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Hölle

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

05. Januar 2011

Hauptlinien der christlichen Lehre

Im Gegensatz zum temporären Fegefeuer ist die Hölle der immerwährende Aufenthaltsort der ewig verdammten Seelen. Da ihre Existenz in vielen Stellen der Bibel bestätigt wird, steht die Hölle als eine dogmatische Wahrheit in den Lehren aller christlichen Konfessionen. Ursprünglich wurde sie von Gott als ein unvergängliches Gefängnis für die rebellischen Engel geschaffen, die Luzifer folgten. Kaum jemand zweifelte am Mittelpunkt der Erde als Ort dieser Stätte. Vulkane wurden daher als Wege in die Hölle interpretiert. Die Apokryphen, Visionen der anderen Welt, Predigten, Lehrwerke etc. versuchten, sich bei der Erfindung der sadistischsten Strafen für jede Kategorie von Sündern zu übertreffen. Als Teil des Jüngsten Gerichts waren Bilder der Hölle in allen Kirchen vom 12. bis 18. Jahrhundert gegenwärtig und konkrete Darstellungen des unterirdischen Kerkers konnten in vielen Schauspielen gesehen werden. Obwohl Feuer die Hauptfolter der Hölle darstellte, glaubte man, dass viele weitere Qualen von den Teufeln verabreicht wurden, die als Wächter in diesen Konzentrationslagern kirchlicher Einbildung fungierten. Das Leiden, das die Theologen als das schwerste ansahen, nämlich der komplette Gottesverlust, spielte in den Volksmentalitäten keine wichtige Rolle. Die lückenlosesten Beschreibungen der Hölle sind das Inferno in Dantes Göttlicher Komödie und Regnaud le Queuxs Baratre infernal (1480), die beide Elemente aus der klassischen Mythologie in die katholische Tradition integrieren. Die detailliertesten bildlichen Darstellungen dieses Ortes wurden von Taddeo die Bartolo (Kathedrale von San Gimignano, 1393) und Hieronymus Bosch (mehrere Retabel, spätes 15., frühes 16. Jahrhundert) gezeichnet.

Von einigen individuellen oder sektiererischen Abweichungen abgesehen verringerte erst der Empfang der Aufklärung die Intensität, mit der die Kirche dieses Bedrohungsinstrument benutzte, um moralische und praktische Disziplin unter den Gläubigen herzustellen. Während die katechetischen Schriften des 19. Jahrhunderts noch sehr wollüstige Bilder der höllischen Qualen zeichneten, fielen Theologen und Prediger des 20. Jahrhunderts bezüglich der Realität der eschatologischen Bestrafungen auf die Position eines kompletten Agnostizismus zurück.

Das Mittelalter und die Frühneuzeit waren überzeugt, dass Gott den bei weitem meisten Menschen die Hölle vorherbestimmt hatte, eine Doktrin, die von Augustinus von Hippo ausgearbeitet und noch von Gottfried Leibniz vertreten wurde (Theodicee). Es war irrelevant, ob ein sterbender Mann vieler persönlicher Todsünden schuldig war oder lediglich mit Adam und Evas Ursünde, ohne jede persönliche Schuld: Beide mussten in der Hölle enden, wenn auch durch verschiedene Bestrafungen gequält. Auch Kinder christlicher Eltern blieb die Verdammung in die ewige Hölle nicht erspart, wenn sie ohne Taufe verstarben, obschon für sie in der Unterwelt eine besondere Abteilung, genannt „limbus puerorum“, reserviert war. Eine weitere Sonderabteilung, das „limbus patrum“, fungierte als Folterort für die Vorfahren, d.h. alle Patriarchen und andere Menschen des Alten Testaments. Diese wurden jedoch von der Unterwelt erlöst als Jesus zwischen seinem Tod und der Wiederauferstehung die Hölle „eroberte“.

Hölle und Hexenwesen

Es gab selbstverständlich keinen Zweifel daran, dass Hexen in der Hölle enden würden, da Zauberei als eine besonders gefährliche Form der Häresie eingestuft wurde. Dennoch sind sie nur selten in den mittelalterlichen Visionen der anderen Welt aufgezeichnet. Der englische Benediktiner Edmund von Eynsham hatte 1189 eine Vision der höllischen Unterwelt, in der er die Bestrafungen der Gefangen sah, besonders die einer Frau, die durch „maleficiis“ Abtreibungen verursacht hat: Sie mussten kochende, geschmolzene Metalle trinken und wurden von schneckenartigen Dämonen gequält. Dieser Abschnitt ist offensichtlich eine Nachbearbeitung des frühchristlichen Apokryphons Visio Sancti Pauli, das ebenfalls die „typisch weiblichen“ Sünden des Kindsmordes und der Wahrsagerei vereint hatte. Gemäß der Heiligen Hildegard von Bingen (†1179) werden Hexer in einem stinkenden und brennenden Sumpf voller Giftschlangen gequält (Liber vitae meritorum 5, 64). Die Heilige Franziska von Rom (†1440) insistierte auf dem allgemeinen Leid derer, die Zauberei praktizieren und deren Klienten. Die aus dem spätmittelalterlichen Norwegen stammende fantastische Volksballade Draumkvaede erzählt von der „trollkjeringan“ (Hexe), deren Hölle in anstrengendem Buttern bestand, wobei sie in Blut stehen musste. In Norddeutschland und Skandinavien zeigen verschiedene spätmittelalterliche Wandgemälde des Jüngsten Gerichts unter den Verdammten eine Hexe mit einem Butterfass. Der berühmteste Zauberer, der die Hölle betrat – lebendig – war Dr. Faust, dessen Eindrücke dieses Ortes in der Historia von D. Johann Fausten von 1587 und späteren Werken über ihn wiedergegeben werden. Goethe tauschte den Abstieg in die Hölle mit Fausts Teilnahme an der Walpurgisnacht aus, einer Art Hexensabbat auf dem Brocken im Harz.

Besonders in nachmittelalterlichen Zauberformeln wird die Hölle gelegentlich erwähnt, spielt aber keine wichtige Rolle, da es nicht der Ort, sondern dessen Bewohner sind, mit denen der Zauberer in Kontakt treten will. In deutschsprachigen Landen des 17. und 18. Jahrhunderts gab es eine gewisse Zirkulation von Zaubersprüchen und „Höllenzwang“ genannten Nekromantenbüchern. Die meisten davon standen angeblich in Verbindung mit dem legendären Dr. Faust oder den Jesuiten. Ihr Ziel war es, die Dämonen aus der Hölle zu zwingen, oft, um sie Schatzsuchern helfen zu lassen.

In der Volkstradition verliert die Hölle oft ihre entsetzlichsten Aspekte und wird verwechselt mit einer unterirdischen Schatzhöhle, die von seltsamen anthropischen und theriomorphen Wesen, aber nicht wirklich schrecklichen Dämonen bevölkert ist. Hexen, aber auch normalen Menschen, besonders Kindern, gelingt es, diesen Ort für gewöhnlich ohne Schaden zu besuchen und Schätze zurückzubringen, die sie für ihre dort geleistete Arbeit erhalten.

Literatur

Jerôme Baschet, Les justices de l'au-delà, Les représentations de l'enfer en France et en Italie (XIIe-Xve s.), Rome 1993.

Jospeh Bautz, Die Hölle, Mainz 1905.

Alan E. Bernstein, The Formation of Hell, Death and Retribution in the Ancient and Early Christian Worlds, Ithaca 1993.

Piero Camporesi, The fear of hell, University Park 1991.

Peter Dinzelbacher, Die letzten Dinge. Himmel, Hölle, Fegefeuer im Mittelalter, Freiburg 1999.

Peter Dinzelbacher, Himmel, Hölle, Heilige, Visionen und Kunst im Mittelalter, Darmstadt 2002.

Friedrich Heer, Abschied von Höllen und Himmeln, Esslingen 1971.

James Mew, Traditional Aspects of Hell, London 1903.

George Minois, Histoire des enfers, Paris 1991.

Herbert Vorgrimler, Geschichte der Hölle, München 1993.

Daniel. P. Walker, The Decline of Hell, Seventeenth-Century Discussions of Eternal Torment, London 1964.

Winkler, Hölle, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 4, 1932, S.184-257.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Hölle. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezq4/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011


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