effizienteren politischen Organisationen verdrängt werden, die eine Verdichtung von Staatlichkeit nachsichzogen.

Die großen Hexenverfolgungen im Alten Reich nahmen zur gleichen Zeit ab, als immer mehr Territorialstaaten neue Administrationsformen einführten, die eine zentrale unabhängige Kontrolle über den Justizapparat garantierten. Übergeordnete staatliche Kontrolle über das Gerichtssystem beinhaltet in der Regel eine verhaltene Einstellung zu Hexenprozessen, da dadurch persönliche Feindschaften oder Spannungen im sozialen Milieu des Dorfes als Verfolgungsgründe nicht mehr haltbar waren. Zusätzlich dämmte die zunehmende Säkularisation des Staatsbildes das staatliche Interesse an Hexenverfolgungen ein. Durch das Vorgehen gegen die Hexenprozesse konnten die neuen Staatsorgane ihre Macht beweisen und auf Strukturen zugreifen, die sich vorher am Rande ihrer Kontrolle befanden. Staatlichkeit nahm deutlich zu, durch die Beendigung von Hexenprozessen, vor allem von Prozessen „von unten“, weil der Staat nun direkte regulierende Wirkung sowohl auf das kulturelle und soziale Leben der gemeinen Bevölkerung als auch auf lokale Behörden hatte.

Zwangsläufig wird Kriminalität durch den Staat definiert und bekämpft; dadurch, dass er fortlaufend komplexere Systeme und Organe zur Beendigung dieser Kriminalität erschuf, baute er neue und gefestigte innere Strukturen auf, die zu seiner Verbreitung und Stärkung beitrugen. Durch den größeren staatlichen Zugriff auf den Verlauf der Hexenprozesse konnte sich der persönliche und soziale Charakter der Hexenprozesse nicht erhalten. Das auf rein bürokratischem Wege nicht nachweisbare Verbrechen der Hexerei verlor damit seine Berechtigung. So war die einzig logische Wirkung der Verstaatlichung des Ermittlungsapparates die Dekriminalisierung von Hexerei.

Literatur:

Thomas P. Becker, Hexenverfolgung in Kurköln, Kritische Anmerkungen zu Gerhard Schormanns „Krieg gegen die Hexen“, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 195, 1992, S. 204-214.

Johannes Dillinger, Hexenverfolgungen in Städten, in: Gunther Franz/Franz Irsigler (Hg.), Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung (Trierer Hexenprozesse, Quellen und Darstellungen 4), Trier 1998, S. 129-165.

Johannes Dillinger, Jürgen Michael Schmidt, Dieter R. Bauer (Hg.), Hexenprozesse und Staatsbildung, Bielefeld 2008.

Johannes Dillinger, The Political Aspects of the German Witch Hunts, in: Magic, Ritual, and Witchcraft 3, 2008, S. 62-81.

Kai Erikson, Die widerspenstigen Puritaner, Zur Soziologie abweichenden Verhaltens, Stuttgart 1978.

Günther Jerouschek, Der Hexenprozess als politisches Machtinstrument, in: Dieter Bauer/Sönke Lorenz (Hg.), Das Ende der Hexenverfolgung (Hexenforschung 1), Stuttgart 1995, S. 117-128.

Brian P. Levack, The Decline and End of Witchcraft Prosecutions, in: Bengt Ankarloo/Stuart Clark (Hg.), Witchcraft and Magic in Europe, The Eigteenth and Nineteenth Century, Philadelphia 1999, S. 1-93.

Sönke Lorenz, Das Ende der Hexenverfolgung, Stuttgart 1995.

Walter Rummel, Bauern, Herren und Hexen, Studien zur Sozialgeschichte sponheimscher und kurtrueruscher Hexenprozesse 1574 – 1664, (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 94), Göttingen 1991.

Walter Rummel, Das 'Ungestüme Umherlaufen' der Untertanen, Zum Verhältnis von religiöser Ideologie, sozialem Interesse und Staatsräson in den Hexenverfolgungen im Rheinland, in: Rheinische Vierteljahrblätter 67, 2003, S. 121-161.

 

Empfohlene Zitierweise

Novy, Teresa: Staatsbildung und Hexenverfolgung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/44zu7/

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Erstellt: 10.12.2013

Zuletzt geändert: 17.03.2014


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