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Procureur général de Lorraine

Lothringen, Herzogtum

Elisabeth Biesel

13.12.99

Im Laufe des 14. Jahrhunderts erscheint zum erstenmal der Procureur général de Lorraine in den Quellen, erst als einfacher Mandatsträger des Herzogs, der die Interessen seines Herrn wahren und ihn vor Gericht - wenn nötig - repräsentieren sollte. Sobald er nicht mehr für jede Mission eigens ernannt, sondern auf Lebenszeit bestellt wurde, erweiterte sich der Aufgabenbereich des Procureur général de Lorraine mehr und mehr, auch im Bereich der Rechtsprechung. Er war beauftragt, die Verfolgung von Straftaten und die Verhandlungen der Prozesse an den herzoglichen Gerichten zu überwachen und dafür zu sorgen, daß die Bußen und Einnahmen aus den gerichtlich verordneten Konfiskationen dem Herzog zufielen.

1532 wurde der Aufgabenbereich des Procureur général festgelegt: Er sollte alle Angelegenheiten des Herzogs sorgfältig anhören, prüfen und die Rechte des Herzogs überall wahren und verteidigen. Die ordonnance sah außerdem vor, daß die Stellvertreter des Procureur général , die Substituts , in den wichtigsten Städten des Herzogtums "gens de biens et de bonne fame, diligens et sçavans à entendre les affaires de nostre souverain seigneur et à ses despens" sein mußten. Rémy erhielt bei seiner Ernennung zum Procureur général 1591 sogar das Recht, seine Substituts selbst zu nominieren.

Der Procureur général hatte das Recht, in alle Prozeßverfahren, bei denen er es für notwendig erachtete, einzugreifen, sofern es um die Interessen des Herzogs ging, und sei es nur wegen der verhängten Gerichtsbußen oder Konfiskationen, die zu den herzoglichen Einnahmequellen zählten. Da sich die Kompetenzen der Schöffen von Nancy mit denen des Procureur général überschnitten und sich die Kompetenzen beider im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts verlagerten, divergieren in der Literatur die Angaben darüber, ob die Avisen der Schöffen von Nancy und die des Procureur général für die jeweiligen Gerichte verbindlich waren und wessen Avis Vorrang hatte, falls die Urteile beider Instanzen nicht übereinstimmten.

In Hexenprozessen war es üblich, daß jeweils mindestens zwei Avisen vom Procureur général de Lorraine oder seinem Stellvertreter und von den Schöffen von Nancy eingeholt wurden, nämlich vor der Anwendung der Folter und vor der Urteilsverkündung. Dieser Normalfall war bereits 1594 etabliert und blieb es auch bis zum Ende der großen Hexenverfolgungen. In den Hexenprozessen, deren Verlauf sich komplizierter gestaltete, wurden bis zu je fünf Avisen vom Procureur général und den Schöffen von Nancy verfaßt. In einigen Fällen milderten die Schöffen von Nancy die vom Procureur général angeordnete "außerordentliche" Folter in eine "gemäßigte" oder "angemessene" Folter ab oder verlangten vor der Verhängung des von Rémy geforderten Todesurteils eine erneute Befragung ohne Folterandrohung.

Literatur

Jean Nicolas BEAUPRÉ: Essai historique sur la rédaction officielle des Principales coustumes et sur les assemblées d'États de la Lorraine ducale et du Barrois, accompagné de documents inédits et d'une bibliographie de ces coustumes. Nancy 1845.

Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997.

Jean BOËS (Bearb.): La démonolatrie. Texte établi et traduit à partir de l'édition de 1595. Nancy 1998.

Robin BRIGGS: Witches & Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft. London 1996.

Édouard BONVALOT: Histoire du droit et des institutions de la Lorraine et des Trois Évêchés (843-1789). Paris 1895, S. 285-287.

Claude BOURGEOIS: Recueil du Style a observer es instructions des procedures d'assizes, et Bailliages de Nancy, Vosges & Allemagne. Avec le reglement pour le sallaire des Iuges, Procureurs & autres Ministres de Iustice. Plus l'ordonnance de Son Altesse, sur l'ormologation, tant des Coutumes anciennes & nouvelles que desdicts Style, & Reglement: Avec deffence de n'user d'autres exemplaires que de ceux qu'elle a permis estre Imprimez, nouvellement reveue & corrigez. Nancy, En l'Hostel de Ville Par Iacob Garnich, Imprimeur Iuré ordinaire de Son Altesse. Avec Privilege. Nancy 1614.

Étienne DELCAMBRE: Le concept de la sorcellerie dans le duché de Lorraine aux 16e et 17e siècles. 3 Bde., Nancy 1948-1951.

Étienne DELCAMBRE: Les ducs et la noblesse lorraine. In: Annales de l'Est 3, 1952, S. 39-60, 103-119, 191-209.

Jean-Claude DIEDLER: Démons et sorcières en Lorraine. Le bien et le mal dans les communautés rurales de 1550 à 1660. Paris 1996.

Lucien DINTZER: Nicolas Rémy et son œuvre démonologique. Lyon 1936.

Charles et Henri HIEGEL: Le Bailliage d'Allemagne de 1600 à 1632. Bd. 1: L'administration, la justice, les finances et l'organisation militaire. Sarreguemines 1961.

Eva LABOUVIE: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M. 1991.

Laurent LECLERC: Notice sur Nicolas Rémy, Procureur général de Lorraine. In: Mémoire de l'Académie de Stanislas 1868, S. IXL-CXLIII.

Christian PFISTER: Nicolas Rémy et la sorcellerie en Lorraine à la fin du XVIe siècle. In: Revue historique 93, 1907, S. 225-239.

Nicolas RÉMY: [Nicolai Remigii] Dæmonolatria, Oder Beschreibung von Zauberern und Zauberinnen. Mit wunderlichen Erzehlungen / vieler natürlichen Fragen und teufelischen Geheimnissen vermischet. Hamburg 1703.

Charles SADOUL: Essai historique sur les institutions judiciaires des duchés de Lorraine et de Bar. Paris/Nancy 1898.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Benward, Blaisatte (Prozeßopfer) von Elisabeth Biesel

Change, der, bzw. Schöffen, die, von Nancy von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Gerichtspraxis von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Hexenverfolgungen von Elisabeth Biesel

Rémy, Nicolas (Dämonologe u. Procureur général de Lorraine) von Elisabeth Biesel

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Procureur général de Lorraine. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzt3/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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