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Satanismus

Dagmar Fügmann

14. August 2009

Von Satanismus im Sinne von Einzelpersonen und Gruppen, welche sich selbst als Satanisten bzw. ihre je eigene Art der Weltanschauung als Satanismus bezeichnen vor der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sprechen, ist nicht möglich. Alle Ausprägungen des selbstbezeichnenden zeitgenössischen Satanismus entstanden erst ab den 1960er Jahren.

Historisch beschreibbar sind aber sowohl die Verwendung des Begriffs Satanismus (besser hier: Teufelsanbetung) als Zuschreibung aus der Außenperspektive im christlichen Kontext als auch jene Quellen, aus welchen sich zeitgenössische satanistische Ansätze bestimmte Ideen und Konzepte entlehnen.

1. Satanismus und Teufelsanbetung

Gestützt auf verschiedene biblische Textstellen und pseudepigraphische Schriften vertraten bereits verschiedene Kirchenväter die Ansicht, dass es sich bei Satan um den Anstifter zum Bösen handelt, wobei Gott den Satan gut geschaffen hat, sich dieser und seine Anhänger aber aus freiem Willen dem Bösen zuwendeten. Das IV. Laterankonzil (1215) lieferte im Zuge der Auseinandersetzung mit den Lehren der Katharer und Waldenser die lehramtliche Bestätigung dafür, dass der Mensch nur durch die Verführung des Teufels sündigt, das Böse an sich aber nicht substantiell ist.

Die theologischen Lehren in Form von lehramtlichen Aussagen über Satan änderten sich seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bis ins 20. Jahrhundert kaum. Blieben die Aussagen des außerordentlichen Lehramtes zum Thema Teufel im Laufe der Jahrhunderte auch eher spärlich, so beschäftigten Satan, seine Werke und seine Anhängerschaft dennoch immer wieder kirchliche Vertreter.

Ab dem 11. Jahrhundert häuften sich die Vorwürfe seitens der Kirche vor allem gegenüber Bogomilen und Katharern, diese würden Satan verehren. 1207 rief Papst Innozenz III zum ersten Kreuzzug gegen die Katharer auf. Auch der Templerprozess (1312) basierte auf dem Vorwurf, die Templer seien mit dem Teufel im Bunde. Der Prozess gegen Gilles de Rais (1404-1440), dem Begleiter und Leibwächter Jeanne d'Arcs, wurde auf Grund der Anklage wegen Abfall vom Glauben, Kirchenschändung sowie Missbrauch und Ritualmorden an Kindern geführt, wobei er mit Dämonen – dem Gefolge des Satan - paktiert habe (siehe auch die Artikel Ketzerverfolgung und Häresie). Ein weiteres Zeugnis des sich verstärkenden Teufelswahns dieser Zeit ist die Bulle Summis Desiderantes von Papst Innozenz VIII vom 5. Dezember 1484 und der Malleus Maleficarum (Erstdruck 1487) – der Hexenhammer – des dominikanischen Inquisitors Heinrich Kramers (Institoris), der den Kommentar zur "Hexenbulle" von Innozenz VIII bildet. Die Hexenverfolgung nahm im 15. und 16. Jahrhundert intensive Ausmaße an. Die Vergehen der Hexen sind laut Hexenhammer der Schadenszauber, der sexuelle Verkehr mit dem Teufel und mit Incuben und Succuben, der Pakt mit Dämonen, der Abfall vom christlichen Glauben und die Feier des Hexensabbats. Allerdings fußten die frühneuzeitlichen Hexenprozesse äußerst selten auf einem Satanismus der Angeklagten, sondern auf Fremdzuschreibungen. Weitgehend erst am Ende der Hexenprozesse kam es gelegentlich zu Selbstbezichtigungen von Menschen wegen Hexerei oder dezidierten Teufelspakten (siehe auch den Artikel Andreas Weiss). Solche Prozesse basierten am Ende des 17. Jahrhunderts bereits auf dem Streit um die christliche Teufelslehre, da die Möglichkeit des Teufelspaktes aufgrund seiner nicht-substantiellen Gestalt mehr und mehr bestritten wurde.

Auch im 20. Jahrhundert war der Höllenfürst noch Thema theologischer Überlegungen. Papst Paul VI eröffnete im Jahre 1972 eine Ansprache innerhalb einer Generalaudienz mit den Worten: "Was braucht die Kirche heute am dringendsten? Unsere Antwort soll euch nicht erstaunen, nicht einfältig oder geradezu abergläubisch und unrealistisch vorkommen: eines der größten Bedürfnisse der Kirche ist die Abwehr jenes Bösen, den wir den Teufel nennen" (Claret 1997, S. 145).

Papst Benedikt XVI, damals Kardinal Ratzinger, äußert sich u. a. 1984 – bereits in der Position des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre – in einem Interview am Rande zum Thema Teufel: "Was weniger tiefsehende Theologen auch immer dazu sagen mögen, der Teufel ist für den christlichen Glauben eine rätselhafte, aber reale, personale, nicht bloß symbolische Präsenz. Und er ist eine mächtige Wirklichkeit ... eine unheilvolle, übermenschliche Freiheit, die sich gegen die Freiheit Gottes richtet ..." (Claret 1997, 162). All dies hat seine Basis letztendlich in den theologischen Überlegungen zu Satan und der Dämonenkonzeption der Theologie. Dennoch: der Teufel ist zwar zeitweise allenthalben vorhanden, herrscht über diese Welt, ist aber Gott nicht ebenbürtig. Man kann ihm die Seelen der Teufelsbuhler und Satansdiener wieder abringen - und sei es durch den Scheiterhaufen oder durch den Exorzismus. Der Teufel ist Gott letztendlich immer noch Untertan.

Dieser Grundgedanke änderte sich in der Folgezeit und Satan beginnt sich aus der Abhängigkeit von Gott langsam zu lösen. Dies ist die Voraussetzung zur Entstehung des zeitgenössischen Satanismus als explizitem Satanismus.

2. Veränderungen der Satanskonzeptionen ab dem 16. Jahrhundert

Mit der Reformation zerbrach die Einheit der christlichen Religion, der Ordo des Mittelalters begann sich aufzulösen. Die Theologie verlor den Charakter einer selbstverständlichen Leitwissenschaft mehr und mehr an die Naturwissenschaften, sie musste sich nun vor den Prinzipien der Aufklärung verantworten, zu deren Kerngedanken unter anderem jene der Selbstverantwortlichkeit und Autonomie des Individuums gehören. In philosophischen Überlegungen jener Zeit hinsichtlich Ursprung und Ursache des Bösen werden diese Grundgedanken deutlich. Der Aufklärer Immanuel Kant beispielsweise (1724-1804) deutete das Böse als eine Form von Selbstliebe des Menschen, die über das moralische Gesetz gestellt wird. Demnach wird das moralische Gesetz nur befolgt, wenn es dem Selbst dient. Die Ursache des Bösen liegt damit im Menschen selbst. Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) erkennt die Ursache für das Böse oberflächlich in den verderblichen gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen, tiefer betrachtet aber in der menschlichen Freiheit.

Die Veränderungen, denen das Satansbild unterlag, werden deutlicher im Bereich der Kunst und der schwarzen Romantik. Die Teufelsdarstellungen des Mittelalters zeigen den Höllenfürsten und sein Gefolge oft abschreckend, furchteinflößend, hässlich, wie . Sie werden als monströses Schreckbild, als Drache oder in Tiergestalt, sowie in ihrer Funktion als Verantwortliche für die Höllenqualen der Verdammten abgebildet. Die Gleichsetzung von hässlich und böse/schlecht findet hier ihren vielleicht deutlichsten Ausdruck. Ab dem 16. Jahrhundert entstehen Gemälde, die Satan nicht mehr ausschließlich hässlich und abstoßend zeigen, sondern, wenn auch nur in einzelnen Werken, den Aspekt des gefallenen Engels betonen. Satan bzw. Luzifer hat nun – wie beispielsweise in den Gemälden "Der heilige Michael und Satan" von Raffael Santi (1518), bei Lorenzo Lottos "Der heilige Michael verjagt Luzifer" (um 1555), in Tintorettos "Versuchung Christi" (um 1578) oder in "Erzengel Michael treibt die rebellierenden Engel in den Abgrund" von Luca Giordano (1655) - einen eher sinnlichen Körperbau und sein Gesicht ist ausdrucksvoll dargestellt. Es drückt menschliche emotionale Zustände wie z. B. Furcht, Trauer, Verlangen oder auch Entsetzen aus. Sinn dieser vereinzelten Arten der Abbildungen Satans könnte unter anderem die Darstellung der Vermenschlichung des Bösen aber auch die deutliche Hervorhebung der verführerischen (weil schönen) Kraft der Sünde sein.


Abb. 1: Der Sturz Satans von Gustave Doré, 1866

In den Illustrationen von Gustave Doré (1832-1883) zu Miltons „Verlorenem Paradies“ ist die Veränderung der Satanskonzeption noch deutlicher erkennbar. Der Teufel wird in seinem Schmerz nach dem Sturz aus der Herrlichkeit abgebildet, als Verwundeter, aber auch in seinem Neid Adam und Eva gegenüber. Er ist von schöner Gestalt und hat ein menschliches Gesicht, das seine Gefühle sichtbar ausdrückt. Satan ist hier schön, obwohl er böse ist. Im Bereich der Literatur wird die Änderung der Satanskonzeption spätestens in John Miltons Paradise Lost (1658-1665) deutlich. Hier ist Satan Rebell, unbeugsam und stolz, doch auch von trauriger Wesensart. Miltons literarischer Kunstgriff liegt in seiner Darstellung Satans, in dessen Hoffnungslosigkeit, die sich in seinem Hass angesichts all dessen, was ihn an seine frühere Herrlichkeit erinnert, ausdrückt. Im Unterschied zu früheren Teufelsdarstellungen erhält Miltons Satan das Brandmal des gefallenen Schönen. Er ist nicht länger hässlich und abstoßend. Satan verkörpert hier nicht nur Lüge, Neid, Hochmut und Hass, sondern stellt ebenso Heldenhaftigkeit, Intelligenz und Ausdauer dar. Er ist der tragische Held des Paradise Lost, nicht völlig frei von der Fähigkeit zu Mitleid und Reue. Im Verlorenen Paradies Miltons behält die Figur Satans, neben der Darstellung des Teufels in seiner Schönheit und Tragik, den Makel der Schuld am Zustand der Sünde.

Dieses Bild ändert sich in den Werken der schwarzen Romantik, die häufig heute neben bestimmten philosophischen Schriften von satanistischen Gruppen als Grundlagenliteratur zum Satanismus empfohlen werden. Die schwarze Romantik wendet sich Themenbereichen des abseitig-exzessiven Verhaltens zu, dem Bereich des Dämonischen, des Grotesken. Moralische Abgründe werden thematisiert. In Bezug auf die Konzeption Satans bedeutet dies: Er ist nun schön, weil er böse ist. Innerhalb der schwarzen Romantik bildete sich der literarische Satanismus, in dem Satan als der gefallene Rebell, mit dem die "gute Sache" unterliegt, thematisiert wird.

Zu den Werken des literarischen Satanismus, die auf den modernen Satanismus und seine Konzeption der Teufelsgestalt stark Einfluss genommen haben, zählt „Cain: A Mystery“ von Lord George Gordon Byron (1788-1824). Viele Elemente des Cain lassen sich in der Vorstellungswelt zeitgenössischer Satanisten wiederfinden: Satan/Luzifer, der den Menschen Wissen – das Licht der Erkenntnis – bringt, Satan der Menschenfreund, der Individualist, der seinen eigenen Weg geht, aber auch die Darstellung des Schöpfergottes als willkürlicher Demiurg. Als 1857 „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire erstmals erschienen, drückten die darin enthaltenen Litaneien Satans das Bild noch eindurcksvoller aus, das Milton und Byron zu zeichnen begonnen hatten. Satan wurde zum Gott erhoben, der um Erbarmen gebeten wird. Er ist nicht mehr Gegenspieler Gottes, sondern eigenständig geworden. Hier findet der vielleicht deutlichste Übergang zur Satanskonzeption des zeitgenössischen Satanismus statt. Weitere Autoren, deren Werke auf verschiedene Konzepte des zeitgenössischen Satanismus Einfluss genommen haben sind Giosuè Carducci und seine Hymne „A Satana“, Abbé Alphonse Lois Constant, besser bekannt unter dem Namen Éliphas Lévi, der Luzifer (den er von Satan unterscheidet) das "non serviam" deutlich zuschrieb. Luzifer wird bei Lèvi positiv gedacht als die notwendige Voraussetzung zur vollkommenen Erfahrung Gottes.

Alternative Satanskonzeptionen finden sich in der Folgezeit z. B. in der theosophischen Rede von Satan als "Gegenstand erster Notwendigkeit" (Eckert o.J., 150), der in Gestalt der Schlange der Bewusstwerdung des Menschen dient.

Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie trennt die Konzepte Luzifer und Ahriman, wobei Ahriman mit Satan gleichgesetzt wird. Ahrimanische Wesenheiten versuchen nach Steiner den Menschen ganz in die sinnliche Welt zu verstricken, Luzifer bringt dem Menschen individuelle Freiheit und moralische Erkenntnisfähigkeit, verführt aber auch zu Egoismus und moralischen Verfehlungen.

Aleister Crowley liefert unter anderem mit dem Kerngedanken seines "Liber Al vel Legis", dem so genannten "Thelemitischen Gesetz" (Tu was Du willst sei das ganze Gesetz) (Crowley 1993, 40, 110f) sowie dem in diesem Werk propagierten Sozialdarwinismus eine weitere Betonung des individuellen Willens und der individuellen Verabsolutierung des Menschen, welche in zeitgenössisches satanistisches Gedankengut einfließt.

3. Zeitgenössischer Satanismus

Das Feld zeitgenössischer Satanismus weist eine erhebliche Binnenvarianz auf. Neben organisierten Gruppen bezeichnet sich eine Vielzahl einzelner Personen als Satanist bzw. ihre Form der Weltanschauung als Satanismus. Häufig finden sich in all den unterschiedlichen Ansätzen jedoch zumindest Versatzstücke der Lehren der beiden ältesten organisierten Gruppen des zeitgenössischen Satanismus: Church of Satan und Temple of Set.

3.1 Church of Satan (CoS)

Die „Church of Satan“ ist 1966 von Anton Szandor LaVey, der sich selbst u. a. als den irdischen Vertreter seiner höllischen Majestät bezeichnete, in San Francisco (USA) ins Leben gerufen worden und in den USA als Kirche eingetragen (Fügmann 2008, 109-113). Die CoS verweist dezidiert darauf, dass es sich bei Satanismus nicht um Teufelsanbetung handelt. Satan ist für die CoS Symbol bzw. Archetyp, er repräsentiert die instinkthafte und triebbetonte Natur des Menschen, das eigene Selbst. Satanismus im Sinne der Church of Satan zu leben bedeutet, dass jeder Mensch sein eigener Gott werden kann innerhalb des je eigenen Universums (kein Gott für andere). Bestimmte Regelsätze wie die „Neun Satanischen Aussagen“ (LaVey 1969, 6. Aufl., 25), die „Elf Regel für die Erde“ (Gilmore 2007, 27f) oder „Pentagonaler Revisionismus“ (LaVey 2001, 124-128) legen Leitempfehlungen für satanistisches Handeln im Sinne der CoS fest.

Die „Neun Satanischen Aussagen“, die am Anfang der „Satanic Bible“, des Grundlagenwerkes der CoS stehen, lauten wie folgt (LaVey 1969, 25, Redstar 2004, 16-27):

1. Satan represents indulgence, instead of abstinence! (Satan repräsentiert Hingabe statt Enthaltsamkeit.)
2. Satan represents vital existence instead of spiritual pipe-dreams! (Satan repräsentiert vitale Existenz statt spiritueller Hirngespinste.)
3. Satan represents undefiled wisdom instead of hypocritical self-deceit! (Satan repräsentiert reine Weisheit statt heuchlerischer Selbsttäuschung.)
4. Satan represents kindness to those who deserve it, instead of love wasted on ingrates! (Satan repräsentiert Güte gegenüber denen, die sie verdienen, statt an Undankbare verschwendete Liebe.)
5. Satan represents vengeance, instead of turning the other cheek! (Satan repräsentiert Vergeltung statt Darbieten der anderen Wange.)
6. Satan represents responsibility to the responsible, instead of concern for psychic vampires! (Satan repräsentiert Verantwortung für die Verantwortlichen, statt Sorge um psychische Vampire.)
7. Satan represents man as just another animal, sometimes better, more often worse than those that walk on all-fours, who, because of his "divine spiritual and intellectual development" has become the most vicious animal of all! (Satan repräsentiert den Menschen als bloß ein anderes Tier – manchmal besser, moistens schlechter als die auf allen Vieren, das durch seine "göttliche, spirituelle und intellektuelle Entwicklung" zum bösartigsten aller Tiere geworden ist.)
8. Satan represents all of the so-called sins, as they all lead to physical, mental or emotional gratification! (Satan repräsentiert alle der sogenannten Sünden, da sie alle zur körperlichen, geistigen und emotionalen Genugtuung führen.)
9. Satan has been the best friend the church has ever had, as he kept it in business all these years! (Satan ist der beste Freund, den die Kirche jemals hatte, da er sie über all die Jahre im Geschäft gehalten hat.)

Die Ritualistik der Church of Satan versteht Rituale im Sinne von Psychodramen. Sie sollen dazu dienen, z. B. hinderliche Empfindungen des oder der Zelebranten zu kanalisieren und im Laufe des Rituals abzubauen. Wichtiger als festgelegte rituelle Anleitungen ist der CoS die grundlegende Konzeption satanistischer Magie, wie sie in der „Satanic Bible“ beschrieben wird. Drei Grundtypen satanistischer Rituale werden hier genannt.

Das so genannte „sex ritual“ dient dazu, in einer begehrten Person Verlangen nach demjenigen zu erwecken, der das Ritual performiert.

Die zweite Form des Rituals ist ein „compassion ritual“ bzw. „sentiment ritual“. Zweck dieses Ritualtyps ist es, sich selbst oder anderen zu helfen.

Der dritte Typ, der seine Anwendung in Situationen findet, in denen der Performierende Zorn, Hass oder Rachegefühle empfindet, ist ein „destruction ritual“. Sex, compassion und destruction gelten als die drei motivierenden Kräfte für ein Ritual. Ein Ritual bedient sich im Sinne der CoS magischer Kräfte, um wirksam zu werden.

Die „Satanic Bible“ unterscheidet zwei Kategorien von Magie, von denen die rituelle oder zeremonielle Magie auch als „Greater Magic“ bezeichnet wird. Zur Anwendung von „Greater Magic“ ist ein eigener, zumindest für die Zeit des Rituals oder der Zeremonie abgeschlossener Raum nötig, der Störungen von außen ausschließt. Sinn der „Greater Magic“ ist es, emotionale Energien zu bündeln und die dadurch hervorgerufene Kraft im Sinne des jeweiligen Zwecks des Rituals zu übertragen. Diese Kraft, „The Black Flame“, liegt in jedem Menschen. Die Techniken der „Greater Magic“ sind, wie bereits erwähnt, vor allem als Psychodramen konzipiert, welche zur Selbst-Transformation des Individuums beitragen sollen.

Nicht-rituelle oder manipulative, auch „Lesser Magic“ genannte Magie, lässt sich am besten als Wissen um Alltagspsychologie bzw. psychologische Vorgänge beschreiben. Durch bewusstes Einsetzen von Mimik, Gestik, Rhetorik, Duft und äußerem Erscheinungsbild soll ein Gegenüber manipuliert werden.

Die Church of Satan hat eine zentralistisch organisierte Struktur, geleitet wird sie von einem Hohepriester und einer Hohepriesterin, zusammen mit dem Entscheidungsgremium, dem so genannten „Council of Nine“. Die administrative Ebene wird vom „Order of the Trapezoid“ gebildet. Die hierarchische Gliederung der CoS teilt die Grundgesamtheit der Mitglieder in fünf Ränge ein. Die unterschiedlichen Ränge werden nach Leistungen und Erfolgen der Mitglieder im realen Leben verliehen, wobei diese Leistungen und Erfolge als adäquate Umsetzung der Lehrinhalte der CoS interpretiert werden. Inhaber des dritten bis fünften Ranges sind Mitglieder der „Priesthood of Mendes“, des Klerus der Church of Satan.

Einzelne Gruppen innerhalb der CoS werden als Grottos bezeichnet. Zwei Ebenen werden hinsichtlich „Grotto-Aktivitäten“ unterschieden: Zum einen gibt es Aktivitäten für die allgemeine Öffentlichkeit, wie beispielsweise informierende Vorträge zur CoS. Die zweite Aktivitätsebene ist Mitgliedern der CoS vorbehalten, die in geographischer Nähe zueinander leben. Sie bezieht sich auf gemeinsame Rituale, soziale Aktivitäten und andere Projekte, wie z. B. gemeinsame musikalische Projekte. Alle „Grottos“ unterstehen zumindest in administrativer Hinsicht der Leitung der CoS, der „Central Grotto“, deren Sitz sich seit 2001 in New York befindet. An diese „Central Grotto“ müssen auch alle Anträge auf Mitgliedschaft in der Church of Satan gesendet werden.

Die Church of Satan kennt zwei Arten der Mitgliedschaft. Eine „Passive Mitgliedschaft“ („Registered Member“) zu beantragen ist der erste Schritt, Mitglied zu werden. Den Antrag auf passive Mitgliedschaft sendet der Interessierte zusammen mit 200 US$ an das Zentralbüro in New York und bittet um Aufnahme in die Church of Satan. . Sinn der passiven Mitgliedschaft sei es laut CoS, Unterstützung oder Anerkennung für die Church of Satan zu zeigen. Passive Mitglieder gehen keine weiteren Verpflichtungen ein. Will ein Mitglied eine aktivere Rolle in der CoS einnehmen, kann gleichzeitig mit dem Antrag auf (passive) Mitgliedschaft (oder zu einem späteren Zeitpunkt) ein Antrag auf aktive Mitgliedschaft („Active Membership“) gestellt werden. Hierfür muss der Antragsteller ein Mindestalter von 18 Jahren haben.

Die Mitgliedschaft kann auf eigenen Wunsch oder durch Ausschluss durch die CoS beendet werden, ansonsten gilt sie lebenslang. Ein Ausschluss durch die CoS erfolgt dann, wenn ein Mitglied sich illegaler Handlungen schuldig macht oder – wie es etwas vage auf dem Antrag auf passive Mitgliedschaft zu lesen ist – bei der Umsetzung der Lehre der CoS versagt.

Ausschließlich aktive Mitglieder können innerhalb der Hierarchie der CoS aufsteigen. Der Aufstieg in der Hierarchie ist, wie bereits erwähnt, abhängig vom Erfolg des Mitglieds im realen Leben. An diesem Erfolg lässt sich in den Augen der CoS die adäquate Umsetzung der Lehrinhalte der Church of Satan ablesen.

Aktive Mitgliedschaft in der CoS schließt Mitgliedschaften in anderen religiösen Organisationen aus.

Die Cos ist eine nicht-initiatorische Organisation.

3.2 Temple of Set (ToS)

Der Gründer des Temple of Set, Michael A. Aquino, war eigenen Angaben nach bis zu seinem Austritt 1975 Mitglied des „Council of Nine“ und des „Order of the Trapezoid“ der Church of Satan. Das Beschwörungsritual, in dessen Rahmen Aquino den Fürsten der Finsternis in der Nacht vom 21. Juni 1975 anrief und in dessen Verlauf er das „Book of Coming Forth by Night“ (BoCFbN) niederschrieb, gilt dem ToS als Gründungsritual. Während des Rituals offenbarte sich der "Fürst der Finsternis" Aquino unter dem Namen Set. Unter diesem Namen wolle Satan, so der ToS, zukünftig verehrt werden.

Aus dem Erhalt des bereits angesprochenen „Book of Coming Forth by Night" leitet der ToS seinen innerweltlichen Auftrag und seine satanistische Autorität ab. Der Titel gilt dem ToS als Verneinung des altägyptischen Textes, der unter dem Titel „Book of Coming Forth by Day“ bzw. als ägyptisches Buch der Toten bekannt ist. Der ToS verweist inzwischen dezidiert darauf, dass für die Lehre und Philosophie des ToS das Prinzip „Xeper“ wichtiger ist, als das „Book of Coming Forth by Night“. „Xeper“ ist in der binnenperspektivischen Wahrnehmung des ToS wichtiger als jegliche inspirierte Schrift. Xeper nimmt laut Aquino Bezug auf die Transformation und Evolution des Willens von einem menschlichen zu einem göttlichen Zustand des Seins. Dies soll durch überlegene, bewusste und individuelle Willenskraft geschehen.

Analog zu den Unterscheidungen bezüglich Magie der Church of Satan unterscheidet der Temple of Set in „Greater Black Magic“ und „Lesser Black Magic“. Letztere wird ähnlich wie „Lesser Magic“ im Sinne der CoS beschrieben. Die setianische Initiation beinhaltet sowohl Studium als auch Praxis der setianischen Magie. Magie wird als Möglichkeit verstanden, alle denkbaren Handlungsfelder und Ereignisse bewusst zu verändern und zu beeinflussen.

Die anthropologische Konzeption des Temple of Set definiert den Menschen (im Gegensatz zur Konzeption der Church of Satan) als Wesen, das nicht nur der natürlichen Seinsordnung angehört, sondern darüber hinausgeht. Das Selbst des Menschen, das als Zusammensetzung unterschiedlicher Kräfte und Substanzen gedacht wird, wird durch die Kraft der „Black Flame“ vereint. Die „Black Flame“ strebt in der Konzeption des ToS nach Individualität und soll (geistig) kontaktiert und verstärkt werden, wobei die Eindrücke, welche die „Black Flame“ dabei liefert, in Handlungen umgesetzt werden sollen. Hier unterscheiden sich die Konzeptionen von ToS und CoS trotz gleicher Begrifflichkeit: die „Black Flame“ der Church of Satan scheint eine eher passive Anlage/Kraft zu bezeichnen, die in jedem Einzelnen und in der Natur liegt und die man mittels bestimmter Techniken aktiv einsetzen kann, um ein Ziel zu erreichen. Der „Black Flame“ des ToS scheint eher eine Art eigenes Bewusstsein zugeschrieben zu werden, wenn sie z. B. als nach Individualität strebend oder als „Schwarze Flamme der Selbsterkenntnis“ beschrieben wird. Beide Konzepte gehen jedoch davon aus, dass man unter Zuhilfenahme der „Black Flame“ Ereignisse etc. nach dem eigenen Willen verändern kann. Set, der u. a. als "Gott des subjektiven Universums" bezeichnet wird, bietet dem Initiierten einen Einblick in die Natur der (eigenen) Persönlichkeit, auch indem er dem Menschen die „Black Flame“ geschenkt hat.

Auf der strukturellen Ebene existieren im ToS so genannte „Pylonen“ und „Orden“. „Pylonen“ sind einerseits als lokale Gruppen – ähnlich wie die „Grottos“ der CoS – konzipiert, andere existieren als reine „Korrespondenzpylonen“ mit weltweiter Mitgliedschaft. Die „Orden“ des ToS unterscheiden sich organisatorisch und konzeptionell von den „Pylonen“. Sie sind inhaltlich orientiert und spezialisieren sich vor allem auf verschiedene magische Themenbereiche.

Die ausführende Autorität des ToS ist das „Council of Nine“, das sowohl den jeweiligen Hohepriester bzw. die Hohepriesterin Sets, als auch den Exekutivdirektor einsetzt.

Die interne Hierarchie des ToS besteht aus Priesterschaft und Laienmitgliedern, untergliedert in sechs Ränge. Die Grade III bis VI werden als spezialisierte religiöse Ämter verstanden. Sie werden nach dem Selbstverständnis des ToS nur durch Set selbst vergeben.

Die Mitgliedschaft im Temple of Set wird von interessierten Personen schriftlich am Hauptsitz in San Francisco/USA beantragt.

Der Temple of Set versteht sich im Gegensatz zur CoS als initiatorische Organisation. Mitglieder sind aufgefordert, sich aktiv in „Pylonen“ und Orden einzubringen und können zudem von der Priesterschaft evaluiert werden. Entsprechen Mitglieder nicht den an sie gestellten Anforderungen, können sie aus dem ToS ausgeschlossen werden.

Church of Satan und Temple of Set sind die beiden ältesten und größten satanistischen Organisationen mit inzwischen nahezu weltweiter Verbreitung.

4. Zeitgenössicher Satanismus in Außen- und Binnenperspektive

All die unterschiedlichen Konzeptionen der Satansgestalt, die hier in aller Kürze angesprochen wurden, fließen in das Bild des zeitgenössischen Satanismus ein. Die Konzeption von Satan als Mörder und Lügner, als Verführer zu allem Übel, als Höllenfürst, der mit seinem Gefolge die Verdammten quält, spiegelt sich vor allem in historischen und zeitgenössischen außenperspektivischen Aussagen zum Thema Satanismus. Durch diese Herleitung der Darstellung des zeitgenössischen Satanismus wurde den angeblichen oder tatsächlichen Anhängern Satans hinsichtlich ihrer ideologischen Ausrichtung ein hohes Maß an Bereitschaft zu allem möglichen üblen Tun unterstellt. Hieraus leiten sich u. a. Annahmen über brutale Ritualmorde und sexuelle Straftaten im Umfeld von Satanisten ab (Christiansen 2000, Fröhling 1996). Zeitgenössische satanistische binnenperspektivische Konzepte beziehen sich jedoch nicht auf diese – von v. a. christlich-theologischen Annahmen geprägten – Konzepte. Durch Bezüge auf Satanskonzeptionen aus dem Bereich vor allem der so genannten schwarzen Romantik gilt Satan/Luzifer/Set etc. als positiver Archetyp, der die Freiheit, die Individualität und die Eigenmacht des Individuums repräsentiert. Satan wird nicht mehr in Abhängigkeit von Gott gedacht, sondern als individuelles, in der Interpretation vieler Satanisten die "wahre" Natur des Menschen als instinkthaftes und triebbetontes Wesen, das zur Selbst-Entwicklung, Selbst-Verantwortung und Eigenmacht fähig ist, spiegelndes Element.

Der Kerngedanke des zeitgenössischen Satanismus lässt sich bei aller Binnenvarianz des Feldes als die Annahme umschreiben, dass jeder Mensch sein eigener Gott sein bzw. werden kann. In diesem Sinne müssen sich satanistische Konzepte den Vorwurf gefallen lassen, dass sie – theologisch betrachtet - die Hybris Satans, die Ursache für seinen Sturz aus der Herrlichkeit, sich selbst zum Handlungskonzept machen.

Quellen

Aiwass, Liber Al vel Legis: Das Buch des Gesetzes, niedergeschrieben von Aleister Crowley, Bergen/Dumme 1993. (Digitale Ausgabe von Hermetic.com (englisch); Deutsche Übersetzungen bei Wikipedia.)

Michael Aquino, The Temple of Set, San Francisco 2002, Draft 8. (Digitale Ausgabe bei Xeper.Org.)

Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, übersetzt von Terese Robinson, München 1982 (Digitale Ausgabe im Projekt Gutenberg).

Lord George Gordon Byron, Cain: A Mystery, Whitefish 2005 (Digitale Edition: Jeffrey D. Hoeper, in: English & Philosophy, April 2001, http://engphil.astate.edu/gallery/cain.txt (17.08.2009)).

Giosuè Carducci, Hymne A Satana, Digitale Ausgabe bei Satanismus.org) (08.08.2009).

Peter Hünermann (Hg.), Heinrich Denzinger: Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum - Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg 402005.

Anton Szandor LaVey, The Satanic Bible, New York 61996.

Anton Szandor LaVey, Die Satanischen Essays, Berlin 2001.

John Leonard (Hg.), John Milton: Paradise Lost, London 2003.

Literatur

Bernd Claret, Geheimnis des Bösen: Zur Diskussion um den Teufel, Innsbruck 1997, S. 145 und 162.

Ingolf Christiansen, Satanismus: Faszination des Bösen, Gütersloh 2000.

Alphonse Lois Constant, Transzendentale Magie: Dogma und Ritual / Éliphas Lévi, Basel 51992.

Dr. Victor Eckert (Hg. und Übersetzer), Helena Petrowna Blavatsky: Die Geheimlehre, Berlin o. J, S. 150.

Dagmar Fügmann, Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland. Eine religionswissenschaftliche Untersuchung bei Mitgliedern satanistischer Gruppierungen und gruppenunabhängigen Einzelnen: Hintergründe und Wertvorstellungen, in Erscheinung (Digitale Ausgabe bei Opus Universität Würzburg, urn:nbn:de:bvb:20-opus-26904).

Dagmar Fügmann, Moderner Satanismus und "Gewalt". Eine religionswissenschaftliche Untersuchung, in Erscheinung.

Peter H. Gilmore, The Satanic Scriptures, Baltimore 2007, S. 27f.Ulla Fröhling, Vater unser in der Hölle: Ein Tatsachenbericht, Seelze-Velber 1996.

Lars Peter Kronlob, Die Philosophie des Satanismus, Siegburg 2005.

Melanie Möller, Satanismus als Religion der Überschreitung, Marburg 2007.

Chris Redstar, Greetings From Hell – Bekenntnisse eines Satanisten, Norderstedt 2004, S. 16-27.

Joachim Schmidt, Satanismus: Mythos und Wirklichkeit, Marburg 22003.

Empfohlene Zitierweise

Fügmann, Dagmar: Satanismus Satanismus. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/44ztp/

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Erstellt: 12.08.2009

Zuletzt geändert: 15.07.2011


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