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Laienspiegel

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

06. Januar 2011

Laienspiegel ist der Titel eines Handbuches für Laienrichter, das von dem gelehrten bayrischen Mönch Ulrich Tengler (1447-1511) geschrieben wurde. Er war ein Angestellter der Kanzlei des Herzogs in der Reichsstadt Nördlingen und wurde später zuerst Landvogt und anschließend sogar Pfalzgraf.

Als Tengler 1509 das Desiderat eines volkssprachlichen Handbuchs für praktische juristische Dinge erkannte, veröffentlichte er seinen Laienspiegel (Rechtsbuch für Laien; „Spiegel“ war ein häufiger Titel für solche Bücher), den er Kaiser Maximilian I. widmete. Dieses Buch war eine vielseitige Kompilation hilfreicher Materialien, die er für seine Kollegen schrieb, nachdem er für seine Auswahl viele Quellen des deutschen, römischen und kanonischen Rechts gesichtet hatte. Der Humanist Sebastian Brant, der berühmte Autor von Das Narrenschiff, trug eine Einführungsempfehlung bei. Die erste Edition wurde in Augsburg von Johann Rynmann gedruckt. Sie wurde mit interessanten, hochqualitativen Holzschnitten verschönert und nur ein Jahr später folgte ihr eine zweite. Bis zum Jahr 1560 wurden mehrere Ausgaben veröffentlicht (es gibt allerdings keine neuere und keine moderne Übersetzung). Der erste Teil des Laienspiegels enthält Zivil- und Polizeirecht, der zweite handelt vom Zivilprozess, der dritte wurde über das Strafrecht verfasst. Wie sehr Tengler in der traditionellen katholischen Mentalität verwurzelt war, nach der Recht eine religiöse Instanz ist, wird durch mehrere Beifügungen zum Gesetzestext deutlich: ein Gedicht über den Processus Sathanae contra genus humanum (eine Erfindung italienischer Juristen des 14. Jahrhunderts in Form eines kirchenrechtlichen Prozesses, sich mit der Sündhaftigkeit des Menschen, des Teufels Rechten und Erlösung beschäftigt) und ein religiöses Stück über das Jüngste Gericht (ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert). Das Buch wurde - mit Veränderungen - dreizehnmal neugedruckt und im 16. Jahrhundert sowohl von Katholiken als auch Protestanten häufig benutzt. Sein größter Einfluss auf die Rechtsgeschichte besteht in der öffentlichen Verbreitung römischen Rechtsdenkens.

Tengler war der erste Laie, der sich in Form eines Lehrbuches mit Hexenprozessen auseinandersetzt. Angesichts seines pragmatischen Interesse behandelt er in Teil III das Thema „Von kätzerey, warsagen, schwarzer kunst, zauberey, unholden, etc. Ab der zweiten Auflage zeigt er sich, beeinflusst durch seinen Sohn Christoph, einen Theologe an der Universität Ingolstadt, sehr viel strenger gegen diese Verbrechen. Während Nekromantie auf dem verbotenen Kontakt mit Dämonen beruht, können Astrologie und ähnliche Künste als legal betrachtet werden, solange sie als Naturwissenschaften ohne Aberglauben praktiziert werden. Hinsichtlich Hexerei überträgt der Laienspiegel die Lehren des Malleus maleficarum, der für weitere Details zu diesem Thema empfohlen wird. Tengler bietet eine „Forma Citation wider Unholden“ an, d. h. einen Plan, Hexen vor Gericht zu stellen und eine Liste für ihre Befragung. Darunter finden sich u.a. Fragen wie „Warum geben deine Kühe mehr Milch als die Kühe des Nachbarn? Was hast du während eines Gewitters auf dem Feld gemacht? Glaubst du an Hexen? Warum glaubst du, dass Menschen vor dir Angst haben? Warum hast du während der Geburt des Nachbarn dies oder jenes getan?“. Es zeigt ebenfalls, wie man die Zeugenaussagen aufnimmt, wie man das Haus der Verdächtigten durchsucht, wie man die angebliche Zauberin verhört u. v. m. Viele Praxisdetails von Strafgerichten im Umgang mit Hexen sind hier kodifiziert, wie beispielsweise die Benutzung von gesegnetem Salz, Wasser und Wachs, die Herbeiholung der Angeklagten mit dem Richter zugekehrten Rücken, die komplette Entfernung aller Haare, etc.

Durch Ulrich Tenglers Laienspiegel wurden sowohl die Idee eines Teufelspaktes als auch die Inquisitionsverfahren des Kirchenrechts unter den im Deutschland des 16. Jahrhunderts praktizierenden Juristen weit und breit bekannt gemacht. Durch die Darbietung einer volkssprachlichen Version des Malleus maleficarum - wie gekürzt auch immer - für jeden des Lesens Mächtigen ohne Lateinkenntnisse, hat dieses Buch ohne Zweifel viel dazu beigetragen, die Hexenverfolgung zu intensivieren und zu brutalisieren.

Literatur

Adalbert Erler, Tengler, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte 5, Berlin 1998 S. 145-146.

Johann August Roderich von Stintzing, Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, Leipzig 1867, S. 411-447.

Joseph Hansen, Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns..., Bonn 1901. S. 296-306.

Erich Kleinschmidt, Das ‚Epitaphium Ulrici Tenngler’, in: Daphnis 6, 1977, S. 41-64.

Erich Kleinschmidt, Tenngler, Ulrich, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, 2. Auflage. Bd. IX, Berlin 1995, S. 690-696.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Laienspiegel. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezru/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011


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