H-O

Gerichtspraxis Lothringen, Herzogtum

Elisabeth Biesel

13.12.99

Erst die Zentralisierung der Rechtsprechung durch die Coutumes générales de Lorraine, mit deren Erarbeitung Charles III. 1594 die Ständeversammlung ( Assemblée des États généraux ) beauftragt hatte, legte formal das Prozeßverfahren auch im Falle der Hexereianklage für das gesamte Herzogtum fest. Allerdings stellten die Coutumes keine völlig neue Rechtssatzung dar, sondern sie faßten lediglich bisher übliche Rechtsbräuche zusammen und vereinheitlichten sie für das gesamte Herzogtum Lothringen, d. h. für die Bailliages des Vosges , d'Allemagne und de Nancy . An der Ausarbeitung der Coutumes wirkte auch Nicolas Rémy mit, der als Procureur général in den Versammlungen der Generalstände den Standpunkt des Herzogs zu vertreten hatte.

1596 ließ Charles III zum erstenmal die Coutumes in Nancy bei Jean Janson drucken, es folgten zahlreiche weitere Auflagen, Ergänzungen und Änderungen. 1614 erschien in Nancy eine weitere Edition der Coutumes générales, die den Recueil du style enthielt. Dieser legte das Verfahren in den Assisen und anderen Institutionen der Bailliages sowie die Regelung der Bezahlung der Richter, Gerichtsschreiber, Anwälte, Procureurs und der übrigen Personen, die mit der Rechtsprechung befaßt waren, fest. Zudem beinhaltete diese Ausgabe die Pratique civile et criminelle pour les iustices inferieures du duché de Lorraine conformement a celle des Sieges ordinaires de Nancy, also die Anweisung für alle Gerichte der Bailliages wie in zivil- und strafrechtlichen Prozessen in Übereinstimmung mit den Coutumes générales zu verfahren sei. Abgefaßt wurde diese Ausgabe von Claude Bourgeois, der als Maître échevin lange Jahre den Schöffen von Nancy vorstand und damit zu den Personen gehörte, die sich wohl am besten mit den Verfahrensgrundsätzen in Strafrechtsprozessen auskannten. So würdigte auch Beaupré diese Ausgabe der Pratique criminelle von Bourgeois als "das einzige fast vollständige Dokument", das Auskunft über die Strafrechtsgesetzgebung in Lothringen vor der Herrschaft Leopolds gibt. Das im Herzogtum übliche Hexereiverfahren stimmt weitgehend mit der Beschreibung von Bourgeois im Recueil du Style überein.

Ein eigenes Kapitel widmete Bourgeois der Folter. Die Folter durfte nur bei sogenannten Kapitalverbrechen, crimes capitaux , mit der Erlaubnis des Procureur général und der Schöffen von Nancy eingesetzt werden. Letztere hatten dabei mehrere Faktoren zu berücksichtigen: Nur wenn auf das Verbrechen die Todesstrafe oder das Zerreißen der Glieder stand, durfte die Marter verhängt werden, um aus dem Mund des Angeklagten die 'Wahrheit' über sein Verbrechen zu erfahren, dies aber nur, wenn die vorhergehenden Indizien und der Ruf des Angeklagten stark gegen denselben sprachen. Bei der Tortur war auch das Geschlecht, das Alter und der Stand des Angeklagten zu beachten; eine schwache Frau etwa sollte nicht so stark gefoltert werden wie ein starker Mann. Diese Einschränkungen blieben bei den Hexenprozessen in Lothringen weitgehend unberücksichtigt. Als Foltermethoden kannte man in Lothringen die Daumenschrauben, die Streckbank und das Aufziehen. Während der Angeklagte sich auf der Streckbank befand, konnte ihm Wasser in den Mund gegossen werden, beim Aufziehen konnte er zusätzlich mit schweren Steinen belastet werden. Bourgeois beschrieb bei jeder Folterart, auf welche Weise die Schmerzen verursacht werden, zum Beispiel durch das Überdehnen der Muskeln beim Strecken des Körpers. In Lothringen foltere man gewöhnlich den Angeklagten so stark, wie es sein Körper vertragen könne, vor allem dann, wenn er, wie in fast allen Hexenprozessen, der "ordentlichen" und der "außerordentlichen" Folter, also allen drei Foltergraden, unterworfen wurde.

Bourgeois forderte, daß bei der Folterung immer ein Arzt oder ein Chirurg anwesend sein solle, der den Zeitpunkt festsetzte, an dem der Angeklagte der Folterung nicht mehr weiter ausgesetzt werden durfte, ohne "Schaden an der Gesundheit" zu nehmen, gemeint war wohl, ohne daß er verstümmelt oder getötet wurde. Außerdem wies Bourgeois 1614 in Einklang mit den Bestimmungen der Constitutio Criminalis Carolina darauf hin, daß die Folter nicht "fortgesetzt" werden dürfe: Es handele sich um einen Mißbrauch, wenn die Question morgens begonnen habe und mittags nach dem Essen weitergehe oder aber am nächsten Morgen wiederholt würde. Allerdings sei dies in Lothringen an vielen Orten gängige Praxis, wo die "Richter schlecht ausgebildet" seien.

Bourgeois überliefert uns auch einen Fragekatalog ( Interrogatoria ), anhand dessen die Angeklagten unter der Folter oder direkt nach der Folter verhört wurden. Im Recueil du Style führt er als Beispiel die bei den Hexenprozessen übliche Interrogatoria an. Die von Bourgeois vorgeschlagene Befragung auf die Interrogatoria erfolgte erst unter bzw. nach der Folter. In der Anhörung des Angeklagten, die immer ohne Folterandrohung in bezug auf die von den Zeugen vorgebrachten Anklagen direkt nach den Informations erfolgte, wurden erst die Angaben zur Person erfragt. Notiert wurden der Name, die Herkunft, das Alter, der Geburtsort, der Stand des Angeklagten sowie die Namen und Herkunft der Eltern. Dieser Teil der Befragung wurde zu Beginn des Verhörs unverändert noch einmal abgefragt.

Immer wurde in der Anhörung nach dem Grund der Verhaftung gefragt. Entsprechend den von den Zeugen vorgebrachten Anklagen mußte der Beschuldigte auch beantworten, warum er so lange die Beschimpfungen als Hexe oder Zauberer erduldete, ohne sich zu rechtfertigen, warum er von anderen Hingerichteten als Komplize besagt worden war, oder aber, ob er Segenssprüche, Heilzauber oder andere Mittel kenne. Häufig wurden Frauen in dieser ersten Anhörung auch gefragt, ob sie in jungen Jahren Unzucht getrieben hätten; denn die allgemeine Lasterhaftigkeit der Angeklagten sollte dem Teufel - nach der Auffassung der Zeit - einen guten Ansatzpunkt zur Verführung bieten. Im Anschluß daran wurden alle Beschuldigten auf sämtliche von den Zeugen vorgebrachte Anklagepunkte einzeln befragt; es wurden eindeutig Suggestivfragen gestellt, zum Teil aber, ohne den Namen des Zeugen zu nennen.

Beilagen

Interrogatoria von 1614 (Recueil du Style von Claude Bourgeois (fol. 43r - 43v)

Literatur

Jean Nicolas BEAUPRÉ: Essai historique sur la rédaction officielle des Principales coustumes et sur les assemblées d'États de la Lorraine ducale et du Barrois, accompagné de documents inédits et d'une bibliographie de ces coustumes. Nancy 1845.

Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997.

Jean BOËS (Bearb.): La démonolatrie. Texte établi et traduit à partir de l'édition de 1595. Nancy 1998.

Robin BRIGGS: Witches & Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft. London 1996.

Édouard BONVALOT: Histoire du droit et des institutions de la Lorraine et des Trois Évêchés (843-1789). Paris 1895, S. 285-287.

Claude BOURGEOIS: Recueil du Style a observer es instructions des procedures d'assizes, et Bailliages de Nancy, Vosges & Allemagne. Avec le reglement pour le sallaire des Iuges, Procureurs & autres Ministres de Iustice. Plus l'ordonnance de Son Altesse, sur l'ormologation, tant des Coutumes anciennes & nouvelles que desdicts Style, & Reglement: Avec deffence de n'user d'autres exemplaires que de ceux qu'elle a permis estre Imprimez, nouvellement reveue & corrigez. Nancy, En l'Hostel de Ville Par Iacob Garnich, Imprimeur Iuré ordinaire de Son Altesse. Avec Privilege. Nancy 1614.

Étienne DELCAMBRE: Le concept de la sorcellerie dans le duché de Lorraine aux 16e et 17e siècles. 3 Bde., Nancy 1948-1951.

Étienne DELCAMBRE: Les ducs et la noblesse lorraine. In: Annales de l'Est 3, 1952, S. 39-60, 103-119, 191-209.

Jean-Claude DIEDLER: Démons et sorcières en Lorraine. Le bien et le mal dans les communautés rurales de 1550 à 1660. Paris 1996.

Lucien DINTZER: Nicolas Rémy et son œuvre démonologique. Lyon 1936.

Charles et Henri HIEGEL: Le Bailliage d'Allemagne de 1600 à 1632. Bd. 1: L'administration, la justice, les finances et l'organisation militaire. Sarreguemines 1961.

Eva LABOUVIE: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M. 1991.

Laurent LECLERC: Notice sur Nicolas Rémy, Procureur général de Lorraine. In: Mémoire de l'Académie de Stanislas 1868, S. IXL-CXLIII.

Christian PFISTER: Nicolas Rémy et la sorcellerie en Lorraine à la fin du XVIe siècle. In: Revue historique 93, 1907, S. 225-239.

Nicolas RÉMY: [Nicolai Remigii] Dæmonolatria, Oder Beschreibung von Zauberern und Zauberinnen. Mit wunderlichen Erzehlungen / vieler natürlichen Fragen und teufelischen Geheimnissen vermischet. Hamburg 1703.

Charles SADOUL: Essai historique sur les institutions judiciaires des duchés de Lorraine et de Bar. Paris/Nancy 1898.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Benward, Blaisatte (Prozeßopfer) von Elisabeth Biesel

Change, der, bzw. Schöffen, die, von Nancy von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Hexenverfolgungen von Elisabeth Biesel

Procureur général de Lorraine von Elisabeth Biesel

Rémy, Nicolas (Dämonologe u. Procureur général de Lorraine) von Elisabeth Biesel

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Lothringen - Gerichtspraxis . Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezpq/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2008


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