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Wicca – die Hexenreligion im deutschsprachigen Raum

Kathrin Fischer

7. Januar 2010

Einleitung

Das Fremde und das Andere liegen nicht nur in der Ferne. Die Suche des Menschen nach Sinnfragen und Wurzeln, eingebettet in der Religion, basierend auf der Mythologisierung des 18. und 19. Jahrhunderts brachten im 20. Jahrhundert ein spirituelles und esoterisches Weltbild in Europa hervor. Aus diesen Grundlagen entwickelte sich die Hexenreligion Wicca. Eine differente Wirklichkeit und ein kulturelles System, die innerhalb der Gesellschaft bestehen und uns manches Mal unverständlich sind. Wicca als solch ein anderes Denk- und Glaubenssystem, existiert als vorgestellte Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, variierend und pulsierend, gebildet aus unterschiedlichsten Traditionssträngen – belegten, konstruierten und erfundenen.

Wicca ist eine polytheistische neopagane Religion mit einem Initiationskult, dessen Anhänger sich als Wicca bezeichnen. Wicca fußt angeblich auf der ‚Hexenkunst’, die sich über die Jahrtausende hinweg erhielt. Wicca sehen in ihrer Religion einen alten Fruchtbarkeitskult mit zwei Gottheiten. Die Verehrung des dualistischen Prinzips von Gott und Göttin steht im Mittelpunkt des Kults. Die Göttin ist eine dreifache Gottheit, die den Mondzyklus symbolisiert; der Gott ist eine zweifache Gottheit, welche die Sonne symbolisiert. Der Jahreslauf orientiert sich vorwiegend am Mond, er wird durch Sabbate (Jahreskreisfeste) und Esbate (Voll- und Neumondfeste) eingeteilt. Dabei werden die entsprechenden magisch-religiösen Riten entweder solitär oder in Kultgemeinden (Coven) vollzogen. Wicca weisen einen starken Naturbezug auf. Folglich sind Natur und alles Lebendige heilig. Der ethische Leitsatz der Wicca lautet: „Tue was du willst, solange du keinem schadest.“

Die Etymologie des Begriffs „Wicca“ ist schwer zu fassen: Das Wort Wicca lässt sich in den gängigen Nachschlagewerken nicht finden; unter der Begrifflichkeit witch stößt man auf wicca. Das „Etymological Dictionary of the English Language“, das „Oxford Dictionary of English Etymology” und die „Encyclopaedia Britannica“ bezeichnen alle männlichen Hexen als wicca. Erst zur Jahrtausendwende lassen sich direkte Einträge zu Wicca im Hinblick auf den Hexenkult finden: „Wicca: the religious cult of modern witchcraft.“ (Oxford Compact English Dictionary 2000, S. 1320). In der deutschen Etymologie lässt sich zum Begriff „Wicca“ kein Eintrag finden.

Entwicklung einer paganen Weltsicht

Die Geistesgeschichte der Aufklärung und der Romantik, Philosophie und Religionsgeschichte bilden den Grundstock für die Ideengeschichte des Hexenkults.

Die Philosophie der Aufklärung sah den Menschen als vernunftbegabtes, mit unveräußerlichen natürlichen Rechten versehenes Wesen. Darüber gerieten ehedem maßgebliche metaphysische Dimensionen des Menschenbildes zunehmend in den Hintergrund. Im Schatten der wichtigen und gesellschaftlich prägenden Neuerungen der Aufklärung entstand als Reaktion auf die metaphysische Verlusterfahrung eine Hinwendung zu mystischen und heidnischen Vorstellungen, die sich besonders im Bild des ‚romantischen Menschen’ niederschlugen. Die Abkehr von der politischen Gegenwart und strengen historischen Perspektiven, um sich an der ‚heilen’ Vergangenheit zu orientieren, zeichnet die Romantik aus. Es tritt der geschichtlich wirkende Volksgeist in den Vordergrund. Die Kulturgüter des Landvolkes werden poetisch aufgeladen, die Naturphilosophie Rousseaus gilt als Leitstern. Im Untergrund aufklärerischer Tendenzen formierte sich aus der Suche nach dem Ursprung, der Urtradition und der Urreligion ein anti-aufklärerisches Denken. Dabei entwickelte sich ein großes Interesse an Geheimgesellschaften, der Alchemie, okkulten und magischen Systemen und Praktiken. An Stelle der (exoterischen) Offenbarung tritt die (esoterische) Initiation.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts trat die Suche nach dem Ursprung in den eigenen Ländern und Kulturen in den Vordergrund (Kulturtheorie Herders und Winckelmanns). Durch das Aufkommen der Archäologie und der Geschichtswissenschaften bildete sich ein starkes Interesse für die vorchristlichen Kulturen, Religionen und dem Okkultismus heraus. Theorien über eine Unterdrückung der Frau und ihre (geheimes) Wissen, ihrer Verurteilung, ihrer Verdrängung an den Rand der Gesellschaft und ihrer aus dieser Marginalisierung resultierenden Hingabe an die Magie, führten zu zahlreichen Schriften und Deutungen der Geschichte der historischen Hexenverfolgungen (vgl. Michelet 1862). Hutton sieht das romantische Deutschland als Ursprung der Begeisterung und Suche nach antiken Religionen und dem Heidentum (vgl. Hutton 1999a, S. 11/21). In England, dem Land der ‚Wiederentdeckung’ des Hexenkults, legte vor allem Frazers „The Golden Bough“ (vgl. Frazer 1890) den Grundstein für paganes Denken. Er postulierte die ausschlaggebende Weltsicht für Wicca (vgl. Hutton 1999b, S. 37).

Die „Wiederentdeckung“ des Hexenkults

Gerald B. Gardner gilt als Wiederentdecker des Hexenkults, dem er als erster die Bezeichnung Wicca gab. Gardner sah seine Aufgabe darin, die Welt über das Überleben der paganen Hexenkunst aufzuklären (vgl. Gardner 1949). Mit „Witchcraft Today“ im Jahre 1954 veröffentlichte er das Wissen der Hexen. Gardners Ausführungen orientierten sich stark an Werken früherer Autoren (vgl. Leland 1988/1899; Murray 1921, 1929; Crowley/Eschner 1987). Er schuf seinen eigenen Coven, aus dem namhafte Hohepriesterinnen entstammten, die selbst Coven gründeten und Wicca ausbildeten (z. B. Doreen Valiente, Eleanor [Rae] Bone, Madge Worthington, Patricia Crowther und Monique Wilson). So verbreitete sich der Hexenkult über den europäischen Kontinent und die Vereinigten Staaten. In Deutschland etablierte sich die alternative Religionsbewegung in den späten 1960er Jahren im Zuge der Hippie Bewegung, der ökologischen und feministischen Wende.

Traditionen

Aufgrund differenter Ansätze und Ausdeutungen des Glaubenssystems entwickelten sich verschiedene Traditionen. Ihnen kommt mehrfach eine bedeutende Rolle zu, da es ausschlaggebend ist, wer in die Tradition einführt, die Kunst lehrt und initiiert. Aus diesen Initiationen entwickeln sich sogenannte Stammbäume. Es handelt sich jedoch um ein dynamisches, stetig wachsendes System. Im Glaubenskern sind sich die verschiedenen Traditionen gleich, sie differieren lediglich in Auslegungen, Ritualabläufen und den Strukturen der Coven.

Das hereditäre Hexentum, die höchste Stufe, resultiert aus der Vorstellung, magisches Wissen könne sich vererben und tradiere und erhalte sich innerhalb von Familien. Das Gardnerische Wicca geht auf den bereits vorgestellten Gerald B. Gardner zurück. Das Alexandrische Wicca, wurde von Alex Sanders, einem Wegbegleiter Gardners, begründet. Es ist die zweite große Tradition im Wicca mit einer etwas hierarchischeren Führung. Sanders kommt das Verdienst zu, Wicca in die Öffentlichkeit gebracht und so zur Verbreitung beigetragen zu haben. Das Gardnerische und Alexandrische Wicca bilden zusammen das British Traditional Wicca. Das Algard Wicca wurde von Schülern von Sanders (Farrar) gründeten, indem sie Gardnerisches und Alexandrisches Wicca mischten. Das Seax Wic(c)a, von Raymond Buckland in Amerika gebildet, beruft sich hauptsächlich auf die Selbstinitiation, d. h. diese Wicca verschreiben sich keiner Tradition. Das Dianische Wicca ist die feministische Form des Hexenkultes. Diese Variante ist stark weiblich geprägt und lässt oftmals den für die anderen Strömungen zentralen göttlichen Dualismus nicht zu.

Die Lebenswelt des Wicca

Schöpfung und Götterbild

Der Schöpfungsmythos ist am Kreislauf der Natur orientiert. Er enthält das kosmische Prinzip, welches durch den Dualismus der Geschlechter und der Polarität der Götter aufrecht gehalten wird. Hinter dem Dualismus steht der Gedanke, dass eine göttliche Einheit nur durch die Dualität der Geschlechter Bestand hat. Das fortlaufend dualistische Denken bedeutet eine Gegenthese zu monotheistischen Religionen, in denen angeblich die einseitige Verehrung eines Aspekts ein gesellschaftliches, sowie spirituelles Ungleichgewicht hervorbringt.

Im Mittelpunkt der Verehrung stehen die Dreifache Göttin und der Gehörnte Gott (Crowley 1993, S. 12); sie ist die Schaffende, er ist der Geschaffene. Die Göttin verkörpert das Leben, die Mondphasen und die Lebensabschnitte der Frau: Die Geburt steht für den zunehmenden Mond, verkörpert durch die Jungfrau, die Reife für den Vollmond, verkörpert durch die Mutter und das Alter für den abnehmenden Mond hin zum Neumond oder Schwarzmond, dargestellt durch die Weise Alte. Die lunar orientierte Göttin symbolisiert die drei Phasen des menschlichen Zyklus: Geburt, Heirat und Tod. Der Gehörnte Gott ist ihr Weggefährte, ist Geliebter/Gefährte und Sohn. Der solar orientierte Gott ist Fruchtbarkeitsgott und Gott des Todes. Die Hörner des Gottes symbolisieren den zu- und abnehmenden Mond. Die Beziehung zwischen Göttin und Gott stellt den Jahreslauf dar, der in den großen Sabbatriten zelebriert wird. Sie verkörpern die Alten Götter bzw. werden als Urform oder Archetypen sämtlicher Gottheiten angesehen.

Glaubensinhalte

Wicca glauben an die göttliche Kraft, die allem innewohnt, so gibt es für Wicca auch keine Allmacht der Götter. Durch Evokation besteht eine direkte Kommunikation zwischen Göttern und Menschen (Bonewits 1971, S. 89). Bräuche und deren Provenienz werden auf heidnische Ursprünge zurückgeführt. Manche Wicca glauben an Wiedergeburt, wobei sie davon ausgehen, dass die Seele reinkarniert, der Geist sich dessen jedoch nicht bewusst wird.

In diesem Glaubenssystem gibt es weder einen Teufel, noch ein personifiziertes Böses, für sie zählen vielmehr das Böse wie das Gute als unabdingbar zu dem Einen (der Totalität von Welt), das ohne beide Aspekte nicht existieren kann. Wicca ist keine Offenbarungsreligion, es besitzt keine heilige Schrift. „Tue was Du willst, solange Du niemandem schadest“, formt das Handeln, die Moral und die ethischen Vorstellungen. Die Wege sind von den Göttern geschrieben und bestimmt, so gibt es auch keine Zufälle. Es besteht ideell eine klare Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau: beider Handeln ist von gleicher Relevanz – daraus resultiert ein vergleichsweise offener Zugang zur Sexualität (Bonewits 1971, S. 92). Wicca weisen eine starke Bezugnahme zur Natur auf, daher ist sie besonders schützenswert. Im Wicca wird Glaubensfreiheit postuliert, da die Göttlichkeit sich auf vielfältige Weise ausdrücken kann. Wicca missionieren nicht.

Spiritualität kommt eine hohe Bedeutung zu; in den Praktiken treffen sich Trance und Ekstaseformen, Meditationstechniken und schamanische Arbeit. Die spirituellen Erfahrungen werden in der immanent göttlichen Natur als Teil des Ganzen aufgenommen. Die spirituelle Erfahrung geht mit der Entwicklung und Ausbildung selbst einher, durch diesen Weg wird er/sie erst zu einem spirituellen Menschen (vgl. Faivre 2001, S. 82f).

Kultpraxis

Wicca wird als magisches Handwerk interpretiert, daraus resultiert die Annahme, dass der menschliche Geist fähig ist, durch reinen Willen bzw. unterstützt durch bestimmte Rituale Einfluss auf die Umgebung zu nehmen. Das Wissen und die magische Kunst werden, angelehnt an eine vermeintlich keltische Tradition, nur mündlich weitergegeben. Allerdings wird im Buch der Schatten, eine Art magisches Arbeitsbuch, je nach Tradition ein Korpus von schriftlichen Materialien festgehalten, der nur innerhalb der Gruppe weitergegeben wird. Das magische Wissen ist einem handwerklichen Wissen gleichzusetzen, es ist schützenswert, muss verdient werden und unterliegt der Geheimhaltung.

 

Die Rituale sind für die gemeinsame Erfahrung des Göttlichen und Kultischen angelegt und finden in einem magischen Kreis statt. Das System Kreis, in dem die ‚Energien’ besonders fließen, so dass magisch handelnde Personen sich in einem geschützten Raum befinden, ist grundlegend für das Ritual und seinen Ablauf. Die Rituale des Wicca unterliegen kaum allgemeinen Regeln und festen Liturgien. Sie sind an nur wenige Vorbereitungen und Grundvoraussetzungen gebunden. Nicht alle Rituale unterliegen der Magie, es werden auch Rituale rein zur Verehrung der Gottheiten oder zum Feiern kreiert (Crowley 2001, S. 88).

 

Magie ist für Wicca die Hexenkunst. So besteht ein klares magisches Konzept, nach dem es weder weiße noch schwarze Magie gibt, da stets beide Aspekte in allem Sein enthalten sind. Für das Handwerk benötigt der Wicca Werkzeuge. Diese werden mit Energie aufgeladen und dürfen nur vom Besitzer berührt werden. Der Kelch, der Dolch, das Pentakel und der Stab sind die Elemente-Waffen. Das Hexenutensil, der Besen, findet sich auch im Wicca wieder. Er dient als rituelles Reinigungswerkzeug für Ritualorte. Der Stab steht symbolisch für das Element Luft. Er dient vor allem der Anrufung von Göttin und Gott. Der Kessel stellt das klassische Hexenwerkzeug dar. Er symbolisiert die heilige Quelle, die zauberische Tradition, das Urmeer der vorzeitlichen Schöpfung. Im Räuchergefäß wird Weihrauch verbrannt. Das magische Messer mit schwarzem Griff, die Athame (oder auch ein Schwert), wird zum Lenken von Energien benutzt. Die Athame, mit einem weißen Griff, dient tatsächlich als Messer, wenn geschnitzt wird oder Kräuter geschnitten werden müssen. Sie wird nur im magischen Kreis verwendet. Das Pentakel besteht normalerweise aus einer flachen Scheibe, die mit Symbolen verziert ist. Die Kugel (Kristallkugel) ist ein Gegenstand der Weissagung. Das Buch der Schatten stellt eine Arbeitshilfe dar. Die Glocke als magisches Werkzeug setzt mit ihren Schwingungen Energien frei.

 

Wicca ist ein Initiationskult. Es gibt drei Initiationsstufen oder Grade, die sich auf die freimaurerischen Logen beziehen (vgl. Lamond 2004, S. 20). Regelmäßig geht der Initiation in den ersten Grad eine Zeit (ein Jahr und ein Tag) engagierten Lernens voraus. Im traditionellen Wicca wird der Initiand des ersten Grades als Hexe, Priester oder Priesterin bezeichnet; diesem Grad kommt die Bedeutung der Einweihung in den Hexenkult zu. Der zweite Grad benennt sich Hohepriesterin oder Hohepriester; er befähigt, Rituale zu leiten und Hexen des ersten Grades zu unterweisen. Der dritte Grad, der oftmals Paaren verliehen wird, bedeutet, dass ein Wicca einen Coven leiten kann und Hexen initiieren darf.

 

Der traditionelle Coven, die kleinste, religiöse Einheit im System, besteht aus 13 Mitgliedern Die bedeutsamste Rolle fällt dem Coven im sozialen Bereich zu. Er stellt für seine Mitglieder eine Art Familienersatz dar. Der Vorteil ist hier, dass mehrere Generationen in einem engen sozialen Umfeld miteinander in Kontakt stehen. Die Mitglieder einer solchen Verbindung besitzen ihr eigenes Wissen und sprechen geradezu ihre eigene Sprache. Die Mitglieder treffen sich zu den Jahresfesten und den Mondfesten, die sie gemeinsam begehen und sie veranstalten Ausbildungstreffen, die weniger formal gehalten sind. Die Identität des Covens drückt sich durch Gemeinsamkeit, Symbole, Sozialverhalten, Ritualisierung, Sprache und Geheimhaltung aus.

Die zyklische Weltsicht

Das Hexenjahr ist traditionell in dreizehn durch Mondphasen gekennzeichnete Abschnitte gegliedert. Der jahreszeitliche Zyklus besteht aus vier solaren und vier lunaren Sabbate und dreizehn Esbate (vgl. Crowley 1995, S. 119), welcher sich an der Mythologie von Göttin und Gott orientiert. Die Feste verteilen sich regelmäßig über das Jahr und symbolisieren angeblich das keltische Jahresrad. Da das Göttliche der Natur innewohnt, werden die Feste in der Nacht im Freien begangen (Crowley 2001, S. 33).

Samhain („so-in“ gesprochen) am 31. Oktober/ 1. November, auch als Halloweennacht bekannt, ist das Neujahrsfest, an dem mit den Ahnen Ratschluss gehalten wird. Das Julfest am 21./22. Dezember zur Wintersonnenwende repräsentiert die Geburt des Sonnengottes. Imbolc am 1./2. Februar ist der Vorbote des Frühlings. Ostara am 21./22. März, das Frühlingsäquinoktium, bedeutet die Zusammenkunft des Männlichen und Weiblichen. Beltain am 30. April/1. Mai oder landläufig die Walpurgisnacht, ist das Fruchtbarkeitsfest der Wicca. Litha am 21./22. Juni, die Sommersonnenwende, ist das Fest der Sonne. Lammas oder Lughnasadh am 1./2. August ist ein Erntedankfest. Mabon, das Herbstäquinoktium am 21./22. September steht für die Zeit des Ausgleiches.Angeblich orientiert sich das Hexenjahr am keltischen Kalender und seinen Festen. Viele pagane Gruppen greifen auf diese Jahreseinteilung zurück.

Neben dem Naturzyklus des Jahres weist Wicca einen Lebenslaufzyklus auf, welcher zur Zelebrierung der rites de passage (Ehe, Elternschaft und Tod) dient.

Einordnung

Konstruktion von Tradition

Wicca selbst sehen in ihrer Religion jenen paläolithischen Fruchtbarkeitskult, der als Urreligion des europäischen Kontinents gilt. Diese Vorstellung wird durch die Annahme, die Religiosität des Menschen sei abhängig von seiner Heimat, erweitert. Im deutschsprachigen Raum entsteht eine starke Bezugnahme auf die germanische und keltische Kultur. Wicca weist aufgrund der o.g. Kulturtheorien Elemente der antiken Mysterienkulte auf. Insbesondere die überlieferten Kulte um Kybele, Isis, Demeter und Kore dienen als Anhaltspunkt für das kultische und magische Handeln, wie für mythologische Vorstellungen. Hinzu kommt die Annahme, dass sich das Hexentum innerhalb bestimmter Familie über die Jahrhunderte im Untergrund tradiert habe und so zu einer Religion des postmodernen Menschen wurde. Darin liegt die Spannung des Wicca: Es ist ein dynamisches, stetig wachsendes System, das sich in ständiger Auseinandersetzung der Mitglieder über Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit befindet.

Gardner berief sich auf die Theorie von Margaret Murray aus den 1920er Jahren (vgl. Murray 1921), nach der die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit einem real existierenden naturmystischen Kult gegolten hätte, einen Kult, dessen Fortexistenz bis in die Gegenwart reicht. Gardners Werke weisen ein Konglomerat an Vorstellungen über Magie, Zauberei und Okkultem auf, welches er sich über die Jahre hinweg aus der abendländischen Geschichte und seinen Aufenthalten in Fernost zusammenstellte. . Die Hexenprozesse in England liefen wesentlich gemäßigter ab als auf dem Kontinent. Somit konnte ein Überleben im Untergrund glaubhafter sein als bei den Hexenverfolgungen auf dem Kontinent. Trotzdem wurde das Verbot gegen Hexerei erst im Jahr 1951 aufgehoben. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Quellenlage jedoch problematisch, da es über die Kelten kaum schriftliche Quellen gibt und wenn, dann nur römischer oder griechischer Provenienz. Behauptungen, eine Religion oder spirituelle Tradition ließe sich bis in die Frühgeschichte zurückverfolgen, sind schwerlich zu verifizieren. Es fehlen bis heute Modelle und Untersuchungsmethoden, um diese Frage einer wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen – aber vielleicht gilt auch hier: in media veritas.

Das magische Weltbild

Grundsätzlich werden mit Hexe Magie und Zauberei verbunden. Die Vorstellung einer Hexe in der Gesellschaft manifestiert sich dergestalt, dass sie durch die Buhlschaft mit dem Teufel der Magie fähig ist und ihrer Umwelt mit Schadenzauber, Verhexung und böser Machenschaft schadet. Das Element Magie ist im abendländischen Denken verankert und in unserer Kultur definiert und konnotiert. Allerdings unterliegt dieses Verständnis dem naturwissenschaftlichen Denken. Wicca weisen ein differentes Grundverständnis für Magie auf. Es eröffnet sich der Blick auf ein konträres Magieverständnis. Die Magie ist der wesentlichste Bestandteil im Weltbild, Magie wird als Wissenschaft der Kontrolle über die geheimen Kräfte der Natur gesehen (Valiente 1978, 73). Die magische Weltsicht der Wicca ist schwer zu greifen, da die magischen Konzepte kaum fassbar sind, es wird kaum darüber gesprochen. Ein Versuch der Einordnung lohnt sich deshalb an dieser Stelle: Das magische Verständnis ist stark an den naturreligiösen Vorstellungen orientiert, weil sich Wicca als Anhänger einer Naturreligion verstehen. Das magische Arbeiten verbindet den Coven und seine Mitglieder; durch eine hohe Geheimhaltung, Rituale und Magie betreffend, entsteht eine soziale Gruppe, die sich über ihr Wissen und die magischen Fähigkeiten Sinn und Existenz verschafft. Magie weist eine instrumentelle Funktion auf, rituelle Praktiken führen eine Veränderung der natürlichen und sozialen Umwelt herbei. Magie ist ein sakraler Bestandteil des Wicca, ohne sie verlöre Wicca seine Substanz.

Religiöse Sehnsucht

Die Suche des Menschen nach neuen Antworten auf religiöse Sinnfragen, eingebettet in eine romantische Sehnsucht nach den eigenen kulturellen Wurzeln, sowie das im 18. und 19. Jahrhundert erwachte Interesse an mythologischen Themen, legten den Grundstein für ein alternatives spirituelles und esoterisches Weltbild in Europa (Wichmann 1991, S. 99f). Die Suche nach geistig und materiell Dauerhaftem, nach ursprünglichen Religionen, die bis in die Vorgeschichte zurück reicht, bildet eine Basis des Neuheidentums (vgl. Jones/Pennick 2004) und somit für die Lebenswelt des Wicca. Diese besteht aus historischen Vorstellungen, differenten Alltagswelten, Aberglaubensvorstellungen, kulturellen Prägungen, kollektivem Gedächtnis, Kirchengeschichte, Religion und Glaube, Mythen, Bräuchen, Ritualen, Sexualität, Frauenforschung, Gemeinschaft, Biographien, Kontinuitäten, Suche nach Heimat und Wurzeln, Fremd- und Eigenbild, Symbolwelten, Glaubensinhalten, Spiritualität, Individualismus u.v.m. Aus diesen vielen Einzelteilen ergibt sich ein Bild des Wicca, das aus rezipierten Vorstellungen und rezeptiv tradierten Bildern über die historische Hexe bis zu neuheidnischen Glaubensvorstellungen reicht. Insbesondere die negativ konnotierten Vorstellungen werden im pluralistischen Hexenbild umgedeutet und für Wicca neu interpretiert. Wicca ist als ein Konglomerat einer mythologisch überformten romantisierenden Hexenvorstellungen zu sehen und so einzuordnen. In diesen Bewegungen wandelten sich moderne Sehnsüchte zu scheinbar wissenschaftlichen Beweisen. Diese scheinbare historisch fundierte Herleitung und Zeitdimension diente zur Legitimierung und Existenzberechtigung. Zugespitzt formuliert: Ohne den Rekurs auf die historische Hexenverfolgung gäbe es keinen Hexenkult in seiner heutigen Ausprägung und Lebenswelt.

Indem der Anspruch zur Natur und zu ihren Abläufen zurückzukehren stark in den Vordergrund tritt, wird eine Neuverzauberung der Welt, wie sie bei vielen postmodernen religiösen Bewegungen auftritt, augenscheinlich. Der charakteristische Naturbezug, beinahe eine romantische Naturverklärung, kommt in allen Ritualen, Bräuchen, Festen, Symbolen und Mythen zum Ausdruck. Die Wicca bewerten die Magie als allumfassenden Bestandteil der Natur, in der sie sich bewegen. Sie sehen ihren magischen Ursprung, ihre Magie oftmals im ureuropäischen Schamanismus. Dahinter steht weniger ein einheitliches Konzept als eine eklektische Aneinanderreihung verschiedenster Mysterienreligionen Europas und dem Fernen Osten.

Wicca in der Gesellschaft

Jede Gemeinschaft oder spezifische Gruppe entwickelt ihre eigenen Wert- und Normensysteme, die sich unterschiedlich mit den gesellschaftlichen Moralvorstellungen verbinden lassen. Wicca weist insgesamt keine umgedeuteten Wertsysteme aufgrund ihres neuen Glaubenssystems auf.

Durch das lose System und die fehlende Dachorganisation sind Angaben über Anzahl der Anhänger des Wicca nicht zu leisten. Feststellbar sind jedoch erhöhtes Interesse an Wicca und stetig steigende Anzahl von Internetforen und –seiten, welche sich mit dem Thema auseinandersetzen. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, da man nicht feststellen kann, wer hinter den Seiten wirklich steht. Wicca sind über alle Bevölkerungsschichten verteilt, wobei anzumerken bleibt, dass sie meist aus der Bildungsschicht stammen.

Wicca sind letztlich in zwei kulturellen Mustern beheimatet, die sich nicht ausschließen, sondern oftmals ergänzend aufeinander wirken. Aufgrund der Hinwendung zu einem alternativen religiösen System und einer Suche nach der jeweiligen heimatlichen Religion, die sich mit geographischen Lagen und historischen Entwicklungen der Völker in Europa deckt, entfernen sich die Wicca nie aus dem abendländisch geprägten Kontext. Die Kultur, in der sie sich bewegen, bleibt dieselbe. Lediglich eine Um- bzw. Reinterpretation bestehender kultureller Muster und Bedingungen wird vollzogen. Folglich ist Wicca in der gängigen abendländischen Kultur verankert. Das Bestreben der Religion liegt nicht in der Verneinung des dominierenden kulturellen Musters, sondern in der Assimilation alter ‚überlieferter’ Muster innerhalb der europäischen Kultur. Die kulturellen Bausteine lassen sich alle ohne größere Probleme in die gängige Kultur des Landes, in dem die Wicca leben, umsetzen. Die Lebenswelt der Wicca funktioniert folglich innerhalb unserer Gesellschaft.

Literatur

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Jörg Wichmann, Die Renaissance der Esoterik, Stuttgart 1991.

 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Fischer, Kathrin: Wicca – die Hexenreligion im deutschsprachigen Raum. Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzvb/

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Erstellt: 07.01.2010

Zuletzt geändert: 08.01.2010

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