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Maria

Peter Dinzelbacher

 

Obwohl es im Neuen Testament nur wenige Verweise auf die Mutter von Jesus Christus gibt, und obwohl Jesus selbst ein eher distanziertes Verhältnis zu ihr hatte, wurde Maria, zumindest ab der karolingischen Epoche, zur zweitwichtigsten Heiligenfigur des Katholizismus. Ihre Verehrung erreichte im Spätmittelalter einen Höhepunkt, was eine eindeutig negative Reaktion der Reformatoren nach sich zog. Faktisch wurde Maria in einigen spätmittelalterlichen Gebeten als mächtiger als Christus angesehen, da dieser ja gegenüber seiner Mutter gehorsam zu sein hatte. Sie wurde als Schutzmantelmadonna gemalt, unter deren Mantel Eingeweihte nicht nur Schutz gegen Dämonen finden, sondern insbesondere gegen den Zorn des Gottvaters, der die sündhafte Menschheit auslöschen möchte. Viele Exempel lehrten, dass Christus einem Sünder, der ihn erzürnt hatte, vergeben könne, aber niemals einem, der sich gegen seine jungfräuliche Mutter versündigt hätte. Es kann hier nur bemerkt werden, dass die Jungfrau öfters als andere Heilige dazu genutzt wurde, Orte, die anderen Religionen geweiht waren, zu exorzieren und christianisieren; beispielsweise wurden nach anti-jüdischen Pogromen oft Marienheiligtümer am Ort der ehemaligen Synagoge errichtet.

Während der Gegenreformation wurde Marias Ruhm noch höher gepriesen – sie wurde die Schutzheilige jeglicher anti-protestantischer Maßnahmen, einschließlich der militärischen. Die siegreiche katholische Kirche verbreitete die Ikonographie der unbefleckten Empfängnis – die Frau der Apokalypse, die die Schlange zertrampelt – in allen Ländern ihres Herrschaftsbereichs, während die berühmten Erscheinungen und Wunder in Lourdes und Fatima dazu beitrugen, ihre Verehrung bis zum heutigen Tag aufrecht zu erhalten.

Vom religionspsychologischen Gesichtspunkt aus benötigt der männerdominierte christliche Monotheismus offensichtlich eine in Macht dem männlichen Gott selbst fast in nichts nachstehende weibliche „Göttin“, auf die die Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge und Verständnis projiziert werden kann. Deshalb nannte Mechthild von Magdeburg, eine Mystikerin des 13. Jahrhunderts, in ihrem Buch A flowing light (3, 1; 3, 4) Maria wörtlich ihre „goettinne“, und Luther nannte sie folgerichtig „Abgöttin“ (WA 7, 568, 573 f.), während die Lollarden sie als Hexe schmähten. Aber es gibt Beweise dafür, dass die Jungfrau Maria auch zum Objekt sexueller Fantasien wurde, die sich in vielen Wundervisionen äußern, in denen Maria ihren zölibatären Liebhaber küsst oder sogar säugt.

In Verbindung mit Hexerei sind verschiedene Aspekte von Interesse: Trat die Jungfrau in Zaubern und der Magie auf? Was dachten die Hexen über sie? Konnte sie auch Zauberinnen beschützen?

Insbesondere ab dem 15. Jahrhundert ist eine Vielzahl weit verbreiteter Segenssprüche belegt, die die Gottesmutter, die Jungfrau, die Schmerzensmutter ansprechen – mit der Bitte um Hilfe gegen Krankheiten und gefährliche Tiere (hauptsächlich Schlangen, da der Teufel in dieser Gestalt Eva verführte und Maria die zweite, sündenfreie Eva genannt wird), aber auch in Liebesdingen. Zu diesem Ziel wurden apokryphische Sachverhalte geschaffen, wie beispielsweise im folgenden hochdeutschen Zauber aus der Frühmoderne: Als Jesus von den Pfeilen zweier Dämonen verwundet wurde, kam seine Mutter und versprach, ihm zu helfen, wenn er ihr die Hälfte der Erde und des Himmels gäbe. Auf dessen Versprechen ruft sie 55 Engel und heilt ihren Sohn; über diese Analogie sollten auch die Wunden der Person, die den Zauber aufsagte, geheilt werden. Jedoch wurde sie wie ihr Sohn auch in Gotteslästerungen missbraucht, es gab Flüche wie „bei Marias Gliedmaßen“, „bei der Fotze der Jungfrau“, etc.

Für verschiedenste Frauen war die Beziehung zur Jungfrau Maria von zentraler Bedeutung. Dies wurde im Spätmittelalter und der Frühmoderne in den gar nicht so seltenen Fällen deutlich, in denen Frauen Merkmale aufwiesen, die sie sowohl zu Mystikerinnen als auch zu Hexen machten. Die Bäuerin Chiara Signorini, 1519 in Modena verurteilt, wurde beispielsweise beschuldigt, mit dämonischer Hilfe vielen Menschen Krankheiten angehext zu haben, was sie unter der Folter zugab. Jedoch gestand sie ebenso, eine enge Freundin der Jungfrau Maria zu sein, die (und nicht ein Dämon) diese Krankheiten verursacht habe, um sich für Beleidigungen zu rächen. Signorini zeigte eine komplexe Mischung aus tiefer Marienverehrung und magischen Praktiken. Marie Benoist de la Boucaille war eine in der Normandie des späten 17. Jahrhunderts bekannte Heilerin und Ekstatikerin. Sie behauptete, viele Visionen von Maria, Jesus und Gott gehabt zu haben, besaß aber ein Hexenmal und wurde für Hexerei und falsche Prophetie verurteilt. Die 'echten' Hexen hingegen brachten der Jungfrau Maria keine Verehrung entgegen, zumindest ihren erzwungenen Geständnissen zufolge. Es scheint, dass viele unter ihnen bei Leugnung Christi auch dessen Mutter schmähen mussten. Nach Malleus (II, 2) nannten die Hexen sie die 'fette Frau'.

Der Schutz der Jungfrau Maria wurde als eine der mächtigsten Kräfte gegen das Böse angesehen, ihr Name kann in vielen apotropäischen Zaubern gefunden werden. Maria hilft selbst denen, die einen Pakt mit Satan geschlossen haben – der bekannteste Beweis dafür war die Wundergeschichte des Theophilus, die in allen europäischen Sprachen erzählt wurde. Dieses ursprünglich byzantinische Motiv wurde auch auf reuige Zauberinnen übertragen: Als die Protagonistin Marieken (i.e. Mariechen) des niederländischen Stückes Marieken van Nijmegen (ca. 1500) einen Pakt mit einem Incubus schließt, muss sie ihren Namen ändern, um die Macht ihrer Schutzheiligen zu brechen. Sie wählt jedoch den Namen Emma (in dem der Anfangsbuchstabe von Maria zweimal auftaucht) und wird am Ende gerettet. Obwohl die Konfrontation zwischen Maria und den Dämonen ein übliches Predigtmotiv darstellte, spielte sie in der spezialisierten Anti-Hexen-Theologie und der kirchlichen Praxis keine Rolle.

Literatur

Lexikon der Marienkunde. Regensburg, 1967.

Peter Dinzelbacher, Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum. Band 2. Hoch- und Spätmittelalter. Paderborn: Schöningh, 2000.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit. 4. Aufl. Düsseldorf: Albatros, 2001.

W., Petri, H. Beinert, Handbuch der Marienkunde. Regensburg, 1984.

Klaus Schreiner, Maria. München: Hanser, 1994.

Stefano De Fiores, Nuovo dizionario di Mariologia. Cinisello Balsamo: Editiones Paulinae, 1986.

Hilda Graef, Mary. A history of doctrine and devotion. London, 1965.

Gabriele M. Roscini, Mariologia. Roma, 1947/50.

Orth, Maria in den Segen, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 5. Berlin: de Gruyter, 1933, S. 1663-1671.

Siehe auch: Theophilus

 

 

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Maria. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezs5/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011


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