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Hexenbürgermeisterhaus Lippe, Grafschaft (Lemgo)

Jürgen Scheffler

13.12.99

"Hexenbürgermeisterhaus" lautet der Beiname des Bürgerhauses Breite Str. 19 in Lemgo (-> Lemgo, Stadt), in dem das Städtische Museum untergebracht ist. Das Haus mit seiner aufwendig gestalteten Fassade aus dem Jahre 1571 ist eines der bedeutendsten Baudenkmäler städtischer Architektur im Stil der Weserrenaissance. Zugleich gehört es zu den bekanntesten Gebäuden, die an die Zeit der Hexenverfolgung erinnern.

Das Haus wurde in den Jahren 1568 bis 1571 von dem Kaufmann und Bürgermeister Hermann Krüwell und seiner Ehefrau Lisbeth Fürstenau erbaut. Die Renaissancefassade mit reicher Bauplastik (Utlucht, Erker, Darstellungen der Tugenden, des Sündenfalls sowie der Erlösung mit der Christusfigur als Salvator mundi) stammt von Hermann Wulff, einem der bedeutendsten Baumeister der Weserrenaissance. Die Größe des Hauses und die künstlerische Gestaltung der Fassade zeugen von dem Repräsentationsanspruch, der dem Bauvorhaben zugrundelag.

In der mehr als 400jährigen Geschichte des Hauses wechselten die Besitzerfamilien mehrfach. Christian Krüwell, Sohn des Erbauerpaares, hatte im Jahre 1595 Konkurs anmelden müssen. Im Jahre 1625 erwarb der Kaufmann Dietrich Cothmann das Haus. Sein Sohn, der Jurist und Bürgermeister Hermann Cothmann (1629-1683), wurde im elterlichen Haus geboren und lebte dort von 1661 bis zu seinem Tode 1683. Nach dem Tod von Hermann Cothmann kam es zu einer Reihe von Prozessen gegen die Familie. Seine Frau bewohnte das Haus noch einige Jahre und zog dann zu ihrer Tochter in die Nähe von Minden. Im Jahre 1699 wurde ein Inventarverzeichnis angelegt, das den Hausrat der Familie aufführt. Darunter befindet sich auch ein Verzeichnis der Bücher aus der Bibliothek des verstorbenen Bürgermeisters.

Den Nachfahren der Familie Cothmann gehörte das Haus bis ins 18. Jahrhundert hinein, bevor es im 19. Jahrhundert in den Besitz verschiedener Handwerkerfamilien überging und durch Umbauten den veränderten Wohnbedürfnissen angepaßt wurde. Der letzte Besitzer, der Malermeister August Maranca, wollte das Haus nach der Jahrhundertwende zu einem modernen Wohn- und Geschäftshaus umbauen lassen. Zur Verwirklichung seiner Pläne wollte er u.a. die Renaissancefassade abtragen und im Antiquitätenhandel verkaufen lassen. Die Fassade sollte durch eine neue ersetzt werden, für die bereits ein Entwurf im Stil des Historismus vorlag.

Als die Umbau- und Verkaufspläne bekannt wurden, kam es zu einer intensiven Debatte über die Möglichkeiten, das Baudenkmal zu erhalten. Als Reaktion auf diese Diskussion hat die Stadt Lemgo das Haus 1911 angekauft, ein Präzedenzfall für die Denkmalpflege im damaligen Fürstentum Lippe. Im Jahre 1913 wurde die städtische Altertümersammlung, die ihren Ursprung in den 1880er Jahren hatte, in das Haus verlagert. 1926 wurde das Heimatmuseum im Hexenbürgermeisterhaus eröffnet, zunächst im ehemaligen Saal des Gebäudes. Zum Bestand des Museums gehörten u.a. die Folterinstrumente aus dem Besitz der Lemgoer Scharfrichterfamilie Clauß/Clausen (-> David Clauss).

Im Jahre 1937 wurde das Museum im Rahmen der sog. Engelbert-Kämpfer-Ehrung, einem Beispiel regionaler NS-Kulturpolitik, umgestaltet, erweitert und anschließend neueröffnet. Die Neueinrichtung war u.a. mit der Wiederherstellung der Raumstruktur in der Diele verbunden. Die Präsentation folgte dem zeitgenössischen Trend der räumlichen Inszenierung. Im vorderen Bereich der Diele wurde ein Gedenkraum für den Forschungsreisenden Engelbert Kämpfer (1651-1716) geschaffen, der die Atmosphäre eines Wohn- und Studierzimmers vermitteln sollte. Im ehemaligen Vorratskeller wurden die Folterinstrumente in einer dichten Anordnung so präsentiert, daß der Eindruck eines Folterkellers entstand. Diese Präsentation fand Eingang in zahlreiche Reiseführer und -feuilletons. Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, der Stadt mit dem Beinamen des "Hexennestes", avancierte im populären Geschichtsbewußtsein zu einem zentralen Ort der Hexenverfolgung in Deutschland. Im Laufe der Jahre entstand ein Lokalmythos, der sich gut zur Tourismuswerbung eignete.

Der Beiname "Hexenbürgermeisterhaus" erinnert an Hermann Cothmann, den berüchtigten Hexenjäger. Der Begriff ist in der mündlichen Überlieferung entstanden. Anhand von schriftlichen Quellen läßt er sich erstmals im 19. Jahrhundert fassen. Im Jahre 1869 erschien in der Lemgoer Zeitung "Die Sonntagspost" eine "Ballade" über den "Hexenburgemeister". Verfasser war der lippische Pfarrer August Knoll (1803-1882), der in Lemgo geboren war und die "Ballade", wie er sie nannte, im Jahre 1837 verfaßt hatte. In seinem Buch über die "baulichen Altertümer des Lippischen Landes" (1873) hatte der Detmolder Justizrat Otto Preuß das Haus Breite Str. 19 aufgeführt und als Erläuterung hinzugefügt: "das (...) früher Kottmann'sche Haus, im Munde des Volkes das Hexenburgemeisterhaus genannt". Dies ist der früheste Hinweis auf den Beinamen. Der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke hatte in seinen Büchern über die "mittelalterliche Kunst in Westfalen" (1853) und die "Geschichte der Deutschen Renaissance" (1873) zwar auf die architekturhistorische Bedeutung des Hauses hingewiesen und 1873 sogar eine Zeichnung der Fassade abgedruckt, aber den Beinamen hatte er nicht erwähnt. In der zweiten Auflage seines Buches (1881) hatte Otto Preuß in einer Anmerkung den Beinamen "Hexenburgemeisterhaus" ausführlicher erläutert, unter Hinweis auf Hermann Cothmann und seine Rolle in den Hexenprozessen. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Beiname dann Eingang in die touristische Literatur gefunden. Er findet sich in Handbüchern, in Stadtführern (Steinbicker, 1902) und in Reiseführern (Baedeker, 1921), z. T. allerdings, wie bei Joseph Kürschner (1896), in verballhornter Form: Dort ist die Rede vom "Bürgermeister-Hexenhaus". Bis in die Gegenwart hinein sind Reiseführer immer noch ein Medium, in dem sich der Lokalmythos über das Haus und die Stadt als "Hexennest" hartnäckig hält.

In den 1980er Jahren wurde die überkommene Form der Geschichtsdarstellung zum Thema "Hexenverfolgung in Lemgo" vehement in Frage gestellt. Aus der Kritik an der Folklorisierung und Trivialisierung des Hexenthemas entstand die Idee einer Museums-, Stadt- und Archivführung (-> Stadtarchiv Lemgo) zur Geschichte der Hexenverfolgung in der Stadt. Im Mittelpunkt stehen die Biografien von Frauen, die Opfer der Verfolgung wurden. Mit dieser Führung ist ein neuer Weg in der kommunalen Museumsarbeit beschritten worden. Es geht weder um folkloristische Geschichten noch um bloße Objektpräsentation, sondern mit dem Blick auf die Opfer sind die Menschen des 17. Jahrhunderts und ihre Biografien ins Zentrum der Präsentation gerückt.

Nach mehrjähriger Diskussion über Sanierung und Neueinrichtung ist im Jahre 1998 mit der Instandsetzung des Museums begonnen worden. Die Idee eines "Museums für Stadt- und Rechtsgeschichte", über das in den 1980er Jahren diskutiert wurde, ist mittlerweile aufgegeben worden, nicht zuletzt auf Grund des unzureichenden Objektbestandes für ein solches Projekt. Die Schwerpunkte des Museums sind vielmehr die Stadt- und die regionale Kulturgeschichte. Der Sanierung wird die Neueinrichtung der Dauerausstellung folgen. In diesem Rahmen wird die Ausstellung zur Geschichte der Hexenverfolgung grundlegend umgestaltet.

Städtisches Museum Hexenbürgermeisterhaus, Breite Str. 19, 32657 Lemgo, Tel.: 05261-213276; Fax 05261-213346

Quellen

StadtA Le, A 5828

Sonntagspost Nr. 10 vom 7. März 1869

Primärliteratur

Karl Baedeker, Westfalen. Bremen, Hannover, der Rhein von Koblenz bis Wesel, Kassel. Handbuch für Reisende, Leipzig 1921

Joseph Kürschner (Hg.), Das ist des Deutschen Vaterland! Eine Wanderung durch deutsche Gaue, Berlin/Eisenach/Leipzig 1896

Wilhelm Lübke, Die mittelalterliche Kunst in Westfalen, Leipzig 1853

Ders., Geschichte der deutschen Renaissance, Zweite Hälfte, Stuttgart 1873

Otto Preuß, Die baulichen Altertümer des Lippischen Landes, Detmold 1873; 1881 (2. Auflage)

Ernst Steinbicker, Lemgo. Ein Führer in Wort und Bild, Lemgo 1902

Sekundärliteratur

Ingrid Ahrendt-Schulte, Die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit, in: Regina Pramann (Hg.), Frauengeschichte(n) aus Ostwestfalen-Lippe. Ein Handbuch zur Geschlechtergeschichte in der Region, Bielefeld 1998, S. 77-86

Fred Kaspar, Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo als Beispiel bürgerlichen Bauens und Wohnens zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert, Bielefeld 1984

Jeanette Kohl, Bilderlust am Bürgerhaus - Selbstverständnis und Selbstdarstellung des Stadtbürgertums im Wesergebiet zur Zeit der Renaissance, in. AKK. Architektur, Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland, Bd. 8, 1998, S. 12-56

Jürgen Scheffler, Das Städtische Museum "Hexenbürgermeisterhaus" und die Hexenverfolgung in Lemgo, in: Praxis Geschichte, Jg. 1991, H.4, S. 52-54

Ders., Hexenverfolgung als Ausstellungsgegenstand: Das Beispiel "Hexenbürgermeisterhaus", in: Regina Pramann (Hg.), Hexenverfolgung und Frauengeschichte. Beiträge aus der kommunalen Kulturarbeit, Bielefeld 1993, S. 67-82

Ders., Das Städtische Museum "Hexenbürgermeisterhaus" in Lemgo. Kommunale Museumsarbeit in einer "historischen Stadt", in: Joachim Meynert/Volker Rodekamp (Hg.), Heimatmuseum 2000. Ausgangspunkte und Perspektiven, Bielefeld 1993 (= Texte und Materialien aus dem Mindener Museum, H. 16), S. 57-69

Ders., "Die alten Bauten von Lemgo" - Urbanisierung, Heimatschutz und Denkmalpflege in der Kleinstadt: Lemgo 1870 bis 1930, in: Westfalen, Bd. 72, 1994, S. 379-405

Ders., Das Städtische Museum Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, in: Heimatland Lippe, 92. Jg., 1999, Nr. 5, S. 153-156

 

Siehe auch folgende Artikel:

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Scheffler, Jürgen: Hexenbürgermeisterhaus (Lippe). Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezqb/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006


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