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Amulette und Talismane

Christa Tuczay

9. November 2007

Amuletten und Talismanen wurden in vielen Kulturen schützende Funktionen zugesprochen, die durch zusätzliche Zauberformeln oder Segenssprüchen Bekräftigung fanden.

Begriff und Funktion von Amuletten und Talismanen

Die Begriffe Amulett und Talisman umfassen wirkmächtige Gegenstände, Wortfolgen, Lieder, Formeln mit apotropäischen Verwendungszweck. So schützen sie etwa gegen Krankheiten oder sie heilen, kommen aber auch gegen Verzauberungen bzw. Verhexungen zum Einsatz. Diese Art von Schutzzauber ist schon in den ältesten Kulturen belegt.

Zauberformeln wurden gesprochen oder gesungen, auf Pergament, Steinen, Holz, Textilien aufgeschrieben und konnten als Schutzamulett am Körper getragen werden. Das christliche Verständnis machte einen Unterschied zwischen überkommenen aus paganer Zeit stammenden Zaubersprüchen, die Glück oder Gesundheit gewährleisten sollten und Gebeten, die als Gottes Segen verstanden werden.

Glücksbringer und Übel abwehrende Gegenstände werden unter dem Begriff Talisman oder Maskottchen subsumiert. Heiltalismanen ließ und lässt man besondere Sorgfalt angedeihen. So verwendete man gewisse Halbedelsteine bei der Geburtshilfe etc. Der Funktionsbereich der Talismane ist sehr komplex, weil sie die unterschiedlichen Begierden in verschiedenen Gesellschaften befriedigen. Amulette können Liebe hervorrufen oder abwehren, Jungfräulichkeit bewahren aber auch Potenz steigern oder Sieg im Kampf gewährleisten, indem sie Krieger unverwundbar machen. In ländlichen Gemeinden schützen Talismane Ernte, Nutztiere oder Speisen und halten Schädlinge ab. Generell gilt, dass die Amulette in hohem Maße zur Erhaltung oder Wiedererlangung der Gesundheit eingesetzt werden.

Form und Funktion der Sprüche

 

Allgemein gesprochen enthalten die meisten wirkmächtigen Sprüche sowohl Elemente christlicher als auch Relikte paganer Kultur, Wunder und Magie. Das christliche Weltverständnis konvergiert mit dem Volksglauben in der holistischen Weltsicht, in der sich physische und spirituelle Realitäten kreuzen. Daher erscheint der Unterschied zwischen Zauberspruch und Gebet nicht nur fließend sondern auch aufgesetzt: christliche Zaubersprüche haben oft heilige Namen eingeschlossen oder liturgieähnliche Formeln inkorporiert. Einige Sprüche kommen direkt aus der Bibel, wie Ezekiel 16,6. Verbreitet sind Sprüche, die pseudobiblische Ereignisse wiedergeben, wie das wunderbare Aufhalten des Jordans durch Jesus. Ein mit dem heiligen Petrus verbundener Spruch soll Alpträume vertreiben.

Im Frühmittelalter hatte ein gewisser Adelbert behauptet, dass ihm der Erzengel Michael einen Brief von Jesus gegeben hätte. Dieser angeblich direkt vom Himmel gefallene Brief ist der erste Text einer im Mittelalter populären Textgattung, den Himmelsbriefen.

Ein internationaler verbreiteter Spruch lässt sich auf pagane Ursprünge zurückführen. Es geht um die Heilung eines verstauchten Pferdebeines mit den Worten Beine zu Bein, Sehen zu Sehne, Vene zu Vene, Blut zu Blut. In der frühmittelalterlichen deutschen Version geht es um Balders verletztes Pferd, welches der Gott Wodan heilt. Die essentielle Formel war ein eingängiger Merkvers im Stabreim. Eine große Anzahl angelsächsischer und deutscher Zaubersprüche sind bis heute erhalten geblieben. Die sog. Dieterich Sammlung wurde in einer historisch kritischen Ausgabe von Monika Schulz herausgegeben

Theologen und Dämonologen

 

Das Christentum des Mittelalters ermutigte den Gebrauch von bestimmten heiligen Gegenständen als wirkkräftige Amulette. Das beliebteste war das Agnus, ein kleines Wachssiegel auf dem das Lamm und die Flagge des römischen Kaisers Konstantin abgebildet war. Der Segen des Papstes schützte seinen Träger gegen vielerlei Übel, darunter Blitzschlag, Feuer, Ertrinken oder Tod im Kindbett. Der heilige Thomas von Aquin tolerierte den Gebrauch von Amuletten die Bibelstellen enthielten, allerdings riet er, eher zu Gebeten Zuflucht zu nehmen. Der Malleus maleficarum von 1486 bot sieben Kriterien an, um erlaubte von unerlaubten bzw. gute von schädlichen Talismanen zu unterscheiden. Ein erlaubter Talisman stand mit keinerlei Teufelspakt, weder ausdrücklich noch stillschweigend, in Verbindung, bei Sprüchen durften keine unbekannten Namen vorkommen, außer dem Kreuzzeichen waren keinerlei Signa bzw. Riten erlaubt, unzulässig waren alle Texte außer der Bibel und diese im Originalkontext, das Amulett musste die Versicherung, dass seine Wirkmächtigkeit Amuletts allein auf Gott zurückgeht, enthalten.

Beschwörer, Besprecher, Volkssheiler

 

Mittelalterliche Besprecher besaßen ein mehr oder weniger großes Repertoire an wirksamen Sprüchen. Gewissen Männern und Frauen sagte man die Heilgabe nach, die sich sowohl auf Menschen als auch Nutztiere bezog. Diese Fähigkeit zum Heilen und zur Krankheitsdiagnostik war entweder angeboren oder wurde von einem Heiler auf den anderen weitergegeben. Ein Spruch heilte oft nur eine Krankheit und viele Heiler kannten lediglich einen oder zwei Sprüche.

Eine andere Gruppe der Volksheiler arbeitete mit magischen Steinen. Die mittelalterliche Literatur belegt die Kenntnis vielerlei Heilsteine, Kräuter und Sprüche. Die berühmte Hildegard von Bingen überlieferte Heilsprüche zusammen mit dem entsprechenden Heilmittel. Unterschiedliche Methoden kamen in Anwendung. Viele Besprecher strichen über die verletzte Stelle, nachdem sie ihre Hand mit dem eigenen Speichel benetzt hatten, andere bliesen darauf, bei Warzen genügte ein Blick der Warzenspezialisten. Verbreitet war der Glaube, dass die unterschiedlichen Methoden mit Hilfe von Sprüchen oder Gebeten verstärkt werden konnten.

Beschwörer oder Hexenbanner benutzten ihre magischen Kenntnisse um Verhexungen entgegenzuwirken oder diese aufzuheben. Die Kirche anerkannte ihren Gebrauch von christlichen Gebeten und Bibelsprüchen als Heilmethode oder Schutz gegen das Böse, war jedoch mit den nahe verwandten Praktiken vieler Volksheiler nicht einverstanden, die magische Paraphernalia und Sprüche verwendeten. Weise Frauen gebrauchten traditionelle Zaubersprüche um böse Blicke abzuwenden oder Flüche und böse Zauber abzuwehren, aber auch um die Eigenschaften von Kräutern oder Amuletten zu verstärken. Deshalb tauchen Sprüche nicht ganz selten als Beweise in Zauberei- und Hexenprozessen auf. Die Erhaltung von einem Großteil der Sprüche und Amulette geht auf den akribischen Sammeleifer der römischen, spanischen und portugiesischen Inquisition zurück, die Zaubersprüche und Amulette von hunderten von Volksmagiern aufzeichneten.

In der Neuzeit konnten die professionellen Segensprecher und Volksheiler in den ländlichen Gemeinden kaum überleben, erhielten jedoch in der urbanen Kultur wieder Auftrieb. Die New Age Bewegung mit ihrer Rückkehr zur holistischen Weltschau und den sog. Naturmethoden belebte die Traditionen der Besprecher und Volksheiler und eröffnete damit ein breites Spektrum neuer Anwendungsgebiete.

Literatur:

 

 

Edina Bozóky, Mythic Mediation in Healing Incantations, in: Sheila Campbell / Bert Hall / David Klausner (Hg.), Health Disease and Healing in Medieval Culture, . Houndmills, Basingstoke, Hampshire 1992, S. 84 - 92.

 

Owen Davies, Charmers and Charming in England and Wales from the Eighteenth to the Twentieth Century, in: Folklore 109, S. 41 - 52.

 

Ders., Witchcraft, Magic, and Culture 1736-1951, Manchester 1999.

 

Thomas R . Forbes, The Midwife and the Witch, New Haven / London 1966.

Ders., Verbal Charms in British Folk Medicine, in: Proceedings of the American Philological Society 115/4, S. 293 - 316.

 

Richard Godbeer, The Devil’s Dominion: Magic and Religion in Early New England, Cambridge / New York 1992.

 

Vernea Holzmann, „Ich beswer dich wurm vnd xyrmin …”. Formen und Typen altdeutscher Zaubersprüche und Segen, Bern / Frankfurt/M. u. a. 2001.

 

Tony Hunt, Popular Medicine in Thirteenth-Century England, London 1990.

 

Karen Louise Jolly, Popular Religion in Late Saxon England. Elf Charms in Context, Chapel Hill / London 1996.

 

Rossell Hope Robbins, The Encyclopedia of Witchcraft and Demonology, New York, S. 85 - 88.

Monika

 

 

Schulz, Magie oder die Wiederherstellung der Ordnung, Frankfurt/M. / Berlin 2000.

 

Godfrid Storms, Anglo-Saxon Magic, The Hague 1948.

 

Empfohlene Zitierweise

Tuczay, Christa: Amulette und Talismane. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/44zmy/

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Erstellt: 06.11.2007

Zuletzt geändert: 06.11.2007


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