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Hexenverfolgungen Vorarlberg

Manfred Tschaikner

17. Dezember 2012

Territorium

In der Frühen Neuzeit umfassten die österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg den Großteil des heutigen Bundeslandes Vorarlberg. Sie waren in 21 Landgerichte sowie drei Stadtgerichte gegliedert, die über unterschiedliche rechtliche Kompetenzen verfügten und von Vögten im Auftrag des Landesherrn verwaltet wurden. Auf dem Boden Vorarlbergs lagen auch die reichsunmittelbare Grafschaft Hohenems und der Reichshof Lustenau, die Reichsherrschaft Blumenegg und die Propstei St. Gerold. Die beiden letztgenannten Territorien waren Außenbesitzungen der Klöster Weingarten und Einsiedeln. Hier scheinen keine Hexenprozesse geführt worden zu sein.

Chronologie

Die Anfänge der Hexenverfolgung

Das erste bekannte Opfer der Hexenverfolgungen aus den Herrschaften vor dem Arlberg – eines "schuhmachers wib von Bregentz" – starb 1493 in einem Konstanzer Verlies. Vom Jahr 1498 ist überliefert, dass eine Bregenzerin, und zwar die Mutter des späteren kaiserlichen Hofhistoriographen Jakob Mennel, von magiekundigen Mitbürgern als schädliche Hexe identifiziert und daraufhin längere Zeit gefangen gehalten wurde. Die erste in den Quellen fassbare Person, die ausdrücklich wegen Hexerei gerichtlich verfolgt wurde, war Elsa Gottschälkin aus Latz bei Nenzing. Trotz Anwendung der Folter brachte sie die Bludenzer Obrigkeit bei einem Gerichtsverfahren im Jahr 1528 zu keinem entsprechenden Geständnis. 1539 ließ der Bludenzer Vogt mit Anna Kugelmännin, einer Frau, die vermutlich aus dem Raum Memmingen stammte, die erste Person in Vorarlberg hinrichten, die unter anderem auch Schadenzauber und einen – allerdings widerrufenen – Teufelspakt gestanden hatte.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden nicht mehr nur Einzelpersonen, sondern ganze „Hexengesellschaften“ in mehreren Prozesswellen zunächst im Bregenzerwald, dann auch in anderen Teilen der Herrschaft Feldkirch sowie in der Herrschaft Bregenz gerichtlich verfolgt. Nachdem die Innsbrucker Behörde im Frühjahr 1551 den Amtleuten umfassendere Indizien als Voraussetzung für weitere Verhaftungen vorgeschrieben, ihnen die eigenmächtige Folterung Inhaftierter untersagt und sich die letzten Entscheidungen in Hexereiverfahren vorbehalten hatte, endete dieser erste Höhepunkt der Hexenverfolgungen, der mindestens dreißig Todesopfer gefordert haben dürfte.

Danach kam es erst wieder im Jahr 1570 zu einem Hexenprozess, und zwar in Bludenz gegen eine Frau aus dem Montafon. Fünf Jahre später stellte man vier Frauen aus Altenstadt in Feldkirch vor Gericht, was ihnen wohl das Leben kostete. In Bludenz wurden damals drei Frauen hingerichtet, nachdem – auf Grund der Unfähigkeit der heimischen Scharfrichter, Geständnisse zu erzwingen – wie in Feldkirch ein auswärtiger Hexenspezialist aus der Zentralschweiz zur Folterung herangezogen worden war. 1585 verbrannte man eine Dornbirnerin als Hexe; 1586 und 1588 fanden in Bludenz Verfahren gegen vier Klostertaler(innen) statt, die mit einer Hinrichtung endeten.

Zweiter Höhepunkt der Hexenverfolgung

Seit 1595 steuerten die von den Untertanen geforderten Hexenjagden in allen Herrschaften ihrem zweiten Höhepunkt zu, der sich zeitlich mit einer Spitze der Verfolgungen in weiten Gebieten Mittel- und Westeuropas deckt. Zusammenhänge mit großräumigen Agrarkrisen sind unverkennbar. In der Herrschaft Feldkirch lieferten verschiedene Vorgänge seit 1597 eine Reihe von Anlässen zu erbittert geführten Streitigkeiten zwischen Teilen der Bevölkerung und den Amtleuten. Vor allem in Dornbirn kam es zum massiven Versuch der Neutralisierung oder Umgehung der landesfürstlichen Gerichtsgewalt durch dörfliche Ausschüsse, die Verhöre und Folterungen ihren Interessen gemäß zu steuern beabsichtigten. Die dortigen Hexenprozesse bereiteten der Feldkircher Behörde ständig Schwierigkeiten. Entweder sie kam dem Verfolgungsbedürfnis eines Großteils der Bevölkerung nach und verstieß dabei gegen Rechtsvorschriften oder finanzielle Beschränkungen der Regierung, oder sie reizte die Untertanen durch eine rechtlich stark abgesicherte, verfolgungshemmende Vorgangsweise zu verbitterten aufstandsartigen Reaktionen. Der Zwiespalt, in dem sich die Feldkircher Amtleute befanden, führte dazu, dass einerseits zahlreichen Personen das Leben gerettet wurde, andererseits aber fast alle bekannten Hinrichtungen in den Dornbirner Hexenjagden um 1600 in Verfahren erfolgten, die von der Innsbrucker Regierung als problematisch gerügt wurden.

Im Juni 1597 fand in Bludenz die größte bekannte Hexenprozessserie im Oberland statt, die fünf Frauen das Leben kostete. Im darauffolgenden Herbst wurde dort noch ein Mann verbrannt. 1604 richtete man abermals zwei Frauen hin. Zur umfangreichsten Prozessserie in der vorarlbergischen Geschichte kam es im Jahr 1609 in Bregenz. Von April bis Juli wurden dort 16 Personen, die großteils aus dem Gericht Hofsteig stammten, als Hexen oder Hexer verbrannt. Am Beginn dieser Verfahren stand offensichtlich die Verhaftung des Segners und Wanderhändlers Melch Schnell aus Ammenegg im Gericht Dornbirn, welche die Innsbrucker Regierung schon 1602 empfohlen hatte. Das Jahr 1615 bildete den zweiten Höhepunkt der Bregenzer Hexenverfolgungen. Damals wurden zehn Personen abgeurteilt. Aus der Zeit kurz danach sind Aktenbruchstücke einer Untersuchung gegen zwei Frauen aus Alberschwende erhalten, die einander der Hexerei bezichtigten.

Der 1622 in Bregenz hingerichtete Hohenemser Michael Kecklin hatte sich laut Geständnissen nur des Teufelsbundes, nicht jedoch der Zauberei oder Hexerei schuldig gemacht. Als andere Personen dieser Verbrechen bezichtigt wurden, wirkte die Bregenzer Behörde damals zurückhaltend und mäßigend. Wo aber wie im Fall der Katharina Zwiselerin aus Scheffau im Jahr 1626 Indizien des Kindsmords vorlagen, griff die Obrigkeit hart durch und ermöglichte eine Hinrichtung als Hexe. An einer Ausweitung ihres Prozesses, in dessen Verlauf auch andere Personen der Hexerei bezichtigt wurden, zeigten sich die Bregenzer Beamten nicht interessiert. So sind in den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg für die gesamte Zeit des Dreißigjährigen Krieges, außer der Zwiselerin "nur" drei weitere Hinrichtungen von vermeintlichen Hexen belegt

Im Gegensatz zum Bregenzer Raum, wo die gerichtlichen Verfolgungen nach 1615 nicht ganz abgebrochen waren, scheint es im Süden des heutigen Bundeslandes Vorarlberg nach den Bludenzer Hexenprozessen von 1604 zu keinen solchen Gerichtsverfahren mehr gekommen zu sein. Dennoch wurden auch hier weiterhin Frauen und Männer entsprechend verdächtigt und ausgegrenzt. Im Jahr 1642 sollte der Bludenzer Vogteiverwalter sogar, ungeachtet aller gesetzlichen Bestimmungen, durch Druck auf seine Person zur Verhaftung einer Bürserbergerin gezwungen werden, die von einer besessenen Frau als Hexe in Verruf gebracht worden war.

Ende der Hexenverfolgungen

Um 1640 zeichnete sich der Beginn einer dritten Konzentration der Hexenverfolgungen in Vorarlberg ab. Dabei kam es nur noch in der Stadt und in der Herrschaft Feldkirch, wo die Behörden gegenüber der Regierung in Innsbruck am selbständigsten agieren konnten, zu Hinrichtungen. Die letzten dokumentierten Todesurteile im Rahmen von Hexenprozessen fällte 1651 der Feldkircher Hubmeister Johann Christoph von der Halden über acht Frauen aus dem Gericht Rankweil-Sulz. Darunter befand sich auch eine Adelige, was zu großen Problemen führte. In Bregenz verstarb im selben Jahr eine alte Frau während eines solchen Gerichtsverfahrens. 1656/57 fand hier schließlich der letzte nachweisbare Hexenprozess in den vorarlbergischen Herrschaften statt. Er endete für sämtliche Angeklagte mit einem Freispruch. Im folgenden Jahrzehnt waren die Behörden jedoch immer noch mit Versuchen konfrontiert, verdächtigte Personen vor Gericht zu bringen.

Nachdem in der reichsfreien Grafschaft Hohenems und im Reichshof Lustenau bereits 1630/31, 1649/50 und 1653 zwölf Menschen bei Hexenprozessen getötet worden waren, kam es hier 1677 zu den letzten Hexenprozessen auf heutigem Vorarlberger Boden. Sie kosteten sechs weiteren Personen das Leben. Das letzte bekannte Vorarlberger Opfer der Hexen- und Zaubereiprozesse war der aus Frastanz stammende Schaaner Kaplan Gerold Hartman, der in Chur und Mailand als Zauberpriester inquiriert wurde. Nach drei Jahren Haft konnte er trotz Freispruchs und Wiedereinsetzung 1682 seine Stelle nicht wieder antreten, da die päpstliche Entscheidung zu seinen Gunsten in der Grafschaft Vaduz nicht anerkannt wurde.

Entscheidend für das relativ frühe Ende der Hexenverfolgungen in den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg waren die eingeschränkten Kompetenzen der landesfürstlichen Vögte. Deshalb fanden die letzten „erfolgreichen“ Hexenprozesse in Vorarlberg entweder in reichsfreien Gebieten oder in Territorien statt, in denen die Innsbrucker Regierung über geringeren Einfluss im Gerichtswesen verfügte. Wie ihre Vorgangsweise in Tirol belegt, lehnte sie Hexenverfolgungen nicht grundsätzlich ab. Zahlreiche Injurien zeugen davon, dass in der Vorarlberger Bevölkerung lange über das Ende der Prozesse hinaus ein starkes Bedürfnis nach Verfolgungen von vermeintlichen Hexen bestand. Gefördert wurde diese Einstellung nicht zuletzt durch Geistliche wie den bekannten Exorzisten Johann Joseph Gassner aus dem Klostertal, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert eine umfangreiche literarische Debatte über das Hexenwesen im gesamten deutschen Sprachraum auslöste.

Aussagen und Urteilsstruktur

Insgesamt standen im Bereich des heutigen Vorarlberg in den 150 Jahren zwischen 1528 und 1677 mindestens 202 Personen als Hexen oder Hexer vor Gericht. 122 davon wurden nachweislich hingerichtet, sieben starben im Kerker. 51 wurden freigesprochen und eine des Landes verwiesen. Bei 18 ist der Ausgang des Gerichtsverfahrens unbekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die tatsächliche Zahl der Hingerichteten auf wenigstens 150 belief. Nicht ganz 90 Prozent davon waren Frauen. Die Konzentration des Hexenwesens auf das weibliche Geschlecht hing auch damit zusammen, dass im Rahmen der alltäglichen Konfliktstrategien eine Bezichtigung von Frauen als Hexe das Gegenstück zur Ketzerei- bzw. Sodomieanschuldigung bei Männern darstellte. Darüber hinaus waren Männer stärker bei heilenden und bannenden Anwendungen der Volksmagie vertreten, Frauen eher im Bereich des Schadenzaubers. Die Angeklagten bei den Hexenprozessen auf dem Boden des heutigen Vorarlberg stammten fast nur aus den Unter- und Mittelschichten der dörflichen und städtischen Bevölkerung. Hinsichtlich der Intensität bestanden große regionale Unterschiede. Am stärksten vom Hexentreiben betroffen waren die Gerichte Hofsteig und Dornbirn. In den Geständnissen der Angeklagten standen Vorwürfe zauberischer Schädigungen im Vordergrund. Von der Satansverehrung der theologischen Hexenvorstellung sind nur Ansätze dokumentiert. Stattdessen überliefern sowohl Prozessunterlagen als auch Aufzeichnungen zum volksmagischen Umfeld der Hexenverfolgungen Denkmuster, die an nicht-christliche Vorstellungen von der Totenwelt erinnern und den Fruchtbarkeitsriten der friaulischen Benandanti gleichen.

Literatur

Manfred Tschaikner, "Damit das Böse ausgerottet werde" - Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert, Bregenz 1992 (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 11).

Ders., Magie und Hexerei im südlichen Vorarlberg zu Beginn der Neuzeit, Konstanz 1996.

Ders., Die Hexenverfolgungen in den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg, in: Heide Dienst (Hg.), Hexenforschung aus österreichischen Ländern, Wien-Berlin 2009 (Österreichische Hexenforschung 1), S. 53–76.

Ders., Grenzüberschreitendes bei den Hexenverfolgungen an Alpenrhein und Bodensee, in: Montfort 62, 2010, S. 113–121.

Empfohlene Zitierweise

Tschaikner, Manfred: Vorarlberg - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzuz/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 30.09.2013

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