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Lykanthropie

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

03.Februar 2011

Das Motiv der Transformation von Menschen zu Tieren kann in den Vorstellungswelten aller menschlichen Ethnien gefunden werden. Lykanthropie ist der besondere Fall der Transformation eines Mannes in einen Wolf, das griechische Wort bedeutet Wolf-Mann, wie auch seine germanischen Widerparts, ‚werewolf‘ (Englisch, Deutsch), Dänisch ‚warulf‘, auch italienisch ‚lupo mannaro‘. Die Römer verwendeten ein besonders aufschlussreiches Wort für Werwolf, nämlich ‚versipellis‘ (Hautwechsler).

Es scheint mehrere mögliche Wurzeln dieser Vorstellung zu geben. Erstens machen eine große Anzahl von Mythen, Volksfabeln und Rituale es wahrscheinlich, dass es eine Zeit gab, in welcher der Mensch keine klaren Grenzen zwischen sich selbst und der Tierwelt fühlte und eher eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den Spezies annahm. Der Werwolfglaube wäre ein Überbleibsel davon innerhalb einer Mentalität neueren Datums. Zweitens könnte es der Rest des Glaubens an ein tierförmiges, externes Seelendouble sein, der oft in altnordischen Quellen (‚hamr‘) auftaucht, in anderen Teilen des Kontinents jedoch ebenfalls bekannt gewesen zu sein scheint. Drittens scheinen totemistische Strukturen in prähistorischen europäischen Gesellschaften existierten zu haben (vgl. die griechischen Hirpi Sorani, die, in Wolfshaut gekleidet, Apollo verehrten, ursprünglich ein Wolf-Gott). Davon hergeleitete geheime Gesellschaften, Wolfshaut als Tarnung benutzend, haben eventuell ebenfalls einige europäische Regionen heimgesucht (vgl. die kannibalistischen Geheimgesellschaften in Afrika, deren Mitglieder sich als Löwen oder Leoparden maskieren, um Menschen zu töten). Viertens ist Lykanthropie eine tatsächlich existierende Form der Geistesverwirrung, eine mit Schizophrenie verwandte psychische Krankheit, die Patienten zwingt, sich wie das Tier zu verhalten. Fünftens treten Tiertransmutationen in Träumen und drogeninduzierten Ekstasen auf.

In der europäischen Überlieferung sind zwei Versionen dieser Transmutation bekannt: Entweder geschieht es spontan oder wird von einer anderen Person ohne Zustimmung des Opfers induziert. Schon in der klassischen Antike waren dies die üblichen Muster, wie beispielsweise einerseits Virgils Moeris zeigt, ein Hirtenzauberer, fähig ein Wolf zu werden durch das Verspeisen spezieller Kräuter, oder andererseits König Lykaon von Arkadien verdeutlicht, dessen Asebie Zeus durch seine Verwandlung in einen Wolf bestrafte.

Unter den Wikingern ist das Motiv der Transformation in einen Bären häufiger bezeugt als in einen Wolf: ihre formidabelsten Truppen, die Berserker, waren in Bärenhaut gekleidet und kämpften, in einen trance-ähnlichen Zustand gefallen, wie dieses Tier. Allerdings erwähnt die Haralds-kvæði (ca. 900 n. Chr.) ebenfalls „Wolf-Kutten“, wie Tiere heulende Kämpfer. Egils saga Skallagrímssonar (ca. 1230) berichtet von einem Berserker namens Kveld-Úlfr, der während der Tageszeit als Mensch lebte, während er nachts zum Wolf wurde (wie sein Name nahelegt). Nach Olaus Magnus (1555) waren Werwölfe im Baltikum epidemisch, wo sie sich vorzugsweise während der Weihnachtszeit versammelten, um Raubzüge gegen die Förster zu unternehmen (wahrscheinlich Fälle von Verbrecherbanden mit folkloristischer Tarnung).

Der Wolfsmensch tritt als Subjekt vieler mittelalterlicher literarischer Texte auf, der berühmteste davon ist das altfranzösische Gedicht Bisclavret von Marie de France (ca. 1200). Als die Frau des Helden bemerkt, dass der Ritter Bisclavret jede Woche seine Erscheinung für drei Tage vom menschlichen in das wölfische wechselt, lässt sie seine Kleidung verstecken, weshalb er nicht mehr zum Menschen werden kann. Der König macht den Wolf jedoch zu einem Mitglied seines Hofes und hilft ihm, seine Frau zu bestrafen. Auch der Werwolf in der anonymen Romanze Guillaume de Palerme (frühes 13. Jahrhundert) ist eine positive Figur, anderen Personen mehrfach helfend. Kein Wunder, da er in Wirklichkeit der Sohn des spanischen Königs ist, den eine böswillige Hexe transformiert hat.

In perfekter Gleichzeitigkeit mit dem wachsenden Hexenwahn wurde auch der alte Werwolfsglaube dem dämonologischen Modell angepasst. Sobald die Doktrin des Teufelspaktes Verbreitung fand, mussten die Werwölfe, gegen die juristische Schritte unternommen wurden, gestehen, ihre abnormalen Kräfte vom Teufel erhalten zu haben. Theologen wie der Autor des Malleus (II, 1, 8f.) und viele andere diskutierten die Frage, ob der Teufel echte Tiere dazu veranlassen würde, jene Grausamkeiten zu begehen, von denen die Männer und Frauen erzählten, sie in Tierform begangen zu haben, während sie tatsächlich schliefen und träumten. Oder sollte man eher denken, dass der in Wolfsform erscheinende Teufel die Verbrechen beging, von denen der Lykanthrop lediglich träumte, oder löste er lediglich eine Illusion dahingehend im Geist der Menschen aus? Das Problem war, dass eine richtige Umwandlung von der unüberbietbaren Autorität des Augustinus für unmöglich erklärt worden war.

Seit dem frühen 16. Jahrhundert sind eine erhebliche Anzahl von Prozessminuten gegen Werwölfe konserviert worden, mit den häufigen Anklagen des Totschlags von Tieren und Menschen in wölfischer Gestalt und des Teufelspakts. Als eines der frühesten Beispiele wird ein 1521 in der Diözese Besançon abgehaltenes Inquisitionsverfahren gegen zwei Werwölfe, Pierre Bourgot und Michel Verdung, angegeben, während eines der letzten das Verfahren vor der Jury des Salzburger Erzbischofs 1720 gewesen zu sein scheint. Während der zwei Jahrhunderte zwischen diesen Daten müssen tausende von Prozessen stattgefunden haben; der französische Richter Henri Boguet (1569-1616) prahlte damit, mehr als 600 Lykanthropen hingerichtet zu haben; einige dieser Fälle beschreibt er in seinem Discours exécrable des sorciers (Lyon 1602). Offensichtlich war Frankreich das Zentrum der frühneuzeitlichen Werwolfverfolgung. Es ist bemerkenswert, dass in all diesen Prozessen die Beschuldigten in ihren menschlichen Körpern anwesend waren; es scheint keine gerichtliche Verfolgung gegen einen echten Wolf bekannt zu sein, obwohl zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert nicht wenige Tierprozesse gegen gefährliche Haustiere wie Schweine oder Ochsen oder gegen schädliches Ungeziefer wie Maikäfer oder Mäuse dokumentiert sind. Es waren die Kirchengerichte, zu denen die Menschen regelmäßig Zuflucht suchten, wenn sie von Schädlingen und Parasiten belästigt wurden, und die weltliche Gerichte, wenn ein blutendes oder beißendes Tier bestraft werden sollte. Hinsichtlich der Werwölfe konnten sowohl die kirchlichen als auch die weltlichen Behörden interessiert sein. Obwohl die Verfahren gegen diese Art der Delinquenten eine besondere Form der Hexenprozesse waren, manchmal sogar kombiniert mit der Anklage der Sabbatteilnahme, bestand ein deutlicher Unterschied darin, dass die Beschuldigten fast ausschließlich Männer waren.

Um ein Beispiel eines eindeutig auf pathologische Lykanthropie Bezug nehmenden Falles darzustellen (gemäß de Lancres auf den Akten beruhender Zusammenfassung): 1603 ging das Parlament von Bordeaux gegen den vierzehnjährigen Hirten Jean Grenier vor, der gestand, Wolfshaut und eine Salbe benutzt zu haben, als er durch Wälder und Weiler zog, Tiere und Kinder tötend. Beide Gegenstände sind ihm von einem Herrn in schwarz gegeben worden, der ihn mit einem Stigma markierte hatte. Andere Werwölfe, darunter sein Vater, begleiteten ihn für gewöhnlich. Greniers Hände, seine Art, sich zu bewegen und zu essen wird als kongruent mit denen eines wilden Tieres beschrieben, und der Anblick von Wölfen erfreute ihn am meisten. Mit ungewöhnlicher Milde wurde dieser scheinbar semi-imbezile Jugendliche nicht hingerichtet, sondern zu lebenslanger Haft in einem Kloster verurteilt, wo er 1610 starb.

Häufiger war das Ende wie das eines Peter Stubbe (Stumpf), der sich selbst durch einen, ihm vom Teufel überreichten, Gürtel in einen Werwolf verwandelte. Nachdem er dreizehn Kinder, seinen eigenen Sohn nicht verschonend, zwei Schwangere und viele Schafe und Kühe getötet und verschlungen hat, wurde er zur Strecke gebracht, gefoltert, verurteilt und in Bedburg bei Köln (1589) zusammen mit seiner Liebhaberin und seiner Tochter, mit der er inzestuösen Kontakt gehabt hatte, grausam hingerichtet. Dies ist ein Beispiel für das Geständnis eines gefolterten Werwolfs. Allgemein wiederkehrende Muster sind die folgenden: Die Transmutation wird geleistet durch Magieformeln, eine Salbe, Haut, ein Hemd, einen Gürtel oder Trank, sämtlich vom Teufel bereitgestellt, seltener durch den Besuch eines bestimmten Ortes; oft funktioniert es lediglich für eine bestimmte Zeitdauer; es gibt einige Verbindung zu den Mondphasen. Die schwersten Verbrechen sind das Schlachten von Menschen und Tieren sowie Kannibalismus. Wird ein solches Wesen in seinem theriomorphen Stadium verletzte, erscheint diese Wunde ebenfalls an gleicher Stelle seines menschlichen Körpers.

Besonders im 16. Jahrhundert wurde der Werwolf, oder besser bestimmte ‚historische‘ Werwölfe, der Gegenstand künstlerischer Behandlung in Form von Flugblättern, mit dem Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren von 1512 als bekanntestem Beispiel. Obwohl (oder eher weil) die Aufklärung des 18. Jahrhunderts der Verfolgung von Werwölfen, die von da an als Wahnsinnige angesehen und behandelt wurden, beendete, ist die romantische Literatur des 19. Jahrhunderts voll solcher Kreaturen und das folgende Jahrhundert brachte eine Reihe von Filmen zu diesem Thema hervor.

Literatur

Peter Dinzelbacher, Animal Trials. A Multidisciplinarian Approach, Journal of Interdisciplinary History 32/3, 2002, S. 405-421.

Adam Douglas, The Beast Within: A History of the Werewolf. New York: Avon Books, 1992.

C. W. Dunn, The Foundling and the Werewolf. A Literary History of Guillaume de Palerne. Toronto: University of Toronto Press, 1980.

Otto Höfler, Verwandlungskulte, Volkssagen und Mythen. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1973.

Claude Lecouteux, Fées, sorcières et loups-garous. Paris: Imago, 1992.

Elmar M. Lorey, Heinrich der Werwolf. Eine Geschichte aus der Zeit der Hexenprozesse mit Dokumenten und Analysen. Frankfurt: Anabas-Verlag, 1998.

J. A. MacCulloch, Lycanthropy, James Hastings ed., The Encyclopaedia of Religion and Ethics VIII. Edinburgh: T. & T. Clark, 1915, S. 206-220.

Ella Odstedt, Varulfen i svensk folktradition. Uppsala, 1943.

Charlotte F. Otten ed., A Lycanthropy Reader: Werewolves in Western Culture. Syracuse, NY: Syracuse University Press,1986.

Keith Roberts, Eine Werwolf-Formel. Eine kleine Kulturgeschichte des Werwolfs, in: Müller, Ulrich, Wunderlich, Werner eds. Mittelaltermythen vol. 2. St. Gallen: UVK, 1999, S. 565-581.

Malcolm South ed., Mythical and Fabulous Creatures. A Source Book and Research Guide. New York: Greenwood, 1987.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Lykanthropie. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezs4/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011


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