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Hexenverfolgung - Schweiz

Ulrich Pfister und Kathrin Utz Tremp

1. Einleitung

Die Schweiz liegt im Zentrum einer Zone zwischen Oberdeutschland und Südostfrankreich, in dem Hexenprozesse zuerst in größerem Ausmaß einsetzten, das kumulative Hexenkonzept maßgeblich formuliert wurde und die Hexenverfolgung am intensivsten war. Gemäß einer groben Schätzung fanden von den rund 110000 Hexenprozessen Westeuropas (einige Schätzungen gehen auch von weniger Opfern aus) etwa 10.000 allein im Raum der heutigen Schweiz statt (möglicherweise ist die Schätzung etwas zu hoch gegriffen). Seit den 1970er Jahren zählt die historische Hexenforschung zu einem bedeutenden interdisziplinären Forschungsfeld unter anderen von historischer Anthropologie, Geschlechter-, Kultur- und Rechtsgeschichte. Ulrich Pfister

2. Mittelalter

Die mittelalterlichen Wurzeln der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen finden sich (neben der Dauphiné) in der nachmaligen Westschweiz (bei den Verfolgungen, die im 15. Jahrhundert in der deutschen Schweiz stattfanden, handelt es sich um Malefizprozesse ohne Konzept von Hexensekte und -sabbat; eine Ausnahme bilden die Prozesse der Leventina 1432 und 1457-59). Die frühen Verfolgungen in der Westschweiz erklären sich unter anderem dadurch, dass es hier seit den Freiburger Waldenserprozessen von 1399 und 1430 eine funktionierende Inqusition mit Sitz im Lausanner Dominikanerkonvent gab, aber auch durch die politische Zerstückelung der Westschweiz, wo Hexenprozesse geführt wurden, um Herrschaftsansprüche zu begründen und durchzusetzen (so nachweisbar 1465 in Ch â tel-St.-Denis). Die ersten Hexenverfolgungen fanden um 1430 im Wallis statt, gefolgt von Hexenverfolgungen in Freiburg und Neuenburg (um 1440), in Vevey (1448), in den Territorien des Bischof von Lausanne (um 1460), wiederum am Genfersee (um 1480) und schließlich in Dommartin (1498 und 1524-1528). Aus den 1430er Jahren und aus dem gleichen, etwas weiteren geographischen Kontext stammen auch die ersten theoretischen Texte, welche die imaginäre teuflische Sekte und ihre Versammlungen auf dem Hexensabbat in Wechselwirkung mit der Prozesswirklichkeit beschreiben. Lange bevor der "Hexenhammer" (1487) der Dominikaner Krämer und Sprenger dazu aufrief und lange vor der Aufhebung des Lausanner Dominikanerkonvents (1536) wurden vermeintliche Hexer und Hexen durch die weltlichen Obrigkeiten verfolgt, so um 1430 im Wallis und um 1440 in Freiburg. Während der Anteil der Frauen an den Verfolgten in der Frühen Neuzeit rund zwei Drittel ausmachte, betrug er im 15. Jahrhundert lediglich einen Drittel, auch wenn die Frauen bereits 1448 in Vevey anders, sexistischer befragt wurden als die Männer. Kathrin Utz Tremp

3. Frühe Neuzeit

3.1. Chronologie, Verbreitung

Wie anderswo nahmen Hexenprozesse im Raum der heutigen Schweiz im letzten Drittel des 16. Jahrhundert stark zu, um gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts abzuebben; in Graubünden stammt allerdings die Masse der überlieferten Prozesse erst aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert Aus dem 18. Jahrhundert sind kaum mehr Prozesse überliefert; Anna Göldi (Glarus, 1782) gilt als letzte verurteilte Hexe. Zwar gab es in der Schweiz kein eigentliches Verbot von Hexenprozessen, aber Obrigkeiten wurden nach 1700 zögerlicher in der Annahme von Hexenklagen, und das Risiko einer Verurteilung sank. Regionale Schwerpunkte waren die Waadt (1580-1655 etwa 1700 Verurteilungen) und Graubünden (insgesamt mindestens 1000 Prozesse). Beides waren Territorien mit einer regional stark zersplitterten Blutsgerichtsbarkeit. Durch eine zentralisierte Blutsgerichtsbarkeit gekennzeichnete Orte wiesen dagegen weniger Prozesse auf (zum Beispiel Zürich etwa 80). Wie anderswo war somit die Hexenverfolgung umso intensiver, je näher das relevante Gericht bei der klagenden Bevölkerung angesiedelt war. Die gering entwickelte Zentralstaatlichkeit der Schweiz stellt damit eine wichtige Erklärung für die hohe Häufigkeit von Hexenprozessen dar.

3.2. Organisation

In der Frühen Neuzeit wurden Hexenprozesse fast immer von weltlichen Gerichten geführt. Die Anklage kam in der Regel aus der Bevölkerung und lautete primär auf Schadenzauber. Mit Hilfe eines Inquisitionsverfahrens suchten die Gerichte das Geständnis nicht nur des Schadenzaubers, sondern auch der Teilnahme am Hexensabbat und des Beitritts zur Hexensekte zu erlangen. Hierbei wurde durchwegs die Folter eingesetzt. Spezifisch an schweizerischen Hexenprozessen ist die geringe Beachtung der Vorschriften der Reichsordnung für die Strafgerichtsbarkeit von 1532 (Carolina). Eine glaubhafte Zeugenaussage zu einem Schadenzauber reichte zur Konstituierung eines Corpus delicti lange aus, und die zur Anordnung der Folter vorgeschriebene vorgängige Aktenversendung an eine juristische Fakultät oder eine vorgesetzte Behörde war in der Schweiz nicht üblich. Auch sah die Carolina nur den Schadenzauber als justiziabel an. Diese konkreten Folgen der Reichsferne sowie der schwachen Entwicklung der Zentralstaatlichkeit in der Schweiz wirkten sich negativ für die Angeklagten aus. Die Chance, ein Geständnis zu vermeiden und freigesprochen oder wenigstens nur verbannt zu werden, lag vermutlich allgemein unter 50%, vielerorts unter 25%. Die Hinrichtung erfolgte nur zum Teil mit Feuer, verbreitet auch mit dem Schwert.

3.3. Anlässe für Hexenprozesse

Hexenprozesse wurzelten in nachbarschaftlichen Konflikten um reziproke Beziehungen, konkret um das zurv Verfügung stellen von Arbeitsgeräten oder kleiner Geschenk (beispielsweise Milch), um ungleichen Arbeitserfolg sowie um freundschaftlichen Umgang im Nachbarschafts- und Verwandtenverband. Das Risiko, ins Gerede zu kommen, war besonders für Personen mit auffälligen körperlichen oder sozialen Merkmalen (wie Schielen, Schweigsamkeit, hohe Konfliktbereitschaft, seltener Kirchgang) beträchtlich, denn die Wahrscheinlichkeit, dass zufällige Koinzidenzen eines auffälligen Verhaltens mit Schadenfällen eintrafen, war bei ihnen überdurchschnittlich hoch. Derartige Koinzidenzen konnten eine persönliche Feindschaft erzeugen oder verstärken und langfristig (viele Zeugenaussagen beriefen sich auf zehn und mehr Jahre zurückliegende Ereignisse) Bezichtigungen wegen Schadenzaubers hervorrufen. Häufungen von Hexerei-Klagen traten entsprechend in Situationen auf, in denen nachbarschaftliche Beziehungen der Reziprozität unter Druck gesetzt wurden, insbesondere in Hungerkrisen. Dieser Sachverhalt erklärt teilweise auch den Höhepunkt der Hexenprozesse in den Jahrzehnten um 1600, die als Ära der "kleinen Eiszeit" und als Spätphase eines langfristigen malthusianischen Wachstums (Bevölkerungswachstum bei sinkendem Reallohn) bekannt sind. Innere und äußere politische Konflikte dämpften dagegen die Intensität der Hexenverfolgung.

3.4. Strukturelle Ursachen

Die Verbindung des frühneuzeitlichen Hexenglaubens mit Häresie bedeutet eine Inversion der vielfach noch unsicheren konfessionell geprägten Orthodoxie des 16./17. Jahrhunderts und steht in Verbindung mit der Dämonisierung von nicht-kirchlichen Glaubensformen: Das Element unkontrollierter Körperlichkeit (Tanz, Sexualität, unbändiges Essen) in Vorstellungen des Hexensabbats verweist auf eine Inversion des noch unsicheren Prozesses der Zivilisation. Sowohl Konfessionalisierung als auch Zivilisationsprozess wurden ausschließlich von Männern vertreten, so dass deren Inversion insbesondere Frauen zugeschrieben werden konnte. Dies stellt eine vermutliche Erklärung des hohen Frauenanteils (in der Schweiz etwa zwei Drittel bis 95%) der Angeklagten in Hexenprozessen dar. Die Konsolidierung dieser Vorgänge in Verbindung mit dem Aufkommen der rationalistischen Philosophie, das sich auch auf die Rechtsdogmatik auswirkte, trug zum raschen Abflauen der Hexenprozesse bei. Ulrich Pfister

Literatur

Allgemeines

Brian P. Levack, Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 1995.

Brian P. Levack, Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 1995.

Claudia Opitz (Hg.), Der Hexenstreit: Frauen in der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung, Freiburg i B. 1995.

Stuart Clark, Thinking with demons: The idea of witchcraft in early modern Europe, Oxford 1997.

Mittelalter/Frühe Neuzeit

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Martine Ostorero, "Fol â trer avec les démons". Sabbat et chasse aux sorciers à Vevey (1448), 1995.

Kathrin Utz Tremp, "Ist Glaubenssache Frauensache? Zu den Anfängen der Hexenverfolgungen in Freiburg (um 1440)", in FGB 72, 1995, 9-50.

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Sandrine Strobino, Françoise sauvée des flammes? Une Valaisanne accusée de sorcellerie au XVe siécle, 1996.

Laurence Pfister, L'enfer sur terre. Sorcellerie à Dommartin (1498), 1997.

Georg Modestin, Le diable chez l'év ê que. Chasse aux sorciers dans le diocése de Lausanne (vers 1460), 1999.

Georg Modestin, "Der Teufel in der Landschaft. Zur Politik der Hexenverfolgungen im heutigen Kt. Freiburg von 1440 bis 1470", in FGB 76, 1999, 81-122.

L'imaginaire du sabbat. Edition critique des textes les plus anciens, hg. von Martine Ostorero, Agastino Paravicini Bagliani, Kathrin Utz Tremp, 1999.

Catherine Chéne, Martine Ostorero, "Démonologie et misogynie. L'émergence d'un discours sp cifique sur la femme dans l'élaboration doctrinale du sabbat au XVe siécle", in Die Frauen in der europ. Gesellschaft, 2000, 171-196.

Georg Modestin, "Wozu braucht man Hexen? Herrschaft und Verfolgung in Ch â tel-Saint-Denis (1444-1465)", in FGB 77, 2000, (im Druck) Frühe Neuzeit-Guido Bader, Die Hexenprozesse in der Schweiz, Affoltern a. A. 1945.

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Joseph Schacher, Das Hexenwesen im Kanton Luzern nach den Prozessen von Luzern und Sursee 1400-1675, Diss. Freiburg 1947.

 

Historisches Lexikon der Schweiz

 

Empfohlene Zitierweise

Pfister, Ulrich: Schweiz - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzqo/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2008

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