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Ketzer und Ketzerverfolgung

Daniela Müller

23. Oktober 2007

Ketzer waren in den Quellen Häretiker genannte Menschen, die ihre eigene Interpretation vom Gesicht der Kirche Christi und der christlichen Botschaft hatten und die kompromisslos den Konflikt mit der Amtskirche auf sich nahmen, oft zum Preis ihres Lebens. Ihr Delikt war die Häresie, die von der Inquisition erbarmungslos verfolgt und abgeurteilt wurde.

Häresie, also die von einer kirchlichen Autorität festgestellte Abweichung von einem als allgemein christlich angenommenen Glaubensgut, spielte in der als Mittelalter bezeichneten Periode in Westeuropa erst ab dem 11. Jahrhundert eine große Rolle. Ob es allerdings tatsächlich zu einer massiven Bedrohung der mittelalterlichen Kirche durch Ketzer gekommen ist – ein Bild, das wir überwiegend den kirchlichen Chronisten verdanken - oder ob es hier nicht in erster Linie um soziale Zuschreibungsprozesse ging, wird sich nicht mehr eindeutig klären lassen. Wahrscheinlich sind beide Erklärungsmodelle miteinander zu kombinieren.

I. Ketzer – die Anhänger des Bösen

Vor einem sich sozial und religiös verschärfenden Hintergrund verwundert es nicht, wenn alle, die nicht zur christianitas gehörten, so wie die westliche Kirche es verstand, zu Anhängern des Bösen wurden. Dabei wurde auch eine Entmenschlichung des anderen in Kauf genommen, ja sogar gezielt angestrebt.

Die hierfür entwickelten Sprachmuster konnten so überzeugend wirken, weil sie auf der Grundlage der exegetischen Tradition entstanden, die mit Typologie und Allegorie seit Origenes anerkannterweise arbeitete. Während die Typologie davon ausgeht, dass etwas, was sich historisch bereits ereignet hat, in sich auf etwas anderes verweist, was ebenso historisch wie real ist, geht die Allegorie davon aus, dass neben dem wörtlichen Sinn auch ein spiritueller Sinn verborgen liegt, den es zu entdecken gilt. Wird die Typologie vorzugsweise herangezogen, um das Alte Testament in enge Verbindung mit dem Neuen Testament zu bringen, so findet die allegorische Interpretation überall statt: Hinter dem Wolf verbirgt sich also der Ketzer, der wiederum auf den Teufel als seinen Vater verweist. Dank dieser Methode konnten auch und gerade inmitten der Gemeinschaft der Gläubigen diejenigen entdeckt werden, die nicht sind, was sie scheinen, sondern die als Vorboten des Antichrist zu bewerten sind.

Gerade Bilder arbeiteten mit diesen Allegorien. Die Dominikaner etwa, als die canes domini jagten die Wölfe im Schafskleid, die Ketzer und Ungläubigen. Ungeheuer verschlangen den unrechtmäßig, also den nicht von der Amtskirche autorisierten Prediger. Gleichsam das „wahre“ Wesen der „anderen“ allegorisch spiegelnd fielen die Abweichler ihrer eigenen Verderbtheit zum Opfer.

Durch eine entsprechende Bildformung ließ sich die Ausgrenzung des „Ketzers“ aus der menschlichen Gesellschaft nicht nur legitimieren, sondern zum offenkundigen Beweis der eigenen Wahrheit umdeuten: der Sieger auf dem Schlachtfeld, in den Kreuzzügen, auf der Richterbank ist zugleich der Gewinner im Ringen um die Wahrheit.

1215 genügte das literarische und materielle Bild von diesen Adepten des Teufels nicht mehr. Gerade weil Gesinnung und Glauben, um die es in diesem Kontext vornehmlich ging, nicht äußerlich kenntlich waren, und die Angst zunahm, dass es neben den offenkundig „Abweichenden“, wie Fremden oder Angehörigen anderer Rassen, immer mehr auch solche gab, die inmitten der eigenen Reihen lebten, stieg das Bedürfnis, die zu kennzeichnen, die sonst schwer zu erkennen waren: Das Vierte Laterankonzil verordnet nun für die Gesamtkirche in auffallender Parallelität die Kleiderkennzeichnung für Ketzer, Juden und Lepröse. Der Ketzer wurde nach außen hin für jeden erkennbar.

2.    Begrifflichkeiten

Diese systematisch-theologischen Zusammenhänge gewinnen ihre konkrete Bedeutung vor dem jeweiligen konkreten historischen Hintergrund. Deshalb soll nun ein kurzer Abriss der Entwicklungsgeschichte der miteinander verflochtenen Begriffe „Häresie“ und „Ketzer“ gegeben werden.

a)    Häresie

Ursprünglich besaß das griechische airesis einen positiven Sinn: Von der aktiven Ausgangsbedeutung des Ergreifens, Nehmens, ergab sich - angesichts der Fülle des zu Ergreifenden - bald die Notwendigkeit der Wahl, der Auswahl, und damit des Entschlusses. Im Hellenismus wurde der Begriff gleichbedeutend mit dem Ergebnis der Wahl verstanden und bezeichnete die (gewählte) Partei bzw. die ethisch-philosophische Richtung. In dieser Bedeutung wurde airesis dann auch für jüdische oder andere Religionsgemeinschaften gebraucht. Es scheint hierbei bedeutsam, dass in dem Begriff also ab ovo der Wille des Menschen angesprochen ist: Aus verschiedenen Möglichkeiten wählt der Mensch die Richtung aus, der er weiterhin folgen möchte. Damit sind schon zwei Bedeutungen erkennbar, die es der späteren Kirche ermöglichten, den Begriff als geeignete und notwendige Abgrenzungsterminologie einzusetzen: Der Mensch selbst ergreift die Wahrheit und wird nicht etwa von dieser ergriffen; und die Wahrheit ist nicht etwa einzigartig nur hier und nirgends anders zu finden.

Im Neuen Testament tauchte der Begriff denn auch schon als Negativbegriff für Vorgänge auf, die dem Leib Christi, und damit der Einheit, zuwiderliefen. Im Lauf des zweiten Jahrhunderts verschob sich merklich der Akzent: nun wird airesis mehr und mehr zur besonderen, anderen “Lehre", die eben im Gegensatz zur christlichen, und damit kirchlichen, Glaubenslehre stand. Fortan bestimmte der Gegensatz zur ekklesia, was hairesis ist. Da die Wahrheit nunmehr grundsätzlich das Ur-Alte, Präexistente ist, wurde Häresie durch Neuheit, Eigenmächtigheit gekennzeichnet, wird sie zum rein Subjektiven, Selbsterwählten.

Nachdem die kirchliche Einheitsvorstellung durch die Gestaltung des Kirchenrechts ihre gemeinverbindliche und quasi-offizielle Gestalt erfahren hatte, wurde Häresie nun formal greifbar, aufspürbar und ächtbar.

Im 13.Jahrhundert verlor der alte Begriff – mit bedingt durch das Auftauchen neuartiger, organisierter Gruppen wie der Katharer und Waldenser – seine kirchlich-dogmatische Überzeugungskraft und wurde zunehmend beliebig: Nun konnte er für jede Normabweichung schlechthin stehen: haeretici waren von nun an auch die Sodomiten und Homosexuelle.

Für die mittelalterliche Gesetzgebung wurde besonders der Meinungsumschwung des Augustinus in der Frage der Häretikerverfolgung wegweisend: Unter dem persönlichen Eindruck der Donatistenverfolgungen wurde Augustinus zum Befürworter staatlichen Zwanges; statt durch Überzeugung ist der vom christlichen Glauben abgefallene Häretiker nun auch durch Zwang zur Umkehr zu bewegen. Als Kennzeichen des Häretikers, an denen er quasi untrüglich zu erkennen war, galten sein Hochmut und seine Verstocktheit: Aus Hochmut ließ er sich nicht belehren, stellte sein Wort über das Wort der Kirche, die Gotteswort verkündet, und verharrte eigensinnig, und damit gottes- und kirchenwidrig, in seinem Irrtum. Damit sind die beiden klassischen Ketzermerkmale aufgezählt, die Jahrhunderte hindurch die rechtliche Überführung von Menschen als Ketzer und Ketzerinnen ermöglichen sollten, ganz unabhängig von Aussage und Inhalt des kontrovers Behaupteten. Ende des 12. Jahrhunderts kam es durch Innozenz III. zu der eindeutig gezogenen Analogiebildung zwischen Häresie und Majestätsbeleidigung, was nun den Rückgriff auf die spätantike Häretikergesetzgebung, die das Delikt der Majestätsbeleidigung mit dem Tod strafte, erlaubte. Dies war ein Kunstgriff, den auch die weltliche Gesetzgebung, personifiziert in Friedrich II. von Hohenstaufen, bereitwillig mit vollzog.

Besonders durch die Kennzeichnung des Häretikers als hartnäckig hatte das Kirchenrecht es erreicht, ein fast schon “objektiv” anmutendes Kriterium festzustellen: Häretiker sind nicht so sehr jene, die – oft unbewusst - einem objektiven Irrtum unterliegen (materielle Häresie), sondern diejenigen, die ihn hartnäckig und bösartig vertreten (formelle Häresie). Im Gehorsam verfügt die Kirche demnach über das einzig sichere Kennzeichen der Rechtgläubigkeit.

b)     Ketzerei/Ketzer

Da der Begriff “Ketzer” der deutschen Sprache entnommen ist, kann diese Bezeichnung natürlich nicht in den lateinischen Quellen auftauchen.

Wahrscheinlich geht der Begriff auf das griechische katharoi, die Reinen zurück und tritt uns das erste Mal in der Geschichte als Selbstbezeichnung der altkirchlichen Novatianer entgegen. Allerdings bezeichneten sich dem Kölner Mani Codex zufolge auch die Manichäer als „katharoi“. Diese wurden als die Häretiker schlechthin betrachtet, und als im 12. Jahrhundert im Westen eine organisierte, vor allem Laien anziehende, Männer wie Frauen bewegende Gruppe auftrat, deren Mitglieder sich selbst “gute Christen” und “gute Christinnen” nannten, lag für die kirchlichen Kontroverstheologen die Übertragung des Begriffs der Reinen auf die streng asketisch und apostolisch Lebenden nahe, zumal die Katharer als „Neu-Manichäer“ betrachtet und beschrieben wurden.

Eine etymologisch eindrucksvollere Ableitung verdanken wir allerdings dem Frühscholastiker Alanus ab Insulis. Er hatte in seiner gegen Katharer, Waldenser, Moslems und Juden gerichteten Summa Quadrapartita den zeitgenössischen Leser darüber informiert, dass die Katharer deshalb so hießen, da ihnen bei ihren Versammlungen eine riesige schwarze Katze erschien, der sie dann als Zeichen ihrer Ergebenheit den After küssten. Katharer ist für Alanus die direkte Ableitung von cattus, der Katze, und diese Heterodoxen, die für die Römische Kirche zum Inbegriff der Ketzer schlechthin wurden, sind somit nichts anderes als Katzenanhänger. Über das Süddeutsche bürgerte sich dann im Niederdeutschen „katter“, bzw. „ketter“ ein, das dann als „Ketzer“ zum deutschen Pendant zu haereticus wurde.

So wurden die Katharer zu den Erzketzern schlechthin. Die spätantike, weitgehend auf Schriftstudium gestützte und somit “gelehrte” Häresie wandelte im Lauf des 12./13. Jahrhundert ihr Gesicht und wurde nun zu einer vor allem die Laien erfassenden Bewegung, die sich an lebenspraktischen Fragen unter dem Stichwort der vita apostolica entzündete. Folgerichtig erhielt die in der patristischen Literatur zwar schon immer vorhandene, aber nie selbständig gebrauchte soziale Konnotation im Häretikerbegriff die Oberhand. Der Häretiker wurde zum Ketzer und sollte es forthin auch bleiben.

Warum werden aber ausgerechnet ab dem hohen Mittelalter zunehmend Ketzer im Westen entdeckt, so dass eine solche „neue“ Ketzereidefinition nötig geworden war?

„Gregorianische Reform“ als Ausgangspunkt

Das 11. Jahrhundert war das Zeitalter, in dem die Einheit von Geistlichem und Weltlichem zerbrach, zerbrochen wurde von maßgeblichen Kirchenmännern, die das Papsttum - und damit die Kirche - aus der Umklammerung der kaiserlichen Macht lösen wollten. Die Trennung des Sakralen und des Profanen wurde gedanklich vorangetrieben und maßgeblich bewerkstelligt von dem Kreis um Papst Gregor VII. (1073-1085). Die Freiheit der Kirche, die libertas ecclesiae, konnte erst dann als Ziel propagiert werden, als die sakralen, die heiligen Elemente des Kaisertums im Westen durch ein straff zentralisiertes, hierarchisch strukturiertes Papsttum bestritten wurden, da nun der Papst als der alleinige Inhaber aller geistlicher und weltlicher Macht vorgestellt wurde, der dem Kaiser erst die Ausübung der weltlichen Macht übertrug.

Nur die Kirche sollte künftig zuständig für den Kontakt der Menschen mit Gott und für die Interpretation des göttlichen Willens sein; nur ihre geweihten Amtsträger sollten, unabhängig von persönlicher Eignung, als Garanten des Seelenheils dienen.

Doch je mehr sich das Idealbild der Kirche auf ihre Kleriker verengte, desto unerträglicher mussten auf diejenigen, die nicht selbst zum Kreis der Heilsgaranten zählten, die persönlichen Entgleisungen und Vergehen der Amtsträger wirken.

Im Kampf gegen die Gewohnheit, sich für Geld ein geistliches Amt kaufen und danach bequem von seinen Pfründen und Privilegien als Kleriker leben zu können (Simonie) und im Kampf gegen die fast überall gebräuchliche Priesterehe (Nikolaitismus) – zwei Gewohnheiten, die als Todsünden gegeißelt wurden - hatte die so genannte Reformpartei um Gregor VII. zunächst dankbar mit allen möglichen Gruppierungen, die sie hierin unterstützten, so etwa der Pataria in Mailand, zusammengearbeitet. Doch kaum hatte die Reformpartei innerhalb der Kurie den Sieg davongetragen, wurde systematisch eine auf Zentralisierung und Universalisierung gerichtete Amtshierarchie aufgebaut. Wer sich diesen organisatorischen Umwälzungen nicht unterwerfen wollte, wer gar weiterhin Reformvorstellungen hatte, die vom Kurs der ehemaligen, nun zu Machthabern gewordenen Reformern abwichen, der wurde zielgerichtet mit dem Stigma der Häresie gebrandmarkt.

Im Zentrum der Kontroversen standen fast immer das Problem der Sakramentenspendung durch unwürdige Priester und ein zunehmend dichter werdender Dualismus, der sich zunächst an Reinheitsfragen entzündete. Alles Materielle wurde als unrein betrachtet, nur das geistig-spirituelle galt als rein und damit von Gott geschaffen.

Neues Erkenntnismodell

Auch hatte sich ab der zweiten Hälfte des 11.Jahrhunderts dieser neuen Sachperspektive ein neues Erkenntnismodell zur Seite gestellt: die Gelehrten entdeckten die Schriften des Aristoteles für sich und mit ihm die Voraussetzungen der Logik, die zur Grundlage einer neuen Argumentationstechnik wurde. Nun wurde im Meinungsstreit nicht mehr nur auf biblische Autoritäten verwiesen, oder auf Kirchenväterstellen oder auf päpstliche Erlasse, sondern nun konnte der menschliche Geist als Maßstab genommen werden, um über Richtigkeit oder Falschheit einer Aussage zu entscheiden. Klassifizieren, Kategorisieren half dabei, Ordnung in die Gedanken – und die Welt – zu bringen. Unterschiede konnten nun rational erfasst, bearbeitet und, wenn nötig, aufgelöst werden. Es mag also sein, dass dadurch sowohl Meinungen schneller als abweichend klassifiziert wurden als auch, dass nun erst tatsächlich erkannt wurde, dass es Divergenzen zwischen Glaubensauffassungen gab.

Die Abweichler galt es jedenfalls mit allen Mitteln zu bekämpfen, störten sie doch die auf Einheit gerichtete Machtposition von Kaiser und Kirche erheblich.

3. Ketzerverfolgung

Für die rechtliche Ketzerverfolgung wurde ein Häresiekonzept zugrunde gelegt, das maßgeblich auf Augustinus zurückging und das im Wesentlichen vier Aspekte umfasste, die sich für eine schnelle und zweifelsfreie Be- und Verurteilung eigneten:

1. Der theologische Aspekt: Häretiker war, wer die Heilige Schrift und die darin enthaltene Offenbarung anfocht, und sich, um seine falsche Lehre zu legitimieren, auf die Autorität der Schrift stützte, diese also „missbrauchte“.

2. Der soziale Aspekt: Für die „Gemeinschaft der Heiligen“ war ein Häretiker, wer aus der Glaubensgemeinschaft ausschied. Hierbei spielte keine Rolle, ob diese Trennung freiwillig vollzogen oder ob der Ausschluss durch ein Verdikt der Gemeinde herbeigeführt wurde.

3. Der „formale“ Aspekt: Wer hartnäckig an seiner Irrlehre festhielt, obwohl er von der Gemeinschaft (in Gestalt des Bischofs oder dessen Vertreters) zu Buße und Umkehr ermahnt und auf die Falschheit seines Glaubens hingewiesen wurde, war formal gesehen schon ein Häretiker. Eine inhaltliche Auseinandersetzung musste also nicht stattfinden.

4. Der im strikten Sinne kirchenrechtliche Aspekt: Hierbei war Häretiker, wer von der Kirche zum Häretiker erklärt wurde.

Die so genannten katholischen Normen - also Kanonbildung, Bekenntnisformulierung als regula fidei und die Autorität des kirchlichen Amtes- bildeten hierbei die zentralen Bezugspunkte.

Unterschwellig war allen vier Elementen die Überzeugung gemein, dass Häretiker Menschen waren, die sich in verwerflicher Selbstüberschätzung ihre eigene Variante des Christentums schufen, die, so gesehen, ihre eigene Beurteilung und ihren eigenen Glauben über den der Gemeinschaft, wie sie repräsentativ durch die Autorität der Bischöfe zum Ausdruck kam, stellten.

Ursprünglich waren ja die Bischöfe die legitimen Glaubenshüter, in deren Händen denn auch die Formen der frühen Ketzerbekämpfung gelegen hatten. Diese Funktion blieb ihnen auch immer erhalten, sie waren die iudicii ordinarii, die üblicherweise zuständigen Ketzerrichter, und blieben dies auch immer.

Die frühen Formen der Ketzeraufspürung und –verfolgung im 11. und 12. Jahrhundert hatten, unter dem Vorsitz der Bischöfe oder der weltlichen Fürsten, durchaus noch Ähnlichkeiten mit Glaubensdisputen, die allerdings nie unter dem Gesichtspunkt eines „offenen“ Endes geführt worden waren, sondern die von Beginn an immer den Hauptzweck der eigenen Selbstvergewisserung verfolgten. Ob die Christen mit Juden oder Häretikern disputierten, der gemeinsame christliche Konsens sollte damit gestärkt, aber nicht über exklusive Wahrheiten entschieden werden, da von Beginn an die Überlegenheit des eigenen Glaubens feststand und nun gerade durch das Gespräch mit Kontrahenten eindrucksvoll bestätigt werden sollte. Nur wurden im 13. Jahrhundert gerade in Südfrankreich diese von vornherein festgelegten Grenzen nicht immer beachtet, und die „Ketzer“, also hier die Katharer, erhielten ungebührlich viel Beifall. Selbst die lokalen Bischöfe erschienen Rom nicht mehr vertrauenswürdig genug, um mit der von Rom geforderten Härte einzuschreiten. Gerade die Bischöfe, die sich den Reformbestrebungen der römischen Kurie gegenüber nicht offen genug zeigten, gerieten nun schnell selbst in Verdacht, die Ketzer zu begünstigen. Daneben wurde die Unsicherheit, wie denn allgemein verbindlich mit Ketzern zu verfahren sei, immer größer je mehr „Ketzer“ entdeckt wurden. Den in den Chroniken für das 11. und 12. Jahrhundert erwähnten vereinzelten Lynchverfahren sollte ebenso ein Ende gesetzt werden wie weltlicher Strafwillkür.

So wurde den Bischöfen im 13. Jahrhundert eine Einrichtung zur Seite gesellt, deren Mitglieder als iudicii extraorinarii den Bischöfen zunächst nur komplementär beigegeben waren: Die vom Papst einzig zum Zweck der Ketzeraufspürung und –verurteilung eingesetzten Inquisitoren. Damit hatte sich der Begriff der inquisitio verselbständigt, vom rein technischen Begriff der Aufspürung wandelte er sich zu einem spezifischen Verfahrensbegriff und der ihn Ausführende war nun nicht mehr primär der Bischof oder ein päpstlicher Legat, sondern ein genau bezeichneter „Inquisitor“.

Gregor IX. hatte 1231 erstmals bestimmte Männer mit der Durchführung der inquisitio hereticorum beauftragt, die also gezielt „Ketzer“ aufspüren, die Verdächtigen einem Verhör unterziehen und gegen sie unter Maßgabe der päpstlichen Gesetze vorgehen sollten. Am 13. April 1233 vertraute der Papst diese Aufgabe für ganz Frankreich dem Orden der Dominikaner an, die dort schon seit einem Jahr in der Ketzeraufspürung tätig waren. Die beauftragten Inquisitoren waren jetzt allein den päpstlichen Weisungen unterworfen und ausschließlich für ein Delikt verantwortlich, die Ketzerei.

Zwar können wir aus diesem Vorgehen ein wichtiges Kennzeichen der mittelalterlichen Inquisition entnehmen, dass sie nämlich lokal beschränkt war, es also zu mehreren „Inquisitionen“ in den verschiedenen Ländern kam, aber wir können zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal von einem Amt des Inquisitors ausgehen. Allerdings zeichnet sich hier schon das Wesentliche im Begriff des Amtes ab, nämlich dass ein mit delegierter Gerichtsbarkeit ausgestatteter Ketzerverfolgungsspezialist mit dem Titel Inquisitor haereticae pravitatis von Beginn an und bis zum Ende selbständig ein entsprechendes Verfahren durchführte, wobei ihm für seine Nachforschungen und Ermittlungen ein Stab von Mitarbeitern zur Seite standen. Doch da diese frühen Ernennungen immer noch unter der zeitlichen Maßgabe eines bestimmten Zeitraumes stehen, werden wir wohl erst ab 1235 die entscheidenden Schritte zum Verständnis der Inquisition als Amt sehen können. Erst unter Innozenz IV. lässt sich das nun als officium inquisitionis bezeichnete Institut als Amt im Sinne einer Ketzerverfolgungsbehörde verstehen, wofür besonders die von ihm 1252 erlassene berüchtigte Bulle Ad extirpanda, in der gleichzeitig mit den Dominikanern den Franziskanern dieses „Amt“ übertragen wurde, als Beweis gelten kann. Mit der gleichen Bulle fasste Innozenz IV. alle vorigen päpstlichen Gesetze zusammen und legitimierte den Gebrauch der Folter.

4. Der Januskopf der Inquisition

Schon vom 13. Jahrhundert an zeigt der Ketzerinquisitionsprozess eine starke Ambivalenz: Einerseits wurde durch die Anwendung der summarischen Prozessform tatsächlich „kurzer“ Prozess gemacht, was vor allem die Verteidigungsmöglichkeiten der Verdächtigten beschränkte. Kennzeichen für diesen summarischen Prozess waren das Geheimhalten der Namen der Belastungszeugen und des genauen Inhalts der Protokolle und der Verhöre sowie das Verlangen, um jeden Preis zu einem Geständnis zu kommen. Ein genau differenziertes System von präzisen Nuancierungen der verschiedenen Verdachtsstufen – wobei man letztlich auch allein auf Grund von Verdacht verurteilt werden konnte – gehört wohl ebenso zur Schattenseite der Inquisition. Andererseits garantierten Rationalität und rationale Beweismethoden (Geständnis, Zeugenaussagen von Tatzeugen) einen Prozess, in dessen Verlauf man die Wahrheit über die tatsächliche individuelle Schuld herausfinden wollte. Diese Schuld konnte letztlich nur entweder durch zwei übereinstimmende Zeugenaussagen - vorgebracht durch untadelige, vertrauenswürdige Männer - oder durch eigenes Geständnis bewiesen werden. Dadurch wurde das Ende von nicht rationalen Prozessformen wie Gottesurteil oder Reinigungseid eingeläutet - auch wenn diese noch lange Zeit weiterhin existierten und in den Hexenprozessen gelegentlich eine Neuauflage erfuhren. Auch das Rechtsprinzip, dass die Obrigkeit bei schweren Delikten ohne private Anklage eingreifen und jemanden beschuldigen konnte, verdankte sich den Gegebenheiten der Inquisition. Ebenso modern mutet die Bemühung an, „Experten“, also Mitglieder theologischer oder juristischer Fakultäten, um Gutachten zu bitten. Doch da das Delikt, worüber die Inquisition zu verhandeln hatte, das Delikt der Ketzerei war, und es damit um ein „Gesinnungsdelikt“ ging, wofür nun einmal keine „harten“ Beweisen erbracht werden konnten, erscheinen diese „modernen“ Aspekte oft fragwürdig, vor allem da sie flankiert wurden von Methoden zur Geständniserzwingung wie Beugehaft, Bespitzelung, Täuschung und Folter.

Der Erfolg der Inquisition war ohne Zweifel nicht zuletzt in der Tatsache der Zusammenarbeit mit den weltlichen Mächten begründet. Diese waren ja verantwortlich für die Ergreifung, die Gefangennahme, die Bewachung und letztlich für die Durchführung der weltlichen Strafen, inklusive der Verbrennung.

 


Abb. 1: Prozessbeteiligte im Ketzerprozess

Gegen die sich immer mehr verfeinernden Verhörmethoden und das sich immer differenzierter entwickelnde Beweisrecht halfen letztlich weder List noch Gewalt. Selbst die Ermordung von Inquisitoren musste letztlich „uneffizient“ bleiben. Im Gegensatz zur Organisation der meisten Abweichler, etwa auch der Katharer, starb die Sache nicht mit den Personen. Das von einem Inquisitor angesammelte Wissen ging durch entsprechende Kopien auf seine Nachfolger und Kollegen über. Die Autorität und Legitimität der Ketzerverfolgung waren nicht an die Person, sondern an das Amt gebunden. Auch strafrechtlich wirkte sich somit die katholische Amtsauffassung als lebensfähiger und wirksamer als etwa die etwa katharische aus.

Nicht vergessen werden sollte allerdings, dass neben der päpstlichen Inquisition stets auch andere Tribunale mit der Ketzerverfolgung befasst waren. Zu erwähnen ist hier die bischöfliche Gerichtsbarkeit, deren bekanntester Vertreter spätestens seit dem internationalen Bestseller von Emmanuel Le Roy Ladurie Bischof Jacques Fournier war, der später als Papst Benedikt XII. in Avignon Karriere machte. Ebenso kam es immer wieder zu Verfahren vor den lokalen weltlichen Gerichtsbarkeiten, die von Beginn an ein lebhaftes Interesse an der Verfolgung und Unschädlichmachung der Ketzer und Ketzerinnen hatten, war doch die weltliche Macht in ihrer Ausübung durch das theologische Konzept legitimiert, das dem König/Kaiser eine von Gott geschenkte Machtausübung zuerkannte.


Abb. 2: Prozessformen

5. Fazit

„Ketzer“ waren keine Menschen „wie Du und ich“: Sie waren Männer und Frauen, die von tiefer Religiosität und dem Wunsch nach spiritueller Vervollkommnung getrieben waren und dabei die Verantwortung des Einzelnen vor Gott gegen die institutionelle Absicherung des Heils durch die Kirche betonten. Dabei spielten für sie weniger die Buchstaben des Glaubens als vielmehr die praktischen Konsequenzen daraus die übergeordnete Rolle. Lebenswege wollten sie finden, die sie zur Erlösung führten. Der durch Machtkämpfe und Ausschweifung korrumpierte Weg der hierarchischen Kirche erschien ihnen als zu lax. In ihrem Anliegen waren sie dabei nicht weniger radikal als ihre kirchlichen Gegner, ihre Kompromisslosigkeit macht oft betroffen. Sie wurden von der herrschenden Meinung, also der Meinung der Herrschenden, ins Abseits der Außenseiter gedrängt. Sie gingen den Streit um die Wahrheit an – und dieser Streit war oft tödlich.

Da für die katholische Kirche das Konzept der Einheit gerade im Mittelalter unter dem Begriff der christianitas soziale und politische Sprengkraft erfuhr, schienen Andersdenkende und Andersglaubende keinen Platz mehr in der christlichen Gesellschaft haben zu können. Mit allen Mitteln, von Propaganda in Wort und Bild, bis zu den organisierten Verfolgungen durch die Inquisition, kämpften Kaiser und Papst gegen die Vertreter eines alternativen Christentums, das auch die soziale Ordnung in Frage gestellt hätte. Doch mit der immer mächtiger werdenden Bildproduktion wurden auch immer mehr Ängste geschürt; der Teufel als der Vater der Ketzer, war nun überall anwesend. Das „Erbe“ der Ketzerverfolgung war denn auch ein gesteigerter Teufelsglaube und eine gesteigerte Angst vor der Allmacht des Bösen.

Der von der Ketzerverfolgungsbehörde angewandte Prozess ging mit der fortschreitenden Akzentuierung des Delikts Häresie als „Magie“ in die Hände der weltlichen Gerichtsbarkeit über, wo er in Gestalt des Hexenprozesses – teilweise unter weitergehender Einschränkung der Verteidigungsmöglichkeiten – eine neue, traurige Aktualität erfuhr.

Literatur

Günter Frank/Friedrich Niewöhner (Hg.), Reformer als Ketzer. (=Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten Bd. 8), Stuttgart 2004.

Adolf Holl (Hg.), Die Ketzer. Hamburg 1994.

Malcolm Lambert, Medieval Heresy. Popular Movements from the Gregorian Reform to the Reformation, Oxford 1992.

Daniela Müller, Frauen vor der Inquisition. Lebensform, Glaubenszeugnis und Aburteilung der deutschen und französischen Katharerinnen. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abt. Abendländische Religionsgeschichte, hrsg. Von G. May, Bd. 166), Mainz 1996.

Dies., Der Einfluss der Kirche, in: Klaus Lüderssen, Die Durchsetzung des öffentlichen Strafanspruchs (=Konflikt, Verbrechen und Sanktion in der Gesellschaft Alteuropas 6), Köln/Weimar/Wien 2002, S. 69-95.

Dies., Die erfundenen Katharer, in: Rita Voltmer (Hg.), Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis (Trierer Hexenprozesse Quellen und Darstellungen 7), 2006, 41-51.

 

Winfried Trusen, Rechtliche Grundlagen des Häresiebegriffs und des Ketzerverfahrens, in: Silvana Seidel Menchi/Hans Guggisberg/Bernd Moeller (Hg.), Ketzerverfolgung im 16. und frühen 17. Jahrhundert (=Wolfenbütteler Forschungen Bd. 5), Wiesbaden 1992, S. 1-20.

Peter Segl (Hg.), Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln/Weimar/Wien 1993.

Monique Zerner (ed.), Inventer l’Hérésie? Discours polémique et pouvoirs avant l’inquisition (=Collection Du Centre d’Etudes Médiévales de Nice, vol. 2), Nice 1998.


Abb. 2: Prozessformen


Abb. 1: Prozessbeteiligte im Ketzerprozess

Empfohlene Zitierweise

Müller, Daniela: Ketzer und Ketzerverfolgung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezrn/

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Erstellt: 20.09.2007

Zuletzt geändert: 23.10.2007


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