H-O

Ordal (Gottesurteil)

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

05. Februar 2011

Wie viele außereuropäische Völker (besonders in Afrika) glaubten auch Indoeuropäer, dass numinose Mächte in juristischen Erwägungen eingreifen und sie entscheiden würden, wenn bestimme Rituale befolgt würden. Während für einen solchen Glauben im antiken Griechenland und Rom nur schwache Hinweise existieren und Gottesurteile niemals Teil des offiziellen Rechtssystems wurden, müssen teutonische Stämme schon vor ihrer Christianisierung verschiedene Arten der Ordale angewendet haben, da ihre frühmittelalterlichen Rechtsbücher (‚leges barbarorum’) viele Vorschriften für „ordalia“ oder „judicia Dei“ enthalten. Es ist bemerkenswert, dass weder die Bibel noch das Römische Recht von irgendeinem der verschiedenen im Mittelalter und früher Neuzeit verwendeten Gottesurteilstypen wussten. Sie waren Teil der Rechtssysteme frühmittelalterlicher Königreiche, und in einer Capitulare von 809 befahl Charlemagne sogar, „ohne jeden Zweifel an die Gottesurteile zu glauben“. Obwohl einige Päpste in dieser Frage eine eher skeptische Position bezogen, billigten verschiedene Synoden Gottesurteile ausdrücklich (z.B. Mainz 847, Seligenstadt 1023, Reims 1119).

Der übliche Weg, an einem frühmittelalterlichen Gericht etwas zu prüfen, war jedoch durch die Eide einer Kollektive – den Schwörern – ; nur wenn dies nicht möglich war, würde auch an ein Gottesurteil appelliert werden. Deshalb wurden alle Ordalien, mit Ausnahme des Duells, in Anwesenheit und mit Hilfe von Priestern durchgeführt, die die paraliturgischen Formeln sangen und die notwendigen Instrumente segneten, die Teil des Kirchenbesitzes waren und deren Benutzung durch episkopales Privileg erlaubt war. Für diese kirchliche Unterstützung mussten Laien in einem säkularen Prozess Steuern zahlen. Abhängig von der Region, dem sozialen Status und dem verhandelten Gegenstand wurde mit Hilfe verschiedener Tests eine göttliche Entscheidung gesucht. Unter den Ordalien, die beide Kontrahenten betrafen, war das justizielle Duell wahrscheinlich das älteste und meistverbreitete (da auch das Ergebnis einer Schlacht als Manifestation von Gottes Wille interpretiert wurde). Es war, mit äußerst seltenen Ausnahmen, männlichen Kämpfern vorbehalten – entweder den daran interessierten Personen selbst oder bezahlten Streitern. Beim Kreuzordal mussten Kläger und Angeklagter mit erhobenen Armen vor einem Kreuz stehen; wessen Arme zuerst nachgaben, hatte seinen Fall verloren. Alle anderen Gottesurteile waren einseitig und berührten lediglich den Angeklagten, die meisten davon auf der Anwendung ‚reiner’ Naturelemente basierend. Der Angeklagte musste durch Feuer oder über glühend heiße Flugscharen laufen, oder ein Stück heißes Metall eine gewisse Distanz in einer Kirche tragen. Oder er musste seinen Arm in kochendes Wasser tauchen, um einen in den Kessel geworfenen kleinen Stein oder Ring zu finden. Es wurde nicht erwartet, dass sogar der Unschuldige diese Dinge tun konnte, ohne Schaden zu erleiden, wenn er aber tatsächlich unschuldig war, sollten seine Wunden innerhalb von drei Tagen heilen. Verschlimmerten sie sich, hatte Gott seine Schuld bewiesen und das Gericht bestrafte ihn. Obwohl es meistens die säkularen Gerichte waren, die diese Verfahrensart anordneten, ist deutlich, dass der assistierende Priester großen, wenn nicht entscheidenden Einfluss hatte, da es seine Aufgabe war, zu entscheiden, ob eine Wunde heilen würde oder sich entzündet hatte. Bei Anwendung der Kaltwasserprobe wurde der Delinquent gefesselt und in ein Becken oder großes Fass geworfen; verweigerte das reine Element seinen Körper, d.h. wenn er sich selbst an der Oberfläche hielt, wurde er als schuldig angesehen. Gelang es ihm, für einige Zeit unter Wasser zu überleben, wurde dies als Zeichen seiner Unschuld gezählt. Im Ordal des geweihten Brotes oder Käses musste ein Happen eines dieser Lebensmittel hinuntergeschluckt werden, große genug, Erstickung hervorzurufen oder Schuld zu beweisen, wenn jemand aufgrund eines schlechten Gewissens zögerte. In einer hauptsächlich dem Klerus vorbehaltenen Variante dieses Gottesurteils teilte der Priester das Abendmahl aus, was für Menschen frommen Glaubens ähnliche Probleme verursachen könnte. In einigen Fällen wurden auch Lose verwendet, mit dem besonderen Fall des an einem Faden aufgehängten Psalmbuches, von dessen Bewegung erwartet wurde, den Delinquenten anzuzeigen. Die Bahrprobe schließlich basierte auf der Annahme, dass die Leiche einer ermordeten Person erneut zu bluten beginnen würde, wenn der Mörder sich näherte. Es ist seltsam, dass das in der Bibel erwähnte, prominenteste rechtliche Gottesurteil offensichtlich nicht in westlich-christlichen Zivilisationen angewendet wurde. Es war gegen eine Frau gerichtet, deren Mann sie der Untreue verdächtigte: sie musste verdorbenes Wasser trinken; konnte sie ihre Schmerzen unterdrücken, wurde ihre Unschuld angenommen, wenn nicht, wurde sie zu Tode gesteinigt (Numeri 5, 1131). Die Praxis der Gottesurteile, die manchmal von den Beschuldigten selbst als Methode der rechtlichen Unschuldigsprechung erbeten wurden, scheint ihre Hochphase während des 12. Jahrhunderts gehabt zu haben. Dies war jedoch auch die Zeit des wachsenden Widerstands innerhalb der neuen Gruppe der wissenschaftlich geschulten Intellektuellen, unter denen Peter Cantor († 1197), Meister in Paris, eine führende Rolle einnahm. Die Unsicherheit und Irrationalität dieser Prozedur wurden kritisiert, während die wachsende Bedeutung der geheimen Beichte zu der Überzeugung führte, dass auch vor Gericht ein Geständnis unentbehrlich sein sollte. Als das Vierte Laterankonzil (1215) Priestern verbot, an Gottesurteilen teilzunehmen, führte dies zur Folteranwendung als Mittel der Wahrheitsfindung. Sowohl die Abschaffung des Ordals als auch die Einführung der Folter basierten auf päpstlichen Entscheidungen (Innozenz III.; Gregor IX.). Allerdings dauerte es mehrere Dekaden, bis die religiösen Vorschriften des Konzils in lokales Recht umgesetzt wurden, und selbst danach gibt es genug Aufzeichnungen, die zeigen, dass Gottesurteile weiterhin auf halb-legalem Wege in etlichen Teilen Europas bis ins 19. Jahrhundert praktiziert wurden.

Wie gegen andere Menschen unter Verdacht eines schweren Verbrechens, wurden Ordalien gleichermaßen gegen mutmaßliche Häretiker, Zauberer und Hexen angewendet, aber nicht sehr regelmäßig. In diesem Fall wurde die Feuerprobe anscheinend am häufigsten ausgewählt, vielleicht in einer Art der Vorwegnahme, da Verbrennen die übliche Strafe für dieses Verbrechen war. Das langobardische Edictum Rothari (CXCVIII) schreibt einen rechtlichen Zweikampf vor, wenn der Vorwurf der Zauberei erhoben wurde; das thüringische Recht (tit. 55) erlaubt einer Frau, die der Vergiftung ihres Mannes verdächtigt wird, sich durch die Feuerprobe reinzuwaschen oder durch einen Kämpfer, der für sie einen Zweikampf bestreitet. Gemäß eines Zusatzes zum Recht der Bayern (Add. XVI) soll die Wasserprobe in Hexereifällen angewendet werden. Während des Hochmittelalters wurden Proben benutzt, um Häretiker umzustimmen, wie wir von Bernhard von Clairvaux († 1153) wissen, der die Entdeckung einer Katharergruppe in Köln anhand der „judicium aquae“ in seinen Predigten Super Cantica (66, 5, 12) festhält. Noch 1484 musste Papst Innozenz VIII. Herzog Sigismund von Tirol untersagen, in Fällen von Hexerei Gottesurteile zu erlauben. Der Malleus Maleficarum von 1487 erwähnt, dass die Feuerprobe in Fürstenberg im Schwarzwald 1485 angewendet wurde, als sich eine der Hexerei beschuldigte Frau des Freispruchs durch die Feuerprobe anbot und dadurch den Prozess gewann. Die Autoren dieses bekannten Handbuchs waren gegen diese Art des Beweises und bevorzugten die Folter sehr nachdrücklich. Allerdings sollte der Richter die Möglichkeit eines Gottesurteils als Vorwand vorschlagen, da die Hexe üblicherweise zustimmen würde, da feststand, dass sie von ihrem Dämon vor dem Feuer geschützt würde. Diese Bereitwilligkeit würde sie nur umso mehr verraten (Malleus III, 17f.). Um jede Hilfe von Seiten des Teufels auszuschließen, akzeptierte ein anderes bekanntes Rechtshandbuch, Ulrich Tenglers Laienspiegel (1509), das Gottesurteil für Hexen ebenfalls nicht, und die gleiche Position lässt sich in vielen späteren Rechtstexten finden. Dennoch scheint ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Schwimmtest in vielen Teilen Europas relativ häufig für die Enttarnung einer Hexe verwendet worden zu sein. Manchmal musste auch die Balance, scheinbar eine neue Erfindung der nachmittelalterlichen Epoche, entscheiden, ob ein Beschuldigter leichter war, als man erwarten konnte, in welchem Fall er für schuldig erklärt wurde. Besonders Oudewater in Holland war bekannt für seine Hexenprobenskalen. Andere Typen der Gottesurteile sind nach der Reformation der Nichtnutzung verfallen.

In Afrika und Madagaskar wurde und wird bei Hexereiverdacht hauptsächlich die Giftprobe angewendet. Wenn die der verdächtigten Person vom Medizinmann verabreichte Substanz Erbrechen hervorrief, wird sie für unschuldig gehalten, HjNAnprovoziert sie Schwindelgefühle oder Trance, gilt ihre Schuld als erwiesen. Es wurde ermittelt, dass sich die Todesrate aufgrund des Gottesurteils mit der Frucht des Tanghin-Schellenbaums unter den Madagassen vor dem 20. Jahrhundert auf ca. 2000 Opfer jährlich belief.

Literatur

J. Baldwin, The Crisis of the Ordeal: Journal of Medieval and Renaissance Studies 24, 1994, S. 327353.

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Robert Bartlett, Trial by Fire and Water. Oxford: Clarendon Press, 1986.

Peter Browe, De ordalibus. Romae, 1932/33.

Peter Dinzelbacher, Das fremde Mittelalter. Gottesurteil und Tierprozeß. Essen: Magnus, 2006.

J. Gaudemet, Les ordalies au moyen âge. In : Recueil de la Société Jean Bodin 17/2, 1965, S. 99-145.

Heinrich Glitsch, Gottesurteile. Leipzig: Voigtländer, 1913.

Jacob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer II (Reprint). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983, S. 563-604.

Henry Charles Lea, Superstition and Force. New York, NY: Haskell House (reprint), 1971.

Müller-Bergström, Gottesurteil. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III. Berlin: de Gruyter, 1927, S. 994-1064.

Hermann Nottarp, Gottesurteilstudien. München: Kösel, 1956.

‚Ordeal’, In: Encyclopaedia of Religion and Ethics, ed. James Hastings. Edinburgh: T. & T. Clark, 1917, S. 507-533.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Ordal, Gottesurteil. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezsr/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011


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