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Spee, Friedrich

(fälschlicherweise auch Friedrich von Spee oder Friedrich Spee von Langenfeld)

Teresa Novy

17. März 2014

* 25. Februar 1591 in Kaiserswerth bei Düsseldorf, † 7. August 1635 in Trier; Kritiker der Hexenprozesse und Kirchenlyriker

I. Kurzbiographie

Friedrich Spee wurde 1591 als ältester Sohn des adeligen Amtmanns Peter Spee auf der Kaiserswerther Feste geboren. Er besuchte ab 1601 das Jesuitengymnasium in Köln, bevor er 1610 in Trier gegen den Rat seiner Eltern in den Jesuitenorden eintrat. Sein eigentliches Anliegen, als Missionar in Indien tätig zu sein, blieb ihm versagt. Er studierte zuerst Philosophie in Würzburg; ab 1619 Theologie in Mainz. Während seines Studiums musste Spee wegen mehrerer Pestausbrüche seinen Wohn- und Studienort wechseln; 1623 schloss er sein Theologiestudium schließlich in Mainz ab und erhielt dort die Priesterweihe. Er arbeitete bis 1628 in Wesel und Köln als Dozent für Logik, Physik und Metaphysik. Im Herbst 1628 wurde er zur Durchsetzung der Rekatholisierung nach Peine versetzt. Ab 1629 war er Professor für Moraltheologie in Paderborn, wurde aber aufgrund von Unstimmigkeiten im Orden bereits 1630 wieder abgesetzt. 1633 wurde Spee nach Trier versetzt, wo er zunächst als Professor für Kasuistik, später für Exegese tätig war. Zusätzlich arbeitete er als Seelsorger in Gefängnissen und Krankenhäusern. Hierbei infizierte er sich mit der Pest und verstarb am 7. August 1635.

II. Kritik an Hexenprozessen

Friedrich Spee gilt wegen seines Werkes Cautio Criminalis seu de processibus contra sagas liber als Deutschlands bedeutendster Kritiker der Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts. In 51 kurzen Kapiteln (dubia) geht Spee der Frage nach, warum es in Deutschland so viele Hexen gebe. Der Grund dafür sei seiner Ansicht nach der übermäßige Gebrauch der Folter. Seine Kritik an den Hexenprozessen galt nicht der Realität der Hexerei, sondern der Prozesspraxis in deutschen Gerichtssälen und den grausamen Foltermethoden der deutschen Richter, die unschuldige Menschen verurteilten.

Im Gegensatz zu früheren Meinungen geht die Forschung heute davon aus, dass die Cautio Criminalis während seines Aufenthaltes in Paderborn von Ende 1629 bis Frühjahr 1631 entstanden sein muss. Der Erstdruck erschien 1631 anonym in Rinteln bei Peter Lucius. Die Frage, ob Spee von der Veröffentlichung seines Manuskriptes wusste, oder ob es durch die Hand eines Vertrauten dem Drucker zugespielt wurde, kann bis heute nicht vollständig geklärt werden. Die Forschung geht dennoch von Spees Mitwissen, wenn nicht von seiner Mitwirkung, aus. Auch wenn Spee nicht der einzige Kritiker der Hexenprozesse im Jesuitenorden war, wurde er umgehend als Autor identifiziert. Nach einer verschärften zweiten Ausgabe der Cautio Criminalis im Jahr 1632 wurde Spee – auch auf Nachdruck des Ordensgenerals vom Kölner Provinzial Goswin Nickel – nicht aus dem Orden gestoßen, sondern an die Universität Trier versetzt.

1647 erschien bereits die von Friedrich Seifert besorgte erste – gekürzte – Übersetzung des Werkes. Vollständig und bemühter übersetzte Hermann Schmidt die zweite Ausgabe der Cautio 1649 ins Deutsche. Spees Werk wurde noch im 17. Jahrhundert ins Niederländische, Französische und Polnische übertragen. Ebenso wurden weitere lateinische Ausgaben publiziert. 1731 erschien zum ersten Mal Friedrich Spees Name auf dem Titelblatt.

Das Traktat besteht insgesamt aus 51 Kapiteln, einer Conclusio ad lectorem und einem kurzen Anhang. Die zweite Ausgabe beinhaltet eine Vorrede des fiktiven Druckers sowie einleitende Bibelzitate und ein Inhaltsverzeichnis.

Die einzelnen Kapitel folgen einem einheitlichen Aufbau: dubia (Frage/Zweifel) – respondeo (Spees Antwort) – ratio (Erläuterung). Einigen Kapiteln sind detailliertere Ausführungen beigefügt.

Am Anfang des Werkes (Kapitel 1 – 7) steht die Frage nach der Existenz von Hexen und ob Hexerei als ein Sonderverbrechen zu gelten habe. Kapitel acht und neun gehen auf die Rolle der Fürsten bei den Prozessen ein. In den nächsten acht Kapiteln geht es um die Möglichkeit, dass Unschuldige als Hexen bestraft werden könnten. In Kapitel 13 bringt Spee das bekannte Bibelzitat vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13, 24 – 30) als Argument gegen die Verfolgungen. Kapitel 18 fasst die Argumente der ersten Abschnitte nochmals knapp zusammen. Als Überleitung zur Diskussion über die Anwendung der Folter dient Kapitel 19. Bis Kapitel 31 geht Spee auf die Abschaffung der Folter ein. In den nächsten elf Abschnitten wendet sich Spee dem Prozesshergang bis hin zum Tod von Gefangenen zu. In Kapitel 43 bis 47 argumentiert er gegen den Nutzen von „erfolterten“ Denunziationen. In den letzten Kapiteln greift er Argumente von Verfolgungsbefürwortern auf und versucht, sie zu widerlegen. Das letzte Kapitel bildet eine abschließende Zusammenfassung all seiner Argumente. Im Anhang veranschaulicht Spee die negativen Konsequenzen von Folter und Denunziationen.

Spee fordert in der Cautio Criminalis drei grundlegende Dinge, die er weiterführend von seinem Vordenker und Ordensbruder Adam Tanner übernimmt: zum ersten die Verbesserung der Prozesspraxis in Hexenprozessen. Er fordert etwa die Überwachung von Gerichten und Richtern, die richtige Ausbildung und Auswahl der Richter, das Recht auf Verteidigung des Angeklagten und das Verbieten der Folter.

Zum zweiten besteht Spee auf christliches und verantwortungsvolles Handeln von Beamten, Richtern und Herrschern. Gemäß der Charitas Christiana sei es den Verantwortlichen geboten den Angeklagten mit Nächstenliebe gegenüber zu stehen. Ferner sei neben den biblischen Geboten und Gesetzen auch das Jus Naturale zu bedenken, dass ein von Gott gegebenes Gesetz darstellt, das neben den geschriebenen Geboten zu beachten ist und somit Gelegenheit gibt das Gebot der Hexentötung in Ex, 22, 18 zu umgehen. Hier bringt Spee die Recta Ratio, die gesunde Vernunft, ins Spiel. Die Richter und Fürsten sollten sich nicht blind auf die Gelehrten und das Geschwätz der Leute verlassen, sondern sich selbst ein Urteil bilden.

Zum dritten fordert er die Einschränkung, bzw. die endgültige Abschaffung der Hexenprozesse. Er fordert Vorsicht gegenüber dem Verfolgungswahn aufgrund der Möglichkeit der Verurteilung von Unschuldigen. Spee gilt deshalb als erster Verfechter des Zweifelsatzes (in dubio pro reo) im deutschen Rechtsraum. Zwar argumentieren andere Kritiker, wie Tanner, Weyer, Pleier oder Praetorius ebenfalls in diese Richtung, verwerfen aber nur die Bestrafung der Unschuldigen; Spee hingegen sogar jegliches juristisches Vorgehen gegen diese. Spee postuliert, dass im Zweifel immer zu Gunsten des Angeklagten, nie des Klägers, entschieden werden sollte. Weiterhin fordert er, dass ein Angeklagter so lange für unschuldig zu halten sei, bis seine Schuld eindeutig und zweifelsfrei bewiesen worden ist. Spee argumentiert, dass das Hexenprozessverfahren nicht zu billigen sei, da in so gestalteten Prozessen unweigerlich die Gefahr bestünde, auch Unschuldige als Hexen zu verurteilen. Dem „Weizengleichnis“ zufolge sei es gefordert, eher Schuldige frei zulassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen. So kommt Spee zu dem Schluss, dass sämtliche Hexenprozesse nicht zu dulden seien.

Spee selbst ist eindeutig Kritiker der Hexenverfolgungen, obwohl seine Cautio vordergründig lediglich die Prozesspraxis, im Besonderen die Folter anprangert. Hätte Spee direkt den Glauben an die Existenz der Hexerei angegriffen, wäre es ihm ergangen wie anderen Kritikern seiner Zeit, etwa Johann Weyer oder Cornelius Loos, die beide direkt die Realität der Hexerei verneinten. Letzterer etwa wurde mehrmals inhaftiert und verstarb letztlich in Gefangenschaft Die Frage nach der Realität der Hexerei behandelt Spee zu Anfang seines Werkes nur nebensächlich. Seine Argumentationsstrategie hingegen lässt keinen Zweifel an seiner Abneigung gegen den Hexenglauben. In Kapitel 48 scheint seine Ablehnung der Hexenverfolgungen deutlich durch: Durch die Kennzeichnung der Hexerei als Sonderverbrechen und dem damit verbundenen übermäßigen Gebrauch der Folter kann jeder Angeklagte bzw. jede Angeklagte als Hexe verurteilt werden. Unterließe man den rechtswidrigen Prozesshergang, so gäbe es keine Hexen mehr. Einige Historiker bezeichnen Spee aufgrund dieser Argumentation als einen der frühesten Vertreter des Labelling-Ansatzes.

III. Kirchenlyrik

Spee schrieb nicht nur seine lateinische Cautio gegen die Gräuel der Hexenverfolgung, sondern auch lyrische Werke in deutscher Sprache. Er gilt als Autor von annähernd hundert Kirchenliedern, die zwischen 1621 und 1637 anonym erschienen sind. Die sogenannte Trutznachtigall wurde 1649 posthum als eine Sammlung von 52 geistlichen Gesängen veröffentlicht. Darin preist Spee in kunstvoller und blumiger deutscher Sprache die Größe Gottes.

Im Güldenen Tugend-Buch (1627), das als Auftragsarbeit einer religiösen Frauengemeinschaft in Köln verfasst wurde, bietet Spee ein Jahr lang wöchentliche Hilfestellung beim Gebet und beim Vollzug eines guten christlichen Lebens. Besonders hebt Spee hier die drei göttlichen Tugenden hervor: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Literatur

 

Gunther Franz (Hg.), Friedrich Spee zum 400. Geburtstag. Kolloquium der Friedrich-Spee-Gesellschaft Trier, Paderborn 2001.

Theo G.M. Van Oorschot (Hg.), Friedrich Spee (1591 – 1635) Düsseldorfer Symposion zum 400. Geburtstag: Neue Ergebnisse der Spee-Forschung, Bielefeld 1993.

Heinz Finger (Hg.), Friedrich Spee: Priester, Mahner und Poet (1591 – 1635), Eine Austellung der Diözesan- und Dombibliothek Köln in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Spee-Gesellschaft Düsseldorf: 11. Juni bis 9. Oktober 2008, Köln 2008.

Johannes Dillinger, Friedrich Spee und Adam Tanner: Zwei Gegner der Hexenprozesse aus dem Jesuitenorden, in: Spee-Jahrbuch 7, 2000, S. 31-58, [Onlineausgabe: http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/spee-jahrbuecher/jg-7-2000/].

Günter Jerouschek, Spee, Friedrich (1591 – 1653), in: Richard Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft, The Western Traditions, Volume 4, Q-Z, Oxford 2005, S. 1076-1077f.

Peter Oestmann, Friedrich Spee und das Reichskammergericht im Kampf gegen die Hexenprozesse, in: Spee-Jahrbuch 5, 1998, S. 9-59. [Onlineausgabe: https://historicum.net/fileadmin/sxw/Themen/Hexenforschung/Speejb/spj_05_1998/02_spj_4_1998_9_58.pdf].

Wolfgang Graf von Spee, Mutiges Bekenntnis gegen den Zeitgeist: Cautio Criminalis, in: Spee-Jahrbuch 12, 2005, S. 127-144. [Onlineausgabe: https://www.historicum.net/fileadmin/sxw/Themen/Hexenforschung/Speejb/spj_12_2005/09_spj_4_2005_127_144.pdf].

Jan Zopfs, Juristische Überzeugungskunst am Beispiel der Cautio Criminalis, in: Spee-Jahrbuch 10, 2003, S. 153-178, [Onlineausgabe: https://www.historicum.net/fileadmin/sxw/Themen/Hexenforschung/Speejb/spj_10_2003/01_spj_4_2003_3_7.pdf].

Jan Zopfs, Unschuldsvermutung und „in dubio pro reo“ in der Cautio Criminalis, in: Spee-Jahrbuch 16, 2009, S. 79-92. [Onlineausgabe: https://www.historicum.net/fileadmin/sxw/Themen/Hexenforschung/Speejb/spj_16_2009/06_spj_4_2009_79_92.pdf ].

 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Novy, Teresa: Spee, Friedrich. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/45zu6/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 18.03.2014

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