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Werwolfprozesse in den südlichen und nördlichen Niederlanden im 16. und 17. Jahrhundert

Niederlande

Dries Vanysacker

24.05.02

1. Die Lykanthropie

Die Vorstellung, dass Menschen zeitweilig die Gestalt von Tieren annehmen können, findet man in allen Zeiten und Kulturen. Autoren wie Herodot, Plinius und Prätonius berichten darüber, und auch in der germanischen Mythologie sowie in der mittelalterlichen Philosophie, Theologie und Literatur gibt es verschiedene Theorien und Erzählungen über derartige Metamorphosen.

Der Glaube an Tierverwandlungen geht grundsätzlich davon aus, dass Männer wie Frauen böse Triebe in sich bergen, die sich in der Gestalt autonomer Wesen äußern können. Solche Wesen haben typischerweise das Aussehen von Tieren, sie führen ein blutiges Nachtleben. Neben der Verwandlung in Tiger, Hunde oder Katzen existiert vor allem die Vorstellung, dass Männer, aber auch Frauen, Wolfsgestalt annehmen können; man spricht dann von Lykanthropie.

In der gelehrten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Traktatliteratur (Augustinus, Thomas von Aquin, Hexenhammer) wurden Werwölfe verteufelt; nach der Lehrmeinung der Kirchenväter waren die Verwandlungen Teufelswerk. Die zeitgenössischen Debatten drehten sich fast immer um die Frage, ob sich Menschen tatsächlich in Wölfe verwandeln könnten. Eine Minderheit glaubte an eine tatsächliche physische Transformation, während die meisten Dämonologen die Meinung vertraten, es handle sich um eine geistige Verwirrung durch den Teufel.

Es überrascht vor diesem Hintergrund nicht, dass der Höhepunkt des Werwolfglaubens mit den Hexenverfolgungen am Ende des 16. und Beginn des 17. Jahrhunderts zusammenfällt. Die im Folgenden exemplarisch ausgewerteten historischen Quellen zeigen deutlich, wie sehr die Zeitgenossen des 16. und 17. Jahrhunderts in den Niederlanden tatsächlich an Lykanthropie und Tierverwandlung glaubten.

2. Lykanthropie in den südlichen Niederlanden

In den südlichen Niederlanden (das heißt in den Grafschaften Flandern, Hennegau und Namur, in den Herzogtümern Brabant, Luxemburg und Limburg, in der Umgebung von Tournai, Kammerich und Mecheln, in der Stadt Maastricht und im Gelderner Oberquartier um Roermond) sind kaum Werwolfprozesse oder Erwähnungen von Werwölfen innerhalb von Hexenprozessen nachzuweisen. Belegt sind insgesamt nur elf entsprechende Prozesse, in denen zwischen 1589 und 1661 sechs Männer den Feuertod starben. Von diesen Opfern wurden sogar nur drei explizit wegen Lykanthropie hingerichtet.

Der erste dieser Prozesse fand möglicherweise keineswegs zufällig 1589 statt, sondern könnte mit dem sensationellen Fall des Erprather Bauern Peter Stump aus dem rheinischen Bedburg in Verbindung stehen, der am 31. Oktober des Jahres als Werwolf hingerichtet wurde. Noch im gleichen Jahr erwähnte der Antwerper Drucker Jan van Ghelen den Fall in einem ins niederländische übersetzten Flugblatt.

Ebenfalls noch 1589 führten die Lierer Stadtschöffen einen Hexenprozess gegen Cathelyne van den Bulcke. Während des peinlichen Verhörs am 18. Dezember fragten die Richter die Beklagte, ob der Teufel oder andere, labile Personen sich in Wölfe verwandelten, um so Mensch und Tier zu schaden. Cathelyne gestand, dass Moonvaeter, ihr Teufel, ihr mitgeteilt habe, dass es in den benachbarten Ortschaften Broechem und Lachenen acht Werwölfe gebe. Seit mehr als sieben Jahren, so ihre Darstellung, überfielen diese Werwölfe Reisende aus Antwerpen, zogen ihnen die Kleider aus, töteten ihr Opfer und warfen die Leichen in Gruben. Diese Werwölfe hatten angeblich rote Haut, seltener schwarze, waren eigentlich von ihren Eltern verfluchte Kinder und jeden zweiten Tag aktiv. Bevorzugt quälten sie Menschen, am liebsten kleine Kinder.

Die Frage, ob es in den südlichen katholischen Niederlanden Werwolfsverfahren gab, kann nach momentanem Quellenstand nicht klar beantwortet werden. 1598 verhaftete man Jan van Calster, der in Bonheiden als Werwolf mutmaßlich zwei Kinder totgebissen hatte. Er leugnete jedoch die Tat und wurde von den Mecheler Stadtschöffen nur zur Begleichung der Prozesskosten verurteilt. Das Gleiche geschah, ebenfalls in Mechelen, mit Thomas Baetens (1642) und Augustijn de Moor (1649). Ihre Frauen wurden jeweils als Hexen verfolgt, sie selbst als Werwölfe angeklagt, aber freigesprochen.

Weniger gut erging es Henry Gardinn, der 1605 von den Justizbehörden des Herzogtums Limburg (nahe Aachen) zum Feuertod verurteilt wurde. Jan le Loup und sein Freund hatten Gardinn angeblich überzeugt, zum Werwolf zu werden: Henry zog sich demnach ein Katzenfell über den Kopf, verwandelte sich in einen Werwolf und entführte ein Kind. Die drei Männer zogen in die Fagner Gegend, wo sie das Kind töteten und auffraßen. Gardinn wurde jedoch gefasst und hingerichtet. Sein Komplize le Loup floh ins Ausland, wurde aber zwei Jahre später in der Maastrichter Gegend verhaftet. Vor den Maastrichter Stadtschöffen leugnete er zunächst alles und beschuldigte Gardinn der Falschaussagen. Die peinliche Befragung führte schließlich jedoch zum Geständnis des Fünfzigjährigen, seit über fünf Jahren ein Werwolf zu sein und ein Kind gefressen zu haben. Seine Teufelin Jalet habe mit der Androhung, ihn zur ertränken, verhindert, dass er dies und andere Untaten beichtete, und ihm verschiedene Zauberpulver für Kühe gegeben. Selbstverständlich habe er zweimal mit Jalet geschlafen. Dabei habe er bemerkt, dass sie unten wie ein fürchterliches Tier aussah, ganz kalt war und enorm stank. Außerdem sei er mehrmals mit ihr auf einem teuflischen Tanzsabbat gewesen. Am 5. November 1607 wurde le Loup an einem Pfahl, auf dem man ein Rad und einen hölzerner Werwolf angebracht hatte, erdrosselt.

Der flämische Provinzialjustizrat beschäftigte sich 1608-1611 mit einem Urteil der Brügger Kastellaneischöffen. Am 5. Dezember 1608 war die Klage des Ehepaares Maerten und Mayken van Daele gegen die Eheleute Pieter und Adrianeken de Cock und Joos und Jeanne Willaert abgewiesen worden. Die van Daeles hatten vor Gericht die Wiederherstellung ihrer Ehre erwirken wollen, nachdem die vier anderen Personen mehrmals öffentlich geäußert hatten, dass Maerten und Mayken "Zauberer waren, die Kuh und das Enkelkind Willaerts verzaubert hatten, und als Wehrwölfe die Kälber des Willaert gebissen hatten". Der Ausgang des Prozesses vor dem Rat von Flandern ist nicht bekannt.

In Juni 1609 gab es in Roermond einen weiteren Fall, in dem mit Lykanthropie argumentiert wurde. Man verhaftete Johan van Uffelt, genannt Bijster, weil man ihn der Komplizenschaft mit einem Johan Prickelken verdächtigte, der kurz zuvor in Maaseik als Werwolf verbrannt worden war. Das Roermonder Gericht lud einen Maaseiker Schöffen ein, der aber den Verdacht nicht bestätigen konnte, so dass van Uffelt auf freien Fuss gesetzt wurde.

Ganz offensichtlich ist bei den ewähnten Fällen die Vermischung von Zauberei und Tierverwandlung. Gerichte integrierten das Werwolfmuster in ihre Hexenprozesse und definierten es als eine besondere und grausame Schadenszauberart innerhalb des Hexereidelikts. Einige interessante Beispiele finden wir um 1652-1661 in der Leiegegend südlich von Gent. Der 45-jährige Landwirt Jan Vindevogel aus Ooike war angeblich nicht nur ein männlicher Hexer, sondern auch mehrmals als Werwolf in den Feldern gesichtet worden. Die Tierverwandlung soll mit Hilfe eines teuflischen Felles oder Kleides durchgeführt worden sein. Jan Vindevogel wurde am 29. Juli 1652 in Ooike erdrosselt und verbrannt. Vor seiner Hinrichtung hatte er noch Joos Verpraet aus dem benachbarten Olsene als seinen Werwolfskomplizen angezeigt. Als Joos neun Jahre später angeklagt wurde, bestätigte er, dass seine Frau und seine Diener ihn als einen Werwolf betrachtet hätten. Joos starb schließlich den Feuertod.

Auch Matthys Stoop hatte angeblich einen Teufelspakt unterschrieben, den Teufelssabbat besucht und Schadenszauber verübt. Weiter wurde ihm vorgeworfen, er sei wie ein Werwolf durch die Gegend gelaufen. Diese Tierverwandlung geschah seiner Beschreibung nach mit einem Gürtel aus Tierhaut, den er vom Teufel geschenkt bekommen habe. Matthys wurde am 11. September 1657 auf dem Lehnshof zu Asper-Zingem zum Erdrosseln und Verbrennen verurteilt und am gleichen Tag hingerichtet.

3. Lykanthropie in den nördlichen Niederlanden

In den nördlichen Niederlanden, also in den Grafschaften Holland und Seeland, im Utrechter Niederstift, dem Hochstift Overijssel-Drenthe, Friesland, Groningen und Geldern-Zutphen, werden Werwölfe meist in Verleumdungsverfahren erwähnt. In den östlichen Provinzen (Groningen, Drenthe, Oberstift, Geldern) war die Diffamierung "Werwolf" oder "Zauberer" sehr oft gleichbedeutend.

1595 gab es in Arnheim (Gelderland) jedoch ein echtes Werwolfverfahren. Johan Martensen aus Steenhuisen gestand verschiedene unglaubliche Missetaten: Die letzten drei Jahre sei er zusammen mit dem Teufel als Werwolf und acht bis zehn weiteren Wölfen umhergestreift. Dabei habe er seinen Menschenverstand behalten, jedoch nicht mehr sprechen können. Johan bezauberte angeblich Mensch und Tier mittels eines vom Teufel erhaltenen Lappens. Eines Tages habe der Teufel sogar aufgrund seiner Weigerung, Tieren Schaden zuzufügen, versucht, ihn zu töten. Johan wurde zum Feuertod verurteilt und am 7. August 1595 an einem Pfahl erdrosselt und verbrannt.

Einen sehr interessanten Fall finden wir 1591-1595 um Amersfoort und Utrecht. Es handelt sich dabei um Verfahren gegen Personen, die entweder mit verurteilten Hexen verwandt sein sollten oder im Ruf standen, magische Kräfte zu besitzen. Folkert Dirks, ein 62-jährige Bauer aus dem Hoohland, wurde zusammen mit seiner Tochter Hendrikje (Hendrika) (17 Jahre), und mit seinen Söhnen Hessel (14 Jahre), Elbert (13 Jahre), Gijsbert (11 Jahre) und Dirk (8 Jahre) verhaftet. Die Aussagen der Kinder führten dazu, dass vier Menschen hingerichtet wurden, eine Frau sich aus Angst das Leben nahm und ein Mann überstürzt floh.

Elbert erklärte bei der Vernehmung, dass alle fünf Kinder einen Teufelspakt geschlossen hätten. Außerdem hätten Vater und Kinder sich mittels eines vom Teufel empfangenen Gürtels schlagartig in einen Wolf verwandeln können. Als Werwölfe hätten sie einmal zwei Ochsen getötet und deren Blut getrunken. Auf Befehl des Teufels - so Elbert weiter - hätten sie sich oft auch ausgezogen und entweder in eine schwarze oder graue Katze verwandelt. In der Amersfoorter Gegend seien sie dann anderen Menschen begegnet, die sich ebenfalls in eine graue oder rote Katze verwandelt hätten, und mit ihnen gemeinsam zum Sing- und Tanzplatz gezogen seien. Laut der Aussage Hessels kam der Teufel einmal zusammen mit einer roten Katze durch den Schornstein hineingeflogen. Schlagartig verwandelte sich die Katze in eine Frau und fing an, mit allen zu tanzen. Dies dauerte einige Zeit, bis der Teufel plötzlich sagte: "Du schreckliches Tier, ich befehle dir, mir zu folgen" Der Teufel band der Frau einen Ledergürtel um, und schlagartig verwandelte sie sich in einem Wolf. Danach flogen der Teufel, der Katze-Frau-Wolf und Hessel durch den Schornstein zu einem Acker. Dort verwandelten der Teufel und Hessel sich ebenfalls in einen Wolf, und gemeinsam griffen sie Tiere an und fraßen sie. Diese Aussagen genügten, um mit der peinlichen Befragung Folkerts zu beginnen, während der er Folgendes gestand: Vor drei Jahren habe er vom Teufel ein Wams bekommen. Sobald er das Wams anzog, bekam er Lust, Böses zu tun und konnte sich in einen Wolf verwandeln. Mehrmals sei er mit seinen Kindern durch die Felder gelaufen, um das Vieh zu beißen. Einmal war er in Amersfoort sogar Zeuge einer teuflischen Tanzveranstaltung gewesen. Selbst habe er jedoch nicht getanzt. Bei diesem Hexensabbat sei die rote Katze dabeigewesen. Infolge dieser Geständnisse wurde Folkert am 14. Juni 1595 lebendig verbrannt.

Eine Woche später begann die Befragung seiner Tochter Hendrika. Bald gestand das Mädchen, sich mit 11 Jahren dem Teufel zugewandt zu haben. Seit drei oder vier Jahren habe sie mehrmals mit dem Teufel geschlafen. Auf Initiative ihres Vaters sei sie als Werwolf durch die Felder spazieren gegangen und habe zusammen mit anderen an mehreren Tanzveranstaltungen teilgenommen. Daraufhin wurden auch diese Personen gerichtlich verfolgt. Zwei wurden verhaftet, gefoltert und gestanden ebenfalls, als Wölfe oder Katzen zu der Truppe von Folkert Dirks zu gehören. Hendrika Dirks, Anthonis Bulck und Maria Barten wurden zum Scheiterhaufen verurteilt. Wegen ihres geringen Alters kamen die vier Söhne Dirks mit dem Leben davon. Das Gericht verurteilte sie zur Geißelung und zur Teilnahme an der Hinrichtung ihrer älteren Schwester. Die Geschichte der Truppe Dirks zeigt, dass Lykanthropie in den nördlichen Niederlanden (ausgenommen deren östliche Provinzen) keine exklusiv männliche Sache war.

Literatur

G. Baert : "Heksenprocessen in de Leiestreek (1651-1661)", in: Bijdragen tot de Geschiedenis tot de Geschiedenis der stad Deinze en het land aan Leie en Schelde 23 (1962) 179-220.

Willem de Blécourt, "Werwölfe und Zauberer in den östlichen Niederlanden im 17. Jht: eine andere (männliche?) Art Zauberei?", in: Hexenverfolgung: Frauenverfolgung? Fachtagung mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH), Stuttgart-Hohenheim, 22.-24. Februar 1989 (Stuttgart 1995), 73-76.

J. de Walque, "Loups-Garous en Fagne", in: Hautes Fagnes 38 (1972), 147-149.

J.M.H. Eversen : "Vonnis en executie wegens weerwolverij in 1607 door de justitie te Maastricht", in: De Maasgouw 24 (1903) 95-96.

Jos Monballyu, "Heksenprocessen in de kasselrij Oudenaarde", Handelingen van de Geschied- en Oudheidkundige kring van Oudenaarde 39 (2002), 3-35.

Theo Penneman, Heksenprocessen in Vlaanderen inzonderheid in het Land van Waas 1538-1692 (Annalen van de Koninklijke Oudheidkundige Kring van het Land van Waas, dl. 79) Sint-Niklaas 1976.

J.B. Sivré, "Weerwolven", in: De Maasgouw 1 (1879) 14-15.

J. Steenhuis, "In een quaad geruchte van toverye: Toverij voor Utrechtse rechtbanken, ca. 1530-1630", in: M. Gijswijt-Hofstra en W. Frijhoff (Red. ), Nederland betoverd. Toverij en Hekserij van de veertiende tot in de twintigste eeuw (Amsterdam, 1987) 41-56.

Simon van Leeuwen, Batavia Illustrata, ofte Verhandelinge vanden Oorspronk, Voortgank, Zeden, Eere, Staat ende Godsdienst van Oud Bataven, mitsgaders van den Adel en Regeringe van Hollandt, Den Haag 1685, pp. 296-298.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Flandern, Grafschaft - Hexenverfolgungen von Rik Opsommer

 

Empfohlene Zitierweise

Vanysacker, Dries: Niederlande - Werwolfprozesse. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezv7/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006


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