H-O

Neuwalt, Hermann

Claudia Kauertz

03.05.00

Geb. ? in Lemgo (Grafschaft Lippe), gest. 1611 in Stadthagen (Grafschaft Schaumburg)
Medizinprofessor in Helmstedt und Kritiker der Wasserprobe

Über Hermann Neuwalts akademische Ausbildung ist lediglich bekannt, daß er sich im Jahr 1568 in Wittenberg immatrikulierte. Ob er darüber hinaus, wie viele deutsche Mediziner des 16. Jahrhunderts, auch eine Zeit lang in Italien studiert hat, ist ungewiß. Im Herbst des Jahres 1578 wurde Neuwalt als Medizinprofessor an die Universität Helmstedt berufen. Hier heiratete er am 15. September 1579 die Witwe Katharina Lantz, geb. Goebel, die eine Schwester von Engel Bökel, der Ehefrau seines Helmstedter Kollegen Johann Bökels war. Nachdem er mehrfach vergeblich um eine Aufbesserung seines Gehalts gebeten hatte, verließ Neuwalt die Julius-Universität im Jahr 1586, um eine besser bezahlte Stellung als medicus der altmärkischen Städte in Brandenburg anzunehmen. In den 1590er Jahren war er dann als Stadtarzt in Hildesheim und in Bremen tätig, bevor er 1598 eine Stelle als gräflicher Leibarzt in Oldenburg annahm. Im Jahr 1608 wechselte Neuwalt in den Dienst des Grafen Ernst V. von Schaumburg über, der ihn, zusammen mit anderen Gelehrten, u.a. mit der Einrichtung des akademischen Gymnasiums in Stadthagen (1609/10) betraute, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1611 Physik lehrte.

Neuwalt hat neben verschiedenen medizinischen Schriften auch ein Gebetbuch für Ärzte verfaßt. Im Jahr 1584 veröffentlichte er unter dem Titel Exegesis purgationis sive examinis sagarum super aquam frigidam eine Schrift gegen die Hexenwasserprobe, die im ausgehenden 16. Jahrhundert in der deutschen Gerichtspraxis und insbesondere in Neuwalts Heimatregion Westfalen weit verbreitet war. Die Exegesis ist die bedeutendste Schrift Neuwalts, die ihren Autor nicht nur bei den Zeitgenossen berühmt machte, sondern bis heute das bekannteste dämonologische Werk ist, das je von einem Helmstedter Professor verfaßt wurde. Sie erlebte insgesamt drei lateinische (1584, 1585 sowie 1686 im Tractatus duo singulares ) und zwei deutsche Auflagen (1584 und 1586 im Theatrum de Veneficiis ). Allerdings ist die Exegesis nicht die einzige Arbeit Neuwalts, in der er sich gegen den Gebrauch der Wasserprobe ausspricht. Wie Dokumente aus dem Helmstedter Universitätsarchiv belegen, wollte er fünf Jahre später einen Tractatus de lamiis contra Scribonium in Helmstedt drucken lassen. Doch wurde dessen Veröffentlichung von der akademischen Zensur nicht genehmigt, weil sie ihn für zu polemisch hielt. Man befürchtete, durch dieses Werk in einen heftigen Gelehrtenstreit hineingezogen zu werden. Der Tractatus de lamiis wurde nie veröffentlicht. Das Manuskript ist anscheinend verloren gegangen.

Die Exegesis forcierte die gelehrte Diskussion über die Probe, an der sich Vertreter aller akademischen Disziplinen beteiligten. Dabei wurde die Wasserprobe von fast allen Gelehrten einhellig abgelehnt. Aufgrund ihres superstitiösen Charakters erregte die Wasserprobe das Mißfallen der Theologen, während die Juristen ihr mit Distanz begegneten, weil sie zu denjenigen, aus der mittelalterlichen Ordalienpraxis erwachsenen Rechtsbräuchen gehörte, die allein durch das Herkommen legitimiert waren und im römischen Recht keine Erwähnung fanden. Die Mediziner und Naturgelehrten schließlich konzentrierten sich auf ihre Wirkungsweise und fragten nach den zugrundeliegenden physiologischen Mechanismen.

Anlaß für Neuwalts Stellungnahme gegen die Wasserprobe ist ein an den Rat von Lemgo (-> Lemgo, Stadt) gerichtetes Gutachten, das der Marburger Mediziner und Naturphilosoph Wilhelm Adolph Scribonius im Herbst 1583 unter dem Titel De examine et purgatione sagarum per aquam frigidam epistola in Druck gegeben hatte, und das Neuwalt in seiner Exegesis den eigenen Ausführungen voranstellt. In diesem Schreiben gibt sich Scribonius als einer der wenigen zeitgenössischen Naturgelehrten zu erkennen, die die Wasserprobe für eine zuverlässige und theologisch legitime Methode der Hexenidentifikation halten. Denn er billigt dieser Probe nicht nur eine natürliche, physiologisch erklärbare Wirkung zu, sondern knüpft auch an die traditionelle Gottesurteilvorstellung an, indem er der Wasserprobe den Charakter eines gottgewollten Instruments zur Entdeckung dämonischer Hexerei verleiht. Scribonius betrachtet das Hexenordal als eine durch das Herkommen legitimierte Form der Hexenidentifikation, deren Wirkungsweise er auf eine im Lauf der Zeit in Vergessenheit geratene physiologische Gesetzmäßigkeit zurückführt. Die Voraussetzung für deren Wirksamkeit ist seiner Ansicht nach durch den Teufelspakt gegeben, dem er eine physiologische Dimension zuschreibt. Er versteht ihn als körperliche Inbesitznahme durch den als leichte Substanz begriffenen Teufel, die zur Folge habe, daß die Hexen nach dem Paktschluß regelmäßig an Gewicht verlören. Um dies festzustellen, sei die Wasserprobe ein geeignetes Mittel. Denn die luftige Materie der Hexen lasse sie im Wasser oben schwimmen, während die Unschuldigen, die schwerer seien, untergingen.

Neuwalt hingegen sieht die Wasserprobe im Einklang mit der christlichen Superstitionskritik nicht als natürliches, sondern als dämonisches Phänomen an, das er damit als theologisch illegitim verwirft. Er widerspricht Scribonius' These von der physiologischen Veränderung der Hexen nach dem Teufelspakt, weil eine solche seiner Auffassung nach einen substantiellen Eingriff in die göttliche Schöpfung darstellt, der dem Teufel im Rahmen der christlichen Kosmologie keineswegs erlaubt ist. So nennt Neuwalt die Hexenwasserprobe ein teuflisches Scheinwunder, das keinen sicheren Hinweis auf Schuld oder Unschuld gebe und allein dadurch zustande komme, daß der Teufel die Betroffenen mit göttlicher Erlaubnis im Wasser oben halte.

Befindet sich Neuwalt mit seinem Urteil über die Wasserprobe im Einklang mit der in Gelehrtenkreisen weithin akzeptierten Meinung, so steht auch sein Verständnis des Hexenwesens fest auf dem Boden der Tradition, die sowohl am apostatischen Teufelspakt wie auch am mosaischen Strafbefehl festhielt und auf dieser Basis die Notwendigkeit von Hexenverfolgungen keineswegs in Frage stellte. Mit seiner Verurteilung der Wasserprobe distanziert sich Neuwalt zugleich aber auch von der zeitgenössischen Gerichtspraxis, die im 16. Jahrhundert insbesondere im protestantischen Bereich zunehmend mit kritischer Aufmerksamkeit bedacht wurde. Damit gehört er zur Mehrheit der zeitgenössischen Gelehrten, die sich von der Verfahrensrealität im Hexenprozeß ebenso distanzierten wie von der radikalen Verfolgungskritik des Johann Weyer. Seine gemäßigte Haltung zeigt sich auch in seiner Beurteilung der Hexenspezifika Ausfahrt und Sabbat, deren streng illusionistische Interpretation er ablehnt, und die er, ähnlich wie sein Helmstedter Kollege Martin Biermann, in manchen Fällen als reale Begebenheiten, in anderen jedoch als dämonische Illusionen wertet.

Anlaß für Neuwalts Stellungnahme gegen die Wasserprobe ist ein an den Rat von Lemgo (-> Lemgo, Stadt) gerichtetes Gutachten, das der Marburger Mediziner und Naturphilosoph Wilhelm Adolph Scribonius im Herbst 1583 unter dem Titel De examine et purgatione sagarum per aquam frigidam epistola in Druck gegeben hatte, und das Neuwalt in seiner Exegesis den eigenen Ausführungen voranstellt. In diesem Schreiben gibt sich Scribonius als einer der wenigen zeitgenössischen Naturgelehrten zu erkennen, die die Wasserprobe für eine zuverlässige und theologisch legitime Methode der Hexenidentifikation halten. Denn er billigt dieser Probe nicht nur eine natürliche, physiologisch erklärbare Wirkung zu, sondern knüpft auch an die traditionelle Gottesurteilvorstellung an, indem er der Wasserprobe den Charakter eines gottgewollten Instruments zur Entdeckung dämonischer Hexerei verleiht. Scribonius betrachtet das Hexenordal als eine durch das Herkommen legitimierte Form der Hexenidentifikation, deren Wirkungsweise er auf eine im Lauf der Zeit in Vergessenheit geratene physiologische Gesetzmäßigkeit zurückführt. Die Voraussetzung für deren Wirksamkeit ist seiner Ansicht nach durch den Teufelspakt gegeben, dem er eine physiologische Dimension zuschreibt. Er versteht ihn als körperliche Inbesitznahme durch den als leichte Substanz begriffenen Teufel, die zur Folge habe, daß die Hexen nach dem Paktschluß regelmäßig an Gewicht verlören. Um dies festzustellen, sei die Wasserprobe ein geeignetes Mittel. Denn die luftige Materie der Hexen lasse sie im Wasser oben schwimmen, während die Unschuldigen, die schwerer seien, untergingen.

Neuwalt hingegen sieht die Wasserprobe im Einklang mit der christlichen Superstitionskritik nicht als natürliches, sondern als dämonisches Phänomen an, das er damit als theologisch illegitim verwirft. Er widerspricht Scribonius' These von der physiologischen Veränderung der Hexen nach dem Teufelspakt, weil eine solche seiner Auffassung nach einen substantiellen Eingriff in die göttliche Schöpfung darstellt, der dem Teufel im Rahmen der christlichen Kosmologie keineswegs erlaubt ist. So nennt Neuwalt die Hexenwasserprobe ein teuflisches Scheinwunder, das keinen sicheren Hinweis auf Schuld oder Unschuld gebe und allein dadurch zustande komme, daß der Teufel die Betroffenen mit göttlicher Erlaubnis im Wasser oben halte.

Befindet sich Neuwalt mit seinem Urteil über die Wasserprobe im Einklang mit der in Gelehrtenkreisen weithin akzeptierten Meinung, so steht auch sein Verständnis des Hexenwesens fest auf dem Boden der Tradition, die sowohl am apostatischen Teufelspakt wie auch am mosaischen Strafbefehl festhielt und auf dieser Basis die Notwendigkeit von Hexenverfolgungen keineswegs in Frage stellte. Mit seiner Verurteilung der Wasserprobe distanziert sich Neuwalt zugleich aber auch von der zeitgenössischen Gerichtspraxis, die im 16. Jahrhundert insbesondere im protestantischen Bereich zunehmend mit kritischer Aufmerksamkeit bedacht wurde. Damit gehört er zur Mehrheit der zeitgenössischen Gelehrten, die sich von der Verfahrensrealität im Hexenprozeß ebenso distanzierten wie von der radikalen Verfolgungskritik des Johann Weyer. Seine gemäßigte Haltung zeigt sich auch in seiner Beurteilung der Hexenspezifika Ausfahrt und Sabbat, deren streng illusionistische Interpretation er ablehnt, und die er, ähnlich wie sein Helmstedter Kollege Martin Biermann, in manchen Fällen als reale Begebenheiten, in anderen jedoch als dämonische Illusionen wertet.

Literatur

Neuwalt, Hermann, Exegesis Purgationis sive examinis sagarum super aquam frigidam proiectarum: In qua Refutata opinione Guilhelmi Adolphi Scribonii, de hujus purgationis & aliarum similium origine, natura, & veritate agitur: Omnibus ad rerum gubernacula sedentibus maxime necessaria. Helmstedt 1584

Ders., Bericht Von erforschung/ prob und erkentnis der Zauberinnen durchs kalte Wasser/ in welchem Wilhelm Adolph Scribonij meinung wiederleget/ und von ursprung/ natur und warheit dieser und anderer Purgation gehandelt wirdt. Helmstedt 1584.

Kauertz, Claudia, Die Diskussion über das Zauber- und Hexenwesen an der Universität Helmstedt (1576-1626), i. Dr.

Schormann, Gerhard, Academia Ernestina. Die schaumburgische Universität zu Rinteln an der Weser (1610/21-1810). Marburg 1982, hier S. 83-84

Kneubühler, Hans-Peter, Die Überwindung von Hexenwahn und Hexenprozeß. Diss. jur. , Diessenhofen 1977, S. 86-87

Zimmermann, Paul, Album Academiae Helmstadiensis. Bd. 1, Hannover 1926, S. 409

Roth, M., Die Hof- und Leibärzte der letzten oldenburgischen Grafen Johann VII. († 1603) und Anton Günther († 1667). Ein Beitrag zur Geschichte des oldenburgischen Standes. In: Jahrbuch für die Geschichte des Herzogtums Oldenburg 16 (1908), S. 292-326

Machmer, Joseph, Das Krankenwesen der Stadt Hildesheim bis zum 17. Jahrhundert. Phil. Diss., Hildesheim 1907, S. 13.

 

Empfohlene Zitierweise

Kauertz, Claudia: Neuwalt, Hermann. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezsj/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006


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