P-Z

Hexen von Pittenweem

P.G. Maxwell-Stuart

(Übersetzung von Johannes Peisker)

24.09.2013

(english version ↓)

Pittenweem ist ein kleines Fischerdorf in Fife. Während des 16. Jahrhunderts war es recht wohlhabend gewesen und erlangte sein Einkommen hauptsächlich durch Fischerei, Kohleabbau, Brauen und Wollhandel mit den Niederlanden und Frankreich. 1593 und erneut 1597 gab es kleinere Vorfälle, in denen lokale Einwohner der Hexerei beschuldigt wurden, jedoch sind die Ergebnisse der Verhandlungen nicht aufgezeichnet. 1597 gab es einen größeren Vorfall in der nahegelegenen Universitätsstadt St. Andrews, folglich könnte dies den zweiten Ausbruch in Pittenweem erklären, da Pittenweem zum Pfarrgemeinderat von St. Andrews gehörte. Während der Bürgerkriege der 1640er Jahre erlitt Pittenweem jedoch hohe Verluste, woraufhin seine Wirtschaft verfiel. Die Pest verheerte 1645 ebenfalls das gesamte Gebiet, heftige Stürme zerstörten 1655 und 1687 den Hafen und am Ende des Jahrhunderts war die lokale Wirtschaft mehr oder weniger zusammengebrochen. Inmitten dieser Probleme erhob 1643 und 1644 die Hexerei ihr Haupt und mehrere örtliche Frauen wurden vor Gericht gestellt und hingerichtet, dann jedoch wurde alles ruhig. Erst als 1704 Not, Armut und auch bitterer Neid zwischen manchen Einwohnern Pittenweems herrschten und Gerüchte über einen Fall von 1697 von Hexerei und dämonischer Besessenheit im Westen Schottlands laut wurden, setzten eine Reihe von Anschuldigungen ein. Diese führten zu Mord sowie der Einschaltung des Kronrats von Schottland.

1704 war Patrick Morton 16 Jahre alt und arbeitete in der örtlichen Schmiede. Beatrix Laing war eine Spinnerin, die mit einem in der Gemeinde recht einflussreichen Mann verheiratet war, der ein wesentlich höheres Einkommen als die meisten besaß. Eines Tages bat sie Patrick um ein paar Nägel. Er sei zu beschäftigt, sagte er, dem an Ort und Stelle zu entsprechen und bat sie, am nächsten Tag wiederzukommen. Beatrix, die aufbrausend war, begann zu debattieren und schreien, aber Patrick war ungerührt und folglich ging sie mit leeren Händen davon. Auf seinem Weg nach Hause am folgenden Tag fand Patrick einen Eimer nahe seiner Tür mit einem Kohlebrocken und etwas Wasser darin und von diesem Moment an schien er zu erkranken, zum Stehen nicht mehr in der Lage und vor Schmerz aufschreiend. Ärzte waren unfähig, das Leiden zu diagnostizieren oder zu lindern und schnell machte das Gerücht die Runde, dass es von Beatrix’ Hexerei ausgelöst worden sei. Sie wurde verhaftet und gestand zügig nicht nur dieses eine Vergehen, sondern auch, vor zwölf Jahren ihre Taufe zugunsten eines Teufelspaktes widerrufen zu haben. Sie nannte ebenfalls etliche andere in der Stadt, fünf Frauen und drei Männer, von denen sie behauptete, ebenfalls Hexen und ihre Komplizen des Bösen zu sein.

Folglich ersuchte Pittenweem im Juni 1704 den Kronrat in Edinburgh um Erlaubnis, diese Leute vor Gericht zu stellen, aber die Antwort lautete, dass dieser Prozess in Edinburgh stattfinden solle, nicht in Pittenweem. Das war für die Ortsbevölkerung wahrscheinlich beunruhigend, da zwischenzeitlich einer der Beschuldigten, ein alter Mann namens Thomas Brown, im Gefängnis nach der Weigerung, ein Geständnis zu unterschreiben und vielen Misshandlungen gestorben war. Sein Tod weckte einen gewissen Grad der Unterstützung für die restlichen Beschuldigten und die Rede von Unregelmäßigkeiten ihrer Gefangenschaft erreichte den Kronrat, der weiter ermittelte und dann die Freilassung einer weiteren der Beschuldigten, Isobel Adams, anordnete aufgrund des Fehlens belastbarer Beweise gegen sie. Davon ermutigt, zogen Beatrix und die anderen ihre Geständnisse zurück und der Kronrat ordnete an, dass die Verfahren gegen sie ebenfalls eingestellt werden sollten. Patrick Morton, von seiner Krankheit nun anscheinend geheilt, kehrte zur Schmiede zurück und schien, als ob der Vorfall vorüber sei.

Aber weder der örtliche Pfarrer, Patrick Couper, noch viele andere in Pittenweem gaben sich mit diesem Ergebnis zufrieden, und bald danach begann Patrick Morton, seine Darbietung von Qualen zu wiederholen. Folglich wurden die vormals beschuldigten Hexen erneut verhaftet und in die städtische Zahlstelle gesperrt. Diesmal war unter ihnen eine gewisse Jane Cornfoot, und als sie in die Gegenwart von Patrick Morton gebracht wurde, fing dieser sofort heftig an zu zittern, sich zu übergeben und schrie, dass sie der Grund seines Leidens sei. Jane gestand Hexerei und wurde ins Gefängnis gebracht. Dort entdeckte sie, dass die Gitterstäbe ihrer Zelle verschlissen und rostig waren und sie brachte es fertig, zu fliehen. Sie vermochte für ein paar Tage in Freiheit zu verbleiben, dann wurde sie jedoch gefangen und nach Pittenweem zurückgebracht, wo die Stadtbewohner erneut gegen die Hexen in ihrer Mitte aufgebracht worden waren. Eine Menge ergriff sie und brachte sie zum Hafen, wo sie ihre Hände und Füße festbanden und sie im Bestreben, mit ihr eine Wasserprobe zu machen, ins Meer warfen. Dieser Schwimmtest stützte die Beschuldigte mit Seilen, die von Mitgliedern der Menge gehalten wurden. Versank sie, wurde dies als Unschuldsbeweis erachtet. Wenn sie dagegen schwamm, wurde gesagt, dass das Wasser es ablehne, die Sünden dieser Person anzunehmen, was ein Zeichen der Schuld signalisiere. In Janes Fall gerieten die Dinge schnell außer Kontrolle und obwohl sie kurzzeitig vor dem Mob gerettet wurde, kriegten die Menschen sie wieder zu fassen, rissen eine Haustür aus den Angeln und erdrückten sie darunter zu Tode.

Die Nachricht des Mordes erreichte den Kronrat und Pittenweem erhielt im Februar 1705 eine offizielle Benachrichtigung, dass vom Rat ernannte Richter für Ermittlungen nach Pittenweem kämen. Im Versuch, sich vor der Schande zu schützen, entließen die örtlichen Magistrate die restlichen Hexen aus der Haft und erlaubten den Anführern der mörderischen Meute aus der Stadt zu fliehen. Patrick Couper hingegen war nicht verlegen und predigte, den lokalen Zorn gegen die Freigelassenen am Leben erhaltend, weiterhin gegen Hexen. Das Leben war für sie folglich unangenehm. Tatsächlich wurde Beatrix Laing so schikaniert, dass sie im Mai 1705 den Kronrat um Schutz vor den Drohungen und der kleinlichen Gewalttätigkeit ihrer Nachbarn anrief. Sie war erfolgreich darin, den Kronrat zu bewegen, einen geharnischten Brief an die Beamten von Pittenweem zu senden, der nicht nur verlangte, dass sie ihren Schutz auf sie ausweiten, sondern diese Offiziellen warnte, dass Jane Cornfoots Ermordung ebenfalls untersucht werden würde. Die Antwort des Rats von Pittenweem war die Weigerung sich zu fügen, mit der Begründung, der Gemeinderat sei nicht in der Lage, jemanden aufzuhalten, wenn er Beatrix ermorden wolle. Irgendwie schaffte es Beatrix bis Oktober 1708 zu überleben, als sie und ein Nicholas Lawson einmal mehr verhaftet und der Hexerei beschuldigte wurden. Beide wurden entlassen. Aber ein neuer, im April 1709 ausgestellter Haftbefehl brachte sie zurück ins Gefängnis bis sie schließlich, im Mai jenes Jahres, auf freien Fuß gesetzt wurden durch ein neues Indemnitätsgesetz, das eine Reihe benannter, vor dem 19. Mai 1709 begangener Vergehen begnadigte. Unter den genannten Delikten befand sich Hexerei. Daher stellen die Hexen von Pittenweem einen der letzten justiziell aufgezeichneten Fälle eines bemerkenswerten Ausbruchs von Hexerei-Beschuldigung dar, bevor die Aufhebung des Gesetzes gegen Hexerei 1736 ihrer Rechtsstellung in Schottland ein Ende setzte.

English Version

Pittenweem Witches

Pittenweem is a small fishing village in the Kingdom of Fife in Scotland. During the sixteenth century it had been quite wealthy, deriving its income principally from fishing, coal mining, brewing, and trade in wool with the Netherlands and France. In 1593 and again in 1597 there were small incidents in which local inhabitants were accused of witchcraft, but the results of their trials are not recorded. There was a larger incident in the nearby university town of St Andrews in 1597, so that may account for the second Pittenweem outbreak, since Pittenweem belonged to the presbytery of St Andrews. During the civil wars of the 1640s, however, Pittenweem suffered a large number of casualties and its economy went into decline as a result. Plague, too, ravaged the whole area in 1645, violent storms ruined the harbour in 1655 and 1687, and by the end of the century the local economy had more or less collapsed. Witchcraft raised its head in the midst of these troubles, in 1643 and 1644, and several local women were tried and executed, but then everything turned quiescent until 1704 when a combination of hardship, poverty, bitter jealousies among some of Pittenweem’s residents, and gossip about a major case of witchcraft and demonic possession in the west of Scotland in 1697 stimulated a series of accusations which led to murder and the involvement of the Privy Council of Scotland.

Patrick Morton was sixteen in 1704, and worked in the local forge. Beatrix Laing was a spinner married to a man of some influence in the community, with a much larger income than most. One day she asked Patrick for some nails. He was too busy, he said, to oblige her there and then, and asked her to come back the next day. Beatrix, who had a temper, began to argue and shout, but Patrick was not to be moved and so she went away empty-handed. On his way home the following day, Patrick found a bucket near his door, containing a lump of coal and some water and from that instant he appeared to fall ill, unable to stand and crying out with pain. Physicians were unable to diagnose the condition or alleviate it, and rumour quickly spread that it had been caused by Beatrix’s witchcraft. So she was arrested, and quickly confessed not only to this particular offence, but also to having renounced her baptism twelve years previously in favour of a covenant with the Devil. She also named several others in the town, five women and three men, whom she claimed were witches too, and her accomplices in evil.

So in June 1704, Pittenweem requested authority from the Privy Council in Edinburgh to have these people tried, but the reply was that the trial should take place in Edinburgh, not Pittenweem. This was probably disconcerting for the locals because in the mean time, one of the accused, an old man called Thomas Brown, had died in prison after refusing to sign a confession, and having suffered much ill-treatment. His death roused a certain amount of support for the rest of the accused, and word of irregularities in their imprisonment reached the Privy Council which investigated further and then ordered the release of another of the accused, Isobel Adams, on the ground that there was no reliable evidence against her. Encouraged thereby, Beatrix and the others withdrew their confessions and the Privy Council ordered that proceedings against them be dropped as well. Patrick Morton, now seemingly cured of his illness, returned to the smithy, and it began to look as though the incident was over.

But neither the local minister, Patrick Couper nor many others in Pittenweem were content to accept this outcome, and it was not long before Patrick Morton began to repeat his performance of torments. In consequence, the former accused witches were re-arrested and committed to prison in the town’s tollbooth. This time their number included one Jane Cornfoot, and when she was brought into Patrick Morton’s presence he immediately started to shake violently, vomit, and cry out that she was the cause of his suffering. Jane confessed to witchcraft and was sent to prison, but here she found that the bars on her cell were worn and rusty and somehow she managed to escape. For a few days she succeeded in remaining at liberty, but then she was captured and brought back to Pittenweem where the townsfolk had been inflamed anew against the witches in their midst. A crowd seized her and took her to the harbour where they tied her hand and foot and cast her into the sea in an effort to ‘swim’ her. This swimming test had the accused supported by ropes held by members of the crowd. If she or he sank, it was considered proof of innocence. If, on the other hand, he or she floated, it was said that the water had declined to accept that person’s sin and thus provided a sign of guilt. In Jane’s case, things soon got out of hand and although she was briefly rescued from the mob, people got hold of her again, wrenched a house-door off its hinges, and crushed her to death beneath it.

New of the murder reached the Privy Council, and in February 1705 Pittenweem received official notice that justices appointed by the Council were coming to Pittenweem to investigate. In an effort to protect themselves from blame, the local magistrates released the remaining witches from custody and allowed the ringleaders of the murderous mob to flee the town. Patrick Couper, however, was not abashed and continued to preach against witches, keeping alive local anger against those who had been set free. Life for them was then uncomfortable. Beatrix Laing, indeed, was so harassed that in May 1705 she applied to the Privy Council for protection against the threats and petty violence of her neighbours. She succeeded in getting the Privy Council to send a strongly-worded letter to the magistrates of Pittenweem, which not only demanded they extend their protection to her, but warned those officials that Jane Cornfoot’s murder was going to be investigated. The response of the Pittenweem council was to refuse to comply, on the grounds that if someone wanted to murder Beatrix, the local council was in no position to stop him. Somehow Beatrix managed to survive until October 1708 when she and a Nicholas Lawson were arrested and accused of witchcraft yet again. Both were released. But a fresh warrant issued in April 1709 put them back in prison until finally, in May that year, they were set at liberty under a new Act of Indemnity which pardoned a number of named offences committed before 19 April 1709. Among these named offences was witchcraft. The Pittenweem witches thus represent one of the final judicially recorded instances of a notable outbreak of witchcraft accusation before the repeal of the Witchcraft Act in 1736 put an end to their legal status in Scotland.

Empfohlene Zitierweise

Maxwell-Stuart, Peter G.: Hexen von Pittenweem. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzsy/

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Erstellt: 24.09.2013

Zuletzt geändert: 24.09.2013

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