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Lebende Heilige

Peter Dinzelbacher

 

In allen Religionen scheint es Menschen gegeben zu haben, die von ihren Zeitgenossen aus verschiedenen Gründen als lebende Heilige verehrt wurden. Vielleicht hatten sie außergewöhnlich intensive Kontakte zu einer Gottheit, vielleicht offenbarten sie die ungewöhnliche Fähigkeit, Wunder zu vollbringen, insbesondere Wunderheilungen, vielleicht ließ sie ihre Stellung innerhalb der religiösen Hierarchie den Göttern ähnlich werden. Wir wissen seit der vorchristlichen Antike um solche Personen in Europa, in Griechenland beispielsweise genossen der Phythagoräer Aristeas von Proconnesus und Abaris der Hyperboräer den Ruhm heiliger Männer, der eine durch sein Vermögen zur Bilokation und der andere durch seine Fähigkeit, Plagen und Erdbeben abzuwenden. In Rom ließen die späten Kaiser ihre Genien (aber eigentlich sich selbst) als Götter anbeten, eine Form der Heiligkeit qua Amt. Auch die heiligen Könige der keltischen und teutonischen Volksstämme hatten einige Eigenschaften lebender Heiliger, von denen das Wohl ihrer Völker abhing. Zwar war das Phänomen schon den Juden und Frühchristen bekannt (wie von Peter Brown hervorgehoben), seine Blütezeit hatte es jedoch im Mittelalter und der Frühmoderne. Die Fähigkeit, die die Menschen am beeindruckendsten fanden, war das Wirken von Wundern. Der Ruhm so manches Heiligen, wie z.B. Bernard von Clairvaux (1090-1153), lag in seinen Wunderkräften – wie auch immer wir das heutzutage erklären mögen (Suggestion, übernatürliche Fähigkeiten, …). Als er sein Kloster verließ, um eine Stadt zu besichtigen, drängten sich die Gläubigen um ihn und flehten um Hilfe, meistens in Krankheitsfällen oder bei Dämonenbesessenheit, und versuchten, Fäden als Reliquien aus seiner Kutte zu zupfen. Die Zahl lebender Heiliger begann mit der Blütezeit des Mystizismus ab dem 13. Jahrhundert an zu steigen; von damals an bis zum 18. Jahrhundert waren die meisten unter ihnen Frauen. Ihre Charismata schlossen neben der Heilkraft oft Stigmatisation, Anorexia mirabilis, Telepathie, die Gabe der Prophetie, etc. mit ein. Was jedoch oft am meisten zählte, waren ihre Verzückungen, während derer sie göttliche Offenbarungen empfingen. Die Berichte über das Gedränge an Bewunderern, das sich zusammenfand, wenn beispielsweise eine berühmte Hellseherin wie Katharina von Siena (1347-1380) unterwegs war, klingen fast unglaublich. Das Phänomen war vor allem in den romanischen Ländern verbreitet, wo sich so mancher Prinz einen lebenden Heiligen am Hof hielt, wie es beispielsweise Ludwig IX. oder Karl VIII. von Frankreich mit dem berühmten Wundertäter Francesco di Paula taten.

Im 13. und 14. Jahrhundert fanden diese Heiligen für gewöhnlich viel Akzeptanz von Seiten der geistlichen Obrigkeit und hatten mit geringem Widerstand zu rechnen. Ab dem späten 14. Jahrhundert begannen sich die Dinge zu ändern. Ein Grund war das Große Schisma der katholischen Kirche, als ein Papst in Rom und ein anderer in Avignon residierte, die beide propagandistisch durch Hellseher unterstützt wurden. Infolgedessen begann die allgemeine Skepsis bezüglich dieses Charismas zu wachsen. Insbesondere die Echtheit der Offenbarungen von Brigitta von Schweden (1307-1373) wurde viel diskutiert, der Klerus entwickelte die 'Kunst des Urteils über die Geister' (ein Reihe theologischer Anweisungen), durch die er herausfinden wollte, ob eine Offenbarung als Frucht göttlichen Eingreifens einzuschätzen war, oder ob sie durch einen bösen Geist verursacht wurde. Ab dieser Zeit wurden lebende Heilige wieder und wieder auf die Probe gestellt, da die Möglichkeit menschlichen Betrugs, oder – noch bedrohlicher – teuflischen Schwindels, ausgeschlossen werden musste. Die Inquisition klagte viele lebende Heilige an, da es schwierig schien, Wundertätigkeit von Hexerei zu trennen. Eine charismatische Anführerin wie Johanna von Orléans wurde 1431 als Hexe verbrannt, obwohl sie von vielen als Heilige angesehen wurde (selbst der Henker zweifelte in Wirklichkeit). Der Fall von Savonarola (1498 verbrannt), der sich in seiner Kritik am Papst auf göttliche Inspiration berief, wie auch der Einfluss des Humanismus, machten die Amtskirche misstrauischer. Als die reformierten Theologen, die einzig an die Schrift glaubten, die schiere Möglichkeit persönlicher Offenbarungen bestritten und die Heiligenverehrung ablehnten, fand das Phänomen lebender Heiliger in großen Teilen Europas ein Ende, oder überlebte nur in isolierten Kreisen (z.B. im deutschen Pietismus). In den katholischen Gebieten übte der nachtridentinische Klerus starken Einfluss auf Frauen aus, die immer noch charismatische Anzeichen zeigten, und nur die Verehrung einiger weniger Mystiker, namentlich Theresa von Àvila und Therese von Lisieux, wurde in der ganzen Kirche akzeptiert. Aber jetzt waren es nicht länger die Verzückungen und Offenbarungen, die im Prozess der Heiligsprechung am meisten zählten, sondern die gehorsame Unterordnung unter die Geistlichkeit. Das Zeugnis eines Beichtvaters wurde damit wesentlich, der, so die allgemeine Regel, dazu verpflichtet war, alles zu tun, um die Eingebungen des Bußfertigen anzuzweifeln.

Angesichts der Tatsache, dass die Phänomene, auf denen für die Gläubigen die Verehrung der lebenden Heiligen basierten, so uneindeutig waren, galten viele von ihnen als Besessene oder wurden der Ketzerei und Hexerei angeklagt, auch wenn sie später entlastet wurden. Die geschah beispielsweise mit Dorothea von Montau (+1394), Colomba von Rieti (+1503), Gentile von Ravenna (+1530) und Domenica da Paradiso (+1553), die allesamt nach vielen Jahren oder Jahrhunderten von der Kirche selig oder heilig gesprochen wurden. Warum war es so einfach, einen lebenden Heiligen mit einer Hexe zu verwechseln? Beide gingen in vielerlei Hinsicht gleich vor, und da es der Teufel gewohnt war, sich in einen Engel zu verwandeln, konnte man nie sicher sein. Fromme Seherinnen und bösartige Zauberinnen vermerkten gleichermaßen die Erscheinungen schöner Männer – als Jesus oder als Satan zu identifizieren? Beide erzählten von erotischen Begegnungen – die Heiligen von der mystischen Vereinigung, oftmals in unbestreitbar sexuellen Begriffen, und die Hexen vom Geschlechtsverkehr mit einem Incubus. Das Ergebnis war manchmal eine übernatürliche Schwangerschaft, beispielsweise wies die Heilige Brigitte von Schweden jedes Weihnachten körperliche Merkmale auf, die darauf schließen ließen, dass sie mit dem Christuskind schwanger war; es gab aber auch viele Fälle angeblicher Schwangerschaften durch Incubi, auf die sich selbst die anti-lutherische Polemik der Katholiken berief, die die Kindsmutter zur Hexe und den Vater zum Teufel erklärte. Heilige und Hexen empfingen jeweils schmerzhafte körperliche Male von ihren übermenschlichen Liebhaben: die Heiligen Stigmata und die Hexen das Teufelsmal – beide wurden von ihnen gequält. Während die Heiligen oft aussagten, sie wären zeremoniell mit Jesus verheiratet worden (die ‚mystische Hochzeit‘), gestanden auch die Hexen, einen feierlichen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Beide treffen ihren übermenschlichen Liebhaber häufig bei einem Festessen, sei es im Himmel oder am Sabbat. Mit beiden Gruppen wurden die gleichen Arten von Wundern assoziiert, insbesondere übernatürliche Heilungen und Flugerfahrungen. Im späten Mittelalter und der Frühmoderne konnte eine Frau, die übernatürliche Eigenschaften an den Tag legte, folglich erwarten, den Ruhm einer lebenden Heiligen zu gewinnen; sie nahm aber gleichzeitig das Risiko in Kauf, mit einer Ketzerin und Hexe verwechselt zu werden. Als was sie eingeschätzt wurde, hing faktisch stark von den sozialen Umständen ab, in denen sie lebte: Ob es Interessengruppen gab, die dazu geneigt waren, sie zu unterstützen, ob sie mehr oder weniger kritischen Mitgliedern der Amtskirche gegenüberstand, etc. Sowohl lebende Heilige wie auch ihre Gegenstücke waren das Resultat der jeweiligen Deutung ihres sozialen Umfelds.

Literatur

Peter Brown, The Cult of the Saints. Chicago: University of Chicago Press, 1981.

Marcello Craveri, Sante e streghe. Milano: Feltrinelli, 1980.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit. 4. Aufl. Düsseldorf: Albatros, 2001.

Elijsa Schulte van Kessel Hg., Women and Men in spiritual culture. 's-Gravenhage: Staatsuitgevereij, 1986.

Herbert Thurston, Surprising Mystics. London, 1950.

Gabriella Zarri Hg., Finzione e santità tra medioevo ed età moderna. Torino: Rosenberg & Sellier, 1991.

Siehe auch: Heiligkeit; Visionen

 

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: lebende Heilige. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezrx/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011


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