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Hexenverfolgungen Schwäbisch-Österreich

Johannes Dillinger

13.12.99

Konglomerat komplex strukturierter Streubesitzungen, vier große Verwaltungseinheiten: Markgrafschaft Burgau (Hauptort Günzburg), Landvogtei Schwaben (Hauptort Altdorf, heute Weingarten), Landgrafschaft Nellenburg (Hauptort Stockach), Grafschaft Hohenberg (Hauptort Rottenburg). Die Interessen des Erzherzogs von Tirol als des Landesherrn nahm jeweils ein Landvogteiamtsverwalter / Statthalter wahr, der nicht Ensisheim (Vorderösterreich: Älteres Vorderösterreich ), sondern Innsbruck direkt verantwortlich war. An Gerichtsorten, die immediat und ungeteilt von Habsburg verwaltet wurden, kam es zwischen 1493 und 1711 zu 528 Hexenprozessen, davon rund 90 % gegen Frauen. Anteil der Todesurteile bei Prozessen gegen Frauen 79 %, bei Prozessen gegen Männer 51%. Bei über zwei Dritteln der Verfolgungsopfer sind Angaben über ihre familiäre oder soziale Situation nicht möglich. Mehr als 52 % aller Opfer mit bekanntem Familienstand waren verheiratete Frauen, Witwen mit rund 27 % erscheinen überrepräsentiert. Nach ersten Prozeßketten 1530/31 und 1558/59 Verdichtungsphasen 1578, 1583-1605.

Rund 80% aller Verfahren fanden in der Grafschaft Hohenberg statt, die somit als eines der verfolgungsintensivsten Territorien Süddeutschlands anzusprechen ist. Nirgendwo sonst in Schwäbisch-Österreich gab es Prozessketten mit mehr als fünf Verfahren und Verfolgungsverdichtungen in einzelnen Dörfern entsprechend dem 'small panics' Paradigma. Eine erste Erklärung hierfür liegt in der Gerichtsstruktur: Hohenberg verfügte über sechs Kriminalgerichte, alle übrigen Teile Schwäbisch-Österreichs nur über eines oder zwei.

Die Innsbrucker Regierung war zunächst verfolgungsfreundlich, nach 1532 konsequent kritisch im Sinn der Carolina. Landesgesetze für Nellenburg (1569) und Burgau (1584) entsprechend. Die Hexenprozessinstruktion für die Vorlande (1637) verband Carolina und Tanner. Im Kontakt mit Ortsbeamten, Städten und Einzelpersonen restriktive Haltung der Regierung, vergebliche Versuche, die Verfolgungen zu kontrollieren und einzuschränken. Übergriffe in fremde Territorien, um dort von der benachbarten Gerichtsherrschaft nicht belangte Hexen festzunehmen, erfolgten immer nur auf Initiative der Bevölkerung und der lokalen Amtsträger. Die erzherzogliche Regierung versuchte nie, ihre Jurisdiktionsbereiche auf diese Weise auszudehnen oder zu vereinheitlichen, sie war vielmehr bemüht, den status quo zu erhalten und ihn nicht durch Konflikte um Hexenprozesse zu gefährden. Ein Hexenprozess gegen den Souverän eines reichsunmittelbaren Nachbarterritoriums, Agatha von Sontheim, den lokale Stellen in Hohenberg angestrengt hatten, führte 1590 zur Einsetzung eines Schiedsgerichts durch Rudolf II., das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Trotz des gegenreformatorischen Interesses der Innsbrucker Regierung und der massiven Präsenz von Klöstern und Laienbruderschaften spielte die katholische Kirche eine geringe Rolle bei den schwäbisch-österreichischen Verfolgungen. Generell kann festgestellt werden, dass die weltlichen Behörden keinen kirchlichen Einfluß wünschten und die kirchlichen Stellen ihrerseits nicht an den Verfolgungen interessiert waren. Selbst bei Ermittlungen wegen magischen Missbrauchs von Hostien gegen den Burgauer Beamten Marquart von Freyberg verweigerte der Bischof von Augsburg ( Heinrich von Knöringen ) positiv seine Mitwirkung bei einem strafrechtlichen Verfahren. Positive Gutachten von geistlichen Kommissionen aus Konstanz wurden von den lokalen Verfolgungsagenten ignoriert. Geistliche wurden mehrfach als Sachverständige in Verfahren gegen Kinder herangezogen, ihre Empfehlungen lauteten stets auf Aufnahme ins Spital zur Überwachung und christlichen Erziehung. Unter dem Einfluß Spees (-> Friedrich Spee) leistete der Oberndorfer Priester Dr. Justus Haußmann 1636 Widerstand gegen die Hexenprozesse.

Treibende Kraft hinter den Verfolgungen war klar die städtische und ländliche Unter- und Mittelschicht. Populäres Verfolgungsbegehren war in den Teilterritorien unterschiedlich ausgeprägt. In Hohenberg war es außerordentlich stark und wurde aggressiv den herrschaftlichen Beamten gegenüber vorgetragen. Z.Z. der Massenverfolgungen erlebte Hohenberg einen schweren ökonomischen Einbruch infolge einer Krise des Weinbaus. Diese ergab sich aus Absatzschwierigkeiten sowie einer Abfolge von Missernten, die die in Kleinbetrieben wirtschaftenden Winzer in ihrer Existenz bedrohte. Ernteschädigende Wetterereignisse wurden mehrmals konkret zum Auslöser lokaler Prozessverdichtungen. Wegen günstigerer klimatischer Bedingungen oder anderer Anbauformen kam es zu keinen ähnlichen Notlagen in den weniger verfolgungsintensiven Territorien Schwäbisch-Österreichs. Zumindest für die Landvogtei Schwaben kam verfolgungshemmend hinzu, dass der Kult des Heiligen Blutes im Kloster um 1600 dezidiert als Hilfe gegen dämonische Schädigung der Weinernte präsentiert wurde. Hier bestand in der Volksreligiosität eine vom Hexenprozess weg weisende Handlungsoption bei Wetterschäden.

In allen Teilen Schwäbisch-Österreichs wurde die Strafrechtspflege durch das 16. und 17. Jahrhundert hindurch von politischen Konkurrenzkämpfen um Gerichtsrechte zwischen Beamten, städtischen Amtsträger und u. U. Anrainerstaaten geprägt. In Nellenburg, der Landvogtei und Burgau distanzierten sich die Stadträte vom Verfolgungswunsch der Bevölkerung. Sie tendierten dazu, Hexereibezichtigungen als Beschimpfungen zu ahnden, ohne sie überhaupt bis vor das herrschaftliche Kriminalgericht kommen zu lassen. Zum Teil sehr detaillierten, mit konkreten Vorgangsschilderungen und Bezeichnung von Opfern ausformulierten und einem allgemein verbreiteten Gerücht entsprechenden Anschuldigungen wurde so der Weg in die Strafjustiz versperrt. Diese Räte waren kleine (12 Mitglieder) verfestigte Gremien der lokalen Eliten mit deutlicher Distanz zur Bevölkerungsmehrheit. Wegen politischer Konkurrenz begründet, standen sie den habsburgischen Gerichtsbeamten äußerst kritisch gegenüber. Nellenburg, die Landvogtei und Burgau wurden nicht nur von Jurisdiktionsstreitigkeiten mit den Städten sondern auch mit fast allen Anrainerstaaten belastet. Die unklaren Jurisdiktionskompetenzen erzwangen einen regen Informationstransfer zwischen diesen Teilen Schwäbisch-Österreichs und der verfolgungskritischen Innsbrucker Regierung, sowohl die Regionalbeamten als auch die zur Klientel Habsburgs gehören Anrainerstaaten riefen sie immer wieder an. Die habsburgischen Landgerichte in Schwaben bzw. im Hegau und im Madach als Appellationsinstanzen mit universaler Kompetenz wirkten als Kontrollinstitutionen. Juristischer 'Freiraum' für Massenverfolgungen von Hexen entstand nicht.

Hohenberg dagegen lag isoliert, fast als Enklave im Herzogtum Württemberg . Als einziger Teil Schwäbisch-Österreichs hatte es weitgehend unbestrittene Grenzen. Die Stadträte Hohenbergs teilten das Verfolgungsbegehren der Bevölkerungsmehrheit. Sie forderten Prozesse bei der Herrschaft ein. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts gelang es ihnen, Kompetenzen im Gerichtswesen zu usurpieren. In den verfolgungsintensivsten Städten Hohenbergs, Rottenburg und Horb, führten die Stadträte faktisch die Prozesse. Die herrschaftlichen Beamten waren an den Rand gedrängt worden oder hatten sich mit den Interessen der Räte identifiziert. Ermöglicht wurde dies durch den von Hohenberger Stellen kontrollierten, selektiven Informationstransfer nach Innsbruck. Die verfolgungsbereiten Stadträte Hohenbergs waren mit bis zu 60 Mitgliedern erheblich personalstärker als die des übrigen Schwäbisch-Österreich. Die Räte der Hohenberger Städte waren auf dem Weg zum Repräsentationsgremium. Zwischen dem Rat und der sich von Hexen intensiv bedroht fühlenden Bevölkerungsmehrheit bestand Interessenkongruenz und personelle Teilidentität in höherem Maß als im übrigen Schwäbisch-Österreich. Weil sie die Hexenprozesse forcierten, gerieten die Hohenberger Räte in Konflikte mit der gemäßigten Landesherrschaft.

In ganz Schwäbisch-Österreich blieben private Klageerhebungen bei Hexenprozessen die Ausnahme, in Hohenberg lassen sie sich überhaupt nicht nachweisen. Die obrigkeitlichen Inquisitionen reagierten aber jeweils auf die den Räten oder Beamten vorgetragenen Verdächtigungen von Privatpersonen. Besagungen wurden generell als schweres Indiz gewertet. Dennoch darf die Bedeutung der Besagung nicht überschätzt werden: Für die Städte Hohenbergs kann festgestellt werden, dass jeweils rund die Hälfte aller Besagungen ohne feststellbare Folgen blieb, wohl weil sie durch keine weiteren Indizien erhärtet wurden. In jeder Beziehung eine Ausnahme bilden die Denunziationen zweier Mädchen aus dem Rottenburger Spital, die von sich behaupteten, von Hexen zum Sabbat entführt worden. Besagungen von dieser Seite wurden sehr ernst genommen: Sie führten unmittelbar zu Verhaftung und Folter. Die Besagungen der Kinder bereiteten den Höhepunkt der Verfolgungen in Hohenberg vor. Sie wurden in der Folgezeit als Beweise für die Zuverlässigkeit von Denunziationen und die Notwendigkeit härtesten Vorgehens angeführt. Einer direkten Manipulation ihrer Aussagen scheinen die Mädchen sich entzogen zu haben, sie griffen aber bei ihren Anschuldigungen auf verbreitete Hexereiverdächtigungen gegen bestimmte Personen zurück. Selbstbezichtigungen von Kindern führten in Schwäbisch-Österreich stets zu Untersuchungen, wobei ihr prozentualer Anteil zum Ende der Verfolgungen hin zunahm.

Die Folter ist nur in Ausnahmefällen exzessiv gehandhabt worden, die Purgation durch Überstehen der Tortur ist generell anerkannt worden und gelang mehrfach. Urgichten mit Besagungen wurden in Hohenberg bis zur Einführung neuer Policeyordnungen 1607/09 verlesen, im übrigen Schwäbisch-Österreich läßt sich diese Praxis nicht nachweisen. Eine einheitliche Regelung der Prozeßkosten fehlte in ganz Schwäbisch-Österreich während der Hauptverfolgungszeit. In der Regel wurden lediglich die Verfahrenskosten aus der Hinterlassenschaft eines Prozeßopfers bestritten (25-40 Gulden). Je nach Schwere des Falls behielten es sich die lokalen Stellen jedoch vor, zusätzlich ein Strafgeld oder die Konfiskation des ganzen Vermögens anzuordnen.

Die Hexenimagination sowohl der Gerichtsbeamten als auch der Bevölkerung entsprach dem elaborierten Hexenbegriff, wobei dem Sabbat jedoch alle kultischen Züge fehlten. Dominierend war die Angst vor Schadenzauber, in Hohenberg insbesondere vor Wetterzauber. In ganz Schwäbisch-Österreich begegneten Hexenfabulate immer im Modus von Volkssagenmotiven. Im Rahmen der autonomen lokalen Aneignung der Hexentheorie wurden ihr zunächst fremde Elemente des Volksglaubens (Poltergeister, Totengeister etc.) als Hexerei neu interpretiert. Teufel und Hexen wurden analog Naturgeistern geschildert. Dem Sabbat wurde eine soziale Schichtung und Machtstrukturen analog der realen Gesellschaft zugeschrieben, die Führung der Hexen bestand aus meist männlichen Angehörigen der lokalen Oberschicht.

Unter Hexereiverdacht konnten alle Personen geraten, die sich der Gemeinschaft gegenüber als unzuverlässig erwiesen hatten, zu denen soziales Vertrauen entweder nie bestanden hatte, oder die es durch gesellschaftlich abgelehntes Verhalten zerstört hatten. Verdächtigt wurden persönliche Gegner aus Nachbarschafts- und Familienstreitigkeiten, aber auch häufig Fremde, Kriminelle und Nichtseßhafte. Charakteristisch für die Hohenberger Verfolgungen ist, dass sich Hexereiverdächtigungen von Beginn der Prozesse an überproportional gegen Angehörige der Oberschicht richteten. Hexereiverdacht fiel auf Angehörige der ökonomischen und politischen Elite, die durch Korruption und aggressives Wirtschaftsgebaren den sozialen Konsens verletzt hatten. Hierzu gehörten auch die Agenten der Landesherrschaft, die sich als 'Aufsteiger' von der gewachsenen lokale Ordnung abkehrten und ihr Machtgefüge störten. Die von den Hohenberger Stadträten als traditionellen Selbstverwaltungsgremien geführten Hexenprozesse widersetzten sich nicht nur den Regelungsversuchen der Landesherrschaft, sondern richteten sich z.T. auch gegen deren Vertreter vor Ort. Sie können als aggressive Form von Kommunalismus angesprochen werden.

Die Beendigung der Massenverfolgungen in Hohenberg erfolgte durch eine Abfolge von Visitationen, neue Policeyordnungen, die Ablösung leitender Beamter ebenso wie von Teilen der Stadträte unter Maximilian III. dem Deutschmeister. Eine generelle Regelung der Prozesskosten schrieb 1615 die Beschlagnahmung von maximal einem Drittel der Hinterlassenschaft fest. 1631 wurde ein Hexenkommissar für Burgau eingesetzt, der die dortigen Verfahren beendete. Infolge des so veränderten administrativen Hintergrunds erreichte die Verfolgungswelle um 1630 Schwäbisch-Österreich trotz ökonomischen und sozialen Krisen nicht mehr. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts fand sich die Regierung in Anschluss an Tanner zum Sanktionsverzicht gegenüber 'reuigen' Hexen bereit. Innsbruck forderte darüber hinaus in jedem Hexenprozeß einen "Defensor", der nach Art eines Pflichtverteidigers von Amts wegen und sofort bei Prozessbeginn tätig werden sollte.

Literatur

Dillinger, Johannes: "Böse Leute". Hexenverfolgungen in Schwäbisch-Österreich und Kurtrier im Vergleich, Trier 1999

ders. Grafschaft Hohenberg, in: Lorenz, Sönke (Hg.) Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, Aufsatzband, Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums Karlsruhe Bd. 2/2, Ostfildern 1994, S. 245-251

ders. Hexenverfolgungen in Städten, in: Franz, Gunther / Irsigler, Franz (Hgg.) Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trierer

Hexenprozesse. Quellen und Darstellungen Bd. 4, Trier 1998, S. 129-165

ders. Hexenverfolgungen in der Grafschaft Hohenberg, in: ders. / Fritz, Thomas / Mährle, Wolfgang: Zum Feuer verdammt, Hexenforschung Bd. 2, Stuttgart 1998, S. 1-161

ders. Nemini non ad manus adesse deberet Cautio illa Criminalis. Eine frühe Spee-Rezeption in der dörflichen Prozeßpraxis Südwestdeutschlands, in: Franz, Gunther / Irsigler, Franz (Hgg.) Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trierer Hexenprozesse. Quellen und Darstellungen Bd. 4, Trier 1998, S. 277-286

ders. Richter als Angeklagte: Hexenprozesse gegen herrschaftliche Amtsträger in Kurtrier und Schwäbisch-Österreich, in: Schnabel-Schüle, Helga (Hg.) Vergleichende Perspektiven - Perspektiven des Vergleichs. Studien zur europäischen Geschichte von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert (THF Bd. 39), Mainz 1998, S. 123-169

Kempf, Karl: Hexenverfolgung in Rottenburg, in: Lorenz, Sönke / Bauer, Dieter R. (Hgg.) Hexenverfolgung (Quellen und Forschungen zur europäischen Ethnologie Bd. 15), Würzburg 1995, S. 159-202

 

Empfohlene Zitierweise

Dillinger, Johannes: Schwäbisch-Österreich - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzr5/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 05.05.2006

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