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Liebeszauber

Daniela Hacke

1. April 2008

Unter Liebeszauber verstanden die Menschen der Frühen Neuzeit die unterschiedlichsten magischen Rituale zur Unterwerfung des freien Willens. Definitorischen Charakter hatte weniger die Form, als die Funktion des Rituals: Liebeszauberrituale wurden angewandt, um Macht über die Emotionen eines anderen Menschen zu erlangen. Die Techniken des Liebeszaubers konnten von jedem erlernt werden, von jung und alt, männlich oder weiblich, denn es bedurfte keiner angeborenen Fähigkeiten, um die Rituale zu praktizieren. Dennoch waren es im mediterranen Europa vorwiegend Frauen und nur vereinzelt Männer, überwiegend Geistliche, die die Liebeszauberrituale praktizierten oder den Auftrag dazu gaben. Lediglich in Süditalien scheinen mehr männliche Laien von den Liebeszaubern Gebrauch gemacht zu haben. Eine strikte Grenzziehung zwischen Religion und Magie, Elite- und Volkskultur sowie zwischen sakral und profan lassen die Liebeszauberpraktiken nicht zu. Die frühneuzeitlichen Liebeszauberrituale vermischen Elemente einer christlichen Kosmologie mit religiösen Praktiken, um Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen oder auch Konflikte zwischen Männern und Frauen zu nehmen. Liebeszauber verweisen auf eine innovative Rezeption religiös geprägter Denkmodelle, die umgedeutet und für die Belange der profanen Welt neu gestaltet wurden.

Funktionen und Kontexte

Die Liebeszauberpraktiken verfolgten unterschiedliche Intentionen und wurden in unterschiedlichen sozialen Konstellationen angewandt. Betrachtet man das umfangreiche Magierepertoire vormoderner Gesellschaften unter dem Aspekt seiner Zielsetzung, dann lassen sich die Liebeszauberpraktiken als Indikatoren heterogener Konfliktfelder zwischen Mann und Frau lesen. Liebeszauber kann dann als ein Prozess verstanden werden, durch den wir Einblick in die ‘stages of love’ und die variierenden ‘psychologischen’ Stadien nehmen, die während einer Bekanntschaft, Beziehung oder einer Ehe durchlaufen wurden (Sánchez Ortega 1991, 63). In diesem Sinne sprechen die symbolischen Praktiken von den zwischenmenschlichen Konflikten und legen eine Geschichte der Emotionen frei: Liebeszauberpraktiken verweisen auf die Intentionen von Männern und auf die Hoffnungen und Ängste von Frauen in einer spezifischen historischen Konstellation.

Wahrsagerische Experimente nahmen im Beziehungsgefüge zwischen Mann und Frau einen nicht unbedeutenden Platz ein. Diese sehr vage Kategorie bezeichnet alle magischen Rituale die angewandt wurden, um in den Besitz von ansonsten unerreichbarem Wissen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu gelangen. Divinatorische Rituale wurden – und werden – in fast allen Gesellschaften praktiziert. Sie zählen zum zentralen magischen Wissensbestand ländlicher und städtischer Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Das Spektrum des zu erlangenden Wissens umfasste fast alle menschlichen Probleme (Edward Bever 2006, 285). Es reichte von Auskünften über die Identität eines Diebes oder eines zukünftigen Ehemannes zu Fragen eine Schatzsuche betreffend. Geschlechtsspezifische Gebrauchskontexte weisen den wahrsagerischen Experimenten im Zusammenhang mit Liebeszauberritualen eine spezifische Funktion zu. Überwiegend Frauen ließen sich über divinatorische Rituale die Zukunft vorhersagen. Das zu erlangende Wissen galt vielfach den eigenen Chancen auf dem Heiratsmark, sprach also von den Hoffnungen und Ängsten der Frauen. Zusätzlich wurde die Magie nach den Intentionen der Männer befragt: Es sollte etwa der Verbleib eines Liebhabers oder eines Ehemannes geklärt und generell Klarheit hinsichtlich deren Gefühle für die Frau erlangt werden. Das Wissen über die Emotionen der Männer war nicht nur am Beginn einer Bekanntschaft sinnvoll, wenn der Fortgang der Bekanntschaft noch unklar war. Auch Ehefrauen, die von ihrem Ehemann verlassen worden waren, versuchten deren Absichten durch divinatorische Experimente in Erfahrung zu bringen. Wahrsagerei versprach damit Gewissheit über emotionale Belange, ohne in bestehende Beziehungsgefüge einzugreifen.

Der Großteil der Liebeszauberpraktiken galt allerdings der Manipulation von Gefühlen. Verheiratete und unverheiratete Frauen versuchten die Gefühle eines Liebhabers zu erobern, selbst dann, wenn bestehende Verbindungen zunächst zerstört werden mussten. Auch manche Ehefrau griff hoffnungsvoll zum Liebeszauber, um sich einen Geliebten zu angeln, ihren entschwundenen Ehemann zurück zu gewinnen oder um diesen in einigen wenigen Fällen zu einem maßvollem und wohlwollenden Verhalten zu bewegen. Liebeszauber versprachen somit Abhilfe bei den unterschiedlichsten Liebes- und Lebenskrisen; sie sind uns Indiz für den Gefühlszustand oder die emotionalen Krise einer Praktikantin. Mit Mary Douglas könnte man die magischen Riten ergänzend als eine Möglichkeit betrachten, innere Zustände in Form von äußeren Zeichen zu begreifen.

Die Versprechen magischer Experimente waren zweifellos verlockend: für fast jede Lebens- und Liebeskrise ließ sich ein geeigneter Zauber finden. Die Verwirklichung der Wünsche kam allerdings nicht über Nacht, sondern erforderte Langmut, Ausdauer und Beharrlichkeit. Der Rhythmus vieler Zauberformeln machte sie für ein wiederholtes Aufsagen geeignet, ihr gefälliger Reim erhob sie zu einer „poetry of everyday life“ (Sánchez Ortega 1991, 66). Die Funktion der Liebeszauber erinnert an mnemotechnische Methoden: Der Ritus bot die Möglichkeit einer Erfahrenskontrolle, indem durch die Wiederholung von Worten und Handlungen nicht nur das Glück bezwungen, sondern auch Emotionen kontrolliert und gesteuert werden sollten. Diese zeitaufwendigen Rituale strukturierten auch den Alltag der Praktikantinnen erheblich: Die Handlungen folgten nicht nur einem genauen Ritus, sondern mussten zudem wiederholt und teilweise auch an bestimmten Tageszeiten vollzogen werden. Das Gebet an die Jungfrau Maria, in welchem an das christliche Prinzip der Nächstenliebe appelliert wurde, um die Gefühle eines wütenden Liebhabers zu besänftigen, sollte mit einer geweihten Kerze in der Hand kniend drei Tage lang morgens, mittags und abends jeweils neun Mal gesprochen werden. Dreizehn Tage lang mussten hingegen täglich dreizehn Vaterunser, dreizehn Ave Maria mit dreizehn Kerzen in der Hand gebetet werden, in summa dreihundertachtunddreißig Mal. Das Gebet an die Heilige Martha musste täglich vierzig Mal gesprochen werden. Eine Vielzahl magischer Experimente konnte alternierend über einen Zeitraum von zwei Jahren praktiziert werden, oft unter enormen finanziellen Aufwand. Von einigen Frauen wurde gesagt, sie hätten alles, was sie besaßen für magische Experimente ausgegeben, was für die Intensität der Gefühle, ob Liebe, Rache, Verzweiflung oder Hoffnung spricht.

Obwohl es keiner angeborener Fähigkeiten bedurfte, wandten sich Frauen in Norditalien und Spanien aus einem breiten sozialen Spektrum meist an professionelle Praktikantinnen aus der Unterschicht, damit diese die wahrsagerischen Rituale und Liebeszaubertechniken für sie durchführten oder sie in die genauen Worte und Handlungen einweihten. Diese strenge Unterscheidung in professionelle und nicht-professionelle Praktikantinnen wurde allerdings durch das Weiterreichen von magischen Praktiken graduell aufgeweicht. Dabei vermischten sich die Grenzen zwischen einer mündlichen und einer schriftlichen Tradition: Analphabetinnen bedienten sich zunächst der Hilfe von schreib- und lesekundigen Frauen, um Zauberformeln und Gebete zu kopieren, oder um sich das Schreiben beibringen zu lassen. Lesekundige Frauen halfen Analphabetinnen zudem die unterschiedlichen Texte zu memorieren. Dabei wurden die Beschwörungsformeln langsam vorgelesen und Wort für Wort wiederholt. Liebeszauber kursierten zwar oftmals in schriftlicher Form, waren aber darüber hinaus im Gedächtnis vieler Praktikantinnen aufgehoben, da sie durch mündliche Überlieferung tradiert wurden.

Praktiken und kulturelle Bilder

Die Techniken des Liebeszaubers und der wahrsagerischen Experimente lassen sich kaum quantifizieren. Es wird vermutet, dass es hunderte, wenn nicht gar tausende unterschiedliche divinatorische Rituale gab (Edward Bever 2006, 285). Im Folgenden sollen ausgesuchte Beispiele die gängigsten Praktiken illustrieren; sie stammen vorwiegend aus dem Venedig des 16. und 17. Jahrhunderts.

Ein in der Lagunenstadt vielfach praktiziertes divinatorisches Experiment war das buttar le fave, das Werfen oder Auswerfen von Bohnen. Die einfachste Möglichkeit bestand darin, eine Handvoll von Bohnen begleitet von dem Singsang „er liebt mich, er liebt mich nicht“ auszuzählen. Verbreiteter in Norditalien und in Spanien war folgende Praxis: Es wurden 18 Bohnen abgezählt und zwei von ihnen gekennzeichnet; sie symbolisierten den betreffenden Mann und die Frau, für die das Experiment durchgeführt wurde. Auch dieses Experiment war recht einfach und zudem von jedermann zu erlernen, denn es bedurfte keiner angeboren Fähigkeiten, um die Bohnen schwungvoll in die Luft zu werfen. Lediglich die Deutung des Wurfes erforderte eine gewisse Erfahrung, denn die Nähe bzw. die Distanz, mit der die gekennzeichneten Bohnen auf den Boden fielen, symbolisierte die emotionale Nähe oder Distanz der Liebenden. Ein Band, eine cordella wurde in einigen Fällen alternativ zu den Bohnen verwendet, aber gewöhnlicher war der Fall, dass beide Praktiken abwechselnd und wiederholt durchgeführt wurden. Bellina Loredana und Giulia Pisana warfen sowohl die Bohnen, wie auch die cordella, um zu sehen, ob ein gewisser Francesco Giulia sehr gern habe und ob er nach Venedig zurückkehren werde. Das Band konnte alternativ auch auf einen Spiegel geworfen werden, nachdem es zuvor abgemessen, geknotet und das Zeichen des Kreuzes über ihm geschlagen wurde. Analog zur Praxis des buttar le fave symbolisierten auch die Knoten im Band den Mann und die Frau und dementsprechend die Entfernung, mit der sie nach dem Wurf zum Liegen kamen, die emotionale Nähe oder Distanz der Liebenden. Dem Ritual ging in der Regel ein Gebet an die Heilige Helena oder die Heilige Ursula voraus; auch das Zeichen des Kreuzes wurde regelmäßig über den Bohnen geschlagen. Alternativ konnten wahrsagerische Rituale mit Feuer, einem Sieb, besonderen Spielkarten oder auch einer Schere durchgeführt werden.

In selteneren Fällen wurde die cordella oder die cordellina als phallisches Symbol imaginiert, die für die Länge und den Umfang des männlichen Gliedes stand. Die Knoten, die bei dieser Praktik in das Band geknüpft wurden, galten nicht einfach mehr der Befragung der Zukunft, sondern sie sollten die Manneskraft binden und verhindern, dass der betreffende Mann mit anderen Frauen als derjenigen die oder für die das Experiment durchgeführt wurde, geschlechtlich verkehren könne. Die Knoten können als die Visualisierung der zu erreichenden Hemmungen gelesen werden, mit Hilfe derer der Fluss der Körpersäfte zum Stocken gebracht werden sollte, so dass der Mangel an Hitze Impotenz verursacht. Diese Praktik war damit nicht mehr bloß divinatorischer Natur und stellte – wie die nun folgenden Beispiele – den Versuch dar, in das Gefühlsleben anderer Menschen einzugreifen.

Die Manipulation von Gefühlen war ein zentrales Ziel des Liebeszaubers und vielfältige Beschwörungsformeln dienten dazu, die emotionale Disposition eines Mannes von außen zu steuern. Gefühle sollten entfacht, gelenkt oder aber auch zerstört werden. Rituelle Worte und Handlungen hatten entweder eine profane Provenienz, oder verwiesen auf einen christlich geprägten Kontext. Vielfach wurden zu diesem Zweck Analogien zwischen einem belebten Wesen (dem Mann) und einem leblosen Gegenstand (etwa einer Figur) gebildet. Wesentlich zur Erklärung der Wirkungsmacht ist hierbei das Prinzip der repräsentativen Analogie. Denn wurden drei Nägel in ein Hufeisen gehämmert, so galt die Gewalt nicht dem eisernen Gegenstand, sondern dem Herzen eines Menschen, wie die Beschwörungsformel „Ich hämmere nicht auf diese Hufeisen, sondern auf das Herz von X” verdeutlicht. Die magischen Handlungen können dabei als ein Medium verstanden werden, in das Ideen und Vorstellungen übersetzt werden, das heißt, der Ritus kann als eine Art Sprache begriffen werden, die eine Idee übersetzt. Menschenähnliche Nachbildungen aus Nudelteig, Wachs oder Seife, die einen Mann symbolisierten, wurden ähnlich wie das Hufeisen mit Nägeln traktiert und gegebenenfalls mit Salz bestreut, um dem Teufel seinen Tribut zu zollen. Diese noch heute an Vodoo Praktiken erinnernden Rituale verliefen im Venedig der Frühen Neuzeit wie folgt: Aus Nudelteig wurde eine kleine Figur geformt, die den begehrten Mann symbolisierte; anschließend wurde die Figur mit Nägeln traktiert und mit Salz bestreut. In die Hitze des offenen Feuers geworfen wurden die beschwörenden Worte: „So wie diese Statue vergeht, so soll auch das Herz von [x] vergehen“ gesprochen. Zielsicher, so könnte man meinen, wurde in einem anderen Fall gar nicht erst eine komplette Figur geformt und attackiert, sondern lediglich das Körperteil, dem der magische Ritus galt, nämlich das Herz. Emotionen, wie diese Beispiele bezeugen, hatten auch im Verständnis der Menschen der Frühen Neuzeit ihren Sitz im Herzen. Die teilweise recht aggressiven Versuche, die Gefühle anderer zu manipulieren, zielten daher – wie auch schon Amors Pfeil – direkt in das Herz der begehrten Person. Dieses sollte für eine Frau entflammen, gestohlen oder durch Schmerzzufügung geläutert werden. Es wurde auf erstaunlich konkrete, ja fast buchstäbliche Art und Weise, visualisiert und konnte nachgeformt und vermischt mit etwa Menstruationsblut, wie ein Amulett um den Hals getragen werden. Auch Tierherzen begegnen uns bei magischen Ritualen und symbolisierten mit aller Wahrscheinlichkeit das zu bezaubernde menschliche Herz des Mannes. Wie von einer Frau im Gericht beschrieben wurde, musste das Herz eines noch lebenden Huhnes herausgerissen und dann unter einer Glocke deponiert werden; dort war nicht nur das Herz des Vogels, sondern auch das des Mannes gefangen.

Liebeszauber konnte in seiner Intention noch einen Schritt weitergehen und über die Verwandlung von Gefühlen hinaus die Unterwerfung des Mannes unter den Willen einer Frau zum Ziel haben. Die rituellen Handlungen und Worte zur Erlangung einer emotionalen Kontrolle über andere variierten durchaus, wenn auch das Ziel identisch war. In unzähligen Beschwörungen wurden Heilige und der Teufel angerufen, einen Bann auf die begehrte Person zu legen, um Körper und Geist zu lähmen. Oftmals wurde der Teufel für seine Dienste mit Salz oder auch Alaun bezahlt. Diese rituellen Handlungen, die in den venezianischen Quellen als dare martello bezeichnet werden, verfolgten die Strategie der Schmerzerzeugung, aus der in einer Verwandlung der Gefühle Liebe erstehen sollte. Emotionen, wie die Beispiele noch ausführlicher zeigen werden, reagierten dieser Kosmologie zufolge auf Manipulationen des Körpers und konnten das Resultat äußerer Anwendungen sein. Das verbindende Element dieser disparaten Praktiken bestand in dem Versuch, Schmerzen und unerträgliche Liebespassionen hervorzurufen, die den verzauberten Mann läutern und ihn so an die Frau binden sollten. Diese ‘Läuterung’ konnte selbst so weit gehen, dass sie grausame Züge trug. In einem Liebeszauber von 1584 wurde der Teufel beschworen, zu dem Herz eines Mannes vorzudringen und ihn derartig hart zu schlagen, dass dieser sich vor lauter Qualen den Tod wünscht. Zur Schmerzerzeugung wurde auch auf kulturell geprägte Bilder des christlichen Glaubens zurückgegriffen. Durch eine Analogiebildung von sakralen und profanen Körpern sollten ausgewählten Männern nun die Schmerzen gesendet werden, die Christus am Kreuz erlitten hatte. Diese Aggressivität des venezianischen Liebeszaubers kommt auch in einigen Teufelsbeschwörungen, aber auch in den Beschwörungsformeln zum Ausdruck, die in formaler Analogie zu religiösen Riten an diverse Heilige, wie etwa an Ursula, Martha, Elena, Antonius, Daniel und Erasmus gerichtet wurden (wenn auch nicht immer mit der Bitte, einen Bann auf eine Person zu legen). Ebenso die in Venedig häufig genutzte carta del ben voler – ein beschriebenes Blatt, dessen Wirkung sich durch einfaches Berühren der begehrten Person entfaltete – legt Zeugnis von der Aggressivität des venezianischen Liebeszaubers ab. Der Aufbau der carta ist ebenfalls eng an Gebetstexte angelehnt und wurde vielfach durch ein ‘Amen’ beschlossen. In ihr mischte sich Profanes mit Heiligem. Ihr Ziel ging mit dem Wunsch nach der Zerstörung der eigenen Feinde (auch) über das Binden von Liebe hinaus, so dass der Ton bisweilen zwischen rachsüchtiger Gewalttätigkeit und demütiger Unterwürfigkeit schwang.

Das frühneuzeitliche Religionsverständnis steht somit für die lebensweltliche Relevanz von Praktiken, die einem christlich geprägten Repertoire von Bewältigungsmöglichkeiten des Alltags entsprachen. In dieser religiösen Mentalität drückt sich ein Verständnis des Sakralen aus, das sich in gewöhnlichen Dingen oder Gegenständen manifest machen lässt, wenn spezifische rituelle Worte gesprochen oder rituelle Handlungen vollzogen wurden. Eine strikte Trennung des Sakralen vom Profanen ist in diesem Sinne nicht möglich, da das Sakrale von Laien immer innerhalb der profanen Welt erfahren wurde. Der Glaube an die Wirksamkeit von Sakramenten und Sakramentalien war ein integraler Bestandteil der ‘economy of the sacred’ (Robert Scribner 1984) und ist auch der Grund, warum sich gläubige Laien in ihrem Bestreben, die profane Welt zu kontrollieren, der Macht und den Fähigkeiten des Heiligen und der Heiligen versicherten. Es bot über die Einflussnahme auf das alltägliche Leben hinaus eine Möglichkeit, Belange der profanen Welt zu ordnen, um etwa aus unehelichen Kontakten geordnete eheliche Verhältnisse zu schaffen.

Verfolgung

Der umfangreichste Quellenbestand zur Verfolgung und obrigkeitlichen Abstrafung von Liebeszauberpraktiken stammt aus dem mediterranen Europa des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, vorwiegend aus Norditalien und von der Iberischen Halbinsel. Anklagen wegen Liebeszauber lassen sich allerdings auch im Frankreich des 14. Jahrhunderts, im mittelalterlichen England und im deutschen Raum finden – in Frankreich wurden 1390 zwei Frauen vom höchsten französischen Gerichtshof, dem Parlement von Paris, wegen Liebeszauberpraktiken verbrannt, in Mecklenburg kam es bei insgesamt 4000 Verfahren in 58 Prozessen zu Geständnissen des Liebeszaubers (schriftliche Auskunft von Katrin Moeller). Insgesamt waren Liebeszauberprozesse im Alten Reich im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eher selten. Im Zuge der katholischen Reformen verschärften die mediterranen Inquisitionen die Verfolgung von Liebeszauberpraktiken, da sie die Unterwerfung des freien Willens praktizierten und als Apostasie galten. Allerdings verfuhren die Inquisitionen Norditaliens mit Milde und differenzierten zwischen professionellen Praktikantinnen, die vielfach finanzielle Motive angaben und einfachen Nutznießerinnen von Liebeszauber. Erstere wurden mit Exil und Auspeitschen bestraft, letztere wurden wieder auf freien Fuß gesetzt, sobald sie ihre Sünden gebüßt und den magischen Ritualen abgeschworen hatten.

Literatur

Mary Douglas, Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigungen und Tabu, Frankfurt/M. 1988 (Berlin 1965).

Edward Bever, “Divination” in: Encyclopedia of Witchcraft, Santa Barbara/Denver/Oxford 2006, Bd. 1, S. 285-287.

David Gentilcore, From Bishop to Witch. The System of the Sacred in Early Modern Terra d’Otranto, Manchester 1992, 213.

Richard M. Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft. The Western Tradition, 4 Bde., Santa Barbara/Denver/Oxford 2006

Daniela Hacke, Von der Wirkungsmächtigkeit des Heiligen: Magische Liebeszauberpraktiken und die religiöse Mentalität venezianischer Laien, in: Historische Anthropologie 2, 2001, S. 311-332.

Daniela Hacke, Aus Liebe und aus Not. Eine Geschichte des Gefühls anhand frühneuzeitlicher Liebeszauberprozesse in Venedig, in: Zeitschrift für Historische Forschung 3, 2002, S. 359-382.

Daniela Hacke, Sexuality, Impotence and Unstable Masculinities, in: Dies., Women, Sex, and Marriage in Early Modern Venice, Aldershot 2004, S. 144-174.

Richard Kieckhefer, Magic in the Middle Ages, Cambridge 1989.

Ruth Martin, Witchcraft and the Inquisition in Venice, Oxford/New York 1989.

Marcel Mauss, Soziologie und Anthropologie, Bd.1: Theorie der Magie, München 1970.

Katrin Moeller, Das Willkür über Recht ginge. Hexenverfolgung in Mecklenburg im 16. und 17. Jahrhundert, Bielefeld 2007.

Mary O’Neil, Magical Healing, Love Magic and the Inquisition in Late Sixteenth-Century Modena, in: Stephen Halizer (Hg.), Inquisition and Society in Early Modern Europe, London/Sydney 1987, S. 88-114.

Lyndal Roper, Ödipus und der Teufel. Körper und Psyche in der frühen Neuzeit, Frankfurt/M. 1995 (orig.1994).

Guido Ruggiero, Binding Passions. Tales of Magic, Marriage, and Power at the End of the Renaissance, New York-Oxford 1993.

María Helena Sánchez Ortega, Sorcery and Eroticism in Love Magic, in: Mary E. Perry / Anne J. Cruz (Hg.), Cultural Encounters. The Impact of the Inquisition in Spain and the New World, Berkeley/Los Angeles/Oxford 1991, 58-92.

Bob Scribner, Cosmic Order and Daily Life: Sacred and Secular in Preindustrial German Society, in: Kaspar von Greyerz (Hg.), Religion and Society in Early Modern Europe 1500 - 1800, London 1984, S. 17-32.

Bob Scribner, Magie und Aberglaube. Zur volkstümlichen sakramentalischen Denkart in Deutschland am Ausgang des Mittelalters, in: Peter Dinzelbacher / Dieter R. Bauer (Hg.), Volksreligion im hohen und späten Mittelalter, Paderborn, München/Wien/Zürich 1990, S. 253-274.

Keith Thomas, Religion and the Decline of Magic, Harmondsworth 1971.

Empfohlene Zitierweise

Hacke, Daniela: Liebeszauber. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezrz/

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Erstellt: 01.04.2008

Zuletzt geändert: 21.04.2008


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