P-Z

Hexenverfolgungen in der Grafschaft Tirol und im Hochstift Brixen

Hansjörg Rabanser

12. März 2014

Territorien

Die Gebiete der Grafschaft Tirol und des Hochstifts Brixen präsentieren sich rein geographisch gesehen als großteils geschlossenes Territorium mit den Kernlanden an den Flüssen Inn, Etsch, Eisack und Rienz. Im Vergleich deckt sich der Raum mit den heutigen Gebieten Nord-, Ost- und Südtirol sowie Vorarlberg und Teilen des Trentino. Eine gewisse Zersplitterung – bedingt durch spätere Gebietsgewinne und -verluste, spezielle lehenrechtliche Verleihungen oder Verpfändungen – zeigt sich in den Randzonen des Territoriums zu den Hochstiften Salzburg, Trient und Chur sowie zu ehemaligen Besitzungen der Herzöge von Bayern, der Grafen von Görz und der Republik Venedig; nicht zu vergessen seien die Enklaven des Hochstifts Freising und des Klosters Frauenchiemsee. Innerhalb des genannten Gebietes genossen die Fürstbistümer Brixen und Trient durch den althergebrachten Reichsfürstenstand eine Sonderstellung. Während das Hochstift Trient ein einigermaßen geschlossenes Gebiet umfasste, bestand das Hochstift Brixen aus zerstreuten Enklaven in der Brixner Gegend, den ladinischen Tälern, im Pustertal und in Osttirol.

Die starke Verzahnung der genannten Territorien bzw. der gerichtlichen Verwaltungseinheiten und vor allem die zeitlich bzw. verwaltungstechnisch wechselnden Schutzherrschaften (Grafschaft Tirol, Hochstifte Brixen und Trient) für ein und dasselbe Gericht erschweren allerdings eine durchgehende und einheitliche Behandlung dieser Herrschaftsgebiete. Die folgenden Ausführungen und Daten konzentrieren sich auf das verhältnismäßig geschlossene Gebiet der Grafschaft Tirol und des Hochstifts Brixen. Nicht berücksichtigt werden sollen das Hochstift Trient und die bis 1752 der Tiroler Regierung unterstellten Herrschaften in Schwäbisch-Österreich bzw. vor dem Arlberg.

Rechtliche Grundlagen

Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts existierte in Tirol kein kodifiziertes Strafrecht, ehe die Grafschaft Tirol als das erste deutschsprachige Gebiet des Reiches 1499 unter König Maximilian ein solches erhielt, die sogenannte Maximilianische Halsgerichtsordnung. Das Zaubereidelikt erfuhr darin noch keine singuläre Behandlung. Auch die folgenden Tiroler Landesordnungen von 1526 und 1532 widmeten der Zauberei keinen Abschnitt.

1573 wurde eine Neuausgabe der revidierten Landesordnung von 1532 genehmigt, die in der Folge noch 1574, 1603 und 1624 im Druck erschien und bis zur Constitutio Criminalis Theresiana (1770) als übergeordnetes Gesetzeswerk der Grafschaft Tirol galt. Auch diese Landesordnung wies noch keinen Zaubereiartikel auf, allerdings war dem Gesetzeswerk eine Polizeiordnung beigefügt, in der eine erste rechtliche Abhandlung von Zauberei und Wahrsagerei zu finden ist. Die geradezu spartanische Ausführung des Artikels zeigt nur zu deutlich, wie wenig sich die Tiroler Juristen mit dem Zaubereidelikt auseinandergesetzt hatten; offensichtlich schien Zauberei in der Constitutio Criminalis Carolina (1532) bereits ausführlich genug behandelt worden zu sein. Der angeführte Artikel nennt nur das Verbot von Zauberei und Wahrsagerei, jedoch keine explizite Strafe. Vielmehr wird auf die Strafe wegen Gotteslästerung sowie auch im weiteren Sinne auf die entsprechenden Artikel der Carolina verwiesen (Artikel 106 und 109), in denen der Tod auf dem Scheiterhaufen gefordert wird.

Der Mangel an einschlägigen juristischen Bearbeitungen des Hexen- bzw. Zaubereithemas und die sich deshalb häufenden Fehler in der Prozessführung führten während der „Hochblüte“ der Tiroler Hexen- und Zaubereiverfolgungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts zur Erstellung der sogenannten „Hexen-Instruktion“. Die Tiroler Regierung beauftragte damit 1637 den Kammerprokurator und Jurist Dr. Volpert Mozel. Die Instruktion besteht aus neun Punkten, die das richtige prozesstechnische Vorgehen gegen potentielle Zauberinnen und Zauberer aufzeigen und regeln sollten, wie Zeugenvereidigung, Überprüfung des Ursprungs und des Inhalts der Anklagen sowie der Geständnisse, mögliche Beweise, Vorgehen bei Denunziationen weiterer Hexenpersonen, Drohung mit und Anwendung der Tortur, Widerrufung eines bereits abgelegten Geständnisses etc. Es darf angenommen werden, dass die Instruktion, welche wohlbemerkt niemals gedruckt erschien, in erster Linie der Regierung als Leitfaden diente, allerdings wurde sie in der Folge auch immer wieder als „handliche Zusammenfassung“ an die fehlerhaft operierenden Gerichte ausgegeben.

Der Tiroler Landesfürst verfügte aufgrund der geschichtlichen Entwicklung über einen bedeutenden Einfluss auf die Hochstifte Brixen und Trient. Dieses Naheverhältnis führte gerade im Bereich der Gesetzgebung zu Abhängigkeiten und einer intensiven Beeinflussung. Gesetze der Grafschaft Tirol wurden automatisch an die Hochstifte zur Kenntnisnahme weitergereicht, um sie in den dortigen, weltlichen Herrschaftsbereichen zu erlassen. Diese Übergriffe des Landesfürsten auf die Kompetenzen der Bischöfe dürfen nicht nur als reines Machtspiel angesehen werden. Sie hatten durchaus auch praktisch-organisatorisch Gründe, wie eine angestrebte Vereinheitlichung des Rechts, eine bessere und einfachere Zusammenarbeit der zum Teil stark verzahnten Territorien und Gerichte bzw. der immer wieder auf gegenseitige Hilfe angewiesenen Gerichtsgremien. In der Regel akzeptierten die Hochstifte die Vorgaben der Tiroler Regierung, ja wiesen bei ihrer Bekanntgabe sogar explizit darauf hin. Reibungspunkte gab es allerdings bei der Frage, inwieweit die Hochstifte bei der Ausarbeitung neuer Beschlüsse ein Mitspracherecht besaßen, bei Details der neuen Regelungen oder einer gewünschten Abänderung dieser im Sinne der Hochstifte. Während die Tiroler Regierung eine inhaltliche Abweichung vehement ablehnte, bestanden die Fürstbischöfe von Brixen und Trient auf ihre Vetorechte.

Gerichtsgremien

Das Gebiet der Grafschaft Tirol und des Hochstifts Brixen bestand vom 13. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert aus circa 170 Hoch- und Niedergerichten, wovon 78 Gerichte mit der Blutgerichtsbarkeit ausgestattet waren und 92 Gerichte als Nieder- oder Schubgerichte fungierten. Die Gerichtsgremien bestanden aus einem Pfleger, dem vorwiegend die wirtschaftliche Organisation bzw. das Urbargericht oblag, und einem Richter, dem die Rechtspflege bzw. die polizeilichen Aufgaben unterstanden. Kompetenzüberschneidungen beider Aufgabenbereiche sowie Gründe der Sparsamkeit führten jedoch meist zu einer Zusammenlegung der Ämter, sodass vor allem in den kleinen Tiroler Gerichten entweder nur ein Pfleger oder Richter vorhanden war. Waren beide Ämter vakant, übernahm nicht selten der Gerichtsschreiber deren Aufgaben. Pfleger und Richter wurden vom Landesfürst oder vom Gerichtsherrn im Dienstrecht angestellt; nur in wenigen Fällen besaß das Gericht ein Vorschlags- oder Wahlrecht, da die Rechte der Gerichte seit dem 16. Jahrhundert sukzessive zu Gunsten der Regierung beschnitten wurden. Dem Pfleger bzw. Richter standen der Gerichtsschreiber und der Gerichtsdiener zur Seite sowie die (bei Vollständigkeit zwölf) Geschworenen, die ursprünglich aus den Rechtsträgern der Gerichtsgemeinde gewählt, später aber nur noch vorgeschlagen wurden. Die Mitglieder des Gerichtsgremiums gehörten in den Stadtgerichten vorwiegend dem niederen Adel oder dem Bürgerstand, in den ländlich geprägten Gerichten dem lokalen Bauernstand an. Es handelte sich dabei meist um angesehene Bauern, die durch die Prosperität ihres Besitzes oder die Verbindungen nach außen (Wirte, Viehhändler, Fuhrunternehmer etc.) Macht und Ansehen genossen. In einigen Gerichten konnten einzelne Familien über einen längeren Zeitraum wichtige Gemeinde- oder Gerichtsämter besetzen und somit regelrechte Richterdynastien bilden. Einzelnen gelang sogar ein sozialer Aufstieg in den Beamtenadel.

Anhand der Quellen ist zu erkennen, dass die Vertreter der lokalen Gerichte (von einigen Ausnahmen abgesehen) keine oder nur geringe Schreib- und Lesekenntnisse sowie auch keine fachspezifisch-juristische oder universitäre Ausbildung besaßen. Tatsächlich war das juristische Basiswissen kaum von Bedeutung, sollte doch der Pfleger bzw. Richter sowie der hinzugezogene oder schriftlich kontaktierte Rechtsgelehrte für einen reibungslosen Ablauf des Verfahrens garantieren. Die Bürger und Bauern fungierten hingegen nur als Geschworene, die prozesstechnische Entscheidungen zu treffen hatten und das Urteil fällen mussten. Dabei konnten sie auf die Vorgaben der Regierung, noch mehr auf die eigenen praktischen Erfahrungen aus vorhergehenden Beschäftigungen bei Gericht oder auf die Kenntnisse ihrer Vorgänger zurückgreifen. Aus diesem Grund kam es trotz einer starken Zentralisierung durch die Tiroler Regierung bzw. den Brixner Hofrat und deren kontrollierendem Eingreifen in den einzelnen Gerichten immer wieder zu Formfehlern und Konflikten.

Chronologie der Verfolgungen

Der Beginn der Hexen- und Zaubereiverfolgungen in Tirol ist in den letzten zwei Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts zu verorten, wenngleich der erste Versuch hierzu als „wenig erfolgreich“ angesehen werden kann. Die Bestrebungen des Inquisitors Heinrich Institoris im sogenannten „Innsbrucker Hexenprozess“ (1485), sein Scheitern und seine Ausweisung beweisen die noch vorwiegend skeptische Haltung der Obrigkeit gegenüber der neuen Hexenlehre. Während Institoris seinen Misserfolg in der Abfassung des Malleus Maleficarum (1486) zu kompensieren versuchte, entstand wenig später das Hexen-Traktat De Laniis et phyctonicis mulieribus […] (1489) des Ulrich Molitoris (ca. 1442-1507), das dem Tiroler Erzherzog Sigmund „dem Münzreichen“ (1427-1496) gewidmet war und auf großes Interesse stieß. Dies beweisen die 13 Auflagen zwischen 1490 und 1520. Allerdings schien Molitoris Werk in der Folgezeit von den Juristen der Tiroler Regierung wenig beachtet worden zu sein, da – sofern Nennungen von rechtlichen Werken vorliegen – keine Hinweise darauf gegeben sind. Die Auswirkungen der neuen, doktrinär untermauerten Hexenlehre wurden in Tirol erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts spürbar: Die ersten bis dato bekannten „klassischen“ Hexenprozesse fanden 1506 und 1510 in Völs am Schlern statt.

Die Zeit der Reformation weist in Tirol einen Rückgang in der Verfolgungspraxis auf. Die Obrigkeit ist auch vorwiegend mit der Eindämmung der Bauernunruhen (1525) und der Bekämpfung diverser protestantischer Gruppierungen (vor allem der Täufer) beschäftigt. Es werden nur einzelne Prozesse geführt, ehe es zwischen 1540-1553 zur ersten, doch regional auf das Gebiet um Bozen konzentrierten Prozesswelle kommt. Nach einer weiteren Pause ist ab dem Jahr 1580 ein deutlicher Anstieg der Verfolgungen zu verzeichnen. Die „Blütezeit“ der Hexen- und Zaubereiverfolgungen in Tirol ist eingeleitet und nimmt bis 1645 kontinuierlich an Intensität zu.

Die erste Hälfte des 17. Jahrhundert war für Tirol eine Zeit der Krisen. Abgesehen vom Rückgang des Bergsegens, der als die ertragreichste Einnahmequelle des Landes galt und Tirol seit dem 15. Jahrhundert zu einer Drehscheibe der europäischen Wirtschaftspolitik machte, steuerte die Wirtschaft Tirols in eine Katastrophe: Die durch den Dreißigjährigen Krieg bedingten Einschränkungen oder Stockungen des Handels – ein besonders wichtiger Wirtschaftszweig des Durchzugslandes Tirol (Fuhr- und Saumwesen, Zolleinnahmen, Stapelgelder etc.) –, die kriegsbedingt ausbleibenden, doch lebensnotwendigen Lebensmittel- und Warenlieferungen aus dem Ausland und der Umlauf von Münzen mit minderwertigem Silbergehalt führten zu Inflation, Teuerung, wirtschaftlicher Not und gesellschaftlicher Unzufriedenheit. Das Vaganten- und Bettlerwesen blühte, wie zahlreiche Mandate der Tiroler Regierung gegen „fahrendes Gesindel“ beweisen; Truppendurchzüge und marodierende Soldaten ergänzen dieses Bild. Tirol erlebte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine markante Bevölkerungsreduktion, die nicht mit dem Dreißigjährigen Krieg in Zusammenhang gebracht werden kann, da das Land in den Jahren 1631/32 von den Kriegswirren nur gestreift wurde, sondern in erster Linie aus den Notjahren, Epidemien und Seuchen resultierte. Hierzu wäre vor allem das Auftreten des Fleckfiebers von 1611/12 zu nennen. Seltsamerweise hatten die Seuchen von 1611/12 und 1633-1637 in Tirol jedoch keine dezidierten Auswirkungen auf die Verfolgungspraxis.

Nach dieser zweiten, intensivsten und grausamsten Prozesswelle trat nach einer erneuten Pause eine dritte Welle ein, die sich auf die Jahre 1675-1685 konzentrierte und deutlich – denn so bestätigen es die meist jugendlichen und männlichen Prozessopfer und deren Geständnisse – vom Salzburger Zauberer-Jackl-Prozess beeinflusst war. Seit 1685 nahmen die Hexen- und Zaubereiverfolgungen langsam ab und können ab 1750 als „fast“ erloschen gelten. Ab 1722 – dem Jahr der letzten Enthauptung und Verbrennung wegen Hexerei in der Grafschaft Tirol – bildeten nur noch magische Vergehen die Anklagepunkte; die Zeit der Hexen- und Zaubereiverfolgungen in Tirol war vorüber.

Geschlechterverhältnis der Verfolgungsopfer

In den 242 bearbeiteten Fällen bezüglich Hexerei, Zauberei und diversen magischen Praktiken in der Grafschaft Tirol bzw. dem Hochstift Brixen konnten – sieht man von den ungenauen Angaben zu Personengruppen ab (etwa: „mehrere Unholdinnen“), die deshalb auch keine Berücksichtigung erfuhren – 420 Personen festgestellt werden, die vor Gericht zitiert und teils auch abgeurteilt wurden. Davon waren 214 Personen (50,95 %) weiblichen und 199 Personen (47,38 %) männlichen Geschlechts. Von 7 Personen (1,67 %) konnte das Geschlecht nicht festgestellt werden. Von diesen Personen waren 13 Kinder oder Minderjährige, vier von ihnen weiblich und neun männlich. Des Weiteren zeigt sich dieses relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnis auch bei den 72 klar auszumachenden Todesurteilen: Es wurden 38 Frauen und 34 Männer hingerichtet.

Im Zuge der Untersuchung zum Geschlechterverhältnis ist die Betrachtung dieser in Zusammenhang mit dem Verlauf der Verfolgungen von Interesse. Finden wir am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert in erster Linie Frauen als Betroffene, so kam es in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einer Häufung männlicher Prozessopfer; diese Tendenz erlebte 1645 einen ersten Höhepunkt. Über die Gründe für diese Entwicklung kann nur spekuliert werden, vermutlich spielte aber die Endphase des Dreißigjährigen Krieges und im Verlauf dessen ein gesteigertes Aufkommen an vorwiegend männlichen Bettlern bzw. vagierenden Soldaten eine gewisse Rolle. Als geradezu auffallend gestaltete sich die geschlechtsspezifische Entwicklung ab 1679/1680. Der Anteil der durch die Verfolgungen betroffenen Personen im Allgemeinen und der männlichen Opfer im Speziellen erreichte ihren absoluten Höhepunkt, ein Phänomen das auch in benachbarten Gebieten festzustellen ist und nachweislich durch den Zauberer Jackl-Prozess im Hochstift Salzburg hervorgerufen wurde. In den folgenden Jahren der Verfolgungen (1679-1786) dominierte deutlich die Anzahl der Männer.

Gerichtsurteile

Die Haltung der Gerichte und vor allem der Tiroler Regierung sowie des Brixner Hofrates gegenüber Hexerei und Zauberei zeigt sich auch deutlich an den gefällten Endurteilen.

Für die behandelte Region sind 72 Todesurteile eindeutig feststellbar, das heißt die Art der Hinrichtung (Lebendverbrennung, Enthauptung und Verbrennung, Enthauptung, Öffnung der Adern im warmen Bad); von vier weiteren Hinrichtungen kann die Art dieser nicht eruiert werden. In weiteren vier Fällen ist eine Todesstrafe entweder nur angedeutet oder aber nicht genannt, doch aufgrund der Delikte kann mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, dass eine solche gefällt wurde. Damit können in den Tiroler Hexen- und Zaubereiprozessen circa 80 Todesurteile festgestellt werden.

Weitaus häufiger griff die Obrigkeit jedoch auf andere Strafarten zurück: Landesverweis, Haft-, Geld- und Arbeitsstrafen bzw. geistliche Strafen/Bußen und christliche Erziehung. Die Entlassung einer Person in die Freiheit ist in 75 Fällen dokumentiert. Allerdings muss betont werden, dass in 145 Verfahren die Ausgänge ebendieser anhand der Quellen nicht eruiert werden können und deshalb unbekannt sind.

Haltungen und Reaktionen

Die Tiroler Regierung in Innsbruck – bestehend aus acht bis zwölf Regierungsräten, meist Adelige oder Bürger mit akademischer Ausbildung (vor allem Juristen) –, fungierte im Zuge der Hexen- und Zaubereiprozesse als die oberste kontrollierende und entscheidende Instanz. Die von den Gerichten eingereichten Urteile und Prozessunterlagen wurden von der Regierungsbehörde überprüft und genehmigt, abgeändert oder verworfen. Bei besonders heiklen Fragen oder Problemen wurden die Unterlagen an den Geheimen Rat, das engste Beraterkollegium um den Landesfürst, weitergereicht.

Die Tiroler Regierung behandelte das Delikt der Hexerei bzw. Zauberei mit dem gebührenden Ernst, dennoch ist anhand der Quellen eine äußerst kritisch-zurückhaltende Vorgehensweise festzustellen: Sie stand den Hexen- und Zaubereiverfolgungen im eigenen Land eher distanziert gegenüber und mahnte die lokalen Gerichte wiederholt zur Vorsicht und korrekten Prozessführung. Aus diesem Grund ist auch keine Motivierung zu umfangreichen Verfolgungen durch die Regierung festzustellen; diese kann in Tirol nicht als eine treibende Kraft angesehen werden. Fiskalische Absichten und eine Bereicherung der Obrigkeiten durch die hinterlassenen Güter und Besitzungen trifft für den Tiroler Raum auch nicht zu: Ein Hexen- oder Zaubereiprozess war teuer und mit dem eingezogenen Vermögen der in den meisten Fällen fast oder gar völlig mittellosen Angeklagten (Vaganten, Wanderhändler, Tagelöhner, Söllhäusler usw.) nicht zu bestreiten. Eine ähnliche Einstellung finden wir beim Pendant im Hochstift Brixen, dem Hofrat bzw. Brixner Fürstbischof. Auch hier ist eine deutlich kritische und vorsichtige Haltung zu konstatieren, orientierte sich das Hochstift Brixen in juristisch-prozesstechnischen Belangen doch in erster Linie an der Grafschaft Tirol.

Trotz dieser offensichtlichen Zentralisierung, konnte die Kontrollfunktion der Regierung in einigen Fällen umgangen werden, vor allem in Gerichten, die als Pfandlehen an Adelige veräußert worden waren, wenn auch unter Vorbehalt der Hoheits- und Eigentumsrechte. Die Vergabe von Pfandschaften und später auch Pfandlehen (diese mit weitervererbbaren Nutzungsrechten und nicht auf ein Jahr beschränkt) wurde ab dem 16. Jahrhundert immer populärer, bildeten sie doch einen wichtigen Einnahmeposten bzw. eine Vermögensanlage und erhöhten das Sozialprestige unter der Führungsschicht des Tiroler Adels. Dabei entstand durch den entsprechenden Adeligen als Gerichtsherrn eine Art Privatverwaltung des Gerichts, welche die Beziehung zwischen Landesfürst bzw. Regierung und Untertanen kappte. Auch wenn die Gerichtsherren weiterhin den Bestimmungen der Tiroler Regierung unterlagen, wählten diese in einigen Fällen ein eigenwilliges und selbstherrliches Vorgehen, das die Oberinstanz immer wieder ignorierte. Aber auch größere Gerichte oder vor allem Land- und Stadtgerichte zeigten reges Bestreben, einen gewissen Grad an Selbständigkeit zu erringen, indem sie versuchten, die Regierung in Details der Prozessführung zu übergehen oder Sonderrechte von dieser zu erwerben, meist ohne Erfolg.

Weitaus mehr „Engagement“ bei den Hexen- und Zaubereiverfolgungen war von Seiten der Bevölkerung und der lokalen Gerichte zu erwarten. Eben hier lassen sich auffallender Weise Tendenzen zu Prozessausweitungen und verschärften Urteilssprüchen feststellen. Über die Gründe können nur Vermutungen angestellt werden, da die Quellen diesbezüglich kaum bis gar keine Auskunft geben. Ausschlaggebend dafür war wohl die Präsenz der angeklagten Person vor Ort bzw. im unmittelbaren Umfeld des angelasteten Schadens. Die lokale, betroffene Bevölkerung und die Gerichte handelten vorwiegend aus Angst, Rache und Vergeltungswille. Die in den Augen der Untertanen zu „tolerante“ Haltung der Zentralbehörden wurde nicht selten mit spitzen Bemerkungen und Schimpftiraden bedacht.

Hexenprozessgegner

Beachtenswert ist des Weiteren, dass einige namhafte Hexenprozessgegner aus der Grafschaft Tirol stammen. In erster Linie wären der in Innsbruck geborene Jesuit Adam Tanner (1572-1632) – ein Vorbild Friedrich Spees – und der aus Arzl stammende Jesuit Paul Laymann (1575-1635) zu nennen. Nicht minder wichtig ist der auf Schloss Lichtwehr bei Brixlegg im Unterinntal geborene Theatiner Ferdinand Sterzinger (1721-1786); seine am 13. Oktober 1766 gehaltene Akademische Rede von dem gemeinen Vorurtheil der wirkenden und thätigen Hexerey brach den sogenannten „Bayerischen Hexenkrieg“ (1766-1770) vom Zaun. Der Wirkungskreis der drei genannten Kleriker lag jedoch nicht in Tirol, sondern vornehmlich in Bayern, wo sie ihre Ausbildung genossen hatten; Einflüsse auf Tirol sind durch ihre Tätigkeitsfelder, Beziehungen und Reisen allerdings anzunehmen bzw. gegeben.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts finden wir in Rovereto eine weitere Persönlichkeit der Grafschaft Tirol, die sich in ihrem reichhaltigen Schaffen unter anderem explizit dem Hexenthema widmete und dieses vorwiegend kritisch behandelte, nämlich der Theologe, Philologe und Historiker Don Girolamo Tartarotti (1702-1761).

Literatur

Hansjörg Rabanser, Hexenwahn. Schicksale und Hintergründe. Die Tiroler Hexenverfolgungen, Innsbruck 2006.

Hansjörg Rabanser, Die Hexen- und Zaubereiverfolgungen in Tirol: neue Ergebnisse, Storicamente, 4 (2008) [http://www.storicamente.org/05_studi_ricerche/streghe/rabanser.htm].

Hansjörg Rabanser, Die Hexen- und Zaubereiverfolgungen in Tirol: Neue Forschungsergebnisse, in: Heide Dienst (Hg.), Hexenforschung aus österreichischen Ländern (Österreichische Hexenforschung. Publikationen des Österreichischen Arbeitskreises für interdisziplinäre Hexen- und Magieforschung 1), Wien 2009, S. 77-105.

 

Empfohlene Zitierweise

Rabanser, Hansjörg: Hexenverfolgungen in der Grafschaft Tirol & im Hochstift Brixen . In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzul/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 02.09.2013

Zuletzt geändert: 17.03.2014

Index P-Z


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail