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Hexenverfolgungen Jülich-Kleve-Berg, Vereinigte Herzogtümer

Erika Münster-Schröer

15. Juli 2001

Politische, soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Die Territorien schlossen sich über verschiedene Zwischenstufen 1521 unter der Herrschaft Herzog Johanns III.von Jülich, Kleve, Berg, Graf von der Mark und Ravensberg zusammen. Nachdem 1609 der letzte Herrscher Herzog Johann Wilhem kinderlos gestorben war, kamen 1614 nach einem Erbfolgestreit Kleve, Mark und Ravensberg zu Brandenburg, Jülich und Berg zu Pfalz-Neuburg. Die Territorien waren in Amtsbezirke unterteilt. Die Verwaltung war durch eine Zweiteilung in adlige Oberbeamte (die Amtleute) und die bürgerlichen Unterbeamten (Vögte, Richter, Schultheißen, Kellner) gekennzeichnet. Der Adel hatte teilweise seinen Besitz der Ämteraufteilung entziehen können, so dass die Durchsetzung des Landeshoheit in diesen Unterherrschaften immer wieder auf Probleme stieß. Erst etwa ab 1500 bildete sich Düsseldorf, zu diesem Zeitpunkt eine Stadt mit etwa 2000 Einwohnern, als Residenz heraus, der Herzog praktizierte seine Herrschaft aber noch immer reisend. Weitere größere Städte waren Duisburg und Kleve mit jeweils etwa 2000 Einwohnern sowie Düren mit 3500 Einwohnern. Um 1550 dürfte die Bevölkerungszahl der Vereinigten Herzogtümer (einschließlich Mark und Ravensberg) bei ca. 350 000 Menschen gelegen haben. Nach einem vergeblichen Versuch, im Jahr 1568 in Duisburg eine Universität zu gründen, gelang dies erst 1655.

Die Stellung des Herzogs gegenüber der katholischen Kirche war in seinen Territorien stark.

Er war religiösen Neuerungen gegenüber offen und zeigte Sympathien für reformatorische Strömungen, so dass sie sich weitgehend ungehindert ausbreiten konnten. Erst die Auseinandersetzungen in Zusammenhang mit dem geldrischen Erbfolgestreit (1540-43) machten eine Neuorientierung der konfessionellen Politik des Herzogs erforderlich, der sich gegenüber Kaiser Karl V. verpflichten musste, den katholischen Glauben in seinen Ländern zu bewahren. Das Nebeneinander verschiedener Konfessionen wurde aber selbst nach 1614 sowohl durch die pfalz-neuburgischen wie die brandenburgischen Landesherren garantiert.

Die Wirtschaftsbeziehungen Jülich-Kleve-Bergs gingen weit über die Landesgrenzen hinaus. Jülich und Kleve verfügten über fruchtbare Böden und produzierten Getreide, so dass nicht selten große Mengen in das ärmere Territorium Berg verkauft wurden. Berg wiederum war mehr gewerblich ausgerichtet, vor allem das Metallgewerbe war nicht unbedeutend. Enge Handelsbeziehungen bestanden vor allem zu Köln, aber auch zu Antwerpen und Amsterdam. Der Rhein war die wichtigste Verkehrsstraße, der diesen Raum mit den damals führenden Handels- und Wirtschaftszentren verband.

Überblick über die Hexenverfolgungen und einzelne Phasen

Für Jülich-Kleve-Berg lassen sich zwei Phasen von Verfolgungen festmachen: eine erste in der Zeit zwischen 1490 und 1540 und eine zweite zwischen 1580 und 1650. Ein später Hexenprozess fand 1737/38 in Berg, und zwar in Gerresheim (heute Düsseldorf) statt. Die Überlieferung ist nicht sehr reichhaltig: Für das Herzogtum Jülich lassen sich hauptsächlich die Amtsrechnungen heranziehen, während sie für Berg und Kleve nur rudimentär vorhanden sind, weiterhin in einzelnen Fällen die Gerichtsüberlieferungen. Hinsichtlich der Unterherrschaften lässt sich auf die Adelsarchive zurückgreifen, wobei hier eine systematischen Untersuchung noch aussteht.

In der ersten Phase konnten mindestens 53 Personen, darunter zwei Männer, nachgewiesen werden, die im Herzogtum Jülich hingerichtet wurden. Die Zahl der in die Verfahren involvierten Personen war jedoch wesentlich höher. Die Zahl der Verfahren verteilte sich zeitlich und räumlich relativ gleichmässig auf die einzelnen Ämter, wobei einzelne durch eine besondere Häufigkeit auffallen (z. B. Bergheim und Düren). Für Berg sind bisher lediglich zwei Hinrichtungen bekannt (Ratingen-Angermund), für Kleve mindestens elf (Duisburg).

Die zweite Verfolgungsphase zwischen 1580 und 1650 spielte sich fast ausschliesslich in den Unterherrschaften ab, besonders dort, wo die Gerichtsbarkeit strittig war. So wurden in der Herrschaft Wildenburg im jülichschen Amt Münstereifel allein zwischen 1574 und 1621 75 Personen wegen Hexerei hingerichtet, 28 Männer und 47 Frauen. Auch das bergische Siegburg war ein Zentrum der Verfolgung. Hier wurden zwischen 1636 und 1638 19 Frauen und 2 Männer wegen Hexerei hingerichtet. Eine Gesamtzahl der Opfer kann aufgrund des derzeitigen Standes der Forschung nicht gegeben werden, doch geht sie in die Hunderte. Der Anteil der männlichen Opfer liegt hier bei schätzungsweise 20 %.

Rechtsgrundlagen und Verfahren

In der ersten Phase lautete der Vorwurf zumeist auf Schadenszauber, "toverij" (Milchzauber oder Vieherkrankung). Allerdings verbarg sich dahinter auch schon die Vorstellung von Hexerei als Kumulativdelikt (Hexensabbat und Teufelsbuhlschaft), wie aus einzelnen Quellen hervorgeht. Die Verfahren wurden vor den Schöffengerichten geführt, die über die Blutsgerichtsbarkeit verfügten. Kellner, Vogt oder Schultheiß führten als Vertreter des Amtsmanns und des Landesherrn den Vorsitz im Gericht. Die Rechtsgrundlage war das jülichsche Landrecht, das jedoch erst 1537 im Zuge einer geplanten Rechtsreform kodifiziert wurde. Zuvor hatte es zahlreiche schriftliche Erlasse gegeben, die bereits von einer Verwissenschaftlichung des Rechts zeugen. Zauberei oder Hexerei sind hier nicht eigens als Delikt benannt, sondern es wird von der "boesen mißdait" gesprochen. Wurde ein Todesurteil gefällt, musste der Landesherr dies bestätigen. Für die Folter und Urteilsvollstreckung war einer der Scharfrichter der Territorien zuständig. Der Landesherr war bemüht, die Verfahren auf der Grundlage des alten Rechts, also nach Landrecht und Schöffenurteil führen zu lassen. Dem gemeindlichen Kontext und der Rolle der Schöffen, die keine gelehrten Juristen waren, kommt eine wichtige Bedeutung zu. In dem Prozess im bergischen Ratingen-Angermund wurde von seiten des Gerichts sogar noch ein weißer Magier hinzugezogen, der den beschuldigten Frauen einen Wahrheitstrank verabreichte.

In der zweiten Phase gab es in den einzelnen Ämtern kaum noch Verfolgungen, hier war der Ausbau der Landeshoheit fortgeschritten und erfolgreich. Anders war es in den Unterherrschaften. Aufgrund der Forschungslage sind hier jedoch nur eingeschränkte Aussagen möglich. Da in Jülich-Kleve-Berg keine eigenen gesetzlichen Bestimmungen in bezug auf den Umgang mit Zauberei und Hexerei erlassen worden waren, konnte neben tradierten Rechten eine Gesetzesgrundlage hier wohl das Reichsrecht, die Constitutio Criminalis Carolina von 1532, sein. Auch muss die Gesetzgebung des kurkölnischen Territoriums berücksichtigt werden. Hier war im Jahr 1607 durch den Kurfürsten, den Kölner Erzbischof Ferdinand von Wittelbach, eine Hexenprozessordnung erlassen worden. Diese war beispielsweise Grundlage für die Prozesse in Siegburg, da die dortige Abtei, und dies war auch für die Stadt ausschlaggebend, unter kurkölnischem Recht stand. Eine weitgehende Einsatzmöglichkeit der Folter, die Betonung der Besagung, also der Denunziation sowie die große Bedeutung von Hexenmalen, waren hierin festgeschrieben. Zudem wurden gelehrte Juristen der kurfürstlichen Hofgerichte Köln und Bonn , sog. Kommissare, zur Beratung in Hexereiverfahren abgestellt. Dr. Kaspar Liblar und Dr. Franz Buirmann waren u.a. als Hexenkommissare in Siegburg aktiv. Sie waren berüchtigt, Freude an der Folter der Angeklagten gehabt zu haben und sich persönlich zu bereichern. In der Herrschaft Wildenburg waren die Herren die jülichschen Ritter von Palandt, die die Gerichtsgewalt mit den Grafen Salm-Reifferscheidt zu teilen hatten, die dem kurkölnischen Landstand zugehörten. Auch hier, wie andernorts, muss der kurkölnische Einfluss hinsichtlich der Hexenverfolgung angenommen werden. Dass die strittige Gerichtsbarkeit eine bedeutende Rolle bei den Verfolgungen spielte, ist daran ersichtlich, dass 1631 der jülich-bergische Landesherr, Herzog Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, ein Gutachten erabeiten ließ, inwieweit den Unterherren die Blutsgerichtsbarkeit noch zugestanden werden könne.

Hintergründe der Verfolgung und Bewertung

Insgesamt ist die Zahl der Verfahren für Jülich-Kleve-Berg niedrig, wenn auch detaillierte Angaben nur für die frühen Verfolgungen möglich sind. Für das Herzogtum Jülich geht die Anzahl der sehr frühen Prozesse zwischen 1500 und 1540 über Einzelfälle hinaus. Zwar erfährt man wenig über die Opfer, doch lassen die spärlichen Eintragungen in den Rechnungen den Schluss zu, dass sie aus der Unterschicht stammten. Es ist davon auszugehen, dass sich eine Umbewertung des Verständnisses von Schadenszauber zugunsten dämonologischer Vorstellungen, wie sie beispielsweise im "Hexenhammer" zusammengefasst wurden, durchsetzte. Die Kenntnisse verbreiteten sich möglicherweise auch von Flandern und Burgund her, wo es bereits seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zu Zaubereiverfolgungen gekommen war. Wenn es auch Hinweise darauf gibt, dass Denunziationen teilweise aus der Bevölkerung heraus erfolgten, so zeigen vor allem die kirchlichen Visitiationen sowohl in ihren Ausführungsbestimmungen als auch in den Ergebnissen, dass von Seiten des Landesherrn großes Interesse daran bestand, magische Praktiken zu berkämpfen. Nach 1533 stand die Verfolgung von Täufern in Jülich-Kleve-Berg im Mittelpunkt, die als eine große Gefahr für die "innere Sicherheit" angesehen wurden.

Die zweite Verfolgungsphase, 1580 in den Unterherrschaften einsetzend, verlief parallel zu den großen Verfolgungswellen beispielsweise in Kurtrier und Kurköln. Dass in Jülich-Kleve-Berg so gut wie keine Verfolgungen mehr stattfanden, kann verschiedene Ursachen haben. Ob in diesem Zusammenhang erasmianisch oder humanistisch ausgeprägte Ideen von Bedeutung gewesen sein können, für die der Landesherr, Herzog Wilhelm V., sehr empfänglich war, ist letztendlich noch nicht systematisch untersucht worden. Gerade die ältere Forschung hatte sich dieser These bedient. Inwieweit eine Verengung der Fragestellung auf das Thema "Hexenverfolgung und Humanismus" hin weiterführt, ist fraglich, aber letztendlich nicht beantwortet.

Verfolgungsgegner

Als herausragender Gegner der Hexenverfolgung in Jülich-Kleve-Berg ist Johann Weyer, Leibarzt Herzog Wilhelms V., mit seiner Schrift "De praestigiis daemonum" bekannt. Wirkungsgeschichtlich fällt - in Gegensatz zu Aussagen der älteren Forschung - vor allem auf, dass die Verfolgungen in den Vereinigten Herzogtümern schon deutlich vor Erscheinen seines Buches beendet waren. Die zweite Phase der Verfolgung findet wiederum deutlich nach dem Erscheinen seines Buches statt. Fragen der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte müssten systematischer als bisher erforscht werden, um zu fundierten Aussagen zu kommen.

Zu erwähnen wäre weiterhin Friedrich Spee, der im kurkölnischen Kaiserswerth, direkt vor den Toren Düsseldorfs, geboren worden war und somit in direkter räumlicher Nähe zu Berg. Sein Werk "Cautio Criminalis" war auch durch die unmittelbare Anschauung von Hexenprozessen in Kurköln in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestimmt worden.

Obwohl Jülich-Kleve-Berg zu den prozesssarmen Territorien zu zählen ist, lassen sich für einen Zeitraum von etwa 240 Jahren Hexenverfolgungen mit Todesurteilen nachweisen. Dies macht deutlich, dass zum einen sehr unterschiedliche Aspekte hinsichtlich der Deutung berücksichtigt werden müssen, andererseits eine generelle Frage nach den Gründen jedoch nicht ausser acht gelassen werden sollte.

Beilagen

Auszug aus der Kellnereirechung des Amtes Angermund (1500)

Schreiben des Amtmann von Rheinberg, Hans von Boemelsberg (1499, 21.10.)

Aus der Chronik des Johann Wassenberch (1513/14)

Literatur

Thomas P. Becker, Hexenverfolgung im Erzstift Köln, in: Thomas-Morus-Akademie Bensberg (Hg.), Hexenverfolgung im Rheinland. Ergebnisse neuerer Lokal- und Regionalstudien, Bensberg 1996, S. 89-136.

Willem de Blécourt / Hans de Waardt, Das Vordringen der Zaubereiverfolgungen in die Niederlande, Rhein, Maas und Schelde entlang, in: Andreas Blauert (Hg.), Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen, Frankfurt a. Main 1990, S. 182-216.

Gudrun Gersmann, Der Hexenprozeß als Thema der Heimatgeschichte, in: Marielies Saatkamp u. a. (Hg.), Van Hexen un Düvelslüden. Über Hexen, Zauberei und Aberglauben im niederländisch-deutschen Grenzraum, Vreden 1995, S. 129-145.

Erika Münster, Zaubereiverfolgungen in Ratingen und Angermund 1499/1500, in: Ratinger Forum. Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 2, 1991, S. 10-31.

Erika Münster-Schröer, Zauberei- und Hexenprozesse in den Herzogtümern Jülich und Berg, in: Van Hexen un Düvelslüden, a. a. O., S. 49-62.

Erika Münster-Schröer,Hexenverfolgungen in Jülich-Berg und der Einfluß Johann Weyers, in: Spee-Jahrbuch 7. Jg. (2000), S. 59-102.

Erika Münster-Schröer, "Grave gegen Düren". Zaubereianklage und Schöffenurteil, Feme und Reichskammergericht im frühen 16. Jahrhundert, in: Andreas Blauert / Gerd Schwerhoff (Hg.), Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne, Konstanz 2000, S. 405-422.

Emil Pauls, Zauberwesen und Hexenwahn am Niederrhein in: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins 13, 1898, S. 134-242.

Gerhard Schormann, Ein Abwehrversuch gegen Hexenprozesse in Jülich-Berg, in: Hexenverfolgung im Rheinland, a. a. O., S. 137-148.

 

Empfohlene Zitierweise

Münster-Schröer, Erika: Jülich-Kleve-Berg - Hexenverfolgungen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezqx/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 27.01.2009


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